Der Einzige auf der weiten Welt: Ein Menschenleben

Part 16

Chapter 163,829 wordsPublic domain

Der einsame Einzige! Und doch fühle ich, wie ich mit allem ringsumher aufs innigste verkettet bin. Ein Ring schließt mich mit all dem zusammen, was ist. Und in diesen Ring gehören auch die Menschen, die Menschheit. Ich diene ihr gerne, insofern jedes Glied in dem Ringe ein dienendes ist. Aber ich bleibe einsam, weil ich mich fernhalte von der Sünde der Menschen, die darin besteht, sich hochmütig aus dem Ringe zu lösen, mehr und Besseres sein zu wollen als die anderen, sich der Notwendigkeit zu entziehen.

Wie sie rennen und jagen und Geld und Gut und Ehre und Glück suchen! Wie sie bluten und verbluten an ihrer irren Sehnsucht! Und das Glück liegt doch so nahe!

Wie ruhig und wie heiter man wird, wenn man die Menschen aus der Ewigkeitsperspektive betrachtet! Lächelnd sieht man ihr Lieben und Hassen, ihr Siegen und Verzweifeln. Es ist ja alles nur Traum.

Wie ruhig ich nun mit Marie reden kann, wenn sie manches Mal zu mir in meine Einsamkeit heraufkommt, wie ruhig ich an alle denken kann, die jemals in mein Leben getreten sind!

Marie ist glücklich, mich so glücklich zu sehen, und sie ist die Wohltäterin der Armen der ganzen Umgegend geworden.

Durch mein Haar ziehen sich die ersten silbernen Fäden, und wenn ich Marie ansehe, dann ist mir auch, als läge ein ganz leiser Reif über ihrem Scheitel. Unser Bub aber ist ein starker froher Mann, der auf seine Art das Leben meistert. Er ist Herr der Mühle, hat Weib und Kind und tut doch nichts, ohne seine Mutter zu fragen.

Er weiß, daß ich sein Vater bin und ist auch als Kind oft bei mir gewesen. Jetzt kommt er nur mehr sehr selten. Er weiß mit seinem Vater nichts zu reden. Noch hängt er ja mit allen Fasern seines Herzens an der Welt der Erscheinungen und es dünkt ihm jedenfalls verrückte Grübelei, hinter diesen nach dem Glück zu suchen.

Ich war ja nicht anders. Wenn ich das Bilderbuch meines Lebens aufschlage, sehe ich überall bunte Szenen aus einem an die Erde gebundenen Leben. Da sind Frauen, die ich liebte, ein Freund, und da sind auch Männer, die ich haßte! Ein Dichter hatte ich werden wollen und der Lorbeer schien mir höher als eine Königskrone.

Ich bin kein Dichter geworden; und doch fühle ich es um meine Schläfen wie einen Kranz. Aber es ist kein Lorbeerkranz und er ist auch nicht aus duftenden Veilchen oder glühenden Rosen geflochten, sondern aus großen, kühlen Blumen, die in einem fernen, fernen Lande weit von dieser Erde gewachsen sind. Ihr Duft macht fiebernde Stimmen heiter und heiße Herzen kühl und friedsam; er löst die Seelen aus irdischen Gefängnissen und läßt sie in seligem Tanz zurückkehren in den Reigen kreisender Welten, weit, weit, jenseits aller gemessenen Sonnensysteme und Milchstraßenunendlichkeiten. Wer diesen Duft in sich gesogen, der tritt aus den Reihen der um die irdische Form sorgenden Menschheit, und im Königsmantel der Einsamkeit schreitet er durch die hohen Pforten der Ewigkeit ins Land des Friedens.

So will auch ich meinen Pfad weiter wandern, und wenn einst die Stunde kommt, wo diese Form zerfällt, dann wird kein Abschiedsweh meine Seele durchzittern, in stillem Jubel wird sie hineingleiten in den Strom, der ohne Anfang und Ende durch die Äonen flutet.

XVI.

Eben war ich gestern daran, unter diese Blätter der Erinnerung das Schlußwort zu setzen, da wurde ich unterbrochen: Heri ist zu mir gekommen und Marie hat sie zu mir geführt.

