Part 16
»Thu' mir den Gefallen und rede nicht in Räthseln und Bildern,« sagte der alte Herr mürrisch; »ich habe den Kopf schon ohnedies zu voll, um ihn mir noch damit zu zerbrechen.«
»Ich werde sehr deutlich sein, Vater,« erwiederte Bruno, indem er sich in einen Stuhl warf und den Kopf auf dessen Lehne in die Hand stützte; »es bedarf auch dabei nicht der Umschweife, denn es betrifft nur eine einfache Mittheilung, keine Frage oder Bitte.«
»Und die wäre?«
»Ich werde heirathen.«
»In der That?« sagte der Vater, doch etwas erstaunt, »so bist Du endlich vernünftig geworden. Aber wen, wenn ich fragen darf, da es, wie Du sagst, doch blos eine Mittheilung sein soll?«
»Und trage ich die Schuld, Vater, daß es so weit zwischen uns gekommen? Was habe ich gethan, was verschuldet, daß ich, so lange ich denken kann, nur wie ein Fremder, Ueberlästiger zwischen Euch herumgehe?«
»Ich verstehe Dich nicht!«
»Du hast mich nie verstanden,« sagte Bruno bitter, »mich nie verstehen wollen!«
Der alte Baron warf einen scheuen Blick auf seinen Sohn; denn so wenig er daran gedacht haben würde, etwas Aehnliches gegen ihn einzugestehen, im Herzen fühlte er die Wahrheit des Vorwurfs, und war auch deshalb nicht im Stande, ihn gleich und entschieden von sich abzuwälzen.
»Du machst eine lange Vorrede,« sagte er endlich; »ich hoffe doch nicht, daß Du eine Wahl getroffen, deren Du -- deren ich mich zu schämen brauchte. Aber ich glaube fast, der Verdacht ist unberechtigt,« setzte er rasch hinzu, »denn Du kannst und mußt wissen, was ich Alles mein langes Leben hindurch gethan habe, um die Ehre unseres Hauses aufrecht zu erhalten.«
»Die _Ehre_ unseres Hauses,« wiederholte Bruno düster -- »das heißt den äußeren matten Glanz, den Anstrich -- wie aber war es indeß im Innern? Die Ehre des Hauses -- und wie stand es indessen mit dem Glück, dem Frieden des Hauses, Vater? Ich höre und lese draußen manchmal von dem Segen der eigenen Familie, dem Glück der Heimath. Was habe ich gethan, daß mir das Alles gestohlen wurde?«
»Was hast Du nur heute?« sagte der Vater, unruhig werdend, indem er den Sohn groß ansah. »Wie bist Du so sonderbar, und was sollen diese vollkommen unbegründeten Anklagen? Wenn Du Dich nicht wohl in unserem Hause fühltest, wer trug denn die Schuld, wir oder Du, der seine Zeit draußen in wüsten Gelagen verbrachte und sich und mich dadurch in Schulden stürzte?«
»Das ist recht, Vater,« lachte Bruno bitter, »mach' Du mir noch Vorwürfe, daß ich die Gesellschaft fremder Menschen suchen mußte, weil ich im eigenen Hause kein freundliches Gesicht zu sehen bekam und sogar auf ewigem Kriegsfuß mit der Tante lebte. Doch genug -- übergenug davon! Die Zeit liegt Gott sei Dank hinter mir, und von dem Augenblick an, wo ich die Erbschaft habe, denke ich mir meinen eigenen Herd zu gründen -- aber nicht hier in Wendelsheim, denn keine freundliche Erinnerung zieht mich hieher zurück.«
»Nicht hier in Wendelsheim?« rief der Vater rasch und erstaunt, ja fast erschreckt. »Und wohin sonst willst Du ziehen?«
»Fort von hier, Vater; ich habe meinen Abschied schon eingereicht und die Versicherung erhalten, daß er mir bewilligt wird.«
»Und wer ist die Dame, die Du Dir zur künftigen Gattin ausersehen?« sagte der Vater mit fast tonloser Stimme; denn zum ersten Mal fühlte er, daß der Sohn die ihm bisher auferlegten Fesseln wirklich abgestreift habe und entschlossen sei, seine vollständige Unabhängigkeit zu wahren. »Ich bin so fremd in Deinen Bekanntschaften, daß ich nicht einmal auf irgend Jemanden rathen kann.«
»Und doch hast Du gerade mir den Weg in die Familie gebahnt, Vater,« sagte Bruno, während ein eigenes trotziges, aber doch düsteres Lächeln über seine Züge flog. »Ich liebe die Tochter des alten Salomon.«
