Der Einzige auf der weiten Welt: Ein Menschenleben

Part 5

Chapter 53,895 wordsPublic domain

Oskar sah mich lange an und dann sagte er: „Du, das ist groß gedacht. Laß dich nur davon nicht abbringen. Ich sage dir: die Kunst ist heilig, und ein echter Künstler muß ein Priester sein. Heini!“ -- sein Auge leuchtete wieder in jener schwärmerischen Glut auf, die jeden entzünden mußte -- „hier, wo uns nur der große Unsichtbare sieht, den sie Gott nennen, hier wollen wir uns geloben: uns selbst und dem Heiligen, das wir in der Brust tragen, treu zu sein für immerdar.“ Und mich neben sich auf die Knie ziehend, sprach er: „Komm, Heini, wir wollen beten!“ Und da breitete er die Arme aus, wandte das Antlitz gegen Himmel und rief: „Herr, laß uns werden, wovon wir träumen, gib uns die Kraft zum Schaffen, laß uns nicht im Staub versinken -- eher sterben!“

Ein Schauer lief bei dem letzten Worte über meinen Leib; es war so furchtbar ernst gesprochen, wie eine Forderung.

Auf dem Heimweg sprachen wir wenig. Oskar war jedenfalls ganz mit seinen Plänen beschäftigt und in mir zitterte jeder Nerv, so tief hatte mich das Erlebnis auf der einsamen Höhe ergriffen.

Am Anstaltstor fragte mich Oskar plötzlich: „Kennst du Eichendorff?“ Ich erwiderte, der Wahrheit die Ehre gebend, daß ich wohl einzelne Gedichte von ihm gelesen habe, im großen und ganzen sei er mir aber noch fremd.

„Dann mußt du ihn sofort lesen. Ich werde ihn dir geben. Weißt du, Eichendorff ist der Mensch, der den Künstler versteht, den der Künstler braucht. Denn er ist die unendliche Sehnsucht und ohne die gibt es keine Kunst. Er macht das Herz weit, so daß eine ganze Welt drinnen Platz findet.“

Noch am selben Abend gab mir Oskar den alten, abgegriffenen Band der Gedichte Eichendorffs.

Kein Buch hat auf mich so gewirkt. Ich fand darinnen die irren, dunklen Stimmen meiner eigenen Sehnsucht nach Schönheit, Glück und Liebe, und über die ganze Welt senkte sich, je mehr ich mich in ihn vertiefte, ein Zauberschleier, der sie wundersam verklärte und ihr alle Ecken und Härten nahm. Ich sah die wirkliche Welt nicht mehr, nur die Ferne, und meine dunkle Sehnsucht, die vergebens in die Lüfte nach einem festen Gegenstand griff, schwoll so an, daß mir oftmals die Augen feucht wurden, ohne daß ich hätte sagen können, aus welchem Grunde.

Bei aller Freundschaft gingen Oskar und ich doch noch immer unsere eigenen Wege.

„Wir dürfen uns aneinander nicht abreiben!“ sagte er, „wir müssen die Eigenen, die Einsamen bleiben, die wir im Grunde sind.“

Heri war in diesem Jahre nicht mehr im Kloster, sondern zu Hause. Wenn ich auch immer seltener und seltener sie bei Tante Berta aufgesucht hatte, so ging sie mir nun doch sehr ab und an manchen Sonntagen, wenn auch Oskar seine eigenen Wege ging, befiel mich eine Sehnsucht nach ihr, die stark und schmerzend wie Heimweh war. Da ging ich am liebsten an das Bahngeleise und jeder der gegen Süden brausenden Züge nahm mein Herz mit. Mit jedem Male ging ich weiter und weiter am Bahngeleise entlang und so kam ich auch dorthin, wo der Schienenstrang durch einen tiefen Geländeeinschnitt führte. Auf der Höhe der Böschung bin ich nun oft und oft gestanden. Unter mir jagten die Züge dahin und stießen mir ihren silbergrauen Wolkenatem ins Gesicht, die Telegraphendrähte summten geheimnisvoll vor sich hin, in den Weißdornhecken, die den Rand der Böschung säumten, säuselte der Wind und von ferne her klang es wie ein Singen, unsagbar süß und unsagbar weh. Und das Singen kam von dort her, wo über den blauverschleierten Wäldern die Berge aufstiegen, in silbernen Duft gehüllt, oft kaum mehr zu erkennen.

