Der Erbe: Roman. Zweiter Band.

Part 10

Chapter 103,831 wordsPublic domain

Er haßte den alten Baron von Wendelsheim -- der ihm vielleicht nie etwas Anderes zu Leid gethan, als daß er einen Erben bekommen -- von Grund seiner Seele, und immer in dem Wahn, daß er die Hand bei einem Betrug im Spiel gehabt, hielt er sich natürlich nur für schlecht und nichtswürdig behandelt. Daß er dabei kein Mittel unversucht ließ und scheute, um sein vorgestecktes Ziel zu erreichen, hatte er schon wieder in diesem Fall gründlich bewiesen, und es wurde deshalb wirklich Zeit, ihm seinen Standpunkt einmal klar zu machen. Konnte er doch auf solche Weise für sich gar nichts erreichen, wohl aber die Familie Wendelsheim dermaßen in das Gerede der Leute bringen, daß lange Jahre dazu gehört hätten, um den Eindruck zu verwischen oder nur abzuschwächen, und das war dem Staatsanwalt natürlich, wenn er sich die Möglichkeit einer näheren Verbindung mit der Familie dachte, schon persönlich nicht angenehm.

Besonders ärgerte sich Witte aber darüber, daß der Major auch den Rath Frühbach in die Angelegenheit gezogen hatte; denn dessen Rednertalent kannte er aus dem Grunde und zweifelte keinen Augenblick daran, daß der Rath schon in der ganzen verflossenen Woche von Haus zu Haus gegangen sei, um das merkwürdige Erlebniß zu erzählen. Darin aber that er dem Rath unrecht, denn Frühbach dachte gar nicht daran, mit den Erlebnissen jenes Morgens Staat zu machen. Er hatte mit keiner menschlichen Seele darüber gesprochen, und selbst als er den Major einmal wieder in der Zwischenzeit aufsuchte, kein Wort von der fatalen Angelegenheit erwähnt. Die Rolle, welche er selber dabei gespielt, gefiel ihm erstens nicht, und dann eignete sich der Gegenstand auch nicht zu seiner gewöhnlichen Unterhaltung, indem dort in Vollmers wirklich etwas geschehen war, er aber nur solche Scenen schilderte, in denen gar nichts passirte.

Der Staatsanwalt ärgerte sich aber trotzdem darüber und betrat diesesmal die Wohnung des Majors eben nicht in der besten Laune. Er hätte aber trotzdem beinahe gelacht, als er das Zimmer öffnete und das Bild des Jammers sah, das sich hier entwickelte.

Der Major saß in seinem Lehnstuhl, den Kopf verbunden und an dem einen Bein das Beinkleid aufgestreift, und vor ihm auf der Erde saß der Christian, ebenfalls eingewickelt und mit dem kläglichsten Gesicht von der Welt, und rieb ihm Knie und Wade mit Kampherspiritus ein, der einen penetranten Geruch im Zimmer verbreitete. Auf dem Sopha aber lag ausgestreckt, mit Kopfkissen und Decke, Frau von Bleßheim, und die alte Liese, einen riesigen warmen Umschlag auf der linken, fest eingebundenen Backe, brachte ihr eben eine Tasse des unvermeidlichen Camillenthees.

Zwischen den Allen aber saß Rath Frühbach auf einem Stuhl mitten in der Stube, einen dicken grauen Rock an und die Brille auf, die Schnupftabaksdose in der linken Hand und in Gedanken eine Prise nach der andern nehmend, so daß er schon auf dem, vorher mit weißem Sand bestreuten Fußboden der Stube -- der alten Liese ewiger Aerger -- einen braunen Fleck niedergefallenen Tabaks gebildet hatte.

