Der Einzige auf der weiten Welt: Ein Menschenleben
Part 4
Nun befiel mich ein Bangen, und um dasselbe nicht Herr über mich werden zu lassen, nahm ich die Kletterei wieder auf. Steiler und steiler türmte sich die Wand empor, glatter und glatter wurden ihre Flächen und Fuß und Hand tasteten oft minutenlang nach einem kleinen Vorsprung oder einer Spalte, um sich ansetzen oder einkrallen zu können.
Noch ein paar Schritte vorwärts und nun hing ich am Felsen und fand keinen Weg, keinen Tritt mehr vorwärts und auch zurück konnte ich nicht mehr. Kalt rieselte es mir aus allen Poren. Ein flüchtiger Blick zur Seite zeigte mir nur nacktes, glattes Gestein und blaue, gähnende Tiefe. In einer Entfernung von etwa anderthalb Metern ragte wohl eine Felsnase vor, aber die war wohl für mich nicht zu erreichen.
So war ich also hier am Ende meines Lebens angelangt und blitzschnell schoß es mir durch den Kopf, was dann, wenn man mich zerschmettert am Felsen gefunden hatte, sein würde. Der Absturz würde in die Zeitung kommen, meine Lehrer würden davon lesen und eine Zeitlang von mir sprechen; meine Kameraden würden mich vielleicht gar ein bißchen um meinen kühnen Tod beneiden, die Mutter, ja, die würde wohl wieder so aufschreien wie damals bei des Vaters Leiche und ihr zur Seite würde das Marieli stehen, die blauen Augen voll Wasser und voll des stillen Vorwurfes: „Heini, warum hast du mir das getan!“ Und Heri? Plötzlich sah ich ihr dunkelflammendes Auge vor mir und glaubte ihre in der Erregung metallen klingende Stimme an meinem Ohr zu hören: „Du darfst nicht stürzen, Heini! Vorwärts, es muß gehen!“ Nein, Heri würde um mich nicht weinen; denn sie würde mich verachten, daß ich nicht die Kraft besessen, etwas Angefangenes durchzuführen.
Fort war meine Angst, brennende Scham durchglühte mich und zugleich kaltblütige Entschlossenheit. Ich faßte die Felsspitze scharf ins Auge, krallte meine Hände, soviel es ging, ins Gestein, begann die Beine zu dehnen, ein vorsichtiges Seitwärtsrutschen Zoll um Zoll und nun hatte meine rechte Fußspitze die Felsnase erreicht. Glücklich fand sich auch für die Rechte ein sicherer Griff, ein mutiger Schwung und ich stand drüben und sah zu meiner unendlichen Freude, daß jetzt überhaupt die Gefahr vorüber war. Die Felsnase war das Ende eines sich immer mehr verbreiternden Bandes, das zu grünem Almboden hinüberführte.
In zehn Minuten lag ich wohl totmüde, aber von einem unnennbaren Hochgefühle durchströmt auf weichen Graspolstern und trank mit glänzenden Augen die großartige Schönheit der vor mir entrollten Alpenwelt. Berg an Berg, Spitze an Spitze; aus der Tiefe stieg es auf mit wunderlich geformten, weißleuchtenden Zacken und Schroffen, wie das Fialengewirr eines gotischen Domes, der Hochwald lag drunten und schlug seine dunklen Arme wie schützend um den blaugrünen Kristall des Sees, und weiter hinaus in blauem Duft verschwimmend das weite, weite Land mit blitzenden Häuserpunkten und ganz ferne mit einem Silberstreifen, dem Strom.
Welche Schönheit! Mein Herz schwoll und schwoll zum Zerspringen, meine Lippen fingen an Worte zu stammeln, unzusammenhängend, unbewußt, und dann war auf einmal ein Klingen da, das meine Seele auf den Schwingen jauchzender Harmonien zum Himmel trug, und ich sprang auf, breitete in überquellendem Glücksgefühl die Arme aus und rief meine ersten Verse in die sonnenschimmernde Ewigkeit hinaus:
Der Himmel so blau und die Welt so weit! So weit und so schön mein Heimatland! Mein Herz tanzt vor lauter Seligkeit!
