Part 6
»O, ich meinte nur,« sagte der Meister, während Fritz, ohne jede scheinbare Veranlassung, ordentlich roth wurde und fast wie verlegen aussah. »Aber wie ich heute drüben war, denn er ließ mich eines Schlüssels zu seinem Schreibtisch wegen rufen, fragte er mich so angelegentlich nach Euch Allen, und wie viel Kinder wir hätten, und ob es Jungens oder Mädchens wären, und ob uns keines gestorben sei, und wie lange wir verheirathet seien, kurz, tausenderlei, was ihm doch eigentlich verwünscht gleichgültig sein könnte.«
»_Ich_ kenne die Leute, Vater,« sagte jetzt Fritz, indem er zugleich das Bier an die Lippen hob; »ich komme manchmal hinüber, wenn wir etwas für den Staatsanwalt zu thun haben.«
»_Du_ kommst hinüber?« sagte der Vater erstaunt. »Wozu?«
»Nun, wenn irgend eine gemachte Arbeit abgeliefert wird.«
»Na, das hat bei Euch der Werkführer zu thun? Bei uns thut's der Junge.«
»O,« meinte Fritz, doch jetzt etwas verlegen, »wenn einmal irgend etwas sehr Zerbrechliches vorkommt, was man dem Jungen nicht gut anvertrauen kann. Er ist gar so zerstreut.«
»So?« sagte der Vater und nickte still lächelnd vor sich hin; »ei, wie besorgt der Fritz ist. Das junge hübsche Mädchen drüben hast Du wohl noch gar nicht einmal gesehen?«
»O doch, Vater,« sagte Fritz rasch, und der Alte lachte.
»Ja, kann ich mir denken; aber da laß die Finger von, mein Junge. Das ist nichts für Unsereinen, und ein ehrlicher Handwerker soll sich auch nicht einmal der Gefahr aussetzen, von dem vornehmen Volk abgewiesen zu werden.«
»Aber wie Du nur gleich wieder bist, Vater,« sagte die Frau; »Fritz ist ein ganz schmucker Bursche, und wer weiß denn, ob sich der Herr Staatsanwalt nicht gerade deshalb so genau bei Dir nach uns erkundigt hat. Lieber Gott, er ist doch auch kein Prinz und sie keine Prinzessin.«
»Ne, Alte, da hast Du recht,« sagte der Schlosser; »aber Gleich und Gleich gesellt sich doch immer besser, und ich denke, der Alte hat sich da auch schon sein Part ausgesucht -- oder vielmehr das junge Blut selber. Wie ich gerade hinüber ging und anklopfen wollte, kam ein Herr Lieutenant, der junge Baron Wendelsheim, aus der Stube, wo er den Damen jedenfalls einen Besuch gemacht hatte, denn der Staatsanwalt war in seinem Büreau; und wie er Adjes sagte, küßte er der Mamsell nicht allein auf das zärtlichste die Hand, sondern sie wurde dabei auch über und über roth und dachte gar nicht daran, sie wieder fortzuziehen, bis ich ihnen wohl ein bischen in die Quere und nicht besonders gelegen kam.«
»Der junge Herr Baron von Wendelsheim?« sagte die Frau und ihr Blick flog wie forschend nach Fritz hinüber.
»Na, der Alte küßt keinen hübschen jungen Mädchen mehr die Hand,« lachte der Schlossermeister, »oder sie würden sich wenigstens nicht besonders viel daraus machen. Es war der zierige Lieutenant, der immer den -- Rücken so dreht, wenn er geht, wie ein coquettes Frauenzimmer -- wir haben so ein eigenes Sprichwort dafür. Ich weiß nicht, mein Geschmack wär's nicht. Aber Du lieber Gott, das zweierlei Tuch hat schon manchem sonst vernünftigen Mädel den Kopf verdreht und Unheil angerichtet. Weiß der Himmel, wo's drin steckt; ich kann's nicht begreifen.«
»Nun, der Herr von Wendelsheim,« sagte die Mutter, »ist doch gewiß ein ganz sauberer, hübscher Mensch, und so vornehm sieht er immer aus!«
»Hübscher Mensch!« lachte der alte Baumann; »er sieht genau so aus, wie unser Karl da, mit derselben aufgestülpten Nase -- nur dümmer; und die Haare hat er sich bis hinten in die Halsbinde hinunter gescheitelt -- weiter kann man's nicht sehen. Uebrigens wär' er eine ganz famose Partie, das ist richtig, denn er muß ja nächstens die große Erbschaft heben; da giebt's nachher Geld wie Heu, und das können alle Menschen gebrauchen, auch die Advocaten.«
»Und der machte bei Wittes Besuch?« fragte die Frau.