»Bruno,« schrie der Baron emporfahrend, indem er wirklich bleich vor Schreck wurde, »bist Du wahnsinnig geworden oder treibst Du Deinen Spott mit mir? Die Tochter des alten Juden?«
»Die Tochter des alten Juden,« wiederholte Bruno scharf und langsam; »ich bin nicht wahnsinnig, Vater, und treibe auch meinen Spott nicht mit Dir -- habe es nie gethan.«
»Und meinen Namen willst Du beschimpfen?«
»Ist es nicht auch der meine? Ich sehe keinen Schimpf darin, ein braves Mädchen zum Altar zu führen.«
»Bruno,« rief der alte Baron außer sich, »Du weißt nicht, was Du thust! Unser Geschlecht ist bis jetzt rein und unbefleckt erhalten -- der alte Stamm wenigstens --, und Du hast keine Ahnung, welche Opfer Einzelnen von uns auferlegt wurden, um das durchzuführen. Willst Du gerade der Erste sein, der einen schwarzen Strich durch unser Wappen zieht. Es kann, es darf nicht sein, und ich werde es nie und nimmer dulden!«
»Du kannst es nicht hindern, Vater,« sagte Bruno ernst und kalt; »Du hast Dir das Recht vergeben, über mein Thun und Handeln zu bestimmen. Du hast keine Liebe in meinem Herzen gesäet, Du kannst nicht erwarten, dort Liebe zu ernten -- kannst mir aber auch nicht verdenken, daß ich sie dort suchte, wo sie mir von ganzer Seele entgegengebracht wurde. Du kennst auch Rebekka nicht,« fuhr er etwas weicher fort, als der alte Mann wie gebrochen in einen Stuhl sank und sein Gesicht mit den Händen deckte; »hättest Du nur ein einziges Mal in ihr liebes, engelschönes Antlitz geschaut, hättest Du gesehen, wie lieb und gut sie mit mir ist, Du würdest begreifen, daß ich das vergaß, was mir noch nie ein Segen, nur ein Zwang gewesen.«
»Das kann, das darf nicht sein!« rief der alte Baron, wieder von seinem Stuhl emporspringend; »die Erbschaft war von jenem alten Manne nur deshalb unserem Hause zugewendet, um den Glanz des Namens aufrecht zu erhalten, das Geschlecht nicht aussterben zu lassen.«
»Die Erbschaft lautet auf Deinen ältesten Sohn nach Zurücklegung von dessen vierundzwanzigstem Lebensjahre; die Bedingung ist in wenigen Wochen erfüllt,« erwiederte Bruno ruhig.
»O, daß ich so -- daß ich so hart gestraft werden sollte,« rief der Baron die Hände ringend, indem er in dem großen Saal rasch auf und ab schritt -- »so hart gestraft!«
»Wofür, Vater?«
Der alte Mann war zur Glasthür getreten, lehnte seine Stirn an eine der Scheiben und starrte in den Garten hinaus; aber er beantwortete die Frage nicht. Bruno fühlte sich beängstigt: er war auf Vorwürfe und Zornesworte gefaßt und entschlossen gewesen, denen kalt und entschieden zu begegnen -- so weich, so gebrochen hatte er den Vater nicht zu finden geglaubt -- so hatte er ihn nie gesehen. Langsam ging er auf ihn zu, und die Hand auf seine Schulter legend, sagte er, freundlicher, als er bis jetzt gesprochen:
»Und was ist es denn weiter, Vater, daß Du es Dir so arg zu Herzen nehmen solltest? Der alte Salomon ist ein braver, rechtlicher Mann und hat den Ruf in der ganzen Stadt; und was mich betrifft, ich ziehe fort von hier, auf Jahre vielleicht, und wenn ich zurückkehre, ist die Sache längst vergessen und begraben. Hier bei Euch,« fuhr er fort, als der alte Mann ihm nichts darauf erwiederte und regungslos in seiner Stellung blieb, »könnte ich ja auch nicht einmal bleiben, denn ich möchte meine Frau, und wenn sie einem der edelsten Geschlechter angehörte, nicht unter ein Dach mit Tante Aurelia bringen -- Du weißt selber recht gut, daß Haß und Unfrieden im Hause die nächsten Folgen davon wären.«
»Gottes Strafe -- Gottes Gericht!« flüsterte der Baron.
