Part 12
»Ja, wie sie jetzt heißt, weiß ich nicht einmal -- mit Vornamen Martha, und ihre Mutter war eine verehelichte Müller. Jetzt hat die Tochter aber einen Feldmesser geheirathet, und wenn ich den Namen auch schon gehört habe, kann ich mich doch nicht mehr darauf besinnen. Uebrigens erfährt man das leicht in Vollmers.«
»Und ist sie jetzt dort?«
»Kann ich auch nicht sagen; sie soll manchmal zum Besuch hinkommen. Sie wohnt mit ihrem Mann eine Stunde weiter, in Rübhausen; aber die Mutter treffen Sie jedenfalls.«
»Vollmers liegt etwa anderthalb Stunde entfernt....«
»Knapp; es giebt noch einen näheren Weg über den Wald.«
»Tettelberg, wenn ich etwas in der Sache ausrichte, soll es Ihr Schaden nicht sein.«
Der Alte schüttelte den Kopf. »Wenn die Müllern noch ein solch' resolutes Frauenzimmer ist wie früher,« sagte er, »so werden Sie wohl unverrichteter Sache wieder zurückkommen. Ueberdies ist es auch ein bös Ding, etwas Derartiges, was so lange geschlafen hat, wieder aufzurühren. Wenn ich wie Sie wäre, ging ich verwünscht vorsichtig dran, oder -- ließe es am allerliebsten ganz zufrieden. Mit der Müllern ist nicht gut spaßen.«
»Wenn die Sache einen Haken hat,« sagte der Major, »so fass' ich sie, darauf können Sie sich verlassen.«
»Manchmal bleibt man auch an so 'nem Haken hangen,« meinte der Alte, »und ich könnte Ihnen da, wie mein Nachbar, der Herr Rath Frühbach, sagt, eine Geschichte erzählen. Mit dem Herrn Baron von Wendelsheim ist ebenfalls nicht zu spaßen; ich kenne den Herrn, und wenn der etwas davon erführe, hing er Ihnen den schönsten Proceß an den Hals.«
»Proceß?« rief der Major, denn Processe waren ja gerade sein Steckenpferd. »Damit soll er nur kommen, weiter verlange ich gar nichts! Dem wollen wir heimleuchten, dem alten Cujon und Schuldenmacher! Den Henker auch -- kein Ziegel auf den Dächern von ganz Wendelsheim ist ja noch sein eigen, und die ganzen langen Jahre borgt er nun schon auf das Capital los, das sein Sohn einmal erben soll! Hab' ich recht oder nicht?«
Der alte Gärtner zuckte die Achseln. »Das sind Dinge,« sagte er, »von denen ich nichts weiß, und die mich nichts angehen, Herr Major, möchte auch nichts damit zu thun haben. Außerdem muß ich Sie auch bitten, mich nicht als Zeugen aufzurufen, wenn die Sache wirklich vor Gericht kommen sollte.«
»Aber Sie können doch aussagen, was Sie gesehen haben?«
»Wenn ich etwas gesehen hätte, ja; aber so war's dunkel und Regenwetter noch dazu, und das wissen Sie wohl, im Dunkeln sind alle Katzen grau.«
»Ihr habt Alle solch eine Heidenangst vor den Gerichten,« sagte der Major, eben nicht besonders erfreut, daß ihm der alte Gärtner auch wieder zwischen den Fingern durchschlüpfen wollte; »die beißen Einen doch wahrhaftig nicht, und Recht muß am Ende doch Recht bleiben! Was können sie Euch thun, wenn Ihr bei der Wahrheit bleibt, heh? Gar nichts!«
»Ich kann aber auch nichts nützen,« meinte der Alte, »und habe im günstigsten Falle nur Lauferei und Aerger davon. Ich wollte überhaupt, die Meier hätte das Maul gehalten; da sie es aber in ihren jungen Jahren nicht gethan, so war kaum zu erwarten, daß sie in ihren alten damit anfangen würde.«
»Und wie kann ich am besten nach Vollmers hinaus?« fragte der Major. »Eine Post geht wohl gar nicht hin?«
»Post? nein,« sagte Tettelberg; »aber ich glaube, der Herr Rath Frühbach könnte Ihnen da die beste Auskunft geben; der fährt manchmal hinüber und bezieht auch seinen Aepfelwein daher. In Vollmers pressen sie eine Menge Aepfel, und der Wein schmeckt auch gar nicht so schlecht -- wer ihn eben vertragen kann. Ich bekomme immer Leibschneiden danach.«
»Hm, so?« sagte der Major, noch nicht recht mit sich einig, ob er den Rath Frühbach zum Vertrauten gebrauchen könne. Der Mann hatte jedenfalls viel in seinem Leben gesehen und durchgemacht und war auch vielleicht praktischer Art -- er wußte es nicht; aber er fürchtete sich vor seinen endlosen Geschichten, die wie die Bilder eines Kaleidoskops, immer und ewig aus demselben gehackten Material bestehend, einen langweiligen Stern darstellten. Da er übrigens so unmittelbar neben seinem Hause war, beschloß er, einmal hinüber zu gehen. Die Familie traf er ja auch wohl im Garten, und konnte dann, was er zu fragen hatte, im Vorbeigehen abmachen.