»Alle Wetter,« rief der Staatsanwalt, als er in der Thür stehen blieb und sich die Gruppe betrachtete, »das sieht ja hier recht heiter und vergnügt aus, und der Jammer ist wieder in allen Ecken los! Nun, Major, ich dächte, vor einigen Tagen wären Sie gut genug auf den Beinen gewesen! Wo fehlt's jetzt wieder?«

»Machen Sie um Gottes willen die Thür zu, Staatsanwalt,« rief der Major, ohne die Frage gleich zu beantworten, denn bei dem Capitel nahm eine Erwiederung zu lange Zeit in Anspruch; »es zieht hier herein, und ich kann den Tod davon haben!«

»Zieht? Wir haben sechzehn Grad Wärme draußen,« sagte Witte, indem er gleichwohl dem Wunsch Folge leistete; »außerdem sind alle Fenster dicht geschlossen, und das ganze Zimmer riecht wie ein Schmetterlingskasten. Es scheinen mir aber freilich lauter »Trauerfalter« darin zu stecken -- complicirte Sammlung, das muß wahr sein! Herr Gott, da liegt ja auch die gnädige Frau, und die Liese hat wieder Zahnschmerzen! Der Christian scheint heute der einzige Gesunde.«

»Ich? Ach, das Gott erbarm'!« stöhnte der Mann. »Hingesetzt hab' ich mich hier, um dem Herrn Major das Bein einzureiben; aber wie ich wieder in die Höhe kommen will, weiß der Himmel! Ich muß mir das Kreuz verrenkt haben, denn das wird mit jedem Tag ärger.«

»Und was fehlt Ihnen, Herr Rath?« fragte der Staatsanwalt, »denn ganz gesund können Sie doch unmöglich in diesem Lazareth sein.«

»Geistige Ruhe, verehrter Freund,« erwiederte Frühbach; »sonst, Dank dem Aepfelwein, den ich täglich trinke, und meiner steten Transspiration, nichts. Aber Sie sehen, ich habe mich pünktlich eingefunden.«

»Sehr wacker von Ihnen. Und Sie, Major, liegen wieder auf der Kante?«

Er hatte eigentlich recht. In der neulichen Aufregung schien der alte Herr, dessen Leiden überhaupt zum großen Theil nur eingebildet waren, seine ganze Krankheit vergessen oder wenigstens für den Augenblick beurlaubt zu haben. Jetzt aber, nach dem letzten verzweifelten Versuch, den er auch in der That als den letzten betrachten mußte, hatte er es aufgegeben, sein Ziel weiter zu verfolgen. Seine letzte Hoffnung war verschwunden, und mit dem Aufhören der Erregung trat, wie nach allen solchen Fällen, die gewöhnliche Abmattung ein, so daß er sich jetzt auf einmal kränker als je zu fühlen glaubte.

»Ja,« stöhnte er, »und das wird auch wohl der letzte Ruck sein, den die Krankheit thut; ich fühl's schon in den alten Knochen, lange kann das Elend nicht mehr dauern -- o Gott! Christian, Esel -- Er drückt mir ja den ganzen Knochen ein! Der Mensch arbeitet gerade so auf meinem Fleisch herum, als ob er ein Pferd striegelte. Setzen Sie sich, Staatsanwalt -- wenn ich Jemanden lange stehen sehe, werde ich ganz nervös, denn ich fühle das Ziehen und Ausdehnen in meinen eigenen Gliedern.«

»Und Sie wissen, weshalb ich komme?« sagte der Staatsanwalt, indem er seinen Hut auf den Tisch stellte und der Einladung Folge leistete.

»Ja,« knurrte der Major, »der Rath da hat mir die ganze Geschichte erzählt, und ich wollte, daß der Teufel die Madame Müller und den -- hm, verdammt, wenn ich so einen Brief unterschreibe!«

»Na, dann lassen Sie's bleiben,« sagte der Staatsanwalt, wieder von seinem Stuhl emporfahrend; »mir kann's recht sein, und nur Ihretwegen bin ich herausgekommen. Also Gott befohlen, Major, möchte hier nicht länger stören!«

»So bleiben Sie nur in's drei Teufels Namen sitzen!« schrie der Major. »Herr Gott, ärgern Sie mir nicht auch noch die Galle an den Hals -- man muß doch erst über die Sache reden! Da, Christian, das ist genug, die Haut muß ja schon herunter sein, und das brennt wie Gift -- macht, daß Ihr hinaus kommt, wir haben mit einander zu reden!«

»Ja, macht, daß Ihr 'naus kommt,« stöhnte der alte Gärtner, indem er sich mit beiden Armen auf den Boden stützte; »mich reibt Niemand ein, ich bin immer eingerieben, und jetzt soll man sich noch allein aufrichten, wo Einem das ganze Kreuz aus dem Geschick ist. Uff!« stöhnte er dabei und machte einen Versuch, aufzustehen, der aber mißglückte.