»Nun natürlich, und weshalb sollte er auch nicht? Ein Lieutenant hat ja doch auf der Gotteswelt nichts weiter zu thun, und mit etwas muß der liebe lange Tag todtgeschlagen werden.«
»Aber er war doch heute in Wendelsheim draußen,« sagte Fritz.
»Nun, das war etwa um zwölf Uhr, vielleicht wie er zurückkam. Aber woher weißt Du das?«
»Ich war selber draußen.«
»Du, in Wendelsheim?« fragte die Mutter rasch und erstaunt. »Was hattest Du denn da zu thun?«
»O, ich bin oft draußen,« sagte Fritz, »bei dem kranken jungen Baron. Heute brachte ich ihm eine Maschine hinaus, die wir zusammengestellt hatten. Das ist ein liebenswürdiger junger Herr, aber nur leider immer so krank und schwächlich. Ich fürchte, ich fürchte, er macht's nicht lange mehr, was mir recht leid um ihn thun sollte.«
»Es ist doch eigenthümlich,« sagte die Frau, »daß da weiter gar keine Kinder sind. Wenn der nun auch noch stirbt, so erbt der Aelteste Alles.«
»Nun, und was hast Du darüber zu seufzen?« lachte ihr Mann. »Und der Herr Lieutenant wird ebenfalls nicht böse darüber sein und schon wissen, wohin er mit dem Gelde soll. Der bringt's bald unter die Leute, darauf kannst Du Dich verlassen, denn Schulden hat er schon jetzt in der Stadt wie Sand am Meere -- beinahe mehr noch, als sein Vater.«
»Gelobt sei Jesus Christus!« sagte in diesem Augenblicke eine etwas scharfe Stimme in der Thür.
»Hol' Dich der Teufel!« beantwortete Meister Baumann etwas rauh und lästerlich den frommen Gruß.
»Aber Baumann,« sagte die Frau, während der Schuhmacher Heßberger, ein kleines, schwarzes Buch unter dem Arm, und nicht im mindesten zurückgeschreckt, das Zimmer betrat -- »schämst Du Dich denn gar nicht? Vor den Kindern und dem Lehrlinge solltest Du Dich doch wenigstens geniren!«
»Ach was,« sagte Baumann ärgerlich, indem er sich das schwarze Käppchen auf's eine Ohr schob: »Dein Schwager soll auch die albernen Faxen lassen, denn er müßte doch nun nachgerade wissen, daß er bei mir damit an den Unrechten kommt!«
»Du bist und bleibst ein Heide, Bruder Baumann,« sagte der Schuhmacher, indem er näher zum Tisch trat und in den Bierkrug sah -- er war aber geleert. »Ein gutes Wort sollte auch eine gute Statt finden, und ich thue keinem Menschen damit weh.«
»Nicht weh?« sagte Baumann mürrisch. »Sand willst Du den Leuten damit in die Augen streuen, Du alter Heuchler Du, weiter nichts, denn im Herzen bist Du ein so durchtriebener Strick, wie's nur einen auf der Welt giebt! Und woher kommst Du jetzt?«
»Aus der Kirche,« erwiederte Heßberger ruhig.
