Der Erbe: Roman. Erster Band.

Part 13

Chapter 133,863 wordsPublic domain

»Na, das fehlte uns auch noch,« rief Frühbach, sich erschreckt festhaltend, »daß der alte, halbblinde Gaul mit uns durchgeht! Auf der einen Seite sieht er nicht einmal die Gräben.«

Der Kutscher, der wohl ein wenig eingenickt war, griff aber die Zügel auf, zog dem alten Gaul ein Paar mit der Peitsche über und brachte ihn bald wieder zu einem Verständniß seiner Lage, das er auch wohl kaum aus den Augen verloren. Er hatte sich nur einmal in Bewegung setzen wollen, oder auch vielleicht die schon ganz nahen Häuser von Vollmers entdeckt, wo er den Stall und dessen Futter kannte.

An eine weitere Unterhaltung war aber schon deshalb für die beiden Passagiere nicht mehr zu denken, weil hier das Pflaster begann und selbst der gegen Derartiges sonst ziemlich unempfindliche Rath beide Hände auf den Sitz stemmte, um sich gegen allzu hartes Stoßen zu sichern. Der Major aber memorirte laut seine sämmtlichen Flüche, die er auswendig konnte -- und es waren deren nicht gerade wenig --, bis sie endlich vor dem niederen, mit rothen Ziegeln gedeckten Wirthshause hielten und ein riesiges blaues Schild über sich sahen, auf dem ein feuerrother Engel abgemalt war, der eine rothe Trompete in der rechten und ein rothes Bierkrügel in der linken Hand hielt. Welcher Götterlehre er angehörte, ließ sich nicht bestimmen.

Rath Frühbach schien hier übrigens ein alter Stammgast zu sein, wenigstens wurde er so von dem Wirth empfangen, der mit dem freundlichsten Gesicht von der Welt, sein Käppchen in der Hand, unter der Thür stand und Hausknecht, Kellner und Stubenmädchen augenblicklich herbeirief, um den Herren beim Aussteigen zu helfen und Mäntel oder sonstiges Reisegepäck in das Haus zu tragen.

»Nun, Herr Müller, wie gehen die Zeiten?« sagte Rath Frühbach, als er glücklich ausgestiegen war und dem Major, der mit seinem Bein nicht so recht fort konnte, ebenfalls vom Wagen herunter geholfen hatte. »Haben doch 'was Ordentliches zu essen heute?« -- Er schien auf eine besondere Beantwortung der ersten Frage zu verzichten.

»Nun, danke bestens, Herr Rath,« sagte der gewissenhafte Gastgeber, »es geht ja immer so lala; meine Alte will nicht so recht fort -- hat immer mit ihrem Magen zu thun.«

»Daran ist der verdammte Aepfelwein schuld!« sagte der Major, eben nicht in bester Laune.

»Ein guter Freund von mir,« stellte ihn der Rath vor, »Herr Major von Halsen.«

»Sehr angenehm, Herr Major -- sollen bestens bedient werden. Wann befehlen die Herren zu speisen?«

»Was haben Sie denn? Das versprochene Wildpret fehlt doch nicht etwa?«

»Nein, gewiß nicht, Herr Rath; habe es Ihnen ja besonders hineinsagen lassen. Werde Ihnen doch keine Unwahrheit berichten. Aber die Speisekarte liegt drinnen auf dem Tisch.«

Der Rath nickte nur, denn eine weitere Unterhaltung war für den Augenblick, wo Wichtigeres ihnen bevorstand, unnöthig geworden, und die beiden Herren begaben sich in das untere Local, wo in einer der Ecken ein Tisch schon gedeckt stand; denn wenn auch Vollmers an keiner Poststraße lag, kamen doch eine Menge von Fuhrleuten vorüber und kehrten da ein, und Niemand lebt besser unterwegs, als ein Frachtfuhrmann.