»Gott soll Einen bewahren!« sagte Witte, indem er auf den Mann zutrat und ihm unter den rechten Arm griff. »So, Freund, nun hebt Euch einmal -- ohoi! Geht's?«

»Danke schönstens, Herr Staatsanwalt,« keuchte der Gärtner, der sich jetzt mit Mühe auf die Füße brachte, »der Herr vergelt's Ihnen! Wenn ich erst einmal in die Höhe bin und wieder in Gang komme, bring' ich mich wenigstens von der Stelle -- wenn's nur nicht da hinten so stäche!«

Damit hinkte er, das linke Bein hinter sich drein schleppend, aus dem Zimmer, und Witte sah ihm nach, so lange er ihm mit den Augen folgen konnte. Nur erst, als er die Thür wieder hinter sich zugedrückt, sagte er:

»Aber um des Himmels willen, Major, weshalb schicken Sie den Mann nicht in ein wirkliches Lazareth und nehmen sich einen gesunden, kräftigen Menschen, der Ihre Haus- und Gartenarbeit auch verrichten kann?«

»Geht nicht,« knurrte der Major und schüttelte dabei mit dem Kopf; »halt ich nicht aus -- kann keinen gesunden Menschen um mich herum haben -- geht mir wider die Natur. Ja, wenn ich nicht selbst so elend wäre!«

Der Staatsanwalt, der kein weiteres Interesse bei der Sache hatte, sah sich im Zimmer um. Die Liese war auch mit ihrer Theekanne hinausgegangen, die Frau von Bleßheim lag nur noch auf dem Sopha und war krank, und es deshalb das Beste, zur Sache zu kommen.

»Eigentlich,« begann er, »haben wir gar nichts mehr mit einander zu reden, denn wenn Sie mir gleich von vornherein sagen, daß Sie den Brief nicht unterschreiben wollen, so läßt sich vor der Hand nichts in der Sache thun, bis die Klage erst einmal anhängig gemacht ist.«

»Aber auf was, zum Teufel, will denn die alte Hexe klagen?« rief der Major ärgerlich; »wir haben ihr ja nichts zu Leide gethan.«

»Sie haben ihr weiter nichts gethan, als sie beschuldigt, ein Verbrechen begangen zu haben,« sagte der Staatsanwalt trocken, »und da sie eine solche Verdächtigung nicht auf sich sitzen lassen will, so werden Sie einfach aufgefordert werden, Ihre Beweise zu bringen.«

»Aber wir haben keine,« rief der Major, »als die moralische Ueberzeugung, daß ich im Recht bin und ihre ganze Geschichte faul ist.«

»Eine moralische Ueberzeugung hat nur freilich vor dem Richter keinen Werth, Major, und Sie fallen damit gründlich ab. Aber vielleicht kann Ihnen der Rath Beweise bringen, da er, wie mir die Madame Müller erzählt hat, so entschieden in der Sache vorgegangen ist.«

Rath Frühbach hatte wunderbarer Weise und ganz gegen seine sonstige Gewohnheit bis jetzt kein Wort gesprochen und nur, in seine Gedanken vertieft, Tabak um sich her gestreut. Jetzt sagte er: »Da fällt mir eine Geschichte ein....«

»Lieber Rath,« rief Witte, ihn rücksichtslos unterbrechend, »ich bin nicht hieher gekommen, um Ihre Geschichten mit anzuhören, sondern die Angelegenheit zum Abschluß zu bringen. Hier ist der Brief« -- und dabei nahm er das Papier aus der Tasche --, »ich habe ihn kurz und bündig gehalten, und es steht nichts darin, was Sie nicht mit gutem Gewissen unterschreiben können. Der Frau habe ich auch das Versprechen abgenommen, das Document als vollkommen privatim zu betrachten; sie wird es keinem andern Menschen zeigen. Nun lesen Sie es durch und sagen mir dann kurz und bündig, ob Sie damit die fatale Sache erledigen wollen oder nicht. Weiteres Reden ist vollkommen unnütz, und ich habe auch keine Zeit dazu.«

