Der Erbe: Roman. Dritter Band.

Part 14

Chapter 143,930 wordsPublic domain

»Sie hat das Nämliche gethan,« sagte der alte Mann finster; »sie mag jetzt büßen, was sie damals verbrach. Rede mir nichts weiter davon, Fritz -- Du kennst mich zur Genüge und weißt, daß Widerspruch mich nur eher in meinen Vorsätzen befestigt, aber nie im Leben davon abbringen kann. Da sieh,« fuhr er fort, indem er die Thür des kleinen Wohnzimmers neben der Werkstätte aufstieß -- »da haus' ich jetzt, das ist meine Heimath, wenn ich des Abends von der Arbeit so müde bin, daß ich die Knochen nicht mehr rühren kann -- da steht jetzt mein Bett, und dort schlaf' ich allein -- wie ein alter Junggeselle, der ich wieder geworden bin.«

»Und die Mutter?«

»Hat das Schlafzimmer neben der Küche, wo sie mit der Else ist, bis -- die Scheidung einmal geregelt ist. Es dauert immer so lange, ehe man's fertig bringt, und der Staatsanwalt Witte wollte erst gar nicht dran. Jetzt hat er mir versprochen, es zu beeilen. Er weiß auch am besten mit allen Wegen und Formen, die man bei solchen Sachen zu beobachten hat, Bescheid und hat mir zugestehen müssen, daß dieser Fall hinreichenden Grund zur Scheidung gäbe.«

»Und was werden die Leute in Alburg sagen?«

»Gerade damit die nichts sagen _können_, laß ich mich scheiden,« trotzte der Alte. »Glaubst Du denn, daß auch nur ein Dienstmädchen durch die Stadt liefe, das nicht stehen bliebe und uns nachsähe, wenn ich wieder mit Deiner -- Pflegemutter ausginge? Nein, wahrhaftig nicht -- wir wären das Gespött und der Klatsch der ganzen Stadt, und so lange ich das noch vermeiden kann, werde ich mich ihm gewiß nicht muthwillig aussetzen. Aber, was ich Dich fragen wollte, Fritz: was gedenkt der -- Herr Lieutenant jetzt zu thun?«

»Vater!«

»Gut -- der Bruno also, wenn Dir das besser klingt. Was hat er gelernt, womit er sich hier sein Brot verdienen würde? Denn daß er bei mir als Lehrling in die Werkstatt eintreten möchte -- was das Natürlichste wäre --, kann ich mir doch nicht denken.«

»Er will nach Amerika, Vater.«

»Nach Amerika?« sagte der Alte, still vor sich hin mit dem Kopf nickend. »Der Gedanke ist nicht so unrecht, und ich -- ich wollte, ich wäre auch drüben, denn hier in Deutschland werde ich doch nicht mehr froh. Hol's der Teufel,« setzte er hinzu, indem er seinen Hammer wieder aufgriff und eine neue Eisenstange in's Feuer schob, »ich wollte, ich wäre todt und läg' draußen unter dem kühlen Rasen, um nur einmal eine Weile ausschlafen zu können von all' dem Grübeln und Denken, das Einem die Stirn bald auseinander reißt! Aber da kommt der Bruno wieder -- nimm ihn mit fort, Fritz -- mir ist jetzt so wunderlich zu Muthe -- ich muß meinen Ingrimm erst eine Weile an dem Eisen auslassen, nachher wird's besser -- nimm ihn mit fort.«

Fritz kannte den Vater zu gut, um nicht zu wissen, daß er recht hatte. In solcher Zeit war es am besten, ihn allein zu lassen; sein ruhiger Verstand und sein gutes Herz arbeiteten sich dann vielleicht wieder an die Oberfläche; wurde aber von außen gestört, so loderte der heimlich genährte Aerger auch oft lichterloh empor, und man verdarb jedenfalls weit mehr, als man nützte. Sobald Bruno deshalb die Werkstatt wieder betrat, nahm er ihn unter den Arm und führte ihn der Thür zu.

