Der Einzige auf der weiten Welt: Ein Menschenleben

Part 7

Chapter 73,918 wordsPublic domain

„Aber Kind,“ wehrte die Tante ab, „wer sagt dir denn, daß sich der Herr Oberleutnant was einbildet! Der ist der letzte dazu. Er ist so ein lieber, gemütlicher und dabei immer heiterer Mann, daß man nur froh sein könnte, wenn alle so wären. Du gefällst ihm und das hat er mir gesagt. Wie du weißt, verkehrt er in meinem Hause und es würde mich wirklich wundern, wenn er nicht noch heute vorspräche.“

Und richtig: es dauerte keine fünf Minuten, so meldete das Dienstmädchen den Herrn Oberleutnant von Steindl.

Der junge Offizier war sichtlich überrascht, noch ein anderes männliches Wesen bei den Damen zu finden, und ich beobachtete, wie er, während er diese mit vollendeter Artigkeit begrüßte, nach mir herüberschielte.

Tante Berta übernahm die Vorstellung: „Herr Heinrich Binder, Gymnasialschüler, ein Jugendgespiele meiner Heri -- Herr Oberleutnant von Steindl.“

Der junge Offizier reichte mir jovial die Hand: „Sehr erfreut. Darf man wohl fragen, in welcher Klasse?“

„In der sechsten,“ entgegnete ich und aufs neue befiel mich jene trostlose Stimmung, wie damals nach Empfang von Heris Brief. Ein Gymnasialschüler der sechsten Klasse, ein Mensch, der nichts ist und noch lange nichts sein wird, und da ein Mann in angesehener Stellung, dem glänzendsten, umworbensten Stande angehörend.

Der Oberleutnant mußte meine gedrückte Stimmung bemerkt haben und um mir aus derselben zu helfen, sagte er: „Donnerwetter in der sechsten! Wenn das mein Papa an mir erlebt hätte!“ Und lachend setzte er hinzu: „Ich war aber nicht für die große Gelehrsamkeit. Latein? Brr! Griechisch? Brr mit verstärkten Registern.“ Wieder lachte er auf und dann fragte er treuherzig die Tante: „Verehrteste Gnädige! Können Sie sich mich als Gelehrten vorstellen?“

Sie lachte auf: „Nein, Herr Oberleutnant, das kann ich wirklich nicht. Dazu sind Sie ein viel zu guter Tänzer!“

„Gnädige Frau, ich bin eigens gekommen, um mich nach dem Befinden der Damen zu erkundigen. Ich bitte um Verzeihung, wenn ich nicht sofort danach fragte.“

„Habe ich Ihnen einen Vorwurf gemacht?“

„Meine Gnädigste, Vorwürfe braucht man mir überhaupt nicht zu machen. Ich kapiere immer schon früher.“

Und bei dem letzten Wort setzte er wieder mit dem fröhlichen, sorglosen Lachen ein, das mich damals, je öfter ich es hörte, mit unbeschreiblichem Haß erfüllte, von dem ich mir aber heute sagen muß, daß es der Spiegel dieser ehrlichen, tüchtigen, wenn auch nicht tiefen Mannesnatur war.

Dann wandte er sich an Heri und fragte sie, wie ihr der gestrige Abend bekommen sei.

Ich sah, daß Heri verlegen war; aber er wußte sich so zu geben, daß sie bald alle Scheu verlor und nun munter mit ihm plauderte. Und der Oberleutnant verstand es, dann und wann auch mir einen Brocken des Gespräches zuzuwerfen, aber eh ich noch eine passende Antwort gefunden hatte, hatte er sich schon wieder zu den Damen gewandt und ließ mir Zeit, mich selbst über meine Schwerfälligkeit aus Herzensgrunde zu ärgern und zu grämen.

Da meine Ausgangsstunden sich ihrem Ende näherten, sah ich mich bald genötigt, mich zu empfehlen. Und ich tat es gerne. Der Boden brannte mir unter den Füßen; hier war ich ja doch nur der Überflüssige.