»Sie lassen Einen auch wirklich gar nicht zu Worte kommen, lieber Staatsanwalt,« meinte der Rath und nahm eine Doppelprise. »Wie kann man denn in einer so wichtigen Sache einen Beschluß fassen, wenn man sich nicht erst gehörig darüber ausgesprochen hat?«

»Ich dächte, Sie hätten da draußen gerade genug gesprochen,« nickte der Staatsanwalt, »und ich begreife Sie wirklich nicht, Major, wie ein sonst so ruhiger, vernünftiger Mann so seine Leidenschaft kann mit sich durchgehen lassen und in's Blaue hineinrasen.«

»Ich habe ja gar kein Wort gesagt!« rief der Major; »der Rath war aber nicht zu halten und behauptete nur immer, wenn man es ihr auf den Kopf zusage, würde sie augenblicklich gestehen.«

»In Schwerin hatten wir einen ganz ähnlichen Fall, und gerade durch meine Geistesgegenwart....«

»Haben Sie sich hier so in die Patsche geritten,« sagte der Staatsanwalt, der fest entschlossen schien, dem unglücklichen Manne jedesmal die Rede abzuschneiden, »daß Sie Vorspann brauchen, um wieder herauszukommen. Den bringe ich Ihnen jetzt; da, lesen Sie den Brief und seien Sie froh, wenn Sie so durchschlüpfen; denn wenn die etwas cholerische Frau wirklich klagt, so dürfen Sie sich auf eine Scene vor den Geschworenen gefaßt machen, an die Sie nachher ihr ganzes Leben zurückzudenken haben. Ueberfüllte Tribünen garantire ich Ihnen jedenfalls.«

Der Rath nahm den Brief und las ihn. Er war in der That in der mildesten Form abgefaßt und führte die ganze Sache auf ein Mißverständnis oder einen Irrthum zurück. Die beiden Herren erklärten nur zum Schlusse ihr Bedauern, die Frau unverdienter Weise vielleicht durch irgend ein Wort gekränkt zu haben, und baten sie, ihrer in Zukunft wieder freundlich zu gedenken, wie sie sich selber mit aufrichtiger Hochachtung zeichneten etc.

Der Rath kratzte sich hinter dem Ohr, reichte aber den Brief dem Major hinüber und sagte dabei: »Du lieber Himmel, das könnte man allenfalls einer Frau gegenüber unterzeichnen, nur um aus der unangenehmen Sache herauszukommen!«

Der Major hatte sich indessen das Bild mit dem Geschworenengericht, das ihm der Staatsanwalt entrollte, ausgemalt, und er würde lieber tausend Thaler gezahlt haben, als sich einer solchen Blamage aussetzen. Er, Major von Halsen, als Verklagter auf der Armensünderbank, und die Madame Müller vor den Schranken, gegen ihn auftretend! Es war gut, daß der Rath in dem Augenblick nicht hören konnte, was er über ihn dachte, denn ihm allein verdankte er doch nur das Alles. Aber er las den Brief erst einmal flüchtig durch, dann noch einmal langsam und bedächtig, und der Staatsanwalt betrachtete ihn dabei mit triumphirenden Blicken. Er wußte jetzt, daß er ihn fest hatte und die Sache erledigen konnte.

