Der Engländer

Chapter 2

Chapter 22,234 wordsPublic domain

HAMILTON. Wohin, Wahnwitziger?

ROBERT. (ganz kalt.) Ich wollte sehen, was es für Wetter gäbe--Ich bin dein Herzensfreund, Hamilton; ich wollt, ich hätte deinen Sohn, oder deine Tochter hier.

HAMILTON. Was wolltest du mit ihnen?

ROBERT. (sehr gelassen.) Ich wollte deine Tochter heiraten.--Laß mich los!

HAMILTON. Ihr sollt euch zu Bette legen. Ihr seid in einem gefährlich fiebrischen Zustand. Kommt, legt euch!

ROBERT. Zu Bette?--Ja, mit deiner Tochter!--Laß mich los!

HAMILTON. Zu Bette! oder ich werd euch binden lassen.

ROBERT. Mich binden? (kehrt sich hastig um, und faßt ihn an der Kehle.) Schottischer Teufel!

HAMILTON. (wind't sich von ihm los, und schiebt ihn aufs Bett.) He! Wer ist da! Bediente! Lord Hot!

ROBERT. Ihr seid der stärkere. Gewalt geht vor Recht. (legt sich freiwillig nieder, und fängt an zu rufen.) Georg! Johann! Eduard! He, wer ist da! Kommt, und fragt den Lord Hamilton, was er von euch haben will?

(Bediente komen herein.)

HAMILTON. Ihr sollt mir den jungen Herrn hier bewachen. Seht zu, daß ihr ihn zum Einschlafen bringt--ihr sollt mir Red und Antwort für ihn geben.

ROBERT. Hahaha! und bind ihm nur die Hände, ich rat es euch, denn er hat einen kleinen Fehler hier. (sich auf die Stirn schlagend.)

HAMILTON. Gebt Acht auf ihn; ihr sollt mir für alles stehen, ich sags euch! und wenn ers zu arg macht, so ruft mich nur--und ich will den Junker an sein Bett schließen lassen.

ROBERT. (sieht ihn wild an, ohne ein Wort zu sagen.)

(Hamilton geht ab.)

ROBERT. (zu den beiden Bedienten.) Nicht wahr, William, der Mensch ist nicht gescheut. Sagt mir aufrichtig, scheint er euch nicht ein wenig verrückt zu sein, der Lord Hamilton? Er bild't sich wohl ein, daß ich ein Kind, oder ein Narr, oder noch was schlimmers bin, weil ich nicht (sich ehrerbietig bückend) Lord Hamilton sein kann.

WILLIAMS. Halten Sie sich ruhig, junger Herr.

ROBERT. Maulaffe! bist du auch angesteckt?--Komm du her, Peter, du bist mir immer lieber gewesen, als der weise Esel da. Sagt mir doch, habt ihr nichts von Feierlichkeiten gehört, die in der Stadt angestellt werden sollen, von Illuminationen, Freudenfeuer?--

PETER. Wenn Sie doch könnten in Schlaf kommen, mein lieber junger Herr!

ROBERT. Immer dieselbe Leier; wenn ich nicht närrisch wäre, könntet ihr mich dazu machen.--Die Prinzessin von Carignan soll morgen Hochzeit halten, ob was dran ist! Habt ihr nichts gehört?

(Peter und William sehen sich mit verwunderungsvollen großen Augen an.)

ROBERT. Seid ihr denn stumm geworden, ihr Holzköpf. Ists euch verboten, mirs zu sagen? Wer hats euch verboten? Geschwind!

PETER. Lieber junger Herr, wenn Sie sich zudeckten, und sähen in Schweiß zu kommen. (er will ihn anfassen, Robert stößt ihn von sich.) Wenn Sie nur in Ruh kommen könnten, allerliebster junger Herr.

ROBERT. Daß dich Gott verdamm, mit deiner Ruh!--Setz dich! (er setzt sich aufs Bett, *Robert* faßt ihn an den Kragen.) Den Augenblick sag mir, Bestie, wie heißt der Gemahl der Prinzessin von Carignan?

WILLIAMS. (kommt von der anderen Seite, faßt ihn gewaltsam an, und kehrt ihn um.) Will er wohl ruhig sein, oder ich nehm ihn augenblicklich, und bind ihn fest ans Bett.

ROBERT. (schweigt ganz stille.)

PETER. (zu Williams.) Gott und Herr! er phantasiert erschrecklich.

