Der Erbe: Roman. Zweiter Band.
Part 1
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Der Erbe.
Roman von Friedrich Gerstäcker.
Die Uebersetzung dieses Werkes in fremde Sprachen wird vorbehalten.
Zweiter Band.
Jena, Hermann Costenoble. 1867.
Inhaltsverzeichniß.
Seite 1. Am Krankenbett 7 2. Zwei Glückliche 24 3. Frau Heßberger 54 4. Neben der Werkstätte 86 5. Die Werbung 112 6. Staatsanwalt Witte zu Hause 136 7. Bei der Leiche 164 8. Der Raubmord 185 9. Die Untersuchung 222 10. Verschiedene Eindrücke 248 11. Rath Frühbach 275 12. Die Nachbarin 296 13. Das Geständniß 323
1.
Am Krankenbett.
Ungleich der stürmischen oder doch bewegten Unterhaltung im unteren Theil des Schlosses verhandelten die Personen im oberen, in Benno's Krankenstube, und Benno selber saß mit hochgerötheten Wangen in seinem Bett und lauschte der Erklärung Baumann's, der vor ihm auf einem kleinen Tische die mitgebrachte Maschine stehen hatte und jetzt ihre Wirksamkeit beschrieb.
»Aber woher haben Sie das wunderliche Ding, Baumann?« sagte der Knabe mit blitzenden Augen, denn sein ganzes Interesse war geweckt worden. »Doch nicht selber gefertigt? Das sieht ja gerade so aus, als ob es schon über hundert Jahre alt wäre.«
»Das ist es auch vielleicht, lieber Baron,« erwiederte der junge Mechanikus, »und eine nicht ganz werthlose Antiquität, die dem alten, reichen Salomon gehört.«
»Aber was, um Gottes willen, stellt es vor? Was bezweckt es? All' die vielen Räder, die schwere Kugel dann und die Hebel!«
»Es sollte ein altes Problem lösen,« lächelte Baumann, »das =perpetuum mobile=.«
»Um vielleicht durch ein =perpetuum immobile= zu beweisen, daß es auch das Gegentheil geben müsse,« lachte Benno, der seine Krankheit ganz vergessen hatte. »Wie komisch das ist! Es rührt und regt sich ja gar nicht.«
»Weil es noch nicht in Gang gebracht ist,« erwiederte Baumann; »wenn das aber geschieht -- und wir wollen das gleich einmal thun --, so kann ich Ihnen versichern, daß es ununterbrochen fortläuft und kein Aufhören mehr zu berechnen ist, die Zeit natürlich ausgenommen, wo sich das Material selber abnutzt und die Räder ausgeleiert werden -- ein Nachtheil, der allen Menschenwerken anhängt, ob er sie nun später oder früher ereilt.«
»Und wie kommen Sie dazu, Baumann?«
»Es war die erste Arbeit, die mir, seit ich mich selbstständig etablirt habe, anvertraut wurde,« sagte der junge Mechanikus, »und ich glaube, ich habe meine Aufgabe ehrenvoll gelöst, denn der alte Salomon versicherte mir, er hätte das kleine Werk schon in alle größeren Städte Deutschlands, zu den berühmtesten Arbeitern gesandt, ohne es je reparirt zu bekommen. Die Antwort von Allen habe gelautet, sie wollten lieber etwas Aehnliches neu herstellen, als den Fehler finden, der hier die Räder verhinderte, fortzuarbeiten. Und doch lag das Ganze nur an einer Kleinigkeit, an einem falsch eingesetzten Rädchen, das vielleicht einmal eine ungeschickte Hand beim Reinmachen herausgenommen und, da es Aehnlichkeit mit einem andern hatte, nicht wieder an die rechte Stelle brachte. Das aber störte natürlich die Arbeit des ganzen Werkes, weil seine Zähne etwas weiter aus einander stehen.«
»Und Sie fanden den Fehler?«
»Gewiß, und Sie sollen sich jetzt selber überzeugen, wie günstig und glatt es geht. Drei Tage und drei Nächte habe ich es schon bei mir im Zimmer in Gang gehabt; es arbeitet vortrefflich, und ein Ablaufen des Räderwerkes ist, so lange die Räder selber in Ordnung bleiben, gar nicht denkbar.«
Er hatte dabei die Messingkugel auf einen bestimmten Punkt gelegt und ließ sie dort auf einen Hebel fallen; dadurch kam das ganze Räderwerk in Gang, und die Kugel selber wurde langsam, aber in genau abgemessener Weise nach und nach und von Zahn zu Zahn wieder hinauf an ihre alte Stelle gebracht, um ihren Kreislauf dort von Neuem zu beginnen. Jedesmal aber, wenn sie den Punkt erreichte und dann wie vorher ab und auf den Hebel traf, brachte sie das Ganze von Frischem in Gang.
