Der Einzige auf der weiten Welt: Ein Menschenleben
Part 14
Noch eine Weile saß ich so, -- ließ mein Leben an mir vorüberziehen und stellte fest, daß ich für jede Minute Glück mit Stunden von Herzeleid hatte zahlen müssen. Mehr hatte ich bezahlt als mein ganzes Leben wert war und darum hatte ich bankrott werden müssen. Also Schluß!
Eben wollte ich bezahlen, als ein Mann in die Gaststube trat. Ich sah ihn an, er mich und da ging er auch schon auf mich zu, reichte mir die Hand, sagte: „Jetzt weiß i nit, bist du’s, oder bist du’s nit!“
Es war Bartel, der mich forschend ansah. Der Bart, den ich mir aus Ersparnisrücksichten hatte wachsen lassen müssen, ließ ihn doch ein Weilchen bezweifeln, ob er den Rechten vor sich habe.
Ich legte zögernd meine Hand in die seine und gab mich zu erkennen: „Ja, ja, schau mich nur an, ich bin’s!“
„Also doch! Gehört hab’ i schon, daß du vom Militär zurück bist. Aber sag’ mir, warum bist denn nit heimgangen?“
Er sagte das so unbekümmert heraus, daß ich stutzig wurde. Doch erwiderte ich: „Da fragst du? Was hätt’ ich denn bei euch gemacht? Wär’ euch ja doch nur im Weg umgangen, dir und der Marie! Und zum Arbeiten bin ich mit meinem blessierten Arm doch auch nichts mehr.“
Bartel kniff die Augen zusammen, ein eigentümliches, widerliches Lächeln spielte um seine schmalen Lippen und dann sagte er: „Weilst schon selber anfangst davon, na ja, eine recht große Freud könnt meine Schwester, die Oberleitnerin, freilich über dich nit haben. Zuerst bringst du’s in die Unehr und dann laßt du von dir nix mehr hören! Das ist wohl nit grad in der Ordnung gewesen.“
„Das ist nit wahr,“ fuhr ich auf, „ich habe ihr ein paarmal geschrieben, dann freilich, dann hab ich’s nicht mehr können!“
„Geschrieben hast du?“ erwiderte Bartel und schüttelte ungläubig den Kopf, „das versteh’ i dann nit. Wir haben keine Zeile von dir kriegt!“
„Das ist nit möglich!“
„Keine Zeile sag i dir. Na und da haben wir uns halt denkt, du willst von der Mariel und uns nix mehr wissen, und weil gerade der Oberleitner um sie angehalten und zeigt hat, daß er sich auch aus dem Kind nix draus macht, da hat halt die Mutter, besonders die Mutter, freilich ich auch, denn es hat mich geärgert von dir, da haben wir halt der Mariel zugeredet, na und sie hat ihn halt genommen, und so hat wenigstens ihr Kind gleich einen Vater gehabt.“
„Und hat sie ihn gern geheiratet, den Oberleitner?“ fragte ich zagend.
„Na, wenn ich schon ganz aufrichtig sein will,“ meinte Bartel, „ein bißl geweint hat sie schon. Aber jetzt ist sie ganz zufrieden. Mein Gott, bei die Weiberleut ist nix besonders tief. Wie mir der Oberleitner verraten hat, ist sogar schon wieder etwas Kleines im Anzug. Aber sag mir jetzt, wie geht’s denn dir und was bist denn du jetzt?“
„Ich, ein Bettler,“ entgegnete ich. Es stand mir nicht mehr dafür, jemanden meine Lage zu verbergen. Meine Schuld war’s nicht, daß es soweit mit mir gekommen war.
Bartel riß die Augen auf und drängte solange, bis ich ihm alles erzählte, wie es mir seit meinem Einrücken zum Militär gegangen war.