»Aus der Kirche? Am Werkeltag?«
»Aus der Abendstunde, die unser Herr Pastor hielt -- o, es war sehr schön!«
»Und weshalb bist Du nicht dort geblieben?« lachte Baumann, der den kleinen Schuster kopfschüttelnd betrachtete. -- Er sah auch in der That komisch genug aus, denn er trug schwarze, ganz abgeschabte und an den Knieen ordentlich glänzende Hosen, einen eben solchen, aber etwas zu engen, besonders in den Aermeln zu kurzen Frack, eine weiße Halsbinde und Weste und einen wahrhaft monströsen Seidenhut mit fuchsigem Deckel. Die Kinder auf der Straße liefen ihm auch gewöhnlich nach, und wenn er dann stehen blieb und ihnen einen grimmigen Blick zuschleuderte, hätte man sich keine schönere Caricatur eines Menschen auf der Welt denken können. -- »Junge, Junge, wie Du so da stehst, könnte man Dich, bei Gott, für Geld sehen lassen -- es wär' der Mühe werth!«
»Bruder Baumann,« sagte der Schuster mit Würde, »Du redest wie Du es eben verstehst. Wenn ich in ein Gotteshaus gehe, muß ich mich auch anständig constimiren....«
»Und das nennst Du anständig....?«
»Und kann nicht einhergehen, als ob ich zu Bier ginge,« fuhr der Schuhmacher unbekümmert fort.
»Und was willst Du?« sagte Baumann trocken.
»Nichts von Dir,« entgegnete Heßberger mit scharfem Ton; »nur meiner Schwägerin Guten Abend sagen und dann den Staub wieder von meinen Füßen schütteln.«
»Na, dann schüttele,« lachte Baumann; »je eher, desto lieber.«
»Aber Gottfried!« bat die Frau.
»Ach was,« rief der Schlosser ärgerlich, »er soll sich betragen wie ein anderer vernünftiger Mensch, nachher wird er auch so behandelt; aber die Firlefanzereien duld' ich nicht in meinem Hause und will nichts davon wissen!«
Die Meisterin war praktischer Natur. Sie hatte dem Lehrjungen schon ein Zweigroschenstück in die Hand gedrückt und mit dem Auge nach dem Bierkrug hinüber gewinkt, und der fuhr auch, ohne daß der Meister auf ihn Acht hatte, damit zur Thür hinaus.
»Na, Onkel Heßberger,« sagte da Karl, dem es selber leid that, den kleinen Mann so rauh behandelt zu sehen, »so legen Sie doch wenigstens ab und nehmen Sie sich einen Stuhl. Wie geht's zu Hause? Ist die Tante wohl?«
»Danke, mein Sohn,« sagte der Schuhmacher, indem er der Einladung Folge leistete -- denn das Verschwinden des Bierkruges war nicht unbeachtet von ihm geblieben -- »leidlich wenigstens; sie hat aber heute wieder über Land gemußt, um ein paar Patienten in Wendelsheim zu besuchen, leider jedoch keine guten Nachrichten von dort mitgebracht.«
»Von Wendelsheim?« rief Fritz schnell. »Doch nicht vom Schlosse?«
»Ja, allerdings,« nickte der Schuhmacher mit einem wehmüthigen Blick nach oben. »Des Herrn Hand ruht schwer auf dem stolzen Baron; sein zweiter Sohn, der Benno....«
»Es ist ihm doch nichts geschehen?«
»Er hat heute Morgen einen furchtbaren Blutsturz bekommen und liegt am Tode.«
»O, Du großer, allmächtiger Gott!« rief Fritz erschreckt aus. »Aber das ist ja gar nicht möglich. Ich bin selber noch heute Morgen bei ihm gewesen, und als ich fortging, hörte ich noch, wie er sich laut unterhielt und fröhlich lachte.«
»Ganz richtig,« sagte der Schuhmacher; »nach dem Deschuneh war er in den Garten spazieren gegangen, und da hat's ihm arrivirt. Er ist ja auch elend von seiner Geburt an gewesen; seine ganze Constitution ist corrumführt. Kurz und gut, er bekam plötzlich einen Blutsturz, und als meine Frau, die unten zufällig im Dorfe war und davon hörte, hinauf eilte, waren ihm schon die ganzen Extermitäten kalt.«
»Ach, das ist ja schrecklich,« stöhnte Fritz; »der arme junge Herr! Und ich freute mich noch so, als ich fortging, daß er so vergnügt und heiter war.«
»Ja, Du lieber Himmel,« sagte der Schuhmacher, »mit dem Menschen geht es oftmals schnell zu Ende, und es weiß Keiner, wann ihm sein Brot gebacken ist. Aber was thut's, der Freiherr hat ja noch immer den einen Sohn, und der erbt jetzt die ganze Bescherung. Es soll ein heidenmäßiges Vermögen sein.«
»Der arme Vater!« seufzte die Frau.
