Part 15
»Ich wollte, wir hätten nichts davon getrunken,« sagte der Major mürrisch; »darin hatte die Alte recht, es sah häßlich aus, ich nippte auch nur daran. Aber nun thun Sie mir den Gefallen und lassen Sie uns machen, daß wir fortkommen. Ich habe genug von Vollmers, und hoffe das Nest in meinem ganzen Leben nicht wieder zu sehen.«
»Für heute muß ich auch sagen,« bestätigte der Rath, »daß ich kein großes Verlangen trage, länger da zu bleiben, und ich möchte besonders der aufgeregten Dame nicht noch einmal begegnen. Aber kommen Sie, Major, wir brauchen ja nicht wieder an dem Haus vorbei zu gehen, sondern können hier geradeaus die Straße halten. Mit einem ganz unbedeutenden Umweg kommen wir dann zum Wirthshaus zurück.«
Der Major ließ sich nicht lange nöthigen, und die beiden Herren kreuzten bald darauf, mit einem scheuen Seitenblick nach links, ohne aber ein Wort weiter darüber zu erwähnen, die Straße, in welcher das Haus der Frau Müller so still und friedlich lag, als ob da nie ein Sturm gewüthet hätte.
Aber sie hatten damit, wie sie vielleicht wähnten, noch nicht Alles überstanden; denn wie sie in die breite Chaussee einbogen, die nach dem Wirthshaus hinaufführte, stand vor demselben und unter dem Schild mit dem hellrothen Engel ein anderer, dunkelrother, in einer weißen Haube -- der obere trug Locken -- und gesticulirte eifrig mit dem achselzuckend vor ihr stehenden Wirth.
Beide Freunde blieben unwillkürlich mitten in der Straße stehen, als sie gleichzeitig die Dame erkannten. Das hatte keiner von ihnen erwartet, und selbst der Rath fühlte sich bei diesem Anblick unbehaglich. Aber ob die Dame sie selber bemerkte und nicht wieder mit ihnen zusammentreffen wollte, oder ob sie beendet hatte, was sie hieher geführt, sie machte noch ein paar entschiedene Bewegungen mit dem rechten Arm -- in der Entfernung konnten sie natürlich nicht hören, was sie sagte -- und wandte sich dann die Straße hinab, wo sie bald darauf in eine Seitengasse einbog.
»Das Frauenzimmer ist zu Allem fähig,« stöhnte der Major, als sie wieder, Beide zugleich, ihren Weg verfolgten, denn das Hinderniß war beseitigt; »jetzt hat sie sich dort nach unseren Namen erkundigt.«
»Und der Esel von Wirth wird ihr auch die genaue Adresse gegeben haben,« ergänzte der Rath. »Es sieht ihm ähnlich.«
»Nun, versteht sich von selbst, und in den nächsten Tagen steht die Geschichte in der Zeitung. Mein lieber Rath, ich wollte, ich hätte das verdammte Vollmers in meinem ganzen Leben nicht gesehen.«
»Jetzt kann's nichts mehr helfen,« bemerkte Frühbach ganz richtig; »der Stein rollt, und wir können ihn nicht mehr halten.«
»Ja, und Sie haben ihn in's Rollen gebracht.«
»Bitte,« sagte der Rath, »Sie haben mich darauf gestoßen, oder es wäre mir nicht eingefallen, diese Madame Müller aufzusuchen. Aber da ist der Hausknecht. Hören Sie, lieber Freund, sagen Sie doch dem Kutscher.... Wo ist der Kutscher denn eigentlich?«
»Er sitzt drin in der Stube,« erwiederte der Angeredete. »Es ist ihm nicht recht wohl; er hat Leibschneiden.«
»Der verfluchte Aepfelwein!« bemerkte der Major.
»Sagen Sie ihm, daß er einspannen soll,« befahl der Rath, der sich über das Leibschneiden völlig hinwegsetzte, »wir wollen augenblicklich nach Alburg zurückfahren. Ah, lieber Herr Wirth, unsere Rechnung, wenn ich bitten darf!«
»Zu Befehl, Herr Rath,« erwiederte der höfliche Mann, sein Käppchen ziehend. »Aber sagen Sie mir nur,« setzte er dann mit unterdrückter Stimme hinzu, »was haben Sie denn um Gottes willen mit der Frau Müller gehabt? Die war eben da....«
»Wir? Gar nichts. Was sollen wir mit ihr gehabt haben?« fragte Frühbach mit der unschuldigsten Miene von der Welt.