Mit stürmendem Herzen, den Kopf voll Glut, schritt ich nach Hause. O, hätte ich jetzt Oskar haben können! Ihm hätte ich mich anvertraut, und er hätte mir gewiß einen guten Rat gewußt; er stand ja so hoch über all diesen rein menschlichen Dingen! So aber war ich auf mich selbst angewiesen und dieses Selbst war außer Rand und Band geraten. Haß, Hohn und Verzagtheit, ja Verzweiflung führten in meiner Seele einen wilden Hexentanz auf. Ich war abwechselnd auf die Tante, auf den Oberleutnant, auf Heri und auf mich selbst wütend; ich klagte mein Schicksal an, und wenn sich der Sturm an seinem eigenen Wüten verzehrt hatte, dann schlich sich eine tiefgraue Melancholie in meine Seele, die mir das ganze Leben gleichgültig machte.

Bisher war ich ein guter Schüler gewesen; nun aber gab’s bald dort, bald da einen Krach, so daß ich schließlich selbst bald einsah, so könne es nicht weitergehen. Die Stunden, die ich bei Heri im Hause der Tante verbrachte, gestalteten sich für mich immer bitterer. Immer kam der Oberleutnant oder er war schon da, und ich mußte sehen, wie Heri ihm gegenüber eine Ungezwungenheit zur Schau trug, die aufs deutlichste bewies, wie sehr sein Wesen sie ansprach. Und er war Meister in der Unterhaltung. Hundert und hundert Dinge wußte er zu erzählen, über die verschiedensten Dinge verstand er zu plaudern; wenn ich aber glaubte, mich in das Gespräch mischen zu können, was besonders bei wissenschaftlichen oder künstlerischen Themen der Fall war, dann gab er dem Gespräch unvermerkt eine andere Wendung und ich mußte die Tore der Schatzhäuser meines Wissens schließen, ehe ich noch Gelegenheit gehabt hatte, den Reichtum derselben zu zeigen.

So saß ich oft viertelstundenlang, ohne ein Wort zu sprechen, ohne angesprochen zu werden, und während um mich fröhliches Geplauder scholl, versank ich in mich selbst, in meine melancholischen Grübeleien und fühlte mit Pein und Ingrimm, wie wenig ich in diese Gesellschaft taugte, wie ich nach und nach direkt als unbequem und störend erscheinen mußte. So konnte es nicht fortgehen. Ich errötete vor mir selbst, wenn ich daran dachte, wie plump und unbeholfen ich mich bewegte, und so entschloß ich mich, die Gesellschaft fürderhin zu meiden. Nur noch einmal wollte ich hingehen, um Heri den Brief überreichen zu können, in dem ich ihr meinen Entschluß mitteilte; denn sprechen konnte ich nicht so viel mit ihr, da uns die Tante nie längere Zeit allein ließ. Auch war Heri selbst so sonderbar, daß ich auch dann oft, wenn wir allein waren, kein Wort zu sagen wußte.

So setzte ich mich denn nieder und schrieb ihr einen langen Brief. Ich erinnerte sie an unsere gemeinsame Jugend, an das, was sie mir versprochen, daß sie mich aufwärts führen wolle, daß sie bei mir bleiben werde immerdar, auf ewig. Ich beschwor sie, mich nicht zu verlassen, da ich sonst zugrunde gehen müßte. Zur Tante aber könne ich nicht mehr kommen. Ich sei ein ernster Mensch mit großen Plänen und das Schmetterlinghafte des Oberleutnants sei mir, Gott sei Dank! nicht gegeben. In mir sei alles Kraft und Leidenschaft und darum tauge ich nicht in eine Gesellschaft, in der Oberflächlichkeit und Tändelei herrsche.

Es war ein Brief, jugendlich überschwenglich, kindisch, unreif, voll großer, tönender Worte, aber doch auch voll echtesten Gefühls. Meine Angst lag darinnen, um eines Mannes willen weggeworfen zu werden, dem ich mich wohl in allen äußeren Dingen nicht vergleichen konnte, an innerem Gehalt und Wert aber hoch überlegen fühlte. Wenn Heri mir an ihn verloren ging, dann war das für mich ein Zusammenbruch meines ganzen Daseins, dann war ich verloren.