»Also, Tettelberg,« sagte der Major, indem er dem Gärtner die Hand reichte, »ich danke Ihnen vorläufig für die ertheilte Auskunft, und wenn ich von Vollmers zurückkehre und etwas ausgerichtet habe, komme ich noch einmal heraus, und wir verabreden das Weitere.«
»Wird wohl weiter nichts zu verabreden sein, Herr Major,« sagte der Mann in der hartnäckigen Weise alter Leute; »wenn Sie sich denn absolut die Finger verbrennen wollen, ich kann's nicht hindern. Durch Schaden wird der Mensch klug, sagen die Leute; manchmal dauert's aber lange.«
»So wollen wir denn sehen, Tettelberg, daß wir den alten Baron klug machen können,« nickte der Major, viel zu verbissen auf sein Steckenpferd, um auch nur eines Haares Breite davon abzuweichen. »Guten Morgen!« Und sich an seinem Stock emporrichtend, denn er war auf dem harten Stuhl ganz steif geworden, humpelte er zur Thür hinaus wieder in's Freie.
Draußen hinkte der Major zuerst einmal um das Haus herum, wo der Rath wohnte, weil er ihn vorher da bei der Fruchtlese getroffen; aber der Weg wurde ihm nicht so leicht gemacht, denn quer vor dem schmalen Gang, der dorthin führte, hingen ein paar alte wollene Decken, die so schmutzig aussahen, daß sich der Major ekelte, nur daran zu streifen. Er wollte auch schon umkehren, aber sein Bein that ihm weh. Er scheute den Umweg, und vorsichtig mit dem Stock die eine Decke emporhebend, bückte er sich mit einem leise gemurmelten Fluch darunter durch und fand sich jetzt in dem Garten selber, aus dem aber die Familie verschwunden schien. Er konnte wenigstens Niemanden mehr darin entdecken, als einen Jungen, der eben an einem Birnbaum schüttelte, um die letzten Birnen davon herunter zu bekommen. Den rief er an; der Junge mochte aber wohl unter dem »falschen Baume« gewesen sein und hatte kein gutes Gewissen, denn er sah sich gar nicht einmal um, _wer_ ihn gerufen haben könne, sondern fuhr gleich zwischen die nächsten Büsche hinein, hinter denen er verschwand und nicht wieder zum Vorschein kam.
Dem Major blieb jetzt nichts weiter übrig, als in das Haus selber zu gehen und dort den Rath aufzusuchen, und er entschloß sich gerade nicht gern dazu, blieb auch wirklich noch einmal stehen und überlegte sich die Sache, als plötzlich ein Fenster geöffnet wurde und die wohlbekannte Stimme des Raths herausrief:
»Ah, bester Major, wie haben _Sie_ sich einmal in diesen entlegenen Winkel verloren? Wollen Sie denn nicht näher treten? Ich ziehe mich gerade an und begleite Sie dann ein Stück.«
»Ei guten Morgen, mein lieber Rath!« sagte der Major, dem jetzt wenigstens die Wahl erspart worden. »Werde so frei sein« -- und den Weg dahin einschlagend, betrat er gleich darauf das Haus.
