Der Einzige auf der weiten Welt: Ein Menschenleben

Part 13

Chapter 133,882 wordsPublic domain

Auf diesen Baum marschierten wir nun zu und ein Mann sollte emporklettern, um Ausschau zu halten.

Wir waren aber noch nicht dort angelangt, als es rings um uns lebendig wurde. Von vornher und von den Seiten blitzten Schüsse auf und im nächsten Augenblick lagen drei unserer Kameraden zuckend auf dem Boden.

„Nieder!“ scholl das Kommando, das wir aber gar nicht gebraucht hätten, denn schon lagen wir alle in dem ziemlich hohen Grase, das uns wenigstens einige Deckung bot, und begannen nun das Feuer zu erwidern, das uns nun auch von der Richtung, aus der wir selbst gekommen waren, entgegensprühte.

Die Insurgenten mußten uns heimlich gefolgt sein, hatten es aber nicht gewagt, uns im Walde anzugreifen. Dort in der guten Deckung der ungeheuren Stämme wäre es uns mit unseren ausgezeichneten Gewehren ein leichtes gewesen, selbst mit einer bedeutenden Übermacht den Kampf aufzunehmen. Hier aber, auf freier Wiese konnten uns selbst unsere guten Waffen nicht viel helfen. Immerhin aber verloren wir den Mut nicht und nahmen uns die roten und blauen Gewänder, die hinter Sträuchern und Bäumen sichtbar wurden, gründlich aufs Korn und mancher der hageren, braunen Gesellen mußte an die Treffsicherheit österreichischer Alpensöhne glauben.

Aber auch in unseren Reihen wurde es lichter. Die Kugeln aus den langen Flinten der Insurgenten ließen manches Gewehr in den Händen unserer Kameraden verstummen. Schon wagte es da und dort einer der verwegenen Kerle, aus seiner Deckung vorzubrechen, um mit dem blanken Handschar an dem Leibe eines unserer Gefallenen sein Mütchen zu kühlen; aber vorläufig war das noch zu früh, jeder dieser Versuche mußte mit dem Tode bezahlt werden.

Doch die Lücken, die in unseren Reihen entstanden, konnten uns gefährlich werden und nach Krebsenart rückwärts kriechend, dabei aber immer gegen die Angreifer feuernd, zogen wir uns auf die Eiche zurück.

Da lagen und knieten und standen wir nun im Kreise um diese herum, ununterbrochen Kugel auf Kugel den Angreifern entgegensendend.

Oberleutnant von Steindl hatte sich in halb hockender Stellung an den Stamm der Eiche gelehnt und mit beiden Händen seinen Revolver haltend, suchte er sich das Ziel für seine Schüsse.

Plötzlich aber rief er aus: „Hol’s der Teufel, das Zeug taugt nichts!“

Und damit warf er seinen Revolver weg und sprang vor, um sich von einem der Gefallenen Gewehr und Patronen zu holen.

Es war das eines jener kühnen, todesverachtenden Stücklein seitens unserer Offiziere, an denen gerade die Geschichte des bosnischen Feldzuges so außerordentlich reich ist.

Tatsächlich erreichte der Oberleutnant auch ein Gewehr und nun richtete er sich frei empor, zielte und schoß und traf. Aber fast zugleich mit dem baumlangen Bosniaken, den er sich aufs Korn genommen hatte, sank auch er von einer Feindeskugel getroffen zu Boden.

In diesem Augenblicke hatte ich vollständig vergessen, daß der Gefallene der Oberleutnant von Steindl, Heris Gatte und mein persönlicher Feind war. Ein tapferer Offizier war’s, ein Kamerad, und ich mußte mich seiner annehmen.

Ich hatte an der Eiche gekniet; nun warf ich mich nieder und kroch auf dem Bauche zum Oberleutnant.

„Herr Oberleutnant, sind Sie schwer verwundet?“

Er hatte die Hand im Tuche der blauen Bluse auf der Brust festgekrallt und ächzte: „Mit mir ist’s aus!“

Er hatte die Augen geschlossen gehabt, nun öffnete er sie und drehte den Kopf nach mir. Für einen Augenblick sah ich eine staunende Frage in seinen Augen, dann aber glitt es wie ein tiefes, tiefes Weh über seine Züge.

