Der Einzige auf der weiten Welt: Ein Menschenleben

Part 6

Chapter 63,903 wordsPublic domain

Und da fiel mir wieder Oskar ein. Ja, wenn ich so sein könnte wie der! Der würde die ganze Gesellschaft mit all ihrem Prunk nur so von oben herab behandeln, mit seinem halb geringschätzigen, halb mitleidigen Lächeln! Ja, Oskar, der wäre der Mensch, einen solchen Kampf aufzunehmen, aber ich, das mußte ich mir sagen, ich konnte es nicht. Und da befiel mich ein grauenvolles Verlassenheitsgefühl und ich warf mich im Schlafsaale auf mein Bett und ließ meinen Jammer in sinn- und fassungslosen Tränenströmen ausfließen.

Am Samstag sollte ich wieder zu Oskar gehen; ich wußte, daß er mich sehnsüchtig erwartete, und doch trieb es mich, den Zug abzuwarten, der Heri bringen sollte. Er mußte ungefähr um zwei Uhr ankommen und dann hatte ich immerhin noch Zeit, Oskar zu besuchen. Erst hatte ich die Absicht, Heri auf dem Perron zu erwarten; aber diesen Gedanken gab ich auf. Sie wurde ja sicher von ihrer Tante abgeholt, und wenn mich diese auf dem Bahnhofe traf, mußte sie sofort unser heimliches Einverständnis entdecken. Und das durfte, solange ich noch Schüler war, unter keinen Umständen geschehen.

Ich stellte mich also hinter einer der alten Riesenkastanien auf, die vom Bahnhof bis zur Stadt eine Allee bildeten, und wartete dort. Im geeigneten Momente wollte ich hervortreten; Heri sollte mich sehen, die Tante nicht.

Qualvoll langsam schlichen die Minuten dahin, während ich, den Rockkragen hochgeschlagen und die Mütze tief in die Stirne gezogen, auf dem Promenadeweg vor dem Bahnhof auf und ab spazierte. Durch die Winterlandschaft klangen die Glockensignale, im frischen Wind summten die Telegraphendrähte; dann und wann pfiff eine Lokomotive und dumpf dröhnte das Aneinanderstoßen verschiebender Wagen.

Sonst wenn ich auf den Bahnhof kam oder wenn ich vom Bahndamm aus den Zügen zusah, wie sie in die ferne Heimat eilten, hatten mich alle diese mit dem Verkehre zusammenhängenden Töne und Geräusche mit froher Reisesehnsucht erfüllt, heute auf einmal fühlte ich so etwas Fremdes, Kaltes von ihnen ausgehen, und eine tiefe Melancholie preßte mein Herz wie mit eisernen Händen zusammen.

Endlich schlug es drei Viertel zwei und ich begab mich auf meinen Posten. Der Wagen der Tante Berta war bereits vorgefahren und der Kutscher stand bei den Pferden und tätschelte ihnen den Hals.

Nun ein langgezogenes Pfeifen, dann dröhnte der Zug in die Station herein, das Brausen der Dampfbremse erscholl, nun mußte der Zug stehen.

Mir klopfte das Herz bis zum Halse herauf. Jeden Augenblick mußte Heri, meine schöne Heri erscheinen.

Der Kutscher stand am Wagenschlag und spähte in die Halle des Vestibüls, nun zog er seinen Hut und neben der Tante erschien Heri. Sie war in einem grauen Reisekleid und zum ersten Male sah ich, daß sie eine junge Dame war. Bisher war sie mir nur ein Mädchen gewesen, und trotz der Liebe und der Küsse war sie für mich noch immer der alte, eigensinnige Wildfang aus unserer Kinderzeit. Nun aber war sie eine wirkliche Dame und ich -- mein Blick glitt unwillkürlich an meinem vernachlässigten äußeren Menschen hinab -- ich war ein armes Studentlein, sonst nichts.

