Der Einzige auf der weiten Welt: Ein Menschenleben
Part 8
Die folgenden Tage waren Tage heißester Seelenkämpfe. Der Eindruck, den der Besuch meiner Mutter und der Brief Marielis hinterlassen hatten, rangen machtvoll gegen meine unselige Liebe zu Heri. Ich sah den Weg, der mich aus all meiner Pein hinausführen konnte; aber wenn in meiner Erinnerung die Stunde auftauchte, da Heri ihr Köpfchen an meine Brust gelehnt und mir mit süßschimmernden Augen ihre Lippen geboten hatte, dann versank all mein herber Stolz, mein besseres Wollen in einem Strom wahnsinniger Sehnsucht.
So war der erste Mai gekommen, an welchem Tage immer das erste Parkkonzert stattfand.
An diesem Tage erhielten auch wir Anstaltszöglinge immer die Erlaubnis, bis zum Abendessen ausgehen zu dürfen, und so konnten wir auch das Konzert anhören, das um fünf Uhr begann.
Es war ein herrlicher Abend. Die Bäume blühten über und über. An all den verschiedenen fremdländischen Sträuchern hingen Lasten von Blüten in allen Farben und in der weichen Luft lag ein wundersamer Duft.
Die ganze vornehme Welt der Stadt wogte auf den glitzernden Kieswegen auf und ab, die Damen alle in neuen, duftigen Toiletten, Frühling auf den Hüten, Frühling in den Augen.
Und da kam auch Heri daher. Ein weißes, spitzenbesetztes Kleid umschloß ihre schlanke, biegsame Gestalt, ein meergrünes Band, das in breiter Schleife an der Seite herabfiel, war der einzige Schmuck des Kleides. Unter dem rosenumwundenen Hut fielen ihre dunklen Locken in freien Wellen hernieder und ihre unergründlichen Augen schimmerten und blitzten in die tiefsten Tiefen hinein. Wie eine Nixe so schön war sie. An ihrer Seite schritt der Oberleutnant, heiter auf sie einsprechend, und ich sah es ihm an, wie sehr er von dem Liebreiz der holden Mädchengestalt an seiner Seite begeistert war. Hinter den beiden schritt die Tante in eifrigem Gespräch mit einer etwa gleichaltrigen Dame, wahrscheinlich der Mutter des Oberleutnants.
Ich schlich von der Ferne hinter den vieren drein, und mein Herz schlug zum Zerspringen. Eifersucht, Haß, wildester Schmerz, das alles tobte in wilden Wirbeln durch meine Seele. Mir war’s, als müßte ich hinspringen und Heri von der Seite des Oberleutnants reißen und im nächsten Augenblicke hätte ich wieder am liebsten aufgeweint in namenlosem Schmerz. Und da hielt ich es endlich nicht mehr länger aus und ich eilte aus dem menschenwimmelnden Parke fort und hinaus in die Au, wo ich mich schluchzend wie ein Kind niederwarf. Und während von ferneher leise die wiegenden Klänge der Musik an mein Ohr drangen, weinte ich meinen Jammer in die junggrüne Frühlingserde hinein.
Dann setzte ich mich auf und begann zu grübeln. So konnte es nicht fortgehen, etwas mußte geschehen. Aber was? Ich sann und sann. Aber weder jetzt noch in den nächsten Tagen konnte ich zu einem Entschluß kommen. Ich zermarterte mir das Gehirn und hatte ich schon bisher mein Studium arg vernachlässigt, so wurde ich nun ganz unfähig, auch nur eine Seite zu lernen, einen Vortrag im Gedächtnisse zu behalten.
Und da ließ mich eines Tages mein Klassenvorstand, ein gemütlicher, mir wohlwollender Herr, rufen und sprach: „Sie Binder, ich muß Sie aufmerksam machen, daß es mit Ihnen sehr, aber schon sehr schlecht steht. Wenn Sie jetzt nicht allen Fleiß aufbieten und alle ihre Kräfte -- und diese sind nicht unbedeutend -- dem Studium zuwenden, so erleben Sie eine Katastrophe. Ich habe Ihnen bisher immer die Stange gehalten; in Zukunft könnte ich es aber nicht mehr tun. Was, zum Teufel, ist denn in Sie gefahren? Reden Sie doch!“
Ich schwieg.