»Na denn meinetwegen,« sagte auch der alte Soldat endlich, indem er das Papier neben sich auf den Tisch warf; »geben Sie einmal Dinte und Feder von da drüben her, Rath -- die Dinte wird wohl eingetrocknet sein, dort auf dem Ofen steht noch eine kleine Flasche. Wenn sich der alte Drache damit beruhigen will, mir kann's recht sein; aber meinen Hals möcht' ich zum Pfand einsetzen, daß sie die Lumperei doch begangen hat. Sie sollten nur das Bild von ihrer Tochter sehen, Staatsanwalt, das über ihrem Sopha in Vollmers hängt, ob das nicht das leibhafte Conterfei der Wendelsheim'schen Familie ist -- jeder Zug, während der Lieutenant von Wendelsheim auch nicht die Spur von Aehnlichkeit mit dem alten Baron hat -- nicht die Spur, sage ich Ihnen.«

»Aber das sind Alles keine Hauptbeweise, lieber Freund, und könnten nur vielleicht als Nebenbeweise in's Gewicht fallen. Eine solche Aehnlichkeit täuscht und ist oft nur zufällig, denn sie hängt von uns unbekannten Ursachen ab. Damit kommen Sie also nicht vom Fleck, und seien Sie so gut und machen Sie die Sache kurz, denn es wird schon dunkel und ich muß nach Hause.«

Der Major sah noch einen Augenblick still und verbissen vor sich nieder; endlich sagte er: »Na, mein lieber Rath, Sie nehme ich einmal wieder auf eine Entdeckungsreise mit!« griff dann die Feder auf, tunkte sie ein und schrieb seinen Namen unter das Document; dann schob er es dem Rath hin, und dieser, ohne sich länger zu sträuben, unterzeichnete ebenfalls.

»So,« sagte der Staatsanwalt, der die beiden Herren indessen schweigend beobachtet hatte, »das war jedenfalls das Gescheidteste, was Sie thun konnten, und ich hoffe die ganze Geschichte damit beizulegen. Wenn Sie aber meinem Rath noch folgen wollen, Major, so geben Sie jetzt Ihre Jagd auf und werden vernünftig, denn Sie müssen das Nutzlose derselben doch nachgerade eingesehen haben. Wäre wirklich in jener Zeit etwas dem Aehnliches in der Familie Wendelsheim vorgegangen, wie Sie vermuthen, so haben es die Jahre jetzt verwischt. Aber Alles, auf das Sie nur Ihren bösen Verdacht gründen, ist leere Vermuthung, oder, noch schlimmer, ekelhaftes Weibergeschwätz vergangener Jahre, und Sie können Ihrem Gott danken, daß diese Sache hier nicht dem alten Baron zu Ohren gekommen ist; er hätte Sie wahrhaftig nicht so leicht durchgelassen. Doch nun Gott befohlen, meine Herren! Ich habe mich hier länger aufgehalten, als ich wollte. Was fehlt denn eigentlich der Frau von Bleßheim auf dem Sopha?«

»Ach, nichts,« sagte der Major mürrisch; »sie bildet sich immer ein, daß sie krank ist.«

»Und Du wohl nicht?« rief die Dame, sich plötzlich sehr lebhaft aus ihrer liegenden Stellung aufrichtend. »Man muß ja allein schon davon krank werden, wenn man das ewige Gejammer mit anhört!«

»Na, wünsche allerseits einen recht angenehmen Abend!« sagte der Staatsanwalt, vergnügt, aus der Gesellschaft fortzukommen, und seinen Hut schwenkend, schritt er in die schon dämmernde Straße hinaus.

Es war in der That später geworden, als er gedacht, und er ging rasch den Weg hinab, der nach der Stadt zu führte; dabei zuckten ihm aber doch die letzten Reden des Majors durch den Kopf, besonders was derselbe von der Aehnlichkeit gesagt. Darin hatte der alte Major recht: der Lieutenant von Wendelsheim glich seinem Vater, was das Aeußere betraf, auch mit keiner Miene; er war erstlich kleiner als der alte Baron, und seine Züge, seine ganzen Bewegungen trugen einen entschieden andern Charakter. Aber was wollte das sagen? Wie oft kam das in der Welt vor, und konnte nicht einmal gegründete Ursache zu einem Verdacht, viel weniger denn zu einer Klage geben! Merkwürdig blieb es freilich immer, und der Staatsanwalt grübelte auf dem ganzen Weg darüber nach, daß wieder der zweite Sohn so entschieden die Züge der Eltern trug, und dadurch auch seinem Bruder nicht im geringsten ähnelte.