Das Herz schlug mir bis zum Halse hinauf, als ich Heri den Brief in die Hand drückte. Sie wurde blutrot und so verlegen, daß sie das Zimmer verließ, und erst wieder hereinkam, als die Tante schon da war.

Dieser hatte ich mittlerweile erklärt, daß ich in Zukunft nicht mehr regelmäßig erscheinen werde, denn ich hätte nun ungemein viel zu lernen und wolle die angebrochene schöne Zeit dazu benützen, mit meinen Büchern in die Au zu gehen; dort sei es so still und angenehm und ich brächte dort mehr vor mich als zu Hause.

Die Tante lobte meinen Eifer, doch entging mir das feine Lächeln durchaus nicht, das um ihre Mundwinkel zog. Gewiß, sie wußte, daß es nur eine Ausrede sei, was ich da vorgebracht hatte, aber warum ich ausbleiben wollte, das wußte sie doch nicht.

Als Heri wieder eintrat, rief sie ihr entgegen: „Denk dir, Heri, Herr Heini will seine Besuche bei uns einstellen. Er hat so viel zu lernen, der Arme.“ Sie sah mich bei diesen Worten mit einem Blicke an, der Teilnahme hätte ausdrücken sollen; aber ein triumphierendes Leuchten strafte diesen Versuch zur Heuchelei Lügen.

Heri hatte meinen Brief gelesen, ich sah es ihr an, aber ich wurde mir über seine Wirkung nicht klar. Ihr Gesicht zeigte weder Staunen, noch Trauer, noch Zorn, es war unbewegt, wie ich es nie an ihr gesehen hatte. Und ihrem Gesichtsausdruck entsprach auch die Antwort, die sie der Tante gab: „Ich weiß, Heini hat mir schon davon gesagt. Übrigens immer wird er ja auch nicht studieren. Dann und wann kommst du schon wieder, nicht?“

Auf diese letzten, direkt an mich gerichteten Worte erwiderte ich gepreßt: „Das weiß ich wohl noch nicht. Das hängt ganz von den Umständen ab.“

Ich ließ mich auch nicht bewegen, heute noch zu bleiben, denn um keinen Preis wollte ich mit dem Oberleutnant zusammentreffen, ich hätte es nicht ertragen können. Ich verabschiedete mich und als ich die Haustüre hinter mir zugemacht hatte, war mir, ich hätte mit meinem bisherigen Leben abgeschlossen. Nun mußte ein neues Kapitel kommen.

Ich weiß heute noch nicht, wie es mir plötzlich einfiel, den Friedhof aufzusuchen. Aber ich fand diesen Gedanken groß und bedeutend. Am Grabe der Freundschaft wollte ich mein neues Leben beginnen, ein Leben der Entsagung, um nachher ein desto größeres Glück zu gewinnen. In meinem Kopfe wälzten sich ja große Pläne. Eine Dichtung wollte ich schreiben, in welcher aller Jammer und alle Sehnsucht der Menschen klagen sollte, in mein eigenes blutendes Herz wollte ich die Feder tauchen und wenn mir dann Erfolg beschieden war, dann wollte ich vor Heri treten und dann, das wußte ich, sank dieser Mann im bunten Rock in seine eigene Bedeutungslosigkeit zurück.

Ein frischer Frühlingswind ging über den stillen Gottesacker, dort und da raschelten die dürren Blätter eines vergilbten Kranzes; die langen, schon grünen Locken der Trauerweiden wehten auf und nieder und mit leisem Rauschen bogen sich die Zypressen hin und her, und es war anzuhören wie ein tiefes, schweres Atmen. Aber dort und da sproßten auf den Gräbern schon Schneeglöcklein und Leberblumen, und von der alten Friedhofmauer her dufteten die Veilchen und die Sonne lag schimmernd auf den weißen Marmordenkmalen und dem verblassenden Gold der Inschriften, daß doch auch hier an der Stätte des Todes ein Hauch des Frühlings zu fühlen war, der außerhalb der Mauern siegreich durchs Land der Lebenden ging.

