Der Erbe: Roman. Dritter Band.

Part 13

Chapter 133,797 wordsPublic domain

»Und nun komm,« sagte Fritz endlich, sie mit sich vom Boden hebend; »mir bleibt noch viel daheim im Schloß zu thun, denn von heute ab hab' ich es übernommen. Du wirst so lange, bis unser Bund gesegnet werden kann, zu der alten Verwalterin hinüberziehen, und daß Dich die Tante nicht mehr kränkt, dafür laß mich sorgen. Aber eine Frage beantworte mir noch, Kathinka, ehe wir den Park verlassen: Weshalb wolltest Du doch das Schloß meiden, auch wenn die Tante da nicht mehr zu befehlen hätte?«

Kathinka war wieder blutroth geworden; sie richtete sich von der Brust des Geliebten, der sie noch immer umschlungen hielt, auf und sah ihm in die Augen.

»Und darf ich es wissen?«

Und wieder barg sie ihr Haupt an seiner Schulter und flüsterte: »Weil ich elend geworden wäre, wenn ich Dich in den Armen einer andern Gattin gesehen hätte!«

»Mein Lieb, mein süßes, herziges Lieb! Und so warst Du mir schon lange gut?«

»O, von ganzem Herzen und von ganzer Seele!« rief die Jungfrau und umschlang zum ersten Male den Geliebten mit beiden Armen.

Es waren selige Augenblicke des Glückes, in denen die beiden Liebenden langsam durch den schattigen Park zurück dem alten Schlosse zuwanderten, und erst als sie in Sicht des unmittelbar daran stoßenden offenen Platzes kamen, wand sich Kathinka von ihm los, warf noch einmal die Arme um seinen Nacken, begegnete seinem heißen Kuß, und floh dann scheu seitab durch die Büsche, um den Hof von einer andern Seite zu erreichen.

Als Fritz ihn betrat, kam ihm Witte entgegen und sagte ihm, das gnädige Fräulein habe schon zum dritten Mal nach ihm geschickt und erwarte ihn beim Frühstück.

»Welches gnädige Fräulein?« fragte Fritz zerstreut.

»Welches?« lachte der Staatsanwalt; »nun, Ihre Fräulein Tante. Wenn die aber die Honneurs macht, will ich lieber nicht mit hinüber gehen, um ihr den Appetit nicht zu verderben.«

»Ich fürchte, lieber Staatsanwalt,« nickte Fritz, »ich werde ihn ihr selber verderben müssen; aber kommen Sie, denn ich habe nachher noch etwas sehr Wichtiges vor, bei dem ich gern wünschte, daß Sie Zeuge wären.«

Beide Männer schritten jetzt dem Portal des Schlosses zu, wo sie oben den alten Verwalter trafen, der, mit ein paar Flaschen Wein beladen, aus dem Keller stieg.

»Haben Sie keinen Champagner unten, Wunting?«

»Ja gewiß, Herr Baron.«

»Schön, der darf heute nicht fehlen; aber bringen Sie ihn selber in's Zimmer und frühstücken Sie mit uns. =A propos=, wo steckt denn Fräulein Kathinka?«

»Wie ich in den Keller ging, stieg sie die Treppe hinauf; ich glaube, sie wird in ihrem Zimmer sein.«

»Dann schicken Sie Jemanden hinauf, ich ließe sie bitten, in das Frühstückszimmer zu kommen. Es sind doch Gedecke genug aufgelegt?«

»Ja, mein bester Herr Baron,« sagte der Verwalter etwas verlegen, »das ließe sich wohl gleich besorgen, aber -- die Sache hat einen Haken. Sie -- kennen die Hausordnung auf Schloß Wendelsheim noch nicht. Das gnädige Fräulein ißt weder mit mir, noch mit der Kathinka an einem Tisch, und als das der alte Herr Baron einmal einführen wollte, hat es einen Hauptspectakel gegeben. Ich möchte doch nicht die Ursache sein, daß es gleich am ersten Tage zu Zank und Unfrieden käme -- der wird so nicht ausbleiben,« setzte er leise hinzu.