„Sie, Binder?“ sagte er leise.

„Kann ich etwas für Sie tun, Herr Oberleutnant?“ fragte ich.

Er reichte mir die Hand: „Dank schön, Kamerad! -- Ich bin fertig! Sagen Sie meiner Frau, ich, der Lump, bin als ehrlicher Soldat gestorben.“

Nur stockend und stöhnend hatte er diese Worte herausgebracht, und in den paar Worten lag so eine Bitternis, daß mir mit einem Schlage der ganze Jammer der Ehe bewußt wurde, die ihn und Heri verbunden hatte.

Und merkwürdig: jetzt dachte ich nicht an die Frau, sondern nur an den Mann und ein allgewaltiges Mitleid, das alles auslöschte, was mir dieser Mann getan, nahm mein ganzes Herz ein und ich sagte: „Herr Oberleutnant, Sie müssen leben, für Ihre Kinder müssen Sie leben!“

Da quoll ein feuchter Schimmer in seine Augen, fester umschloß seine Hand die meine, und mit brechender Stimme flüsterte er: „Heri soll meinen Kindern nichts sagen, wie wir gelebt. Sagen Sie’s ihr, Ihren Wunsch erfüllt sie, sie hat Sie ja noch immer lieb -- lieber als mich.“

Die letzten Worte erstarben in seinem Munde; nur wie ein Hauch kamen sie noch an mein Ohr.

Noch einmal öffneten sich groß und starr die Augen, dann ein jäher Ruck, ein Guß Blut aus dem Munde, Heris Gatte war tot.

Ich rüttelte ihn, ich schrie: „Herr Oberleutnant!“ -- vergeblich, er war heimgegangen.

In meinem Kopfe brauste es: „Lieber als mich!“ Diese Worte des Sterbenden brachten mich außer mir. Gedankenabwesend sprang ich auf und begann wieder zu feuern.

Da, ein Schlag in die rechte Schulter, und das Gewehr sank mir aus dem Arm. Ich wollte darnach greifen, taumelte und stürzte nach vorne.

Was nachher war, deß weiß ich mich nicht mehr genau zu entsinnen. Nur so viel ist mir dunkel in der Erinnerung geblieben, daß ein lautes „Hurra!“ über mich wegbrauste. Rechtzeitig, durch das Gewehrknattern aufmerksam gemacht, waren die Unseren noch auf dem Gefechtsplatz eingetroffen, hatten den Feind von rückwärts gepackt und das kleine Häuflein der Überlebenden, etwa zwanzig von vierzig, gerettet.

Als ich aus meiner Betäubung erwachte, stand der Regimentsarzt vor mir.

„Na, also,“ meinte er, „das geht schon noch. Die Lungenspitze hat’s erwischt und das Schlüsselbein ist auch kaputt, aber das flickt man schon noch zusammen.“

Damit war der bosnische Feldzug für mich zu Ende. Mit einem der nächsten Verwundetentransporte wurde ich nach Kroatien zurückgebracht, und während die Kameraden Sarajewo mit stürmender Faust nahmen und die schnellen Wasser der Miljatzka mit Blut färbten, lag ich im Lazarett und hatte Zeit und Muße, meinen Gedanken Audienz zu geben.

XIII.

Wir haben heuer einen herrlichen Sommer; für die Bauern drunten im Tal und draußen im Flachland sogar viel zu herrlich. Die möchten Regen haben; aber Tag für Tag liegt derselbe tiefblaue Himmel über der Welt und eine Glut strahlt aus seinen Tiefen nieder, die selbst hier im Schatten des Hochwaldes schon unangenehm fühlbar wird. Die schönen saftigen Waldkräuter lassen müde und schlaff die Blätter hängen, das Gras auf allen sonnigen Lehnen ist verbrannt, und selbst von den Tannen und Fichten reisen die Nadeln in solchen Mengen nieder, wie ich das noch nie beobachtet habe. In den Wildbachbetten, die zum See abstürzen, ist auch nicht ein Tröpflein Wasser und die Kalksteinblöcke drinnen sind so heiß, daß man sich an ihnen die Hand verbrennt.