»Na, dann weiß ich nicht, was die Alte wollte,« sagte der Wirth. »Aber sie fragte mich erst um die Namen der beiden Herren und schrieb sie sich auf einen Zettel (der Major sah den Rath von der Seite an, seine schlimmsten Befürchtungen bestätigten sich), und dann hat sie geschimpft und raisonnirt, daß mir die Leute ordentlich zusammenliefen.«
»Aber über was denn?« fragte Frühbach.
»Ja, Gott weiß es! Von ihrer Tochter, und dem Baron Wendelsheim, und den Gerichten, und eine Menge anderes Zeug, ich bin gar nicht daraus klug geworden, und Ihnen gab sie erst Ehrentitel! Ja, die hat ein böses Mundwerk, wenn sie einmal losgelassen wird, und wer nicht muß, soll sich mit der ja nicht im Bösen einlassen. Sonst ist sie gut genug und legt keinem Menschen 'was in den Weg, aber wenn sie erst einmal anfängt und warm wird, dann hört sie auch gar nicht wieder auf.«
»Wir möchten gern bezahlen, lieber Freund,« sagte der Major, dem die Sache peinlich wurde; »dürfte ich Sie bitten, uns zu sagen, was wir schuldig sind?«
Das half. Der Wirth schob mit einer Verbeugung ab, und während ihm der alte Herr folgte und die Zeche berichtigte (inclusive zwölf Flaschen Aepfelwein, die im Sitzkasten waren, und der Rath ging indessen, seinen linken Arm auf den Rücken gelegt, draußen auf und ab), kam der Kutscher mit den Pferden heraus und schirrte ein. Er sah elend aus, aber Frühbach fühlte sich nicht in der Stimmung, Notiz von ihm zu nehmen, und wenige Minuten später rasselte das kleine Fuhrwerk wieder durch den Ort auf der Straße nach Alburg hinaus.
13.
Vater und Sohn.
Die Bewohner von Schloß Wendelsheim hatten indessen eine ziemlich traurige Zeit verlebt und verlebten sie eigentlich noch, denn des jungen Baron Benno Zustand war in den letzten Wochen nicht allein nicht besser, sondern eher bedenklicher geworden. Der Blutsturz wiederholte sich allerdings nicht, aber ein solcher Grad von Schwäche trat ein, daß er selten und dann nur auf kurze Zeit das Bett verlassen konnte.
Bruno kam jetzt häufiger heraus als früher, und saß manche Stunde bei seinem Bruder, um ihm die Zeit zu vertreiben -- aber über was konnte er mit ihm reden? Musik trieb Benno nicht, seine Nerven hatten es von Kindheit an nicht vertragen, und sonst wußte Bruno eigentlich -- Pferde und Dienstsachen ausgenommen -- über nichts mit ihm zu sprechen.
Benno's liebste Unterhaltung oder vielmehr Gesellschaft blieb deshalb auch jenes junge Mädchen, Kathinka, die, wo es nur immer ihre Zeit erlaubte, bei ihm sitzen und ihm kleine Geschichten und Märchen erzählen mußte. Sie behandelte ihn dabei wie ein krankes Kind, strich ihm die Haare aus dem Gesicht oder glättete ihm das Kopfkissen, zankte ihn aus, wenn er nicht ruhig liegen oder die Medicin nicht nehmen wolle, brachte ihm Blumen aus dem Garten und flocht ihm kleine Sträuße oder Kränze daraus, die sie am Tage über sein Bett hing, und pflegte ihn mit einer Sorge und Liebe, daß sie selbst das Herz der »steinernen Tante« erweichte und diese etwas freundlicher oder doch weniger hart gegen sie gestimmt machte.
