Der Erbe: Roman. Erster Band.

Part 11

Chapter 113,803 wordsPublic domain

Fritz Baumann sah, daß eine weitere Unterhaltung jetzt zu den Unmöglichkeiten gehöre, und machte Ottilien nur eine stumme Verbeugung; aber er traf ihr Auge nicht mehr, das an der Thür haftete, und verließ, Frau Staatsanwalt Witte ebenfalls achtungsvoll grüßend, das Zimmer, um nach Hause zurückzukehren. Er sah auch noch, daß der Besuch der Lieutenant von Wendelsheim war; aber Du lieber Gott, das gehörte einmal zu den Lasten des höheren Lebens, daß man es sich erst mit großen Gesellschaften schwer machte und dann auch noch die Bürde langweiliger Höflichkeitsbesuche trug. -- Wenn er nur hätte ahnen können, wie lästig gerade Ottilie diesen Besuch ansah!

Wendelsheim hatte indessen, ohne den Fremden weiter zu beachten, während ihm jedoch die Frau Staatsanwalt erstaunt nachsah, das Zimmer betreten; er ging ohne Weiteres auf Ottilie zu, nahm ihre Hand, führte sie an seine Lippen und sagte -- er war in diesem Augenblick wieder ganz Lieutenant: »Mein gnädiges Fräulein, ich schätze mich glücklich, Sie heute Morgen so frisch und blühend begrüßen zu können -- brauche also gar nicht zu fragen, wie Ihnen die gestrige Anstrengung bekommen ist -- wie ich zu meiner Freude sehe, vortrefflich!«

»Sie sind sehr gütig, Herr Baron,« sagte die Mutter, während das junge Mädchen wie mit Purpur übergossen vor ihm stand. »Aber wer war denn der junge Herr eben, Ottilie? Den kannte ich ja gar nicht.«

»Der junge Baumann,« sagte die Tochter, »der den Thermometer hier gebracht hat« -- er zeigte jetzt fast Siedehitze --, »er wollte ihn selber abgeben, damit er nicht wieder zerbrochen würde.«

»_Das_ war der Fritz Baumann?« rief die Mutter aus. »Herr Du meine Güte, und er sah so anständig aus, ich habe ihm eine ordentliche Verbeugung gemacht -- ich kannte ihn gar nicht!«

»Er ist selbstständig geworden -- aber Ihnen ist der Ball ebenfalls gut bekommen, Herr Baron?«

»Ausgezeichnet, mein gnädiges Fräulein; ich habe vortrefflich geschlafen, aber die ganze Nacht von weiter nichts geträumt, als mißglückten Touren und allen möglichen Fatalitäten.«

»Ob Einem das aber nicht immer so geht,« sagte die Mutter; »ich habe geträumt -- aber wollen der Herr Baron sich denn nicht niederlassen, Sie nehmen uns ja sonst die Ruhe mit -- ich habe geträumt, das Mädchen hätte den Rehrücken in die Kohlen fallen lassen und die Eistorten wären ganz aus einander geschmolzen gewesen. Aber wissen Sie schon, daß uns gestern so viel Silberzeug gestohlen worden ist?«

»In der That, gnädige Frau? Das bedauere ich ja unendlich!«

»Ja, denken Sie nur, wie ich die Löffel heute Morgen nachzähle -- gestern Abend war ich so müde, daß ich die Augen nicht mehr aufhalten konnte...«

»Aber, liebe Mutter, das interessirt ja doch den Herrn Lieutenant nicht!«

»Bitte, mein gnädiges Fräulein, gewiß...«

»Siehst Du wohl, Kind -- das wußte ich auch vorher. Wie ich also die Löffel heute Morgen nachzähle, fehlen richtig gerade vier von den allerschwersten und der Deckel von der silbernen Zuckerdose, mit einem Engel, einem Amor, massiv in Silber, oben drauf.«