»Wir kommen wieder, Vater!« rief er dem Alten zu, »Bruno hat noch Einiges zu besorgen, und ich auch -- auf Wiedersehen -- Adieu, Karl!« Ein Wink für Bruno, und dieser folgte ihm vor die Thür, wo ihm Fritz die Ursache ihres raschen Abschieds mit wenigen Worten erklärte. »Und wo willst Du jetzt hin?«

»Den schwersten Gang von allen thun,« sagte Bruno leise. »Aber frage mich nicht, wenigstens nicht jetzt -- morgen sollst Du Alles wissen, morgen seh' ich Dich auch noch, um Abschied von Dir zu nehmen. Du kommst doch in die Stadt? Ich möchte Wendelsheim nicht wieder betreten...«

»Gewiß -- und Du willst wirklich fort?«

»Ich muß. Glaubst Du, daß ich es hier ertragen könnte, zu leben, wo ich jede Stunde einem früheren Kameraden begegnen und dann die kalten oder gar höhnischen Blicke ansehen müßte? Nein -- nur über dem Meer drüben giebt es noch eine Heilung für mich. Und jetzt lebe wohl, denn den Weg, den ich heute zu gehen habe, muß ich allein gehen.«

Er hatte sich von dem Arm des jungen Mannes losgemacht und schritt langsam und schweren Herzens die Straße nieder. Aber es mußte sein, und er sich jetzt, wie er von Stand und Reichthum losgerissen worden, auch noch von dem Letzten losreißen, was ihm geblieben -- von seiner Liebe.

Seine Bahn war schnurstracks dem Hause Salomon's zu, das er jetzt seit Wochen, seit er das Furchtbare erfahren, nicht mehr betreten. Er mußte noch einmal dorthin, um Abschied zu nehmen, um Rebekka ihr Wort zurückzugeben. Ja, einmal hatte er mit Stolz geglaubt, die Geliebte zu sich emporheben, sie mit Rang und Glanz umgeben zu können und keck dabei den Vorurtheilen seines Standes zu trotzen -- das war vorbei. Er, der arme, pfenniglose Wanderer, der Sohn eines armen Handwerkers, konnte nicht mehr um die Tochter des reichen Juden freien, ja, Salomon selber würde sich geweigert haben, sie ihm zu geben und sein Kind mit ihm in die Fremde hinausziehen zu lassen. Also vorwärts! Mit seinem Entschluß war er im Reinen, und jetzt galt es ja nur, dem Schweren noch das Schwerste beizufügen; dann war Alles überstanden.

Wie in einem Traum schritt er aber heute durch die Judengasse, wie in einem wüsten, bösen Traum; er hob die Augen nicht vom Boden, und nur das Summen, Schreien und Toben, das Lachen und Kreischen der Kinder hörte er, als er hindurchschritt, wie aus weiter Ferne.

Jetzt hatte er Salomon's Laden erreicht und sah zu seinem Erstaunen den Alten emsig beschäftigt, einen Theil seiner Sachen zu ordnen, einen andern einzupacken, und viele Kisten standen schon theils zugenagelt, theils noch offen in dem Raum umher. Der alte Mann war auch nicht allein; seit jenem Mordanfall hatte er den dunkeln Laden nie wieder allein betreten und immer zwei Leute bei sich, damit, wenn er Einen fortschicken mußte, wenigstens Einer bei ihm blieb. Diese halfen ihm jetzt auch beim Packen. Kaum aber hörte er einen fremden Schritt und erkannte, sich danach umdrehend, Bruno, als er, erschreckt emporfahrend, ausrief:

»Gott der Gerechte, der Herr Baron! Ist er doch endlich gekommen, und wie ist mir geworden die Zeit so lang in der langen Weile!«

»Lieber Salomon....«

»Warten Sie einen Augenblick, Herr Baron -- Ihr Beiden,« wandte er sich dann an die Arbeiter, »hört für heute auf; werden wir doch nicht fertig in einem Tag oder in einer Woche. Macht mir den Laden zu vorn und zieht mir den Schlüssel hübsch ab -- und das Hofthor auch; wir werden gleich hinaufgehen, Herr Baron, kann Ihnen dann auch Ihre Quittung geben über Alles. Vor einer Stunde war der Mann hier, hat mir das ganze Geld gebracht, Capital und Zinsen, bei Heller und Pfennig. Ein nobler Herr, ein sehr nobler Herr, der Herr Staatsanwalt Witte -- hätte aber wahrhaftig eine solche Eile nicht gehabt. Ich konnte warten, und würde auch mit Geduld gewartet haben -- noch so lang.«