ROBERT. (nachdem er eine Weile stille gelegen.) Gut, daß ich mit dir reden darf, mitleidige Wand. Es ist mir doch, als ob du dich gegen mich bewegtest, dich herab zu mir neigtest, und stumm, aber gefühlig zu meiner Verzweiflung zittertest. Sieh, wie ich verraten da liege! alles, alles verrät mich--(zieht das Bild der Prinzessin aus seinem Busen, und macht das Futteral auf.) Auch dies. Auch diese schwarzen Augen, die keinen Menschen scheinen unglücklich sehen zu können, die Liebe und Wohltun wie die Gottheit selber sind. Sie hat alles das angestellt.--Sie will mich wahnwitzig haben--Sie, heiraten! könnte sie das, wenn ihr Herz weich und menschlich wäre. Nein, sie ist grausamer als alle wilde Tiere, grausamer als ein Tyrann, grausamer als das Schicksal selbst, das Weinen und Beten nie verändern kann. Sie kann mich leiden sehen, und an Hochzeitsfreuden denken--Und doch, wenn sie muß! wenn sie glücklicher dadurch wird--Ja, ich will gern leiden, will das Schlachtopfer ihres Glücks sein--Stirb, stirb, stirb, *Robert*! es war dein Schicksal, du mußt nicht darüber murren, sonst wirst du ausgelacht. (Bleibt mit dem Bild ans Gesicht gedrückt eine Weile stumm auf seinem Kissen liegen.)

(Tognina, eine Buhlerin, schön geputzt, tritt leise herein. Peter geht ihr auf den Zehen entgegen.)

PETER. Still, er schläft!--das ist ein Glück. Wir dachten schon, er sollt uns zum Fenster heraus springen. Die Hitze ist gar zu groß bei ihm.

TOGNINA. Laßt mich nur! ich werd ihn nicht wecken. Ich werd an seinem Bett warten, bis er aufwacht. (setzt sich ans Bett.)

ROBERT. (kehrt sich hastig um.) Wer ist da?

TOGNINA. Schöner junger Herr! werden Sie nicht böse, daß ich so ungebeten herein komme. Ich bin hierher gewiesen, ich bin eine arme Waise, die Vater und Mutter verloren hat, und sich kümmerlich von ihrer Hände Arbeit nähren muß.

ROBERT. Das sieht man euch nicht an.

TOGNINA. Alles, was ich mir verdiene, wend ich auf meine Kleidung. Ich denke, es steht einem jungen Mädchen nicht so übel an, als wenn sie das bißchen Schönheit, das ihr der Himmel gab, nicht einmal sucht an den Tag zu legen. Ich will nicht gefallen, gnädiger Herr, (ihn zärtlich ansehend) ich weiß wohl, daß ich nicht im Stande bin, Zärtlichkeit einzuflößen; aber zum wenigsten bin ich hochmütig genug, daß ich niemand durch meine Gestalt beleidigen mag.

ROBERT. Was wollt ihr von mir?

TOGNINA. (etwas verwirrt.) Von Ihnen?--was ich von Ihnen will?--Das ist eine seltsame Frage, die ich Ihnen so geschwind nicht beantworten kann. Ich höre, daß Sie krank sind, schöner junger Herr, Sie brauchen Pflege, Sie brauchen Aufwartung. Sie brauchen vielleicht auf die Nacht eine Wärterin.

ROBERT. (die Zähne knirschend.) Wer hat euch gesagt, daß ich krank sei?

TOGNINA. Niemand, gütiger Herr--die Frau vom Hause hat es mir gesagt--und in der Tat, man sieht es Ihnen an; (seine Hand fassend.) Dieser Puls will mir nicht gefallen. (streift ihm den Arm auf.) Was für einen schönen weißen Arm Si ehaben--und wie nervigt! dieser Arm könnte Herkules Keule tragen.

ROBERT. (reißt ich los von ihr, richtet sich auf, und sieht sie starr an.) Wer seid ihr?

TOGNINA. Ich bin--ich habe es Ihnen ja schon gesagt, wer ich bin.

ROBERT. Ihr seid eine Zauberin; aber (auf sein Herz weisend) hier ist Stein, Kieselstein. Wißt ihr das?

TOGNINA. Das gesteh ich.--Haben Sie noch nie geliebt?--Ich muß Ihnen doch sagen, hier ward gestern eine neue Oper gegeben--Die Scythen, oder der Sieg des Liebesgottes--Unvergleichlich, Mylord; gewiß--Es war auch so ein junger Herr drinne, wie Sie, der alles Frauenzimmer verachtete. Aber was meinen Sie wohl, womit die Liebesgöttin und die Amors ihn bekämpften? Raten Sie einmal, ich bitte Sie, was für fürchterliche Waffen sie seiner knotigen Keule entgegen setzten?

