Der Einzige auf der weiten Welt: Ein Menschenleben

Part 15

Chapter 153,902 wordsPublic domain

Am zweiten Morgen nach dem Dreikönigstage kam eine Dienstmagd vom Oberleitnerhof und fragte an, ob der Bauer nicht dagewesen sei. Er war am Dreikönigstage früh fortgegangen und seither nicht heimgekommen. Vom Wirtshaus sei er, so habe man ihr gesagt, gestern gegen zehn Uhr abends fortgegangen. Seither hatte ihn kein Mensch gesehen und es lag die Vermutung nahe, daß ihm, dem Schwertrunkenen, ein Unglück zugestoßen sei.

Nun ging’s ans Suchen. Die Leute vom Oberleitnerhofe und das ganze Mühlenpersonal -- Bartel ordnete das selbst an und zeigte die größte Teilnahme an dem Verschwinden seines Schwagers -- wurden aufgeboten. Man suchte die Gegend zu beiden Seiten des Weges vom Dorfe zum Oberleitnerhofe ab und als sich eben die ersten Abendschatten auf die Erde senkten, fand man ihn auch. Er war in seinem Rausche vom Wege abgekommen, einen steilen Hang hinuntergetappt und dann über eine niedere Felsenstufe zum Bache abgestürzt. In dem tiefen Schnee hatte er sich nicht mehr erheben können und so war er erfroren. Keine Verwundung, nicht die leiseste Abschürfung war an seinem Körper zu entdecken. Im Rausch und Taumel war er in das Jenseits hinübergegangen. Er hatte einen seines Lebens würdigen Tod gefunden.

Kein Mensch trauerte um ihn, auch seine eigene Frau nicht, die einige Tage zuvor seinem Kinde das Leben geschenkt hatte und nun im Wochenbette lag. Dieser Umstand kam ihr zustatten, indem sie wenigstens nicht am Leichenbegängnis teilzunehmen und die trauernde Witwe zu heucheln brauchte.

Mir aber war’s, als blühe mitten aus Eis und Schnee ein wonniger Lenz empor. Die Zusammenkunft auf dem Friedhofe hatte mir bewiesen, daß ich Marie noch immer liebte, und nun war sie frei und ihre eigene Herrin. Nun konnte sich bewahrheiten, was sie ahnend vorausgesagt hatte, daß mich das Schicksal zu einem ganz bestimmten Zwecke in die Heimat zurückgeführt habe.

An dem Abend, da sie den Oberleitner tot gefunden hatten, sah ich wieder einmal zu den Sternen auf mit tiefer, händefaltender Andacht. Der diese schimmernden Welten in ihren harmonischen Bahnen lenkte, er hatte doch auch mein armes Menschenlichtlein nicht vergessen.

Aber wieder sollte mir eine Enttäuschung werden und eine um so furchtbarere, als ich nicht im entferntesten an ihre Möglichkeit gedacht hatte.

Als nämlich nach etwa fünf Wochen die Verlassenschaftsabhandlung stattfand, stellte es sich heraus, daß Marie, welche ihr Erbteil in die Wirtschaft gesteckt hatte, eine Bettlerin war. Nicht ein Nagel vom ganzen Haus, nicht eine Schindel auf dem Dache gehörte ihr; Herr auf dem Oberleitnerhofe war ihr Bruder Bartel, der kaltlächelnd seine Forderungen präsentierte.

Nun ging mir erst ein Licht auf, warum Bartel die Heirat gerade mit dem leichtsinnigen Oberleitner eingefädelt hatte. Er hatte auf Maries Vermögen spekuliert, und nur auf diesem Wege war es ihm möglich gewesen, seinen Plan auszuführen. Sein ganzes Verhalten mir und Marie gegenüber, als wir noch Liebesleute waren, war mir nun mit einem Male klar. Alle hatte er uns übertölpelt, die kranke Mutter, Marie und mich.

Dazu hatte mich also das Schicksal hergeführt, um hilflos einer Niederträchtigkeit zusehen zu müssen, die mich mit unbändigem Hasse gegen den erfüllte, der sie verübte? Dazu also hatte mich das Schicksal hergeführt, um zähneknirschend dienen zu lernen, die ganze Qual der Hilflosigkeit gegenüber der Gemeinheit fühlen zu müssen?