Und alles ist so müde und still geworden. Man hört oft den ganzen Tag keinen Vogel singen, und wenn abends ein kühleres Lüftchen von den Gipfeln herabweht, dann wachen wohl die Drosseln und Amseln für eine Viertelstunde aus ihrer Betäubung auf, aber ihr Lied klingt nicht so süß und sehnsüchtig wie sonst, es ist mehr ein Klagen darin, etwas Gequältes, wie von einem, der singen muß, während er am liebsten weinen möchte.

Tag für Tag erhoffe ich, erhofft der ganze Wald ein Gewitter. Schon um die Mittagsstunde zieht es wie ein feiner grauer Schleier über den Himmel. Wie lichtgraue Seide ist er dann, die man vor eine blendend grelle Flamme spannt. Und mit jeder Stunde wird das Grau tiefer; in der nächsten Viertelstunde, meint man, müßten sich schwarze Gewitterwolken zusammenballen. Aber die Stunde verrinnt und das Grau ist unverändert dasselbe geblieben, eine weitere Stunde und es hat sich gelichtet und abends, da strahlt wieder der ganze Himmel in seinem wundersamsten Blau, das sich nach und nach durch alle Abtönungen von Gold und Rot und zartem Grün zum Violensamt der Nacht wandelt, in dem die Sterne so groß und rein brennen, wie Lichter auf geweihten Altären.

So geht es nun schon seit ein paar Wochen fort in bangem Verlechzen alles dessen, was an die Scholle gefesselt ist und nicht hinab kann zur kühlen, klaren Flut des Sees, die in stillen Zügen das Licht des Himmels trinkt und sich mit ihm durchleuchtet bis in ihre tiefsten Tiefen hinab.

Und der See ist auch das einzige, was in diesen Tagen ausdörrender Glut unverändert geblieben ist. Nicht um einen Fingerbreit ist sein Spiegel gesunken, denn er nährt sich nicht von den Wässerlein, die ihm die stolzen Berge wie eine mitleidige Gabe in den Schoß werfen; was ihm seine Daseinskraft, sein ewiges Sein gibt, das sind die Quellen, die aus seinen eigenen Gründen emporwallen.

Alles, was Bestand haben will, muß aus den Tiefen des eigenen Selbst quellen; was von außen kommt, ist vergänglich und kann nur die stille Heiterkeit des Wesens trüben.

Mein See hat mich das gelehrt, wenn die Gießbäche seine grünblaue Kristallflut trübten, und ich war sein gelehriger Schüler. Einsam wie er bin ich geworden und was jetzt mein ist, habe ich von mir selbst. Mein, ganz mein ist mein Friede, mein die Sonne, die in meinem Herzen leuchtet, für das es keinen Tag und keine Nacht, nur schreitende Ewigkeit gibt, mein die Demut, die zu dem armseligsten Wesen spricht: „Ich liebe dich, mein Bruder!“ mein aber auch der titanische Stolz, der in die Welt hinausjauchzt: „Ich bin der Einzige, denn alles, was da ist, ist mein!“

Mitunter kommt es jetzt über mich, als sollte ich noch einmal in die Welt der Menschen hinaustreten und versuchen, ihnen von meinem Frieden zu reden. Aus den Blättern, die ich da niederschreibe und auf denen so viel von Schuld steht, von Schuld, die aus irregeleiteter Menschensehnsucht entsprungen ist, klingt es mir manchmal wie Johannesruf entgegen und will mir sagen: „Jeder, der den Frieden in sich trägt, ist zum Messias berufen!“

Aber dann höre ich wieder eine andere Stimme warnen und die meint, es sei nur der Versucher, der mich aus dem Paradies hinauslocken will in die steinigen Öden, auf denen die Disteln wahnbefangenen Menschentums wuchern und wo unter den Rosen der Eitelkeit und Selbstsucht die Dornen lauern, um den Königsmantel des Friedens in Fetzen zu zerreißen.