ROBERT. Vergiftete Blicke, wie die eurigen.

TOGNINA. Blumen, junger Herr, nichts als arme Blumen--(reißt sich eine Rose von der Brust, und wirft ihn damit.) Sehen Sie, so machten sies--Spielend (eine aus ihrem Haarputze) Spielend. (wieder eine andere von ihrer Brust.) spielend überwanden sie ihn. Hahaha, (ihn an die Hand fassend) ist das nicht lustig, mein kleines Herzchen?

ROBERT. (verstohlen, die Zähne knirschend.) O unbarmherziger Himmel! --Armida!--(Tognina ans Knie fassend.) Ihr seid gefährlich, Kleine! voll Lüsternheit! voll Liebreiz! Laßt uns allein bleiben, ich habe euch viel zu sagen.

(Sie winkt den Bedienten, die gehen heraus.)

ROBERT. (zieht das Portrait aus dem Busen.) Seht, hier hab ich ein Bild, das allein ist euch im Wege. Wenn ihr Meisterin von meinem Herzen werden wollt, gebt mir eine Schere, daß ich es von diesem Halse löse, dan den ich es damals leider, ach, auf ewig knüpfte! Ich bin nicht im Stande, euch in eurer zauberreiches Auge zu sehen, eure weiche Hand gegen mein Herz zu drücken, euren glühenden Lippen meinen zitternden Mund entgegen zu strecken, so lang dies Bild an meinem Halse hängt.

TOGNINA. Gleich, gnädiger Herr! (zieht eine Schere aus ihrem Etui, und sett sich aufs Bett, ihm das Bild abzulösen.)

ROBERT. (reißt ihr die Schere aus der Hand, und gibt sich einen Stich in die Gurgel.) Grisette! hab ich dich endlich doch überlistet.

TOGNINA. Ich in des Todes! Hülfe!--(läuft heraus.)

ROBERT. Ists denn so weit--(breitet die Arme aus.) Ich komme, ich komme!--Furchtbarstes aller Wesen! an dessen Dasein ich so lange zweifelte; das ich zu meinem Trost leugnete, ich fühle dich--Du, der du meine Seele hierher gesetzt! du, der sie wieder in seine grausame Gewalt nimmt. Nur nicht verbiete mir, daß ich ihrer nicht mehr denken darf. Eine lange, furchtbare Ewigkeit ohne sie. Sieh, wenn ich gesündigt habe, ich will gern Straf und Marter dulden; Höllenqualen dulden, wie du sie mir auflegen magst; nur laß das Andenken an sie sie mir versüßen.

(Lord Hot, Lord Hamilton, Bedienten und Tognina kommen.)

LORD HOT. Ich unglücklicher Vater!

HAMILTON. Er wird sich nur geritzt haben.

LORD HOT. Verbindt ihn; er verblutet sich. (reißt ein Schnupftuch aus der Tasche, und sucht das Blut aufzuhalten.) Kommt denn der Wundarzt noch nicht? So lauft denn jemand anderswo nach ihm! lauft alle miteinander nach ihm!--Das sind die Folgen deiner Politik, Hamilton.

HAMILTON. (zu Tognina.) Ihr ward rasend, daß ihr ihm das Messer in die Hand gabt.

TOGNINA. Er tat so ruhig, gnädiger Herr.

LORD HOT. Mörder! Mörder! allezusammen! ihr habt mich um meinen Sohn gebracht.

HAMILTON. Es kann unmöglich so gefährlich sein.

ROBERT. (im Wundfieber.) Nein, Armida! nein!--so viel Augen haben nach mir gefunkelt! so viel Busen nach mir sich ausgedehnt! ich hätte so viel Vergnügen haben können--nein, das ist nicht dankbar.

LORD HOT. Kommt denn der Wundarzt nicht?

ROBERT. Nein, das ist nicht artig--Ich war jung, ich war schön! o schön! schön! ich war zum Fressen, sagten sie--Sie wurden rot, wenn sie mit mir sprachen, sie stotterten, sie stammelten, sie zitterten--nur eine, sagte ich, nur eine--und das mein Lohn!

LORD HOT. Geschwind lauft zu meinem Beichtvater!

(Bediente ab.)

(Wundarzt kommt; nähert sich, und untersucht die Wunde.)

LORD HOT. Nun, wie ists? ist Hoffnung da?