»Haben Sie keine Furcht, Wunting,« nickte ihm Fritz zu, »mein gnädiges Fräulein Tante soll, was das Frühstück betrifft, nicht in ihren Gefühlen verletzt und auch kein Zank und Unfrieden hervorgerufen werden. Erfüllen Sie nur meine Bitte und besorgen mir Alles nach der angegebenen Art; das Andere überlassen Sie mir.«

Damit stieg er langsam, Witte unter den Arm fassend, die Treppe hinauf, betrat aber das ihm bezeichnete Frühstückszimmer noch nicht, sondern zuerst den großen Saal, von dessen Balcon aus er den ganzen Hof und einen großen Theil des Parkes übersehen konnte. Und das Alles war jetzt _sein_ -- sein Eigenthum, sein Erbe von Eltern her, die er nie gekannt, oder, wenn gekannt, nur scheu und fremd betrachtet, an deren Herzen er nie gelegen, nie ein freundliches Wort nur von ihnen vernommen hatte. Es war ihm recht weich und weh zu Sinn -- und doch auch wieder so wohl, so glücklich, daß er hätte weinen mögen, aber zugleich aufjubeln vor Lust und Seligkeit.

Witte betrachtete sich indeß die Bilder an den Wänden und das ganze alte, außerordentlich reiche, aber verwitterte und verblichene Ameublement, das genau so aussah, als ob es einer Ritterfamilie gehört und ein paar Jahrhunderte unbenutzt hinter verschlossenen Thüren und verhangenen Fenstern gestanden habe, bis der Verwalter sie hier aufsuchte und meldete, es sei Alles bereit, Fräulein Kathinka fürchte sich aber, in das Zimmer zu gehen, bis der Herr Baron mitkäme.

Ein leichtes Lächeln flog über das Antlitz des jungen Mannes und er sagte freundlich: »So kommen Sie, Staatsanwalt, kommen Sie, lieber Wunting, denn ich muß Ihnen gestehen, daß ich hungrig geworden bin, und der Champagner darf ebenfalls nicht kalt werden.«

Und damit eilte er leichten Schrittes hinaus über den Gang, auf dem Kathinka harrend am Fenster stand. Aber er redete sie nicht an, nur einen lächelnden Wink gab er ihr, und betrat jetzt, von den Uebrigen gefolgt, das Frühstückszimmer, in dem ihn seine Tante, in eine schwerseidene, violettblaue Robe gekleidet, stehend erwartete. Wie sie ihn sah, ging sie auf ihn zu, streckte ihm die Hand entgegen und sagte:

»Erlaube mir, Fritz, Dich auf Schloß Wendelsheim willkommen zu heißen! Ein wunderliches Geschick hat Dich so lange davon fern gehalten, und jetzt -- nun, nimmst Du meine Hand nicht?« rief sie, ihn erstaunt ansehend. »Ist das Dein erster Gruß auf unserem alten Stammsitz?«

»Mein gnädiges Fräulein,« sagte Fritz kalt und fest, »was Sie thun _konnten_, um sich diesen »ersten Gruß« zu ersparen, haben Sie redlich gethan. Gott hat es anders gewollt, und ich bin in die Mauern, aus denen ich heimlich und in einen Mantel gewickelt in stürmischer Nacht nicht verbannt, nein, verstoßen wurde, bei hellem Sonnenschein zurückgekehrt; aber nicht mehr als Kind, sondern als Mann und Herr -- von jetzt ab keine Gemeinschaft mehr zwischen Ihnen und mir!«

»Fritz,« rief das gnädige Fräulein erschreckt, denn bis zu diesem Augenblick hatte sie noch gehofft, ihre Autorität im Schlosse nicht ganz zu verlieren, »und glaubst auch Du jenen faulen Zungen, die mich verdächtigten?«

»Die Stimme des _Volkes_ gegen Sie ist Ihnen bekannt,« sagte Fritz ruhig, »Sie haben sie wenigstens bei Ihrem Austritt aus dem Saal der Geschworenen erfahren. Ich theile dessen Glauben, daß _Sie_ gerade die Hauptschuldige des Verbrechens waren. Aber wie dem auch sei, ich will nicht Gleiches mit Gleichem vergelten. Dieses Schloß, das Sie die langen Jahre zu einem Fegefeuer Ihrer Untergebenen machten...«

»Herr Baron!« rief das gnädige Fräulein, emporfahrend.