Als ich geschlossen hatte, saß er eine Weile schweigend da, dann sah er mich für ein paar Sekunden mit halb zugekniffenen Augen an und sagte dann langsam, als sei er mit sich selbst noch nicht recht einig: „Du, wie wärs’ denn; i möcht’ unsere Mühl zu Hause auf ein großes Sägewerk einrichten. Da bin ich jetzt oft fort und könnt’ einen verläßlichen Menschen brauchen, der mir auf das Geschäft schaut. Wannst du auch selber nix mehr arbeiten kannst, das Dahintersein könnst doch noch richten. Freilich, geben könnt ich dir nit viel: Quartier und Verpflegung halt und monatlich fünf Gulden. Bis du dir was Besseres gefunden hast, könntest es ja probieren!“
Noch vor ein paar Wochen hätte ich jedes Ansinnen, in die Heimat zurückzukehren, wo mich jeder Winkel an versunkenes Glück erinnern mußte, rundweg abgelehnt; nun aber, da ich verzweifelt vor den dunklen Toren des Todes stand, nun stieg bei dem Gedanken, wieder den Heimatwald rauschen, den Mühlbach plaudern zu hören, eine liebe, liebe Sonne in mir auf. Was mir auch das Schicksal geraubt hatte, ich wollte entsagen, entsagen um das eine Glück, wieder in stiller Sonntagnachmittagsstunde mich an der Berghalde ins wehende Sommergras strecken zu können, die Finken schmettern, die Vesperglocken läuten zu hören und zu fühlen: du bist daheim.
Mit beiden Händen schlug ich ein, und als mich Bartel kurz darauf verließ, da er noch Geschäftsgänge hatte, und mich auf den Bahnhof bestellte, da duldete es mich nicht länger im Gasthaus. Ich mußte hinaus, hinaus aus der Stadt, und droben auf der windumstobenen Höhe, wo mein Oskar und ich einst gestanden und ein heißes Gebet zu Gott emporgesandt hatten, daß er uns Künstler werden lasse, dort stand ich auch diesmal wieder still und in stummem Jubel dankte mein Herz für das Glück, wieder in der Heimat leben zu dürfen. So bescheiden hatte mich das Leben gemacht.
XIV.
Bescheiden werden, das ist der erste Schritt auf dem Wege zum Frieden. Man muß wissen, daß nicht jede Blüte Frucht, nicht jeder Traum Wirklichkeit werden kann. Immer enger und enger muß das Herz den Kreis ziehen, innerhalb dessen es sein Glück sucht und wenn es auf dem engsten angekommen ist, dann ist auch die Stunde da, wo kein Sturm mehr zu schaden vermag, wo in den stillen Gärten des Genügens die Blume der Weltfreude das Auge aufschlägt.
Und ein solcher engster Kreis ist die Heimat.
Heimat! Wem dieser Name ein leeres Wort, der weiß nicht, was irdische Seligkeit ist! Nur die ganz Großen, die Menschen mit dem Ewigkeitszeichen auf den göttlichen Stirnen vermögen darüber hinaus und die ganz Kleinen, denen die Tierheit von den schmatzenden Lippen trieft, die sich wohl fühlen, wo ihnen der Wanst gefüllt wird.
Heimat! Das Wort ist wie ein Lied, in dem alles klingt, was die Seele in Wonnen erbeben macht. Du warst fremd, und auf einmal umschlingen dich warme Mutterarme; du warst einsam und nun fühlst du ein Herz an dem deinen pochen, das Liebe, reinste, zärtlichste Liebe ist; du warst verbittert und da nähert es sich dir treuherzig und lächelt dich an und erzählt dir alte, längst vergessene Märchen, bis deine Augen zu schimmern beginnen im Abglanz der wundersamen Feenreiche; du warst verzweifelt, und da tritt es an deine Seite, schmiegt seine Wange an die deine, drückt seinen Mund in innigem Kusse auf deinen und flüstert dir mit lieber Stimme zu: „Siehe, ich bin ja bei dir und ich verlasse dich nicht. Wenn alle untreu werden, ich bleibe dir treu, ich bin dein, so lange du mich liebst.“
Die Heimat vermag das große Wunder zu vollbringen, den Menschen einsam zu lassen und ihm doch das Gefühl zu geben, wie sich allenthalben treue Hände ihm entgegenstrecken. Wer eine Heimat hat, kann der Menschen entbehren. Sie ist die große Freundin, mit der die Seele Zwiesprache pflegt, ihr ist der Mund der Ewigkeit gegeben, denn über allem Wandel und Wechsel der Menschen, die auf ihren Wegen schreiten, ist sie das Bleibende, niemand weiß so gut wie sie und spricht es so deutlich aus, daß alles Vergängliche nur ein Gleichnis ist.