Der Major hätte sich nun gern selber nach der verwittweten Müller im Ort erkundigt; aber bei ihm, als vollkommen Fremden, würde das gleich von vorn herein zu sehr aufgefallen sein, und er bat deshalb den Rath, das für ihn zu besorgen, und dazu war Frühbach auch der rechte Mann. Er fragte überhaupt ununterbrochen, und in seiner cordialen Weise (es hätte eigentlich auch einen andern Namen dafür gegeben, denn er behandelte die Leute gewöhnlich anscheinend freundlich, aber immer von oben herunter) fand er mit leichter Mühe einen Anknüpfungspunkt.

»Hören Sie einmal, Herr Müller,« sagte Frühbach, als der Wirth mit der Serviette unter dem Arm hinter ihnen am Tisch stand, »ist denn der Müller, der hier in Vollmers Butter und Käse verkauft, mit Ihnen verwandt? Er schreibt sich wenigstens ebenso.«

»Bitte um Verzeihung, Herr Rath,« sagte der Wirth mit Würde, »jener Müller stammt gar nicht aus unserer Gegend; er ist aus dem Mecklenburgischen hieher eingewandert.«

»Ih, sehen Sie einmal an,« rief Frühbach, »da sind wir ja Landsleute. Waren Sie schon einmal in Mecklenburg, Herr Müller?«

»Nein, bedaure sehr,« sagte der Wirth.

»Na, da haben Sie gar nichts zu bedauern,« meinte trocken der Major, »wenn Ihnen weiter kein Unglück begegnet ist.«

»Hm!« sagte der Rath aber, der, ganz aus seiner sonstigen Sphäre, wo er nur im Allgemeinen wie ein Fisch im Ocean herumschwamm, heute einmal auf ein besonderes Ziel lossteuerte. »Ich dächte aber doch, Sie hätten mir einmal von Verwandten von Ihnen erzählt, die hier noch im Orte leben.«

»Wüßte wirklich nicht, wer das sein sollte,« sagte Herr Müller achselzuckend. »Es sind allerdings noch Zwei meines Namens hier im Ort: der Bäcker heißt Müller und dann lebt hier eine verwittwete Müller, die lange in England war; sie wollte einmal nach Amerika, aber das Schiff wollte nicht, wie sie hier sagen -- doch ich bin mit allen Beiden nicht im entferntesten verwandt. Lieber Gott, der Name kommt ja so häufig vor!«

»Ja, da haben Sie recht,« nickte der Rath. »Hören Sie, Herr Müller, der Hirschbraten ist wirklich delicat; ich habe lange nichts Zarteres gegessen.«

»Freut mich, wenn er Ihnen schmeckt, Herr Rath.«

»Und noch eine Flasche Aepfelwein, bitte. Aber Sie trinken ja gar nicht, Major.«

»Danke, habe mir ein Glas Bier bestellt und verzichte auf den Aepfelwein -- kann das Zeug nicht vertragen.«

»Es ist die reine Muttermilch,« sagte der Rath; »aber was ich gleich fragen wollte: also die Frau war so lange in England?«

»Die Müller? Ja wohl -- sie spricht auch das Engländische, und wenn sie sich mit ihrer Tochter manchmal unterhält, kann sie kein Mensch verstehen. Das ist eine verflixte Sprache, und so geschwind geht's -- aber man muß es auch können.«

»Ach ja, ich dächte, davon hätte ich gehört,« fuhr der Rath, heftig dabei kauend, fort. »Ist die Tochter nicht an einen gewissen Becker, einen Telegraphen-Beamten, verheirathet?«

»Nein, Herr Rath, doch nicht; an einen sogenannten Geodäten, einen Herrn Melker, der jetzt in Rübhausen stationirt ist, um dort die Zusammenlegung der Felder zu bewerkstelligen.«