Die beiden Damen waren inzwischen in den Wagen gestiegen, in den ein Gepäckträger Koffer und Schachteln in allen Größen verstaute, so daß der nun seinen Sitz erkletternde Kutscher kaum mehr Platz fand. Ein leichter Ruck an den Zügeln und der Wagen rollte gegen mich heran. Als er an der Kastanie eben vorüberfuhr, hinter der ich mich verborgen hatte, neigte ich mich mit halbem Leibe vor, aber die beiden im Wagen waren so in ihr Gespräch vertieft, daß sie mich nicht sahen.

Ich hatte heimlich gehofft, Heris Blicke würden mich suchen, aber nichts davon war der Fall gewesen. Das setzte meine ohnehin schon ganz gedrückte Stimmung noch um vieles herunter und aufs neue befiel mich jenes furchtbare Verlassenheitsgefühl, das mich nach ihrem Briefe überkommen hatte.

Ich trat vollends aus meinem Versteck hervor und schritt dem rasch sich entfernenden Wagen nach. In meinem Herzen war es so öd und leer und ich kam mir vor wie ein Mensch, dem man sein letztes bißchen Hab und Gut genommen und den man dann in graue Nebelnacht hinausgestoßen hat.

Und dieses Gefühl wurde verstärkt durch das Gespräch zweier Offiziere, die hinter mir her ebenfalls vom Bahnhof zur Stadt schritten.

„Hast du die junge Dame gekannt, die mit der Frau Oberstin fuhr?“ fragte der eine.

„Gekannt habe ich sie nicht; aber jedenfalls dürfte das die Nichte sein, von der sie unlängst im Kasino erzählte, daß sie sie hier in die Gesellschaft einführen wolle.“

„Ein ganz verdammt und apart hübsches Mädel! Unsere Damen hier werden über die importierte Konkurrenz nicht besonders entzückt sein. Ist sie auch reich?“

„Interessiert dich das?“

„Na, weißt du, du mußt nicht gleich wieder anzüglich werden. Übrigens: geheiratet muß es doch einmal sein, und, na, wenn ich mich einmal verkaufe, dann will ich auch was haben davon und mehr als bloß einen Haufen Geld. So viel Idealismus habe ich mir immer noch bewahrt. Weg werfe ich mich nicht!“

Während der letzten Worte hatten mich die beiden Offiziere, die sich offensichtlich wegen eines so jungen nebensächlichen Menschen, wie ich einen vorstellte, keinerlei Reserve in ihrem Gespräch auferlegten, überholt und ich sah mir den einen, den mit den Heiratsgedanken, genauer an. Er war ein junger, hübscher Mensch mit fröhlichen Augen im offenen, ehrlichen Gesicht, und wenn ich ihn damals auch bei mir selbst einen Gecken und Laffen nannte, das empfand ich doch, und all mein gewaltsam aufgepeitschtes Selbstgefühl konnte es nicht ändern, daß er mir gesellschaftlich unvergleichlich überlegen sei, daß ich neben ihm überhaupt nicht in Betracht kommen könnte. Wozu solche Menschen wie ich auf der Welt herumlaufen? Am besten wäre es: eine Kugel durch den Kopf, und Schluß. Sterben, ja sterben, das wäre jetzt gut, oh, so gut!

Und da fiel mir Oskar ein. Sein abgezehrtes, bleiches Antlitz tauchte vor mir auf; leibhaftig sah ich es vor mir mit den fieberisch glänzenden Augen, die in ängstlicher Frage auf die Türe gerichtet waren, durch die ich eintreten mußte: warum kommst du nicht? Warum kommst du nicht, Heini?

Ja, dort war ein Mensch, der sich nach mir sehnte, dem ich, der arme, unscheinbare Student, alles war, und wenn jetzt dieser schmucke Offizier dort vor mir vor ihn hingetreten wäre und gesagt hätte: „Ich will dein Freund sein!“ er hätte ihn stehen lassen und die Hand nach mir ausgestreckt.

Oskar und ich, wir gehörten zusammen, und wie ich nun auf das Spital zuschritt, wurde es mir immer klarer und klarer: wenn er gestorben war, dann wollte ich ihm nachfolgen.

Auf dem langen Korridor des Spitals, der zu dem Zimmer führte, in dem Oskar lag, traf ich die Krankenschwester.