Ins Schreiben vertieft, sah ich nicht, wie sie beide herankamen; erst als sie schon unter der Türe standen, machte mich der Schatten aufsehen.

„Heinrich,“ sagte Marie, „ich habe da jemand gebracht, der mit dir reden will! Kennst du diese Frau?“

Und ob ich sie erkannte! Sie sah wohl älter aus, als sie war und jedenfalls viel älter als Marie, ihr Haar war grau und Kummer hatte mit scharfem Meißel in ihrem Gesicht seine Spuren eingegraben, aber das Auge, das dunkle, das hatte sein wundersames Leuchten nicht verloren, wenn auch jetzt eine bange Frage darinnen lag.

Ich verstand diese Frage und ruhig beantwortete ich sie damit, daß ich Heri die Hand bot und sagte: „Grüß Gott, gnädige Frau. Es freut mich, Sie wieder einmal zu sehen.“

„Ich hatte gehört, daß Sie hier sind,“ sagte sie noch immer scheu und unsicher, „und da ich im Schloß drunten eine Sommerwohnung bezogen habe, konnte ich die Gelegenheit nicht vorübergehen lassen, Sie einmal zu sprechen. Ich habe ja noch etwas abzubitten!“

Ich machte eine abwehrende Handbewegung, aber sie fuhr fort: „Ja ganz gewiß; vor Marie da habe ich schon mein Herz ausgeschüttet, ich muß es auch noch vor Ihnen, Heinrich, und wenn ich weiß, daß Sie mir verziehen haben, dann erst wird mein Herz Ruhe haben. Und es sehnt sich nach Ruhe.“

Der Ton der letzten Worte bestätigte mir, was mir die Runenschrift in ihrem Antlitz schon gesagt hatte: diese Frau hatte schwer gelitten. Wozu alte Schmerzen aufwecken wollen?

„Lassen Sie’s, gnädige Frau,“ sagte ich, „ich habe Ihnen nichts zu verzeihen. Wir sind beide einmal jung gewesen, jung und töricht. Das Leben hat uns andere Wege geführt, als wir glaubten, und wir mußten sie gehen. Nun sind wir wohl beide über den Sturm und Drang von damals draußen und wenigstens ich, ich bin demütig geworden und weiß, daß ich nicht mehr Recht habe, mich gegen mein Schicksal, wie es genannt wird, aufzulehnen, als es die Blüte hat, die der Sturm vom Zweige reißt. Was geschah, das geschah, weil es geschehen mußte.“

Heri sah mich tief an, dann sagte sie: „Marie hat mir schon gesagt, daß Sie sich eine ganz eigene Religion zurecht gelegt haben. Und sie mag vielleicht auch die richtige sein. Aber ich trage das Schuldgefühl, und von dem kann ich mich nur befreien, wenn Sie mir gestatten, Ihnen alles zu erklären. Ich bitte Sie, Heinrich, lassen Sie mich reden!“

Dieser flehentlichen Bitte nickte ich nach kurzer Überlegung Gewährung. Was konnte mir diese Frau viel anders sagen, als ich ohnehin wußte und ahnte.

Und sie erzählte mir nun, wie es damals ihre Tante allein gewesen sei, die mich durch die Ableugnung meines nächtlichen Besuches im Garten um die Möglichkeit gebracht hatte, weiter zu studieren. In der Sorge um den Ruf der Nichte und ihres eigenen Hauses hatte sie ihr angesehenes Wort gegen das des mittellosen Studenten in die Wagschale geworfen und sie war es auch gewesen, die dann auf die Heirat mit dem Oberleutnant von Steindl gedrängt hatte.