WUNDARZT. (blickt auf, und sieht ihn eine Weile bedenklich an.)

LORD HOT. (fällt auf einen Stuhl.) Aus!

WUNDARZT. Warum soll ich Ihnen mit vergeblicher Hoffnung schmeicheln?--die Luftröhre ist beschädigt.

LORD HOT. (legt die Hand vors Gesicht und weint.)

ROBERT. Nun--nun--nun--meine Armida! jetzt gilt es dir zu beweisen, wer unter uns beiden Recht hat--jetzt--jetzt--Laß meinen Vater sagen! laß die ganze Welt sagen-LORD HOT. (sthet auf, zu Lord Hamilton.) Du hast mich um meinen Sohn gebracht, Hamilton--Dein waren alle diese Anschläge!--du sollst mir dran glauben, oder ich-HAMILTON. Besser ihn tot beweint, als ihn wahnwitzig herum geschleppt. (geht ab.)

(Lord Hot zeiht den Degen, und will ihm nach. Sein Beichtvater, der herein tritt, hält ihn zurück.)

BEICHTVATER. Wohin, Lord Hot?

LORD HOT. Der Mörder meines Sohns-BEICHTVATER. Kommen Sie! der Verlust tut Ihnen noch zu weh, als daß Sie gesund davon urteilen können.

LORD HOT. So helfen Sie uns wenigstens seine junge Seele retten. Es war sein Unglück, daß er in der Kindheit über gewisse Bücher kam, die ihm Zweifel an seiner Religion beibrachten. Aber er zweifelt nicht aus Libertinage, das kann ich Ihnen versichern. Reden Sie ihm zu, Mann Gottes, da er am Rande der Ewigkeit steht.

BEICHTVATER. (tritt näher, und setzt sich auf sein Bett.) Lord Robert, ich weiß nicht, ob Sie mich noch verstehen, aber ich hoffe zu Gott, der Sie erschaffen hat, er wird wenigstens einige meiner Worte den Weg zu Ihrem Herzen finden lassen, wenn Ihr Verstand sie gleich nicht mehr fassen kann. Bedenken Sie, wenn Sie noch Kräfte übrig haben, welchem entscheidenden Augenblick Sie nahe sind, und wenden Sie die letzte dieser Kräfte an, das, was ich ihnen sage, zu beherzigen.

ROBERT. (nimmt das Bild hervor, und küßt es.) Daß ich das hier lassen muß.

BEICHTVATER. Sie gehen in die Ewigkeit über! Lord Robert, Lord Robert, machen Sie Ihr Herz los von allem Irdischen. Sie sind jung, Sie sind liebenswürdig, Sie haben Ihrem Vaterlande die reizendste Hoffnungen vernichtet; aber Ihr Herz ist noch Ihre; wenden Sie das von den Geschöpfen, an denen Sie zu sehr hingen, zu dem Schöpfer, den Sie beleidiget haben, der Ihnen verzeihen will, der Sie noch liebt, wenn Sie ihm das Herz wieder ganz weihen, das Sie ihm entrissen haben.

ROBERT. (kehrt sich auf die andere Seite.)

BEICHTVATER. Unglücklicher! Sie wollen nicht? Bedenken Sie, wo Sie stehen, und vor wem.--Wollen Sie mir die Hand drauf reichen, daß Sie sich seinem Willen unterwerfen wollen--noch ist es Zeit--Sie bewegen die Lippen.--Sie wollen mir etwas sagen.

ROBERT. (kehrt sich um, der Beichtvater hält ihm das Ohr hin, er flüstert ihm unvernehmlich zu.)

BEICHTVATER. Unter Bedingungen!--Bedenken Sie, was Sie verlangen--Bedingungen mit Ihrem Schöpfer? (Robert hält ihm die Hand, er reicht ihm das Ohr noch einmal hin)--Daß er Ihnen erlaube, Armiden nicht zu vergessen--O lieber Lord Robert! in den letzten Augenblicken!--Bedenken Sie, daß der Himmel Güter hat, die Ihnen noch unbekannt sind; Güter die die irrdischen so weit übertreffen, als die Sonne das Licht der Kerzen übertrifft. Wollten Sie nicht mehr besitzen können; zu Ihrer Marter auf ewig im Gedächtnis zu behalten.

ROBERT. (hebt das Bild in die Höhe, und drückt es ans Gesicht, mit äußerster Anstrengung halb röchelnd) Armida! Armida.--Behaltet euren Himmel für euch.

(er stirbt.)

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