Am glücklichsten aber war Benno, wenn ihn Fritz Baumann einmal besuchen konnte; denn mit diesem lebte und webte er in seinen Arbeiten und Plänen -- und was für Pläne hatte er sich nicht schon wieder ausgedacht, seit er so still und ruhig liegen mußte, und wie sehnte er die Zeit herbei, wo er selber wieder mit Hand anlegen konnte, um sie thätig in's Werk zu setzen!
Kathinka seufzte freilich wohl heimlich auf, wenn sie ihn so reden hörte, denn ob auch selber noch jung, fühlte und sah sie doch recht gut, daß sein Leiden viel schwerer und ernster sei, als er selbst es glaubte; aber sie sagte nie ein Wort dagegen, und wenn sie manchmal allein mitsammen waren und er ihr wieder von all' den Maschinen erzählte, die er bauen wollte, und nächstens ein Wasserrad in Angriff zu nehmen versprach, das ihnen aus dem großen Teiche das Wasser über alle Blumenbeete führen sollte, dann freute sie sich selber mit ihm und gab ihm die Plätze an, wo sie es vorzugsweise hinleiten wollten, und rief oft ein Lächeln auf seine bleichen Wangen hervor und machte seine Augen leuchten und blitzen.
Der alte Baron kam jetzt oft herüber, setzte sich still in eine Ecke und hörte den Beiden zu; aber die letzte Zeit hatte auch ihn sehr verändert, denn je näher der Termin der Erbschaft rückte, der sich jetzt schon nach Tagen zählen ließ, desto düsterer und in sich gekehrter wurde er, und doch hätte man gerade glauben sollen, daß er die Zeit herbeisehnte, wo er wenigstens von allen Geldsorgen befreit wurde und dann einmal wieder nach langer schwerer Zeit frei aufathmen konnte. War es die Sorge um den zweiten Sohn? Er hätte Ursache dazu gehabt, denn ihm konnte dessen hoffnungsloser Zustand kein Geheimniß sein -- war es ein anderer Kummer, der ihm am Herzen nagte? Aber er sprach mit Niemandem darüber, am wenigsten mit seiner Schwester, ja mied diese, wo er nur irgend konnte, und hatte es denn auch geschehen lassen, daß sie jetzt das ganze Hauswesen dermaßen in Händen hielt, um als unumschränkte Herrin darin zu herrschen. Er selber war nichts weiter mehr im Schlosse wie ein gewöhnlicher Kostgänger, und fragte ihn ein Diener um die einfachsten, ja ihn selber betreffenden Anordnungen, so wies er ihn jedesmal an Fräulein von Wendelsheim, die schon das Nöthige darüber bestimmen würde.
Im Zimmer des kranken Kindes schien es ihm noch am wohlsten; aber selbst das verließ er manchmal, wenn sein armer Knabe zu freundliche Luftschlösser baute und von dem sprach, was er in kommenden Jahren schaffen wolle. Dann stand er still und schweigend auf, und die großen hellen Thränen liefen dem alten Mann in den Schnurrbart hinein -- aber er ging hinaus, daß sie der Sohn nicht sehen sollte.
Bruno war nach der Zeit, wo er das Geld von dem Vater erbat und unverrichteter Sache wieder heimreiten mußte, in Wendelsheim gewesen, hatte aber nie mehr, und zwar sehr zum Erstaunen des Vaters, ein Wort von Geld oder neuem Bedarf erwähnt, und der alte Baron hütete sich wohl, selber davon anzufangen.
Heute kam er wieder -- er ritt seinen alten Schimmel -- und ging, wie immer, zuerst in Benno's Zimmer hinauf, um zu sehen, wie es ihm gehe. Er fand ihn kränker aussehend, als das letzte Mal, aber ein freundliches Lächeln glitt über die Züge des Leidenden, als er dem Bruder die Hand reichte.