„Gott sei Dank!“ sagte sie, „daß Sie endlich kommen! Ihr Freund ist entsetzlich aufgeregt. Schon seit zwei Stunden wartet er auf Sie. Alle paar Minuten fragt er nach Ihnen und erst vor zehn Minuten sagte er, ich müsse Sie holen lassen, wenn Sie nicht bald kämen. Er ist ganz verändert, gar nicht mehr so ruhig wie bisher. Seien Sie ja recht vorsichtig und lassen Sie um Gottes willen ja nichts merken. Ich fürchte nämlich, er hat irgendwie, wie, das weiß ich nicht, erfahren, wie es um ihn steht.“

Leise klinkte ich die Türe auf und trat ein.

Zwei große und brennende Augen empfingen mich, aber kein Schimmer von Freude erhellte sie. Starr, eindringlich forschend waren sie auf mich gerichtet, und so folgten sie mir auch, während ich auf das Bett zuschritt, ihm die Hand reichte und mich dann auf den Sessel niederließ.

Er sah mich noch eine ganze Weile an, als wollte er von meiner Stirne die Gedanken lesen, die ich bei seinem Anblick dachte, und auch als ich ihn, um meine unbehagliche Verlegenheit zu verbergen, fragte, wie es ihm gehe, antwortete er nicht sofort, hielt den Blick nach wie vor fest auf mich geheftet und dann sagte er endlich, jedes Wort hinter den Zähnen hervorpressend: „Ich muß sterben!“

„Aber Oskar, wie kommst du auf solche Gedanken!“ Ich wunderte mich selbst, wie gut mir der Ton vorwurfsvoller Ungläubigkeit gelang.

Er aber umklammerte mit seinen feuchtkühlen, mageren Fingern meine Hand und flüsterte heiser und aufgeregt: „Ja, ich muß sterben. Ich habe es gehört, wie es der Doktor gesagt hat!“

„Na, hörst du, Oskar, das hast du aber doch bloß geträumt. Bedenke, selbst wenn es wahr wäre, so würde es doch der Doktor vor dir nicht sagen.“

Er schüttelte den Kopf und erwiderte: „Er hat geglaubt, ich höre es nicht. Es war gestern. Ich hatte eben wieder einen Hustenanfall gehabt und lag totmüde da. Obwohl ich den Doktor mit der Schwester kommen hörte, war ich doch zu müde, die Augen aufzumachen. Ich fürchtete das Fragen, wollte Ruhe haben und stellte mich deswegen schlafend. Und da hat er’s gesagt: ‚Es geht rapid mit ihm abwärts, wir werden ihn auf den Empfang der Sterbesakramente vorbereiten müssen.‘“

„Geh,“ versuchte ich, ihm in die Rede fallend, diesen Gedanken aus seinem Kopfe zu bannen, „du hast doch nur geträumt. Du wirst eben schon ungeduldig, hast zu viel Zeit zum Grübeln und diese ganze Umgebung da -- na, es ist eben ein Spital! -- ist auch nicht danach angetan, heitere Gedanken aufkommen zu lassen. Aber vom Sterben ist doch ganz und gar keine Rede! Ich bitte dich, Oskar, schlag dir doch solch selbstquälerische Gedanken aus dem Kopf!“

Ich staunte neuerdings über meine eigene Beredsamkeit und war der festen Überzeugung, sie würde auch Oskar besiegen.

Aber er schüttelte nur wieder den Kopf und seine Züge verzerrten sich wie die auf dem Christusbilde, das er gezeichnet hatte.

„Nein, nein,“ keuchte er, „ich muß sterben! Es gibt keine Hilfe mehr! Da drinnen“ -- er krampfte die linke Hand über der Brust zusammen -- „ist alles hin, ich spür’s. Das hab ich von meinen Eltern. Und dafür sollen wir ihnen dankbar sein! Dankbar, daß ich jetzt fortgehen soll, verfaulen in jungen Jahren, Heini, verfaulen!“

Wie ein weidwundgeschossenes Tier stöhnte er und dann faßte ihn plötzlich die Angst; seine Wangen erglühten in hektischer Röte, der kalte Schweiß trat in großen Perlen auf seine Stirn, keuchend und röchelnd suchte er sich zu erheben und als ich ihm dabei half, umkrallten mich seine Hände und stoßweise, in grauenvoller Angst, kam es über seine krampfhaft gegen die Mundwinkel zuckenden Lippen: „Hilf mir -- Heini -- ich mag nicht sterben -- hilf mir -- ich -- ich --“

Er rang nach Luft, konnte aber kein Wort mehr herausbringen, ein Knattern und Prasseln scholl aus seiner Brust, er begann zu husten und da quoll auch schon über seine Lippe ein dünner Streifen schaumigen Blutes. Leise aufächzend, mit verglasenden Augen sank er in sich zusammen.