Nein, ich gehe nicht hinaus! Die Welt hat Propheten genug, die ihr mit tönenden Worten ihr Glück verkünden. Ich will meine Religion, meine Philosophie leben, nicht lehren. Wer in mein Himmelreich eingehen will, der nehme, wie ich, das Kreuz der Notwendigkeit auf sich und folge mir nach!

Ich habe es auf mich genommen. Heute trage ich es mit Heiterkeit und es drückt mich nicht mehr als ein Rosenkranz die Stirne apollinischer Zecher drückte. Früher, allerdings, da lastete es mit Zentnerwucht auf meinen Schultern, unter seinen Kanten rann mein Blut in Strömen; aber wenn ich auf dem Wege zu meinem Golgatha müde und verzagt auf der Bank stumpfsinniger Selbstvernichtung ausruhen wollte, dann trieb mich Ahasver, der Lebenswille, weiter, und nach qualvollem Verröcheln kam auch für mich der Tag der Auferstehung, tagten die heiligen Himmelsostern des Friedens.

Nein, ich gehe nicht mehr hinaus in die Welt der Menschen! Diese Blätter will ich nur noch abschließen, dann will ich ganz nur mehr ich selber sein: Bruder von allen, König über alle, der Einzige auf der weiten Welt!

Ich glaube, daß meine Wandlung eigentlich schon damals angefangen hat, als ich im Lazarett lag. Ich ertappte mich nämlich auf Gedankenfolgen, die mir damals ganz sonderbar, fast wahnwitzig vorkamen. Ich fragte mich nämlich allen Ernstes nach den Ursachen des Krieges in Bosnien und da kam ich in meinen Selbstbeantwortungen der Frage so weit, daß die politischen Gründe wie wesenlose Schemen vor meinem Denken zerflatterten und ewige Menschheitsfragen vor mir ihre geheimnisvollen Augen auftaten. Und vor denen mußte ich meinen Blick senken, ihnen konnte ich nicht ins Auge sehen.

Das war aber noch zu einer Zeit, als die Heilung meiner Wunde ihren naturgesetzmäßigen Fortgang nahm.

Aber bald brachte mich eine Verschlimmerung auf ganz andere Gedanken. Aus mir bis heute noch ganz unerklärlichen Gründen, vielleicht mag ein Versehen des Arztes mit Schuld tragen, entstand an meinem noch nicht verheilten Schlüsselbein eine Eiterung, die rasch auch das Armgelenk ergriff, so daß hier ein operativer Eingriff erforderlich wurde. Und es stand nun die Frage vor mir, ob ich den rechten Arm je noch einmal würde gebrauchen können.

Was sollte in diesem Falle aus Marie und mir werden? Darüber nachzudenken, hatte ich nun reiche Gelegenheit. Ich hatte mir die Sache früher sehr einfach vorgestellt. Wenn meine Militärzeit vorüber war, wollte ich Marie heiraten. War Bartel damit einverstanden, dann wollte ich gerne auf der Mühle bleiben und mit ihm das Geschäft gemeinsam führen; sollte er jedoch sein eigener Herr sein wollen, dann konnten wir uns von dem Erbteil Maries irgendwo eine kleine Mühle oder ein kleines bäuerliches Anwesen kaufen und ich traute es uns beiden zu, daß wir zu etwas kommen würden. Marie war eine tüchtige Wirtschafterin, das hatte ich schon während der Krankheit ihrer Mutter erkannt, und ich fühlte trotz meiner Verwundung die Kraft in mir, Leben und Schicksal durch wackere Arbeit zu meistern.

Nun aber, als ich dalag und den rechten Arm nicht rühren konnte, nun stieg eine nagende Bangigkeit in mir auf. Was sollte nun aus uns werden? Ich zergrübelte und zersorgte mir den Kopf. Wenn ich in der Frühe aufwachte, stand diese Frage vor mir, und sie überfiel mich auch, wenn ich nachts erwachte, und ließ mich dann nicht mehr einschlafen.