„Na ja,“ polterte er, „das ist die alte Geschichte; wenn man fragt, dann erfährt man nichts. Wahrscheinlich, weil eben nichts dahinter ist als ein bißchen allzuviel Bequemlichkeit und ein Kopf voll Flausen. Sie wollen Dichter werden. Habe davon was läuten gehört. Merken Sie sich aber das: wer Dichter werden will, muß einen vollen Kopf haben. Geist und Herz müssen etwas zu verarbeiten haben, sonst bleibt einer ewig ein Stümper, ein Handwerker. Und übrigens: dazu haben Sie noch lange, lange Zeit. Jetzt ist das Studium Hauptsache. Vergessen Sie nicht, daß Sie ein Stipendiat sind. Fallen Sie durch, so ist’s damit aus. Dann können Sie Schuster werden! Also seien Sie vernünftig, Binder!“
Damit reichte er mir die Hand und ich war entlassen.
Diese Unterredung war entscheidend. Ich sah ein, daß es so nicht mehr weitergehen könne. Ich mußte so oder so zur Ruhe gelangen und das war nur möglich, wenn ich mit Heri selbst sprach. Ich mußte wissen, wie es zwischen uns stehe.
Ein paar Tage überlegte ich noch, dann aber, -- ich hatte inzwischen Heri nochmal in Gesellschaft des Oberleutnants mit der Tante spazierengehen gesehen -- stand mein Entschluß fest.
Da ich mit Bestimmtheit wußte, daß ich nicht soviel Zeit haben würde, mich gelegentlich eines Besuches mit Heri aussprechen zu können, schrieb ich ihr ein paar Zeilen:
Meine liebste Heri!
Ich muß mit Dir dringend sprechen. Mein ganzes Lebensglück hängt davon ab. Du brauchst aber nichts zu fürchten. Ich möchte nur aus Deinem eigenen Munde hören, daß ich gehen soll. So ohne ein Wort wie ein davongejagter Hund kann und mag ich nicht von Dir gehen. Auch ich habe meinen Stolz. Und soviel muß ich Dir noch wert sein, daß du mir ehrlich und offen den Abschied gibst. Ich hoffe, daß Dich die vornehme Gesellschaft nicht schon soweit verdorben hat. Ich kann Dir entsagen, aber ich möchte Dich auch fernerhin achten können. Gib mir ehestens Bescheid.
Dein
Heini.
Mit diesem Brief, den ich mit den zwiespältigsten Gefühlen hingeworfen hatte, ging ich am nächsten meiner Ausgangstage zu Heri und ich freute mich schon beim Eintritt doppelt: in erster Linie glaubte ich bei Heri wirklich eine freudige Überraschung bemerken zu können, denn sie stand sofort auf und reichte mir mit festem Drucke die Hand; in zweiter Linie aber konnte ich bei der Tante ebenso sicher einen leichten Verdruß feststellen, den offen zu äußern sie aber viel zu sehr Dame war.
Und dann fand sich auch die Gelegenheit, Heri den Brief zuzustecken. Sie entfernte sich unauffällig mit demselben und kam erst nach geraumer Zeit wieder in das Zimmer. Ein Blick sagte mir, daß sie den Brief gelesen. Und dieser Blick machte mich im innersten Herzen jubeln, denn es lagen Trauer und Vorwurf in ihm, nicht Stolz oder Zorn, wie ich befürchtet hatte.
Als ich mich bald darauf unter dem Vorwande empfahl, ich hätte nur wieder einmal mich erkundigen wollen, wie es den Damen gehe, wußte es Heri so anzustellen, daß sie mir unbemerkt ihre Antwort auf mein Brieflein in die Hand drücken konnte.
Es war ein vielmals zusammengefalteter Zettel und darauf stand nur:
Lieber Heini! Während des Tages kann ich unmöglich abkommen. Wenn es Dir aber möglich wäre, einmal abends fortzukommen, so komme übermorgen nach neun Uhr in unseren Garten. Die Tante ist an diesem Tage bei der Generalin und kommt vor zehn Uhr nicht heim.
