Der Erbe: Roman. Dritter Band.

Part 15

Chapter 153,892 wordsPublic domain

Der Staatsanwalt seufzte recht aus tiefster Brust und sagte kein Wort weiter. Eher hätte sich seine Frau, das wußte er gut genug, die Zunge abgebissen, ehe sie eingestand, daß sie Unrecht gehabt; aber möglich ja doch, daß die Warnung Wurzel in dem Herzen der Tochter schlug. Er konnte nichts weiter dabei thun und ging wieder in sein Arbeitszimmer hinüber, um dort die Familie Baumann zu erwarten.

Baumann war auch schon unterwegs. Er selber ging voran, die Frau hinter ihm her und hatte fast krampfhaft das Handgelenk der Kleinen mit ihren dünnen Fingern umschlossen. Sie trug ein einfach dunkelblaues Kattunkleid _ohne_ Crinoline, ein weißes Tuch um den Hals und eine weiße Haube auf und ging mit niedergeschlagenen Augen den ganzen Weg. Sie wußte ja recht gut, daß sie von allen Menschen angesehen wurde, wußte auch, weshalb, und Scham und Schmerz drückten sie fast zu Boden nieder.

Jetzt hatten sie das Haus des Staatsanwalts erreicht, ohne unterwegs auch nur Eine Silbe mit einander zu sprechen. Der Mann ging vorauf, langsam und finster, die Frau folgte ihm mit dem Kinde; aber sie hatte es auf und in den Arm genommen und bedeckte es hinter dem Rücken des Gatten mit ihren Küssen -- es waren vielleicht die letzten, die sie ihm ja im Leben gab. An der Thür klopfte er an und trat ein; die Frau schritt hinter ihm her, als ob sie zur Richtbank geführt würde.

»So, Herr Staatsanwalt,« sagte Baumann, als sie durch die Schreiberstube hindurch das hintere Zimmer betreten hatten, »hier ist die Frau, und die Else haben wir auch mitgebracht; und nun seien Sie so gut und reden Sie mit ihr, daß wir mit der Geschichte zu Stande kommen -- ich habe das ewige Hin- und Herzerren satt.«

Der Mann sah mürrisch aus, die Frau still und ergeben in Alles, was man über sie verfügen würde.

»Nun, liebe Frau,« begann Witte -- »bitte, nehmen Sie sich den Stuhl, denn Sie scheinen müde zu sein und wir werden vielleicht nicht sogleich fertig --, die Hauptsache ist, ob Sie in die Trennung von Ihrem Mann gewilligt haben, denn ich glaube, daß in diesem Fall das Gericht das von Ihnen verübte Vergehen als hinlänglichen Scheidungsgrund ansehen würde.«

»Ja,« sagte die Frau leise, ohne die Augen vom Boden zu nehmen, »mein Mann hat seit dem Unglückstag einen Haß auf mich geworfen, und er würde nie wieder glücklich mit mir leben können. Ich will nicht an seinem Unglück schuld sein; er ist gut und brav und muß für die Kinder sorgen.«

»Sie sind also auch mit dem zufrieden, was er Ihnen, wenn er fort geht, zu Ihrem Lebensunterhalt läßt?«

»Ich brauche es nicht Alles -- ich werde sehr eingeschränkt leben -- ich brauche für mich nur sehr wenig und gehe auch jedenfalls, wenn mich Jemand aufnehmen will, wieder in Dienst -- vielleicht als Warte- oder Krankenfrau.«

Witte sah Baumann an; der Mann stand aufgerichtet, die Brauen fest zusammengezogen, die Zähne auf einander gebissen, und starrte finster vor sich nieder.

»Also scheint ja so weit Alles geregelt,« meinte der Staatsanwalt, »und die Sache wird keine großen Schwierigkeiten haben. Nur sagt mir Ihr Mann, daß Sie ihm das jüngste Kind -- die Kleine da ist's, nicht wahr?«

»Ja, Herr Staatsanwalt,« flüsterte die Frau, aber so leise, daß er die Worte kaum verstand.