Da stand ich und sah den Zügen nach, bis das letzte Rauchwölkchen in der Weite verschwamm, und da ist es auch geschehen, daß ich einmal ganz laut einem Zuge den sehnsuchterpreßten Namen: „Heri!“ nachrief. Allerdings erschrak ich selbst ganz gewaltig, und obwohl ich sicher sein konnte, daß mich hier niemand gehört haben konnte, sah ich doch nach allen Seiten herum und fühlte dabei die glühende Röte, die in meine Wangen geschossen war. In zitternder Scham vor mir selbst gestand ich mir: ich liebe Heri!

Auf dem Heimweg überlegte ich, ob ich es Oskar sagen sollte; aber eine ganz eigentümliche Scheu hielt mich davor zurück. Und so trug ich mein süßes Geheimnis mit mir, bis ich es nicht mehr ertragen konnte. Es war ja zum wirklichen Glück geworden.

Zu Ostern war ich nach Hause gefahren. Es war Mitte April und ein außergewöhnlich früher Frühling hatte selbst in unserem Gebirgskessel schon die ersten Blüten an den Zweigen hervorgelockt. Die Haselstauden hingen voll goldgelber Kätzchen, auf den schlanken Weidenruten saßen in schmucken Reihen die silberweißen Blütenpelze und der Hartriegel hatte ebenso seine gelben, wie der Schlehenstrauch seine weißen Sterne ausgebreitet. Tiefblaue Leberblumen und das bunte, rauhhaarige Lungenkraut schmückten die Hänge bis in den Hochwald hinein, und auf den Wiesen hob zwischen Schneeglöckchen und Frühlingsknotenblumen die Anemone ihren schimmernden Stern aus dem zartgefiederten Dreiblatt. Frühling war’s in der Heimat und Frühling in meinem Herzen. Meine Mutter war krank gewesen und ein Brief, den mir Marieli im Auftrag ihrer Mutter geschrieben hatte, hatte mich sehr besorgt gemacht. Als ich aber nach Hause kam und meine Mutter wieder gesund und rüstig vor mir sah, da kannte meine Freude keine Grenzen. Auch in der Familie des Oberforstverwalters hatte man schon ernstliche Befürchtungen gehegt, und als ich am Nachmittag des Ostersonntags -- ich war mittags im Schlosse zu Tische geladen gewesen -- mit Heri durch den Park schritt, sagte sie mit einer mir ungewohnten Weichheit in der Stimme: „Wie bin ich heute so froh. Ich hatte schon gefürchtet, die Ostern könnten heuer traurig werden und nun sind sie so schön!“

Ich sagte darauf nichts, meine Augen hingen nur immerzu an der schlanken, graziösen Gestalt neben mir, an dem zarten, feinen Gesicht mit den tiefroten Lippen und den dunklen Augen und an dem kastanienbraunen Haar, über das die milde Frühlingssonne ein Netz von goldenem Flimmer wob.

„Freust du dich nicht?“ fragte sie nach einer Weile.

„O, ich freue mich immer, wenn ich auf Ferien gehen kann,“ sagte ich und fühlte dabei, wie ich errötete.

„Ich auch!“ sagte sie leise und auch ihr Gesicht überflog eine flammende Röte.

Mein Herz hämmerte stürmisch und um meine Verlegenheit zu verbergen, brach ich ein über und über blühendes Reis von einem Schlehenstrauch an unserem Wege, entfernte sorgfältig die Stacheln und bot es ihr.

Sie nahm es mit einem leuchtenden Blick an und versuchte, es vor dem Busen zu befestigen. Aber es gelang ihr nicht. Nun wollte sie es in das Haar stecken, aber auch da hielt es nicht.