Kathinka, die sich noch im Zimmer befand, hatte der kleinen Maschine, an der sich Benno nicht satt sehen konnte, mit vielem Interesse zugeschaut, aber doch dabei manchmal aus dem Fenster gehorcht, denn es war ihr fast, als ob sie unten die scharfe, keifende Stimme des Fräuleins von Wendelsheim hörte. Was war da wieder vorgefallen -- und sicher trug wieder der Baron Bruno daran die Schuld, der eben dort zum Thore hinaussprengte, oder hatte wenigstens die Ursache gegeben. Sollte sie selber jetzt hinuntergehen? Es war wohl besser, sie wartete noch eine kurze Zeit, bis der Sturm ein wenig ausgetobt; sie mochte der »Tante« nicht muthwillig in den Weg laufen.
Eine Viertelstunde verging noch so, und Benno konnte nicht müde werden, das kleine Kunstwerk zu beobachten, das, freilich immer nur eine Spielerei, doch dem Verfertiger alle Ehre machte, als plötzlich die Thür rasch geöffnet wurde und Tante Aurelia einen Blick in's Zimmer warf.
»So,« rief sie dabei, »und Du sitzest noch hier, die Hände im Schooß, und weißt gar nicht, daß unten Alles auf dem Kopfe steht? Und Benno soll seinen Thee wohl ebenfalls kalt trinken, Mamsell, heh? Haben wir Dich deshalb in's Haus genommen und die langen Jahre gefüttert, um nur eine Hofdame aus Dir zu machen, die sich Morgens in Staat wirft und dann den ganzen Tag spazieren geht?«
»Ich wußte nicht, daß es schon so spät war,« sagte Kathinka schüchtern und glitt an der Zornigen vorbei aus der Thür, während die Tante ihr nachzankte: »Und wozu hast Du Deine Augen, als Dich selber darum zu bekümmern und nach der Uhr zu sehen, Du nachlässiges Ding Du! Den jungen Leuten nachlaufen, ja, das kann sie, aber zu sonst ist sie auf der Gotteswelt nichts nutz, und ich erlebe doch hoffentlich auch noch die Zeit, wo wir die Bürde hier vom Halse los werden!«
Kathinka hatte wahrscheinlich nicht die Hälfte der harten Worte mehr gehört, denn sie war in Schreck und Scham die Treppe hinabgesprungen. Benno aber, als sie die Thür wieder schloß, jedenfalls um ihr nachzugehen und ihre Strafpredigt fortzusetzen, seufzte recht tief auf und sagte traurig: »Das arme, arme Mädchen! Sie ist so gut und brav, arbeitet von früh bis spät und pflegt mich, wie es eine Mutter nicht besser könnte, und nie ist die Tante mit ihr zufrieden; immer und ewig zankt sie und macht ihr unser Haus zu einer Hölle. O, daß ich nur gesund wäre und ihr beistehen könnte! Aber wenn ich nur laut reden will, sticht es mich hier so in der Brust, und ich muß dann stundenlang regungslos auf meinem Kissen liegen.«
»Ich glaube,« sagte Baumann leise, »das gnädige Fräulein Tante zankt mit Jedermann und braucht täglich einen gesunden Skandal, um sich bei frischen Kräften zu erhalten. Es ist auch so eine Art =perpetuum mobile=, das ich aber, aufrichtig gesagt, lieber nicht repariren möchte, wenn es einmal aufhören sollte zu arbeiten.«
»Sie haben recht, Baumann,« lächelte Benno, »und ihre Zunge ist die Kugel, die stets auf's Neue das ganze Räderwerk in Bewegung setzt, denn schon nach den ersten Worten arbeitet sie sich selber in die größte Aufregung hinein. Nur mit mir zankt sie nicht, so gern sie es auch manchmal möchte, und daß Sie mich besuchen, scheint ihr auch nicht angenehm zu sein.«
»Ich habe wenigstens noch nie einen freundlichen Blick oder Gruß von ihr bekommen.«
»Dessen können sich überhaupt nur wenig Menschen rühmen,« seufzte Benno. »O, warum sich und Anderen das Leben so schwer machen! Es ist doch so schön und, ach, so kurz!«
Kathinka trat herein und brachte den Thee, setzte ihn aber nur auf den Tisch und verließ augenblicklich das Zimmer wieder. Sie hatte rothgeweinte Augen und wollte die wahrscheinlich nicht vor den jungen Leuten sehen lassen.