Und nun stand ich vor Oskars Grab. Der Hügel war noch nicht ordentlich aufgeschichtet. An den Rändern war die Erde in das Grab gesunken und darauf lagen teils dürr, teils faulend die letzten Reste des Kranzes, den wir Kameraden dem Toten geweiht hatten. Auf den von Schnee und Regen ganz ausgewaschenen Bandschleifen waren noch einzelne der aufgeklebten Buchstaben aus gepreßtem Goldpapier zu sehen.

In meinem Kopfe hatte es gestürmt. Verstiegene Pläne, prahlerische Zukunftsbilder hatten mich wie ein Fieberwahn überfallen gehabt. Vor diesem Grabe aber fiel alles plötzlich von mir ab wie Reif von einem Zaune, auf den die Sonne scheint. Das war ja alles Unsinn, Phantastik, mußte ich mir sagen, und da befiel mich so eine tiefe Verzagtheit, ein so wundwehes, sterbensschweres Gefühl, daß ich unwillkürlich in die Knie sank und bitterlich zu weinen begann.

Da tippte mir plötzlich wer auf die Schultern, und als ich aufspringend mich umwandte, stand ein Mann mit mächtigem Vollbart, der früher rot gewesen war, nun aber ein fahles Gelbgrau zeigte, vor mir und sagte etwas spöttisch: „Fassen Sie sich, junger Mann, es geht alles vorüber!“

Ich sah ihn halb erstaunt, halb erschreckt an. Konnte der in meiner Seele lesen?

„Hier liegt mein liebster Freund,“ sagte ich.

„Glaub ich Ihnen sehr gerne. Aber wegen ihm weinen Sie nicht. Merken Sie sich das eine: Hunde nimmt man am Genick, Mädel um den Hals. Wenn Sie diesen Rat befolgen, werden Sie auch dem seine Ruhe lassen, der da unten liegt! Nichts für ungut. Adje!“

Er zog den Hut und ließ mich stehen. Ich sah ihm nach. Der Wind wehte seinen mißfarbenen Bart über die Schultern zurück, sein offener Überrock flatterte, den Kopf hatte er eingezogen, wie wenn er sich damit gegen den Sturm anstemmen wollte. Ein Bild fiel mir ein: der Mann sah ihm gleich, dem ewigen Wanderer, Ahasver, der auf Erden nicht Frieden finden kann, weil er die Liebe nicht kannte.

VIII.

Ich mußte gestern mein Schreiben unterbrechen. Ein Brandgeruch ließ mich zu meinem Meiler eilen und es war höchste Zeit: noch eine Viertelstunde und alles wäre in Flammen aufgegangen. Weiß der Himmel, wie die Rasenbedeckung an der einen Seite zu dem Loch gekommen war. Ich habe gewiß mit aller Umsicht gearbeitet, wie immer den Meiler aufgeführt und meiner Wächterpflicht zu keiner Zeit vergessen. Und doch wäre auf ein Haar der ganze herrliche Stoß von Bergfichtenholz statt zu Kohle zu Asche geworden.

Und übrigens war es ganz gut, daß ich in meiner Schreiberei unterbrochen wurde. Ich merke, es tut mir nicht gut, mich in diese alte, Gott sei Dank, versunkene Zeit und ihre Schmerzen hineinzuwühlen. In dem Bestreben, wahr zu sein und so zu schildern, wie ich damals empfand, errege ich mich manchmal doch wieder und bedarf dann einiger Zeit, mein pochendes Herz zur gewohnten, süßen Ruhe zu zwingen.

Freilich ist keinem das besänftigende Mittel in so reichem Maße gegeben wie mir. Ich brauche ja nur die Augen zu erheben und von allen Seiten strömt es mir zu, in Licht und Farben; meine Augen trinken und trinken und meine Seele wird gesund und still.

Wie hehr und feierlich erschien mir im Winter meine schweigende Schneeeinsamkeit! Wie schön war es, den Frühling in seinem Werden und Wachsen und Gehen zu belauschen! Und nun ist der Sommer da, nicht der brütende, gewitterschwüle Hochsommer, nein, vorerst nur der Vorsommer, der mit behutsamer Hand die letzten Blüten von den Bäumen löst und langsam die ersten Früchte reift. Aber auch jetzt ist meine Einsamkeit schön, schön zum Jauchzen.