»Aber wie ist das möglich?«

»Ja, das sage nun ein Mensch -- bei dem Staatsanwalt -- und dabei haben wir Polizei im Ort, und reitende Gensdarmen, und einen Stadtrath und Stadtverordnete! Aber ich will keinen Kopf wieder ruhig auf ein Kissen legen, bis ich die Räuberbande herausgefunden habe und die Kerle am Galgen sehe, denn den haben sie im reichsten Maß verdient! Der Deckel ärgert mich nur, und gleich vom ganzen Service weg; aber was macht sich so ein schlechter Mensch daraus, wenn er Einem ein Service verdirbt -- die lachen noch darüber!«

»Ich will nur hoffen, daß Sie die Gegenstände wiederbekommen!«

»Ja, es wäre wirklich zu wünschen -- und das waren noch nicht einmal die ersten; schon in voriger Woche sind uns einzelne Löffel abhanden gekommen. Es muß auch ein Hausdieb sein, das lasse ich mir gar nicht ausreden; denn ein anderer Mensch hätte die Frechheit nicht, blos hieher zu kommen, um Löffel zu stehlen und Deckel von Zuckerdosen.«

Die Frau konnte das unselige Silberzeug nicht aus dem Kopf bekommen. So oft auch Ottilie versuchte, dem Gespräch eine andere Wendung zu geben, es blieb vergebens, während der Lieutenant zu viel Tact besaß, um nicht Alles über sich ergehen zu lassen. Es war eben ja Besuch, der bekanntermaßen nicht unter die Vergnügungen gezählt werden darf.

Endlich kam ein Blitzableiter -- die Frau Appellationsgerichtsräthin Nebeldamm, die denn allerdings die nämliche Sache noch einmal erfuhr, nothgedrungen aber auch die Zuckerdose, auf welche der fehlende Deckel gehörte, von Angesicht zu Angesicht sehen mußte.

Die Frau Staatsanwalt führte sie hinüber; sie hätte gern den Lieutenant ebenfalls gebeten, mitzugehen -- er würde bei der Gelegenheit auch gleich ihr Silberzeug beisammen gesehen haben. Aber der Schrank sah leider noch ein wenig zu unordentlich aus; die Zeit heute Morgen war ja nur so kurz und sie selber nicht im Stande gewesen, Alles wieder in der gehörigen Ordnung wegzuräumen.

»Es war so wunderhübsch gestern Abend,« sagte Ottilie, wie sie nur erst einmal Luft bekam, auch ein Wort zu reden, »und ich habe mich so herrlich amüsirt!«

»In der That, mein gnädiges Fräulein,« erwiederte Bruno -- und wieder fiel ihm die Aehnlichkeit zwischen ihr und Rebekka auf -- »ich muß Ihnen auch gestehen, daß ich lange nicht so viel getanzt habe.«

»Aber zuletzt wurden Sie so still und nachdenkend; Sie müssen drei oder vier Tänze versäumt haben. Sie wurden gewiß müde?«

»Nein, das nicht -- auf -- wirklich nicht, aber -- Sie wurden ja engagirt.«

»Aber die anderen Damen würden sich ebenfalls sehr gefreut haben, von einem so guten Tänzer engagirt zu werden,« lächelte Ottilie, und Wendelsheim wurde so verlegen, daß er nicht gleich wußte, was er erwiedern sollte.

»Ihr Herr Vater ist wohl nicht zugegen?« sagte er endlich.

»Vater wird sehr bedauern, Sie heute Morgen nicht zu sehen,« fuhr Ottilie fort; »er mußte der unangenehmen Sache wegen in die Stadt und ist noch nicht zurückgekehrt. Aber was sehen Sie mich immer so sonderbar an?« lächelte sie plötzlich. »Trage ich irgend etwas Auffälliges an mir?«

»Ich? -- Sie? Nein, gewiß nicht!« rief Wendelsheim. »Entschuldigen Sie, aber -- Sie können es mir auch nicht verdenken,« setzte er rasch gefaßt und galant hinzu; »es ist etwas Seltenes, nach einer durchtanzten Nacht eine junge Dame wieder so morgenfrisch zu finden, und thut den Augen ordentlich wohl.«

»Ah, Sie können auch schmeicheln! Die Eigenschaft hatte ich noch nicht bei Ihnen entdeckt.«