»Soll Ihnen nicht verschlossen werden. Bleiben Sie, wenn Sie es wünschen, hier wohnen, und ich werde Ihnen in dem neuen Flügel Ihre Zimmer herrichten lassen. Im Schlosse selber wirthschafte ich aber von diesem Augenblicke an _mit meiner Hausfrau_ als unumschränkter Herr, und meine Hausfrau,« fuhr er fort, sich nach dem schüchtern zur Seite stehenden Mädchen umdrehend und ihre Hand ergreifend, »wird Kathinka werden.«

»Kathinka?« rief Fräulein von Wendelsheim entsetzt, während der alte Verwalter mit einem dankbaren Blick nach oben seine Hände faltete und Staatsanwalt Witte leise vor sich hin mit dem Kopf nickte.

»Ich weiß, daß Sie ein nicht unbedeutendes Vermögen haben,« setzte Fritz hinzu, »hinlänglich wenigstens, um bequem davon leben zu können; sollten Sie deshalb vorziehen, Schloß Wendelsheim zu verlassen, so steht Ihnen nichts im Wege, ja, ich erlaube mir sogar, Ihnen noch einen jährlichen Zuschuß von tausend Thalern anzubieten. Bleiben Sie aber hier, so verbiete ich Ihnen hiermit auf das strengste, unsern Theil des Schlosses je zu betreten, oder...«

»Genug, genug, Herr Baron von Wendelsheim,« unterbrach ihn die Dame, in zornigem Grimm emporfahrend, »übergenug, um mir zu beweisen, daß Sie Ihrer Erziehung Ehre machen! Schloß Wendelsheim hat bis jetzt seinen alten Namen in Schmuck und Stolz bewahrt; ich will nicht Zeuge sein, wie er in den Staub getreten wird!«

Und sich rasch abwendend, eilte sie nach der Thür, durch die sie in Hast verschwand.

»Ich hätte nie geglaubt,« sagte Witte trocken, »daß ich noch in meinen alten Jahren ein solches Vergnügen empfinden würde, einen Drachen fliegen zu sehen; Fräulein von Wendelsheim's beste Seite ist aber entschieden ihr Rücktheil. Und das Ihre Braut, Baron?«

»Meine liebe, süße Braut!« rief Fritz, das tief erröthende Mädchen an sich ziehend. »Es ist rascher gekommen, als ich eigentlich glaubte; aber sie wollte uns hier entfliehen, und da wußte ich kein besseres Mittel, um sie zu halten, als sie zu bitten, mein braves Weib zu werden.«

»Und tausend Gottes Segen über Sie Beide,« rief der alte Verwalter jubelnd, »denn jetzt geht eine neue Sonne über Wendelsheim auf!«

10.

Bruno.

Staatsanwalt Witte hatte auf den nächsten Morgen Bruno Baumann bitten lassen, zu ihm zu kommen und einiges Geschäftliche mit ihm zu regeln. Es war nöthig, daß er die verschiedenen eingelaufenen Rechnungen wenigstens durchsah, um so viel als möglich eine Uebervortheilung von Seiten der Gläubiger zu vermeiden.

Bruno kam zur bestimmten Zeit und sah in Witte's Hinterstübchen die eingelaufenen Papiere durch, die sich allerdings auf eine ziemlich bedeutende Summe beliefen, aber dennoch die Ziffer noch lange nicht erreichten, die der Staatsanwalt erwartet oder vielmehr gefürchtet hatte.

Bruno war natürlich in einer sehr gedrückten Stimmung, aber doch ernst und gefaßt, und Witte wirklich von der Resignation gerührt, mit der er Alles über sich ergehen ließ.