Aber mit all' solchem Nachgrübeln gelangt man natürlich zu keinem Resultat. Ob das Bild in der Stube der Frau Müller der Wendelsheim'schen Familie mehr glich als der Lieutenant, war ziemlich einerlei; deshalb blieb der Letztere doch der Sohn und Erbe, und mit dieser Schlußfolgerung betrat der Staatsanwalt wieder die eigentlichen Straßen der Stadt und schritt unwillkürlich etwas nach links hinüber, um seinen Weg nach Hause so viel als möglich abzukürzen. Es dunkelte allerdings schon stark, aber wenn er die Seitenstraßen benutzte, kam er doch wohl noch bei Zeiten nach Hause, um einige nothwendige Briefe zu unterzeichnen und vor Postschluß zu befördern.

Den kürzesten Weg hatte er durch die Judengasse, und wenn das auch gerade kein Platz war, den man Abends gern passirte, weil das Ausschütten von Gefäßen aus den Fenstern dort nur allzu häufig geschah, schien er dieser Gefahr doch heute Abend trotzen zu wollen, oder dachte auch vielleicht nicht einmal daran. Er bog ohne Weiteres in die Straße ein, hatte aber erst wenige Schritte darin gethan, als er einzelne Menschen rasch an sich vorüberspringen und einem bestimmten Hause zueilen sah, vor dessen Thür sie sich sammelten oder in den Hof eindrängten.

»Was ist denn hier geschehen oder was giebt's zu sehen?« fragte er einen der Leute, der eben dort wieder herauskam und über die Straße wollte.

»Sie haben den alten Salomon todtgeschlagen,« sagte der Mann und sprang in das nächste Haus, um noch eine Laterne zu holen.

»Du lieber Gott,« seufzte Witte, denn er kannte den alten Mann recht gut und hatte schon oft selber mit ihm zu thun gehabt -- »das ist ja schrecklich!« Und rasch trat er mit in den Hof hinein, wo er zu der Stelle kam, an welcher die Nachbarn den jungen Baumann hielten und eben dabei waren, ihm die Hände auf den Rücken zu schnüren.

»Wen habt Ihr denn da, Ihr Leute?« fragte der Staatsanwalt, indem er zu ihnen trat, aber in der Dunkelheit nicht gleich die Züge der Einzelnen erkennen konnte.

»Den Halunken, der den alten Mann todtgeschlagen hat, und eben auskneifen wollte, als er mir in die Finger lief.«

Unwillkürlich nahm der Staatsanwalt dem Nächsten die Laterne ab und leuchtete damit dem vermutheten Verbrecher in's Gesicht.

»Herr Baumann!« rief er aber auch schon im nächsten Augenblick ordentlich entsetzt aus. »Das ist doch nicht möglich!«

»Sind Sie von der Polizei?« fragte ihn einer der Umstehenden.

»Nein, aber ich gehöre mit zu dem Fach -- ich bin der Staatsanwalt.«

»Na, dann gehen Sie lieber mit in den Laden hinein, wo der alte Salomon liegt, bis ein Actuar oder sonst wer kommt,« sagte der Mann wieder.

»Aber, um Gottes willen, Herr Baumann, wie kommen Sie in diese Lage?«

»Ich hoffe doch nicht,« sagte Fritz, der todtenbleich geworden war, »daß Sie mich eines solchen Verbrechens fähig halten?«

»Nein, gewiß nicht!« rief Witte schnell.

»So, und weshalb wollte er denn da ausreißen und ist über und über blutig, he? -- Ruhe, mein Bursche, das bitte ich mir aus; ob Du schuldig oder unschuldig bist, wird dann wohl die Polizei aus Dir herausdrücken, darauf verlaß Dich! Und jetzt machen Sie, daß Sie hineinkommen, damit Alles ordentlich zugeht! Es ist Niemand drin, wie ein Officier, und die wissen sich bei solchen Geschichten gewöhnlich nicht zu helfen.«

Das war allerdings richtig. Witte konnte auch hier im Augenblick, mit den näheren Umständen gar nicht bekannt, nichts helfen, und mußte den jungen Mann vor der Hand seinem Schicksal überlassen. Die Untersuchung stellte ja doch bald heraus, ob er schuldig wäre oder nicht.

9.

Die Untersuchung.