»Schmeicheln? Nein, gewiß nicht, liebes Fräulein! Ich hasse die faden Schmeicheleien und glaube, ich darf dabei, um mit der Tochter eines Anwalts zu reden, »nicht schuldig« plaidiren. Ich begreife auch wirklich manchmal nicht, wie junge Damen etwas Derartiges gern anhören mögen.«

»Wer weiß denn, ob sie es gern thun?« sagte das junge Mädchen. »Aber was will man machen? Viele junge Herren kennen gar keine andere Unterhaltung, und wenn man ihnen die abschneiden wollte, so ist es sehr die Frage, ob sie nicht gänzlich stumm würden.«

»Und wäre das ein Verlust?«

»Für sie selber jedenfalls. Aber nehmen Sie auch meine Frage nicht zu ernst; ich hatte Ihnen den Vorwurf gewiß nicht machen wollen. Doch was ich gleich sagen wollte: ich habe Sie ja heute Morgen nicht hier vorbeireiten sehen -- und gestern und vorgestern auch nicht, wie mir jetzt einfällt.«

»Sie werden mich auslachen,« sagte Wendelsheim, »und mich inconsequent nennen, aber ich besitze in diesem Augenblick nur noch mein altes Pferd, das ich schonen muß, denn ich habe den Fuchs wieder verkauft.«

»Das wunderschöne Thier!«

»Ich bekam ein gutes Gebot und -- er gefiel mir auch nicht besonders -- er war sehr unartig und scheute gern.«

»Aber Sie reiten sonst immer die wildesten Pferde!«

»Vielleicht bin ich vorsichtiger geworden,« lächelte der Officier.

»Ach, das wäre recht zu wünschen,« sagte Ottilie mit ordentlich komischem Ernst, indem sie die Hände dabei faltete.

»Sie haben sich doch nicht etwa meinetwegen schon gesorgt, mein Fräulein?« sagte der junge Mann freundlich. »Es würde mich sehr glücklich machen, wenn ich das wüßte!«

»Ich war einmal Zeuge, wie der Rappe damals mit Ihnen durchging.«

»Ah, an jenem Tage,« nickte der Baron, und es war, als ob eine Wolke über seine Stirn flöge; »ja, das war ein böses Thier -- aber,« brach er plötzlich ab, »wir unterhalten uns richtig wieder von Pferden, das Ungeschickteste, was ein Herr in Gegenwart einer Dame thun kann.«

»Ich glaube, ich habe selber davon angefangen.«

»Dann werde ich mich Ihnen dankbar zeigen und das Gespräch auf die gestrigen Toiletten bringen. Wissen Sie, daß ich lange nicht so geschmackvolle Toiletten gesehen habe, wie gestern Abend?«

»Auch die der Frau Professor Nestewitz?« lächelte Ottilie.

»Die war allerdings nicht ganz geschickt gewählt,« sagte Wendelsheim achselzuckend. »Damen, die über das jugendliche, ja nur über das jugendfrische Alter hinaus sind, sollten sehr vorsichtig darin sein, nicht zu modern und in zu auffallenden Farben zu gehen; aber wie oft wird das doch versäumt, und die Trägerinnen sehen dann, anstatt pompös, gewöhnlich nur komisch aus.«

»Für einen Lieutenant,« lächelte Ottilie, »entwickeln Sie ganz achtungswerthe Kenntnisse in der Toilette.«

»Bitte, mein gnädiges Fräulein, von Kenntnissen kann da keine Rede sein; das Ganze ist ja überhaupt nur Gefühlssache.«

»Vielleicht haben Sie sogar recht.«

»Möglich, aber dann ist es nur das Urtheil der Menge, das ich ausspreche. Das gerade gefällt mir auch an Ihnen, daß Sie sich immer so einfach kleiden, Fräulein; Sie glauben gar nicht, wie gut Ihnen so ein hohes, dunkles, eng anschließendes Kleid steht!«

»Soll ich Sie wieder denunciren?« drohte Ottilie schelmisch mit dem Finger.