»Mein lieber junger Freund,« sagte er auch endlich, als sich jener mit einem kaum unterdrückten Seufzer von seinem Stuhl erhob und die Papiere zurückschob, »lassen Sie den Kopf nicht sinken. Es hat Sie allerdings in der Täuschung aller Ihrer Erwartungen ein harter Schlag getroffen, aber er ist doch nicht so schlimm, als Sie vielleicht jetzt glauben mögen. Daß Friedrich von Wendelsheim alle die Schulden bezahlt, welche sein Vater oder Sie auf den Namen gemacht haben, ist eine Sache, die sich von selbst versteht; denn wäre _er_ an Ihrer Stelle gewesen, so hätte er ebenfalls Schulden machen müssen und -- mit einer andern Erziehung -- möglicher Weise noch ganz anders gewirthschaftet. Er fühlt aber auch, daß Sie, und noch dazu ganz unverschuldeter Weise, in einem Alter in das Leben hinausgeworfen werden, wo man nicht mehr anfangen kann zu lernen, um sich seinen Lebensunterhalt zu verdienen, und hat mich deshalb gestern beauftragt, Ihnen ein Capital von dreißigtausend Thalern auszahlen zu lassen, das Sie also jeder Sorge für Ihre künftige Existenz überhebt und Sie vollkommen frei und unabhängig in die Welt stellt. Sie können jeden Augenblick darüber verfügen.«

Bruno war feuerroth bei dem Anerbieten geworden, und er bedurfte einiger Zeit, ehe er etwas erwiedern konnte. Endlich sagte er leise: »Herr Staatsanwalt, der Erbe von Wendelsheim ist ein Ehrenmann, und sagen Sie ihm für sein großmüthiges Anerbieten meinen herzlichsten Dank -- wie ich auch Ihnen für die freundliche und zarte Weise danke, mit der Sie es mir mitgetheilt -- aber ich kann es nicht annehmen.«

»Den Henker auch,« rief Witte ordentlich erschreckt, »dreißigtausend Thaler wirft man doch bei Gott nicht mit einer Handbewegung aus dem Fenster!«

»Hören Sie mich ruhig an,« sagte Bruno. »Dafür schon, daß er die Schulden bezahlt, die ich, ohne es zu wissen, auf einen fremden Namen gemacht, bin ich ihm dankbar, und nehme das mit Freuden an, weil ich weiß, daß ich an seiner Stelle ebenso gehandelt hätte. Ich muß es auch -- nicht meinetwegen, sondern der armen Leute wegen, die ihr Vertrauen auf den alten Namen nicht so theuer bezahlen dürfen. Dadurch zahlt er es theilweise für sich selber ab -- weiter darf es nicht gehen. Ich kann kein Almosen von einem Fremden nehmen.«

»Das sind die unglückseligen, überspannten Vorurtheile von Ehre, die Ihnen noch aus Ihrem früheren Stande ankleben!« rief der Staatsanwalt.

»Wollte Gott,« sagte Bruno, »jener Stand hätte keine schlimmeren Vorurtheile, wie Sie es nennen, als das innige Gefühl für seine Ehre -- es wäre dann Manches besser.«

»Aber Sie sagen, Sie hätten, was die Rechnungen betrifft, das Nämliche an seiner Stelle gethan -- hätten Sie nicht ebenso in Betreff einer Summe gehandelt, die dem unschuldig Ausgestoßenen wenigstens den Schmerz der Abhängigkeit erspart?«

»Ich glaube, ja,« sagte Bruno nach einigem Zögern. »Ich glaube, ich würde ihm ein ähnliches Anerbieten gemacht haben; aber ich bin eben so fest überzeugt, daß er es aus den nämlichen Gründen zurückgewiesen hätte, als die sind, welche mich jetzt dazu bestimmen.«

»Aber lieber, bester Herr...«

»Lassen Sie uns enden. Ich trage das drückende Gefühl, ihm zu Dank verpflichtet zu sein, schon jetzt mit mir fort, wenn er es auch selber gesucht hat auf freundliche Art zu mildern, indem er Sie zum Vermittler machte. Ich werde morgen die Stadt verlassen, um nie mehr hieher zurückzukehren, und nur noch zwei schwere Wege stehen mir bevor.«

»Haben Sie Ihre Eltern noch nicht besucht?«

»Nein, ich bin jetzt im Begriff dorthin zu gehen -- erlauben Sie vielleicht, daß ich mich vorher bei Ihrer Familie verabschiede, die mir immer so viel Freundlichkeit bewiesen?«

»Hm -- ja -- gewiß!« rief Witte rasch, und dann die Thür öffnend, rief er hinaus: »Gehe einmal einer von Ihnen hinüber zu meiner Frau und sage ihr, der Herr Lieutenant Bau--, der Herr Lieutenant von Wendelsheim wünsche ihr seine Aufwartung -- seinen Abschiedsbesuch zu machen!«