»Wie geht es Dir, Benno?« fragte dieser herzlich. »Du siehst recht blaß aus.«
»O, gut heute, recht gut,« sagte der Knabe. »Kathinka hat mir eine so wunderschöne Geschichte von einem kranken Königssohn erzählt, den eine gütige Fee geheilt und vollkommen gesund gemacht hat, und der ist dann nachher so glücklich geworden und hat sein Volk noch viele Jahre regiert -- ach, wenn es doch auch bei uns noch solche gute Feen gäbe! Aber, Bruno, Du thust mir ja weh, sieh' einmal, Du hast mir die Hand ganz roth gedrückt.«
»Und kannst Du nicht ein wenig aufstehen und in den Garten oder nur an's offene Fenster treten, Benno? Die Luft ist so wundervoll und mild; es würde Dir gewiß gut thun.«
»Es will doch nicht recht gehen, Bruno,« sagte der Knabe; »wenn ich aufstehe, sticht es mich immer so hier, und der Doctor hat es mir heute Morgen streng verboten. Hast Du nichts von dem jungen Baumann gesehen, Bruno? Er wollte mich heute besuchen -- er hat es mir fest versprochen -- und mir etwas Neues mitbringen.«
»Nein, Benno, ich bin nicht den Fußweg geritten; er ist vielleicht schon unterwegs. Aber regt Dich das nicht zu sehr auf, wenn Du über solche Sachen nachgrübelst und Dir den Kopf über Räder, Hebel und Schrauben zerbrichst?«
»Ach nein, Bruno,« lächelte der kranke Knabe. »In der Zeit, wo ich mich damit beschäftigen kann, fühle ich gar nicht, daß mir etwas fehlt, und mir wird dann so wohl und leicht zu Muthe. Baumann leidet auch nicht, daß ich selber mit anfasse. Er zeigt mir nur Alles, und wir besprechen dann, wie wir es machen wollen. Er ist so geschickt und so freundlich immer. Ich wollte, er wohnte nicht so weit entfernt von uns.«
»Wo ist der Vater, Kathinka?«
»Ich glaube, unten im Garten, Herr Baron. Er war vorhin hier oben, und ich sah ihn später dort drüben unter den Linden auf und ab gehen.«
»Ich werde ihn aufsuchen; ich komme dann noch einmal zu Dir herauf, Benno, ehe ich wieder fortreite.«
»Ja, Bruno und wenn Du Baumann sehen solltest, sage ihm doch, daß ich so auf ihn warte.«
»Ich schicke ihn Dir gewiß gleich, verlaß Dich drauf.«
Als Bruno mit schwerem Herzen den Bruder verließ und hinunter und durch den Gartensaal ging, fand er dort seine Tante, die, ihre mageren Arme fest zusammengelegt, auf und ab ging.
Fräulein von Wendelsheim war nie, selbst nicht in ihren jungen Jahren, hübsch gewesen; denn eine scharfe Nase, sehr dünne Lippen und schlechte Zähne gaben ihren Zügen etwas Schroffes, Abstoßendes. Im reiferen Alter verschönerte sie sich natürlich nicht, und da sie sich auch nur sonst ausnahmsweise liebenswürdig zeigte und besonders mit ihrem Bruder in stetem Hader lebte, wunderte man sich allgemein, daß sie trotzdem bei einander aushielten. Auch die verstorbene Baronin hatte sich nie mit ihr befreunden können und sogar manchen heftigen Auftritt mit ihr, vorzüglich nach der Geburt des ersten Sohnes gehabt, auch damals ihren Gatten oft gebeten, ein Verhältniß zu lösen, das nach keiner Seite hin genügte. Die Dame besaß außerdem durch die Erbschaft einer Tante ein kleines Privatvermögen, mit dem sie recht gut hätte unabhängig leben können, aber zugleich eine solche Gewalt über ihren darin schwachen Bruder, daß sie ihren Platz hartnäckig behauptete und sogar schon nach dem Tod der Baronin als unumschränkte Herrscherin im Schlosse galt. Sie befahl und ordnete an, und wenn sich Dienstboten ihrem Willen nicht fügen wollten, gleichviel wie zufrieden ihr Bruder selber mit ihnen sein mochte, so mußten sie den Platz räumen -- und thaten's auch gewöhnlich gern, denn lange hielt es doch keiner von allen unter ihr aus.