»Nein, Fräulein Ottilie,« sagte Wendelsheim treuherzig, indem er ihr die Hand hinreichte, »wahrhaftig nicht! Ich will Ihnen gern zugeben, daß ich früher nicht besser wie mancher der Uebrigen gewesen bin und entsetzlich fades Zeug geschwatzt haben mag; aber ich glaube, ich habe mir das abgewöhnt, gebe mir wenigstens die größte Mühe, und Ihnen gegenüber am allerwenigsten würde ich mich falsch zeigen.«

»Ich glaube Ihnen ja so gern, Herr von Wendelsheim,« sagte Ottilie, indem sie der ausgestreckten Hand begegnete; »es war auch nur ein Scherz, aber Sie wissen....«

Das Gespräch ward hier abgeschnitten, denn die beiden älteren Damen traten wieder in das Zimmer, und die Frau Appellationsgerichtsräthin, nachdem sie erst die identische deckellose Zuckerdose selbst gesehen, war so entrüstet über den Diebstahl, daß sie kaum Worte genug dafür finden konnte. Eine andere Unterhaltung wurde zur Unmöglichkeit, und nachdem Wendelsheim noch ein paar freundliche Worte mit dem jungen Mädchen gewechselt, empfahl er sich und ließ Ottilie mit einem ganzen Herzen voll Seligkeit zurück.

10.

Neue Spuren.

Der alte Major von Halsen war ein wunderlicher Kauz und so obstinat in seinem ganzen Wesen, wie unberechenbar in seinen eigenen Ansichten. Jetzt, in diesem Augenblick, behauptete er etwas, und wenn irgend Jemand dem widersprach, so konnte er in der Vertheidigung des Behaupteten fast außer sich gerathen; kam aber nach einiger Zeit das Gespräch zufällig auf denselben Gegenstand und irgend jemand Anderes stellte das als Thatsache auf, was er früher selber Wort für Wort verfochten, dann war er auch im Stande, ganz entschieden auf die andere Seite hinüber zu springen und nun alle die Beweisgründe gegen den aufgestellten Satz hervor zu suchen, die früher gegen ihn selber angewendet worden.

Genau so machte er es in seiner ganzen Lebensweise, und während er sich heute einredete, daß er todsterbenskrank sei und vielleicht die nächste Woche, den nächsten Tag nicht mehr erleben würde, vergaß er plötzlich einmal das imaginäre Elend und hinkte so flott und rüstig in der Stadt umher, als ob er ein paar Jahrzehnte von seinem Alter abgeschüttelt hätte und nie in seinem Leben krank gewesen wäre.

Eine solche Haupttriebfeder erneuter Thätigkeit war die in Aussicht gestellte Erbschaft jenes alten, längst verstorbenen Freiherrn von Wendelsheim, die aber, nach allen menschlichen Begriffen, schon lange für ihn verloren sein mußte, da sämmtliche an die letzte Linie Wendelsheim gestellten Bedingungen am Vorabend ihrer Erfüllung standen. War das Geld aber erst einmal, und wenn auch nur für eine einzige Stunde, verfallen und ausgezahlt, dann hätten ihm alle Processe der Welt nichts mehr genutzt, und da er das wußte, trieb es ihn ordentlich wie mit einer feindlichen Macht vorwärts, um wenigstens jeden möglichen Augenblick zu benutzen, sein Ziel zu erreichen und die Ansprüche des von ihm gründlich gehaßten alten Freiherrn von Wendelsheim umzustoßen.

Er hatte es sich nun einmal in den Kopf gesetzt, daß in der Erbfolge des Hauses faules Spiel getrieben sei. Wie er dazu gekommen, wer konnte es sagen! Jedenfalls kannte er den Charakter des alten Kammerherrn von früheren Zeiten her genau, um ihm etwas Derartiges zuzutrauen, und das, mit dem damals unter den Leuten verbreiteten Gerücht zusammengebracht, mochte dann wohl bei ihm zur fixen Idee geworden sein, die ihn eben nicht ruhen und nicht rasten ließ. -- Den Staatsanwalt Witte, einen scharfen und klaren Kopf, hatte er dabei seinen Ansichten zu gewinnen gesucht, und die Möglichkeit eines solchen Falles, mit manchen sogar dafür sprechenden Einzelheiten, machten diesen anfangs selber stutzen und Interesse an der Sache nehmen. Wie sich aber mehr und mehr herausstellte, daß Alles, was der Major wußte oder zu wissen glaubte, nur eben auf leeren, unhaltbaren Gerüchten, ohne irgend einen auch nur annähernden Beweis, beruhte, zog er sich von dem Ganzen zurück und war besonders unter keiner Bedingung dazu zu bringen, eine wirkliche Klage zu erheben. Er wenigstens wollte sich nicht blamiren.