Der Rath wohnte parterre und hatte ein ganz bescheidenes Schild an seiner Thür, auf dem nur der Name Frühbach stand. Die Thür war auch nicht verschlossen, und der Major gerieth in einen langen schmalen Gang mit einer Unzahl Thüren, aus welchen er nicht gleich die rechte herausfinden konnte. An der rechten Seite war aber eine geöffnet -- wie er gleich darauf bemerkte, die Küche, und dort handirte ein weibliches Wesen in einem sehr schmutzigen Ueberrock von verschossener Barège, aber ohne Schürze, das er natürlich für die Köchin oder das Hausmädchen hielt.
»Können Sie mir wohl sagen, liebes Kind,« fragte er dieses, »in welchem Zimmer ich den Herrn Rath finde.«
»Gehen Sie nur gerade aus,« lautete die Antwort, »mein Mann ist in der letzten Stube links.«
»Bitte,« sagte der Major erschreckt, einen solchen Verstoß gegen die Höflichkeit und die Frau vom Hause zugleich begangen zu haben. »Entschuldigen Sie, es ist hier so dunkel im Vorsaal....« Und damit wandte er sich, immer still mit dem Kopf schüttelnd, der bezeichneten Thür zu. Er hatte aber die letzten Worte der Frau gar nicht mehr gehört, ging geradeaus und öffnete die dort befindliche Thür, schloß sie aber eben so rasch wieder, denn er war in das Heiligthum eines Schlafzimmers im Urzustand gerathen.
»Hier herein, bester Freund! Hier herein!« rief der Rath und stieß seine eigene Thür auf. »Sie wären beinah' in das falsche Zimmer gefahren, heh? Treten Sie nur näher, ich bin den Augenblick fertig -- na, wie geht's? Das ist gescheidt, daß Sie sich auch einmal bei mir sehen lassen!«
»Es thut mir leid, daß ich Sie störe, bester Freund,« sagte der Major, der den Rath noch in schon seit einiger Zeit getragenen Unterhosen fand, während seine übrigen Kleidungsstücke im Zimmer umhergestreut lagen.
»Mich stören? Nein, sicher nicht!« lachte der freundliche alte Herr. »Sie sehen ja, daß ich mich gar nicht stören lasse -- aber bitte, wollen Sie nicht Platz nehmen?«
»Danke Ihnen, habe die ganze Zeit gesessen,« sagte der Major, der in der Stickluft des Zimmers, die so unangenehm nach Schweiß roch, kaum zu athmen vermochte. »Wenn Sie erlauben, gehe ich einen Augenblick an das Fenster, indessen ziehen Sie sich fertig an. Famoser Garten, das!«
»Ja, recht hübsch,« sagte der Rath, während der Major das Fenster öffnete.
»Aber wer wohnt hier über Ihnen?«
»Ueber mir? Ist augenblicklich gar nicht vermiethet -- zwei Treppen hoch wohnt ein Beamter.«
»Hören Sie, lieber Rath,« sagte der Major -- denn gerade vor dem Fenster hingen die beiden wollenen Decken -- »dem würde ich dann aber nicht erlauben, mir die beiden Schmierlappen da gerade vor die Nase zu hängen -- Alles, was recht ist, aber....«
»Die beiden Decken?« sagte Frühbach, zum Fenster hinaussehend. »Das sind ja meine eigenen -- in denen schlafe ich jede Nacht.«
»In _den_ Decken?« sagte der Major, wirklich starr vor Schrecken.
»Ja, sehen Sie, lieber Freund,« fuhr der Rath fort, »ich muß jede Nacht tüchtig schwitzen -- wenn ich nicht schwitze, leidet meine Verdauung, und da ich genöthigt bin, mit meiner Gesundheit sehr vorsichtig zu sein....«
»Ob Sie noch frühstücken wollen, ehe Sie ausgehen, Herr Rath?« sagte in diesem Augenblick ein ziemlich sauber gekleidetes Dienstmädchen, das, trotz der etwas derangirten Toilette des Hausherrn den Kopf in's Zimmer steckte.