»Ach ja, das ist recht, Melker hieß er -- wie komm' ich denn nur auf Becker? Aber es klingt ähnlich. Da war einmal in Schwerin ein Mann, der hieß Beyer, aber mit einem e und y geschrieben; Gott, ich habe ihn noch so genau gekannt -- ich brachte ihn später als Schreiber beim damaligen Regierungspräsidenten Utrecht, einem intimen Freund von mir, unter. Aber da wohnte noch ein anderer Mann, ein Schuhmacher, Namens Bayer, mit a und y, in der Stadt, und die Beiden wurden doch fortwährend mit einander verwechselt. So schickte ich einmal mein Mädchen zu dem Bayer mit einem a, der gerade für uns arbeitete, um ihn zu mir zu bestellen, weil er mir das Maß zu einem Paar neuer Stiefel nehmen sollte; ich litt damals sehr an Hühneraugen, und die alten Stiefel drückten mich. Aber das Mädchen ging wahrhaftig zum Regierungspräsidenten hinauf und bestellte mir den Schreiber, weil der schon ein paarmal bei mir im Hause gewesen war, und nachher mußte sie denn richtig noch einmal zu dem wirklichen Bayer mit einem a gehen. Ueberhaupt, man glaubt gar nicht, was so ein einziger Buchstabe im Namen für einen Unterschied macht. Da war in Schwerin ein Schneider...«

»Ich dächte, einen Geodät Melker hätte ich auch einmal gekannt,« fiel hier der Major ein, denn der Rath ging wieder durch. »Kommt er manchmal hier herüber?«

»Ach, habe ihn erst heute Morgen gesehen,« sagte der Wirth; »ich glaube, er kam herüber, um seine Frau abzuholen, die hier ein paar Tage bei ihrer Mutter zum Besuch war.«

»In der That?« sagte der Rath, dadurch wieder zur Gegenwart zurückgerufen, da er sonst nur eigentlich in der Vergangenheit lebte. »Da könnten wir ja einmal nach dem Essen hinübergehen, Major, denn einen Verdauungs-Spaziergang müssen wir doch machen. Wohnt sie weit von hier?«

»Nein, gleich dort hinter dem Garten, Herr Rath. Wenn Sie um die Ecke vom Zaun herumbiegen, sehen Sie das kleine hübsche Häuschen gleich vor sich. Die Müller hat eigentlich das hübscheste Häuschen im ganzen Ort.«

»So? Na, dann wollen wir nachher einmal da vorbeischlendern und es uns ansehen -- also so ein hübsches Häuschen. Sie ist da wohl reich?«

Der Wirth zuckte mit den Achseln. »Wer kann's wissen?« sagte er. »Sie zeigt's wenigstens Niemandem und lebt einfach und zurückgezogen genug -- hat aber auch, das muß wahr sein, keinen Pfennig Schulden im Ort. Man bekommt sie jedoch wenig zu sehen. Sie sitzt fast immer im Hause und näht, oder liest auch wohl in einem Buche; aber wahrhaftig,« unterbrach er sich rasch, als ein Wagen draußen vorbeirollte, »da kommt gerade die Tochter mit ihrem Manne an. Die fahren jetzt wieder nach Rübhausen zurück. Nun haben Sie ihn verpaßt. Na, ein andermal trifft sich's vielleicht besser.«

Der Major war aufgesprungen und an's Fenster getreten. Ein leichter, hübscher Korbwagen, vortrefflich in Federn hangend, rasselte vorüber. Ein sehr anständig gekleideter Herr von vielleicht zweiunddreißig Jahren fuhr, und neben ihm saß, ebenfalls städtisch, aber sehr einfach gekleidet, ein junges, allerliebstes Frauchen und lachte und plauderte mit ihm.

»Also das ist die Tochter?« nickte der Major, sich wieder abwendend, denn der Wagen bog in dem Augenblick um die Ecke. »Sie sieht ja beinahe aus wie eine Dame.«

»Ja,« nickte der Wirth, »ein sehr hübsches Weibsen ist es und eine gute, tüchtige Frau dabei. Die Mutter hat sich's aber auch 'was kosten lassen, um sie zu erziehen, das muß wahr sein, und der Herr Melker das große Loos dabei gezogen.«

