Der Erbe: Roman. Dritter Band.
Part 12
Fräulein von Wendelsheim schien nur auf den Moment gewartet zu haben. Mit Sammet und Seide rauschte sie aus der Umfriedigung hinaus, denn nicht mit Unrecht wünschte sie den Saal früher als die übrigen Zuschauer zu verlassen, weil ihr die Stimmung derselben gegen ihre Person wohl kein Geheimniß geblieben sein konnte. Aber so ganz unbemerkt und unbegrüßt sollte sie sich doch nicht entfernen, denn Aller Augen hafteten in diesem Augenblicke auf ihr, und kaum näherte sie sich der Thür, an der ein paar Polizeidiener Wache hielten, als auch wie auf gemeinsame Verabredung ein allgemeines Zischen, Pfeifen und Stöhnen losbrach -- ja, ein paar der rohesten Burschen, mit zufällig einem Apfel in der Tasche, um vielleicht den Hunger in einer zu langen Sitzung zu stillen, opferten ihr Frühstück, und ein Glück für sie, daß sie nicht mehr weit zu gehen hatte, denn kleine Dreierbrötchen, Endchen Wurst und jene Früchte fingen schon an um sie hernieder zu hageln.
Kreidebleich vor Wuth, gewann sie endlich die Thür und rauschte hinaus, um sich unten in den ihrer harrenden Wagen zu werfen und, fast außer sich vor Gift und Galle, nach Schloß Wendelsheim zurückzufahren.
Aber die Verhandlung war noch nicht ganz geschlossen, denn die Verurtheilte mußte erst erklären, ob sie sich der Strafe unterwerfen wolle, und es hatte einige Mühe, die Ruhe wieder herzustellen. Katharina Baumann aber, die jetzt wieder auf ihre Bank zurückgewankt war und dort still weinend saß, dankte dem Richter für sein mildes Urtheil; sie hätte ein weit strengeres erwartet -- und vielleicht verdient.
Da trat Fritz Baumann, der jetzige Friedrich von Wendelsheim, vor. Er hatte bis dahin, die Brust von widerstreitenden Gefühlen bewegt, still und fast regungslos an seinem Platze gestanden. Jetzt schilderte er mit glühenden Worten die Liebe und Sorgfalt, mit der jene Frau, die er bis dahin für seine Mutter gehalten, seine Jugend überwacht und für ihn gesorgt und ihn geliebt habe wie ihr eigenes Kind. -- »Hier steht ihr wirklicher Sohn,« fuhr er dabei bewegt fort -- »laßt ihn frei bekennen, ob er in _seiner_ Heimath, in _seiner_ Familie solche Liebe fand, ob Alles an ihn gewandt wurde, um ihn zu einem braven, tüchtigen Mann heranzureifen! Ich hatte eine Jugend, so froh und glücklich, wie sie ein Mensch nur haben kann -- ich lernte dabei arbeiten, um mir frei und unabhängig von irgend wem meinen Lebensweg zu bahnen, und das dank' ich nur diesem wackern Mann da -- dieser braven Frau -- dem besten Vater, der besten Mutter, die es geben kann! Und wenn deshalb meine Bitten etwas über Sie vermögen -- o, so erwirken Sie Gnade für die arme Frau!«
Ein beifälliges Gemurmel lief durch den noch immer dicht gedrängten Raum, und selbst der Vorsitzende nickte ihm freundlich zu. Vor der Hand war aber natürlich in der Sache weiter nichts zu thun, denn die Gnadenbewilligung lag allein in einer höheren Hand.
Fritz wollte sich jetzt noch einmal an seinen Vater wenden; als er sich aber nach ihm umdrehte, konnte er ihn nirgends mehr bemerken. Er hatte mit seinen Söhnen, ohne Abschiedswort an ihn oder die Frau selber, den Saal verlassen und war still und düster nach Hause zurückgekehrt, Bruno ihm aber nicht gefolgt. Das Entsetzliche hatte ihn ja zu rasch erreicht, um sich so gleich und plötzlich hinein zu finden -- er stand und zögerte und schien seine Umgebung fast vergessen zu haben.