»Ja, das kann nichts helfen,« sagte Baumann; »der Tod sieht nicht auf Rang und Stand und kehrt bei Armen und bei Reichen ein. Wer mag's ändern!«
»Wir müssen Alle sterben,« sagte der Schuhmacher und schenkte sich von dem Bier ein, das der Lehrling eben auf den Tisch stellte; »der Gerechte mit dem Ungerechten, und erst dort werden die Schafe und Böcke gesondert werden.«
»Na, Schwager Heßberger,« lachte Baumann wieder, der die Familie Wendelsheim viel zu wenig kannte, um größeren Antheil an ihrem Verlust zu nehmen, wie bei anderen fremden Menschen. »Du kommst zu den Böcken, darauf kannst Du Dich verlassen; denn Du hast schon hier auf Erden so lange bei den Schafen gestanden, daß Dir eine Veränderung ingrimmig Noth thut.«
»Du redest, wie Du es verstehst, Bruder Baumann,« sagte Heßberger, indem er sich noch einmal einschenkte. »Was ich aber gleich sagen wollte, Schwägerin, meine Frau läßt Dich bitten, Du möchtest doch heute Abend einmal zu ihr hinüber kommen; sie hätte Dir etwas zu sagen.«
»Und weshalb kommt sie da nicht her?« fragte Baumann. »Sie liegt ja doch den ausgeschlagenen Tag auf der Straße.«
»Eben deshalb,« erwiederte ruhig der Schuhmacher, »weil sie so viel herumzulaufen und bald da, bald dort eine Besorgniß zu machen hat, so muß sie die wenige Zeit im Hause zusammennehmen und uns doch auch etwas zu essen machen. Vom Canditer können wir es uns nicht holen lassen und von Confett leben.«
»Na,« lachte Baumann, »dazu seid Ihr Beide nicht hübsch genug.«
»Was hat sie denn? Ist was vorgefallen?« fragte die Frau.
»Nicht daß ich wüßte,« sagte Heßberger kopfschüttelnd; »Du bist aber auch so lange nicht bei uns gewesen, und wenn sie hieher kommt, kriegt sie ewig mit Deinem Manne Streit.«
»Mit mir?« sagte Baumann. »Ich thu' ihr wahrhaftig nichts; aber sie soll mir auch mit ihrem Kartenlegen und Prophezeien vom Leibe bleiben.«
»Na, Guten Abend denn miteinander!« sagte der Schuhmacher, indem er wieder aufstand; »ich muß auch heim, sonst machen mir die verflixten Jungen lauter dumme Streiche.« Und nach kurzem Gruß gegen die Verwandtschaft nahm er sein Buch wieder unter den Arm, setzte den riesigen Hut auf und stieg aus der Thür.