Baumann's Blick haftete auch mit innigem Mitleiden auf ihr; sie war so jung und so unglücklich schon, stand so ohne Schutz und Freunde da, und ertrug doch Alles mit so stiller Demuth, ohne ein einziges Wort der Widerrede! Er hatte auch wirklich einen bittern Fluch gegen die »steinerne Tante« auf den Lippen, verbiß ihn aber, um Benno nicht wehe zu thun, und setzte nun langsam die Maschine außer Gang und zurück neben seinen Hut.
»Sie wollen doch noch nicht fort, Baumann?« fragte Benno rasch. »Du lieber Gott, dann bin ich ja ganz allein, denn Kathinka hat die Tante weggejagt und Bruno ist ja auch wieder fortgeritten, er wäre sonst gewiß noch einmal heraufgekommen.«
»Ich kann noch etwas bleiben, lieber Baron, aber ich fürchte, Sie regen sich zu sehr auf. Sie sehen jetzt schon so blaß aus.«
»Weil ich mich über die Tante geärgert habe,« sagte der Knabe. »Weshalb zankt sie immer mit der armen Kathinka -- ich bin ja auch gar nicht krank mehr, nur noch schwach, wie mir der Doctor selber gesagt hat, und nur ausruhen soll ich mich, recht ordentlich ausruhen, damit ich wieder zu Kräften komme -- könnt' ich nur fort von hier!«
»Aber wohin?« fragte Baumann.
»Bruno hat mir versprochen,« fuhr der Knabe mit leuchtenden Blicken fort, »wenn er jetzt das viele Geld von seiner großen Erbschaft bekommt, was ja nur noch wenige Wochen dauert, dann macht er mit mir eine Reise nach Italien. Dort ist weiche, warme Luft, dort erhol' ich mich gewiß in so viel Tagen, wie hier in Monden, und dann nehmen wir Kathinka als Krankenpflegerin mit -- ja, Baumann, gewiß! Ich habe es schon Alles mit meinem Bruder ausgemacht -- ich brauche noch Pflege unterwegs, wenigstens in der ersten Zeit -- aber die Tante,« setzte er lächelnd hinzu, »die lassen wir hier in dem alten, öden Schlosse, wo es mir immer ist, als ob die Mauern über mir zusammenbrechen müßten, und dann kann sie nicht mehr mit Kathinka zanken, und sie wird wieder heiter und glücklich werden und wieder lachen -- ach, Baumann, Sie sollten sie einmal lachen hören, wie herzlich, wie lieb das klingt! Aber,« setzte er leise hinzu, »es ist schon lange her, daß ich es nicht mehr gehört habe, und es thut mir doch so wohl.«
Er lag viele Minuten still und regungslos, und Baumann, das Herz von innigem Mitleiden mit dem Armen erfüllt, wagte selber nicht das Schweigen zu brechen. Welchen Trost hätte er ihm auch geben können? Endlich sagte Benno wieder:
»Wo nur der Vater heute sein mag, daß er nicht ein einziges Mal zu mir heraufkommt, und er weiß doch, wie ich mich immer freue, ihn hier zu sehen -- aber freilich,« setzte er seufzend hinzu, »bei mir hier oben ist es so langweilig, und er hat so wenig Geduld -- da ist die Kathinka besser, und wenn sie dürfte, säße sie halbe Tage lang an meinem Bett und erzählte mir ihre wunderhübschen Geschichten. Ach, sie kann so schön erzählen, Baumann, und wenn sie es thut, seh' ich all' die Personen, die sie beschreibt, all' die Feen und Elfen mit ihren lieben Gestalten um mein Bett stehen, und es wird mir dann so wohl, o, so wohl...«
Er sank zurück, Todtenblässe deckte seine Züge, er war ohnmächtig geworden, und Baumann zog jetzt die Klingel, um Hülfe herbeizurufen, aber nur die Magd erschien. Das gnädige Fräulein Tante war unten in den Ställen und zankte sich gerade mit einer der Viehmägde, Fräulein Kathinka war aber in den Garten geschickt, um dort die Blumen zu begießen.
Benno erholte sich jedoch, wie ihm nur Baumann ein nasses Tuch um die Stirn legte, rasch von selber wieder; aber er war jetzt so schwach geworden, daß er nach Ruhe verlangte.
»Ich will schlafen,« sagte er leise, indem er dem Freund die Hand reichte -- »heute bin ich recht elend, aber wenn Sie wieder herauskommen, finden Sie mich von allen Schmerzen frei -- dann beginnt eine glückliche Zeit. Leben Sie wohl, mein guter Baumann!« Er drehte sich ab und legte sich auf die Seite. Baumann sah nur noch die eingefallenen Wangen, die hohlen Schläfe und geschlossenen Augen. Es war ihm, als ob er einen Todten verließ, als er, seine Maschine im Arm, die Thür des Zimmers hinter sich zudrückte.
Er stieg langsam die Treppe hinunter und betrat durch eine Seitenthür den Garten -- es wurde unten im Park an dem einen Theile der Mauer gebaut, und er wußte, daß er dort hinaus ein bedeutendes Stück seines Weges abschneiden konnte --, aber er mußte an dem Gartensaal vorüber, und als er die Thür desselben passirte, bemerkte er den alten Freiherrn, der dort, die Stirn noch immer an die Glasscheibe gelegt, stand und anscheinend hinaus in den Garten sah. Im ersten Momente wollte er ihn auch anreden und ihm sagen, daß Benno wieder eine Ohnmacht gehabt. Der Kranke schlief aber jetzt gerade; wenn der Baron hinaufging, störte er ihn nur wieder. Das vorher gerufene Mädchen würde es schon der Tante sagen; er selber beschloß, nichts davon zu erwähnen. Nur als er vorüberging, zog er seinen Hut ab und grüßte den alten Herrn, dessen stieres Auge auf ihm haftete -- aber ob er ihn trotzdem nicht sah? Er dankte wenigstens nicht, noch gab er irgend ein Zeichen der Erkennung. Still und regungslos stand er an der Glasthür und starrte, wie in das Leere, in die grünen Büsche und Sträucher hinein. Dem jungen Mann wurde es auch ganz unheimlich, als er ihn da so stehen sah. Was um Gottes willen war vorgegangen, das den alten, sonst so strengen und kalten Herrn dermaßen erschüttern und von seiner nächsten Umgebung ablenken konnte!