Die Bergtannen haben ihre rosaroten Blütenkerzen aufgesteckt und wie ein feiner Rauch schwebt um sie summend der Schwarm der mannigfaltigsten Insekten. Die Buchen haben nun auch endlich ihr Laub entfaltet und das junge Hellgrün lodert wie Flammen der Hoffnung durch das ernste Dunkel der Tannen und Fichten. Um die Berggipfel ziehen duftige blaue Schleier, die gemeine Deutlichkeit der Konturen verhüllend, und die ganze Natur hat den Ausdruck banger Sehnsucht, zager Erwartung der Erfüllung, die kommen muß.

Denn nichts kommt von ungefähr, alles muß kommen. Es ist nur merkwürdig, daß diese Binsenweisheit, die nun bald jeder Schuljunge im Munde haben wird, noch so wenig Gegenstand wahrer innerer Erkenntnis, so wenig Glaubenssache geworden ist. Wie könnten sonst die Menschen solche Don Quijote-Kämpfe gegen die Windmühlen der Notwendigkeit unternehmen! Wie könnten sie von Zufall sprechen und Dingen eine Bedeutung beimessen, die sie gar nicht besitzen? Es gibt keinen Zufall, es gibt nichts Äußerliches, was auf das Leben eines vollendeten Menschen bestimmend einwirken könnte. Wo der Zufall ein Leben in andere Bahnen gelenkt hat, war es, weil er eine unentwickelte Seele, unreifes Menschentum getroffen hat. Der reife Mensch ist Herr, nur darf man eben Reife nicht von einer gewissen Anzahl von Jahren abhängig machen.

Ich war damals, als mich der fremde Mann auf dem Friedhofe in so merkwürdiger Weise ansprach, nicht reif. Ich war es auch viel später nicht. Und weil ich damals nicht reif war, konnte mich dieser Zufall in seine Gewalt bekommen.

„Hunde nimmt man am Genick, Mädel um den Hals!“ Dieses zynische Wort ging mir nicht mehr aus dem Kopf. Ich grübelte darüber Tag und Nacht, ich wehrte mich dagegen, gegen seine Brutalität, und doch, ich brachte es nicht los; es klang mir in den Ohren, es starrte mich plötzlich aus meinen Büchern an und es fiel mir auch ein, von meinen Kameraden ähnliches gehört zu haben, wenn sie von ihren Ferieneroberungen sprachen.

Die Ostern waren gekommen und ich blieb zum ersten Male in der Anstalt. Meine Mutter hatte mir endlich auch von ihrem Herzleiden geschrieben und mir angedeutet, daß es ihr für diesmal lieber sei, wenn ich nicht nach Hause kommen würde. Sie fürchtete die Aufregung, die sie jedesmal befiel, wenn ich wieder fortging. Auch hatte sie erfahren, daß meine Lernerfolge nicht so waren, wie es sein sollte und deshalb meinte sie, ich solle die Feiertage nur recht fleißig zum Lernen benützen. Daß ich zu Hause nur wieder planlos umherstreifen würde, wußte sie ja. Überdies stellte sie mir, allerdings nicht ganz sicher, in Aussicht, daß sie in der Karwoche in die Stadt kommen würde.

Sie kam aber nicht. Desto größer war meine Überraschung, als sie vierzehn Tage später, ohne daß sie mich vorher verständigt hatte, plötzlich vor mir stand. Sie hätte Heri allerlei von zu Hause bringen müssen, sagte sie, und außerdem wäre ihr auch der Auftrag zuteil geworden, Leinwand zu neuer Bettwäsche für das Dienstpersonal einzukaufen.

Es war ein warmer, goldener Apriltag und wir gingen mitsammen die Promenadewege durch die Au.

Wir sprachen wenig. Nachdem mich meine Mutter über meine Lernerfolge ausgefragt hatte und ich sie, allerdings nicht ganz der Wahrheit gemäß, getröstet hatte, daß ich am Schlusse des Schuljahres wieder ein ganz gutes Zeugnis haben werde, ging sie stillschweigend neben mir her.