Heri.
Nun, möglich war’s schon, daß ich mich nach neun Uhr aus der Anstalt fortstehlen konnte, aber es war auch mit Gefahr verbunden, denn man konnte entdeckt werden. Aber immerhin hatten es schon zwei meiner Kameraden gewagt und sie waren glücklich wieder ins Haus gekommen. Einmal konnte ich’s doch auch versuchen.
Wir waren unser zwanzig in einem Schlafsaal und der Älteste unter uns war Ordner. Um neun Uhr hieß es zu Bette gehen. Dann kam der Präfekt und sah nach, ob jeder da sei und ging dann in den nächsten Schlafsaal. Dieser Zeitpunkt mußte geschickt ausgenützt werden und war auch von den anderen benützt worden.
Getreu nach ihrem Muster legte ich auf den Sessel neben dem Bett meine Kleidung, während ich im Sonntagsanzug, nur ohne Rock und Kragen im Bette lag. Der Präfekt kam und fand alles in Ordnung. Kaum hatte er aber den Saal verlassen, so sprang ich auf, nahm Rock, Kragen und Hut und lief, so schnell und so leise mich die Füße trugen, vom zweiten Stock, wo unsere Schlafsäle lagen, ins Parterre hinab, öffnete dort leise ein Korridorfenster und schwang mich in den Anstaltsgarten hinaus. Da hier in der warmen Jahreszeit die Fenster öfter auch während der Nacht offen blieben, konnte das weiter nicht auffallen. Dann lief ich durch den Anstaltsgarten, und an der den Feldern zugekehrten Seite desselben kletterte ich über den Zaun.
Die einsamsten und dunkelsten Gassen benützend, kam ich zum Hause der Oberstin, fand die Haustüre offen, auch die gegenüberliegende und in den Garten führende, und im nächsten Augenblicke stand ich mit hochklopfendem Herzen vor Heri.
Und sie war schöner denn je. Über das weiche, lose Hausgewand, das sie umfloß, fiel ihr dunkles Gelock in duftigen Wellen, im matten Dämmerlicht schimmerten mir ihre Augen entgegen, als läge drinnen die ganze süßschwere Sehnsucht der lauen Maiennacht.
Mir schlug das Herz bis an den Hals herauf und ich konnte kein Wort hervorbringen. Ich sah sie nur in einemfort an und mein ganzes Inneres erbebte in namenlosem Glück.
Da faßte sie mich an der Hand und sagte leise: „Komm hierher, Heini, da ist eine Bank.“
Und da saß ich nun neben ihr und wußte kein Wort zu finden, bis sie endlich fragte: „Du wolltest mir etwas sagen, Heini!“
Ich fühlte: nun ist die Stunde da und wirr begann ich zu reden: „Ja, Heri, ich mußte mit dir reden. Ich kann’s gar nicht länger ertragen. Ich hab dir’s nicht sagen wollen, aber ich muß. Sei mir nicht böse. Heri, ich bitte dich, sag mir’s aufrichtig, hast du mich noch lieb?“
Sie senkte den Kopf und atmete schwer, und dann antwortete sie leise: „Ich hab dich doch immer lieb gehabt, Heini.“
„Ob du mich jetzt noch lieb hast, weißt so, wie du damals gesagt hast, Heri, damals zu Hause im Park.“
Sie schwieg.
Da bat ich wieder und mit aufgehobenen Händen: „Heri, ich bitte dich, ich bitte dich um alles in der Welt, sag mir’s, aufrichtig und ehrlich: so wie damals?“
Und da kam es leise, leise von ihren Lippen: „Damals waren wir noch Kinder!“
Auf diese Worte war es mir, als drehe es mir das Herz zu einem Knäuel zusammen, eine Faust schloß sich würgend um meine Kehle und nur stöhnend konnte ich endlich hervorbringen: „Ich danke dir, Heri, -- ich -- ich gehe.“
Die Knie schlotterten mir, als ich aufstand, vor meinen Augen zuckten Flammen, ein Brausen war um mich, ein wildes Rauschen, und da wußte ich nicht mehr, was ich tat: ich schloß das erbebende Mädchen in meine Arme und meine glühenden und zuckenden Lippen suchten ihren Mund.