»Soll mich der Himmel vor Macht und Reichthum bewahren,« flüsterte Baumann leise vor sich hin, als er durch die laubigen Gänge des Parkes schritt, »wenn ich sie solcher Art mit meinem Seelenfrieden erkaufen mußte! Wie kummervoll der Mann aussieht! Hat er vielleicht von dem neuen Anfall des jüngsten Kindes gehört und sorgt sich darüber? -- armer Vater! -- Oder ist es etwas Anderes, das ihn drückt? Wenn so, dann müßte er es auch allein tragen, denn er hat keinen Freund, dem er sich anvertrauen könnte oder wollte.« Er war wohl ein »vornehmer Herr,« aber er stand allein, trostlos allein in der weiten Welt, und Niemand half ihm seine Lasten tragen, und doch war der Glanz und Prunk, der ihn umgab, und das Meiste von alledem, nur noch gemacht, wie Baumann recht gut wußte. Ein übertünchtes Elend, um Rang und Stand mit den letzten, fast erschöpften Kräften aufrecht zu erhalten, und das Alles ohne die Spur von häuslichem Glück und Frieden, und nichts in dem großen, öden Schlosse, als Stolz, Haß und Unfriede, und dazwischen den lauernden Tod am Krankenbett des Sohnes!
Baumann war, in seine trüben Gedanken vertieft, rasch durch den Park jener Stelle zugeschritten, an welcher, wie er wußte, die Mauer niedergeworfen worden und eben neu aufgebaut werden sollte. Er hatte auch auf seine Umgebung wenig oder gar nicht geachtet, als er plötzlich ein lichtes Kleid durch die Büsche schimmern sah und gleich darauf Kathinka erkannte. Sie kam gerade, eine große, aber jetzt leere Gießkanne in der Hand, von den ihr anvertrauten Beeten her und wollte nach dem Schloß zurück. Als sie Baumann bemerkte, war es auch fast, als ob ihr Fuß einen Moment zögerte; sie wäre ihm in der That am liebsten ausgewichen, denn ihre Augen zeigten noch Spuren von vergossenen Thränen, und sie scheute sich, die den Fremden sehen zu lassen; aber es ging nicht mehr, er war schon zu nahe herangekommen, und Baumann selber ging auf sie zu, um ihr den Unfall mitzutheilen, der Benno während ihrer Abwesenheit betroffen.
»Du lieber Gott,« rief sie erschreckt aus, »der arme junge Mensch! O, nicht einen Augenblick sollte er allein gelassen werden -- sie wissen ja gar nicht, wie krank er ist, sie können es nicht wissen, oder sie würden anders handeln. Ich will gleich zu ihm.«
»Lassen Sie ihn jetzt,« sagte Baumann freundlich; »er ist eingeschlafen, und die Ruhe wird ihm gut thun; er bedarf ihrer.«
»Er wird bald von allen seinen Leiden ausruhen,« sagte Kathinka traurig -- »bald und für immer.«
»Halten Sie seinen Zustand wirklich für so gefährlich?«
»Ich fürchte, ja. Er hat die letzten Tage an Kräften in erschreckender Weise abgenommen, und seine Augen haben einen so unheimlichen Glanz bekommen.«
»Der arme, arme Benno, wie wenig Freude hat er noch im Leben gehabt, und so jung schon sterben -- sterben jetzt, da vielleicht in dem Reichthum seines Bruders und dem neu erwachenden Glanz des Hauses auch ein besseres Dasein für ihn beginnen könnte! Glauben Sie nicht?« fuhr er fort, als Kathinka leise mit dem Kopf schüttelte. »Bruno würde gewiß freundlich mit ihm sein, er ist von Herzen gut und hat ihn lieb.«
»Ja,« sagte Kathinka, »Bruno schon, aber die Tante ist der böse Geist im Hause, der kein Glück und keinen Frieden aufkommen läßt, und ich selber hätte es auch schon lange verlassen, wenn ich nicht Benno's wegen bliebe. Aber er hat sich so an mich gewöhnt, daß er ganz unglücklich sein würde, wenn ich ginge -- sonst lieber trocken Brot unter Fremden essen,« setzte sie leise hinzu.