Hätte ich Marie nur schreiben können, es hätte mir das Herz erleichtert. Aber mein Arm war unbeweglich in Binden festgelegt und ich hatte auch niemand, der für mich hätte schreiben können. Marie wußte nichts von mir und ich nichts von ihr. Wohin hätte sie auch schreiben sollen? Von der Art der Funktion der Feldpost wußte sie in ihrem stillen Gebirgsgraben nichts.

Unsäglich traurig und langsam schlichen die Stunden, Tage und Wochen dahin. Der Arzt konnte mir zwar die tröstliche Mitteilung machen, daß mein Arm auf dem besten Wege zur Heilung sei, aber er verschwieg auch nicht, daß er nie mehr zu starker Arbeit tauglich werden würde. Und als der freundliche Mann erfahren hatte, daß ich Müller sei, warnte er mich besonders, Säcke auf der rechten Schulter zu tragen. Das Armgelenk, wie auch das Schlüsselbein seien derartigen Anstrengungen nicht mehr gewachsen.

Und endlich war der Tag da, wo ich aus dem Lazarett entlassen werden konnte. Mit einem Trupp anderer von aus mehr oder minder schweren Verwundungen Genesener ging es auf dem Wege, den wir gekommen, der Heimat zu.

Durch dicken Novembernebel jagte unser Zug dahin.

Die Weingehänge der Südsteiermark, über deren grünen Reben bei unserer Herfahrt einst die Sonne träumte, lagen nun zerzaust und ihrer Goldfrucht beraubt in stumpfem Erdfahl da, von den Bäumen riß der feuchtkalte Novemberwind die letzten moderbraunen Blätter, und als wir endlich in die Bergwelt des Semmerings kamen, da zogen über vergilbte Alpenmatten graue Schleier, umhüllten die sonst so herrlich leuchtenden Felshäupter der Raxalpe und des Schneebergs, und wo sich die Nebelfransen etwas erhoben, schimmerte das Weiß des ersten Schnees hernieder.

Als wir gegen Wien kamen, begann ein leises Regenrieseln, und als ich mit noch zwei Kameraden am nächsten Tage unserer Garnisonstadt zufuhr, wandelte sich der Regen in tanzendes Flockengestiebe.

Zwei Tage darauf konnte ich in die Heimat zurückkehren. Meine beiden Kameraden blieben noch in der Stadt, wo sich in den Wirtshäusern sofort eine Gesellschaft um sie sammelte, die mit angehaltenem Atem der Schilderung ihrer Erlebnisse lauschte und für den Genuß mit Wein und Bier und Braten und Zigarren dankte.

Mich aber litt es nicht länger, ich mußte in die Heimat, zu meiner Marie, zu meinem Kinde.

Ein unbeschreibliches Gefühl durchrieselte mich, als ich die Wälder und Berge der Heimat immer näher und näher kommen sah. Wie Freude, himmelhochjauchzende Freude war es und daneben doch auch wieder wie ein Bangen, wie eine Scheu vor etwas Großem, Heiligem. Ein liebendes Mädchen hatte ich verlassen und eine Mutter würde mir nun entgegentreten und das Kind, das sie mir auf ihren Armen entgegenreichen würde, war mein Kind und mahnte mich an heilige Pflichten.

Von Wien aus hatte ich an Marie eine Karte geschrieben, eine zweite von meiner Garnisonstadt und in dieser hatte ich ihr mitgeteilt, daß und wann ich zu Hause ankommen würde. Ich gab mich der heimlichen Hoffnung hin, daß sie mich auf dem Bahnhof erwarten würde. Aber kein Mensch aus meinem Gebirgstal war da, und ich begab mich in das Gasthaus neben dem Stationsgebäude, um mich durch eine kleine Jause für den Marsch zur Heimat zu stärken.

Einige Bauern waren da und einer davon erkannte mich und setzte sich nun gleich zu mir.

Ob ich wollte oder nicht, ich mußte von meinen Erlebnissen erzählen, und wenn ich meinerseits eine Frage stellte, die mir auf der Seele brannte, erhielt ich gar keine Antwort, sondern mußte nur immer weiter und weiter erzählen, bis ich endlich mit aller Entschiedenheit erklärte, nun hätte ich nicht mehr Zeit, denn ich wolle noch vor Abend nach Hause kommen.