Oh, wie ich euch liebe, ihr Berge, dich Tal, Ihr grünen Wälder in rauschender Rund, Dich, Gottesleuchten, Goldsonnenstrahl!
Weiter kam ich nicht; aber diese Verse schienen mir so schön, und ich sagte sie immer vor mich hin, auch dann noch, als sich endlich auch meine Leiblichkeit in brennendem Durst und Hunger fühlbar machte und ich über den Almboden zu einer Sennhütte niederstieg.
Spät am Abend kehrte ich heim. Meine Mutter war schon in Sorge um mich, denn obgleich sie es gewohnt war, mich halbe Tage nicht zu sehen, so lange war ich noch nie ausgeblieben, und als ich ihr nun auf ihre Frage erzählte, wo ich gewesen -- den gefährlichen Aufstieg verschwieg ich allerdings -- und sie aus meinen Worten, die sich in schwärmerischen Ausdrücken überstürzten, die unendliche Gehobenheit meines Wesens erkannte, da sah sie mich so eigentümlich, fast scheu an und dann senkte sie den Kopf und sagte leise: „Du bist ein merkwürdiger Bub, Heini!“
Es war kein freudiger Ton in diesen Worten, vielmehr das heimliche Leid der Mutter, die ihr Kind fremde, ihr unverständliche Wege einschlagen sieht, auf denen sie ihm nicht folgen kann.
„Wo warst du denn gestern den ganzen Tag?“ fragte mich Heri, die ebenfalls die Ferien zu Hause zubrachte, als wir uns am nächsten Vormittag im Garten trafen.
„Auf dem Blassenstein!“ entgegnete ich und in den paar Worten mußte so ein triumphierender Klang gelegen haben, daß Heri überrascht aufblickte und dann lächelnd meinte: „Du sagst das, als ob das weiß Gott was wäre. Der Blassenstein ist doch bei weitem nicht der höchste unter unseren Bergen!“
Diese Herabsetzung meines Erfolges kitzelte mich und obgleich ich mir vorgenommen hatte, zu schweigen, nun verriet ich mein Geheimnis doch: „Das stimmt. Aber weißt du auch, wo ich den Aufstieg nahm?“
Sie sah mich fragend an.
Über dem Hochwald hob sich im Glanz der Morgensonne die weiße Mauer leuchtend auf, an der ich gestern gehangen. Zu ihr hinauf wies ich mit dem Finger und sagte: „Dort schau hin, das war mein Weg!“
„Was, über die Mauer bist du hinauf?“ fragte sie in ungläubigem Staunen.
Ich nickte stolz bejahend.
„Du, das mußt du mir erzählen! Komm!“
Und sie zog mich zu einer Bank inmitten einer Fichtengruppe, wo wir vor Lauschern sicher sein konnten, und da erzählte ich ihr nun, wie ich eigentlich, ohne es zu wollen, die Kletterei begonnen und wie ich dann nicht mehr zurückgekonnt hätte, sondern zum Weiterklettern gezwungen gewesen wäre. Und dann erzählte ich ihr, wie ich hoch droben über der grausigen Tiefe am Felsen gehangen hätte.
„Du, das ist herrlich!“ rief sie und ihre Augen flammten stolz in die meinen. „Aber sag, was hast du dir eigentlich gedacht, als du dort oben hingst?“
Sollte ich ihr die Wahrheit sagen? Nur einen Augenblick überlegte ich, dann entschied ich mich für die Wahrheit und ich erzählte ihr von meiner kurzen Todesangst und wie mich dann der Gedanke an sie und ihre Verachtung zum letzten und entscheidenden Wagnis angespornt hatte.
Ich hatte ruhig erzählt und war nun ganz überrascht, welche Wirkung meine Worte auf Heri ausgeübt hatten.
Regungslos saß sie da, das dunkelerglühte feine Antlitz zur Brust hinabgeneigt, die sich in raschen stürmischen Atemzügen hob und senkte.