Bei einer Bank unter einem schon über und über blühenden Waldkirschenbaum blieb sie stehen und sagte: „Setzen wir uns hier ein wenig nieder. Ich bin so müde.“

Eine Weile saßen wir so und sahen in die junge Frühlingspracht hinein. Das erste grüne Gras, licht und frisch, leuchtete auf den Wiesen und über dasselbe erhoben sich gleich wahllos dort und da in die Erde gesteckten Blütensträußen die blühenden Kirschen- und Weichselbäume. In der sonnenflimmernden Luft jauchzten überall die Lerchen und gerade über uns sang ein Buchfink sein ganzes Glück in die Welt hinein. Und die Sonne war so warm, fast heiß, und in ihren Strahlen glitzerten und gleißten die fernen Kuppeln und Dächer der Stadt.

„Ich weiß nicht, Heini, was das ist,“ fing meine Mutter endlich zu sprechen an, „daß ich jetzt immer so rasch müde werde.“

Ich versuchte sie zu beruhigen: „Ach, das ist nur die ungewohnte Wärme. Daheim ist’s wohl noch lange nicht so!“

„Freilich nicht, aber warm ist’s bei uns auch schon, ganz ausnahmsweise heuer. Aber das hat mit meiner Müdigkeit nichts zu tun. Die liegt mir jetzt immer so in den Gliedern. Und weißt, das Herzklopfen, das ewige Herzklopfen, das ängstigt mich halt so. Heini, ich mein, du hast deine Mutter nicht mehr gar zu lang.“

Ich sprang auf diese Worte nicht auf, ich war nicht niedergeschmettert; mir war es nur, als ginge da draußen einer, ein dunkler, unbekannter Allmächtiger über die Felder und löschte auf ihnen die hellen Frühlingsfarben und -lichter aus, zöge ein graues Gespinst um die blühenden Bäume und schnüre den Lerchen und Finken die Kehle zu.

Erst nach einer geraumen Weile konnte ich ein paar Worte hervorbringen und sie kamen mir aus tiefstem Herzen.

„Mutter,“ bat ich, „das mußt du nicht sagen. Schau, wen hab ich denn dann noch? Ich werde ja so von Tag zu Tag immer einsamer!“

„Du, Heini, du, in deinen Jahren?“

Nicht nur Befremden, schmerzlichste Besorgnis klang aus den paar Worten und plötzlich faßte sie meine Hände, zog mich an sich und sagte zärtlich: „Heini, sag mir, was dich drückt, sag mir’s, deiner Mutter. Ich bin wohl ein einfaches Weib und hab nit viel gelernt, aber deine Mutter bin ich und du, du --“ ihre Stimme zitterte -- „du bist ja mein einziges Kind!“

Ich liebte meine Mutter aus ganzem Herzen und sie mich; trotzdem beschränkte sich das Maß unserer äußeren Liebesbezeugungen auf das im Volke meiner Heimat übliche Maß. Wir küßten uns nie; das stille innige Aufleuchten der Augen beim Kommen oder Abschiednehmen mußte genügen. Von den Vertraulichkeiten und Zärtlichkeiten, die in den Häusern der Vornehmen die Liebe zwischen Eltern und Kindern bekunden, war bei uns nichts zu bemerken. In keuscher Scheu hielt jedes den Reichtum seiner Liebe in sich zurück und nur in Gedanken umarmten und küßten wir uns und sagten uns gegenseitig alles, was uns das Herz erfüllte.

Jetzt aber, da mir aus der Stimme der Mutter aus dem Zittern derselben der ganze Strom der Liebe entgegenquoll, da brachen alle Fesseln und Bande, die bisher mein Herz umschnürt hatten, und aufschluchzend preßte ich mein Gesicht in ihren Schoß und schrie es heraus mit ein paar Worten, was mich seit Oskars Tod zerquält und zermürbt hatte, schrie es heraus mit ein paar Worten: „Mutter, ich bin so unglücklich.“

Und wie als Kind fühlte ich ihre Hand mit sanftem Streicheln auf meinem Haar, immerzu, immerzu, und dann hob sie mir endlich den Kopf empor, küßte mich mit andächtiger Innigkeit und sagte leise: „Sei ruhig, Heini! Ich verlaß dich nicht. Schau, sag mir alles, vielleicht wird dir dann leichter.“

Und da stieß es mir alles heraus, was mich drückte: daß ich mich unter meinen Kameraden vereinsamt fühle, daß ich keinen hätte, der mich verstände, keiner mein Streben, denn ich wollte ja doch kein gewöhnlicher Mensch bleiben, sondern etwas Besonderes werden.