„Also gehst wieder in die Mühl’ zurück?“ fragte der Bauer, endlich in seiner Neugierde gesättigt.

„Wohin soll ich denn gehen?“

„Na ja, ist ja eh ganz recht,“ erwiderte er, „ich hab nur gemeint, weil halt die Müllerin gestorben ist und die Mariel den Oberleitner geheiratet hat und der Bartel eh ein so viel zuwiderer Kerl ist, daß du dir am End um was anderes umschauen tätst.“

Vor mir versank die Welt. Ich wollte aufspringen, doch die Füße versagten mir den Dienst, ich wollte etwas sagen, doch eine kalte Faust drückte mir die Kehle zusammen. Vor wenig mehr als einem Vierteljahr hatte ich den Tod aus langen Bosniakenflinten auf mich zielen gesehen und ich hatte nicht gezittert, war nicht erbleicht. Nun aber ging ein Krampf durch meinen ganzen Körper und das Weinglas zitterte so heftig in meiner Hand, daß ich einen Teil des Getränkes verschüttete.

„Ja, weißt du am End von diesen Sachen gar nichts?“ fragte der Bauer erstaunt, „du bist ja ganz außer dir!“

„Nichts habe ich gewußt,“ preßte ich hervor.

„Na, da hört sich doch alles auf!“ entrüstete sich der andere wieder, „du warst ja wie’s Kind vom Haus, da hätten sie schon was schreiben können. Übrigens, vielleicht haben sie’s eh getan und du hast halt den Brief nit kriegt. Mein Gott, im Krieg und in einem solchen Land wie das Bosnien, da kann leicht was verloren gehn.“

Und ohne daß ich ihn ersuchte, erzählte er, daß Marie einem Knaben das Leben geschenkt habe, daß sie dann eine Zeitlang krank gewesen sein soll, dann aber habe es plötzlich geheißen, sie heirate den Oberleitner. Und das sei auch geschehen. Acht Tage darauf sei die Müllerin gestorben und der Bartel sei nun Eigentümer der Mühle und, wie es scheine, wolle er hoch hinaus. Er rede immer von einem großen Sägewerk und habe auch tatsächlich schon angefangen, Waldland in der Nähe anzukaufen. Die Mahlmühle treibe er jetzt schon eigentlich nur mehr so nebenher. Er scheine überhaupt nur auf den Tod der Mutter gewartet zu haben, um die ganze frühere Wirtschaft von Grund auf umzuändern. Man habe das in diesem Duckmauser gar nicht vermutet.

Ich weiß nicht, was der Mann noch alles erzählte. Seine Worte klangen nur wie ein fernes, fernes Klappern an mein Ohr. Ich weiß auch nicht, wie er sich von mir verabschiedete. Um mich war Finsternis und Leere und ich starrte hinein. Mein Leben war in dieser Finsternis und dieser Leere versunken, von dorther mußte es noch einmal auftauchen und ich wollte es sehen. Es mußte ja nochmal kommen!

Ich glaube heute noch, daß ich damals dem Wahnsinn ganz nahe wahr. Ich empfand keinen Schmerz, keine Eifersucht, keinen Zorn, ich war nur fremd in mir selber, in der ganzen Welt geworden. Die Wirtsstube war ein weiter Saal und fremde Menschen, die eine fremde Sprache redeten, wandelten darinnen, aber wie in meilenweiter Entfernung. Und ich selbst war nicht mehr ich; ein fremder Mensch war ich, der nun in später Nacht, da ihm der Wirt sagte, er müsse zusperren, die Stube verließ und draußen in der stockschwarzen, flockenwirbelnden Nacht von etwas Abschied nahm, das heimlich weinend auf dunklem Wege in die alte Heimat heimtastete. Ich aber, ich, der fremde Mensch, fuhr in die Stadt zurück. Und erst als dieser Mensch im Morgengrauen durch die Straßen der Stadt schritt, da kam ihm wieder zum Bewußtsein, daß er der Heinrich Binder sei.