Der Rath stieß den Major heimlich an, blinzelte ihm über die Brille zu, flüsterte: »'s ist Alles in Richtigkeit!« und setzte sich dann wieder zu seinem Wildbraten nieder, um noch einmal von vorn zu beginnen. Er rühmte sich nicht mit Unrecht, daß er für drei Mann essen und trinken könne. Dem Major brannte aber jetzt der Boden unter den Füßen, und wenn ihn auch ein eigenes, unbehagliches Gefühl beschlich, sobald er daran dachte, daß die Entscheidung seines lange gehegten Zieles -- denn dies war seine letzte Hoffnung -- so nahe sei und er zu dem Zweck einer vollkommen fremden Person in das Haus rücken solle, so war er doch nicht der Mann, von der einmal begonnenen Sache nun zurückzuschrecken. Je eher sie abgemacht wurde, desto besser. Es dauerte freilich noch eine Weile, bis er den Rath hinter dem Tisch vorbrachte, aber es gelang doch endlich, und die Beiden schritten jetzt langsam erst eine Strecke durch den Ort hinauf, um ihr Ziel nicht gleich zu verrathen, und dann der bezeichneten Richtung zu, wo sie das kleine Haus auch bald in Sicht bekamen.

Es war in der That ein freundliches Plätzchen, klein und beschränkt freilich -- wenigstens dem äußeren Anschein nach --, aber außerordentlich sauber gehalten, ordentlich beworfen und licht bemalt, sowie mit grünen Jalousien versehen; auch schien das daranstoßende Gärtchen sorgsam gepflegt, und selbst über die Hecke herüber schauten blühende Rosenbüsche. Das Ganze war in der That wie ein kleines Idyll, und man dachte sich unwillkürlich ein reizendes, zartes Wesen, das jetzt dort hinter den Blumen am Fenster an einer Stickerei arbeiten und vielleicht einmal mit dem Lockenkopf hinausschauen müsse.

Hinter den Blumen am Fenster war aber nichts als eine große weiße Haube zu erkennen, die sich auch gar nicht regte, als die beiden Fremden vorübergingen.

»Hören Sie, Major,« sagte der Rath, indem er von der Seite über die Brille hinüberschielte, »das erinnert mich an ein Abenteuer in Schwerin, wo ich....«

»Thun Sie mir den einzigen Gefallen,« unterbrach ihn der Major, »und erzählen Sie mir jetzt nichts; ich fange außerdem schon an ganz nervös zu werden. Wollen wir hinein?«

»Nun, versteht sich von selbst,« sagte der Rath; »wir sind einmal da und müssen nun auch durch. Wie wollen Sie aber anfangen? Wir müssen doch gewissermaßen eine Introduction haben, nachher macht sich dann Alles von selber. Könnten wir zum Beispiel nicht nach Herrn Melker fragen? Wir wissen jetzt genau, daß er nicht da ist.«

»Daran habe ich auch schon gedacht,« sagte der Major; »aber nachher?«

»Dann lassen Sie mich nur das Uebrige besorgen; ich knüpfe mit allen Menschen ein Gespräch an, wenn ich sie nur erst einmal fest habe, und eine Einleitung zu unseren Fragen ist ja auch dadurch gegeben, daß Sie mit der Familie Wendelsheim, in der sie selber früher gedient hat, verwandt sind. Fangen Sie zum Beispiel nachher einmal von der in der nächsten Zeit fälligen Erbschaft an, und wir sehen dann gleich, was sie dazu für ein Gesicht macht; ich werde sie indessen beobachten. Donnerwetter, Major, zwei alte Knaben, wie wir sind, und mit allen Hunden gehetzt, sollen es doch wohl in der Intelligenz mit einer alten Frau aufnehmen können!«

»Und wenn sie nichts gesteht?«

»Sie braucht nicht direct zu gestehen, lieber, bester Freund,« versicherte ihm der Rath, »und wird das auch auf keinen Fall, davon bin ich schon jetzt vollkommen überzeugt, ohne sie nur einmal gesehen zu haben. Ich verlange auch weiter nichts, als daß sie sich nur ein einziges Mal verschnappt, nur mit Einer Silbe, daß sie sich nur einmal widerspricht; dann haben wir sie fest, und daß dann die Gerichte das Andere aus ihr herausbekommen, darauf können Sie sich fest verlassen. Sagen Sie mir nur um Gottes willen, weshalb Sie mit dem Allen erst jetzt herausrücken, und nicht schon vor zwanzig Jahren, als die Sache noch warm war, ihr zu Leibe gegangen sind?«