Als der Staatsanwalt Witte den düstern, unheimlichen Raum betrat, bemerkte er nur eine Anzahl dunkler Gestalten, die um einen auf dem Boden liegenden Gegenstand geschaart waren und von dem ungewissen Licht der Lampe mehr sichtbar gemacht als beleuchtet wurden. Mit dem Fuße stieß er dabei an einen klirrenden Körper, der am Boden lag, und als er ihn aufhob, fand er, daß es ein Sack mit Geld sei, den der Mörder hier jedenfalls auf der Flucht zurückgelassen. Die erste Person, die er, allerdings zu seinem Erstaunen, erkannte, war der Baron von Wendelsheim; denn er begriff nicht recht, wie dieser Abends noch so spät in die Judengasse kam, wenn ihn nicht auch vielleicht, wie ihn selber, der Zufall hier vorbeigeführt. Aber es war jetzt wahrlich keine Zeit dazu, um solche Betrachtungen anzustellen, und der Staatsanwalt, den gefundenen Beutel auf den Ladentisch stellend, trat näher zu der Gruppe, um vor allen Dingen den Zustand des gefallenen Opfers zu untersuchen.

»Ah, Herr Staatsanwalt,« rief Wendelsheim, als er ihn erkannte, »ein Glück, daß Sie kommen -- hier ist ein schändliches Verbrechen verübt worden!«

Auf dem ausgestreckten Körper des alten Mannes lag, anscheinend leblos, eine weibliche Gestalt.

»Was ist das?« sagte Witte. »Sind Beide ermordet worden?«

»Es ist des alten Salomon Frau; sie muß ohnmächtig geworden sein -- Ursache genug, wahrhaftig, bei solchem Anblick!«

»Ist der alte Mann todt?«

»Jedenfalls. Er hat zwei furchtbare Wunden am Kopf.«

»Hätten wir nicht besser die Frau fort und in ihre Wohnung geschafft, wo sie die nöthige Pflege finden kann? Nach Polizei ist doch geschickt?«

»Gewiß -- faßt an, Ihr Leute, aber vorsichtig, und tragt die arme Frau drüben die Treppe hinauf; ich werde Euch den Weg zeigen -- o, da kommt noch eine Laterne! Ich bin gleich wieder bei Ihnen, Herr Staatsanwalt.«

Es fiel Witte wohl auf, daß der Lieutenant so bekannt in dem Hause schien, aber er achtete doch nicht weiter darauf. In diesem Augenblick, und gerade als die Leute die in der That ohnmächtig gewordene alte Frau nach oben trugen, langte die Polizei an: ein Actuar, zwei Polizisten und zwei Gensdarmen. Der Actuar schien auch die Sache richtig zu behandeln. Der Gefangene, da er doch gebunden war und nicht entwischen konnte, wurde einem der Gensdarmen übergeben und der andere an das Hofthor postirt, um die Neugierigen abzuhalten, denn die Straße war schon mit Menschen angefüllt. Hatte sich doch das Gerücht, daß der alte Salomon ermordet sei, wie ein Lauffeuer durch die ganze Judengasse und den benachbarten Stadttheil verbreitet! Dann wurde der Hof von allen nicht hinein gehörenden Personen gesäubert und nur ein paar noch zur Aufsicht des Gefangenen zurückbehalten, wenn dieser ja einen verzweifelten Fluchtversuch machen sollte. Jetzt verhielt er sich freilich vollkommen ruhig, aber man weiß nicht -- solche Leute passen manchmal ihre Zeit ab.

Eben so bedeutete der Actuar auch alle solche, welche Näheres über die That anzugeben wüßten oder vermutheten, draußen auf der Straße und in der Nähe zu bleiben, um nachher ihr Zeugniß abzulegen. Dann gingen sie -- es waren jetzt nur noch der Actuar, die beiden Polizeidiener, der Staatsanwalt und Lieutenant von Wendelsheim -- in den Laden zurück, um die Wunden des alten Mannes selber zu untersuchen. Der Actuar hatte übrigens auch schon nach dem Polizei-Arzt geschickt, der jeden Augenblick eintreffen konnte.