»Daß Sie ihm also das Kind nicht überlassen wollen, und das Gesetz spricht dem Vater dasselbe allerdings erst im siebenten Jahre zu. Glauben Sie aber nicht, daß es für das Kind selber besser ist, wenn es unter der starken Leitung des Mannes erzogen wird?«

»O Du lieber Gott,« seufzte die Frau, »es ist noch so jung; es bedarf noch so der Pflege der Mutter und hängt so mit ganzer Seele an mir...!«

»Und an mir auch,« sagte Baumann düster; »nicht wahr, Else, Du hast Deinen Vater lieb?«

»O, so lieb!« flüsterte die Kleine, die bis jetzt scheu den Worten gelauscht hatte und wohl gar noch nicht recht verstand, um was es sich hier eigentlich handle.

»Wäre es denn da nicht besser, Baumann,« sagte Witte, »daß Sie wenigstens das halbe Jahr noch hier in Deutschland blieben? Das Kind ist dann so viel älter und es könnte nachher gar keine weitere Uneinigkeit stattfinden.«

»Es geht nicht, Herr Staatsanwalt,« sagte der Schlossermeister, »es geht wahrhaftig nicht! Mir brennt der Boden hier unter den Füßen, denn kein Mensch hat mir je im Leben etwas nachsagen können; ich habe meine Pflicht und Schuldigkeit gethan wie ein Mann, und keine Seele übervortheilt und geschädigt, und trotzdem jetzt, wo ich mich irgendwo sehen lasse, bleiben die Leute stehen, deuten mit Fingern auf mich und sagen: Da, das ist der Schlosser, dessen Frau die Kinder vertauscht hat, und sein Sohn ist der Baron von Wendelsheim! -- Das ertrag' ich nicht länger; es frißt mir das Herz ab, und ich komme mir immer so vor, als ob ich am Pranger stände.«

Die Frau hatte ihr Gesicht in den Händen geborgen und weinte still, und Else schmiegte sich furchtsam an sie.

»Aber Ihre Frau hat auch viel, recht viel ausgestanden die langen Jahre hindurch,« sagte Witte, »und eigentlich Strafe genug für ihr Vergehen erlitten. Wenn sie nun auch das letzte Kind hergeben soll...«

»Und wollen Sie, daß ich die Strafe dafür erleide?« beharrte der Mann. »Das Kind ist mein ganzes Leben; wenn ich den ganzen Tag schwer und hart gearbeitet habe, ist es meine einzige Erholung, daß ich die Kleine auf den Schooß nehme und mir von ihr vorplaudern lasse. Wenn ich das entbehren müßte, würd' ich verrückt -- und die Else selbst, sie freut sich den ganzen Tag auf die Zeit.«

»Ja, liebe Frau,« sagte Witte, »wenn das Kind so an dem Vater hängt, würde ich Ihnen selber rathen, es ihm zu überlassen. Sie sind ja dann auch jeder Sorge für dasselbe überhoben, und ich weiß außerdem gar nicht, wie Sie es sich hier einrichten wollten, wenn Sie wieder in Dienst gehen, denn Sie müßten doch die Kleine in der Zeit sich selber überlassen.«

»Sie braucht nicht in Dienst zu gehen,« sagte finster der Mann, »sie hat so viel, daß sie davon, mit ein bischen Arbeit nebenbei, leben kann; und ich möchte auch nicht, daß sie wieder in Dienst ginge. Es paßt nicht, und sie -- würde sich auch nicht glücklich darin fühlen.«

»Glücklich,« seufzte die Frau leise.