Mit Bruno, dem ältesten Sohn, stand sie, wie schon erwähnt, auf keinem guten Fuß, obgleich der alte Pommer, der Kutscher, der Einzige, der noch aus jener Zeit seine Stellung behalten hatte, behauptete, als kleines Kind habe sie den Knaben sehr gern gehabt und ihn besonders verzogen. Nach der Geburt des zweiten Sohnes änderte sich das aber, und Bruno selber erinnerte sich nicht, so lange er wenigstens denken konnte, ein freundliches Wort von ihr gehört oder eine Liebkosung von ihr empfangen zu haben. Als Kind fühlte er das natürlich nicht so schwer; als er aber nach dem Tode der Mutter heranwuchs und sich vom Vater vernachlässigt, von der Tante zurückgesetzt, ja oft ungerecht mißhandelt sah, da ging er oft still hinunter in den Park, setzte sich dort auf eine Bank in dichtes Gebüsch hinein und weinte sich recht herzlich aus. Aber er gedieh trotzdem und vielleicht gerade dadurch so viel besser, daß sich Niemand viel um ihn bekümmerte, und als er an Jahren reifte und zu begreifen begann, daß er gerade, der Erbe des ganzen Besitzthums, des ganzen Vermögens der Wendelsheim, eigentlich wie ein Ausgestoßener oder doch nur Geduldeter im Hause behandelt würde, fing er an, rauhe Worte mit gleichen zu vergelten. Er und die Tante hatten da manchen Strauß, bis sich zuletzt ein recht gesunder Haß zwischen Beiden entwickelte, den Keiner vor dem Andern zu verbergen sich große Mühe gab.
Sonderbarer Weise hatte dabei der herangewachsene Mann unter all' den unfreundlichen Worten, die er als Kind und Knabe ertragen mußte, eins im Herzen bewahrt und nicht wieder vergessen können -- eins, das er als Knabe von etwa elf Jahren gehört, und das ihm wahrscheinlich nur deshalb unter all' den tausend anderen in der Erinnerung blieb, weil er es nicht begriff und damals schon oft und bitter darüber nachgrübelte. Es war gewesen, als er es zum ersten Male wagte, der Tante offen entgegen zu treten. Er hatte irgend eins der zahllosen ihm gestellten Verbote übertreten oder einem Befehl nicht gehorcht -- die Ursache war seinem Gedächtniß entschwunden, aber die Folgen blieben um so deutlicher darin, wie es ja oft geschieht, daß uns einzelne, oft unbedeutende Scenen der Kinderzeit, manchmal bis in die ersten Jahre zurück, unvergessen bleiben, während andere, viel wichtigere, gänzlich sich verwischen.
Er sah noch den Blick voll Haß und Zorn vor sich, mit welchem ihn die Tante ansah, als er ihr sagte, daß sie von den Leuten im Hause Beißzahn genannt würde, er sich aber nicht mehr von ihr beißen lassen wolle.
»Und wer bist Du denn?« hatte sie damals zu ihm gesagt. »Was wärest Du denn, wenn ich Dich nicht dazu gemacht hätte?« -- Er erinnerte sich auch, sie damals um die Erklärung der Worte gefragt zu haben, ohne aber eine Antwort darauf zu erhalten; sie schlug nur nach ihm, und als er ein auf dem Tische liegendes Messer ergriff, schrie sie um Hülfe, und der Vater gab ihm nachher drei Tage strengen Arrest bei Wasser und Brot auf seiner Stube mit so viel lateinischen Strafarbeiten, daß er sie kaum in der Zeit bewältigen konnte.