„Laß mich los, Heini, laß mich los!“ flehte sie flüsternd und suchte sich mir zu entwinden.
Aber ich ließ sie nicht; außer mir stammelte ich zwischen meinen Küssen: „Heri, dies eine Mal, -- dies eine Mal -- will ich noch glücklich sein, Heri -- ich hab dich so lieb -- so lieb, Heri -- so lieb -- --“
Ihr Widerstand erstarb in meinen Armen, schlaff lag sie an meiner Brust und auf einmal fühlte ich heiße Tropfen auf meiner Wange.
Das brachte mich zur Besinnung.
„Heri,“ flüsterte ich, „weine nicht. Ich hab dich nur nochmal küssen wollen, ehe ich für immer von dir gehe: Bist du mir böse?“
Sie schüttelte weinend den Kopf, reichte mir die Hand und sagte mit tränenzitternder Stimme: „Geh jetzt, Heini!“
„Ja, ich gehe!“
Mit einem Blick umfing ich nochmals die geliebte Gestalt, dann stürmte ich hinaus in die nächtliche Straße.
Frei hatte ich meine Seele machen wollen und nun lag sie hilfloser denn je am Boden. Meine junge, erste, heilige Liebe hatte ich auslöschen wollen und nun flammte sie in mir in dem himmelhohen Lodern eines vernichtenden Weltbrandes. Wie in vulkanischen Essen tobte es in meiner Brust und warf Glück und Schmerz in wilden, unbewußten Worten über meine Lippen. Ich fühlte noch ihren schlanken Leib in meinen Armen, ihren heißen Lippen auf meinem Munde, und während ich durch die dunklen Gassen ziellos dahinstürmte, sprach ich vor mich in qualdurchschauerter Seligkeit: „Ich habe dich geküßt, Heri, zum letztenmal, und du kannst diese Küsse nicht vergessen, nie und nimmer!“
Ein Mann ging an mir vorüber. Ich achtete es nicht, daß er mich ansah und dann stehen bleibend mein Fortstürmen beobachtete. Ich war im Rausch und merkte es nicht einmal, daß warme Windstöße durch die Straßen fuhren und den Staub aufwirbelten und daß in der Ferne ein Frühgewitter zu murren begann.
Ich war in den Park gekommen und da kam endlich die Müdigkeit über mich. Auf einer Bank warf ich mich nieder. Schwüler, drückender Blumenduft. Wie heiße Hände strich mir der Gewitterwind über das Gesicht und nun fielen die ersten Tropfen, groß und schwer und kalt. Wie das auf meiner glühenden Stirn, auf meinen brennenden Augen wohltat! Und plötzlich eine jagende Flamme über den ganzen Himmel hin und darauf ein langgezogenes Rollen.
Das brachte mich zur Besinnung. Wenn ich nicht bis auf die Haut naß werden wollte, so mußte ich so schnell als möglich nach Hause. Und auch aus einem anderen Grund. Dem Hausdiener der Anstalt konnte es einfallen, nachzusehen, ob alle Fenster geschlossen seien. Und wenn er dann das zumachte, durch das ich entwichen war, so konnte ich nicht mehr in die Anstalt hinein und ich war entdeckt. Die Folge davon aber konnte bei der strengen Hausordnung nur eine sein: der Ausschluß aus der Anstalt.
Auf den nächsten Wegen stürmte ich der Anstalt zu. Mein einziger Gedanke war: nur jetzt das Fenster noch offen treffen! Aber ehe ich noch die Anstalt erreichte, brach das Gewitter los und im gießenden Regen kletterte ich über den Zaun und jagte durch den Garten. Gott sei Dank! das Fenster stand noch offen.
Ein Schwung und ich saß auf dem Fensterbrett. Vorsichtig ließ ich mich auf die Fliesen des Korridors niedergleiten.