Baumann hatte ihm kopfschüttelnd zu- und nachgesehen und ließ den Lehrjungen dann das Geschirr hinausräumen. Wie der draußen war, sagte er finster: »Kathrine, Du darfst mir's glauben, der Heßberger, wenn er auch Deine Schwester geheirathet hat und dadurch unser Schwager wurde, ist ein Erzlump, und Deine leibliche Schwester -- bestärkt ihn nur darin.«
»Aber Gottfried!«
»Nein, nein,« winkte ihr Mann mit der Hand, »das ist der reine Betrug, was die Beiden mitsammen treiben, und daß sie nur noch Esel finden, die ihnen glauben und Geld bezahlen, das einzige Unglück bei der Sache.«
»Aber sie hat schon so viel vorhergesagt, was eingetroffen ist.«
»Bah, komm Du mir nicht auch etwa mit dem Unsinn! Wenn der Zufall einmal sein Spiel hat, wird es ausgebeutet, und wenn es nicht eintrifft, eben nicht weiter davon gesprochen. Ueberhaupt, Kathrine, es thut mir leid, daß ich es sagen muß, denn es ist nun einmal Deine Schwester, aber der Umgang mit ihr ist mir nicht lieb, und da Du lange Jahre fast gar nicht mit ihr verkehrt hast, thut's mir leid, daß das jetzt wieder von Frischem anfangen soll.«
»Sie meint es gewiß gut,« sagte die Frau mit einem recht aus tiefer Brust herausgeholten Seufzer. Aber Baumann schüttelte auch dazu den Kopf.
»Mit sich, ja, das geb' ich zu, aber nicht mit anderen Leuten,« sagte er finster; »sie hat kein gutes Herz, das steht ihr schon in den Augen geschrieben, und wenn sie Einen damit ansieht, kommt es mir immer so vor, als ob sie durch und durch bohrte, um Alles zu errathen, was man denkt.«
»Du kannst sie nun einmal nicht leiden, Gottfried.«
»Ehrlich gesagt, nein, und kein Mensch in der ganzen Stadt. Niemand hält mit ihr Umgang, und wenn sie die vornehmen Weibsleute Nachts heimlich besuchen, um sich von ihr die Karten legen zu lassen, oder wer weiß was sonst für Mittel und Latwergen zu holen, so sitzt der augenverdrehende Lump, der Heßberger, nebenan in der Stube bei seinem Leisten und brüllt geistliche Lieder ab. Es ist rein zum Verrücktwerden, wenn man's nur mit ansehen muß!«
»Aber kann ich's ändern, Gottfried? Ich habe auch schon dagegen gesprochen...«
»Und sie hat auch keinen guten Einfluß auf Dich ausgeübt, Kathrine,« fuhr der Mann, finster vor sich hin mit dem Kopfe nickend, fort. »Das erste Jahr nach unserer Verheirathung warst Du ganz anders, bis plötzlich Deine Schwester hieher zog und immer so viel mit Dir zu erzählen und zu schaffen hatte. Nachher war's aus, und wie viel hast Du damals nicht geweint, und wenn ich Dich fragte, was Du hättest, immer nur gesagt, das Herz thäte Dir so weh und Du wüßtest eigentlich selber nicht, weshalb Du weinen müßtest.«
»Aber, Gottfried, das ist gewiß nicht so arg gewesen.«
»Nicht so arg? Wie Du damals mit Deiner Schwester fort warst, um die Erbschaft zu heben, und wieder zurückkamst, sahst Du mehr todt als lebendig aus, und ich glaubte schon, Du würdest ganz ernstlich krank werden. Der arme Junge, der Fritz, hatte auch darunter zu leiden, denn der kam ganz von Kräften -- na, er scheint sich doch wieder aufgefuttert zu haben. Jetzt war auch die langen Jahre Frieden, und ich habe Deine Schwester über Jahr und Tag nicht einmal gesehen -- fangt mir deshalb also nicht die alten Geschichten an, denn ich will von der Gesellschaft nichts wissen, und wenn wir zehnmal mit einander verschwägert sind.«
»Wer weiß denn, was sie von mir will?« sagte die Frau, die bis dahin mit im Schooße gefalteten Händen vor sich nieder gestarrt hatte. »Vielleicht thut's ihr leid, daß wir so gar nicht zusammenkommen, und hart kann ich doch nicht gegen sie sein; sie hat mir ja noch niemals 'was zu Leid gethan und bleibt doch immer meine Schwester.«
Der alte Schlosser rückte wieder an seinem Mützchen. Recht war's ihm nicht, aber er konnte der Frau auch nicht so ganz unrecht geben und litt eben -- was er nicht verhindern mochte. Er war aber doch ärgerlich geworden und mußte sich ein klein wenig zerstreuen; da war denn freilich das Beste, daß er hinüber in den »Goldenen Stern« ging und noch ein Glas gutes Bier trank. Nachher vergaß er all' die unangenehmen Sachen und bekam wieder eine glatte Stirn.