»Aber von was redest Du, Vater?« rief Bruno ordentlich erschreckt. »Wofür Gottes Strafe, wenn Du das eine Strafe nennst, daß Dein Kind endlich das Glück findet, das es so lange gesucht und -- leider nicht im Vaterhause finden konnte?«
»Geh',« sagte der alte Mann, indem er ihn mit der Hand langsam von sich schob, ohne ihm aber sein Auge zuzuwenden, »geh', Du bist mündig und bald Dein eigener Herr. Was kümmert Dich auch der Name unseres Hauses, auf das Du Schmach und Schande häufst? Ich will Dir nicht fluchen -- ich darf es nicht; aber -- verlange nie meinen Segen zu einer Verbindung mit der Judentochter -- er würde Dir auch nichts nützen,« setzte er heiser hinzu -- »er würde selber nur zum Fluche werden!«
Die Worte des alten Mannes waren für den Sohn räthselhaft; er begriff nicht, welche mögliche Deutung er ihnen geben konnte. Ehe er aber im Stande war eine weitere Frage an ihn zu richten, öffnete sich die Thür, und Tante Aurelia, deren scharfer Blick, selber staunend, die Gruppe überflog, stand auf der Schwelle.
»Was ist da vorgegangen?« sagte sie finster. »Was hast Du wieder mit dem Vater gehabt, Bruno? Das weiß doch der Himmel, daß Du das Haus nie betrittst, ohne einen Verdruß zu bereiten!«
»In der That, Tante?« sagte Bruno, der ihr gegenüber ganz wieder den alten Groll erwachen fühlte und sich auch wenig deshalb sorgte, die ihm verhaßte Verwandte zu schonen.
»In der That,« lautete ihre Antwort, »ich erwarte es gar nicht anders.«
»Dann möchten heute Ihre Erwartungen vielleicht noch übertroffen werden -- guten Morgen, Tante!«
Staunend sah sie ihm nach; aber Bruno kümmerte sich nicht weiter um sie. Ohne selbst noch einmal zu dem Zimmer des Bruders hinauf zu gehen, schritt er nach dem Stall hinüber, sattelte sich selber sein Pferd und ritt dann in die Stadt zurück.
Ende des ersten Bandes.
Druck von _G. Pätz_ in Naumburg a. d. S.
Im Verlage von #Hermann Costenoble# in _Jena_ erschienen ferner folgende neue Werke:
#Höcker, Gustav#, _Geld und Frauen_. Erzählungen. 3 Bde. 8. broch. 3½ Thlr.
#Kleinsteuber, Hermann#, _Schach dem König_. Historischer Roman. 2 Bde. 8. broch. circa 3 Thlr.
#Möllhausen, Balduin#, _Der Meerkönig_. Eine Erzählung. 6 Bde. 8. broch. circa 6½, Thlr.
#Sacher-Masoch, Leopold von#, _Der letzte König der Magyaren_. Historischer Roman. 3 Bde. 8. broch. 4 Thlr.
#Wickede, Julius von#, _Eine Deutsche Bürgerfamilie_. Nach einer Familienchronik bearbeitet. 3 Bde. 8. broch. 4½ Thlr.
#Bibra, Ernst Freiherr von#, _Erlebtes und Geträumtes_. Novellen und Erzählungen. 3 Bde. 8. broch. 3¾ Thlr.
#Ewald, Adolph#, _Nach fünfzehn Jahren_. Ein Strauß Geschichten. 2 Bände. 8. eleg. broch. 3 Thlr.