Fritz ging auf ihn zu und streckte ihm die Hand entgegen. Er nahm sie; aber dann sich abwendend, flüsterte er: »Nur jetzt nicht, nur jetzt nicht -- ich kann nicht reden, nicht denken!« und eilte rasch aus dem Saal.
9.
Der Erbe.
Welche Sensation das Resultat dieses Geschworenengerichts in Alburg machte, läßt sich denken; es wurde fast von nichts weiter gesprochen, und Fräulein von Wendelsheim mußte über sich das Schwerste ergehen lassen, was Bierbänke oder Kaffeetische überhaupt zu leisten im Stande sind. Es wäre für sie auch in der That nicht gerathen gewesen, sich in der nächsten Zeit wieder in Alburg zu zeigen, denn keine Polizei oder Gensdarmerie hätte sie vor Beleidigungen, ja, vielleicht persönlichen Angriffen schützen können. Allerdings brach sich bei der gebildeten Klasse bald die Ueberzeugung Bahn, daß die Geschworenen ihr Verdict kaum anders abgeben konnten, als sie es gethan; denn allerdings war durch keine einzige Aussage, als die der damals zur Wuth getriebenen Heßberger, die Schuld der Dame entschieden festgestellt. Aber Niemand zweifelte trotzdem daran, während der Handwerkerstand auf das bestimmteste behauptete, der »adelige Drachen« sei nur deshalb ungerupft davon gekommen, weil sie ein »von« vor ihrem Namen hätte und in einem großen Schlosse wohne.
Wer sich am allerwenigsten um das Ganze kümmerte und doch eigentlich das größte Interesse daran hatte, war der Erbe selber. An demselben Nachmittage verbrachte er allerdings noch wohl zwei Stunden mit dem Staatsanwalt in eifriger Unterhaltung und bei verschlossenen Thüren, erhielt auch von diesem noch an demselben Abend ein Paket Papiere ausgehändigt, mit denen er dann, den Nachtzug benutzend, in die Residenz fuhr. Er hatte aber Niemanden weiter gesprochen, keinen Besuch gemacht oder empfangen und auch in der That mit keinem Menschen sonst verkehrt.
Indessen war der Tag der Erbschaftszahlung herangerückt, und es schien fast, als ob die Herren der Commission nicht übel Lust hätten, die Auszahlung zu verzögern und den Urtheilsspruch der Geschworenen anzufechten; der Sachwalter des gnädigen Fräuleins hatte sich wenigstens die größte Mühe gegeben, um dahin zu wirken. Aber sie mochten doch wohl am Ende einsehen, daß sie nicht durchdringen würden; die Beweise waren zu klar geliefert worden, und nur auf die Vollmacht hin, die Witte in Händen hielt, weigerten sie sich, die Summe auszuzahlen. Eine Clausel des Testaments lautete, daß es der Erbe _selber_ in Empfang nehmen müsse, was sie als »persönlich« interpretirten.
Das verzögerte die Auszahlung aber nur um einen Tag, denn am nächsten Morgen kehrte Fritz schon zurück, und zwar selig über den Erfolg seiner Reise.
Auch in der Residenz war seine Sache eifrig besprochen worden, und es hatte dadurch -- da sich selbst die königliche Familie dafür interessirte -- wenig Schwierigkeit für ihn, eine Audienz beim Könige zu erlangen, um dort persönlich das Gnadengesuch für seine Pflegemutter zu befürworten. Der Königin selber, die zugegen war, standen dabei die Thränen in den Augen, und als er sich endlich verabschiedete, wurde ihm die freundliche Versicherung, er solle nur ruhig zurück auf seine Besitzung reisen, seine Bitte werde Erhörung finden.
Der Telegraph beförderte auch schon vor seinem Wiedereintreffen in Alburg den Gnadenerlaß Sr. Majestät an das Criminalgericht daselbst. Seine Pflegemutter wurde an demselben Tage freigelassen, an welchem er die Stadt betrat.