In diesem Augenblicke aber fühlte ich mich gepackt und während der volle Schein einer Blendlaterne auf mich fiel, hörte ich eine mir nur zu wohlbekannte Stimme mit ingrimmiger Befriedigung sagen: „Also, da haben wir ihn nun! Lassen Sie ihn nicht los, Herr Präfekt, der Bursche ist zu allem fähig.“
Es war der Direktor der Anstalt, der mich auf solche Weise empfing, und da wußte ich, daß ich verloren sei. Der Mann war mir nie grün gewesen! Er liebte nur die in Hundedemut vor ihm Ersterbenden unter seinen Zöglingen und so wenig er Oskars Freund gewesen war, so wenig war er auch der meinige.
„Woher kommen Sie!“ fuhr er mich nun an.
Ich gab keine Antwort.
„Haben Sie meine Frage gehört oder nicht?“
Ich gab abermals keine Antwort.
Nun stürzte er auf mich zu, packte mich an der Brust und ich glaube heute noch, er hätte nach mir geschlagen, wenn ihn nicht der Präfekt abgewehrt hätte.
Der aber sagte: „Herr Direktor, ich möchte vorschlagen, ihn für heute nacht im Karzer zu internieren. Ich glaube nämlich, daß er so erschrocken ist, daß er jetzt tatsächlich nicht antworten kann.“
Der Präfekt hatte eine so bestimmte Art zu sprechen, daß der Direktor immer beigeben mußte. So stimmte er denn auch jetzt zu: „Gut. Und da mag der junge Herr über seine nächtlichen Vergnügen und deren Folgen nachdenken. Aber Sie haften mir für ihn, Herr Präfekt!“
„Gewiß, Herr Direktor!“
„Gute Nacht!“
„Gute Nacht, Herr Direktor!“
Dann wandte sich der Präfekt an mich, nickte einige Male bedeutungsvoll und sagte dann ernst: „Das hätte ich gerade von Ihnen, Binder, nicht erwartet. Aber jetzt kommen Sie und holen Sie sich trockene Kleider und Wäsche.“
Nun saß ich also im Karzer und hatte Zeit nachzudenken, was nun werden solle. Aber ich konnte nicht denken. Ich starrte nur in einemfort zu dem kleinen Gitterfenster empor, durch welches in kurzen Zwischenräumen die Blitze ihre blendenden Brände warfen, ich horchte dem Schmettern der Donner und dem Rauschen des Regens. Eine unendliche Müdigkeit machte mir das Blut in den Adern träge, die Augenlieder schwer und während draußen noch das Maigewitter forttobte, schlief ich ein. Und ich schlief so fest, daß ich am nächsten Morgen zum Frühstück erst geweckt werden mußte.
Bald darauf kam auch der Präfekt und teilte mir mit, daß um zehn Uhr die Konferenz zusammentreten werde. Ich solle der Wahrheit die Ehre geben, denn nur ein ganz offenes Geständnis könne mir, wenn das überhaupt möglich sei, noch etwas helfen.
Nun begann in meinem Kopfe wieder der Hexentanz. Auf der einen Seite stand Heri in all dem berückenden Schimmer, mit dem meine Liebe sie verklärte, seit dem gestrigen Abend mehr denn je; auf der anderen Seite stand meine Mutter, die müde, stille Frau, deren einziges Glück ich war. Zwischen den beiden hatte ich zu wählen. Sagte ich offen, daß ich im Hause der Oberstin gewesen sei, dann konnte ich noch gerettet werden; denn die Oberstin genoß in der Stadt ein hohes Ansehen und ich wußte, daß man es sich gründlich überlegen würde, sie bloßzustellen. Und was hatte ich auch getan? Ich hatte ein Mädchen geküßt, hatte von ihm Abschied genommen, um mich selbst und meine Pflicht als Studierender zu retten. Aber andererseits stellte gerade ich wieder nicht nur Heri, sondern auch die Oberstin bloß, denn die mußte doch wissen, daß ich um neun Uhr abends keinen Ausgang hatte. Wenn es aber bekannt wurde, daß mich Heri in den Garten bestellt hatte, dann war diese in der Stadt unmöglich gemacht, und wenn ihr Vater und der Graf davon erfuhren, dann war es mit meinem Studium auch so aus, dann hatte ich auf keinen Kreuzer Unterstützung mehr zu hoffen.