»Lieber, bester Freund,« sagte der Major, »das wäre allerdings besser gewesen; aber gerade in der Zeit, in der das Kind geboren wurde, befand ich mich in Rußland, und als ich nachher zurückkehrte, waren die Leute, die damals in Wendelsheim gedient, so in alle Welt zerstreut, daß meine Bemühungen vergeblich blieben. Erst jetzt, nachdem über dem Ganzen scheinbar Gras gewachsen, haben sie sich wieder eingefunden, und jetzt, ja, ich kann wohl sagen, eigentlich in den letzten Tagen und so recht vor Thorschluß, bin ich erst auf die richtige Fährte gekommen. Aber es ist selbst jetzt noch nichts versäumt.«

»Gott bewahre, Gott bewahre,« nickte der Rath; »ein Heidenglück nur, daß Sie wenigstens jetzt noch auf die Spur kamen, denn ein paar Wochen später hätten Sie einpacken und mit langer Nase abziehen können! Doch wir wollen umkehren -- jetzt hilft's nichts. Also die Zähne zusammengebissen, Major, und fest vorwärts. Umbringen kann sie uns nicht, und im schlimmsten Fall sind wir immer unserer Zwei!«

Die beiden Verbündeten, die indessen eine Strecke auf der Straße hinausgegangen waren, so daß sie schon die Felder wieder vor sich sahen, drehten jetzt um und schritten direct auf das Haus der Wittwe Müller zu, dessen Pforte, da der Eingang durch den Garten führte, sie bald darauf erreichten. Draußen war auch eine Klingel angebracht; die Glocke hing inwendig am Pfosten, und der Rath streckte schon den Arm nach dem Griff aus, als er plötzlich sagte:

»Hören Sie, Major, wenn wir jetzt hier läuten, steckt sie am Ende den Kopf zum Fenster heraus und fertigt uns gleich auf der Straße ab. Das wäre Pech!«

»Vielleicht ist die Thür offen; fassen Sie einmal auf die Klinke.«

»Wahrhaftig,« sagte der Rath, indem er die Klinke probirte, »das war ein guter Gedanke. Die Zugbrücke ist nieder, nun laufen wir Sturm, he, Major? Also vorwärts marsch, ich sehe schon, ich muß die Leitung doch wohl übernehmen!«

12.

Frau Müller.

Die beiden Verbündeten traten in den Garten, den sie auf das fleißigste gehalten und gepflegt fanden, und Keiner von ihnen dachte wohl daran, daß sie in diesem Augenblick gerade im Begriff standen, ihr Möglichstes zu thun, diesen Frieden zu stören und die glückliche Besitzerin desselben in das Zuchthaus zu liefern. Dem Rath war die Sache auch noch viel zu neu, und er hatte sie sich, mit dem Reiz des Abenteuerlichen, der sie umgab, noch gar nicht ordentlich zurechtlegen können, und der Major, nur das Ziel vor Augen, dem er entgegenarbeitete, schien Alles, was sich ihm in den Weg stellen wollte, gerade wie ein wilder =steeple-chaser=, als gar kein Hinderniß zu betrachten. Hier galt, wie er sich die langen Jahre hindurch fest eingeredet, nur das Recht, und einzig und allein das Recht, und der alte Baron, den er von Grund seiner Seele aus haßte, mußte für verübtes Unrecht bestraft werden. Daß er damit dann nachher Alle, die ihm dabei geholfen, mit hineinzog, daran dachte der Major gar nicht, oder wenn er daran dachte, war es ihm vollkommen gleichgültig. Vorwärts! Der Rath hatte ganz recht; das war das einzige Wort, das jetzt für sie galt, und mit festen, entschlossenen Schritten ging er auf die grün gemalte Thür zu, die ihn noch von seiner Beute trennte.

Diese fanden die beiden Herren aber nicht offen, doch war ebenfalls ein Klingelzug dort angebracht, und ohne auch nur noch einen Augenblick durch unnützes Zögern zu verlieren, zog der Rath daran.

Drinnen im Hause ging gleich darauf eine Thür, und es dauerte nicht lange, so wurde innen ein Riegel zurückgeschoben und die Pforte geöffnet, wobei sie sich einer ziemlich robusten Dame »in den besten Jahren« gegenüber sahen.