Ich wurde ganz verwirrt und dachte angestrengt nach, was ich gesagt habe, das Heri so tief erregen konnte.
So saßen wir eine Weile schweigend nebeneinander. In den jungen Fichten summte ein ganz leiser lauer Morgenwind, den Kiesweg entlang gaukelte ein dunkelsamtener Trauermantel und irgendwo auf einem Baum in der Nähe jubelte ein Fink sein sonnentrunkenes Morgenlied.
Je länger das Schweigen dauerte, desto verwirrter wurde ich, und da konnte ich es endlich nicht mehr ertragen und fragte, indem ich leise Heris Hand faßte: „Was hast du denn, Heri?“
Da hob sie groß und schimmernd ihre Augen zu mir auf und sagte leise: „Ich hab’ dich also gerettet, Heini?“
„Ja, Heri, du, du ganz allein! Freust du dich nicht darüber?“
„Freuen, Heini?“ Ihre schlanken, bebenden Finger umschlossen mit festem Druck meine Hände und wie eine schwarze, heiße Gewitternacht von goldenen Blitzen durchflammt, umfing mich ihr Blick, als sie sagte: „Freude ist zu wenig. Stolz bin ich, Heini! Ja und ich werde dich nicht verlassen. Du mußt was Großes werden! Hoch hinauf mußt du, denn du hast die Kraft dazu. Und ich will mit dir! Hand darauf!“
Nochmals preßte sich fest Hand in Hand, tauchte Blick in Blick und dann schritten wir aus unserem Versteck gegen das Schloß zu, schweigend, ganz erfüllt von unserem Verlöbnis, zwei Menschen, die noch vor einer Stunde Kinder gewesen waren und über die nun der erste Stoß des Lebenssturmes gefahren war.
Gegen Abend desselben Tages begleitete ich meine Mutter zu ihrer Freundin, der Müllerin. Ich war lange nicht in der Mühle gewesen, und als ich nun dem Marieli die Hand reichte, erblühte ihr blasses Gesicht im hellen Rosenlicht der Freude.
„Warum kommst du denn so selten, Heini?“ fragte sie. „Was tust du denn die ganzen Tage?“
„Mein Gott, was denn?“ entgegnete ich, indem ich mich neben ihr auf der steinernen Bank vor der Haustüre niederließ, „ein bißchen lesen und viel im Wald herumlaufen. Gestern war ich auf dem Blassenstein. Du, da droben ist’s schön!“
Und ich schilderte ihr die Aussicht in den herrlichsten Worten, die mir zu Gebote standen. Von dem Aufstieg sagte ich ihr aber nichts, das sollte mein und Heris Geheimnis bleiben.
Ich erzählte noch, als Bartl vom Sägewerk her zu uns kam. Einen Augenblick blieb er stehen und horchte, ich beachtete ihn nicht, dann fiel er mir ins Wort: „Na ja, jetzt prahlst halt mit deiner gestrigen Kraxlerei, gelt?“
„Was weißt du davon?“ fuhr es mir heraus.
„O, ich weiß alles. Es hat dich gestern wer gesehen, wie du das Narrenstückl gemacht hast. Na ja, solchene Leut, die keine Arbeit haben, die kommen auf allerhand Sachen, die einem, der sich plagen muß, sein Lebtag nit einfallen. Hättst aber auch leicht hin sein können.“
„Da wär’ wohl dir am wenigsten dran gelegen!“
Bartl sah mich feindselig an und sagte dann höhnisch: „Könnt’ schon sein, daß ich nit geweint hätt. Möcht auch wissen warum? Hab’ ich einen Nutzen von dir? Nein. Also gehst mich nix an.“
„Denkst du über alle Leute so, von denen du keinen Nutzen hast?“
„Über alle!“
„Schäm’ dich, Bartl, so was zu sagen, das ist nit christlich!“ wies ihn nun das Marieli zurecht.
Aber Bartl lachte nur: „Ich mich schämen? Dazu hab’ ich keine Zeit. So und jetzt geh ich. Kannst dein Narrenstückl weiter erzählen.“
Mit diesen Worten ging er ins Haus und ließ uns stehen.