„Komm, laß mich!“ sagte ich und schlang behutsam und mit glückzitternder Hand die Blüten in ihr duftendes Haar. Und sie hielt das liebe Köpfchen gesenkt, bis ich fertig war und dann sah sie mich strahlend mit ihren süßen, meertiefen Augen an.

Und da wagte ich es, schlang den Arm um ihren Nacken und fragte stotternd: „Heri, hast mich lieb?“

Da lehnte sie ihr Köpfchen an meine Schulter, sah zu mir auf, glücklich, unsäglich glücklich und dann nickte sie ein paarmal rasch.

Und ich neigte meine Lippen auf die ihren, die sehnsüchtig zu mir aufdürsteten.

Eine Weile standen wir so ganz in Seligkeit versunken, dann fragte ich leise: „Und wirst du mir treu bleiben?“

„Ewig, Heini!“ entgegnete sie ebenso leise.

In diesem Augenblick begannen im Dorfe die Glocken zur nachmittägigen Vesper zu läuten, und auf den frommen, frohen Klängen schwang sich die Andacht der ersten Liebe jubelnd zum Himmel empor.

VI.

Ewig! Wie leicht sich das spricht, wenn der Frühling das Blut durch die Adern treibt. Als ob es auf Erden außer dem Leben im allgemeinen überhaupt etwas Ewiges gäbe! Aber das Herz glaubt in kindlicher Ergriffenheit das Märchen, und der Frühling ist der größte und beste Märchenerzähler. Heute hat er mich an der Hand genommen und hat mich durch sein buntes Reich geführt. Die Sonne lag so warm auf dem Wald und streichelte mit ihren goldenen Strahlenfingern die ernsten Tannen und Fichten, daß es wie lächelnde Verklärung über ihre dunklen Häupter ging. Der Waldgrund bis zum See hinunter ist ein einziges Blühen. Gelb, Blau, Weiß und da und dort ein Tupfen Rot bedecken in kühnen Flächen den Boden und darüber summte es von unzähligen flügelblitzenden Wesen, die sich aus den Kelchen auf ihre Weise ihren Frühlingsrausch trinken. Und auch die Schmetterlinge sind schon da: der goldbraune Fuchs und der hellgelbe Zitronenfalter. Von Blüte zu Blüte taumeln sie und dann steigen ihrer zwei in kreisenden Wirbeln empor, hoch, hoch hinauf in das strahlende Ätherblau. Und ein leiser Wind ist da und trägt aus all den blühenden Weiten und Winkeln den Duft herbei und mit dem Duft zugleich den Gesang der Vögel, die auf allen Zweigen jubeln und schmettern, als sollte es ihnen die kleine, glückgeschwellte Brust zersprengen. Frühling! Und die junge Seele, die sich zum ersten Male seiner bewußt wird, die von der Sonne der Liebe zum ersten Blühen aufgeküßt wird, sie sieht Nähen und Weiten von seinem Walten erfüllt und meint, das könne nun nie mehr anders werden. Und wie sollte sie es auch wissen, daß der Frühling nur dazu da ist, das Vergängliche mit Ewigkeitsträumen zu erfüllen, auf daß es willig werde, den ewigen Lebenszwecken zu dienen. Ewigkeitstraum, Ewigkeitsrausch, das ist der Frühling. Aber aus Traum und Rausch gibt es ein Erwachen, und dann kommt die Reue und der Haß, und dieselben Lippen, über welche begeisterte Loblieder auf den Frühling geflossen sind, pressen Fluch auf Fluch hervor. Auch ich habe dem Frühling geflucht, der mir Heri in den Arm legte. Aber heute weiß ich, daß es so sein mußte, und ich wäre nicht der glückliche Mensch, der ich heute bin, wenn jener Frühling nicht gewesen wäre. Glücklich! Bin ich’s denn? Nein. Ich bin weder glücklich noch unglücklich, das sind Ausdrücke aus der Dumpfheit des Menschentums. Ich bin, schlechthin „ich bin.“ Ich bin der Frühling und der Winter, ich bin die Sonne und die Blume, ich bin ein Stück Natur, unvergänglich im Wesen, vergänglich in der Gestalt: ich bin der Friede, ich, der Einzige auf der weiten Welt!