„Sie hat mein Herz so verwirrt,“ fuhr Heri fort, „daß ich schließlich für Liebe hielt, was nur bloßes Gefallen war, und so bin ich nach kurzem Rausch als unglückliche Frau erwacht. Mein Mann hatte mehr Schulden, als mein Vater zu decken imstande war, und als dann auch die Tante nicht so helfend einsprang, wie mein Mann erwartete, gingen die häuslichen Szenen an. Ich hatte dann auch erfahren, was mit Ihnen, Heinrich, geschehen war, und das verstörte mich so, daß ich alle Lebenslust verlor. Als ich einmal in seiner Gegenwart der Tante über ihre meineidige Handlungsweise Vorwürfe machte, glaubte er das Recht zu haben, mich mit gemeinen Anwürfen zu quälen, und so haben wir dann nebeneinander gelebt in gegenseitigem Haß. Es hat Stunden gegeben, wo ich sogar das Kind haßte, den Knaben, den ich ihm geboren hatte. Es ist vielleicht kein Offizier so gerne in den Krieg gegangen wie mein Mann, und ich sage es aufrichtig, ich fühlte es als Erlösung, als er einrückte. Und er ist nicht mehr gekommen!“

„Er ist als Held gestorben!“ warf ich ein.

„Es wurde mir auch so gesagt und ich danke ihm noch heute dafür, daß er mir wenigstens den Trost ließ, seinem Kinde etwas Gutes von seinem Vater sagen zu können.

Ich habe meinen Sohn mit aller Sorgfalt erzogen, und als er als schmucker Leutnant vor mir stand, da war ich tatsächlich so stolz auf ihn, wie es nur eine Mutter sein kann. Aber bald machte sich das Erbteil meines Mannes, der Leichtsinn, bei ihm bemerkbar und ich mußte öfter in die Tasche greifen, um seine Schulden zu decken. Als er erkannte, daß auch mir dies nicht mehr möglich sei, griff er zum Aushilfsmittel seines Vaters, er heiratete. Zwei Kinder gab ihm seine Frau, mit dem dritten wurde sie in den Sarg gelegt. Ein Jahr darauf fiel mein Sohn in einem Duell, das in einem Spielstreite seine Ursache hatte. Nun habe ich die beiden Kinder bei mir, das einzige, was mir in diesem Leben geblieben ist. Ja, Heinrich, ich habe gelitten, furchtbar gelitten, und nie mehr, als ich in den Zeitungen Ihre begreifliche Tat an Mariens Bruder las. Da schrie es in mir auf: das hast du verbrochen. Du hast ihn aus seiner ursprünglichen Bahn geworfen, auf deinem Gewissen liegt die Last zweier verlorener Leben. Ich habe aufgeatmet, als ich vor ein paar Monaten erfuhr, daß Sie nicht Ihrem Schicksale erlegen sind. Und nun bin ich da und nochmal bitte ich Sie: sagen Sie mir das Wort, daß Sie mich nicht verachten, daß Sie mir verzeihen!“

Sie hatte die letzten Worte so flehend, so drängend gesprochen, daß ich nicht anders konnte, als ihr die Hand zu reichen und ihr aus aufrichtigem Herzen zu sagen: „Nein, gnädige Frau, ich verachte Sie nicht und wenn ich Ihnen einmal gegrollt habe, so ist das längst, längst vorbei. Ich bin ein zufriedener und wahrhaft glücklicher Mensch geworden und mehr hätte ich auch nicht werden können, wenn meine Jugendträume in Erfüllung gegangen wären. Für die Wege, auf denen ich zu diesem Glücke geführt wurde, kann ich nicht Sie, kann ich keinen Menschen verantwortlich machen.“

Auf diese Worte sah Heri eine Weile träumend vor sich hin, dann nickte sie, und plötzlich ihre in Tränen schwimmenden Augen zu mir aufschlagend, faßte sie zugleich meine Hand und ehe ich noch abwehren konnte, hatte sie einen Kuß darauf gedrückt.

Ich sprang auf, im tiefsten erschüttert und unwillkürlich entfuhr es mir: „Aber Heri!“

Aber kaum war das Wort über meine Lippen, erkannte ich meinen Fehler und ich wollte mich verbessern: „Gnädige Frau!“

Doch mit unendlich glücklichem Schimmer in den noch immer schönen Augen sagte sie: „Nicht, Heini, ich danke dir, daß du das Wort aus unserer schönen, schönen Jugend gefunden hast. Nun weiß ich, daß du mir wirklich verziehen hast, wie mir auch meine liebe Marie hier verziehen hat.“