»Sie haben ein schweres Leben hier im Hause, mein armes Fräulein,« sagte Baumann mitleidsvoll, »und ich begreife da wirklich die Tante nicht, denn sie hat Benno lieb, das zeigt sich in Allem, und doch kränkt sie ihn so oft durch Sie. Er sagte mir selber heute, daß ihn das Zanken wieder krank gemacht.«
»Ich muß zum Hause zurück,« erwiederte Kathinka ausweichend. »Benno könnte aufwachen und nach mir verlangen, und meine Arbeit ist hier beendet. Leben Sie wohl, Herr Baumann!« Und mit leichten Schritten eilte sie den Gang hinab dem Schlosse zu.
Fritz Baumann verließ den Park heute mit recht schwerem Herzen. Er hatte den kranken Knaben wirklich liebgewonnen, und wie lange konnte es noch dauern, bis er in der kühlen Erde ruhte! Dann kehrte auch er nicht mehr in den Schatten dieser Bäume zurück, dann war auch ihm der Weg hieher abgeschnitten, denn er fühlte recht gut, daß ihn der Baron wie die Tante hier nur Benno's wegen duldeten. Er selber würde sie auch nie aufgesucht haben.
Er stand noch und sah zu dem Schloß nachdenkend zurück, das gerade hier, bei einer Biegung des Weges, durch die dichten Wipfel sichtbar wurde, als er plötzlich das schmerzliche Winseln und Heulen eines Hundes und scharfe Peitschenschläge auf dessen Rücken hörte. Es war der Revierförster, der seinen Dachs an der Leine hatte und aus irgend einem Grund jämmerlich abprügelte.
»Du großer Gott,« sagte Baumann fast unwillkürlich vor sich hin, »ist das ein trostloser Platz hier -- nicht einmal ein Hund kann sich da wohl fühlen! Ich will dem Himmel danken, wenn ich ihn nicht mehr zu betreten brauche!« Und rasch ausschreitend, erreichte er bald darauf die Parkbrücke und gleich dahinter die freie Straße, wo er ordentlich aufathmete, als ob er einem Gefängniß entwichen sei.
2.
Zwei Glückliche.
Bruno von Wendelsheim war in scharfem Trab in die Stadt zurückgeritten, aber heute wahrlich in keiner so gedrückten Stimmung, als er sonst wohl das väterliche Haus verlassen; denn jenes ruhige Gefühl überkam ihn dabei, das uns immer ergreift und beherrscht, wenn wir nach langen, peinigenden Zweifeln über irgend einen wichtigen Abschied unseres Lebens zu einem bestimmten und festen Entschlusse gekommen sind.
Liebe -- wann hatte er Liebe je in seinem Vaterhaus gefunden? Nie, nie! Nur mit Furcht war er erzogen und geleitet worden, nur Furcht hatte er vor dem strengen alten Herrn gekannt, bis er heranwuchs und auch diese abschüttelte. Dann war nichts geblieben, als das Bewußtsein, daß er dem Manne, als seinem Vater, Achtung und Gehorsam schuldig sei -- aber nur Gehorsam so weit, als es nicht sein eigenes Lebensglück, seine ganze Zukunft betraf, die zu leiten er durch seine Härte und Gleichgültigkeit schon des Rechtes verlustig gegangen war.
Als er heute Morgen hinaus nach Wendelsheim ritt, war er denn auch nur darauf gefaßt gewesen, nach seiner Erklärung einem Sturm von Vorwürfen und Zornesworten zu begegnen, die ja auch kaum ausbleiben konnten, da er zum ersten Mal es wagte, nicht allein vollkommen unabhängig seinem Vater entgegenzutreten, nein, ihn sogar an seinem verwundbarsten Punkt, seinem alten Adelsstolz, seinem unantastbaren Stammbaum zu verletzen. Daß er gänzlich unvorbereitet darauf war, ihn, statt aufbrausend und wüthend, nur weich und schmerzbewegt, ja, wie gebrochen zu finden, läßt sich denken; er würde es nie im Leben für möglich gehalten haben, und so überrascht, so erschüttert selbst fühlte er sich davon, daß er sogar für einen Moment schwankend in seinem Entschluß wurde, um von dem alten Mann den Schmerz zu nehmen, bis die Tante mit ihrem kalten, höhnischen Blicke in's Zimmer trat und mit ihrem Augenblick Alles, Alles zurückrief, was er in seinem Leben hier erduldet.