»Ihr wißt Alles, was vorgegangen ist, Salomon?«

»Soll ich nicht wissen, was die ganze Stadt weiß,« sagte der alte Mann; »die Kinder sprechen davon auf der Straße und die Mädchen am Brunnen. Es war ein trauriger Fall für die Frau Mutter. Soll ich leben -- ich begreif's nicht -- sind jetzt auf einmal in die Verwandtschaft gekommen -- Ihr Herr Onkel hat mir den Hieb über den Kopf gegeben....«

»Lassen wir das, Salomon,« sagte Bruno mit einem schweren Seufzer, denn es war ihm furchtbar, das Entsetzliche gerade in diesem Augenblick noch einmal durchzuleben. »Ich freue mich, daß das Geld von dem jetzigen Erben so gewissenhaft ausgezahlt ist -- ich selber wäre es nicht im Stand gewesen.«

»Ein Kunststück,« sagte der alte Mann, »wenn man eine halbe Million so mit Einem Schlag verliert -- vor dem Mund weg.«

»Das also drückt mich wenigstens nicht mehr,« fuhr Bruno fort, »und nur noch Eins bleibt mir zu thun übrig, Salomon -- Euch erstlich für alles Liebe und Gute zu danken, was Ihr mir gethan, und dann -- Abschied zu nehmen von Euch und Eurer Familie -- von Rebekka.«

»Abschied -- wie haißt?« sagte der alte Mann, der aber in vortrefflicher Stimmung zu sein schien. »Sie wollen doch nicht fort von Alburg, Herr Baron?«

»Und weshalb nennt Ihr mich noch immer Baron?«

»Gott der Gerechte, wenn ich Ihnen jetzt auf einmal sagte, ich heiße nicht Salomon, ich heiße Isaak -- würden Sie nicht immer zu mir sagen: Wie geht's, Salomon? und nicht: Wie geht's, Isaak? -- Es liegt einmal auf der Zunge, und wenn man spricht, fährt's heraus.«

»Aber ich bin kein Baron mehr und -- bin es nie gewesen.«

»Wenn das das größte Unglück wäre, was Sie betroffen hat, man könnt's ertragen. Aber wo wollen Sie hin, daß Sie kommen, um Abschied zu nehmen?«

»Nach Amerika, Salomon,« sagte Bruno entschlossen. »Ich bin jetzt arm, habe nichts mehr, und muß mir nun selber eine Existenz zu gründen suchen. Früher wäre ich stolz darauf gewesen, Rebekka die Meine nennen zu können -- jetzt bin ich hergekommen, um ihr das mir gegebene Wort zurückzubringen; ich darf ihr Schicksal nicht an das eines Heimathlosen binden. So laßt mich noch einmal zu ihr hinaufgehen -- es ist das letzte Mal --, noch einmal ihr in das gute Auge schauen und ihre Hand drücken, dann bin ich frei und -- werde Euch nicht mehr lästig fallen.«

»Was das für a Red' ist,« sagte der alte Mann, »lästig fallen! Der Herr Baron -- wollt' ich sagen: Herr Baumann -- wissen recht gut, daß Sie uns nicht lästig gefallen sind. Aber wir wollen hinaufgehen; der Laden ist zu -- muß nur einmal nachsehen, ob das nichtsnutzige Volk seine Schuldigkeit gethan. So, Alles in Ordnung; jetzt werd' ich hier zuschließen, und nun kommen Sie, Herr Baron -- wollt ich sagen: Herr Baumann --, daß wir noch einmal zur Rebekka gehen, ehe Sie reisen nach Amerika -- Gott soll's behüten, Amerika -- und das viele salzige Wasser dazwischen -- das wird eine Reise werden!«

Bruno erinnerte sich gar nicht, den alten Mann je so gesprächig gesehen zu haben, wie heute; aber das eigene Herz war ihm zu schwer, um viel darauf zu achten. Wie schwer wurden ihm die Füße, als er jetzt die Treppe hinaufstieg, die er sonst so oft mit wenigen Sätzen überflogen -- fast so schwer als damals, da er Rebekka bitten wollte, sein Ehrenwort einzulösen, und doch die Bitte dann nicht über die Lippen brachte. Heute _mußte_ er reden, hier half kein Zögern mehr, denn die Würfel waren gefallen, und Salomon schien ja auch seine Reise nach Amerika ganz in der Ordnung zu finden. Was blieb einem armen, aus seiner Carrière gerissenen Menschen überhaupt anders übrig, als das Vaterland zu meiden und in einer neuen Welt ein neues Leben zu beginnen!