#Robiano, L. Gräfin von#, _Anna Boleyn_. Historischer Roman. 2 starke Bde. 8. eleg. broch. 3½ Thlr.
#Baker, Samuel White#, _Der Albert-Nyanza, das große Becken des Nil und die Erforschung der Nilquellen_. Deutsch von _J. E. A. Martin_. Autorisirte Ausgabe. Nebst 33 Illustrationen in Holzschnitt, 1 Chromolithographie und 2 Karten. Zwei starke Bände. Eleg. broch. 5½ Thlr.
#Deutsche Schützen, Turner und Liederbrüder# oder: _Was will das Volk?_ Zeitgeschichtlicher Roman
[Hinweise zur Transkription
Das Originalbuch ist in Frakturschrift gedruckt.
Der Halbtitel wurde entfernt.
Ein an den vorderen Buchdeckel angeklebter Zettel mit Verlagswerbung wurde nicht in den Text aufgenommen.
Fehlende und falsch gesetzte Anführungszeichen wurden stillschweigend korrigiert.
Der Text des Originalbuches wurde grundsätzlich beibehalten, mit folgenden Ausnahmen:
Seite 12: "das" geändert in "daß" (und nachher verlangen sie, daß ein junges Geschöpf)
Seite 15: "." eingefügt (und thut dabei den Mund den ganzen Abend nicht zu.«)
Seite 15: "," eingefügt (rief die Mutter, »spotte auch noch)
Seite 40: "gegründeteten" geändert in "gegründeten" (zerfielen die auf jenes Gerücht gegründeten Suppositionen)
Seite 93: "Frühauf" geändert in "Frühbach" (sagte der unverbesserliche Rath Frühbach)
Seite 94: "Frühauf" geändert in "Frühbach" (sagte Frühbach, indem er nach seinem Hut und Stock ging)
Seite 119: "Ihnen" geändert in "ihnen" (bis ich ihnen wohl ein bischen in die Quere)
Seite 120: "du" vereinheitlicht zu "Du" (Aber Du lieber Gott, das zweierlei Tuch)
Seite 122: "sagt" geändert in "sagte" (»Gelobt sei Jesus Christus!« sagte in diesem Augenblicke)
Seite 149: "," eingefügt (sagte der Baron halb verlegen, »ich dächte)
Seite 153: "," eingefügt (rief der Lieutenant, »und ich konnte es mir nicht)
Seite 160: "Salamon" geändert in "Salomon" (»Und darf ich eintreten, liebe Frau Salomon?«)
Seite 171: "wir" geändert in "mir" (Sie dürfen es mir nicht abschlagen, nicht wahr?)
Seite 184: "den" geändert in "denn" (Dabei blieb es natürlich, denn der Staatsanwalt war eben nur)
Seite 211: "Staasanwalt" geändert in "Staatsanwalt" (drückte der Frau Staatsanwalt so »bedeutungsvoll« die Hand)
Seite 228: "," entfernt (mein gnädiges Fräulein)
Seite 235: "Sie" geändert in "sie" (sagte Ottilie, indem sie der ausgestreckten Hand begegnete)
Seite 285: "sie" geändert in "Sie" (hätten Sie einpacken und mit langer Nase abziehen können)
Seite 294: "." eingefügt (Sie biß eher.)
Seite 302: "?" geändert in "!" (wie sie bleich wird und zu Kreuze kriecht!)
Seite 311: "gegestiegen" geändert in "gestiegen" (der Zorn der gereizten Frau war auf's höchste gestiegen)
Seite 312: "gegesagt" geändert in "gesagt" (Maul hätte er am liebsten gesagt)
Seite 316: "hätte" geändert in "hätten" (»Ich wollte, wir hätten nichts davon getrunken,«)
Seite 317: "fühlt" geändert in "fühlte" (selbst der Rath fühlte sich bei diesem Anblick unbehaglich)
Seite 339: "Ist" geändert in "Ich" (»Ich verstehe Dich nicht!«)]
End of Project Gutenberg's Der Erbe. Erster Band., by Friedrich Gerstäcker