»Ja, Leutchen, damit kommen wir nicht zum Ziel,« sagte der Staatsanwalt, dem die arme Frau von Herzen leid that, der aber auch den Schlossermeister viel zu genau kannte, um ihm direct zu widersprechen; er hätte dadurch jedenfalls viel mehr verdorben, als gut gemacht. »Auf die Weise können wir noch eine Stunde hin und her reden und bleiben auf demselben Fleck. Ich will Euch deshalb einen Vorschlag machen. Das Kind, so jung es ist, hat doch auch eine Stimme; Sie, Baumann, behaupten, daß es mit voller Liebe an Ihnen hängt, ebenso die Mutter. Die Mutter _hätte_ das Recht, die Kleine noch etwa ein halbes Jahr bei sich zu behalten, dann müßte sie es doch dem Vater übergeben, und wie schnell vergeht ein halbes Jahr. Wenn Ihr also meinem Rath folgen wollt, so laßt das Kind selber entscheiden, bei wem es bleiben will, bei dem Vater oder der Mutter, und der andere Theil fügt sich dann geduldig in das nicht zu Aendernde. Sind Sie damit einverstanden, Frau Baumann?«

»Ich habe kein Recht mehr, mitzusprechen,« sagte die Frau leise und mit von Thränen fast erstickter Stimme; »ich darf auch vielleicht diese letzte Hoffnung nicht einmal annehmen. Ich habe meinem Mann ein so großes und schweres Herzeleid angethan, daß ich ihm kein weiteres zufügen darf. Wenn sein Herz so an dem Kinde hängt, daß er glaubt, er wird unglücklich, wenn er es missen soll -- so mag er es nehmen -- jetzt nehmen -- heute noch. Ich habe jede Strafe verdient und will mich geduldig fügen.«

»Nein,« rief der Mann barsch, aber mit fest auf einander gebissenen Zähnen -- die Worte kamen ihm auch dabei sehr schwer aus der Kehle --, »der Staatsanwalt hat recht -- so will ich das Kind nicht. Die Else soll selber entscheiden, mit wem sie gehen will -- mit mir oder mit der Mutter, und wenn sie dann...« Er schluckte ein paarmal heftig und schwieg; endlich fuhr er fort: »So machen Sie's fertig, Staatsanwalt, ich halt's nicht mehr länger aus!«

»Gut; also komm einmal her, mein liebes Kind. Siehst Du, Dein Vater und Deine Mutter, die jetzt so lange zusammen gelebt und Dich beide so lieb haben, wollen sich nun trennen. Der Vater wird fort von hier ziehen und die Mutter dableiben. Sie möchten Dich beide gern haben, aber das geht doch nicht; also sollst Du jetzt sagen, ob Du, wenn beide von einander gehen, mit dem Vater ziehen oder bei der Mutter bleiben willst. Verstehst Du, was ich sage?«

»Ja,« flüsterte die Kleine, die halb erschreckt, aber die großen, klugen Augen weit geöffnet zugehört und dabei bald den Vater, bald die Mutter angesehen hatte, als ob sie zwischen beiden wähle.

»Also bei wem willst Du bleiben, mein Herz?«

»Bei Beiden,« sagte die Kleine, während ihr volle Thränen in die Augen traten, indem sie zum Vater sprang und seine Hand ergriff; »Du darfst nicht fortgehen, Vater, oder Du mußt die Mutter mitnehmen. Ich will bei Euch Beiden bleiben und Euch immer recht, recht lieb haben und recht gut und brav sein, und dann wirst Du auch wieder lachen und die Mutter nicht mehr so viel weinen.«

»Baumann,« sagte Witte, dem selber die Thränen in die Augen traten, »hört Ihr das Kind? Hört Ihr, was es sagt? Eure Frau ist Euch sechsundzwanzig lange Jahre eine gute, treue Gattin gewesen; sie hat den einen Fehltritt begangen, ja, aber auch furchtbar dafür gebüßt. Der Gerichtshof hat ihr Vergehen nicht für so entsetzlich strafbar gefunden, der König selbst, in Betracht dessen, was sie sonst gelitten und welche Reue sie gezeigt, ihr die ganze Strafe geschenkt, und denen allen war sie nur eine _fremde_ Frau! Wollt Ihr härter und unerbittlicher sein, als selbst der Richter und der König? Seht die Frau an -- dreht Eure Augen nicht ab, denn Euer Herz zieht Euch doch hin --, seht sie an, wie der Gram und Kummer sie gebrochen hat, und für ihr ganzes Leben wollt Ihr _die_ Frau dem Jammer, der Reue überlassen?«