„Du, Heini, was für ein Narrenstückl meint er denn? Und tot hättest du dabei sein können?“
Ich versuchte abzulenken und erwiderte so obenhin:
„Ach, nichts ist’s. Ich bin nur ein wenig in den Felsen herumgeklettert und da hat mich vielleicht so ein Angstmeier gesehen.“
Sie hörte aber aus meinen Worten die Unwahrheit heraus und sanft, aber trotzdem eindringlich sagte sie: „Nein, nein, Heini, mich kannst du nit anlügen. Das bringst du nit zusammen. Es ist schon was dran an dem, was der Bartl gesagt hat.“ Und mit einem unwiderstehlichen Flehen in Stimme und Augen bat sie: „Sag mir’s, Heini! Oder willst du mir nichts mehr sagen?“
Da mußte ich denn beichten.
„Aber schau, Marieli,“ sagte ich und suchte die Sache so unverfänglich als möglich darzustellen, „es ist wirklich nichts dran. Auf den Blassenstein bin ich halt gestern gestiegen, und weil mir der Weg über die Alm zuviel aus der Hand gelegen war, bin ich halt vorn hinauf. Wenn man klettern kann und schwindelfrei ~ist~, ist wirklich nichts dran.“
„Über die Wand bist du hinauf, Heini?“
„Aber ich sag’ dir ja: es ist nicht so arg!“
„O, das kann ich mir schon denken. Heini, versprich mir, das tust du nimmer. Schau, wenn dir was geschehen tät’!“
„Mir geschieht nichts. Und wenn’s wär’, mein Gott, einmal muß man ja sowieso sterben!“
„Heini, so was darfst du nicht sagen, das ist Sünde. Und was hast du denn auch davon? Schau, herunten im Tal ist’s ja auch schön!“
„Aber bei weitem nicht so schön wie oben. O, ich werde noch höhere Berge besteigen und ich werde mir meine Wege selber suchen!“
Ein wilder Trotz hatte mich erfaßt und obwohl ich wußte, daß jedes meiner Worte dem stillen Mädchen, das da vor mir stand und mich mit wehmütig fragenden Augen ansah, in die Seele schneiden mußte, ich mußte so sprechen, wie ich es tat. Unwillkürlich verglich ich die beiden Mädchen, Heri und Marieli! Jene war stolz gewesen auf meine Leistung, sie hatte mich verstanden; diese wollte mich schön in ihre beschränkte Welt einlullen, über die ich doch an allen Ecken und Enden hinausgewachsen war. Marieli verstand mich nicht mehr.
Und als hätte sie meine Gedanken erraten und wolle sie bestätigen, sagte sie mit traurigem Kopfschütteln: „Du bist ganz anders geworden, Heini!“ Eine Träne glänzte in ihrem Auge auf.
V.
Das Anderswerden, ja, das geht nie ohne Schmerzen und Tränen ab. Ich sehe es jetzt tagtäglich draußen in meinem Walde. Noch immer braust der Tausturm durch seine Gründe und hin und hin ist der Waldboden bedeckt mit gebrochenen Ästen und Zweigen. Auch mancher junge Trieb ist darunter, der von Blüten geträumt haben mochte, und nun ist Welken sein Los. Am Seeufer hat der Sturm eine mächtige Bergtanne gebrochen und sie mitten in den Flor weißsterniger Anemonen hineingeworfen. Wie viele der zarten Blumen da getötet worden sind! Und nun kommen auch die ersten Blüten an den Sträuchern hervor. Wie innig und schüchtern sie sich früher in die braune, glänzende Hülle geschmiegt haben! Nun haben sie dieselbe abgestoßen und achtlos fallen lassen. Was früher so wertvoll und kostbar war, gilt nichts mehr, singend und jauchzend schreitet die Höhensehnsucht, der Lichtglaube darüber hinweg. Mag es mit seinem armen Lose sich abfinden und sich bescheiden damit, gedient zu haben. Jetzt gilt nur mehr die Sonne, die aufwärts führt, dem Ziele zu.