Nein, es hatte mich zu anderem hergeführt.

Es war am Faschingmontag. Draußen herrschte Tauwetter und durch die noch mit tiefem Schnee bedeckte Natur ging es wie erstes Frühlingsahnen.

Ich klopfte eben mit dem zweikantigen Hammer an einem Mühlensteine umher, als ich in der großen Mühlenstube nebenan, von der eine kleine Stiege ins Werk hinunterführte, Stimmen vernahm, die immer lauter wurden. Die eine schien mir die Stimme Mariens zu sein und das machte mich neugierig, so daß ich zur Tür emporschlich und horchte.

Es war wirklich die Stimme der Oberleitnerin und ich hörte, wie sie eben rief: „Bartel, das kann nit dein Ernst sein, daß du mich und meine Kinder wie ein Bettelvolk von Haus zu Haus in die Einlag gehen laßt. Als Dienstmagd nimmt mich mit zwei Kindern ja auch niemand auf, schon gar nit jetzt, wo ich ja selber nit gesund bin. Ich kann mich seit dem letzten Kind noch immer nicht erholen. Du brauchst ja eh wen, der dir die Wirtschaft führt, und es wird doch gescheiter sein, wenn deine Schwester Wirtschafterin ist, statt eine fremde Person. Bartel, überleg dir’s!“

„Da gibt’s kein Überlegen,“ sagte er kalt. „Ich werd mir nit ein paar Leut ins Haus nehmen, die keine Kraft zur Arbeit, aber allweil hungrige Mägen haben.“

„Kann ich dafür, daß ich so heruntergekommen bin?“ entgegnete Marie. „Du selbst hast mich ja an den Lumpen verkuppelt. Ich hätt schon auf den Heinrich gewartet. Aber du hast keine Ruh gegeben und hast die Mutter so lange beredet und hast auch mir selber so lange zugeredet, bis ich in meiner Verzagtheit nachgegeben hab.“

„Laß mich aus mit die alten Geschichten und halt mich nit länger auf. Es bleibt bei dem, was ich gesagt hab und damit basta!“

Und wieder die Stimme Maries in angstvollem Flehen: „Ich bitt dich, Bartel, sei barmherzig. Denk an unsere Mutter. Ich arbeite ja, was in meinen Kräften steht, und ich begehre keinen Kreuzer Lohn dafür. Nur dableiben können! Schau doch das arme Kind da an! Könntest du’s übers Herz bringen, daß es mit mir betteln gehen sollte? Ich bitt dich, Bartel, so viel Mitleid mußt du ja doch haben.“

Ich hörte, wie die Stimme Maries in Schluchzen erstickte. Aber da klang auch schon wieder Bartels Stimme hart und kalt wie Metall: „Ich hab geredt. Und die Winslerei mag ich schon gar nit. Schau, daß du weiterkommst mit deinem Bankert.“

Das Wort traf mich wie ein Peitschenhieb und schon wollte ich in die Stube hineinstürmen, da hörte ich’s drinnen scharf und schrill: „Du, einen Bankert nennst du mein Kind nicht! Braver sind wir alle zwei als du. Ich weiß schon, warum du uns nit dabehalten willst! Weil du, so oft du uns anschaust, an deine Schlechtigkeit denken müßtest. Ja, ja, schau mich so wild an, wie du willst, jetzt ist alles gleich. Noch einmal sag ich’s: an deine Schlechtigkeit. Ums Geld hast du mich gebracht und darum hab ich den Oberleitner heiraten müssen, der, wenn er auch ein miserabler Lump war, gegen dich noch alleweil ein Ehrenmann gewesen ist. Du, Bartel, du bist der schlechteste Kerl auf dieser Welt.“

Auf diese in sinnlosem Zorn hervorgestoßenen Worte hörte ich einen dumpfen Schlag und dann fing das Kind zu schreien an.