Jetzt waren sie oben. Salomon öffnete mit seinem kleinen Schlüssel die äußere Saalthür, schloß sie dann wieder und hing die Kette vor. Dann aber lachte er und rief: »Rebekkche, Rebekkche! Wir haben ihn gefangen -- hier ist er!«

Drinnen in der Stube ertönte ein Freudenschrei, die Thür flog auf und Rebekka weinend, jauchzend in Bruno's Arme.

»So,« rief der alte Mann, »das wird ein ordentlicher Abschied, fangen gleich damit an! Soll ich leben und gesund sein, wenn ich's mir nicht gedacht habe!«

Und jubelnd zog das junge, blühende Mädchen den Geliebten in die Stube hinein, und an seinem Halse weinte und lachte sie, daß er so lange, so ewig lange fortgeblieben, und dankte ihm, daß er jetzt wiedergekehrt wäre und die Sorge von ihrer Seele genommen hätte. Bruno wollte sprechen, aber er kam gar nicht zu Worte. Mit ihren Küssen erstickte sie das Schwere, das er zu sagen hatte, und doch nur schwerer wurde es ja gerade durch dieses Zögern, durch diese Liebkosungen, die ihm das Glück, das er im Begriff war, von sich zu stoßen, nur wieder mit all' seinem unwiderstehlichen Zauber um die Seele flochten.

Der Vater und die Mutter standen dabei. Da streckte Bruno endlich die Hand nach ihm aus und bat den alten Mann: »Sprecht Ihr mit ihr, Salomon -- ich kann es ja nicht! Ihr wißt Alles -- o, bitte, sagt ihr, was mich hergeführt!«

»Gut,« nickte Salomon vergnügt, »werd' ich sprechen, und nun, Rebekkche, wirst Du zuhören, was Dir der Herr Baron -- wollt' ich sagen: der Herr Baumann -- mitzutheilen hat. Als er aber ist gekommen, um Abschied zu nehmen, weil er nach Amerika will, muß er gerathen sein in ein falsches Haus, denn da wir auch nach Amerika gehen und die Reise also zusammen machen, braucht man nicht zu nehmen Abschied -- es ist kein Verstand darin....«

»Aber, Salomon....«

»Außerdem will er zurückgeben dem Rebekkche ihr Wort, was sie ihm hat gegeben als Baron -- wie haißt? Hat sie ihn dabei genannt Baron oder Bruno, bei seinem Vornamen? Nun, den Bruno hat er doch behalten, muß er nicht auch behalten das Wort?«

»Aber, Salomon....«

»Und als er ist nicht mehr Erbe von eine halbe Million -- mit Abzug der Kosten --, ist er auch nicht mehr Baron, und die Sache wird sich heben. Dem _Baron_ hatte ich mein Jawort gegeben -- ja, aber mit wie schwerem Herzen -- der Himmel weiß es, denn ich sah nichts als Unglück darin für mein Kind -- Demüthigung und Thränen und Zank in der Familie, wo soll sein einig und Ein Herz und Eine Seele! Jetzt hat er abgeschüttelt den Baron, und nun ist er der einfache Bruno Baumann, der Sohn von'm braven Mann, dem Schlosser Baumann, und als das Rebekkche an ihm hängt mit ihrem ganzen Herzen und sich zu Tode härmen würde, wenn sie ihn sollt' verlieren, und als er bewiesen hat, daß er ist ein braver Mann wie sein Vater, der alte Schlosser Baumann, und _kein_ Baron -- Soll ich leben, mir geht der Odem aus -- so wollen wir machen kurzen Proceß und sagen: der Gott unserer Väter segne den Bund Eurer Herzen -- seid glücklich und macht uns alte Leute auch glücklich in Eurem Glück!«