Jetzt hatte er freilich genug mit sich selber und seinen Geschäften zu thun, um an etwas Anderes denken zu können. Das Capital mußte erhoben werden, und zugleich erschien eine Ankündigung des Staatsanwalts Witte, daß Alle, welche eine Forderung an die Familie Wendelsheim hätten oder zu haben glaubten, sich bei ihm in seiner Wohnung melden und die Rechnungen einreichen sollten -- und wahrlich, er bekam dadurch Arbeit. An dem Tage wurde ihm bald das Haus gestürmt, weil die meisten Gläubiger schon gefürchtet oder vielmehr gar nicht erwartet hatten, daß der neue Erbe die Schulden für den Eingeschobenen bezahlen werde.
Fritz selber befaßte sich nicht damit; er bat Witte, der die Annahme und das Eintragen der Rechnungen einem seiner Schreiber übertrug, mit ihm nach Wendelsheim hinaus zu fahren, denn er fürchtete sich ordentlich davor, das alte Schloß, das von jetzt ab sein Eigenthum sein sollte, allein zu betreten. Witte war dabei ein praktischer Mann, der ihm den besten und vernünftigsten Rath über die künftige Verwaltung geben konnte.
Er hatte auch geglaubt, seinen Einzug ganz still und unbeachtet halten zu können, und sich vorgenommen, einfach in einem Miethwagen hinaus zu fahren und beim Verwalter abzusteigen, mit dem er das Meiste ja bereden mußte. Witte war indessen anderer Ansicht gewesen, und ohne ihm etwas davon zu sagen, schickte er Morgens in aller Frühe einen reitenden Boten nach Wendelsheim, der den Leuten im Schlosse das Eintreffen ihres neuen jungen Herrn melden mußte; denn er hielt es für nicht in der Ordnung, daß derselbe unbemerkt und unbeachtet wie ein Handlungsreisender das Schloß seiner Väter, aus dem er so lange unschuldig verbannt gewesen, betrete.
Der Bote brachte einen wahren Aufruhr im alten Schloß hervor, denn der Zustand dort war auf die Länge der Zeit unerträglich geworden, und Alles jubelte ja dem neuen Gebieter, den sie bei seinen seltenen Besuchen und seiner freundlichen Theilnahme für den verstorbenen jungen Herrn immer lieb gehabt, aus vollem Herzen ein Willkommen entgegen. Das ganze Dorf wurde auch augenblicklich aufgeboten, um Blumen und Büsche zu pflücken und Kränze zu winden; die Leute legten alle ihren Sonntagsstaat an, und selbst der Schulmeister ließ sich die ganze Dorfschule noch einmal frisch überwaschen und den letzten Choral repetiren, den sie neulich mitsammen durchgegangen, denn etwas Neues in der Geschwindigkeit zu lernen, wäre unmöglich gewesen. Vorposten wurden dazu mit Stangen und Tüchern daran auf die nächste Höhe beordert, um die erste nahende Extrapost, deren Postillon einen weißen Federbusch -- nach Anordnung Witte's als Gala -- trug, gleich durch Schwenken der Tücher anzumelden.
Der Verwalter machte außerdem den kühnen Vorschlag, ein paar alte Böller, die noch im Wagenschuppen standen, vorzuholen, zu laden und abzuschießen, wenn die Extrapost in das Thor einfahren würde. Es stellte sich nur die einzige Schwierigkeit heraus, daß kein Pulver da und die Zeit zu kurz war, um deshalb noch einmal in die Stadt zu schicken. Der alte Baron hatte allerdings, wie man recht gut wußte, Pulver oben in seinem Gewehrschrank; aber den konnte man natürlich nicht darum ersuchen, denn er ließ Niemanden vor und gab auch auf gar keine Frage oder Bitte Antwort. Der Böllergruß mußte deshalb unterbleiben.