Welcher Segen mir die Heimat war, das kam mir zum Bewußtsein, als ich wieder in die Mühle eingezogen war. Ich bekam wieder das Stübchen, das ich vor meiner Militärzeit innegehabt hatte und richtete mich da in altgewohnter Weise ein. Wenn ich in den kleinen Raum trat, war ich zu Hause, kam ich aber in die große Mühlenstube, wo die Mahlzeiten stattfanden, dann wußte ich, wieviel sich hier verändert hatte.
Der große Lehnstuhl hinter dem Ofen war leer und an dem kleinen Nähtischchen am Fenster saß kein Mädchen mit blauen, treuen Augen. Wie ein Stich ging mir das immer durchs Herz und eine unendliche Bitterkeit überkam mich, daß dies alles nur ein schöner Wahn einiger Jugendjahre gewesen sein sollte. Gerade hier in der Heimat begriff ich die Schwachmütigkeit meiner Marie gar nicht. Hier, wo ihr jeder Winkel mit seinen süßen Erinnerungen eine Stütze war, hier hätte sie doch stark bleiben können und müssen.
Wenn ich dann aber für ein Stündchen hinauskam, oder wenn mir der Sonntag seinen Feierfrieden mit tönenden Glocken verkündete und der Wald seine grünen Pforten vor mir auftat, dann wurde ich wieder ruhig und eine stille Heiterkeit ließ mich alles Weh vergessen.
Da lag ich dann hoch oben auf der Berghalde, träumte hinauf in die segelnden, weißen Wolken oder hinunter in das Tal, wo hinter den Häusern gegen den Wald hin der Friedhof lag. Und wenn mein Blick die Gräber der Eltern und der Müllerin gefunden hatte, dann nickte ich ihnen zu: was ihr erhofft, das bin ich allerdings nicht geworden, aber glücklich bin ich jetzt doch und mehr kann ein Mensch auf Erden ja überhaupt nicht erreichen. Sei es nun so oder so.
Selbst zum Oberleitnerhof konnte ich in solchen Stunden ohne Groll hinüberblicken und glaubte jedesmal, verwunden zu haben. Daß dies nur eine Täuschung, ward mir freilich dann wieder klar, wenn ich Marie ab und zu auf dem Wege zur Kirche sah. Da begann es immer sofort in mir zu rieseln, als sei eine Wunde aufgebrochen und ergieße ihr Blut in heißen Strömen durch meinen ganzen Körper. Eine solche Begegnung warf mich oft für Tage aus dem Geleise, auf dem ich meine Seele zur Ruhe einlullen wollte.
Zum Glück gab es für mich in der Mühle ziemlich viel zu tun. Bartel war meistens auswärts und ich staunte selbst, mit welcher Energie dieser ganz ungebildete Mensch seine Pläne betrieb, mit welcher Voraussicht und List er zu Werke ging. Er war ganz und gar Rechner, kalter Zahlenmensch. Er interessierte sich nur für seine eigenen Sachen und er tat nichts, was nicht in irgend einer Weise für ihn einen Gewinn abwarf. Ich hatte auch bald heraus, daß meine Anstellung durchaus nicht einer edlen Aufwallung seiner Seele zuzuschreiben war, sondern einem ganz einfachen und nüchternen Rechenexempel.
Da er soviel auswärts war, brauchte er einen, der ihm auf sein Geschäft sah. Da war nun ich ihm gerade zurecht gekommen. Mich kannte er und wußte, daß ich nicht nur meine Pflicht gewissenhaft erfüllen würde, sondern daß ich bei meinem Unvermögen, mir auf andere Weise einen Verdienst zu schaffen, auch gezwungen sei, mir nichts zuschulden kommen zu lassen. Dabei konnte er mich so billig haben, wie sonst keinen und hatte obendrein den Vorteil, daß ich auch die nötigen schriftlichen Arbeiten selbst besorgen konnte.