Seine ganze, ihm abgestohlene und mißhandelte Jugend lag bei ihrem Anblick vor seinen Augen; all' die Thränen, die er im Stillen geweint, all' der heimliche Ingrimm, den sie in die Kindesbrust gepflanzt und mit ihm groß gezogen, aber immer nur genährt, nie auch selbst durch ein freundliches Wort gemildert hatte, und gerade das Bewußtsein, ihrem starren, keines guten Gedankens fähigen Herzen noch einmal einen Streich zu versetzen, sie endlich einmal fühlen und wissen zu lassen, daß ihre Herrschaft vorbei sei und sie aufgehört habe, den Knaben zu meistern, warf alles Mitleid für den Vater über Bord. Er sah nur seine geopferte Jugend, fühlte nur, zum ersten Mal in seinem Leben, das Bewußtsein in sich erwachen, zu _vergelten_, und in der wonnigen Empfindung, gerade dieser Frau den Fehdehandschuh hinwerfen zu können, gerade ihr zu zeigen, daß ihr Regiment über ihn aufgehört und sie darauf verzichten müsse, ihn als Knaben zu behandeln, vergaß er selbst den Schmerz des Vaters über das ihm zugefügte Leid.
Jetzt war es geschehen, der Würfel gefallen, und ihm blieb nichts weiter übrig, als nach seinem Gefühl zu handeln.
Damit trabte er auf seinem Weg dahin, und noch nie war ihm der Himmel so blau, die Erde so frisch und maiengrün, die Luft so mild, der Vögel Sang so lieb erschienen, wie gerade heute, wo er nicht allein zum ersten Mal seinem Herzen folgen, sondern auch eine heilige Pflicht erfüllen durfte, die ihn lange gedrückt.
Daß ihn Rebekka liebte -- wie konnte es ihm Geheimniß bleiben, da des Mädchens ganze Seele ja in dessen Augen lag? Und wenn es ihn bis jetzt nur immer in das Haus, in das trauliche Stübchen des alten Salomon zog, so verließ er es auch jedesmal mit den bittersten Vorwürfen gegen sich selbst, daß er eine Leidenschaft nähre und unterhalte, der er, wie er damals dachte, nie gerecht werden durfte. Und doch war er nicht im Stande, jenen Zauber zu meiden, den Rebekka schon selber auf ihn ausübte, und der alte Salomon schüttelte wohl oft, von ihm ungesehen, den Kopf, wenn er mit dem Mädchen am Instrument saß und die Tochter dann, glücklich in der Nähe des Geliebten, mit jubelnder Stimme ihre Lieder sang.
Er, der alte Salomon, kannte die Verhältnisse der Menschen draußen auf dem Schauplatz, den wir die Welt nennen; er kannte sie besser wohl als tausend Andere, denn er hatte mit allen Schichten der Bevölkerung und besonders mit den Großen und Vornehmen verkehrt, und er war von ihnen geschmeichelt und auf Händen getragen oder auch unter die Füße getreten worden, gerade wie man ihn gebrauchte. Er kannte aber auch die Ansichten, den Stolz und Hochmuth dieser Leute, die, was ihren Stammbaum betraf, doch hätten zu dem Juden mit Neid und Bewunderung aufsehen müssen, denn keiner von allen leitete so weit zurück als dessen Abstammung, die zu Abraham hinaufreichte. Aber ihre Standesvorurtheile machten sie blind -- blind gegen Alles, nur nicht gegen ihren eigenen Werth, und Salomon wußte gut genug, daß sie, so hoch sie sich selber überschätzten, eben so tief den Juden verachteten, den sie wohl gebrauchen und benutzen konnten, wo er ihren Zwecken diente oder ihnen nöthig wurde, dem sie aber sonst nie verstattet hätten, auch nur in ihre Nähe sich zu wagen, viel weniger denn auf gleichen Rang, auf gleiche Stufe mit ihnen zu treten.