In mir zitterte jeder Nerv, aber noch hielt ich an mich. Wie ich es zustande brachte, weiß ich heute noch nicht.

Gleich darauf aber vernahm ich wieder Maries Stimme: „Schlag zu, schlag zu, erschlag mich, wär’ nicht dein schlechtestes Stück!“ und fast gleichzeitig einen gellenden Aufschrei des Kindes.

Nun war’s mit meiner Selbstbeherrschung zu Ende. Ich riß die Türe auf und da sah ich Bartl auf seiner Schwester knien und sie schäumend vor Wut mit den Fäusten bearbeiten. Daneben aber an der Tischkante lag das Kind regungslos und aus einer Kopfwunde rann Blut.

Mein Kind war das! Mein Kind erschlagen!

Vor meinen Augen tanzten rote Feuer, und in der nächsten Sekunde sauste mein scharfkantiger Werkhammer mit aller Wucht, deren ich fähig war, auf Bartels Kopf hernieder, die Schädeldecke durchschmetternd.

So bin ich zum Mörder geworden.

Aber ich war merkwürdig still. Kein Entsetzen über meine eigene Tat stieg in mir auf, ja, es war mir, als sei ich von etwas erlöst, was immer und immer meine Brust gepreßt hatte. Ich glaube, ich habe wirklich aufgeatmet, als ich den Hammer nach einiger Zeit fallen ließ.

Vor mir lag ein toter Mann und neben ihm kniete Marie und sah mich mit entsetzensstarren Augen an, unfähig, ein Wort über die Lippen zu bringen und des eigenen Kindes vergessend, das noch immer bewußtlos am Tischfuße lag.

In mir aber war’s klar. Das hatte kommen müssen, dazu war ich also bestimmt gewesen. So sollte also auch das folgende seinen gesetzmäßigen Lauf nehmen. Ich nickte Marie zu und verließ die Stube.

In aller Ruhe kleidete ich mich um und verließ die Mühle, als eben die Dienstleute zusammenzulaufen begannen und in dem ersten Schrecken nicht einmal daran dachten, den Mörder festzuhalten. Unangefochten erreichte ich die Eisenbahnstation und noch am selben Abend stand ich vor dem Untersuchungsrichter und erzählte ihm wahrheitsgetreu, was ich getan.

Der Prozeß nahm einen raschen Verlauf. Meine Angaben bestätigten sich als vollkommen der Wahrheit entsprechend, und obwohl sich der Staatsanwalt pflichtgemäß alle Mühe gab, mich als schwärzesten Verbrecher, als Menschen voll des schnödesten Undanks hinzustellen, fiel meine Strafe doch wider mein eigenes Erwarten äußerst gelinde aus: ich wurde nur wegen Totschlages zu zwei Jahren Kerker verurteilt. Die vielen bösen Dinge, die jetzt von Bartel bekannt wurden, vor allem aber die unsauberen Machenschaften, durch die er neben vielen anderen Menschen seinen Schwager und damit seine eigene Schwester um ihr Vermögen gebracht hatte, fielen bei den Geschworenen so schwer ins Gewicht, daß sie mir alle ihre Sympathie zuwandten. Wäre meine militärische Vorstrafe nicht gewesen, ich wäre sogar noch glimpflicher darausgekommen.

Ich nahm das Urteil mit aller Ruhe hin, ja, es erfüllte mich sogar eine gewisse Genugtuung. Da Bartel nicht verheiratet war und auch sonst keine Menschen mit näheren Ansprüchen vorhanden waren, mußte also Marie die Erbin der Mühle und seines Vermögens sein und ich hatte sie also, ohne dies zu wollen, vor dem traurigen Lose bewahrt, ihr Brot vor fremden Türen suchen zu müssen. Ich hatte sie und mein Kind gerettet.

XV.