Und jetzt war Alles fertig; weißgekleidete Jungfrauen konnten allerdings nur zwei im Dorfe aufgetrieben werden. Es fehlte nämlich an rein gewaschenen weißen Kleidern, zwei ausgenommen, die rasch geplättet werden konnten, und mit den Zweien mußte man sich denn auch begnügen, um sie zum Blumenstreuen zu verwenden. Es sieht immer besser aus, wenn das eine weißgekleidete Jungfrau verrichtet, und der Schulmeister besonders hielt es für unerläßlich.
Die Leute standen dabei in größter Spannung auf dem Hof. Die Extrapost hatte um eilf Uhr eintreffen sollen, und jetzt war es schon halb Zwölf und noch keine Spur davon zu sehen, selbst nicht von der Höhe aus. Halt! dort hob sich _eine_ Fahnenstange, das verabredete Zeichen, daß ein Wagen in Sicht kam, wenn man ihn auch noch nicht genau unterscheiden konnte. Alles drängte gespannt dem Thor zu -- jetzt ging die zweite in die Höhe -- Hurrah, das sind sie! Und nun ging es an ein wahres Durcheinander, um Jeden in der Geschwindigkeit auf seinen richtigen Platz zu bringen.
Sogar ein paar Instrumente hatte man im Dorf aufgetrieben, Leute, die manchmal, um Musik zu machen, auf die Jahrmärkte zogen: eine Trompete, eine Posaune, eine Clarinette und eine Geige, und mit denen war schon unten vor dem Wirthshaus ein Tusch einexercirt worden. Unglücklicherweise hatte aber der Trompeter beim Heraufkommen sein Mundstück verloren -- die alte Schraube hielt nicht fest -- und die ganze Zeit in Todesangst danach gesucht. Er fand es nicht wieder, es mußte irgendwo in das Gras gefallen sein, und Posaune und Clarinette mit der Violine sollten jetzt den Tusch allein spielen.
Jetzt kam der Wagen in Sicht, voraus, was sie laufen konnten, die beiden Jungen mit den Fahnenstangen, und wie der Wagen jetzt auf ein Zeichen des Verwalters im Schritt in das Thor hineinfuhr, scheuten die Pferde, denn die Posaune platzte, da ihr die Trompete fehlte, zu früh los und die Clarinette setzte falsch ein, während die Violine mit ihrem Tusch und ihrer feinen, piependen Stimme ordentlich durchging und schon fix und fertig damit war, ehe die Posaune nur wieder ihr altes Messing eingeholt hatte.
Aber mit donnerndem Jubel brach jetzt das Hurrahgeschrei der Dorf- und Schloßbewohner aus, ein Hurrah, das aus voller Kehle und volleren Herzen laut und jubelnd herausgestoßen wurde; und die Mädchen warfen ihre Blumen den Pferden vor die Hufe, die Frauen schwenkten ihre Tücher, die Männer ihre Mützen und Hüte, und die Luft bebte ordentlich von den Jubelrufen.
Fritz saß im Wagen, die Thränen liefen ihm an den Wangen nieder -- er konnte kaum danken und winken vor innerer Bewegung; aber Witte besorgte das für ihn. Er schwenkte seinen Hut nach allen Seiten, sein ganzes Gesicht strahlte vor Freude, denn nicht mit Unrecht betrachtete er dies Alles als sein eigentliches Werk; und als der Choral jetzt begann und die Schuljungen vor Angst und Rührung nicht singen konnten und der Schulmeister, aus Furcht, daß sie sich blamiren würden, allein hinausbrüllte, und dann der Trompeter plötzlich jubelnd mit dem endlich gefundenen Mundstücke zurückkam und nun den Tusch, freilich etwas verspätet, mitten in den Choral hinein schmetterte, wollte er sich rein ausschütten vor Lachen.
Der Verwalter hatte sich vorgenommen gehabt, dem jungen Herrn, wenn er aus dem Wagen stieg, eine Rede zu halten; aber es war ihm gegangen, wie dem Trompeter mit seinem Instrument, er hatte das Hauptende davon: den Anfang, verloren und blieb stecken, ehe er nur begann. So war denn wohl alles Einstudirte vergessen, aber was ihm im Herzen und auf der Zunge lag, doch nicht, und wie der junge Mann aus dem Wagen sprang, streckte er ihm die breite Hand entgegen und sagte: »Gott sei Dank, daß Sie da sind, daß Sie's sind, Gott segne Sie und Ihren Eingang!« Und das war die beste Rede, die er hätte halten können.