Und zugleich wieder meine und Maries Hand fassend, fuhr sie fort: „Wir drei. So hat uns das Schicksal wieder zusammengeführt. Eine späte Sonne über unserem Leben, aber doch eine Sonne. Und wir wollen sie genießen, solange noch unser Tag währt. Du, Marie, hast deinen Sohn und deine Enkel und deine Armen, ich habe meines Sohnes Kinder, da können wir noch viel Liebe geben. Und wenn uns das Leben noch einmal schwer werden sollte, Heini wird uns zeigen, wie man’s überwindet.“

Ich soll diesen Frauen sagen, wie man überwindet! O Heri, weißt du nicht, daß du einen neuen Brand in mein Leben geschleudert hast. In Taten der Liebe werdet ihr, du und Marie, eurem Leben die Weihe geben. In eurer Liebe dient ihr dem Ewigen. Doch was habe ich getan? Ist es wirklich so hoch und erhaben, über Menschenleid und -lust zu stehen, der Einzige auf der weiten Welt zu sein? Ist es nicht größer, sich durch eine Tat heiliger Liebe aus der Einsamkeit zu lösen? Von irdischen Schlacken hast du dein Herz befreit, Heinrich Binder, du bist demütig und rein geworden im Gedanken der Notwendigkeit, nun aber lasse dein Herz noch einmal aufflammen im Feuer selbstloser Liebe. Schenke dir Gott eine große Liebestat, dann magst du gekrönt, wie es dein Traum ist, in das Friedensland der Ewigkeit eingehen!

* * * * *

Damit schließt die Geschichte seines Lebens, wie sie der einsame Kohlenbrenner Heinrich Binder im Seeforst selbst niedergeschrieben hat. Er hat nicht geahnt, daß die große Liebestat, nach der er rief, die seines Lebens letzte Sehnsucht war, schon vor der Türe seiner harrte.

Frau Heriberta von Steindl, die mir diese Blätter gab, hat mir auch den Schluß dieses seltsamen Menschenlebens erzählt.

Zwei Tage nach ihrer Begegnung mit dem Jugendgeliebten stieg sie wieder mit Marie und ihren beiden Enkeln zur einsamen Köhlerhütte empor.

Es war der letzte Augusttag, glutzitternd, wie die vorausgegangenen.

Während die Frauen mit dem Freunde im Schatten der Hütte saßen und von vergangenen Tagen sprachen, trieben sich die Kinder im Hochwald umher.

In ihr Geplauder vertieft, hatten es die drei Menschen nicht acht, daß über dem Gamsstein ein tellergroßes Wölklein aufgezogen war, das rasch anwuchs, die Sonne erst in dunstige Schleier hüllte und dann immer dunkler sich färbend, sich mehr und mehr über die Berggipfel senkte. Erst als der erste bange Windstoß durch den Wald fuhr, da schreckten die ganz in ihre Erinnerungen vertieften Menschen auf.

Ein Blick zeigte dem des Wetters kundigen Manne, daß in der nächsten Viertelstunde schon das Gewitter losbrechen mußte.

Da eilten alle drei, nach den Kindern rufend, in den Wald. Endlich ward ihren angstvollen Rufen Antwort. In dem Wildgraben, der vom See zum Gamsstein emporzieht, waren die beiden über Felsblöcke und Trümmerwerk emporgeklettert und nun schwenkten sie hoch herab ihre weißen Strohhüte und jubelten ihr stolzes: „Hurra!“

Da erhob Frau von Steindl ihre Stimme: „Kommt augenblicklich herab, in der nächsten Minute ist das Gewitter da!“ Und als wollte die Natur selbst ihre Warnung bestätigen, brach aus dem dunklen Wolkentuch ein fahler Blitz und langhin durch die Felsen rollte der erste Donner.

Nun begannen die Knaben abwärts zu klettern. Aber das ging noch langsamer als das Aufwärtssteigen, und als sie etwa ein Viertel ihres Weges zurückgelegt hatten, da flammte plötzlich ringsum blendender Schein, als schlage der ganze Wald in einer einzigen Lohe empor, der Boden bebte unter betäubendem Krachen und im nächsten Augenblick barsten die Wolken und mit dem mächtigen Rauschen eines Stromes schütteten sie ihr Wasser auf die ausgedorrte Erde.