Auf den gellenden Hilferuf, den ich in meinem wahnsinnigen Entsetzen unwillkürlich ausgestoßen hatte, stürzte aus dem Nebenzimmer die Schwester herbei. Nur einen Blick auf den Kranken, dessen Gesicht aschfahl geworden war, und sie sprang zur elektrischen Klingel.

In der nächsten Minute war schon der Arzt da. Er beugte sich über den Kranken, dessen Brust sich röchelnd in immer länger aussetzenden Stößen hob.

„Soll ich den hochwürdigen Herrn Kaplan rufen?“ fragte die Schwester.

„Es ist zu spät!“ entgegnete der Arzt leise und legte sein Ohr an die Brust des Sterbenden, während seine Finger sanft nach der Pulsader fühlten.

Die Schwester kniete nieder und begann mit leiser Stimme das apostolische Glaubensbekenntnis zu sprechen. Ich aber stand da, am ganzen Körper zitternd, und starrte nur in einem fort auf Oskars liebes, nun ganz still gewordenes Antlitz, über das sich allmählich bläuliche Schatten breiteten.

Und eben, als die Schwester die Worte sprach, mit denen sie ihr Gebet schloß: „Herr, gib ihm die ewige Ruhe und das ewige Licht leuchte ihm!“ da richtete sich der Arzt empor und über Oskars gebrochene Augen streichend, sprach er leise: „Es ist vorbei!“

In meiner Brust knäulte sich etwas zusammen, ich spürte an der Kehle einen ehernen Ring, der sie zusammenpreßte, daß ich nicht mehr atmen konnte, ich wollte schreien, konnte es aber nicht, vor meinen Augen begannen schwarze und feurige Ringe in wildem Wirbel zu kreisen und da brach ich neben dem Bette zusammen.

Nach einer Stunde führte mich der Arzt wie einen Trunkenen in die Anstalt.

Am zweiten Tage darauf fand das Leichenbegängnis statt.

Es war ein stürmischer Tag. Über Nacht war der Föhn gekommen und nun trommelten in den Dachrinnen die Schmelzwasser und in den kahlen Linden der Allee, die zum Friedhof führte, sauste und brauste es und die gewaltigen Stimmen der Natur übertönten den kläglichen Leichenchor, der, von den Stößen des Sturms zerfetzt, in einzelnen Akkorden in die Weite verflatterte. Nur die dünne, schrille Stimme des Friedhofglöckleins hielt ihm stand, das nun, da sich der Leichenzug der Friedhofspforte näherte, seinen Jammer erhob. Wie ein Vogel, der sein Nest nicht findet und nun schreit und schreit, so folgte der Ton des Glöckleins dem Zuge, stieß sich an Mauern und Leichensteinen, wand sich durch die sausenden Zypressen und kam erst zur Ruhe, als der Sarg auf den zwei Pfosten über dem gähnenden Grabe stand.

Und nun erklang von jungen Kehlen das alte Heimwehlied, das so schwer ist von Tränen, von unsäglichem Herzeleid, und das doch so weich wie eine Mutterhand über den Scheitel des schluchzenden Kindes, über die schmerzbebende Seele streicht und sie auf den zärtlichen Armen seiner schlichten innigen Melodie wiegend zur Ruhe singt.

„Es ist bestimmt in Gottes Rat, Daß man vom Liebsten, was man hat, Muß scheiden!“

Bei diesen Worten löste sich in mir der dumpfe Schmerz, der mich bisher in Bann geschlagen hatte. Was ich, seit ich Oskar sterben gesehen, nicht gekonnt hatte: nämlich weinen, das konnte ich jetzt und wie eine Erlösung empfand ich den Segen der unaufhaltsam und in Strömen rinnenden Tränen.