Ich sah ein, daß es aus dem Netze von Schicksalsfäden, in das ich geraten war, kein Entrinnen mehr gebe und da tauchte zum ersten Male jener große Gedanke in mir auf, dem ich heute meinen Frieden danke: das alles ist ja nur Spiel, Traum! Dein innerstes Wesen berührt das ja gar nicht, du kannst ruhig zusehen, zusehen und lächeln.
Und da stand es auch in mir fest: ich wollte allem Schweigen entgegensetzen. Kein Wort sollten sie aus mir herauspressen können. Mochte kommen, was da wolle.
Um zehn Uhr trat die Konferenz zusammen. Sie bestand aus dem Direktor des Internates, dem Präfekten, dem Direktor des Gymnasiums und meinem Klassenvorstand.
Und der Internatsdirektor begann mit dem ihm eigenen Pathos: „Es ist ein sehr trauriger Fall moralischer Verwahrlosung, zu dessen Untersuchung ich die Herren habe entbieten müssen. Es wird sich darum handeln, Mittel und Wege zu finden, wie die übrigen Schüler vor Ansteckung durch diesen moralischen Giftstoff bewahrt werden können. Sie aber“ -- damit wandte er sich an mich -- „fordere ich auf, die Wahrheit, die volle Wahrheit zu sagen. Glauben Sie ja nicht, durch Lügen sich retten zu können. Und nun sprechen Sie: wo waren Sie gestern Abend?“
Ich schwieg.
„Wollen Sie auch heute nicht antworten?“
Keine Antwort.
„Aber so reden Sie doch!“ mahnte der Gymnasialdirektor.
Ich schwieg.
„Nun, so werde ich es selbst sagen. Als ich gestern abend vor Ausbruch des Gewitters nach Hause ging, stürzte mir aus der Spittelgasse ein junger Mann entgegen. Obwohl er den Hut tief in die Stirne gedrückt hatte, erkannte ich doch in ihm den Zögling Binder und überrascht blieb ich stehen und sah ihm nach. Er lief die Parkstraße entlang. Meine Herren, Sie wissen, welche Art von Menschen leider die Spittelgasse bevölkert, und ich frage Sie: wie tief muß ein junger Mensch gesunken sein, der sich wie ein Dieb aus der Anstalt schleicht, seine Vorgesetzten in raffinierter Weise täuscht, um jene Lasterstätten aufsuchen zu können!“
Allgemeines entsetztes Kopfschütteln und der Gymnasialdirektor meinte: „Nun begreife ich freilich die schlechten Lernerfolge des jungen Mannes!“
Mein Klassenvorstand aber sprang auf, faßte mich an der Schulter und rief: „Mensch, so reden Sie doch! Das kann ja gar nicht wahr sein! So kann ich mich doch an Ihnen nicht getäuscht haben!“
Der ehrliche Schmerz des schon alten Mannes schnitt mir ins Herz und da vergaß ich meinen Vorsatz und sagte: „Ich war nicht in der Spittelgasse, ich bin nur hindurchgelaufen.“
„Wo waren Sie dann?“
Sollte ich vor diesen Leuten da mein Herz entblößen, sie mit ihren brutalen Händen in dem Heiligtum meiner Seele wühlen lassen?
Mein Klassenvorstand las mir die Qual aus den Augen und sagte: „Ich möchte die Herren bitten, mich eine kurze Zeit mit dem jungen Manne allein zu lassen. Ich glaube garantieren zu dürfen, daß er mir die volle Wahrheit bekennen wird!“
„Wie meinen Sie, Herr Direktor?“ fragte der Direktor unserer Anstalt.
Der Gymnasialdirektor zuckte mit den Achseln und erwiderte: „Wenn der Herr Kollege glaubt, soviel Macht zu besitzen, den Burschen zum Reden zu bringen, so meine ich, liegt kein Anstand vor, ihm seinen Wunsch zu bewilligen. Ich schlage also vor, wir ziehen uns für eine Viertelstunde zurück.“
Damit erhob er sich und schritt der Türe zu. Mit einem giftigen Seitenblick auf mich folgte ihm der Anstaltsdirektor und diesem der Präfekt.