»Geh' nicht von der Mutter, Vater,« bat Else und hing sich an seinen Arm; »Du würdest nie wieder lachen und froh sein können und die arme Mutter immer, immer weinen!«

Der Mann drehte den Kopf noch nicht; er sah nur starr und wie mit gläsernen Augen auf sein Kind nieder, auf seine kleine Else. »Geh' nicht von der Mutter, Vater!« bat sie -- und jetzt drehte er das Antlitz ihr zu -- ihr, die er die langen, langen Jahre geliebt und im Herzen getragen und die ihn so glücklich gemacht hatte, daß er sich gar kein Leben ohne sie denken konnte. Und als sein Auge sie traf, als er die in Demuth und Schmerz gebeugte Frau vor sich kauern sah, mit keinem Wort des Widerspruchs, keinem Gedanken, als sich nur seinem ausgesprochenen Willen zu fügen, da brach plötzlich das Eis.

»Katharina,« sagte er, und das Wort rang sich ihm ordentlich von seiner Brust los -- »wollen wir -- bei einander aushalten?«

»Gottfried!« rief die Frau, ihrem Glück kaum trauend und die gefalteten Hände zu ihm erhebend.

»Die Else hat recht,« fuhr Baumann fort, »es geht nicht; wir haben Beide schwer getragen, aber jetzt -- Alles vergessen und vergeben!«

»Gottfried,« schrie die Frau, emporspringend, »Du wolltest...«

»Bei Dir aushalten in Freud' und Leid, wie ich es Dir einst zugeschworen. Nach Amerika geh' ich, das ist bestimmt -- aber Du gehst mit, und die Kinder alle mit einander, und der alte Gott -- wird dort weiter helfen!«

Die Frau hing an seinem Halse, sie schluchzte und jauchzte, und die Schreiber drin in der Nebenstube unterbrachen ihre Arbeit und horchten nach den fremdartigen Tönen in der sonst so stillen und geschäftsmäßigen Stube hinüber; und als nachher die Schlossersleute heraus kamen, Arm in Arm, und der Mann das Kind trug, und der alte Staatsanwalt hinter ihnen die Augen selber voller Thränen hatte, da wußten sie erst recht nicht, was sie aus der Sache machen sollten.

12.

Schluß.

Draußen im Schlosse Wendelsheim waren dem jungen Herrn der Besitzung die wenigen Tage wie in einem glücklichen Traum verflossen, und während eine Unzahl von Handwerkern in den alten Räumen wirthschaftete, um sie neu und wohnlich wieder herzurichten, damit Fritz sein liebes Bräutchen bald heimführen könne als züchtige Hausfrau, schien auch ein ganz anderes Leben mit den Arbeitern eingekehrt. Das summte und brummte nur so den ganzen Tag von lustigen Liedern und Lachen und Scherzen, wo früher Einer dem Andern scheu ausgewichen war und seine Arbeit gethan hatte, nicht als eine freudige Beschäftigung, sondern wie nur, um sie los zu sein. Aber Grund genug dazu war auch vorhanden, denn das gnädige Fräulein, die steinerne Tante, hatte den Platz geräumt und war, wüthend über die erlittene Beschimpfung, wüthend über den Neffen, über Kathinka, über die ganze Welt, schon am nächsten Tage abgefahren mit Sack und Pack, und das allerdings konnte ihre Laune dabei nicht verbessern, daß die Leute und Arbeiter vom Hofe, als sie endlich in den Wagen stieg, in lauten Jubel und ein nicht enden wollendes Hurrah ausbrachen, mit dem sie aus dem Schlosse begleitet wurde. Aber sie hatte es sich auch freilich selber zuzuschreiben, denn sie ließ _keinen_ Freund zurück, da Keiner im ganzen Schlosse war -- von ihrem eigenen Neffen bis zu dem letzten Kuhjungen herunter --, der nicht die Stunde gesegnet hätte, wo sie dem Platz den Rücken kehrte.

Wohin sie ging? Niemand kümmerte sich darum, da man wußte, daß sie hier nie wieder einziehen würde.