Fritz war froh, als er sich dem Lärm und Jubel da draußen in dem stillen Stübchen des Verwalters entziehen konnte. Er wollte noch nicht in's Schloß hinaufgehen, er mochte seiner Tante nicht begegnen, bis Alles geordnet und besprochen war.
Der Beamte, der bis jetzt die Controle im Schlosse gehabt, kam hieher und übergab ihm die Schlüssel, und bald hatte er sich mit dem alten Verwalter über die nächst zu nehmenden Schritte in der Bewirthschaftung des Gutes vereinigt oder vielmehr Alles gut geheißen, was der Alte, mit der Führung überhaupt betraut, bis dahin unternommen. Ueberall nöthige Verbesserungen konnten natürlich erst in ruhigerer Zeit vorgenommen werden; der Verwalter bekam aber unbeschränkte Vollmacht, Alles anzuordnen und vorzubereiten, was er für dringend nöthig halte, damit nicht so viel Zeit versäumt würde, denn in den letzten Jahren war ja fast das Ganze in Verfall gerathen.
Gern hätte Fritz seinen Vater gesehen; aber der Verwalter rieth ihm dringend ab, auch nur den Versuch zu machen, da sich der Zustand des alten Barons in den letzten Tagen sehr verschlimmert haben sollte. Kathinka und der Arzt waren die einzigen, die zu ihm durften; das Mädchen, dem das Reinmachen der Zimmer oblag, mußte sich Morgens nur hineinstehlen und mehrmals selbst flüchten, wenn er es nur gewahrte. Fremde Menschen duldete er gar nicht um sich. Der Arzt hatte eines Tages, da er selbst verhindert war zu kommen, seinen Famulus zu ihm gesandt; auf den aber stürzte er augenblicklich los, so daß er sich gar nicht schnell genug aus dem Zimmer retten konnte. Seit der Zeit war es auch ernstlich besprochen worden, ob man ihn nicht einer Anstalt übergeben müsse, um bei einem einmal plötzlich ausbrechenden Wuthanfall Unglück zu vermeiden.
Und wo war Kathinka, daß er sie noch nicht gesehen, denn im Hofe konnte sie nicht gewesen sein? Der Verwalter wußte es nicht; sie hatte vorhin, als die Extrapost einfuhr, oben an einem der Fenster gestanden, wahrscheinlich befand sie sich noch oben.
Indessen kam die Meldung, daß für den jungen neuen Herrn das Frühstück oben aufgetragen sei; aber Fritz hatte vorher noch eine andere Pflicht zu erfüllen: er mußte das Grab seines armen Benno, seines Bruders, besuchen, und bat deshalb den Staatsanwalt, alles noch Nöthige unter der Zeit mit dem Verwalter zu besprechen. Er wollte dort draußen ungestört und allein sein.
Er kannte ja auch den Weg dahin gut genug! oft und oft war er in früheren Zeiten, manchmal mit seinem kranken Bruder, manchmal allein, durch den Park gewandert, mit keiner Ahnung damals freilich, daß er auf seinem eigenen Besitzthum stehe. Eigenthümliche Gefühle durchzogen ihm deshalb auch heute die Brust, als er das Laub der alten Bäume wieder über sich rauschen hörte und die grotesk verschnittenen Taxushecken sah, die den Gemüsegarten auf der einen Seite einfriedigten. Wie wunderbar war das Alles gekommen, wie unbegreiflich, ungeahnt, und so rasch dabei, daß er noch immer wie in einem Traum dahinschritt und in dem Traum doch wieder das jubelnde Willkommen hörte, das ihm seine künftigen Untergebenen zugerufen, doch wieder die glücklichen, freundlichen Gesichter sah, die ihm von allen Seiten entgegen lachten.