Noch immer liegt die Sommerglut über der Landschaft. Alles Gras ist vergilbt und selbst auf den Bäumen rollt sich schon das Laub ein und färbt sich gelb. Meine Quelle, die noch in keinem der Jahre, da ich hier in der Einsamkeit lebe, ausgetrocknet ist, nun gibt auch sie keinen Tropfen mehr und ich muß mir mein Wasser vom See holen. An den Fichten- und Tannenstämmen rinnt das Harz in hellen Bächlein herab und ein Duft steht in der Luft, drückend und schwül, daß man kaum atmen kann. Wie Schleier von stumpfem Bleigrau zieht es sich um die Berge und selbst in den Nächten ist nicht mehr das klare, dunkle Blau zu sehen, sondern ein trübes Dunkel, aus dem die Sterne nur ganz matt hervorleuchten. Ab und zu jagen Blitze durch den Nachthimmel und in weiter Ferne grollt ein dumpfes Murren auf; aber das erlösende Gewitter will nicht kommen.

Die Vögel singen nicht mehr, sondern ab und zu wird nur ein leises Piepsen laut, die Rehe und Hirsche ziehen langsam zum See und scheinen wie in der futterarmen Winterszeit alle Scheu abgelegt zu haben, denn wenn ich mit meinem Kruge an das Ufer komme, da heben sie wohl spähend die Häupter, sehen mich aber ganz ruhig, fast traurig an und ziehen langsam, den Boden nach einem grünen Kräutlein abschnuppernd, in den Hochwald zurück.

Ein tiefes, banges Müdesein hat von der ganzen Natur Besitz ergriffen, ein Gleichgültigsein und stumpfes Fügen ins Unvermeidliche. Vielleicht ist’s auch nur ein Träumen, ein ahnendes Erwarten. Denn mitunter seh ich’s, da geht durch einen Baum plötzlich ein leises Zittern, da ist’s, als hätte ihn der Gedanke an ein nahes Glück erfaßt, das ihn süß durchbebt.

Denn nichts kommt von ungefähr, alles muß kommen und meldet sich in geheimnisvollen Schauern an. Die natürlichen Wesen empfinden diese Schauer; der Mensch ist ihnen fremd geworden, weil er sich der Natur entfremdet hat.

Auch in mir zittert nun manchmal solch ein geheimnisvolles Schauern auf und mir ist dann, als müßte etwas kommen, was meinem Frieden eine göttliche Krone auf das leuchtende Seraphshaupt drückt, als müßte sich mir noch eine Tiefe erschließen, voll der heiligsten Wunder, und als müßte eines derselben aufsteigen und meinem so still und schön gewordenen Leben die letzte Weihe geben, das letzte unverstandene Sehnen stillen, das mir dann und wann wie ein fernes Wetterleuchten durch die traumstille Seele huscht.

Vielleicht kommt’s, wenn sich in diesen Blättern der Ring meines Lebens geschlossen hat. Darum will ich eilen und von der letzten Station auf meinem Pfade zum Frieden der Einsamkeit erzählen.

Ich war also Sträfling. In einem weiten, grauen Saale wurde ich mit anderen damit beschäftigt, Papiersäcke zu kleben. Stunde um Stunde stand ich dort und verrichtete mechanisch diese Arbeit. Meine Gedanken aber, die gingen weit, weit ab von dieser grauen, eintönigen Welt ihre Wege und besonders nachts, wenn ich in der dunklen Zelle wach auf meiner Pritsche lag, da wichen die Mauern um mich und ich fand mich in einem fremden Lande und da gab es kein Verbrechen, da war nur harte, unerbittliche Notwendigkeit.

Und als ich wieder einmal durch dieses fremde Land schritt, da kam meiner müden, zermarterten Seele eine andere entgegen und die fragte die meine: „Warum bist so müde und warum blutest du?“

Und da sprach meine Seele leise: „Ich habe geliebt.“

Da brach ein hartes, herrisches Leuchten aus der anderen Seele hervor und sie sagte: „Dann mußt du allerdings leiden. Denn wer liebt, muß auch hassen und der Haß schlägt seinem eigenen Herrn die schmerzlichsten Wunden. Tue ab deine Liebe und du wirst stolz, stark und gesund werden. Nichts so lieben, daß es weh tut, wenn man’s verliert, nichts so hassen, daß man ihm nicht doch die Hand reichen möchte, das ist das Vernünftige. Nur so kommst du zur Ruhe und Ruhe ist Kraft.“

Tagelang sann ich über diese Worte nach, die die dunkle Nacht zu mir gesprochen, und immer wieder und wieder ließ ich mein Leben an mir vorüberziehen. Und es war wirklich so: die Liebe hatte mich in dieses graue Haus gebracht, die Liebe, die den Haß an der Hand führte. Von ihr mußte ich mein Herz lösen und ich tat es.