»Aber, Salomon,« rief Bruno, betäubt von der auf ihn einstürmenden Seligkeit, »ich bin arm, blutarm, und nicht im Stande, eine Frau zu ernähren!«

»Wie haißt?« sagte Salomon. »Sie sind jung und geschickt und ein Meister auf dem Instrument -- Amerika ist ein freies Land -- glauben Sie, daß sich in einem freien Land ein junger, geschickter Mensch nicht durchbringen kann _mit_ seiner Frau? Und sollt' es wo fehlen, hat der alte Salomon nicht Geld genug und nur ein einziges Kind, was er will glücklich machen, wenn's in seinen Kräften steht?«

»Und Ihr wollt Alle fort?«

»Alle,« sagte der alte Mann jetzt plötzlich ernst; »es ist kein Boden hier für uns, und seit dem letzten Raubanfall hab' ich das Vertrauen zu der Stadt verloren, in der ich heimisch war. Ich kann den Laden nicht mehr betreten ohne Furcht und Grauen, ich sehe immer den kleinen Mann hereinkommen, und seine häßlichen, stechenden Augen. Wir gehen mit dem nächsten Schiff. Viel von meinen Sachen hab' ich schon hier verkauft -- Manches billig, Manches theuer -- viel nehm' ich mit. Als es ist ein neues Land, brauchen sie Antiquitäten; der alte Salomon kommt nicht zu kurz. Sie aber, Herr Baron -- wollt' ich sagen: Herr Baumann --, Sie meinen jetzt, Sie wollen dem Rebekkche ihr Wort zurückgeben, und ich soll mein Kind mit nach Amerika nehmen und soll sehen, wie es sich abhärmt und grämt und weint, blos weil Sie nicht mehr sind Baron -- hat sie das um Sie verdient?«

»Rebekka,« rief Bruno in jauchzender Seligkeit, »ist es wahr, Mädchen? Du stößt den armen, schlichten Sohn eines Handwerkers nicht zurück? Du willst Dein Geschick an das seine ketten?«

»Dein bin ich, Bruno!« rief das schöne Mädchen, in Glück und Liebe erglühend und ihn fest umschlingend. »Dein für immer, Dein in Freud' und Leid -- bis in den Tod!«

»Rebekka -- meine Rebekka!«

»Gott der Gerechte, was ein Abschied!« sagte Salomon.

11.

Eine Scheidung.

Drei Tage waren nach den oben beschriebenen Vorgängen verflossen, als der Schlossermeister Baumann eines Morgens zu dem Staatsanwalt Witte kam und ihn dringend bat, die Scheidung mit seiner Frau zu betreiben, da er willens sei, Alburg zu verlassen, und nicht mit dem Gefühl fortgehen möge, noch eine Frau da zu haben. Er hätte mit seiner Frau, wie er sagte, gesprochen, und sie füge sich in Alles; nur an Einem Punkt hänge es, an dem jüngsten Kinde, das noch nicht ganz sieben Jahre alt sei und das die Mutter nicht hergeben wolle. Mit dem siebenten Jahre, das wisse er wohl, gehöre es sein; aber er könne und wolle nicht so lange warten und bäte deshalb den Staatsanwalt, das zu vermitteln.

»Sie sind ein alter Starrkopf, Baumann,« sagte Witte ernst. »Hat die arme Frau nicht schon genug ertragen und ausgestanden und wollten Sie Ihr auch noch den letzten Schmerz hinzufügen?«

»Ich kann das Kind nicht zurücklassen, Herr Staatsanwalt,« sagte der Schlossermeister, »es ist meine ganze Seele; und die Mutter -- es wird nicht so schlimm sein, als sie jetzt es denkt. Hat sie sich von dem ersten Kinde, an dem jede Mutter mit ihrem ganzen, vollen Herzen hängt und lieber den letzten Blutstropfen hergäbe, ehe sie es missen möchte, trennen können, so wird es ihr bei dem letzten auch nicht so schwer werden. Sie soll auch keine Noth leiden; ich lasse ihr das Haus und Alles, was ich an Vermögen habe, nur die Reisekosten abgerechnet. Ich will mit meinen Jungen nach Amerika; der Bruno geht auch mit und heirathet des alten Salomon Tochter. Mir ist's auch recht, denn ich kenne den alten Salomon als eine treue, ehrliche Seele, die mehr christliches Gefühl für ihre Mitmenschen hat, als mancher Christ. Von dem, was ihr bleibt, kann sie also recht gut leben, wenn sie das Kind nicht mit zu versorgen hat, und deshalb wär' es nur vernünftig, daß sie sich fügte.«