6.
Der alte Salomon.
Lieutenant Bruno von Wendelsheim hatte seine Dienstwohnung eigentlich in der Kaserne; da ihm das aber aus mancherlei Gründen nicht recht paßte, so miethete er sich derselben gerade gegenüber ein kleines freundliches Parterre-Logis mit Stallung, und führte dort eine Junggesellen-Wirthschaft, in der es manchmal außerordentlich vergnügt herging. -- Er sah aber heute Morgen nicht so vergnügt aus. Es konnte kaum zehn Uhr sein, und er kam schon erhitzt und müde, mit bestaubten Stiefeln, von einem Gang zurück, warf Mütze und Handschuhe auf den Tisch und ging mit unterschlagenen Armen und finster zusammengezogenen Brauen in seiner Stube auf und ab.
Die Sache war aber auch unangenehm, denn daß er, der Erbe eines so ungeheuern Vermögens, ja eigentlich schon der Besitzer, da es sich nur um Wochen handelte, jetzt seit drei Tagen fast vergebens in der Stadt herumgelaufen sein sollte, um lumpige zweihundert Louisd'or zu bekommen, schien fast unglaublich, ließ sich aber nicht abläugnen, denn die Thatsache stand fest. Aber er mußte das Geld haben; er konnte sich nicht so furchtbar blamiren, den Handel rückgängig zu machen -- der Verkäufer wäre auch gar nicht darauf eingegangen --, und er zerbrach sich eben den Kopf, wie er es am besten ermöglichen könne, ohne zu riesige Procente zu zahlen, als der Briefträger draußen anpochte. Er kannte ihn schon am Klopfen.
Der Herr Lieutenant wußte recht gut, daß ihm von daher keine Hülfe kam; Correspondenz hatte er fast gar keine, und was ihm die Post in's Haus schickte, waren beinahe nur eingesiegelte Rechnungen oder gar directe Mahnbriefe. Er warf auch kaum einen Blick auf die drei oder vier Couverts, die ihm der Bote auf den Tisch legte; aber plötzlich haftete sein Auge auf einem der nicht so kunstgerecht wie die übrigen zusammengelegten Schreiben, und er brach es, wie er sich nur wieder allein sah, rasch auf. Die Adresse trug nur seinen Namen und die Wohnung -- die letztere sehr gewissenhaft angegeben -- und war mit etwas schwerfälligen Zügen, wie von der Hand eines Quartaners geschrieben. Inwendig enthielt das Couvert aber keine Silbe weiter, sondern nur einfach einen Fünfthalerschein.
»Das ist aber doch merkwürdig,« sagte der Officier, indem er kopfschüttelnd die wunderliche Sendung betrachtete; »wieder eine Fünfthaler-Note und kein Sterbenswort dabei, als die nämliche Handschrift auf der Adresse -- und richtig, wieder mit einem Geldstück petschirt! Wer mag denn nur in aller Welt mein sehr großmüthiger, aber leider, wie es scheint, sehr unbemittelter Protector sein, der mir von Zeit zu Zeit so bedeutende Geldsendungen zukommen läßt? Fünf Thaler! Du lieber Gott, nicht einmal fünfhundert könnten mir heute helfen, und das ist höchstens genügend zu einem Frühstück, um mir die Grillen aus dem Kopfe zu jagen!«
Noch während seines kurzen Selbstgespräches hatte er das Couvert nach allen Seiten genau betrachtet, ob nicht irgendwo ein Stempel oder ein anderes Zeichen auch nur auf die Spur des Absenders deuten ließe, aber umsonst. Es war noch dazu ziemlich ordinäres Schreibpapier, mit Packsiegellack geschlossen, mit einem Geldstück petschirt, und er steckte kopfschüttelnd den Fünfthalerschein in die Westentasche und warf das Papier in die Ecke.