Und nun war ein Brausen und Rollen und Schmettern und Flammen und Lodern ringsum, als sei der Tag der allgemeinen Vernichtung gekommen.

In den dichten Regenschleiern verschwanden die Knaben für einen Augenblick und die beiden Frauen schrien auf. Aber da erschienen sie auch schon wieder. Die Angst gab ihnen Kraft und Gewandtheit, daß sie schier wie Gemsen von Stein zu Stein sprangen.

Heinrich Binder aber war bis an den Rand des Wildbachbettes vorgesprungen und warf einen Blick in dieses hinab. Richtig, was er befürchtet, war eingetroffen, schon wälzte sich ein brauner Bach durch das Bett, das mit jedem Augenblick stieg und immer mehr und mehr Schlammassen herabwälzte. Keine fünf Minuten mehr und er war so stark, daß er die Knaben mit sich reißen mußte, hinunter in die grausige Tiefe des Sees.

Auch die Knaben hatten die Gefahr erkannt und begannen zu schreien.

„Habt keine Angst,“ rief ihnen der Kohlenbrenner zu, „springt da herab! Schaut, daß ihr auf den Stein dort kommt!“

Damit wies er auf einen Felsblock in der Mitte des Wildbettes, um den die braunen Schlammwasser zischten und schäumten.

Glücklich erreichte ihn der größere der Knaben und da sprang auch schon der Kohlenbrenner in die unheimlich rasch steigende Flut, watete die paar Schritte hinüber, faßte ihn und trug ihn ans rettende Ufer.

Der Kleinere aber, der nicht so rasch hatte folgen können, hatte sich ein kleines Stück weiter oben an einen Felsen angeklammert und schrie in seiner Todesangst wie ein Wahnsinniger.

Aber schon stand Heinrich Binder wieder im Wasser und obwohl er den Grund unter sich fortrieseln fühlte und Steine dahergesaust kamen, er arbeitete sich keuchend bis zu dem Knaben empor, der sich ihm an den Hals warf und diesen umklammerte, daß der Retter kaum atmen konnte.

Aber nun zurück. Binder hielt sich an der felsigen Uferseite, denn in der Mitte des Bettes war kein fester Grund mehr zu fassen. In jede Ritze der Felsen krallte er seine Finger, jede Zacke umklammerte er, mit dem Fuß zugleich immer nach dem nächsten sicheren Tritt tastend. Schon war er in nächster Nähe der Stelle, wo die zurückweichenden Felsen einen Sprung ans Ufer gestatteten, da schoß ein mächtiger Wasserschwall daher, er verlor den Grund, taumelte und wäre unfehlbar samt dem Knaben in die Tiefe gerissen worden, wenn nicht Frau von Steindl, ohne sich zu besinnen und das eigene Leben in die Schanze schlagend, in die quirlende Flut gesprungen wäre und mit der Kraft, die die Verzweiflung gibt, nach dem Köhler gefaßt hätte, während sie mit der Linken zugleich einen Fichtenschößling umkrallte, der am Ufer stand.

Und wirklich gelang es, daß sich der Köhler mit ihrer Hilfe wieder auf die Beine brachte. Während seine Hand ebenfalls nach dem Fichtenschößling griff, keuchte er ihr zu: „Schau, daß du hinauskommst und nimm das Kind, ich komm schon nach!“

Aber fast im selben Augenblick schoß, von den Fluten dahergesprengt, ein kopfgroßer Stein gegen seine Brust und mit ächzendem Aufschrei wollte Binder eben den Fichtenschößling loslassen, als auch Marie herbeisprang, den neuerdings Taumelnden erfaßte und mit Aufwendung aller Kraft ans Ufer zog.

Heinrich Binder war gerettet und ebenso die beiden Knaben. Während aber die Kinder mit dem bloßen Schrecken und vollständiger Durchnässung davongekommen waren, sah es mit jenem schlecht aus.