Wie ein eisiger Hauch ging es durch meine Seele, alles ertötend, was noch an menschlicher Liebessehnsucht darinnen lebte und webte, und dann war ich einsam, so einsam, daß mir vor mir selber graute.

Und wieder gingen meine Gedanken auf Wanderschaft und die Frage stieg vor mir auf: was wird das werden, wenn du wieder unter die Menschen zurückkommst? Du wirst dich abfinden müssen, denn wenn du leben willst, so bist du auf sie angewiesen. Das Königtum meiner eben erworbenen Einsamkeit bäumte sich dagegen auf und ich beneidete das Tier, das das Glück genießt, auf sich selbst gestellt zu sein.

Aber bald sagte mir mein Denken, daß auch das Tier von seinesgleichen abhängt, wieder vom Tiere, und damit tröstete ich mich. Aber eines stand fest in mir: ich wollte den Menschen dienen, mir von ihnen mein Brot verdienen, aber mit meinem Herzen sollten sie nichts mehr zu tun haben. Niemand lieben und niemand hassen: das sollte in Zukunft mein Leitstern sein.

Der Gefangenhausdirektor, ein guter Mensch, der, wie ich heute weiß, die lebhafteste Sympathie für mich hegte, hatte schon einen Posten für mich in Aussicht. Ich sollte bei einem reichen Holzhändler, welcher Mitglied des Vereins zur Unterstützung für entlassene Sträflinge war, Aufseher über den Holzplatz werden.

Aber ehe er noch dazukam, mir von dem günstigen Abschluß seiner Verhandlungen zu erzählen, fand ich meinen ferneren Lebensweg.

Eines Tages wurde ich gerufen: eine Frau wünsche mich zu sprechen.

Meine Ahnung bestätigte sich: es war Marie. Die Sorge um mich hatte sie hierher getrieben. Sie wußte, daß meine Strafzeit zu Ende ging und war gekommen, mir ihren rettenden Arm zu bieten.

Als ich eintrat, zuckte sie zusammen, dann aber reichte sie mir beide Hände und sagte: „Grüß dich Gott, Heini!“

Kein Wort kam sonst über ihre Lippen, aber in ihren Augen lag Liebe, Glück und Leid. Noch heute fühle ich diesen Blick in all seiner Innigkeit; dazumal aber wandte ich mich ab.

Es herrschte eine Weile Stille.

Da nahm Marie das Wort und fragte: „Nit wahr, Heini, in einem Monat bist du frei?“

Ich nickte und sah sie fragend an.

Wieder mußte sie sprechen und stockend kam es über ihre Lippen: „Heini, ich möchte dich bitten, zu mir auf die Mühle zu kommen!“

Diese Bitte kam mir unerwartet, aber auch unerwünscht. Ich wollte nicht mehr unter Menschen und darum erwiderte ich: „Nein, das geschieht nicht. Ich bin mein Leben genug unter Menschen gewesen und diesem Aufenthalt verdank ich dieses Gewand hier. Ich möcht’s jetzt einmal allein probieren. Zu dir kommen, ginge aber überhaupt nicht. Über kurz oder lang müßte ich da ja doch einen niederschlagen, der sagen täte, ich hätte deinen Bruder nur deswegen umgebracht, damit du Geld kriegst und ich mich bei dir ins warme Nest setzen kann. Und dann: was würden die Leute sagen, wenn du einen Zuchthäusler, den Mörder deines Bruders, bei dir hättest! Nein, nein, ich bleib allein.“

Marie hatte das Haupt gesenkt. Nun hob sie es stolz empor und sagte: „Was die Leute sagen, ist mir gleich, was mir mein Herz sagt, das ist für mich das Wichtigste.“