»Frühstücken? Gewiß!« lautete die Antwort. »Aber bringen Sie gleich zwei Gläser mit herein, Henriette, und zwei Teller und Messer und Gabeln dazu!«
»Ich danke Ihnen wirklich, lieber Rath,« sagte der Major, dem der ganze Appetit vergangen war -- »ist mir noch zu früh.«
»Noch zu früh?« lachte der Rath. »So? -- Da waren wir einmal in Schwerin »Im Mohren«, fuhr er fort, während er sich die Unaussprechlichen anzog, was mit einiger Schwierigkeit verbunden war, da ihm die Brille immer dabei herunterrutschte, »und der Geheime Regierungsrath Hesse -- er wurde nachher Minister und hat eine bedeutende Rolle gespielt -- war auch hereingekommen -- um nach einem Fremden zu fragen. Wir saßen und frühstückten -- frische Austern und alten Rheinwein dazu -- es schmeckt eigentlich Morgens nichts besser als frische Austern und alter Rheinwein --, und wie er hereinkam, riefen wir ihm zu und sagten, er solle sich doch mit hersetzen; aber er meinte auch, es wäre ihm zu früh. Und glauben Sie, daß er gefrühstückt hätte? Gott bewahre!«
»Sagen Sie einmal, lieber Rath,« fragte jetzt der Major, der nicht mit Unrecht eine zweite, der ersten rasch folgende Erzählung fürchtete, denn wenn der Mann im Zuge war, ging es Schlag auf Schlag, »weshalb ich eigentlich herkam: können Sie mir nicht sagen, wie ich am besten nach Vollmers hinaus komme?«
»Nach Vollmers?« rief Rath Frühbach erstaunt aus, indem er seinen Besuch über die Brille ansah. »Ja, alle Wetter, Major, das wäre ja ein merkwürdiges Zusammentreffen! Aber was haben _Sie_ in Vollmers zu thun? Aha, kommen Sie endlich auch auf meine Sprünge? Ja, Sie können mir's glauben, es geht nichts in der Welt über eine Aepfelwein-Diät, und wenn ich den nicht die langen Jahre hindurch gebraucht hätte, wäre ich gar nicht der Mann, der ich bin. Denken Sie sich, da kam vor etwa drei Monaten, gerade als ich von Schwerin fortziehen wollte...«
»Aber Sie wollten mir wegen Vollmers sagen -- wie so ist das ein merkwürdiges Zusammentreffen?«
Rath Frühbach hatte _eine_ gute Eigenschaft: er war unerschöpflich in nichtssagenden Geschichten; sowie er aber unterbrochen wurde, vergaß er augenblicklich, was er eben erzählen wollte, und wenn er nicht gerade in eine andere hineingerieth, blieb er bei der Sache.
»Ja so, Vollmers,« nickte er; »das ist allerdings merkwürdig, denn ich ziehe mich gerade an, um meine gewöhnliche Fuhre dahin zu machen. Um elf Uhr wollte ich fort, und wenn Sie mich begleiten, nehmen wir den Einspänner zusammen.«
»Um elf Uhr -- das muß es aber gleich sein.«
»Es ist auch dicht hierbei. Jetzt frühstücken wir erst, und dann kann die Henriette gleich hinüber springen und den Wagen besorgen. Das wäre ja wundervoll, Major! So eine Stunde lang im Wagen allein zu sitzen und den Mund nicht aufzuthun, ist für mich immer eine Qual, denn mit dem Kutscher läßt sich leider gar nicht reden; er hört so furchtbar schwer, daß man immer laut schreien muß, und das verdirbt jede Unterhaltung. Also fahren wir?«
Der Major war in allen seinen Bewegungen, sobald er nur erst einmal den einen Punkt: seine Krankheit, überwunden hatte, ziemlich resolut. Jetzt fand er das Eisen heiß, jetzt mußte es also auch geschmiedet werden.