Diese Erwägungen stumpften mein ursprüngliches Dankgefühl sehr bedeutend ab, und es machte sich mit der Zeit auch wieder die alte Antipathie geltend, die ich von jeher gegen Bartel empfunden, eine Zeit wohl unterdrückt, aber doch nicht aus meinem Herzen hatte ausrotten können.
Und diese Antipathie wurde verstärkt, wenn ich die Leute betrachtete, die in der Mühle aus und ein gingen.
Zu dem intimsten Verkehr Bartels zählten ein Pferdehändler, dem man in der ganzen Gegend kein gutes Wort nachsagte; ein Güterschlächter, einer der abgefeimtesten Halunken, der kalten Blutes ganze Familien ins Unglück jagte; ein Hausierer, der für das ehrenwerte Trifolium die Kundschafterdienste versah, und schließlich auch der Schwager Oberleitner, ein Säufer und Spieler wie kein zweiter in der Gegend. Schon vor seiner Verheiratung war er als leichtsinniger Bruder allgemein bekannt gewesen; jetzt aber trieb er es noch weit ärger und strafte jene Leute Lügen, die da immer gesagt hatten, er tobe sich halt aus und wenn er einmal ein braves Weib habe, werde er schon anders werden. Das merkwürdige war nur das, daß Bartel mit dem Treiben seines Schwagers ganz einverstanden zu sein schien.
Ab und zu hörte ich auch von wenig ehrenhaften Machenschaften munkeln, die das edle Kleeblatt ausgeführt hatte, und dann stieg es jedesmal siedend in mir auf, wenn ich bedachte, daß ich auf Gnade und Ungnade in die Hand Bartels gegeben war. Er war mein Brotherr und ich war unfähig, mir einen anderen Verdienst zu suchen. Was nützte es mir, wenn ich daran dachte, daß mich Bartel, wenn er mich einmal nicht mehr brauchte, ganz gewiß kaltblütig dem Armenhause überantworten werde? Vorläufig konnte ich mich über ihn noch nicht beklagen, und so gab ich mir Mühe, nichts zu sehen und vor allem, wenn ich schon etwas sah und hörte, darüber weiter nicht nachzudenken. Mein wrackes Schifflein lag im Heimatshafen und das war schließlich für mich schiffbrüchigen Menschen genug. Ich konnte leben, und das ist für einen, der auch diese Möglichkeit schon schwinden hatte sehen, ein Geschenk, das er in Demut aufzunehmen hat.
Aber diese erzwungene Demut und dieses erkünstelte Gehenlassen sollten einen gewaltigen Stoß erfahren.
Es war meiner Mutter Sterbetag und ich ging auf den Friedhof.
In Gedanken versunken schritt ich durch die Pforte und erst als ich schon in der Nähe des Grabes war, sah ich auf, und da sah ich Marie vor mir, der ich bislang ausgewichen war, als sei sie mit der Pestilenz behaftet.
Auch jetzt wäre ich am liebsten davongelaufen, aber da wandte sie mir ihr Gesicht zu, ein so furchtbar verhärmtes Gesicht, daß alles, was an Groll und Verachtung in mir lebte, dahinschwand wie Reif vor der Maiensonne. Was ich mir selbst immer wieder abgestritten hatte, daß Marie ein Opfer gewesen sei, das bestätigte mir dieses blasse Antlitz bei dem ersten Blick, den ich darauf warf, und als sich mir Marie nun näherte und die Augen traurig, fast angstvoll zu mir aufschlagend, mir die Hand reichte und leise sprach: „Grüß dich Gott!“, da mußte ich ihr doch auch meine Rechte geben. Aber ich spürte, wie ich dabei zitterte und wie mir ein brennendes Rot in die Wangen schoß.
Eine Weile blieb es zwischen uns still. Ich hatte den Blick gesenkt, fühlte aber, daß mich Marie ansah.
Da sah ich unter meinen gesenkten Lidern den frischen Reisigkranz mit einigen Bauernblumen, den sie auf das Grab meiner Mutter gelegt hatte, und da mußte ich ihr doch danken.