»Also sie weigert sich, das Kind herauszugeben?«

»Sie weigert sich gerade nicht,« sagte der Mann finster, »aber sie weint und jammert den ganzen Tag, daß ich ihr doch nur das Eine lassen möchte, wenn ich ihr alles Andere wegnehme, und zwingen möcht' ich sie gerade nicht, kann aber auch das Kind nicht missen.«

»Und was soll _ich_ dabei thun?«

»Ihr zureden, Herr Staatsanwalt,« sagte der Schlossermeister. »Ich kann nicht reden -- entweder werde ich zornig oder weichmäulig, und das paßt Beides nicht. Sie verstehen das aber besser, es ist ja auch Ihr Amt und Geschäft. Sie können ihr die Sache aus einander setzen und ihr klar machen, daß die Kinder zum Vater gehören; mir glaubt sie's nicht und bringt dann so hochstylige Redensarten hinein, daß ich gar nicht weiß, was ich ihr darauf erwiedern soll -- und das paßt mir nicht.«

»Gut,« sagte Witte, »dann bringen Sie Ihre Frau mit her. Sie wollen doch nur, was recht ist, nicht wahr?«

»Gott soll mich behüten, daß ich je 'was Anderes wollte!«

»Schön, dann hoffe ich Alles in Ordnung zu bringen. Ihre Frau ist ja auch vernünftig und sonst gut und brav.«

»Das ist sie,« nickte der Schlosser, »und war es mir die langen Jahre hindurch, bis auf den Einen Tag, die Eine Stunde, die unser Aller Glück zerstört und zum Fenster hinausgeworfen hat.«

»Und doch wollen Sie sich von ihr scheiden lassen?«

»Ich habe es einmal gesagt, und jetzt muß es sein -- es geht nicht anders!«

»Gut. Des Menschen Wille ist sein Himmelreich, und meine Pflicht wohl, Ihnen abzurathen, aber zwingen kann ich Sie nicht; also bringen Sie mir die Frau. Aber noch Eins, auch das kleine Mädchen muß dabei sein, damit gleich Alles abgemacht wird.«

»Das Kind -- die Else?«

»Gewiß.«

»Lieber wär's mir, sie hörte gerade nicht, was wir mitsammen verhandeln.«

»Schämen Sie sich vor dem Kinde?«

»Schämen? Zum Teufel, nein; ich brauche mich vor keinem Menschen zu schämen, am wenigsten vor meinem eigenen Kind!«

»Nun gut, dann bleibt es dabei. Wann wollen Sie kommen?«

»Je eher die Geschichte abgemacht ist, desto besser,« sagte der Mann, »denn ich halt's so nicht mehr lange aus, und selbst der Karl fängt mir an zu flennen -- da muß ein Ende dran. Ich hol' sie auf dem Fleck, wenn's Ihnen recht ist.«

»Mir ist's recht, Baumann, ich werde zu Hause sein. Also sonst haben Sie sich über Alles mit ihr vereinigt?«

»Ueber Alles; es war auch nicht schwer. Sie hat kein Wort dazu gesagt und war mit Allem einverstanden. Es liegt auch nicht in ihrer Natur, zu widersprechen.«

»Schön, dann holen Sie Ihre Frau und das Kind; ich hoffe, daß wir rasch damit in Ordnung kommen.«

»Gott gebe es!« flüsterte der Mann und schritt starr und eisern aus der Thür hinaus und seiner eigenen Wohnung zu.

Witte ging indessen in seine eigene Wohnung hinüber, um dort ein wenig zu frühstücken. Als er das Zimmer seiner Frau betrat, stand diese am Fenster und sah auf die Straße hinaus.