»Na, meinetwegen, Rath,« sagte er dann, »fahren wir zusammen; allein getraue ich mir die Tour ohnedies nicht gern zu machen, des verdammten Beines wegen, und meinen Gärtner kann ich nicht gut mitnehmen -- das ist ein ebenso alter, elender Krüppel, als ich selber bin. Also basta -- bestellen Sie die Karre. Bis wann können wir wieder zurück sein?«
»Wann wir wollen, bester Freund. Wir essen draußen zu Mittag -- ich sage Ihnen, ganz delicat. Heute giebt es dort Wildpretsbraten -- ich habe mich schon danach erkundigt -- und einen ganz magnifiquen Selleriesalat, und nach dem Essen, wenn wir unser Geschäft beendet haben, setzen wir uns wieder ein und kommen in aller Behaglichkeit zurück.«
»Also abgemacht.«
»Und da bringt die Henriette gerade das Frühstück -- so, mein Kind, setzen Sie nur hieher,« sagte der Rath, indem er auf dem Tisch, auf welchem es wild genug aussah, ein wenig Platz machte und einen dort liegenden Kamm, sein Rasirzeug mit der Seifenbüchse und ein Paket frisch angebrochenen Schnupftabaks ein wenig bei Seite schob. »Da, so, das soll nicht lange dauern. Aber wo haben Sie denn die Flasche?«
»Ich bringe sie gleich, Herr Rath.«
»Und dann springen Sie einmal zum Kutscher Behrens hinüber, er sollte nur gleich anspannen -- er weiß schon -- und ein bischen Heu in den Sitzkasten legen; wenn wir zurückkommen, packen wir ihn voll. Und nun, lieber Major, seien Sie so gut, setzen Sie sich und langen Sie zu; wir werden sonst flau, ehe wir hinauskommen.«
Das Frühstück roch allerdings delicat und bestand aus einem sehr schön braun gebratenen Fleischgericht und Brot.
»Alle Wetter,« sagte der Major, der jetzt selber Appetit bekam, »was haben sie denn da, Rath? Das riecht ja vortrefflich.«
»Ja, und schmeckt noch besser,« nickte Frühbach, dessen Augen schon in dem Vorgenusse funkelten; »das ist auch mein Leibgericht: gebratene Kuh-Euter.«
»Kuh-Euter?« rief der Major entsetzt, indem ihm die schon aufgenommene Gabel wieder aus der Hand fiel. »Das ist ja ein schrecklicher Gedanke, Rath! Sie essen Kuh-Euter?«
»Alles,« rief der Mann, indem er sich ein tüchtiges Stück auf den Teller nahm und mit wahrer Wonne hineinbiß -- »Alles von der Kuh, bis auf die Klauen und Hörner, aber das Euter und Gehirn am liebsten! Aber schenken Sie sich ein, lieber Freund, schenken Sie sich ein, daß Sie zu Kräften kommen.«
Dem Major war der ganze Appetit vergangen, und er sehnte sich nach einem Glase Wein. Aber auch der zog ihm die Backen zusammen; er war von schnöden Aepfeln gepreßt und herb und bitter.
»Nun, wie schmeckt Ihnen der?«
»Na, wissen Sie, Rath,« sagte der Major, dessen Höflichkeit doch nicht so weit ging, einen Wein zu loben, der ihm in dem nämlichen Augenblicke die Eingeweide zusammenzog, »ich habe in meinem Leben schon besseren getrunken.«
»Besseren?« rief der unverwüstliche Rath. »Das gebe ich zu, wenigstens solchen, der besser schmeckte, aber keinen gesunderen, darauf können Sie sich verlassen, Major, keinen gesunderen! Der arbeitet Ihnen das Innere heraus und macht Sie zu einem vollständig neuen Menschen! Aber nun trinken Sie auch und langen Sie zu.«
Der Major aß ein Stückchen Brot, um den Wein, und trank dann wieder einen Schluck, um das Brot herunter zu bekommen. Er wäre nicht im Stande gewesen, ein Stück von dem Kuh-Euter auch nur an die Lippen zu bringen, ja bei dem bloßen Gedanken wurde ihm übel. Endlich waren sie fertig, und der Wagen hielt auch schon vor der Thür.
Wie sie hinausgingen, klopfte der Rath an die Thür des Schlafzimmers.
»Herzchen,« sagte er zärtlich, »können wir Dir Adieu sagen?«
»Ich bin noch nicht angezogen, Männi,« antwortete die Stimme der Frau Räthin.