„Auf Wiedersehn, auf Wiedersehn!“ klang das Lied leise aus und in diesem Augenblicke senkte sich der Sarg langsam in die Tiefe hinab. Mit verschwimmenden Augen sah ich ihn verschwinden, und da konnte ich mich nicht mehr zurückhalten, ich drängte mich bis an den Rand des Grabes vor und sank dort, wild und fassungslos aufschluchzend, in die Knie.

Ein Professor hob mich auf. „Kommen Sie,“ sagte er gütig, „gönnen Sie Ihrem Freunde seine Ruhe. Es war das beste für ihn. Kommen Sie, seien Sie ein Mann!“

Und mit mildem Zwange führte er mich von dem Grabe meines einzigen wahren Freundes fort. Was ich hier begraben, sollte in meinem Leben nie wieder auferstehen: die Freundschaft.

VII.

Mein Oskar! Sie haben mich nicht Abschied von dir nehmen lassen, wie ich es gewollt habe. Sie ließen mich nicht noch einmal dein blasses, ernstes Antlitz schauen und doch weiß ich, daß es ein Antlitz des Friedens war. Schon als du starbst, glättete sich die tiefe Falte, die der Schmerz um deine Mundwinkel gezogen, und ich glaube es jenen gerne, die dich auf der Bahre gesehen, daß es fast wie Lächeln auf deinen Zügen lag. Es war ja nur die Angst vor dem Unbekannten, die dein Sterben so furchtbar machte. Du liebtest diese Erde und ihre Schönheit mit allen Fasern deines tiefen, frühgereiften Herzens und sahst jenseits nur Nacht und Tod und gräßliche Verwesung. Aber im Augenblicke, da du dich ohnmächtig aufbäumtest mit letzter, brechender Erdenkraft, da tat sich auch die Pforte auf und du blicktest hinein ins heilige Reich des Friedens. Und da war nicht Nacht und nicht Tod und nicht Verwesung. Da sahst du stille Palmen in ewig heiterem Licht, da ging das Leben auf schimmernden Pfaden und da hoben sich allerwärts junge Keime aus der Erde, süßen Sehnsuchtsduft nach Erfüllung verhauchend. Und da wußtest du, daß all dein Leid nur ein spukhafter Mitternachtstraum war, daß ein neuer Morgen seine Tore geöffnet habe, daß auch du nicht verfaulen würdest in den feuchten Tiefen schwarzer Erde, sondern in deinem besten und tiefsten Wesen fortwandern würdest durch Ewigkeiten und Äonen, wandern ohne zu ermüden, in ewiger Jugend blühendem Leben. Und keine Liebe, keine Freundschaft würden deinen Weg kreuzen mit ihrem Leide. Denn Liebe und Freundschaft sind Leid, echtes Menschen- und Erdenleid. Jede Begegnung ist ja ein Scheiden und jede Vereinigung ein Abschiednehmen. Und je länger du mit einem andern wanderst und je inniger sich Hand in Hand findet, desto härter und qualvoller das Lösen voneinander. Glücklich der, der allein ist; glücklich nicht nach der Menschen Sinn und Begriff, glücklich im Sinne Gottes. Es ist nur ein Gott und der ist allmächtig, allgütig, allwissend, er ist die Schönheit und die Größe, die Kraft und die Milde. Wäre er’s, wenn er nicht allein wäre? So hat der götterschaffende Menschengeist schon selbst ahnungsvoll die Krone erschaut, die ihm am Ende der Zeiten winkt. Der Tod gibt uns wieder uns selbst zurück, er löst uns aus dem Schmerze aller Bindungen und Gemeinsamkeiten und setzt uns wieder die Krone der Einsamkeit aufs Haupt.