»Es paßt Alles nicht mehr, lieber Staatsanwalt,« lächelte Bruno wehmüthig, als er die Thür wieder schloß, »weder der Lieutenant, noch der Name. Ich bin der schlichte Bruno Baumann geworden, und wenn mir der Name auch noch eben so unbequem ist, wie mir die ungewohnten Civilkleider sitzen, so werde ich mich doch mit der Zeit hineinfinden müssen.«

»Ich kann mir's denken,« nickte der Staatsanwalt, horchte aber doch dabei unruhig nach der Thür -- er hatte so eine Ahnung. Jetzt hörte er Jemanden kommen, und der junge Schreiber steckte gleich darauf den Kopf in's Zimmer und sagte:

»Frau Staatsanwalt läßt unendlich bedauern: sie hat Kopfschmerzen, und Fräulein Ottilie sind noch nicht angekleidet.«

Der Staatsanwalt nickte still vor sich hin -- genau so, wie er erwartet. Bruno sah ihn an und seufzte:

»Die Damen haben recht,« sagte er; »ich hätte mir die Abweisung ersparen können. Aber Sie dürfen es mir nicht so übel nehmen, lieber Herr -- man findet sich ja nicht so rasch in die neuen Verhältnisse.«

Witte war aufgestanden und lief einmal durch's Zimmer; jetzt blieb er vor Bruno stehen, streckte ihm die Hand entgegen und sagte herzlich:

»Wir bleiben Freunde -- was auch kommen möge, und wenn Sie je im Leben Rath oder Hülfe brauchen, Baumann, so kommen Sie zu mir, und -- Sie sollen Ihren Mann an mir finden....«

»Staatsanwalt Witte zu Hause?« hörten sie draußen eine Stimme -- es war Fritz, der im nächsten Augenblick in der Thür stand. Als er Bruno bemerkte, streckte er ihm herzlich die Hand entgegen: »Ich habe mich lange danach gesehnt, Sie zu treffen, Bruno.«

»Auch ich freue mich,« sagte Bruno zurückhaltend, »um Ihnen meinen Dank für das -- Geschehene auszusprechen, Herr Baron....«

»Herr Baron,« rief Fritz unwillig -- »und das von Ihnen? Eben so gut wie es _mir_ unmöglich ist, Sie mit dem Namen zu nennen, den ich so lange getragen habe, so wenig dürfen Sie sich dabei Gewalt anthun! Wir sind Leidensgefährten, alte, langjährige Leidensgefährten, die sich zum ersten Male im Leben in jener stürmischen Nacht im Parke von Wendelsheim begegneten und, selber willenlos, in fremde Bahnen geworfen wurden. Wie feindlich auch damals die Welt gegen uns auftrat -- wir selber müssen Freunde bleiben, und dazu biete ich Ihnen die Hand. Aber dann auch kein Baron mehr, sondern Fritz und Bruno und ein herzliches Du, wie es solchen Unglücksbrüdern ziemt.«

Bruno preßte die ihm gereichte Hand herzlich, und der Staatsanwalt rief: »Aber er will das Geld nicht nehmen...«

»Kein Wort mehr darüber,« bat aber Bruno -- »alles Andere nehme ich an, vor Allem am liebsten Deinen Brudergruß, Fritz, und damit Du siehst, daß ich auf Deine Liebe zähle, trete ich gleich vor Dich mit einer Bitte...«

»O wie gern wenn ich sie erfüllen kann!«

»Begleite mich zu den Eltern -- ich war noch nicht dort und fürchte den ersten Schritt in meines Vaters Haus.«

»Armer Bruno,« sagte Fritz mit tiefem Gefühl -- »so komm; wir wollen gehen, und unterwegs erzählst Du mir Deine Pläne für Dein künftiges Leben -- ich Dir die meinigen.«

Die Straße hinab gingen die beiden jungen Leute Arm in Arm, und wer ihnen unterwegs begegnete und sie erkannte, blieb stehen und sah ihnen nach; und Bruno erzählte dem neu gewonnenen Freund, daß er beabsichtige, morgen nach Hamburg und von da nach Amerika zu gehen, um dort ein neues Leben zu beginnen, und Fritz dagegen sagte ihm von der Veränderung auf Schloß Wendelsheim, dem trostlosen Zustand des Vaters, der Bestrafung der Tante und seiner glücklichen Liebe, bis sie die alte Werkstätte Baumann's erreichten und unwillkürlich an der Schwelle stehen blieben.