„Und für mich das, was mein Kopf sagt,“ warf ich ein, „mein Herz hat schlafen gehn müssen. Ich will nicht, daß es am Ende in der Mühle noch einmal aufgeweckt würde.“

Aber Marie gab ihren Plan nicht so leicht auf: „Heini, ich glaube, uns hat das Schicksal so arg in die Hand genommen, daß wir nichts mehr zu fürchten haben. Ich will dich nur bei mir haben, um dich vor Not sicher zu wissen. Ich hätte ja auch eine Arbeit für dich: die Oberaufsicht über die Kohlenbrennerei im Seeforst. Das könntest du ja doch leicht besorgen. Schau, Heini, es hat halt nit sein sollen, daß wir zwei einmal zusammenkommen. Warum, das wissen wir nit. Aber es ist so und wir müssen uns fügen. Aber um das eine bitt ich dich, Heini, laß mir wenigstens den Trost, daß ich dich sicher vor Not und Elend weiß. Für mich hast du gelitten, meine Pflicht ist’s, dafür zu sorgen, daß du in Zukunft in Ruh und Frieden leben kannst.“

Ihre Stimme zitterte und ihre Augen hatten sich mit Tränen gefüllt.

In mir war für einen Augenblick ein heißer Strom aufgewallt; aber er verrieselte im Wüstensande meines Herzens und kalt entgegnete ich: „Ich hab nicht für dich gelitten, sondern nur für mich selber. Als ich deinen Bruder niedergeschlagen habe, da hab ich nicht an dich gedacht, da hab ich nur meine eigene Wut befriedigt. Du bist mir nichts schuldig.“

Marie sah mich starr und entsetzt an, dann rief sie: „Nein, Heini, das glaubst du selber nit. Weil sie dich schlecht gemacht haben, liegt dir nichts mehr dran, und du willst dich selbst auch schlecht machen. Heini, das darfst du nimmer sagen!“

Ich zuckte die Achseln, und es war mir wirklich vollkommener Ernst, als ich sagte: „Ob sie mich schlecht gemacht haben oder nicht, das ist mir gleichgültig. Was mein Verteidiger gesagt hat, ist mir geradeso gleichgültig, wie das, was der Staatsanwalt gesagt hat. Für mich gilt nur das mehr, was ich selber über mich denke. Andere Leute gelten mir nichts mehr.“

Marie sah mich groß und traurig an und fragte leise: „Auch ich nit?“

„Auch du nicht.“

Da senkte sie den Kopf und ein Schluchzen erschütterte ihren Körper.

In mir ward kein Mitleid wach, sondern nur ein Gefühl unendlicher Erhabenheit über dies kleine Menschentum. Ich legte dem weinenden Weibe die Hand auf die Schulter und sagte: „Wein nicht, Marie, es steht nicht dafür. Ich habe zuviel denken gelernt, als daß wir zwei uns noch verstehen könnten. Aber wenn dir’s irgend einen Trost gewähren kann, so verspreche ich dir, daß ich mir deinen Antrag überlegen will. Irgend etwas muß ich anfangen und vielleicht paßt mir die Kohlenbrennerei im Seeforst am besten. Für mich ist die Hauptsache, daß ich allein sein kann.“

Da schlug Marie ihre tränenfeuchten Augen zu mir auf, und wie ein zarter Sonnenstrahl leuchtete es in denselben auf, als sie sprach: „Ja, Heini, versprich mir’s, daß du wenigstens kommst. Wie du dir’s einrichten willst, das sei dir überlassen. Wenn du glaubst, daß du nur mehr allein sein kannst und darfst, ich will dir nicht dreinreden. Also gib mir die Hand darauf.“

Ich reichte ihr die Hand, und so bin ich nach Ablauf meiner Strafzeit der geworden, der ich heute bin, der Kohlenbrenner im Seeforst.

Marie hat mir die Hütte etwas wohnlicher herrichten lassen und Woche für Woche bringt mir ein Knecht aus der Mühle die nötigen Lebensmittel.