Der Major hing aber jetzt sogar für kurze Zeit seine oft von ihm ausgesprochene lebensgefährliche Krankheit an den Nagel und beschloß, selber der Sache auf den Grund zu gehen.

Einen neuen Sporn dazu fand er allerdings in der Frau Meier, die ihren besondern Grund haben mußte, jene Familie oder wenigstens den alten Freiherrn zu hassen, und diese gab ihm auch bereitwillig, so weit ihr Gedächtniß ausreichte, eine Liste aller der Dienstboten, die zu jener Zeit auf dem Gute in Dienst gestanden, während der Major nun seinerseits alle Minen springen ließ und keine Kosten scheute, um die namhaft gemachten Personen wieder aufzufinden.

Dreiundzwanzig, ja fast vierundzwanzig Jahre sind aber eine lange Zeit, und es gelang ihm nur bei sehr Wenigen. Viele waren gestorben oder verschollen, Manche fortgezogen, Niemand konnte sagen wohin, und den Namen der Hauptperson, der Amme, die damals angenommen worden, kannte sie gar nicht oder konnte sich nicht mehr darauf besinnen. Einer aber, der vielleicht Auskunft geben konnte, war der damalige Gärtner, ein Mann Namens Tettelberg, der sich schon vor längerer Zeit in der Nachbarschaft von Alburg angekauft haben und später in die Stadt selber übergesiedelt sein sollte. Diesen hatte auch der Major gemeint, da er erst kürzlich seine Wohnung ausgekundschaftet, als er am Ballabend dem Rechtsanwalt von einer »neuen Spur« gesprochen. Aber auch das schien auf diesen seine Wirkung verfehlt zu haben, und der Major beschloß deshalb, ihn selber aufzusuchen. Er wollte wenigstens nichts versäumen, was ihn zu dem ersehnten Ziel führen konnte.

Eines Morgens um zehn Uhr war er deshalb auch schon unterwegs, denn er kannte den Platz genau, da es das nämliche Grundstück zu sein schien, auf dem sein alter Bekannter Rath Frühbach wohnte. Er hatte auch anfangs nicht übel Lust, den Rath selber mit in das Geheimniß zu ziehen und seine Meinung darüber zu hören; aber der Mann sprach zu viel. Er traute ihm nicht, daß er es bewahren würde, und hielt es deshalb für gerathener, lieber vorsichtig zu Werke zu gehen und nicht mehr als unumgänglich nothwendig zu Mitwissern zu machen. Wer mochte denn auch sagen, ob im andern Falle der alte Freiherr nicht Wind von den Nachforschungen bekam und seine Maßregeln danach nehmen würde, während er jetzt, in vollständige Sicherheit eingewiegt, keine Ahnung irgend einer ihm etwa drohenden Gefahr haben konnte und deshalb also auch der Sache ruhig ihren Lauf ließ?

Jene Wohnung lag allerdings eine ziemliche Strecke von seinem Hause entfernt, und zu jeder andern Zeit würde der Major die Zumuthung, einen solchen Weg bei seiner Körperschwäche zu Fuß zurückzulegen, mit Entrüstung und einem entsetzlichen Stöhnen abgewiesen haben. Heute dachte er aber weder an Rheumatismus noch fliegende Gicht, und setzte die alte Frau von Bleßheim auf's äußerste in Erstaunen, ihn, statt hülflos in seinem Lehnstuhl, stramm und entschieden vor seinem Spiegel zu finden, wo er sich den langen Schnurrbart auskämmte und an der Cravatte zupfte. Er ließ auch alle Einreden wegen noch zu früher Tageszeit, Ostwind oder Regendrohen nicht gelten, nahm seinen Stock, setzte seinen grauen Filzhut auf und hinkte rüstig, wenn auch ein wenig knochensteif, auf seine Entdeckungstour aus. Freilich mußte er sich dabei gestehen, daß ihm nur sehr geringe Aussichten blieben, wenn sich auch dieser Zeuge nicht bewährte oder doch weiter nichts aufbringen konnte, als ebenfalls Vermuthungen und Gerüchte; aber er verlor deshalb den Muth nicht, denn er war, wie er sich selber vorerzählte, ein alter Soldat, der vor Schwierigkeiten oder Hindernissen nicht zurückschrecken dürfe. Nein, im Gegentheil, je mehr ihrer sich zeigten, desto hartnäckiger hieß es ihnen zu Leibe rücken.