Aus seinem Gesicht war alle Farbe gewichen und aus seinem Munde sickerte Blut. Heinrich Binder war ohnmächtig und er kam auch nicht zum Bewußtsein, während ihn die beiden Frauen durch den Wettersturm in die Hütte schleppten.

„Da muß ein Doktor her!“ keuchte Marie. „Bleib du bei ihm, ich laufe in die Mühle hinab.“

Und durch den Regenguß und das Brüllen und Flammen um sie, eilte sie in die Mühle, und während ihr Sohn mit seinem leichten Wägelchen nach dem Doktor jagte, stieg sie mit stürmendem Herzen wieder empor zum Seeforst.

Heriberta von Steindl hatte einstweilen die beiden Knaben des triefenden Gewandes entkleidet und in Decken gewickelt auf der weichen trockenen Streu des Nebenraumes gebettet. Dabei ließ sie aber den Bewußtlosen nicht außer acht, aus dessen blutleeren, halbgeöffneten Lippen fortwährend ein Röcheln kam, das mitunter zu einem leisen Stöhnen anschwoll.

Frau Heriberta war ratlos. Sie hatte dem leblosen Manne die Kleider über der Brust geöffnet, aber es zeigte sich keinerlei äußere Verwundung und sie wußte nicht, was sie tun sollte.

So saß sie an dem Bettrande und starrte in einemfort in das bleiche Gesicht und ihre ganze selige Jugend zog an ihrem Auge vorüber. Wie sehr hatte sie dieser Mann da geliebt, wie schweres Leid hatte sie ihm zugefügt, und nun hatte er noch in aufopfernder Liebe das Letzte gerettet, was ihrem verlorenen Leben geblieben war: ihre Enkel.

Und da konnte Frau Heriberta nicht anders, sie mußte sich niederbeugen und die schlaff auf der Bettdecke liegende Hand küssen, die das Rettungswerk vollbracht hatte.

Und als hätte er die zarte Berührung der bebenden Lippen und die heiße Träne, die auf die Hand fiel, gespürt, schlug der Kranke die Augen auf und sah starr in die angstvoll fragenden Augen Frau Heribertas. Er mußte sich erst besinnen, was geschehen war.

„Wie geht’s dir, Heini?“ fragte Frau Heriberta und strich ihm eine feuchte Haarsträhne aus der Stirne.

Er tastete nach seiner Brust und hauchte: „Sterben!“

„Nein, Heini, du wirst nicht sterben! Wir werden leben und glücklich sein. Heini, die Sonne muß kommen!“

Er hörte diese Worte nicht mehr, eine neue Ohnmacht umfing ihn.

Und die Sonne kam wirklich. So rasch und furchtbar das Gewitter dahergekommen war, so schnell war es auch wieder verrauscht.

Als Marie den See entlang zur Hütte eilte, zeigte sich schon wieder blauer Himmel und die sinkende Sonne hüllte Wald und Felsen in blendendes Gold.

Und ein breiter Strahl dieser leuchtenden Pracht fiel auch durch das kleine Fenster auf das Lager, auf dem Heinrich Binder sich zum Sterben streckte. Noch einmal war er erwacht und wie ein glückliches Lächeln glitt es über sein blasses Antlitz, als er die beiden Frauen, die er so sehr geliebt, an seinem Lager sah. Jede von ihnen hatte eine seiner Hände gefaßt und das letzte, was Heinrich Binder sah, war wie ein süßes Bild aus der Jugend. Vom Abendglanz verklärt, leuchtete das Antlitz der beiden Frauen wie im Schimmer blühender Jugend, ein Strom reinster Liebe flutete aus ihren Augen und auf diesem Strom schwamm Heinrichs Seele hinüber ins Friedensland der Ewigkeit, neuem Frühlinge, neuem Werden nach den ewigen Gesetzen der Liebe entgegen.

Und während an dem Lager des Entschlafenen die Frauen schluchzten, begannen draußen im Hochwald die Amseln, die seit Wochen geschwiegen hatten, zu singen, die Berge zündeten ihre purpurnen Riesenfackeln an und als sie verglommen, das Schluchzen der Frauen und die süßen Flöten der Amseln verstummt waren, da kam die Nacht und breitete ihren sterngestickten Königsmantel über den Einzigen auf der weiten Welt, der in heiliger Liebestat die Einsamkeit überwand, welche die Notwendigkeit allen großen Seelen auferlegt.