Von da ab war der Bruch mit der Tante vollständig ausgesprochen, hatte aber doch ein Gutes gehabt, denn sie wagte von dem Tag an nie wieder die Hand gegen ihn zu erheben, und nur in dem Hirn des Knaben arbeitete der Gedanke fort: »Weshalb hat mich die Tante zu dem gemacht, was ich bin? Was soll das heißen?« Er hatte aber Niemanden, gegen den er sich darüber aussprechen konnte -- seinen Vater wagte er nicht zu fragen, sein Bruder war noch zu klein, sein Hofmeister ein strenger, finsterer Pedant, der, wie leider nur zu viele Pädagogen, nichts auf der Gotteswelt in seinem ganzen Leben gelernt hatte als Griechisch und Lateinisch, und für welchen deshalb auch weiter nichts existirte. Und die Tante selber? Es lag ihm oft in ihrer Gegenwart auf der Zunge, aber er war viel zu stolz und trotzig, um sie ahnen zu lassen, daß er sich etwas zu Herzen genommen, was über ihre Lippen gekommen. Er haßte sie, wie nur ein mißhandeltes Kind ein Wesen hassen kann, dem es keine Rechte über sich zugesteht und von dem es sich ungerecht und schlecht behandelt weiß. Und was hatte er ihr je gethan, das zu verdienen? Nichts, das er sich denken konnte. So blieb denn die Erinnerung an jenen Morgen fest in seinem jungen Herzen verschlossen, und wie viele Jahre auch mit ihren frischeren Eindrücken darüber hingingen, aus allen hervor wuchsen immer wieder die da gehörten Worte: »Wer bist Du denn? Was wärest Du, wenn ich Dich nicht dazu gemacht hätte?«
Jetzt war er ein Mann geworden, und man hätte denken sollen, die Tante würde sich, mit der Gewißheit, daß er bald als Herr eines bedeutenden Vermögens dastehen mußte, freundlicher gegen ihn gezeigt und gesucht haben, die alten Erinnerungen aus der Jugendzeit zu verwischen. Es schien auch wirklich, als ob sie sich Mühe dazu gäbe; aber es gelang ihr trotzdem nicht. Selbst manchmal zwischen gleichgültigen Worten traf ihn ein Blick aus ihren kleinen, blitzenden Augen so giftig, so voll Haß und Zorn, daß er sie dann oft staunend ansah. Er wußte sich aber die Sache nicht zu erklären denn lange schon war kein böses Wort mehr zwischen ihnen gewechselt worden. Sie gingen nur einander aus dem Wege, wo sie konnten -- und weshalb dann noch dieser unauslöschliche Haß?
Als Bruno unten im Gartensaal die Tante traf und an ihrem ganzen Wesen bemerkte, daß sie nicht in besonderer Laune schien -- überdies ein sehr seltener Fall --, wollte er auch mit einem kurzen Gruß vorübergehen.
»Guten Morgen, Tante!« sagte er nur und schritt der Gartenthür zu.
»Und wen suchst Du?« fragte Fräulein von Wendelsheim, ohne selbst den Gruß zu erwiedern.
»Den Vater. Weshalb?«
»Du warst bei Benno oben?«
»Ja, Tante; er sieht heute recht krank und elend aus.«
»Und Du regst ihn nur immer noch mehr auf.«
»Ich rege ihn auf, Tante? Aber womit? Ich habe ihm nur »guten Tag« gesagt und bin dann gleich wieder fortgegangen. Er verlangt nach dem jungen Baumann.«
»Wenn der oben ist, kann er reden und erzählen, und wenn ich zu ihm komme, legt er sich hin und dreht das Gesicht der Wand zu.«
»Er bekommt manchmal plötzliche Schmerzen. Ich fürchte, seine Krankheit ist gefährlicher, als wir ahnen.«
»_Du_ fürchtest das?« sagte die Tante, und wieder traf ihn solch ein böser Blick aus ihren Augen.
»Und weshalb sollte _ich_ es weniger fürchten, weniger fühlen, Tante, als Ihr?« sagte Bruno erstaunt. »Glaubst Du, daß ich Benno weniger lieb habe als Ihr -- wenn Ihr ihn auch mehr geliebt habt als mich?«
»Ich sagte das nicht,« erwiederte finster die Tante und wandte sich von ihm ab; »Du drehst Einem die Worte im Munde herum. Ich glaube gar nicht, daß er so krank ist, sondern nur schwach und angegriffen, das meinte ich -- aber da kommt der Vater.«
Und damit ließ sie ihn stehen, verließ den Saal und warf die Thür hinter sich in's Schloß.
Bruno war stehen geblieben und sah ihr nach, und wieder tauchten jene geheimnißvollen Worte in ihm auf, die sie damals gesprochen; aber ein anderer Gegenstand beschäftigte seinen Geist -- was kümmerte ihn auch die Tante!