Doch ich muß erzählen.

Als ich nach den Ferien wieder in die Anstalt kam, war in meinem Wesen eine so große Veränderung vor sich gegangen, daß auch Oskar aufmerksam wurde. Ich stürzte mich mit einem Eifer auf mein Studium, als gälte es, in einem Monat alles zu bewältigen, wozu mir noch zwei Jahre bevorstanden. Ich mied die Kameraden mehr als jemals, und auch mit Oskar kam ich weniger zusammen als je. Ich wollte allein sein, denn Lied auf Lied sproßte aus meinem Herzen empor, und wenn ich mir heute auch sagen muß, daß das meiste nicht einmal für einen der übel beleumundeten Goldschnittbände von Liebeslyrik getaugt hätte, damals fühlte ich doch über jeden Vers und jeden Reim ein Glück, das mich wie auf Engelsschwingen zum Himmel trug, in dem Heri als Gottheit auf leuchtendem Throne saß.

Ich blieb jetzt auch öfter, wenn allgemeiner Ausgang war, zu Hause, um meine Gedichte in ein Heftchen zu schreiben, dessen Blätter ich sorgfältig mit roter Tinte umrandet hatte und das ich dann binden lassen und Heri überreichen wollte.

Und bei dieser Arbeit überraschte mich an einem Nachmittage Oskar.

„Was schreibst du da?“ fragte er und griff nach dem Heft.

Ich wollte es ihm wegnehmen, aber da sah er mich so groß und fragend an, daß ich die Hand sinken ließ. Und nach einer Weile sagte er: „Sind wir nicht Freunde, Freunde“ -- er betonte das stark und eindringlich -- „Heini?“

Ich senkte beschämt den Kopf und er fuhr fort: „Wenn du nicht willst, daß ich lese, was du da geschrieben hast, so will ich gerne darauf verzichten. Aber ich müßte mir sagen, daß du nicht das rechte Vertrauen zu mir hättest und das, Heini, das täte mir wohl recht, recht weh!“

Nun fand auch ich wieder die Sprache: „Nein, nein, Oskar, lesen kannst du das schon. Aber weißt du, es ist halt nichts Besonderes, und ich hätte dir gerne etwas Besseres gezeigt.“

„Kein Meister ist vom Himmel gefallen und wir, die aus Eigenem lernen und werden müssen, wir werden noch lange brauchen, bis daß wir mit uns selbst zufrieden sein können. Darf ich also lesen?“

Ich nickte, und während ich mit klopfendem Herzen seine Mienen beobachtete, las er langsam Seite um Seite.

Dann legte er das Heft auf den Tisch, strich sich nach seiner Gewohnheit ein paarmal über die Stirne und fragte dann: „Lebt diese Frau, von der diese Lieder singen, oder ist sie nur ein Gebilde deiner Phantasie?“

„Sie lebt.“

„Hier?“

„Nein, zu Hause. Du kennst sie ja. Es ist das Mädchen, mit dem du mich wohl in Begleitung einer älteren Dame, ihrer Tante, einige Male spazieren gehen gesehen hast.“

„O, ich weiß schon, die Oberforstverwalterstochter aus euren Bergen, das Mädchen mit den wundervollen dunklen Augen!“

„Sind dir auch ihre Augen aufgefallen?“

„Ich sehe mir jeden Menschen nur auf seine Augen an. In diesen liegt sein Charakter und sein Wesen und die Entscheidung, ob er ein Herdentier oder ein Höhenmensch ist.“

„Und was hast du aus den Augen meiner Heri gelesen?“

„Ich sah sie nur flüchtig, aber wie gesagt, ihre Augen sind mir aufgefallen, es war ein so unergründliches Leuchten drinnen. Aber erzähl mir von ihr!“

Und ich erzählte und schwärmte.