„Aber siehst du, Mutter,“ fuhr ich fort, „das gilt ja bei all den Leuten nichts. Da gilt nur der Reichtum und das schöne Gewand und wenn man den Leuten schön tun kann. Und das kann ich nicht, das werd ich nie können! Für mich wäre es am besten gewesen, ich wäre zu Hause geblieben, da wäre ich ein einfacher und glücklicher Mensch geworden. Nun aber ist’s zu spät. Nun kann ich nur mehr vorwärts und vor mir liegt doch nur das Elend. Mit den andern kann ich nicht gehen und allein sein, ganz allein sein, keinen Menschen haben -- Mutter, laß mich wenigstens du nicht allein!“

Sie zog mich aufs neue an sich, und mit einem tiefen Aufseufzen sagte sie leise und strich mir wieder lind und tröstend übers Haar: „Mein armer Bub!“

Mittlerweile war die Zeit gekommen, wo sich die Promenadewege belebten. Wären wir noch eine Zeitlang allein gewesen, vielleicht hätte ich ihr doch noch den Grund all meines Jammers geklagt, meine Liebesnot. Nun aber fand sich keine Gelegenheit mehr.

Auf dem Wege zum Bahnhof sagte sie mir noch manches gute und tröstende Wort und als sie in den Eisenbahnwagen stieg, reichte sie mir nochmals die Hand, -- einen Kuß vor all den vielen und meist vornehmen Leuten wagte sie nicht und auch mich hielt die alte Scheu davor zurück, obwohl es in mir stürmte und drängte, mich ihr an die Brust zu werfen.

„Leb wohl, Heini,“ sagte sie, „tu brav lernen und alles andere überlaß unserem Herrgott, der wird schon alles wieder recht machen. Ich werd schon fleißig für dich beten.“

Die Lokomotive pfiff, meine Mutter winkte noch mit der Hand und dann mit dem Taschentuch, und das letzte, was ich von ihr sah, war, daß sie das Tüchlein an die Augen drückte.

Mir war, ich müßte dem Zuge nachstürzen und rufen: „Mutter, nimm mich mit!“ -- aber ich mußte ja hier bleiben und mit einem unbeschreiblichen Weh im Herzen trat ich den Heimweg an.

Nach ein paar Tagen erhielt ich einen Brief. Er war aus der Heimat, von Marieli. Sie schrieb:

Lieber Heini!

Gestern ist Deine Mutter bei uns gewesen und die hat uns gesagt, daß Dir alleweil so hart ums Herz ist. Das darf nicht sein, Heini, denn Du mußt studieren und da mußt Du lustig sein. Wann Du auch glaubst, Du bist allein, das ist doch nicht wahr, wir haben Dich ja alle so gern. Ich denk alle Tag an Dich und bete auch jeden Abend für Dich. Du wirst schon wieder recht glücklich werden. Ich schick Dir da ein kleines Blümel. Ich hab es alleweil in meinem Gebetbuch gehabt. Es ist vom Grab von Deinem Vater, wo ich im vorigen Jahr selber die Vergißmeinnichtstöckerl gesetzt hab. Heb Dir’s auf und denk dabei, wann Du’s anschaust, an mich, ich denk ja auch alleweil an Dich. Gelt?

Einen schönen Gruß von meiner und Deiner Mutter.

Deine

Marie.

Lieb und heimattraut wie die schlichten Zeilen sahen mich die trockenen, blaßblauen Blütensternlein an. Marielis Bild stieg in seiner ganzen reinen Lieblichkeit vor meinen Augen auf und durch mein Herz zog in süßwehem Schauer das Heimweh nach dem stillen Waldtale, nach der Bohnenlaube und nach meiner treuesten Jugendfreundin.