Aber eine andere Sorge lag den Leuten und besonders dem jungen Herrn auf dem Herzen, und das war die Sorge um den Baron selber, dessen Zustand sich mit jedem Tag verschlimmerte, und in völlige Wuthausbrüche überzugehen schien. Seit zwei Tagen hatte er schon Niemanden mehr in sein Zimmer gelassen; das Essen war ihm, mit Lebensgefahr für den Bringenden, in die Stube hineingeschoben worden, und die Voraussicht, daß noch Alles ein übles Ende nehmen könne, steigerte sich so, um Fritz zu veranlassen, selber in die Stadt zu fahren und einen Arzt mit ein paar Wärtern der dortigen Irrenanstalt, die mit solchen Kranken umzugehen wissen, herauszuholen; aber er kam trotzdem zu spät.

Als er in den Hof einfuhr, hörten sie plötzlich eine dumpfe Explosion und sahen gleich darauf aus den zertrümmerten Fenstern der Stube des alten Herrn dichte, weiße Rauchwolken hervorquellen. Alles stürzte natürlich hinauf, die Spritze wurde augenblicklich in Gang gesetzt und Wasser von allen Seiten herbeigeschleppt, um einem möglichen Brand zu begegnen. Als sie seine von innen verriegelte Thür einschlugen, bedurfte es dabei einer geraumen Zeit, ehe sie nur in das Gemach selber vordringen konnten, denn Pulverdampf drang in dicken, gelblich-weißen Schwaden so dicht wie eine Mauer heraus, und nicht das Geringste war in dem ganzen Raum zu erkennen. Durch das Oeffnen der Thür aber und mit den zersplitterten Fenstern bildete sich ein Zug, der nach einiger Zeit Luft gab, und wie sich der Rauch endlich verzog, fanden sie unter brennenden Trümmern und unter einem Theil der eingestürzten Zimmerdecke den Leichnam des alten, unglücklichen Mannes, der hier und auf solche Weise den Tod gefunden.

Erklärt war die Sache leicht. Der Baron hatte, wie man recht gut wußte, in seinem Gewehrschrank Pulver liegen, aus dem er sich, wenn er früher manchmal auf die Jagd ging, selber seine Patronen machte. Wie viel es gewesen, ließ sich nicht bestimmen, und daß er absichtlich Feuer dazu gebracht, war kaum anzunehmen. Wahrscheinlich hatte er in einem von seinen Anfällen die Idee gefaßt, frische Patronen zu machen -- wie sich dann das Pulver entzündet, wer konnte es sagen! Aber der ganze Gewehrschrank war aus einander gesprengt und ein Theil der Waffen durch den Luftdruck an die entgegengesetzte Wand des Zimmers geschleudert, wo sie verbogen oder zertrümmert lagen.

Einzelne Möbel brannten auch, aber des Feuers wurde man bald Herr und der Leichnam dann in einen andern Theil des Schlosses getragen und dort auf sein letztes Bett gelegt.

Schloß Wendelsheim war jetzt zu einem Hause der Trauer geworden, wenn auch Fritz selber keinen so tiefen Schmerz über den Tod eines Vaters fühlen konnte, den er eigentlich kaum gekannt und der ihn nie geliebt, nie Liebe von ihm verlangt hatte. Aber Freude und Jubel war zugleich in die ärmliche Wohnung des Schlossers Baumann eingezogen -- Glück und Seligkeit in die Herzen und ein heiteres Lachen und ein frohes Singen durch alle Räume. Selbst dem alten, starren Schlossermeister schien eine wahre Last von der Seele genommen zu sein, die er sich freilich selber aufgebürdet und mit seinem Trotzkopf auch vielleicht das lange Leben durchgeschleppt hätte bis zum Grabe. Jetzt war das vorbei, und was ihn dabei heiter und froh machte: daß nicht _er_ das Glück wieder hatte einkehren lassen in sein Haus, oder seine Frau -- das Alles wäre ihm fort und fort ein drückendes Gefühl geblieben -- nein, daß es sein Kind gewesen, seine kleine Else, und er ließ die Kleine fast nicht mehr aus den Armen.