Er hörte mir, das Haupt gedankenvoll gesenkt, zu, dann, als ich endlich schwieg, sagte er und seine Worte fielen langsam, wie kühle Tropfen, von seinen blassen, schmalen Lippen: „Schön muß es wohl sein, zu lieben und geliebt zu werden. Aber uns, Heini, darf die Liebe nicht in Gewalt bekommen. Uns darf sie nur Sehnsucht, nicht Erfüllung sein. Wir sind nicht geboren zum Glück im gewöhnlich menschlichen Sinne, sondern zum Schöpferglück. Lieben, irdisch lieben heißt für uns: sterben.“

Wie immer, wenn er so hohe Worte sprach, wußte ich auch auf diese Rede nichts zu sagen. Da war ein Geist, der mir fremd war, der mir Scheu einflößte, vor dem sich meine Seele in sich zusammenkauerte wie ein Kind, dem sich im Dämmerlicht etwas Großes, Angsterregendes nähert. In solchen Augenblicken fühlte ich Oskars unendliche Überlegenheit und wußte nicht, daß diese Frühreife das Todeszeichen war, das ihm sein Schicksal auf die gedankenvolle Stirne gezeichnet hatte.

„Irdisch lieben heißt für uns: sterben!“

Tagelang grübelte ich über diese Worte nach; sie wühlten schroffen Widerspruch in mir auf und dann war’s doch wieder, als müßte ich mich ihnen beugen. Meine Lieder bekamen von diesen Grübeleien den dunklen Ton des Schmerzes und der Entsagung, und als ich zu Weihnachten Heri heimlich das Heftchen einhändigte, da fragte sie mich am nächsten Tage: „Warum schreibst du so traurige Lieder?“

„Heri, sieh, es kommt oft so über mich; ich muß dann denken, du gehörtest einem anderen und das -- Heri -- das stimmt mich so, daß ich am liebsten sterben möchte.“

„Was du für sonderbare Gedanken hast!“ sagte sie erstaunt und setzte nach einer kleinen Pause lächelnd hinzu: „Denkst du jetzt auch ans Sterben?“

Sanft schmiegte sie sich an mich und ihre Augen leuchteten so süß und ihre Lippen blühten so sehnsüchtig zu mir auf, daß ich alle Todesgedanken vergaß, sie in die Arme schloß und meine ganze Seele in einem langen, langen Kuß ausströmen ließ.

Während ich im Glück meiner jungen Liebe versank, hatte sich in der Anstalt Oskars Schicksal erfüllt. Da er keine Eltern hatte, war er in der Anstalt verblieben und benutzte die Ferientage zu fleißigem Zeichnen und Malen. An einem Tage war er nachmittags mit seinem Skizzenbuch fort, um eine Winterlandschaft nach der Natur zu zeichnen. Dabei hatte er sich erkältet und nun kam die Krankheit zum Ausbruch, der auch sein Vater in jungen Jahren erlegen war: die Lungenschwindsucht.

Am Sylvestertage war er ins Spital transportiert worden und als ich am Abende des Neujahrstages wieder in der Anstalt eintraf, war es das erste, was ich erfuhr, daß Oskar rettungslos verloren sei. Das Leiden war mit solcher Heftigkeit aufgetreten, daß ihm nur mehr einige Wochen zum Leben vergönnt sein konnten.

Diese Nachricht traf mich wie ein Keulenschlag, und als ich an dem ersten Tage, an dem wir freien Ausgang hatten, zu ihm eilte und an sein Bett trat, da mußte ich all meine Kraft zusammennehmen, um mich nicht aufschluchzend über ihn zu werfen.

Zum Glück hatte er selbst keine Ahnung, wie es um ihn stand, und schimpfte nur über den Doktor, der ihn wegen einer Bronchitis da hierher ins Spital habe bringen lassen. Es sei ja gar nicht übel hier, die Krankenschwester sei sehr lieb zu ihm, aber wenn er im Krankenzimmer der Anstalt hätte bleiben können, wäre es ihm doch lieber gewesen, weil dann ich jeden Tag ein paarmal zu ihm hätte kommen können. Und er hätte mir so viel zu sagen, nun aber falle es ihm nicht ein und -- er begann zu husten, trocken und heiser, minutenlang, ohne aufzuhören -- jetzt könne er es auch nicht wegen der blödsinnigen Husterei.