Was wollte er auch anders machen? Was konnte er thun? Irgend Jemand liebte ihn oder schwärmte für ihn und sandte ihm -- jetzt schon das zehnte oder zwölfte Mal -- durch die Post, ohne irgend einen Werth auf der Adresse anzugeben, einen Fünfthalerschein. Zurückschicken konnte er denselben nicht, er wußte ja nicht an wen, und das Geld auf die Straße werfen? Es wäre schade darum gewesen. Monate lang hatte er sich auch bei früheren Sendungen den Kopf darüber zerbrochen, wer nur möglicher Weise der freundliche Geber sein könne, aber natürlich vergebens; denn der Fall, daß ihn Jemand Geld schickte, war so außerordentlich, daß er jedes Versuches spottete, ihn jemals zu enträthseln.
Aber die Zeit verstrich. Er hatte erst die Absicht gehabt, an dem Morgen noch einmal nach Wendelsheim hinaus zu reiten, um zu hören, wie es seinem Bruder ginge; aber er konnte heute unmöglich, und hoffte ja auch, daß es doch nur einer jener Anfälle gewesen, die der stets Kränkliche von je gehabt und der dann wahrscheinlich auch eben so rasch vorüberging. Hier aber drängte ihn die Zeit; er pfiff seinem Burschen, ließ sich noch einmal sorgfältig abbürsten, zog seine Handschuhe an und eilte dann, mit wahrlich schwerem Herzen einen Gang zu thun, den er gern vermieden hätte. Aber es ging eben nicht mehr, er mußte, und wenn er dort auch kein Geld bekam.... -- Er biß die Zähne auf einander und schüttelte die trüben, bitteren Gedanken ab. Noch war es ja nicht so schlimm.
Vor dem Hause begegnete er einer ältlichen Frau aus den geringeren Ständen, die ihn freundlich, aber achtungsvoll grüßte. Er warf ihr einen Blick über die Achsel zu und hob dann die rechte Hand etwa zehn bis zwölf Zoll, als ob er damit an die Mütze greifen wollte, kam aber noch nicht einmal bis zum ersten Knopfloche der Uniform. Er kannte die Frau, sie war ihm schon begegnet, aber er wußte nicht, wer es sei -- möglicher Weise seine Wäscherin, die Geld von ihm haben wollte; er that viel besser, sie vollständig zu ignoriren.
Sein Weg führte ihn durch die nämliche Straße, in welcher, Nr. 11 im ersten Stocke, der Staatsanwalt Witte wohnte; aber sein Herz dachte heute Morgen weder an ihn, noch an seine Tochter, und nur zufällig hob er im Vorübergehen den Blick zu den Fenstern. Aber dort saß Ottilie schon am Nähtisch bei ihrer Arbeit, lange jedoch nicht so beschäftigt, um nicht dann und wann das Auge nach der Straße hinabgleiten zu lassen. Es war ja so interessant, zu sehen, wer vorüberging. Sie hatte auch schon mehrfach an dem Morgen Gelegenheit gehabt, zu grüßen, oder vielmehr grüßend zu danken, aber noch nie so freundlich und so tief dabei erröthend, als diesmal. Man sah es ihr ordentlich an, daß es sie freute, ihren Tänzer von neulich Abend wieder zu erblicken, und Wendelsheim selber, ordentlich erschreckt, daß er sie fast übersehen hätte, grüßte auf das verbindlichste.
Dadurch aber, daß er seine Aufmerksamkeit nach dem Fenster oben richtete, lief er einer andern Gefahr in den Rachen, und zwar gerade gegen den unvermeidlichen Rath Frühbach an, der ihn auch ohne weiteres Säumen stellte.