Draußen durch die Glasthür sah er seinen Vater kommen, und etwa zwei Schritt hinter ihm folgte der junge Baumann, der eine kleine, wunderlich geformte Maschine in der Hand trug. Der alte Herr hatte sich aber auf keine Unterhaltung mit dem »Handwerker« eingelassen; er wußte allerdings, daß Benno mit großer Liebe an dem jungen Mann hing, und Benno's wegen duldete er den Besuch, aber er sah ihn nicht gern und machte auch nicht viel Umstände mit ihm.
»Gehen Sie hinauf,« sagte er, als sie die Thür des Gartensaales erreichten; »Sie wissen den Weg. Benno ist oben und hat mich schon heute Morgen nach Ihnen gefragt; aber bleiben Sie nicht zu lange. Sein Kopf glüht jedesmal, wenn Sie ihn verlassen haben; der Arzt hat jede Aufregung streng untersagt.«
»Sehr wohl, Herr Baron,« sagte der junge Mann ruhig; »ich wäre auch gar nicht herausgekommen, wenn ich nicht geglaubt hätte dem Kranken eine Freude zu machen. Er hat mich gestern selber darum bitten lassen, und ich sagte es deshalb zu.«
»Es ist gut,« nickte ihm der Baron vornehm zu, und Baumann wollte mit einem kurzen Gruß an Benno vorüber der Verbindungsthür zuschreiten, als Bruno die Hand gegen ihn ausstreckte.
»Herr Baumann,« sagte er dabei, »ich habe Sie noch um Entschuldigung zu bitten, daß ich Sie neulich mit dem Pferd anritt; aber ich konnte wirklich nichts dafür. Der Weg war so eng und der Fuchs so ungezogen, daß ich nicht einmal im Stand war, ihn nachher einzuzügeln; er ging förmlich mit mir durch.«
»Herr Lieutenant,« sagte Baumann freundlich, »ich sah, daß das Pferd wild war, und habe später erfahren, wie gegründete Ursache Sie hatten, sich unterwegs nicht aufzuhalten. Ich erschrak allerdings im ersten Augenblick; das aber war auch das ganze Unglück, das Sie angerichtet haben. Reden wir nicht weiter davon.« -- Und ihn grüßend, schritt er den wohlbekannten Weg durch den Gartensaal dem Gange zu und die Treppe hinauf zu Benno's Zimmer.
»Guten Tag, Vater!« sagte der Officier, als der junge Handwerker das Zimmer verlassen hatte. »Ich wollte Dich eben aufsuchen, um ein paar Worte mit Dir zu reden.«
»Und was steht zu Diensten, wenn ich fragen darf?«
»Hast Du kein freundlicheres Wort für mich, Vater?«
»Du wirst wieder Geld haben wollen,« sagte der Baron mürrisch, »und Du weißt, daß ich nicht mehr im Stande bin, es Dir zu geben. Die Tausende und Tausende, die ich die langen Jahre für Dich ausgelegt, haben meine Mittel erschöpft, und es wird Zeit, daß Du zurückzahlst, was Du mich gekostet, aber nicht mehr verlangst.«
»Ich bin nicht um Geld gekommen, Vater,« sagte der junge Officier ruhig, »ich brauche keins, und hoffe mich bis zu dem Tage, wo die Erbschaft ausgezahlt wird, selber durchzubringen. Nachher magst Du von mir Ersatz für das »Ausgelegte« verlangen.«
»Und wie hast Du Dein Ehrenwort damals eingelöst? Wo hast Du das Geld aufgetrieben? -- wahrscheinlich die doppelte Summe dafür gezeichnet?«
»Ich habe es zu fünf Procent bekommen.«
»Zu fünf Procent?« rief der alte Mann, ihn mit einem ungläubigen Kopfschütteln von der Seite ansehend.
Bruno aber, darauf nicht achtend, fuhr langsam fort: »Allerdings bin ich dafür, wenn auch vollkommen freiwillig, eine Verbindlichkeit eingegangen, und um darüber mit Dir zu sprechen, heute hier herausgekommen.«