Er konnte die letzten Worte, vollständig erschöpft, nur flüstern, und dann sank er in die Kissen zurück. Müde schloß er die Augen und wären die hektischen Rosen auf seinen Wangen nicht gewesen, man hätte ihn für tot halten können.

Eine geraume Zeit lag er so und dann erzählte ich ihm von meinen Ferien, aber ich erzählte sozusagen mit gedämpften Lichtern, es schien mir roh, vor dem dem Tode Verfallenen von meinem Glück zu reden. Und ihm schien merkwürdigerweise gar nicht einzufallen, daß ich auch bei Heri gewesen sei. Er fragte nur, ob und was ich geschaffen, und als ich ihm vorlog, daß ich eine größere Dichtung angefangen habe, war er sehr befriedigt. Ehe ich fortging, bat er mich noch, ihm das nächste Mal seine Zeichenutensilien, und zwar Skizzenbuch, Bleistifte und Pastellstifte mitzubringen, denn er wolle sich nicht zu Tode langweilen.

Ich vollführte seinen Auftrag und als ich dann wieder das dritte Mal zu ihm kam, hatte er auch schon etwas gezeichnet. Aus Mangel an passenden Objekten, hatte er sich den Christuskopf von dem riesigen Kruzifixe, das die Wand schmücken sollte, sie aber nur noch trostloser machte, zur Vorlage gewählt.

„Da schau, was ich gemacht habe,“ flüsterte er.

Ich war überrascht. Oskar, der sonst so peinlich genau war und nicht früher Ruhe gab, ehe nicht seine Zeichnung ihrem Vorbilde entsprach, hier hatte er dieses ganz wesentlich anders wiedergegeben. Der Christuskopf des Kruzifixes zeigte ein im Tode zur Brust niedergesunkenes Haupt mit geschlossenen Augen. Ein müder, dumpfer Friede lag auf dem hageren Antlitz. Auf Oskars Zeichnung aber hatte der Kopf eine nach vor- und aufwärts gerichtete Haltung; die Augen waren geöffnet und namenlose Qual, tödliches Entsetzen schrien aus ihnen; der Mund war verzerrt und jeder Muskel des Gesichts schien vor unsäglichem Schmerz gespannt. Die ganze, ungeheure Angst vor dem Tode lag im Ausdruck dieses Gesichtes.

Ich starrte bald die Zeichnung, bald das Kruzifix an, unfähig, ein Wort zu sagen, denn ich war im Innersten erschüttert: hier hatte nicht seine Hand, sondern sein Herz den Stift geführt.

„Nun, was sagst du dazu?“ fragte er mich mit seiner heiserleisen Stimme.

Um meine Erschütterung zu verbergen, tat ich ganz kühl kritisch und erwiderte: „Hier hast du dir aber sehr starke künstlerische Freiheiten erlaubt.“

„Hab’ ich auch. Und zwar, weil der Mensch, der diesen Christus dort geschnitzt hat, ein ganz oberflächlicher Mensch ist. Weißt du, so still und ergeben, so stumpf wie der dort, stirbt keiner, der einer ganzen Welt das Glück bringen wollte. Wie muß der die Erde geliebt haben, die große, weite, schöne Erde! Ich weiß das, und ich habe mich in ihn hineingedacht. Wissen, daß man all die Schönheit zum letzten Male schaut, daß dann ewige, ewige Nacht ist, daß all das, was man noch wirken wollte, mit einem begraben wird, Heini, das muß ein Schmerz sein, gegen den nicht einmal der physische der Kreuzigung selbst aufkommen kann. Siehst du und das wollte ich zeichnen. Es ist mir ohnedies nicht recht gelungen, mir stand es noch ganz anders vor der Seele.“

Er wollte noch weitersprechen, aber ein furchtbarer Hustenanfall machte es ihm unmöglich. Nach demselben aber war er so matt, daß er neben mir einschlummerte.