Indessen wurden jetzt aber alle Vorbereitungen zur baldigen Abreise scharf betrieben. Der Entschluß, nach Amerika auszuwandern, stand felsenfest bei ihm, und hier in Alburg hätte ja auch Alles die Erinnerung an das Ueberstandene fast stündlich wieder wachgerufen. Ueber den Verkauf seines Hauses trat er augenblicklich mit einem Nachbar, der ihm schon lange darauf ein Gebot gethan, in Unterhandlung. Das beste Werkzeug wurde eingepackt, um es mitzunehmen -- denn drüben wollten sie genau wieder so beginnen, wie sie hier aufgehört --, Amboße und alles zu Schwere natürlich hier verkauft, und in kaum acht Tagen konnte schon mit der Fortschaffung der Effecten begonnen werden.

Auch Salomon hatte nicht gesäumt seine Abreise zu betreiben, und die beiden Familien waren entschlossen, nicht allein die Reise zusammen zu machen, sondern sich auch in Amerika gemeinschaftlich einen passenden Platz auszusuchen und dort eine Niederlassung zu gründen.

In diese selbe Zeit fiel die Bestätigung von Heßberger's Urtheil. Er hatte sich an die Gnade des Königs gewandt, aber ohne Erfolg. Er war zu zwanzigjähriger Zuchthausstrafe verurtheilt und wurde an dem nämlichen Tag in die Strafanstalt abgeliefert, als die Auswanderer die Stadt verließen.

Fritz kam jetzt fast alle Tage in die Stadt, um seine Pflegeeltern, über deren neu gewonnenes Glück er selige Freude fühlte, noch recht oft zu sehen, und hatte auch den Vater dringend gebeten, eine nicht unbedeutende Summe von ihm anzunehmen, um damit sein Fortkommen in dem fremden Welttheil zu sichern; aber der alte, starrköpfige Mann wollte nicht. So lange er seine Fäuste und seine Jungen hätte, meinte er, so lange sei er auch selber Manns genug, sich durch die Welt zu bringen; würde er einmal alt und schwach -- was aber wohl noch eine Weile dauern könne -- und sollte er es nothwendig brauchen, na, dann wollte er an Fritz schreiben und es ihn wissen lassen, eher nicht.

Es war nichts mit ihm anzufangen.

Die Hochzeit des jungen Erben von Wendelsheim mußte übrigens, durch den Todesfall des alten Barons aufgehalten, natürlich noch eine Weile hinausgeschoben werden, sonst hätte Fritz die Eltern auch gar nicht früher fortgelassen. So aber beschloß er, wenigstens sie bis Hamburg, als den Ort der Einschiffung, zu begleiten.

Morgens war das sämmtliche Passagiergut, da man die Frachtgüter lange vorausgeschickt, aufgegeben worden, und die Reisenden hatten schon ihre Plätze im Coupé genommen. Witte, der sie bis dahin begleitet, um noch einen letzten Abschied von ihnen zu nehmen, stand draußen auf dem Perron am Wagenfenster, als Rath Frühbach, den linken Arm wie gewöhnlich auf dem Rücken, langsam angeschlendert kam und, durch den davor stehenden Staatsanwalt aufmerksam gemacht, zu seinem Erstaunen die ganze Gesellschaft erkannte.

»Alle Wetter,« rief er überrascht aus, »ich habe es schon in der Stadt an verschiedenen Orten gehört, aber immer nicht glauben wollen! Also soll es wirklich nach Amerika gehen?«

»Nach Amerika, lieber Rath!« rief Bruno, der selig neben seiner Braut im Wagen saß, da der alte Salomon bestimmt hatte, der vielen Schwierigkeiten wegen, die ihnen hier in Deutschland bei einer solchen Trauung gemacht würden, dieselbe aufzuschieben, bis sie New-York erreichten. -- »Nach Amerika -- und wenn Sie etwas dahin zu bestellen hätten....«

»Hm,« sagte der Rath, »da fällt mir eine Geschichte ein. In Schwerin....«

In dem Moment pfiff die Locomotive. »Wagen frei, meine Herren!« rief der Schaffner. »Es geht fort!« Die Wagen thaten einen Ruck, setzten sich in Bewegung, und fort brauste der kleine Schnellzug, seinem Ziel, der fernen Hansestadt entgegen.