Das ist die niederschmetternde Rücksichtslosigkeit des Frühlings. Er nimmt alles, was ihm zum Siege verhelfen kann, in seinen Dienst; hat es diesen aber geleistet, dann wirft er es weg, lächelnd, lachend, hüllt sich in seinen strahlenden Königsmantel und schreitet stolz über die Leiber der Getreuen hinweg. Doch die Gefallenen und Weggeworfenen erheben keine Klage. Sie wissen, daß sie ihre Pflicht getan haben und daß es auch für sie ein Wiederkommen gibt. Nur abwarten, abwarten, demütig und geduldig sein.
Marieli verstand dies Abwarten und Geduldigsein. Ich habe mich nach jenen Ferien nicht von ihr verabschiedet. Ich wich ihr aus, denn der bloße Gedanke an ihre sanfte, hingebende Miene, die immer zu bitten schien: „Vergiß mich nicht!“ bereitete mir Unbehagen. Wer auf Höhen will, muß das Tal vergessen können, und sei es auch mit dem reinsten Blütenschimmer geschmückt. Marieli konnte für mich ferner nichts sein, der Frühling in mir warf sie von sich, geradeso wie die drängende Blüte ihre Hülle von sich stößt. Jetzt war mir nur noch die Sonne gut genug, und meine Sonne hieß: Heri.
In die Anstalt zurückgekehrt, zog ich mich noch mehr in mich selbst zurück, als früher. Freilich, so einfach ging das nicht, denn man forderte Anschluß und Mittun von mir. Wollte ich nicht die Hölle jugendlichen Übermutes und heimlichen Hasses gegen mich entfesseln, so mußte ich mittun, wenn es galt, einen Ulk gegen Vorgesetzte oder Kameraden auszuführen oder einem der strengen Hausgesetze ein Schnippchen zu schlagen. Wie fern mir eigentlich alles das lag, davon wußte nur einer, mein unvergeßlicher Oskar.
Er war ein einsamer, mürrischer Kerl, der sich um uns alle nicht einen Pfifferling kümmerte, sondern, wenn er sein Studium vollendet hatte, sein Skizzenbuch herabnahm und zeichnete und malte. Wir hatten vor seinem künstlerischen Talente die größte Hochachtung, aber ein vollkommenes Abschließen sollte und durfte es nicht geben. Auch ich hatte ja trotz meiner Streifereien doch manchen heimlichen Wirtshausbesuch mitgemacht, nur um dann wieder frei zu sein. Er aber verschmähte jeden Kompromiß und ging einsam, wie ein Igel die Stacheln seines Wesens nach außen kehrend, seinem Zaun nach.
Nun wurde in einem versteckt gelegenen Wirtshaus der Stadt ein Pfeifenklub gegründet. Jeder hatte seine Pfeife mit langem Rohr und schwarzrotgoldenem Bande dort und auch Oskar wurde wiederholt aufgefordert, mitzutun. Doch er schüttelte den Kopf und tat, was er wollte.
Darob schließlich allgemeine Entrüstung und es wurde der Beschluß gefaßt, den Sonderling zu isolieren. Keiner sollte mehr ein Wort mit ihm reden, keiner ihm einen Dienst erweisen. Wollte er einsam sein, gut, so sollte er es gründlich sein!
Und mit dem Fanatismus der Jugend wurde der Beschluß auch durchgeführt. Keiner gab dem Sonderling auf seine Frage eine Antwort, keiner sprach zu ihm, und auch als er direkt fragte, was man denn gegen ihn habe, erhielt er keine Antwort. Wie ein Aussätziger wurde er gemieden, so daß er schließlich ganz verzagt wurde.
Und eines Tages, ich war eben wieder von einer meiner einsamen Steifereien in den Stromauen zurückgekommen, da trat auf dem menschenleeren Promenadeweg am Aurande Oskar auf mich zu und bat: „Sag mir du, was habt ihr denn alle gegen mich?“
Ich sah ihn an und er dauerte mich; aber ich war ja durch Handschlag verpflichtet, mit ihm nichts zu reden. Deshalb zuckte ich mit den Achseln und wollte weitergehen.