Die Krankenschwester war hereingekommen, während er noch hustete. Sie rückte ihm die Kissen zurecht, und als sie sah, daß er schlummerte, sagte sie leise zu mir: „Das Leiden macht bei ihm rapide Fortschritte. Sie müssen sich auf den Gedanken gefaßt machen, Ihren Freund schon sehr bald zu verlieren.“ Und ihm behutsam den Schweiß von der Stirne wischend, flüsterte sie voll inniger Teilnahme: „Armer, armer Mensch!“

„Was sagt der Doktor?“ fragte ich.

Sie zuckte mit den Achseln und erwiderte: „Bei normalem Verlauf, sagt er, kann es noch einen Monat mit ihm dauern, aber es kann auch schon in vierzehn Tagen, ja sogar noch früher die Katastrophe eintreten. Hoffen wir das erstere.“

Wie ein Trunkener verließ ich das Spital. Ich hatte meinen Vater verloren, auf entsetzliche Weise verloren und war darüber zum bewußten Leben erwacht; aber in seiner Allmacht und Größe war mir erst jetzt der Tod zum Bewußtsein gekommen. In einem Monat also sollte ich meinen Oskar nicht mehr haben; da lag er schon drunten in der dunklen Erde, die ernsten treuen Augen für immer geschlossen und nie, nie mehr sollte ich ein Wort mit ihm sprechen können, nie mehr seinen hohen und für mich oft so dunklen Worten lauschen können. Wie konnte, wie durfte es das geben! Sollte ich da nichts, gar nichts machen können? Es mußte, es mußte doch etwas geben! Und wem sollte es einfallen als mir, mir, seinem einzigen Freunde!

Mir brannten die Augen, das Herz schlug mir, mein ganzes Wesen war in Aufruhr. Ich durfte Oskar nicht sterben lassen, es war meine Pflicht, meine heiligste Pflicht. Aber was sollte ich tun?

Ich lief wie irrsinnig nach Hause.

Da, im Vestibül trat der Portier, der auch die Post in Empfang nahm, auf mich zu und überreichte mir einen Brief. Die schlanken, zierlichen Buchstaben kannte ich: es war Heris Schrift. Um die in meine Wangen aufschießende glühende Röte zu verbergen, eilte ich in weiten Sprüngen die Treppe empor, und erst oben im zweiten Stocke auf dem noch leeren Korridor riß ich den Umschlag auf. Es war das erste Mal, daß mir Heri schrieb, und es mußte gewiß etwas Wichtiges sein.

Es waren nur ein paar Zeilen und sie lauteten:

Mein lieber Heini!

Nächsten Sonntag komme ich zu Tante Berta und zwar auf längere Zeit. Sie war bei uns und man fand, daß es für mich Zeit sei, in die Welt eingeführt zu werden. Richte es so ein, daß ich Dich an einem Deiner nächsten Ausgangstage von Tantes Fenster aus sehen kann. Ich werde sie dann veranlassen, Dich einzuladen. Ich schreibe das in aller Eile, verzeih also die Kürze.

Deine

Heri.

In diesem Augenblick war all mein Schmerz um Oskar vergessen und mein ganzes Wesen beherrschte nur ein Gedanke: Heri kommt! Ich würde mit ihr dieselbe Luft atmen, sie ein paarmal in jeder Woche sehen, sprechen und küssen können. Und im Geiste malte ich mir das Glück aus, ihr lockendunkles Köpfchen an meiner Schulter fühlen, ihre meertiefen Augen in feuchtem Glanze leuchten sehen zu können.

Aber plötzlich fiel es wie Mehltau auf die Blüten meiner Freude. Sie war gekommen, um in die Welt eingeführt zu werden. Das hieß also, sie sollte in Gesellschaften mitgenommen werden, und daß sie bei ihrer Schönheit die jungen Männer fesseln mußte, das war mir klar. Wie würden sie sich huldigend um sie drängen, all die geschniegelten jungen Herren und die weltgewandten Offiziere. Wie würden sie Heri mit Schmeicheleien und galanten Worten überschütten! Und wie mußte ich dann daneben stehen, ich, der arme, unfertige Student! Was war ich gegen die anderen! Ein Nichts, nein, noch weniger: eine Lächerlichkeit!