Im Anfange habe ich mich scheu von allen Menschen fern gehalten und vermied es selbst mit dem zu sprechen, der mir die Nahrungsmittel brachte oder die Kohlen holte. Aber diese Art Einsamkeit war mir kein Segen. Meine Gedanken waren noch immer bei den Menschen, und fühlte ich auch keine Liebe, keinen Haß, ein Groll war doch da, ich machte die Menschen für mein verpfuschtes Leben verantwortlich.

Allmählich aber begann der Wald zu mir zu sprechen. Öfter und öfter geschah es, daß ich der Menschen ganz vergaß und nur mehr den Stimmen lauschte, die da um mich tönten: dem Windgesang in den Wipfeln, dem Läuten der Hummeln über den blühenden Kräutern, den raunenden Stimmen der Nacht und dem lauten Jubel der lichtfreudigen Sänger. Und da wachten auch meine Augen auf, und mit stummem Entzücken tranken sie die Schönheit von Licht und Farbe im Wechsel der Tages- und Jahreszeiten. Zum ersten Male glaubte ich nun das leuchtende Silber der Mondnacht zu sehen, das samtene Dunkel des sterngestickten Himmels, den Rosenflor der Morgenfrühe und den Goldstrom des Abends. Neu war mir die weiße Wunderwelt des Winters und das große, zitternde Schweigen glühender Sommertage.

Und je mehr ich mich diesem Schauen und Lauschen hingab, desto tieferes Glück zog in meine Seele ein und dieses Glück führte einen scheuen Gast an seiner Hand: die Liebe. Jede Schönheit weckt Liebe. Und da wurden mir alle die Wesen, Tier und Pflanze, um mich vertraut und sie in ihrem lauten und leisen Leben zu beobachten, war nun das Licht meines Tages. Wie tief hat es mich geschmerzt, wenn ich eines der geliebten Wesen sterben sehen mußte! Da ist es mir wohl mitunter gewesen, als sei all die Schönheit trügerischer Schein und die Freude daran Verruchtheit. Aber als ich eines Tages an der Stelle, wo ich ein verendetes Reh begraben hatte, einen so üppigen Flor von Waldblumen fand, wie nirgends sonst, da wußte ich, daß auch aus dem Tode neues Leben erblüht. Und kann tot sein, was neues Leben schafft?

Mir war, als hätte bisher ein Vorhang vor meiner Seele geschattet und eine starke Faust hätte ihn nun plötzlich weggerissen. Eine Segensflut heiligen Lichtes durchströmte meine tiefsten Tiefen und jauchzend ward ich mir bewußt: es gibt keinen Tod, es gibt nur ewiges Leben. Was vergeht, ist nur Form, das Wesen bleibt von Ewigkeit zu Ewigkeit. Diese Welt aber ist die Welt der Form. Wenn sie ihren Zweck erfüllt hat, fällt sie. So verwittert der Stein, so verwelkt die Pflanze, so verendet das Tier, so stirbt der Mensch, so wird einst dieser riesige Erdenball, in Atome zersplittert, ans Herz der Urmutter Sonne zurücksinken. Aus Mutterarmen kommen wir, in Mutterarme gehen wir und einsam sind wir nur, solange wir an die vergängliche Form gebunden sind. Sie aber ist notwendig, notwendig wie für den Schmetterling die Puppe, aus der er zum Lichtdasein erwacht.

So habe ich mich mit der Einsamkeit abgefunden und so ist sie mir Freundin, ja noch mehr, sie ist mir mein Lebenslicht geworden.

Millionen und Millionen leben neben mir auf dieser Erde. Aber ich muß einsam sein, denn ich muß den Zweck meiner Form erfüllen und dazu kann mir kein Mensch etwas geben, davon kann mir keiner etwas nehmen. Niemand kann für einen andern leben oder sterben; er tut es nur immer für sich selbst.

Seitdem ich dieses Gesetz begriffen, ist in mir Friede, und kein Mensch ist imstande, denselben zu stören. Ich weiche deswegen auch keinem Menschen mehr aus, denn ich weiß, er kann meine Kreise nicht stören. Ich bin der Einzige auf der weiten Welt!