Er aber vertrat mir den Weg und seine braunen Augen, die sein sonst unschönes Gesicht wunderbar belebten, mit unendlicher Traurigkeit auf mich heftend, sagte er langsam: „Auch du?“ -- Und nach einer kleinen Pause setzte er kopfschüttelnd hinzu: „Dich habe ich für besser gehalten als die anderen!“
Da war ich besiegt und ich sagte ihm, weswegen der Boykott über ihn verhängt worden sei.
Er hörte aufmerksam zu und dann lächelte er halb wehmütig, halb spöttisch und meinte: „Deswegen also. Nun, wenn’s sonst nichts ist, darüber werde ich mich zu trösten wissen. Aber sag mir, hast du denn eine Freude an diesen Kindereien?“
„Wäre ich heute hier und hätte ich mit dir gesprochen, wenn dies der Fall wäre?“
„Ja, du hast recht. Ich hab’s ja immer gesehen und gefühlt, daß du ein anderer bist, daß du ein Mensch bist wie ich. Schau, ich möcht’ ja auch gern mittun; aber in meiner Brust da drinnen ist etwas, das läßt mich nicht. Ich kann dir das nicht so sagen, aber ich glaube, daß du’s auch so fühlst wie ich. Ich gehe dahin wie in einem Nebel. Das Lernen und das ganze Leben wickelt sich ganz mechanisch ab, ohne daß ich eigentlich davon weiß. Aber vor mir, weit, weit allerdings noch, da ist etwas, das zieht mich zu sich hin, unwiderstehlich. Was es ist, weiß ich nicht und ich habe oft eine ungeheure Angst davor. Ja, ja, wirklich eine Angst, wenn’s dabei auch zugleich so süß durch die Seele läuft. Etwas Großes muß es sein, etwas Heiliges, etwas unirdisch Schönes. Wenn ich daran denke, wird mir andächtig zumute und ich möchte am liebsten niederknien und beten. Weißt, nicht so beten, wie die Leute in der Kirche, sondern so, als hätte man das eigene Herz in Händen und hielte es wie eine Opfergabe zum Himmel empor: ‚Nimm’s hin, du großer Unbekannter, und mache damit, was du willst, es ist ja mit jeder Faser dein!‘“
Er hatte die letzten Worte mit schwärmerisch inniger Begeisterung gesprochen und in seinen braunen Augen lag ein Glanz, der nicht von dieser Welt war.
Ich wußte nichts zu sagen, aber ein wundersames Empfinden zog durch mein Herz, halb Glück und halb ehrfürchtiger Schauer, und es war mir, als stünde ich wieder droben auf dem Blassenstein, die große, leuchtende Welt vor mir und in der Seele jenes jauchzende Klingen, das mich damals zum Dichter machte.
Und da sah mich Oskar treuherzig an und sagte über sich selbst lächelnd: „Gelt, ich bin ein verrückter Kerl! Aber da kannst nichts machen, es hat einen und man kommt nicht mehr los! Aber nicht wahr, den andern sagst du nichts davon. Ich möchte nicht spotten hören, denn da -- da --“ sein Gesicht nahm den Ausdruck finsterer Entschlossenheit an -- „da müßte ich einen niederschlagen. Bei dir habe ich das Gefühl, daß du mich verstehst.“
Mit diesen Worten reichte er mir die Hand und sah mir fest und treu in die Augen, und ich erwiderte den Druck seiner Hand und sagte: „Ja, Oskar, ich verstehe dich, und wenn du magst, so wollen wir Freunde sein!“
Und wie wir mitsammen nach Hause schritten, entwickelte er seinen Lebensplan. Er wollte zuerst seine Studien vollenden, die Matura ablegen, dann aber auf die Kunstakademie gehen. Vorerst aber galt es, den Boykott der Kameraden zu brechen. Als ich auf ihn einredete und ihm vorstellte, daß man sein Fernbleiben vom Pfeifenklub auch als Feigheit betrachte, lächelte er nur, trat, als wir in die Stadt kamen, in die nächste Tabaktrafik und kam mit einer dampfenden Zigarre heraus.