Ich trage diese Krone schon in diesem Leben, denn ich bin für die Menschen abgestorben. All ihr Handel und Wandel, ihr Tun und Trachten ist für mich nicht mehr als der Hauch der Frühlingsluft, der jetzt leise in den Blättern, auf denen ich meine Lebensgeschichte geschrieben habe, raschelt. Auch der Schmerz um dich, mein Oskar, rührt heute nicht mehr an meine Seele und wie ein schauriges Märchen aus längst versunkenen Tagen klingt mir heute, was mir die Erinnerung von deinem Sterben und deinem letzten Erdengang zuflüsterte. Ich kann nicht trauern um dich, denn du bist ja im Frieden des ewigen Seins und weißt, daß alles Gestaltete nur der huschende Künstlertraum desjenigen ist, den unser Mund nicht nennen kann, weil kein Menschenwort, kein Menschengeist sein Wesen faßt.

Vielleicht ist es dein schönheitsfrohes Auge, Oskar, was mich dort aus dem tiefgoldenen Kelch der Primel so holdvertraut grüßt; vielleicht ist es deine Stimme, die so treu und seelenvoll klang, was nun aus der Brust der Drossel in den lauen Frühlingsabend hineinklingt, süß und erdenfrei, ganz in den jubelnden Frieden sorglosen Daseins aufgelöst. Und vielleicht ist es deine Hand, die gerade über das Wort „Sterben“ auf diesem Blatte den rosiggoldenen Sonnenfleck malt und seinem dunklen Sinn ein Lächeln abnötigt.

Ja, ich will lächeln, und wie auch meine Erinnerung aus den Folterkammern meines Werdens all die Marterwerkzeuge herbeischleppt, sie vor mir ausbreitet und auf die dunklen Blutspuren weist, die an ihnen haften und die mein Blut sind, ich will und ich kann nur lächeln.

Zu oft habe ich ja schon gesehen, wie jeder Frühling wieder dahinschwindet. Wenn ich jetzt die Augen von diesem meinem Blatte erhebe, sehe ich ja rings um mich sein Abschiednehmen. Und wie ist der Übermütige, der mit Sturmesjauchzen ins Land gefahren kam, dem zu Ehren die Lawinen donnerten und die Bäume splitterten, wie ist er sanft und mild und demütig geworden. Die Kränze, die er in alle Bäume und Sträucher hing, sind entblättert, der bunte Teppich, auf dem sein Fuß schritt, ist verblichen, all die tausend und tausend Schalmeien und Flöten, die sein Geheiß zum Klingen gebracht hat, sind stiller geworden und zum Teil ganz verstummt, und nun schreitet er wehmütig versonnen durchs Abendlicht von dannen und nur die einsame Drossel weiß von seinem Scheiden und singt ihm ein schönes Abschiedslied nach.

Und so wie heute hat auch damals eine Drossel gesungen, als mein Liebesfrühling von mir ging.

Ich wollte das eigentlich gar nicht niederschreiben, aber ich muß es, schon um mein eigenes Herz Lügen zu strafen, das mir vorraunt, ich getraue mich nicht, an diese Dinge zu rühren, weil sie meinen Frieden stören könnten. Nein, ich habe keine Angst.

Oskar war begraben und ich fühlte mich schmerzlich vereinsamt. Nun erst wußte ich, was ich an ihm gehabt, wie ich mich an sein festes und zielbewußtes Wesen angelehnt hatte, welche Stütze er mir in den Gärungen und Unklarheiten meiner Seele gewesen war. Um so heißer drängte es mich zu Heri. Sie war ja mein alles. Ihr zuliebe studierte ich, ihr schrieb ich meine Lieder und alles, was in mir gut und edel war, was über den Alltag hinausstrebte, das war im Gedanken an sie in mir herangewachsen. Große Ziele schwebten mir vor, Erhabenes wollte ich leisten und schaffen, sie aber, sie sollte die Krone sein, die mir nach heißen Mühen ward. Und wenn sich einst dem armen Waldhegerssohn die Welt beugte, wenn sein Name wie Feierklang durch die Lande tönte, dann sollte auch die Stunde gekommen sein und da wollte ich demütig vor ihr niederknien und sagen: „Das, Heri, hast du aus mir gemacht. Was ich geschaffen, ist dein Werk. Nimm uns hin, mich und all das Meine, wir sind ja dein!“

Solche Gedanken standen auch in meiner Seele, als ich am nächsten meiner Ausgangstage langsam gegenüber der Fenster Tante Bertas das Trottoir entlang schritt. Dreimal mußte ich vorübergehen, ehe sich der geliebte Lockenkopf zeigte. Ich grüßte und sie nickte mir fröhlich zu. Dann sah ich, wie sie etwas ins Zimmer zurücksprach, und gleich darauf winkte sie mir.