Die Dame trug ein dunkelrothes Kattunkleid mit engen Aermeln, dazu eine schneeweiße Haube und eben solchen Halskragen, und sah überhaupt recht sauber und adrett aus. Aber ihr Gesicht gefiel dem Major nicht; um den Mund, auf dessen Oberlippe ein kleiner Anlauf zu einem Schnurrbart sichtbar wurde, lag ein Zug, der etwa ausdrückte: »Ich habe etwas durchgesetzt in meinem Leben und kümmere mich den Henker um die Welt!« Die ziemlich starken Augenbrauen waren ihr dabei über der Nasenwurzel zusammengewachsen, und ein Paar große blaue Augen sahen mehr forschend als freundlich darunter vor. Aber nicht gerade unfreundlich sagte sie, als sie die Fremden in ihrem Garten sah: »Und mit was kann ich den Herren dienen?«

»Sie entschuldigen, verehrte Frau,« nahm hier der Rath das Wort, »wie ich gehört habe, befindet sich gerade ein alter Bekannter von mir, Herr Melker, bei Ihnen?«

»Das thut mir leid,« sagte die Frau, »mein Schwiegersohn ist eben fortgefahren; meine Tochter war auf Besuch bei mir, und die hat er wieder abgeholt.«

»O, das bedauere ich doch wirklich sehr,« sagte Rath Frühbach, indem er sich die Stirn mit einem riesigen seidenen Taschentuch abwischte, »ich hätte ihn so gern gesprochen! Können Sie uns nicht vielleicht sagen, wann er zurückkehren wird?«

»Thut mir leid, weiß ich aber nicht,« entgegnete ruhig die Frau.

»Sie sind auch vielleicht nicht im Stande, uns zu sagen, wann er seine Arbeiten dort beendet haben wird?« fuhr Frühbach unverdrossen fort. »Ich habe selber ein Gut -- warten Sie, wo ist denn gleich die Liste...« -- Und er nahm dabei sein Taschenbuch heraus.

»Wollen denn aber die Herren nicht näher treten?« sagte Frau Müller, die jetzt nicht anders vermuthen konnte, als daß es sich um einen neuen Auftrag und Verdienst für ihren Schwiegersohn handle. »Sie stehen hier so draußen auf dem Flur...«

»Wenn wir Sie nicht stören, verehrte Frau...«

»Bitte, ganz und gar nicht. Seien Sie so gut und kommen einen Augenblick mit hier herein; ich bin ganz allein, und wenn ich Ihnen irgend eine Auskunft geben kann...«

Die Herren ließen sich natürlich nicht lange nöthigen. Rath Frühbach ging mit seinem gewinnendsten Lächeln voran, und der Major folgte ihm dicht auf dem Fuße.

Das Zimmer sah außerordentlich sauber aus; es war allerdings sehr einfach möblirt, aber doch mit Geschmack, und die vielen Blumen besonders, der frisch gestreute Sand und die Sonne, welche auf dem Ganzen lag, gaben ihm etwas unendlich Freundliches. Die Frau selber benahm sich dabei mit vielem Anstand; man sah es ihr an, daß sie sich häufig in gebildeten Kreisen bewegt haben mußte, und die Art, wie sie sich selber wieder auf ihren Stuhl niederließ und den beiden Herren winkte, auf zwei anderen Sesseln Platz zu nehmen, hatte wirklich etwas Vornehmes.

An Frühbach, während es dem Major imponirte, ging das aber vollständig verloren; er nahm mit seinem wohlwollendsten Lächeln Platz und begann dann auch eine längere Erzählung (während er noch immer in seiner Brieftasche herumsuchte), die sich einzig und allein um sein Rittergut und die dort vorhandene Nothwendigkeit drehte, die Zusammenlegung der Felder so rasch als irgend möglich in Angriff zu nehmen. Dadurch aber gewann der Major Zeit, um seinen Schlachtplan zu entwerfen, und wenn Frühbach einmal, was aber nicht so bald geschah, eine Pause machte, nahm er selber das Gespräch auf und sagte:

»Nicht wahr, Madame, Sie waren früher auch einmal -- es sind jetzt freilich schon lange Jahre her -- in dem Hause meines Vetters, des Freiherrn von Wendelsheim?«

»Ei gewiß,« erwiederte Frau Müller, die, wie sich bald herausstellte, trotz ihres etwas absprechenden Wesens eine Unterhaltung liebte; sie mußte nur erst einmal warm werden. »Also das ist ein Herr Vetter von Ihnen? Ein lieber, braver Herr! -- Jawohl, ich war Amme dort im Hause, gleich nachdem mir mein Töchterchen, die Martha, geboren war, und mein Mann wollte es damals eigentlich nicht zugeben, aber lieber Gott, was konnten wir machen -- die Frau Baronin war so leidend, auch immer so gut mit uns gewesen, da mußten wir ja zuletzt nachgeben, und meine kleine Martha wurde unterdessen zu Hause mit Milch großgezogen. Das Kind ist auch wohl dadurch ein bischen schwächlich und zart geblieben, aber doch, Gott sei Dank, gesund und kräftig, und ich habe mir später keine Vorwürfe zu machen gebraucht.«

»Die beiden Kinder sind also wohl so ziemlich in Einem Alter?« fragte der Major.

»Ja, gewiß,« sagte Frau Müller, »kaum achtundvierzig Stunden auseinander -- ja, und es kam mir damals schwer genug an, den armen kleinen Wurm allein zu lassen, aber der Herr Baron schickte seinen eigenen Wagen, eine große Glaskutsche, und es half nichts, ich mußte hinein.«

»Mein Vetter,« sagte der Major, der jetzt glaubte von einer andern Seite angreifen zu müssen, »war eigentlich bei seinen Leuten nicht besonders beliebt. Seine Frau soll ein Engel gewesen sein, und sie hat auch, wie ich Ursache habe zu vermuthen, viel ertragen; aber er selber hatte immer etwas entsetzlich Stolzes und Hartes, und seine Familie kann davon besonders erzählen.«

»Wie es mit der Familie gewesen ist, weiß ich nicht,« sagte die Frau; »gegen mich und die Leute war er immer sehr gut, besonders gegen mich und den kleinen Baron -- Du lieber Gott, er wußte gar nicht vor Seligkeit, was er mit dem Kind Alles anfangen sollte! Ordentlich mit Gewalt haben wir's ihm manchmal wegnehmen müssen, so sprang und tanzte er damit herum, und wollte sich gar nicht zufrieden geben, daß die gnädige Frau Tante oft mit ihm zankte und böse wurde.«

»Die gnädige Frau Tante?«

»Nun, dem gnädigen Herrn seine Schwester, ein Fräulein von Wendelsheim, die auch, glaub' ich, jetzt noch immer im Hause ist. Das war aber ein bitterböses Frauenzimmer, wir nannten sie nur immer den Beißzahn, und wenn sie damals schon wie ein Beißzahn auftrat, so gnade Gott jetzt die armen Dienstboten, die unter ihr stehen müssen!«

»Das gnädige Fräulein führte wohl den Oberbefehl im Hause?« warf der Rath eine Frage ein.

»Ja, und führt ihn wahrscheinlich noch,« nickte Frau Müller; »denn sie sah mir nicht danach aus, als ob sie sich irgend 'was aus den Händen winden ließe. Sie biß eher.«

»Aber mit dem Kinde war sie gut?«

»Ich weiß es nicht,« sagte achselzuckend die Frau; »manchmal, ja. Dann aber betrachtete sie es auch wieder mit ganz finsteren Blicken und konnte oft stundenlang kein freundliches Wort -- was überdies selten genug aus ihrem Munde kam -- mit irgend einer Seele reden.«

Der Rath warf dem Major einen bedeutungsvollen Blick zu; dieser aber, ohne ihm zu begegnen, wenn er ihn auch gemerkt hatte, fuhr langsam fort:

»Es ist sonderbar, aber es wurde damals viel über das Kind gesprochen; die Leute hörten nicht auf, sich die verschiedensten Sachen zu erzählen....«