Der Weg war übrigens ziemlich weit, oder kam ihm wenigstens so vor, denn der alte Gärtner wohnte draußen vor der Stadt, eigentlich im letzten Hause, und an seiner Hecke begannen die Felder und Wiesen; aber durch die Anlagen ging es sich auch vortrefflich, und er hatte bald das kleine, in grünen Büschen fast versteckte Haus herausgefunden, in welchem der alte Tettelberg eine, allerdings sehr beschränkte Handelsgärtnerei angelegt und dort, ziemlich zurückgezogen von der Welt, aber noch immer wacker arbeitend und selber schaffend, lebte.

Dicht neben ihm, auf dem nämlichen Grundstück in einer Parterrewohnung, residirte Rath Frühbach, und der Major sah, als er den Garten betrat, die ganze Familie, Mann, Frau und Kinder, »auf der Weide,« das heißt, alles von Früchten absuchend, was noch irgendwo an Busch oder Baum hing. Da er ihnen aber jetzt nicht gern begegnen wollte, drückte er sich seitab um das Haus herum, wo er Tettelberg's Behausung ebenfalls erreichen konnte, und fand den alten Mann, der überhaupt nie ausging, auch daheim.

»Hören Sie einmal, Tettelberg,« fing hier der alte Herr ohne weitere Umschweife an, »ich bin der Major von Halsen, möchte gern ein paar Worte mit Ihnen über eine alte Geschichte reden. Haben Sie einen Augenblick Zeit?«

»Zeit, Herr Major?« sagte der Mann. »Wenn man erst einmal so alt ist, hat man eigentlich keine mehr; aber das bischen Graben kann wohl eine Viertelstunde warten; der Buckel thut mir so weh.«

»Donnerwetter,« sagte der Major, »graben Sie denn noch selber in Ihrem Garten? Wie alt sind Sie?«

»Wird wohl so um die Zweiundsiebenzig herum sein,« meinte der Alte; »ganz genau kann ich's nicht sagen, denn ich bin gerade an einem Schalttag geboren und dadurch in der Rechnung etwas confus geworden. Kommt aber auf ein paar Jahre nicht an, so lange man nur noch gesund ist. Aber was war es denn, was Sie mir sagen wollten?«

»Können wir nicht einen Augenblick in's Haus gehen?«

»Ja, gewiß. Bitte, treten Sie hier gleich ein; wir sind da ganz ungestört.« Und dabei führte ihn der alte Gärtner in eine dicht an ein Treibhaus stoßende Stube oder Kammer vielmehr, denn besonders wohnlich sah es darin nicht aus. Nur ein hölzerner Tisch und ein paar eben solche Stühle standen darin, und auf dem Tisch lagen Bindfaden, Bast, Gartenerde, Blumentopfscherben und alles Mögliche ziemlich bunt durcheinander. Der Alte fand aber eine Entschuldigung dafür nicht nöthig, rückte dem Major den einen Stuhl hin und setzte sich dann auf den andern, wo er, beide Arme auf seine Kniee gestützt, geduldig erwartete, was der Herr von ihm wolle.

Der Major ließ ihn nicht lange in Zweifel. Er räusperte sich allerdings erst ein paarmal, denn er wußte nicht gleich, wie er beginnen sollte. Der harte Stuhl, auf dem er saß, genirte ihn ebenfalls; aber der Alte sah ihm genau so aus, als ob er mit ihm von der Leber weg reden könne, und da ihm das ebenfalls am besten paßte, so that er es. Er erzählte ihm geradezu, welchen Verdacht er habe, daß nämlich der alte Freiherr, da die Erbschaft nur auf einen Sohn überging, ein ihm geborenes Mädchen gegen einen Knaben eingetauscht haben könne, und zählte ihm dann auch die ihm wenigstens zu Ohren gekommenen Daten auf, die ihn darin nur immer mehr bestärkten.