„Der Kranz ist von dir, gelt?“ sagte ich, „ich dank’ dir schön, daß du noch an meine arme Mutter denkst.“
„Ich hab sie ja gern gehabt,“ war die leise Antwort.
Darauf wußte ich nichts zu sagen. Ein unendlich wehes Gefühl schnürte mir die Brust zusammen. Der Ton, in dem diese Worte gesagt waren, war Sehnsucht nach etwas, was verloren und versunken war, und er sagte mir, daß da ein tief unglückliches Weib neben mir stehe. Und hätte mir’s der Ton nicht gesagt, so das stille Schluchzen, das ich nun an meiner Seite hörte.
Und da fand mein bebendes Herz die Worte: „Geh wein nit, Marie, schau, es war uns halt anders bestimmt. Jetzt müssen wir’s halt tragen, wie’s gekommen ist.“
Da wandte sie mir ihre feuchten Augen zu, aus denen große Tränen über die Wangen kollerten, und sagte: „Ja, jetzt heißt’s tragen, hoffentlich dauert’s nimmer zu lang.“
„Du bist Mutter, Marie,“ entgegnete ich, „da sollst du nit so reden!“
Auf diese Worte senkte sie das Haupt und tonlos kam es von ihren Lippen: „Ja, ich bin Mutter, aber nur von unserem Kind, Heini, das --“ ihr Blick glitt an ihrem gesegneten Leibe hinab, „das wird seine Mutter wohl nie kennen lernen.“
Und in einer Leidenschaft, wie ich sie an Marie nie gesehen und nie für möglich gehalten hätte, brach sie aus: „Heini, ich bitt’ dich, hör’ mich an! Ich weiß, daß du mich verachtest. Aber ich kann nichts dafür, daß alles so gekommen ist. Bei unserem Herrgott schwör ich dir’s, ich kann nichts dafür. Schwach bin ich gewesen, ja, aber schlecht nit, das nit.“
Ich wollte abwehren, aber sie bat und flehte: „Ich bitt dich, Heini, laß mich’s erzählen, wie alles so gekommen ist. Ich muß dir’s sagen, denn dann wird mir leichter werden. Du mußt mir verzeih’n, nur das eine will ich noch auf der Welt, sonst nichts mehr.“
An die Friedhofmauer gegenüber dem Eingang war eine kleine Kapelle hingebaut, von Hollerbüschen und jungen Fichten umgrünt, und zu beiden Seiten derselben standen rohe Holzbänke. Am Allerseelenabende, wenn auf jedem Grabe das kleine Lichtlein flackerte, saßen hier in der nebeldurchrieselten Dämmerung die Dorfleute und beteten für die Dahingegangenen einen Rosenkranz.
Auf einer dieser Bänke setzten uns Marie und ich nieder und hier im Angesichte der Toten erzählte sie mir von dem, was in ihr gestorben war: der Freude am Leben, dem Glauben, daß es noch einmal für sie ein Glück geben könne.
„Ich bin zu schwach,“ sagte sie mit tonloser Stimme, „ich kann mich nicht wehren bis zum äußersten. Das ist schon früher mein Fehler gewesen und darum muß ich jetzt so büßen!“
Und nun erzählte sie mir, wie alles gekommen war. Man hatte ganz einfach ihren Zustand ausgenützt, um sie den Wünschen Bartels gefügig zu machen. Er erkannte, daß es mit der Mutter nicht mehr lange dauern würde und wollte dann unumschränkter Herr auf der Mühle sein. Da war ihm aber die Schwester im Wege und deshalb ging sein ganzes Sinnen und Trachten dahin, sie loszubringen. Daß dies am besten durch eine Heirat möglich sei, lag ja auf der Hand; daß sich Bartel aber auch durch diese Heirat allmählich in Besitz von Maries Erbteil bringen wollte, das wußte sie damals noch nicht und auch mir ging das Licht zu spät auf.