Die Augen auf den Boden geheftet, nur mit den Bildern beschäftigt, durchwanderte er den langen, etwas gewundenen Gang, der zu dem Erbbegräbniß der von Wendelsheim führte, bis er den offenen Platz erreichte, der die stille, freundliche Ruhestätte umgab.
Die kleine Capelle, in der das Todtenamt gehalten wurde, stand rechts, und dicht daran geschmiegt lagen die Gräber, nicht in dumpfer Gruft, sondern in der Mutter Erde, unter grünem Rasen und schattigen Trauer-Eschen und Weiden -- und dort drüben?
Sein Fuß zögerte -- an dem letzten, noch mit Blumen reich geschmückten Grabe kniete eine weibliche Gestalt und betete; es war Kathinka, er erkannte sie im Augenblick. Sie konnte ihn auch nicht gehört haben, denn sie veränderte ihre Stellung nicht im geringsten, und er blieb stehen, um sie nicht zu stören. Aber sein Auge haftete fest auf ihr, und unwillkürlich faltete er die Hände und schämte sich dabei der Thränen nicht, die ihm die Wangen netzten; aber es waren nicht allein Thränen der Trauer um den so früh geschiedenen Bruder -- es waren auch Thränen des Glücks. Jetzt erhob sie sich; sie hatte ihre Andacht wohl beendet und wollte zu dem Schlosse zurückkehren, als sie den Fremden auf dem freien Platz bemerkte und erschreckt zusammenzuckte. Aber sie mußte ihn erkannt haben, denn scheu wich sie ihm aus, grüßte ehrfurchtsvoll und wollte den andern Weg einschlagen, der an dem Gitter des Parks hinlief.
»Kathinka,« sagte Fritz herzlich, »bin ich Ihnen so fremd geworden, daß Sie mir nicht einmal mehr, wie sonst, die Hand zum Gruß bieten?«
»Ich weiß nicht, Herr Baron,« sagte das junge Mädchen ängstlich und wurde dabei purpurroth; »ich wußte nicht, daß Sie so bald hieher kommen würden, und war nur hier, um -- Abschied zu nehmen.«
»Abschied, Kathinka?«
»Ja; das gnädige Fräulein hatte mir schon vor einiger Zeit befohlen, das Schloß zu verlassen; aber ich durfte nicht fort. Der fremde Herr, der in den letzten Tagen den Befehl hier führte, litt es nicht; Niemand durfte den Platz verlassen, wie er sagte, bis der rechtmäßige Besitzer eingetroffen sei, der dann selber zu bestimmen haben würde.«
»Und Sie haben noch einmal an meines armen Benno Grab gebetet?«
»Er war der einzige Freund, den ich auf der Welt hatte,« sagte das junge Mädchen weich; »ich durfte den Platz nicht verlassen, ohne wenigstens von ihm Abschied zu nehmen.«
»Und gehen Sie gern, Kathinka?«
Das junge Mädchen schwieg; ein eigenes, wehes Gefühl preßte ihr das Herz zusammen, und sie brauchte Minuten, um sich zu sammeln. Endlich sagte sie leise: »So lange der -- so lange Ihr Bruder lebte, würde ich mich schwer vom Schlosse Wendelsheim getrennt haben; jetzt bedarf man meiner nicht mehr, und -- das gnädige Fräulein sieht auch meine Gegenwart nicht gern.«
»Aber wohin wollen Sie sich wenden?«
»Ich -- weiß es noch nicht; ich -- habe Aussicht, als Lehrerin in ein Institut zu treten.«
»Unter fremden Menschen?«
»Unter fremden Menschen?« wiederholte Kathinka wehmüthig. »Ich war die Fremdeste im Schlosse von Allen. Aber Sie entschuldigen mich wohl, Herr Baron; ich möchte meine Sachen packen, und glaube doch nicht, daß meiner Abreise noch etwas im Wege steht.«
»Herr Baron?« wiederholte Fritz unwillkürlich leise; »wie sonderbar, wie unnatürlich das klingt!«
»Aber es ist doch Ihr Titel!«
»Und glauben Sie, Kathinka, daß mich der Titel freuen würde, wenn ich dadurch alte Freunde verlieren sollte?«
»Sie werden keine alten Freunde dadurch verlieren, Herr Baron, aber viele neue wohl dadurch gewinnen.«
»Aber Sie habe ich doch dadurch verloren, Kathinka,« sagte Fritz herzlich; »Sie waren sonst so einfach unbefangen, so gut mit mir und sind jetzt auf einmal so entsetzlich kalt und höflich geworden.«
»Waren Sie nicht Benno's treuester Freund?«
»Also nur Benno's wegen?«
»Herr Baron!« sagte das arme Mädchen, und wieder schoß ihr das Blut in Strömen in Wangen und Schläfe.