»Na, denn leb' wohl, mein Schätzchen,« erwiederte Rath Frühbach. »Ich komme bald wieder und bringe Dir auch etwas mit.«
»Aepfelwein,« dachte der Major und fühlte, wie ihm die Zähne schon wieder stumpf wurden. Dann gingen sie hinaus vor den Garten, wo der Wagen hielt, und fort rollte das leichte Fuhrwerk die Straße entlang, die nach Vollmers zu führte.
11.
Die beiden Verbündeten.
Der alte Major von Halsen war, als er an dem Morgen zum Rath Frühbach kam, wie schon gesagt, gar nicht etwa gewillt gewesen, ihn zum Vertrauten in der Erbschafts-Angelegenheit zu machen; aber Umstände verändern manchmal die Sache, und der Wagen schüttelte ihn nach und nach in eine andere Ansicht hinein.
»Der verdammte Kasten hat, glaub' ich, gar keine Federn,« sagte er, als sie eine Weile auf einem Feldweg hingerasselt waren; »er stößt Einem ja die Seele aus dem Leib.«
»Aber Sie glauben gar nicht,« erwiederte der Rath, »wie wohlthätig das Schütteln auf die Verdauung wirkt, und ich spüre den segensreichen Einfluß jedesmal. Sie wissen, ich leide daran. Da fuhr ich einmal in Schwerin, wo ich etwas auf dem Lande zu besorgen hatte, mit einem Leiterwagen, weil kein anderes Fuhrwerk zu bekommen war, und zu Fuß war mir der Weg zu weit, obgleich ich täglich meinen Spaziergang mache und mich dann jedesmal in Schweiß laufe -- ich muß das schon meiner Gesundheit wegen thun -- etwa dritthalb Stunde über einen Weg -- einen Weg, sage ich Ihnen, Major, man kriegte Hühneraugen, wenn man nur den Weg ansah. Wissen Sie, es war weicher Boden, wo sie an den sumpfigen Stellen hatten Knüppel hineinwerfen müssen, um bei nasser Witterung die Wagen vom Versinken abzuhalten. Nun aber war es sehr lange trocken gewesen und die alte Wagenspur so hart und fest wie Stein geworden. Da ging es denn hinauf und herunter, daß man die Zunge im Munde festhalten mußte, und wenn man einmal auf so eine Stelle mit Knüppeln kam -- nein, ich versichere Ihnen, es stieß einem geradezu den Hut vom Kopf herunter!«
»Hören Sie einmal, Rath,« sagte der Major, der nicht mit Unrecht fürchtete, auf dem ganzen Wege derartige Erzählungen dulden zu müssen, »ich will Ihnen etwas sagen. Wissen Sie, weshalb ich heute nach Vollmers fahre?«
»Sie? Nun, um den Aepfelwein einmal an der Quelle zu trinken. Ich habe Sie ja lange genug darum gebeten, mich einmal zu begleiten.«
»Der Teufel soll Ihren Aepfelwein holen,« knurrte der alte Soldat, »er liegt mir noch wie blanker Essig im Magen! Nein, ich habe einen andern Zweck, und da Sie doch einmal ein Rath sind, so sollen Sie mir nun auch einen Rath in einer Sache geben. Aber ich muß ein bischen vorsichtig sprechen, sonst beißt man sich, weiß es Gott, auf dem verfluchten Marterfuhrwerk einmal aus Versehen die Zunge ab.«
»Da fällt mir eine Geschichte ein,« sagte der Rath.
»Jetzt will ich Ihnen erst einmal eine erzählen,« sagte aber der Major, fest entschlossen, den Rath nicht so schnell wieder zum Wort kommen zu lassen. »Sie haben mir versichert, der Kutscher hört schwer.«
»Er ist halb taub. Sie müssen schreien, wenn Sie mit ihm reden wollen, und das greift Einem die Lunge an.«
»Desto besser, denn er braucht auch gar nicht zu hören, um was es sich hier handelt. Sie können doch verstehen, was ich sage?«
»Jedes Wort. Ich habe ein Ohr wie ein Luchs. Da kam einmal in Schwerin....«
»Bitte, lassen Sie mich erst aussprechen,« fiel ihm der Major in die Rede, »und Sie zu gleicher Zeit ersuchen, das, was ich Ihnen jetzt unter vier Augen sage, »vor der Hand« noch als Geheimniß zu behandeln.«
»Ein Geheimniß, he?« sagte der Rath und zog die Augenbrauen in die Höhe.