Der alte Gärtner hörte ihm ruhig und ohne auch nur ein einziges Wort hinein zu reden zu; nur manchmal nickte er leise mit dem Kopf, als ob er das eben Gesagte bestätigen könne. Als aber der alte Herr wärmer wurde und auf die Möglichkeit hinwies, einen etwaigen Betrug zu entlarven, da schüttelte er ihn langsam und zweifelnd, und als der Major endlich schwieg, sagte er:

»Ja, lieber Herr, Vieles ist wohl so, wie Sie es da hergezählt haben: die Frau Meier hat recht, ich habe in jener Nacht den Mann im Garten gesehen, und daß er ein Kind getragen haben muß, glaube ich ebenfalls. Jedenfalls schrie es genau so, und richtig ist mir und uns Allen die Sache damals gleich nicht vorgekommen. Aber was hilft das? Die allein darüber reden könnten, werden sich hüten, und was wir Anderen davon wissen, ist nichts.«

»Sie meinen die alte Heßberger?«

Tettelberg schüttelte mit dem Kopf. »Nein, noch eine Andere -- aber es ist auch ein häßlich Ding, solche alte Geschichten wieder aufzurühren und sich dann vor Gericht damit umherzutreiben. Ich wenigstens möchte nichts damit zu thun haben, auch nichts darin beschwören, denn es ist damals so viel darüber unter dem Gesinde gesprochen worden, daß man wirklich gar nicht mehr recht weiß, was man eigentlich selber gesehen oder nur gehört hat.«

»Aber von welch einer andern Person reden Sie?«

»Von der damaligen Amme des ältesten Sohnes.«

»Die ist aber mit ihrem Kinde nach Amerika gegangen.«

Der Gärtner schüttelte wieder den Kopf. »Nein,« sagte er, »sie wollte hinüber, ja, und die Köchin, die damals mit ihrer Zunge immer ein wenig flink bei der Hand war, meinte, der alte Baron hätte sie selber fortgeschickt. Aber das Schiff verunglückte an der englischen Küste, die Passagiere wurden jedoch gerettet und an Land gebracht, und jene Person trat in England in Dienst und blieb dort wohl sechzehn oder siebenzehn Jahre. In der Zeit muß sie sich aber etwas erspart haben, denn noch gar nicht so lange her ist sie mit ihrer Tochter in die hiesige Gegend zurückgezogen, nach Vollmers, von wo sie zu Hause war, und die Tochter soll dort verheirathet sein.«

»Und wie alt ist die Tochter?«

»Nun, genau so alt, wie der erste Sohn des Herrn Barons. Sie muß jetzt in's vierundzwanzigste Jahr gehen, denn gerade nach der Geburt dieses Kindes trat sie ja als Amme in den Dienst der Herrschaft.«

»Und wer hat sie dahin gebracht?«

»Ja, wer soll das wissen! Aber sie war mit der Heßbergerin dick befreundet.«

»Und haben Sie das Kind einmal gesehen, Freund? Seien Sie mir nicht böse über mein vieles Fragen, aber die Sache ist in der That von der höchsten Wichtigkeit.«

»Als Kind, ja,« nickte der alte Mann. »Sie wohnte damals, oder ihre Mutter vielmehr, dicht neben meinem Bruder in Vollmers, und so lange der noch lebte, kam ich manchmal hin. Nun ist er aber schon die langen Jahre todt.«

»Und wie sah es aus?«

»Das Kind? O, es war ein allerliebstes Ding,« erwiederte der alte Mann, »zart wie Wachs, und die Glieder so fein und zierlich! Ich weiß auch, daß sie damals vielerlei redeten; aber, wie das so immer geht, die Leute wurden's endlich müde, und wie die Mutter mit der Kleinen zu Schiffe ging, sprach kein Mensch mehr davon.«

»Und wie heißt das Kind?«