Schon auf dem Treppenabsatz kam sie mir entgegen; aber wenn ich auf einen Kuß gehofft hatte, so sah ich mich enttäuscht, denn oben stand die Tante und winkte mir freundlich zu.

Und die alte Dame mußte über die Zufälligkeit, daß Heri und ich uns gesehen hatten, ihre eigenen Gedanken haben, denn unvermittelt fragte sie mich jetzt: „Haben Sie gewußt, daß Heri wieder hier ist?“

Ich war augenblicklich nach einer Antwort verlegen, aber Heri kam mir sofort zu Hilfe und sagte: „Aber woher denn, Tante! Oder doch“ -- und sie blinzelte mir ermunternd zu -- „deine Mutter hat gesagt, sie werde es dir schreiben.“

Dadurch hatte auch ich meine Fassung gewonnen und bestätigte nun Heris schlaue Worte: „Ja, meine Mutter hat mir geschrieben, daß du kommen wirst, aber wann, wußte sie jedenfalls selbst nicht. Ich dachte, es würde nach Ostern sein!“

So gelang es uns wirklich, die Tante zu täuschen, und als sie einmal das Zimmer verließ, erhielt ich auch meinen Kuß und durfte für ein Weilchen meine zitternden Hände um die liebe, schlanke, biegsame Gestalt schlingen.

Als die Tante wieder zurückkam, saßen wir aber ganz ruhig plaudernd gegenüber und dann sprachen wir alle drei noch von den verschiedensten Dingen, wobei ich auch erfuhr, daß sich bei meiner Mutter ein Herzleiden eingestellt habe.

„Davon hat sie mir aber noch nie etwas gesagt!“ versicherte ich erschrocken.

„Es ist ja auch gar nicht so arg, sie wird dich eben nicht aufregen wollen!“ tröstete mich Heri und auch die Tante meinte, daß kleine Herzfehler ein allgemeines Übel seien, dem man nicht viel Bedeutung beilegen dürfe.

Sehr erstaunt war ich, daß mich die Tante einlud, ich möge, wenn ich Zeit und Lust habe, an jedem meiner Ausgangstage bei ihr vorsprechen. Ich war ganz entzückt über diese ihre Liebenswürdigkeit und hatte keine Ahnung von dem feinen Plan, den sie damit verfolgte.

Als ich das nächstemal kam, hatte Heri schon ihren ersten Ball hinter sich und schwärmte mir nun von demselben in begeisterten Worten vor. Daß mir dabei unsäglich weh ums Herz wurde und daß eine namenlose Eifersucht in mir aufstieg, das bemerkte sie nicht. Wären wir allein gewesen, so hätte ich sie gebeten, bestürmt, diese Welt zu meiden, denn ich könne es nicht ertragen, zu hören, wie sie gefeiert und bewundert werde, wie man ihr Schmeicheleien sagte, wie andere den Arm um sie schlingen durften; so aber war die Tante hier und es machte ihr ein sichtliches Vergnügen, Heris Berichte dort zu ergänzen, wo dieser ein feines Empfinden sagte, das müsse sie mir verschweigen.

„Ja, denken Sie, Heri hat sogar schon eine Eroberung gemacht: einer der schmucksten Offiziere der hiesigen Garnison, Oberleutnant von Steindl, interessiert sich sehr für sie.“

„Aber Tante,“ warf Heri ein, deren Antlitz sich in tiefen Purpur gehüllt hatte.

„Aber Kind, das ist doch nichts Schlechtes! Darüber brauchst du doch nicht zu erröten!“

Nun warf Heri energisch nach ihrer Weise den Kopf empor und sagte: „Mir ist aber der Herr Oberleutnant ganz gleichgültig. Er imponiert mir durchaus nicht so, wie er sich vielleicht einbildet.“