»Es wird hoffentlich nicht mehr lange ein Geheimniß bleiben,« fuhr der Major fort; »aber vor der Hand und so lange wir nicht fest und entschieden auftreten können, muß es jedenfalls als ein solches betrachtet werden. Sie geben mir auch gewiß recht, wenn Sie erfahren, um was es sich hier handelt -- aber jetzt hören Sie.«
Und nun erzählte er dem allerdings genau aufhorchenden Rath zuerst mit kurzen Umrissen den Stand der Familien-Angelegenheit des Wendelsheim'schen Hauses, den Frühbach aber auch schon so ziemlich kannte, und dann den Verdacht, den er selber gefaßt habe und jetzt, ja in diesem Augenblick, bis zur Quelle verfolgte.
Frühbach unterbrach ihn dabei mit keinem Wort, so erstaunt war er über eine Erzählung, die wirklich eine Pointe bot und zu dem Interessantesten gehörte, was er in seinem ganzen Leben erlebt hatte. Nur »Hm!« und »Es ist die Möglichkeit!« oder andere kurze Ausrufe ließ er manchmal hören und schüttelte dabei, wie über etwas Unglaubliches, den Kopf. Endlich, wie der Major geendet hatte, warf er selber einige Fragen ein, die sich aber merkwürdiger Weise auf den Gegenstand bezogen, und schien jetzt so von der Wahrheit des Gehörten durchdrungen, daß er darüber ordentlich in Ekstase gerieth.
»Major,« rief er und drückte das Knie des neben ihm Sitzenden, »einen besseren Gehülfen, als mich, hätten Sie sich zu Ihrer Expedition nicht aussuchen können -- das ist gerade mein Fach, und jetzt sollen Sie einmal sehen, wie geschwind wir der Geschichte auf den Grund kommen; der Madame wollen wir auf die Hacken treten!«
»Lieber Rath, wir werden ungemein vorsichtig zu Werk gehen müssen, da wir eigentlich noch gar keine wirklichen Beweise in Händen haben, sondern nur einen, wenn auch sehr stark begründeten Verdacht.«
»Eigentlich hätten wir uns gleich einen Polizeidiener mitnehmen sollen,« sagte der Rath, der indessen nur seinen eigenen Gedanken gefolgt war.
»Daß der Alles gleich von vornherein verdorben hätte, nicht wahr?« rief der Major. »Wir können doch die Frau nicht arretiren!«
»Gott bewahre!« schüttelte Frühbach mit dem Kopf; »denken nicht daran. Aber Sie glauben gar nicht, welchen Eindruck eine Uniform macht. Ich bin mir doch wahrhaftig nichts Böses bewußt, aber wenn selbst zu mir ein Polizeidiener in's Zimmer tritt, fährt's mir immer gleich in die Kniekehlen. Denken Sie sich, da sitz' ich einmal in Schwerin...«
»Sind Sie denn in Vollmers bekannt und wissen Sie, wo jene Frau Müller wohnt?«
»Ja, lieber Major,« sagte der Rath, »ich kenne zwei verschiedene Müller in Vollmers. Erstlich heißt unser Wirth so, von dem ich den Aepfelwein beziehe, und dann giebt's auch noch einen Butter- und Käsehändler Müller im Ort, von dem sich meine Frau immer Handkäse bringen läßt.«
»Aber der Müller ist lange todt.«
»Der Käsehändler? Nein, er war noch vorige Woche bei uns.«
»Nein, ich meine den Mann von dieser Müller; sie ist ja Wittwe.«
»Ja so, von der -- nun, die wird auch aufzutreiben sein; Vollmers ist nicht so groß. Wenn Sie nur wenigstens wüßten, wie der Mann ihrer Tochter heißt; an einem solchen Namen hängt manchmal viel. Da lebte bei uns in Schwerin...«
Rath Frühbach hatte heute mit seinen Erzählungen Unglück. In dem nämlichen Augenblick, wo er wieder begann, that das Pferd einen Ruck, wurde scheu und fing an zu galoppiren.