Und der alte Professor nahm das Wort: „Also, lieber junger Freund, wir sind allein. Ich halte Sie nicht für schlecht, denn ich sah die Scham in ihren Augen. Nun sagen Sie mir alles. Denken Sie, ich sei Ihr Beichtvater oder noch mehr, ich wäre Ihr Vater, zu dem Sie in Ihres Herzens Not kommen. Seien Sie offen und wahr, wie es sich für einen braven und mutigen Menschen geziemt. Was es auch sei, seien Sie versichert, ich werde es mir angelegen sein lassen, den Urteilsspruch nach Kräften zu mildern. Setzen Sie sich hier neben mich und reden Sie.“
Ich setzte mich und dann erzählte ich ihm alles, wie es gewesen war.
Er hörte aufmerksam zu, die grauen guten Augen fest auf mich heftend, und wenn ich stockte, sagte er nur: „Erzählen Sie ruhig weiter.“
Als ich geendet hatte, sah er mich lange an und dann sagte er, indem ein mildes Lächeln um seine Lippen spielte: „Sie sind ein großer Kindskopf, Binder. Eine solche Dummheit machen! Nun, ich hoffe, daß alles zu einem glücklichen Ende führen wird. Gehen Sie hinaus, sagen Sie den Herren, ich lasse bitten, zu kommen, und warten Sie selbst draußen, bis Sie gerufen werden.“
Ich ging und tat, wie mir geheißen. Eine Bergeslast war mir von der Seele gewälzt. Ich lauschte nicht den Stimmen im Nebenzimmer, ich stand an dem Fenster und sah mit hoffnungsfreudigen Augen in den Garten hinaus, der nun nach dem nächtlichen Gewitter in frischen Frühlingsfarben und Tau leuchtete und blitzte und über dem die Sonne in einer Strahlenglorie stand, in jeden Winkel den Segen ihrer goldenen Lichtflut sendend.
Und ich dachte an meine Mutter. Alles, alles, was ich ihr an Leid bereitet hatte, wollte ich nun gutmachen. Nun wollte ich zeigen, was ich zu leisten imstande sei. Und der Mann da drinnen, der mich zum moralisch Verwahrlosten gestempelt hatte, er sollte noch erfahren, wie sehr er sich getäuscht habe. Ihn selbst zur Anerkennung meines Wertes zu zwingen, das sollte meine beste Rache sein.
In diese frohe Zuversicht und maiengrüne Hoffnungsstimmung fiel aber bald ein Schatten. Statt zu einem Abschluß zu kommen, wurde die Konferenz auf den Nachmittag vertagt und ich kam vorläufig wieder in den Karzer zurück. Daß der Präfekt, der die Tür abschloß, mich noch angelächelt hatte, gab mir aber neue Hoffnung, daß sich meine Angelegenheit in günstigem Fahrwasser befinde.
Langsam, nur allzu langsam rannen die Stunden dahin. Endlich aber, es hatte eben von den Türmen die dritte Nachmittagsstunde geschlagen, holte mich der Präfekt neuerdings ab.
„Kommen Sie,“ sagte er kurz.
Mir schlug das Herz und auf der Treppe wagte ich die Frage an ihn: „Herr Präfekt, wie steht es mit mir?“
„Das werden Sie sofort erfahren. Ich habe Ihnen nichts zu sagen.“ Der kalte, beinahe feindselige Ton machte mich stutzig und eine bange Ahnung stieg in mir auf.
Vor die Konferenz gestellt, sah ich auf den Gesichtern der vier Männer feierlichen, finsteren Ernst.
Und der Anstaltsdirektor fragte mich: „Bleiben Sie bei der Aussage, die Sie heute vormittag Ihrem Klassenvorstand gegenüber machten?“
Ich war verblüfft. Auf diese Frage war ich nicht vorbereitet gewesen. Und was sollte sie? Fest gab ich zur Antwort: „Ja.“