»War nicht eben der alte Baumann bei Dir?«

»Ja, mein Schatz.«

»Was wollte er denn?«

»Sich scheiden lassen von seiner Frau,« lautete die kurze Antwort.

»Von seiner Frau -- wegen der Geschichte?«

»Allerdings.«

»Da hat er recht,« sagte die Frau Staatsanwalt mit Emphase, »das verdient sie nicht besser!«

»So?« sagte Witte und blickte Ottilie, die mit einer Arbeit beschäftigt am Fenster saß, scharf an. Das Mädchen sah abgehärmt und niedergeschlagen aus; aber desto mehr blühte dafür die Mutter und hatte sich mit Bändern, Schleifen und Locken ordentlich herausgeputzt. »So?« wiederholte Witte noch einmal. »Und was hat die Frau denn eigentlich gethan, wenn ich fragen darf?«

»Was sie gethan hat?« rief im höchsten Erstaunen und sich rasch nach ihm umwendend die Frau Staatsanwalt. »Nun, das nehme mir aber kein Mensch übel -- und das fragst Du mich? Weiß nicht die ganze Stadt, daß sie ihr eigenes Kind hergegeben hat, um es vornehm und adelig zu machen, und hätte sie für eine solche Unnatürlichkeit nicht eigentlich das Zuchthaus verdient?«

»Und was hast Du gethan, Therese?« sagte Witte, indem er ihr recht ernst und fast wehmüthig in's Auge sah. »Hast Du Dein Kind nicht auch hergeben wollen, um es recht vornehm und adelig zu machen?«

»Aber Witte!«

»Hast Du ihr nicht schon seit Jahren mit Deinen albernen Reden, wie vornehm sie sei und was weiß ich Alles, und was für eine gute Partie sie einmal machen müßte, das Ohr und Herz vergiftet, daß ich, wenn ich beschwichtigen und dämpfen wollte, nur immer hinter dem Rücken ausgelacht und verspottet wurde? Dein Vergehen war allerdings nicht criminalrechtlicher Art; Du thatest nur, was tausend andere, unvernünftige Mütter ebenfalls thun -- Du pflanztest einen Span von dem Sparren, den Du selber im Kopfe trägst, in Deiner Tochter Herz, und jetzt hast Du die erste Strafe dafür -- und sie auch; aber ich fürchte fast, die Lection wird noch nicht scharf genug gewesen sein.«

»Du phantasirst wohl heute Morgen?« sagte seine Frau, den Kopf verächtlich zurückwerfend.

»Die Phantasie ist dann ziemlich realistisch. Fritz Baumann, ein braver, tüchtiger und anständiger Mann, der Ottilie liebte, wurde mit Hohn und Verachtung abgewiesen, weil sich die Frau Mutter einbildete, der Erbe von Wendelsheim bewerbe sich um sie. Die Sache hat sich jetzt gewandt; aus dem Fritz Baumann ist der Erbe von Wendelsheim geworden und....«

»Wenn sie _den_ haben wollte,« sagte die Frau Staatsanwalt, »könnte sie ihn noch alle Tage kriegen.«

»Und hat sich neulich,« fuhr Witte ruhig fort, »mit jener armen Waise auf dem Schlosse, Kathinka von Stromsee, verlobt.«

»Verlobt?«

»Allerdings, während der frühere Lieutenant von Wendelsheim, jetzt Bruno Baumann, die wunderschöne Tochter des alten Salomon heirathet und mit ihm und den Seinigen nach Amerika geht.«

»Nun, und was interessirt das _uns_?« fragte die Mutter.

»Sieh Deine Tochter an und frage sie, ob es sie interessirt,« sagte Witte finster. »Mit bescheidenen Ansprüchen ist es vielleicht möglich, daß sie noch ein treues Herz, wie es ihr Fritz Baumann brachte, findet, um ihr Schicksal zu theilen, aber mit Deinem jetzigen Wahnsinn nicht; und wer die Schuld daran trägt, wenn sie einmal allein und freudlos durch's Leben gehen muß, das warst Du mit genau demselben Hochmuth, der jene arme Frau zum Kindertausch trieb.«

»Du bist unausstehlich heute, Witte!«