Trotz meiner Vorstellungen rauchte er sie durch die ganze Stadt, warf sie auch vor der Anstalt nicht weg, sondern stieg gemächlich die Treppe hinan und trat rauchend ins Studierzimmer.
Die Kameraden staunten ihn wie ein Wundertier an, der Präfekt sprang auf und starrte ihn eine Weile sprachlos an, dann fuhr er auf ihn los: „Ja Sie, sind Sie denn des Teufels? Was unterstehen Sie sich?“
Da warf Oskar den glimmenden Stummel in den Spucknapf und sagte gleichmütig: „Ich habe ein Bedürfnis gehabt, zu rauchen.“
Der Präfekt kam noch mehr außer sich und schrie: „Gut, dann haben Sie jedenfalls auch das Bedürfnis zu einem vierzehntägigen Hausarrest!“
Oskar verneigte sich stumm und begab sich auf seinen Platz. Später, als der Präfekt einmal das Zimmer verließ, sagte er auf die bewundernden Worte, die ihm nun allgemein gewidmet wurden: „Ja, sich heimlich wo zusammenhocken und Pfeifen zu rauchen, braucht weniger Mut. Wenigstens seht ihr, daß ich kein Feigling bin.“
Von nun an hatte Oskar vor allen Anfeindungen Ruhe und das war niemand lieber als mir, denn das Verhältnis zwischen mir und ihm wurde von Tag zu Tag inniger. Sein klares, zielbewußtes Wesen wirkte tief auf mich ein und es wurde mir klar, daß ich Dichter werden müsse.
Auf einem unserer einsamen Spaziergänge vertraute ich ihm dies mein Streben an und las ihm auch ein paar Verse vor, die ich in den letzten Tagen gemacht hatte.
In seine braunen Augen kam wieder das tiefe, schöne Leuchten, das mich so hinzog zu ihm, und dann sagte er: „Ich hab’s ja gewußt, daß auch du der Kunst verfallen bist. Es ist ganz eigentümlich, wie man das jedem ankennt. Wie wenn eine unsichtbare Krone über seinem Haupte schweben würde und ihr Leuchten fließe über sein Gesicht nieder, so ist das.“
Wir waren auf einer Höhe angelangt. Gegen Osten zu lag die Stadt, gegen Westen und Süden zu rauschten dunkle Wälder, hinter denen sich die Alpenberge mit ihren eigenwilligen Linien aufbauten, und gegen Norden flog der Blick über weite Felderbreiten. Ein einsamer, alter Birnbaum stand da, zum größten Teile schon verdorrt und nur an einem einzigen Ast flatterte noch grünes Laub.
„Siehst du,“ sagte Oskar zu mir, „so was möchte ich einmal schaffen können: Ein Bild, in dem alles liegt, was die deutsche Erde so schön macht: den Fleiß, der diese Felder furcht, der die Städte gebaut hat, die Schönheit der Arbeit, das Schweigen der Weiten, die Heiterkeit der Wälder und die Einsamkeit der fernen Alpengipfel. Meinst du nicht, daß das etwas wäre, dem man ein ganzes Leben zum Opfer bringen könnte? -- Was ist eigentlich dein Ziel?“
Wie immer, wenn Oskar seine Ideen entwickelte, war ich wie vor den Kopf geschlagen. Er war sich über alles klar, was er werden wollte, und wußte das in Worten zu sagen, die mir, der ich mich doch als Dichter fühlte, niemals eingefallen wären. So wußte ich auf seine wiederholte Frage denn auch nichts anderes zu antworten als die armseligen Worte: „Was ich einmal schaffen will, das kann ich heute noch nicht so klar und bestimmt sagen wie du. Mir schwebt nur eines vor: die Menschen, die es lesen, müßten darüber jauchzen und weinen zugleich, und keiner von ihnen müßte jemals mehr zu einer unedlen Tat fähig sein.“