»Ich hatte mich so darauf gefreut, Sie wieder hier zu finden,« fuhr Fritz herzlich fort, »mit Ihnen mich der Zeiten zu erinnern, wo Benno noch lebte; jetzt, da ich komme, wollen Sie das Schloß verlassen.«
»Ich muß, Herr Baron.«
»Aber selbst wenn mein gnädiges Fräulein Tante gar nicht mehr den Oberbefehl hier hätte -- ein Zustand, der _sehr_ wahrscheinlich ist --, würden Sie dann immer noch fort wollen?«
»Ja, Herr Baron -- ich würde doch gehen.«
»Dann haben Sie einen andern Grund.«
Kathinka schwieg; sie war jetzt eben so bleich geworden, als sie vorher roth gewesen.
»Und darf ich ihn nicht wissen?«
Noch immer stand das junge Mädchen und sah still und lautlos zur Erde nieder.
Da trat Fritz ihr näher, nahm ihre Hand und sagte leise: »Kathinka, ich kenne Ihr ganzes Leben, ich weiß, was Sie hier in dem alten Schloß ausgehalten, weiß, mit wie himmlischer Geduld Sie Alles ertragen haben nur des Bruders wegen, und lebte Benno noch, nie, nie hätte er gestattet, daß Sie Schloß Wendelsheim verlassen dürften. Ich bin sein Erbe, nicht allein der Erbe seines Gutes, nein, auch seiner Liebe -- gehen Sie nicht fort. Sie haben Schloß Wendelsheim als eine Hölle gesehen, machen Sie es selber zu einem Himmel.«
»Herr Baron!« rief Kathinka, bestürzt zu ihm aufsehend.
»Erschrecken Sie nicht darüber, Kathinka,« rief Fritz, sie mit seinem linken Arme umfassend -- »werden Sie mein Weib -- ich war Ihnen gut vom ersten Augenblick an, wo ich Sie gesehen, und suchte doch das Glück an anderer Stätte, wo ich es wahrscheinlich nie gefunden hätte. Jetzt bin ich zurückgekehrt...«
»Um Gottes willen,« rief Kathinka beinahe außer sich, »Ihren Scherz können Sie ja doch an Benno's Grab nicht mit einer armen Waise treiben -- und Ernst? Es ist ja nicht möglich, nicht denkbar!«
»Werden Sie mein Weib, Kathinka,« bat Fritz noch einmal und sah ihr so treu, so liebend in die Augen, daß ihr schwindelte. »Einen heiligeren Platz für Ihr Jawort, als des Bruders Grab, finden wir nicht auf der weiten Welt, und daß sein Geist mit Jubel unsern Bund segnet -- glauben Sie es nicht?«
»Aber es ist -- es ist ja doch nicht möglich!«
»Bist Du mir gut, Kathinka?« drängte Fritz, indem er sie fester an sich preßte; »o, sage nur das eine Wörtchen: Ja!«
»Gut?« rief das junge Mädchen, und während sie ihr Haupt an seiner Brust barg, machte ein Thränenstrom ihrem gepreßten Herzen Luft. Fritz aber, ohne sie loszulassen, in Glück und Seligkeit, führte sie zu dem Grabe des Bruders, und dort, sich fest umschlingend, beteten Beide still und heiß.