In Hamburg angekommen, sahen sie sich, wie das gewöhnlich geht, noch genöthigt, einige Tage auf die Abfahrt des als »segelfertig« angekündigten Schiffes zu warten, und das konnte Baumann doch nicht verhindern, daß ihnen Fritz nämlich statt der genommenen Zwischendeck-Billets bequeme Kajütenplätze ausmachte. Aber er hatte dabei auch außerordentlich viel und geheimnißvoll mit dem alten Salomon, den er selber schon von früher als einen braven und rechtlichen Mann kannte, zu verhandeln und zu besprechen und war oft stundenlang mit ihm abwesend. Was es aber gewesen, erfuhr Niemand, selbst nicht, als das Schiff endlich seine Abfahrt signalisirte und die Passagiere an Bord mußten.

Der Abschied war herzlich. Fritz hatte noch nicht vergessen, die alten Baumanns als seine wirklichen Eltern zu betrachten, und die kleine Else trug er selber in's Boot und von dort in seinem Arm an Bord hinauf. Jetzt noch ein Händedruck, noch ein Kuß -- dann blähten die Segel aus -- Tücher winkten nach, und fort mit einer günstigen Brise glitt das Schiff, das glückliche Menschen einer neuen Heimath entgegenführte. -- --

* * * * *

Ein volles Jahr war vergangen, aber Fritz, längst mit der Geliebten vereinigt und im Besitz alles dessen, was einen Menschen wirklich glücklich machen kann, hatte noch immer nichts von seinen Lieben in Amerika gehört und sehnte sich doch so nach einem Brief.

Von Salomon erhielt er allerdings einmal, nach kaum sechs Monaten, ein paar geschäftliche Zeilen, die ihm anzeigten, daß sie glücklich da drüben gelandet wären und ihre neue Heimath bezogen hätten, daß es auch Allen gut ging, er aber weiter nichts schreiben wolle, da es ihm der alte Baumann verboten. Der nämlich habe selber die Absicht, ihm einen langen Brief zu schicken, und dem möge er deshalb nicht vorgreifen.

Aber der versprochene Brief kam nicht, und Monat nach Monat verging, so daß Fritz schon anfing sich zu sorgen. Da brachte der Postbote eines Tages den ersehnten, und das war wirklich ein _Brief_.

Auf grobes Schreibpapier geschrieben, reichlich vier Bogen davon zusammengefaltet und mit einer Unzahl von Siegeln beklebt, wog er in das Unglaubliche und kostete ein Heidenporto. Fritz aber jubelte laut auf, als er ihn erhielt. Das waren die starren, ehrlichen Züge seines alten Pflegevaters, und mit wenigen Sätzen sprang er hinauf in das Zimmer seiner kleinen Frau, um mit dieser das Schriftstück gemeinschaftlich zu genießen.

Beide lachten auch hell auf, als sie den Brief öffneten und die Buchstaben sahen, die wie durch einander geworfenes Werkzeug auf dem Papier umher lagen; aber Fritz traten doch die Thränen in die Augen, denn in den rauhen Zügen sah er das Bild des braven, wackern Mannes wieder, so klar und deutlich, als ob er vor ihm stände.

Kathinka würde freilich lange gebraucht haben, bis sie die wunderlich zusammengestellten Zeichen entziffert hätte; Fritz aber, der seines Vaters Handschrift schon von früher kannte, fand sich leicht hinein, und wie er nur einmal die ersten Zeilen bewältigt, las er die Hieroglyphen frisch vom Blatte weg. Der Brief lautete:

»Mein lieber Fritz! Eigentlich habe ich mir schon seit sechs Monaten jeden Tag vorgenommen, an Dich zu schreiben, aber es kam immer 'was dazwischen, und dann geht es mit Schreiben hier in Amerika gar nicht so leicht wie daheim, denn die Dinte trocknet Einem immer ein, und wenn man nachher Wasser dazu gießt, ist nichts drin.