»Wie manche glückliche Stunde habe ich hier verlebt,« sagte Fritz weich, »und darin, Bruno, bist Du weit glücklicher als ich, denn Du findest brave, wackere Eltern, deren Liebe ich Dir die langen Jahre gestohlen -- o wenn Du mir nur verstatten wolltest, das im kleinsten Theile wieder gut zu machen!«

»Laß es sein, Fritz,« sagte Bruno trübe; »es war uns Beiden nicht verstattet, am Herzen der eigenen Mutter zu ruhen -- aber es ist vorbei. Dir war es zum Heil -- mir, dem es zum Glücke gereichen sollte, wurde es zum Verderben. Also vorwärts -- es hilft nichts mehr, zurückzuschauen.«

In der Schlosserwerkstatt gingen die Hämmer fleißig, wie in alter Zeit; aber es wurde nicht dabei gepfiffen und gesungen wie in alter Zeit. Ein trüber Geist lag auf dem alten Hause. Nicht das Unglück -- das würde _diese_ Herzen einander nicht entfremdet haben --, nein, die _Sünde_ war hindurch geschritten und hatte ihre dunkeln Spuren hinterlassen. Ein böser Geist war eingezogen -- das Mißtrauen, und das Unglück hatte sich in einer Stätte unter Thränen und Seufzern behaglich eingerichtet, wo sonst nur das Glück, wenn auch mit harter Arbeit, seinen Wohnsitz aufgeschlagen.

Der alte Baumann stand am Amboß wie gewöhnlich und formte mit kundiger und geschickter Hand seine Arbeit; neben ihm arbeitete Karl mit den Lehrlingen, und als Fritz zuerst in der Thür erschien, warf Karl seinen Hammer hin, sprang auf ihn zu und reichte ihm treuherzig die rußige Hand. Auch dem Vater zuckte es einmal im Arme, als ob er ein Gleiches thun wolle. Da bemerkte er den eigenen Sohn, der hinter dem Pflegesohn die Schwelle betrat, und er schlug in dem Augenblick auf die dünne, rothglühende Stange, die er in der Zange hielt, mit solcher Gewalt ein, daß er sie zu Fasern breit aus einander schmetterte.

Fritz ging auf ihn zu: »Vater, hast Du keinen Gruß für Deine Söhne?«

»Meine Söhne, Herr Baron?« sagte der alte Mann. »Ich _hatte_ einen, aber...«

Er kam nicht weiter. Fritz hing an seinem Halse und küßte ihn. »Hab' ich das verdient,« rief er dabei, »daß Du _mich_ Baron nennst?«

»Nein, zum Teufel, nein!« rief der alte Mann, den Hammer zu Boden schleudernd und den Pflegesohn umarmend. »Sei mir nicht böse, Fritz, es -- fuhr mir nur so heraus, und ich -- meinte den -- Andern,« setzte er scheu hinzu.

»Und hat _er_ es verdient, Vater?« sagte Fritz vorwurfsvoll. »Haben sie ihm da draußen in dem öden Schloß nicht seine ganze Jugend gestohlen? Und wo er _Alles_ verloren, willst Du ihm selbst das vorenthalten, was ihm allein noch gehört -- das Herz des Vaters und der Mutter?«

»Und der Mutter,« sagte der Alte düster -- »die ihn _verkauft_ hat -- wohl bekomm' die Liebe...«

»Vater, reich' ihm Deine Hand; er ist gut und brav geblieben trotz alledem, und _wir_ Beide sind Brüder geworden. Wolltest Du Dich von ihm lossagen? -- Hast Du selbst ein _Recht_ dazu?«

»Vater!« sagte Bruno leise und streckte ihm die Hand entgegen.