Was nun anfangen? In immer schmerzlicher mein Herz zerwühlenden Gedanken schritt ich dahin. Ohne es zu wissen, hatte ich altvertraute Wege eingeschlagen. Ich ging durch den Stadtpark, ich kam auf den Promenadenweg längs der Au und dann saß ich auf der Bank, auf der ich seinerzeit mit meiner Mutter und dann später mit der Müllerin und mit Marie gesessen war.

Und hier erst packte mich das Bewußtsein, was mir verloren gegangen war. Ich hatte nicht nur die Heimat verloren, sondern den Glauben an die Menschheit. Was ich geliebt, alles hatte mich verlassen und verraten und mich allein gelassen, mutterseelenallein auf der weiten Welt.

Was konnte es da für mich, für den halben Krüppel noch geben? Ein Gedanke schoß in mir auf: ein Ende machen.

Ich zählte meine Barschaft. Mehr als genug zu einem Revolver. Ein Druck -- und alles ist nicht mehr.

Und da kam eine merkwürdige Ruhe über mich. Wenn’s so leicht ist, dem Leben zu entgehen, dann ist ja auch das Leben nichts, was man tragisch zu nehmen hat. Man schaut sich’s an wie eine Komödie und gefällt’s einem nicht mehr, gut, dann geht man. Wozu die Aufregung?

Etwas wie höhnische Neugierde kam über mich, noch eine Weile zuzusehen, was das Leben mit mir noch alles vorhabe. Himmelhoch, wähnte ich damals, über meinem Schicksal zu stehen, und bemerkte es gar nicht, wie es der Lebenswille selbst war, der nach dem Zusammenbruch all meines Glaubens, Hoffens und Liebens leise wieder von meinem Herzen Besitz nahm.

Ich ging in die Stadt zurück und in einem Gasthause suchte ich im Anzeigenteil einer Zeitung nach einer für mich passenden Stelle.

Bei einem Advokaten war die Stelle eines Schreibers offen. Die würde ich ja mit meinem kranken Arm zur Notdurft versehen können.

Ich meldete mich und erhielt auch den Posten. Aber schon nach vierzehn Tagen mußte ich ihn wieder verlassen, denn es ging mit dem Schreiben nur sehr langsam vorwärts und mein Chef brauchte einen flinken Arbeiter.

Ich war nun eine Weile Zeitungsausträger, dann Diener in einer Buchhandlung, dann wieder Schreiber, ohne mich jedoch in einer dieser Stellungen halten zu können. Ich spürte jeden Witterungswechsel im Arme so heftig, daß ich diesen selbst zu den leichtesten Arbeiten nicht gebrauchen konnte, und so saß ich eines Tages mit meinen letzten paar Kreuzern wieder im Gasthaus, stellenlos, und überlegte, ob es nun nicht doch an der Zeit sei, der öden Lebenskomödie ein Ende zu machen. Je mehr ich nachdachte, desto fester wurde in mir die Überzeugung, daß es für mich keinen anderen Weg mehr gebe, wollte ich nicht als Bettler der Heimatgemeinde zur Last fallen. Und diesen letzten Akt in der Tragödie meines Lebens wollte ich mir doch ersparen. Ein fünfundzwanzigjähriger Bettler, nein, diesen schlechten Witz wollte ich mit mir nicht machen lassen.

Einen Augenblick dachte ich daran, in die Heimat zu gehen und dort zu enden. Dann verwarf ich den Gedanken. Wo Vater und Mutter ruhig und in Ehren in den Reihen der ehrbar aus der Welt Gegangenen schlummerten, da sollte nicht ihr unglückliches Kind im ungeweihten Winkel an der Seite Verworfener liegen.

Ein Schneider lag dort, der seine Familie zuerst an den Bettelstab gebracht und sich dann aufgehängt hatte, ein Maurer, der im Schnapsrausch sein Weib erschlagen und darauf aus Furcht vor Strafe sich die Kehle durchschnitten hatte.

Zu diesen Verkommenen gehörte ich nicht. Ich war nur ein Unglücklicher.