In deiner Liebe, Heinrich Binder, bist du unsterblich, denn das Ewige ist Liebe, sich selbst zum Opfer bringende Liebe!

Im Romanverlag des Bibliographischen Instituts in Leipzig

ist von =Karl Bienenstein= erschienen:

Die Worte der Erlösung

Ein Roman der Sehnsucht

In geschmackvollem Geschenkeinband

Dieses neueste Werk des bekannten österreichischen Dichters ist ein Künstlerroman, der durch Liebe und Haß den Lebensweg zweier entgegengesetzten Charaktere zu erschütternder Katastrophe und zu befreiender Höhe führt; eine Dichtung von reichstem Lebensgehalt, ein packendes Werk hochstrebender, tiefinnerlicher, überwindender Kunst.

Im Verlag von Ad. Bonz & Comp. in Stuttgart:

Deutsches Sehnen und Kämpfen

Ein Wachauroman

#Urteile der Presse#:

=Staatsanzeiger für Württemberg=: Aus dem Buche spricht soviel Gesundheit, Warmherzigkeit und Natürlichkeit des Empfindens, daß man es mit höchstem Genuß liest.

=Saale-Zeitung=: Der großen Erzählerkunst Bienensteins haben wir ein Buch zu danken, das hauptsächlich durch die Sicherheit der Linienführung imponiert.

=Deutsche Arbeit=: Ein schönes, ergreifendes Buch, das im ganzen Rhythmus seines Stils und der innig gedanklich vertieften Darstellung die belebende Kraft des Dichters zeigt.

=Münchener Neueste Nachrichten=: Mit dankbarer Freude legt man dieses Buch aus der Hand, dessen Titel ein Kampfprogramm und damit einen Tendenzroman vermuten läßt. Aber alles, nur nicht dies, kann Bienensteins vortrefflicher Roman genannt werden, denn die Tendenz ist so eingewirkt in den Efeu deutscher Poesie und echten Empfindens, daß sie nie störend erscheint, sondern als wertvolles, überzeugendes Dokument durch die Entwicklung der Geschehnisse sich herausschält.

=Österreichische Landzeitung=: Welch außerordentlich feine Beobachtung der Wirklichkeit, und welch reinste Poesie des reifen, sprachlich und künstlerisch geschulten Genius! Schon die Einleitung ist ein Hymnus von klassischer Schönheit! (Prof. P. Wichner.)

=Die Südmark=: Fürwahr ein seltsames Buch voll glühender Farbenpracht und künstlerischen Geistes!

=Deutsche Wacht=: Das Buch ist eine völkische Tat!

=Berliner Lokal-Anzeiger=: Die politische Intrige des Romans ist mit meisterhafter Sicherheit durchgeführt; ihre Darstellung zeichnet sich durch künstlerische Ruhe und Sachlichkeit aus.

=Kunstwart=: Bienenstein hat die seltene Gabe, alles ohne romanhafte Absicht und Ziererei zu sagen. Diese Ruhe des Erzählers ist in Deutschland überhaupt kaum mehr zu finden.

Adolf Bonz & Comp., Stuttgart

Fritz Stüber-Gunther

Der Schönheitspreis

Roman

Geheftet M. 5.25, gebunden M. 9.--

Fritz Stüber Gunther, der Wiener Schriftsteller, veröffentlicht mit diesem Roman sein schönstes und zugleich reichstes Werk. Es ist einer der besten und prächtigsten Wiener Romane, die in der letzten Zeit auf den Büchermarkt gekommen sind. Meisterhaft sind die einzelnen Typen herausgearbeitet, die Sprache ist von edlem Wohllaut, manche Szenen sind geradezu von einer mitreißenden Kraft und Schönheit. Da der Verlag dem Werke eine schöne Ausstattung zuteil werden ließ, eignet es sich ganz besonders für den Weihnachtstisch.

Mödlinger Zeitung.

_C. i._

Roman

Geheftet M. 4.80, gebunden M. 7.50