»Du hast recht, Fritz,« sagte der alte Mann, sich zornig mit dem oberen, aufgekrämpten Theile des Aermels die Stirn wischend; »Scham, Schande und Zorn haben mich ungerecht gegen Dich -- gegen ihn gemacht. Komm, Unglückssohn,« fuhr er fort, ihm die Arme entgegenstreckend -- »komm, sei mir nicht böse und vergiß den Empfang -- Du bist ja unschuldig, und Gott mag es denen verzeihen, die so sündhaft, so schmählich sündhaft an Dir gehandelt haben!«

»Mein Vater!« rief Bruno, und beide Männer hielten sich in heißer Umarmung fest umschlossen.

»Und das ist Karl?« sagte Bruno, als er sich endlich wieder aus seinem Arme wand und dem derben Burschen die Hand entgegenstreckte.

»Ja, Bruno,« sagte dieser treuherzig, »und will auch einen Kuß haben -- schwarz bist Du nun doch einmal auf der einen Seite. 's ist auch hübsch von Dir, daß Dich der Titel nicht stolz gemacht hat, und wir wollen schon gute Brüderschaft halten.«

»Und wo ist die Mutter?«

Die Brauen des Schlossermeisters zogen sich wieder finster zusammen, und nur mit dem Daumen über die Schulter deutend, sagte er: »Dort hinten -- in der Küche.«

»Und darf ich zu ihr?«

»Ich führe Dich hin, Bruno!« rief Fritz, seine Hand ergreifend und ihn mit sich fortziehend.

Und dort draußen saß sie verlassen und allein, verbannt aus den Räumen, in denen sie sonst mit sorgender Hand gewirthschaftet, und nun, als ihr Sohn, um den sie das Alles verschuldet und geduldet, zu ihr trat und sie mit dem süßen, kaum gekannten Namen Mutter! rief, da flog sie empor, da schlang sie die Arme um seinen Nacken und preßte ihn an sich, als ob sie ihn nie im Leben wieder lassen wolle.

Fritz hatte sich zurückgezogen, um dieses erste Begegnen nicht zu stören, und schritt zurück zum Vater. -- »Vater, zürnst Du der Mutter noch?«

»Nein,« sagte der Mann finster; »weshalb auch -- ich habe nichts mehr mit ihr zu thun.«

»Nichts mit ihr zu thun?«

»Nein -- nicht mehr -- in nächster Woche werden wir geschieden.«

»Vater!« rief Fritz erschreckt, »um Gottes willen nein -- das darf ja nicht sein! Hat denn die arme Mutter nicht schon so viel ertragen?«

»Viel ertragen?« sagte der Mann finster. »Sie hat erst angefangen, und mir indeß mein ganzes Leben vergiftet -- Du weißt, wie glücklich wir zusammen gelebt haben,« fuhr er bewegt fort, »wie nie ein böses Wort unter uns gefallen. Ich habe die Frau auf Händen getragen, immer und immer, und nie glauben wollen, daß es eine bessere Ehe auf Erden geben könne, als die unsere. Das ist jetzt Alles vorbei; denn nicht allein, daß sie mich einmal betrogen hat -- das hätte ich ihr vielleicht verziehen --, aber sie hat den Betrug beinahe ein Menschenalter durch fortgeführt. Jedes freundliche Lächeln, das ich von ihr in der langen Zeit gesehen, war gelogen -- jeder Kuß, jeder Händedruck ein Betrug, und wie das mein Herz mit Gift und Galle überfüllt hat, da es endlich einmal zu einem Ausbruch kam und kommen mußte, kann ich Dir nicht sagen. Ich habe mir selber über das Gefühl Vorwürfe gemacht,« fuhr er rasch fort, als er sah, daß Fritz etwas entgegnen wollte; »ich weiß, daß es nicht christlich ist; ich habe mit selber gesagt, sie ist Dir die langen Jahre eine treue Gattin, Deinen Kindern eine gute Mutter gewesen, und der eine Fehltritt war schlimm, aber der liebe Gott wird ihr schließlich verzeihen, so thu' Du es auch -- es ging nicht. Ich weiß, daß ich mich selber damit unglücklich mache, mein ganzes Leben lang, aber ich kann's nicht ändern. Ich habe es nicht verdient, aber ich muß es tragen, und -- werd's auch mit der Zeit tragen lernen.«

»Und der Mutter willst Du die Kinder, den Kindern die Mutter nehmen?«