Bartel hatte die Mutter infolge seines ganz geänderten Wesens vollständig in Händen, und sie war es nun, welche Marie bestürmte, dem Oberleitner die Hand zu reichen. Tag für Tag, jede Stunde, die sie an der Seite der Kranken zubringen mußte, lag ihr diese mit Jammern und Klagen in den Ohren. In ihrer Verzweiflung hatte sich Marie in ihren Briefen zu mir geflüchtet, hier suchte sie Schutz; aber keine Antwort kam, und Bartel und die Mutter benützten diese Gelegenheit, um ihr zu beweisen, daß ich sie vergessen habe. Stets eindringlicher, flehender wurden die Bitten der Mutter und an einem Nachmittage, als die Kranke schon sehr elend war, da rief sie Marie zu sich und mit leiser, ächzender Stimme, jedes Wort sich mühsam abquälend, sprach sie: „Marie, i kann nit leben und i kann nit sterben. Leben will mich unser Hergott nimmer lassen und sterben laßt mich du nit. Und so muß i leiden, in einem fort leiden, wo i doch jede Stund um Erlösung bitt. Marie“ -- der Erzählenden traten die Tränen in die Augen, als sie nun schilderte, wie die Mutter die abgemagerten, gelben Hände zu ihr emporgehoben und sie mit der ganzen Inbrunst ihrer Erlösungssehnsucht gebeten hatte -- „Marie, du bist mein Kind und ich hab dich allweil gern gehabt, lieber, viel lieber als deinen Bruder, Marie, ich bitt dich, um Gotteswillen, hilf mir, laß mich sterben. Heirat den Oberleitner, er ist ein Bauer und paßt zu dir, der Heinrich ist halt doch ein Studierter und der kommt vom Militär nimmer zurück, gewiß nit. Wann i dich versorgt weiß, Marie, dann kann i sterben. Hilf mir, Marie, laß mich nit so leiden, i will dir’s danken und im Himmel deine Fürsprecherin sein. Marie, sei mein braves Kind, verlaß deine Mutter nit!“
In diesem Augenblick kam auch Bartel aus der Stadt zurück und teilte mit, daß er dort erfahren habe, daß der Oberleutnant von Steindl gefallen sei, auch der Heinrich Binder soll gefallen sein.
„Da,“ fuhr Marie fort, „da war mein letztes bißchen Kraft dahin. Es war mir, als habe unser Herrgott selbst gesprochen und am Abende desselben Tages habe ich der Mutter gesagt, daß ich tun wolle, was ihr Wunsch sei. Vierzehn Tage darauf war die Hochzeit und acht Tage nach dieser ist die Mutter gestorben. Ihr letztes Wort war ein Segen für mich. Bis heute hab ich aber von dem Segen noch nichts verspürt.“
Sie schwieg eine Weile, trocknete sich die Tränen von dem verhärmten Gesicht und sich erhebend sagte sie: „So Heinrich, jetzt weißt du alles, wie’s gekommen ist, und jetzt, wann du willst, kannst mich verdammen. Notwendig ist’s freilich nit, denn mein Leben ist eh nur eine einzige Verdammnis neben diesem Mann!“
In mir zuckte das Herz von unsagbarem Mitleid. Was war in den nicht ganz zwei Jahren aus Marie geworden! Ein verkümmertes, gebrochenes Weib, gebrochen an Leib und Seele.
„Marie,“ sagte ich und reichte ihr die Hand, „schau, wir zwei sind halt nicht zum Glück bestimmt. Du wärst es vielleicht gewesen, aber da bin ich in dein Leben gekommen und an mir hängt das Unglück. Nicht ich habe dir was zu verzeihen, sondern du mir. Du wärst nit so verzagt und schwach gewesen, wenn nicht das Kind gewesen wär.“
Da schüttelte sie den Kopf und sagte leise: „Das ist noch das Einzige, was mich hält, sonst läge ich schon dort drüben.“
Sie wies mit einer leichten Wendung des Kopfes hinüber zu dem Armensünderwinkel.
„Marie,“ bat ich und faßte ihre Hand, „so darfst du nit reden. Auch für dich wird noch eine andere Zeit kommen. Sie muß sogar kommen, wenn’s sonst noch eine ewige Gerechtigkeit geben soll. Siehst, Marie, mich hat das Leben nit weniger hergenommen.“
Und ich erzählte ihr meine Erlebnisse seit meinem Scheiden. Aufs neue flossen ihre Tränen, aber diesmal nicht wegen ihres eigenen dunklen Schicksales, sondern wegen des meinen. Und als ich geendet hatte, da brach aus den tränenumschleierten Augen ein Leuchten voll Zuversicht, beinahe voll Glück, und mit festem Druck meine Hand umfassend, die noch immer die ihre hielt, sagte sie: „Es ist merkwürdig, Heini, wie dich und mich das Schicksal geführt hat. Besonders dich. Und daß es dich wieder daher in die Heimat und grad zu meinem Bruder getragen hat, das, Heini, das kommt mir fast vor, als hätte das eine ganz besondere Bedeutung. Vielleicht braucht es dich gerade an der Stelle da. Vielleicht mußt du noch einmal mir helfen. Ich kann mir’s nit denken, daß alles in der Welt so sinnlos sein soll, wie’s für den ersten Blick ausschaut. Und drum, Heini, lassen wir uns das Leben nit über den Kopf wachsen. Ich hab’ jetzt wieder so viel Mut und Vertrauen, daß ich alles ertragen kann. Tu auch du nit verzweifeln, Heini, unser Herrgott wird schon wissen, was er mit uns will.“
Ich begleitete Marie bis zur Friedhofpforte und dort verabschiedete ich mich von ihr. Während sie nach Hause ging, stieg ich zum Wald empor. Dort auf einsamen Wegen dachte ich über das Gehörte nach. Mein Herz war in wildem Aufruhr. Immer deutlicher erkannte ich, daß mein und Maries Glück nur der kalten Rechenkunst Bartels zum Opfer gefallen war. Nur er war es gewesen, der die sieche, dahinsterbende Mutter so weit gebracht hatte, daß sie ihre Tochter zur Ehe mit dem liederlichen Oberleitner gezwungen hatte. Ein namenloser Haß stieg gegen den trockenen Schleicher in mir auf; aber ich mußte mir auch sagen, daß es ein ohnmächtiger Haß sei. Ich mußte froh sein, die Stelle in der Mühle zu haben, und schließlich tröstete ich mich damit, daß es zutreffen könne, was Marie gesagt hatte: ich könnte vom Schicksal bestimmt sein, noch einmal eine wichtige Rolle in ihrem Leben zu spielen. Wunderbar genug war ja eigentlich alles, was ich bisher erlebt hatte, und es wunderte mich nicht, wenn auch die Zukunft noch etwas bringen sollte, woran ich jetzt nicht im Entferntesten dachte.
Selbst um vieles ruhiger kehrte ich in die Mühle zurück. Das Leben ging seinen Gang wie bisher; ich hatte meine leichte Arbeit und meine Feierstunden, und Bartel empfing nach wie vor seine verdächtigen Besuche. Auch der Oberleitner erschien einmal ums anderemal bei ihm und ging jedesmal sichtlich befriedigt wieder vom Schwager fort.
Marie sah ich jetzt nie mehr. Später erfuhr ich, daß unsere unverhoffte Zusammenkunft auf dem Friedhofe bemerkt und dem Oberleitner hinterbracht worden sei. Der habe damals sein Weib schlagen wollen; sie sei ihm aber so energisch entgegengetreten, daß er die Hand habe sinken lassen.
Seit der Zeit aber trieb es der Oberleitner noch ärger wie zuvor, saß ganze Tage im Wirtshaus, hatte dort sogar ein Verhältnis mit einer Kellnerin angeknüpft und schloß im Rausche oft die unsinnigsten Wetten und Händel ab.
So kam der Winter. Nach Neujahr trat ein so starker Schneefall ein, daß in den Jungmaisen die Fichten- und Tannenstämmchen der Reihe nach geknickt wurden. Dann folgte ein Frost, daß die Bäume wie Glas klangen, wenn ein Windstoß ihre Äste aneinander schlug. Das Wild kam bis zur Mühle und wir hatten jeden Tag schwere Arbeit, das große Triebrad aus dem Eise herauszuhauen.