Der Einzige auf der weiten Welt: Ein Menschenleben
Part 11
Wir standen in dem kleinen Vorgarten vor dem Hause, in dem gelber und blauer Krokus blühte.
„Ja,“ sagte ich, „jetzt haben sie mich und im Herbst heißt es fort von da.“
Darauf sagte Marie kein Wort, sondern schritt den Kiesweg entlang und auf die Bohnenlaube zu, um deren graue Latten sich noch das dürre Gewinde vom Vorjahre schlang.
Ich folgte ihr und sie ließ sich auf der Bank in der Laube nieder und blickte, ohne mich anzusehen, vor sich hin.
Mir preßte es das Herz zusammen, aber ich bot all meine Selbstüberwindungskraft auf und sagte in leichtem Tone: „Mein Gott, eigentlich liegt gar nichts dran. Die drei Jahre werden auf ja und nein wieder vorbei sein!“
Da, im nächsten Augenblick schlug Marie die Schürze vor das Gesicht, ihr Kopf sank auf die Tischplatte nieder und sie begann zu schluchzen, daß ihr ganzer Körper bebte.
„Aber Marie, Marie, was hast denn?“ versuchte ich sie zu trösten, und zum ersten Male wagte ich es, über ihr blondes, weiches Haar zu streichen. Aber ihr Schluchzen wurde nur noch heftiger.
„Marie,“ bat ich wieder und fühlte dabei, wie es mir die Kehle zuschnürte, „Marie, sei doch ruhig. -- -- Marieli!“
Ganz von selbst war mir der alte Kinderkosename über die Lippen gegangen und da hob sie das tränenüberströmte Gesicht und sah mich mit einem Blick an, in dem all ihre Liebe und all ihr Schmerz lagen.
Und da ließ ich mich neben ihr auf die Bank nieder, legte scheu den Arm um ihre Schultern und fragte mit vor Glück bei jedem Wort stockender Stimme: „Marieli, hast du mich denn wirklich so gern?“
Statt jeder Antwort schlang sie beide Hände um meinen Nacken, preßte ihr glühendes, nasses Gesicht an meine Brust und begann aufs neue zu schluchzen.
In meiner Seele aber stieg es jubelnd empor wie ein Frühlingslied aus tausend sonnberauschten Lerchenkehlen, ich drückte meinen Mund auf Maries Haar immer wieder und wieder und dazwischen stammelte ich in abgebrochenen Worten mein Glück hervor: „Marieli, ist’s denn wirklich wahr! Du hast mich gern?“
Und als sie keine Antwort gab preßte ich sie inniger an mich und bat und flehte: „Marieli, du mußt mirs sagen, daß du mich gern hast. Ich muß es von dir hören, sonst kann ich’s nicht glauben! Marieli!“
Da hob sich ihr Kopf an meiner Brust empor, und wie nach einem verregneten Tage ein großes, schönes Sonnenleuchten die Erde mit Glück und Glanz übergießt und alles Leid des ganzen Tages vergessen läßt, so glänzte mir nun aus Maries feuchten Augen eine Welt von Liebe entgegen und leise sagte sie: „Ich hab’ dich ja immer gern gehabt, Heini!“
„Und kannst du mir auch verzeihen --“ flüsterte ich, „du kannst mir das --“
„Sei still, Heini!“
Sie preßte ihre Wange an die meine und sachte drehte ich ihr Köpfchen herum, bis Lippe auf Lippe lag.
XI.
Ich weiß nicht, was das mit mir ist: es drängt mich in fiebernder Hast zu diesen Blättern. Langsam und gemütlich wollte ich mein Leben niederschreiben, so wie man in müßigen Stunden ein Bilderbuch zur Hand nimmt und drinnen blättert, bei dem einen Bilde etwas länger verweilt und lächelnd dann das nächste Blatt aufschlägt. Nun aber ist eine Unruhe über mich gekommen, die ich mir selbst nicht erklären kann. Nicht daß sich in meinen Anschauungen etwas geändert hätte, nicht daß mein innerer Friede von mir gegangen wäre, nein, doch die Sehnsucht ist da, diese Blätter so bald als möglich zum Abschluß zu bringen. Ich wollte sie schon beiseite werfen, aber ich kann’s nicht, wie ich es nie gekonnt habe, etwas Angefangenes nicht zu Ende zu führen. Ich habe die Vergangenheit zum Leben auferweckt und jedes Leben strebt nach Vollendung. So muß ich denn weiter und ich will es rasch machen. Das Blut, das ich vergossen, soll mich nicht abhalten, auch noch die letzten paar Stationen meiner Lebenswanderung nochmals im Geiste vor mich hinzustellen. Dahinter winkt ja der Friede. Dann will ich wieder ganz mit dir allein sein, du meine Einsamkeit, dann soll sich keines Menschen Schatten mehr zwischen dich und mich drängen, dann will ich in dir aufgehen, ganz aufgehen, zeitlos werden wie du!
Zeitlos! Ein vermessenes Wort in dem Munde eines Menschen, eines Wesens, das Anfang und Ende hat, also ganz und gar Zeit ist. Und doch!
Da stieg ich gestern, nachdem ich meinen Meiler noch besorgt, wieder zu der Höhe empor, zur Sonnwendhöhe, wie ich sie für mich getauft habe. Millionen und Millionen Sterne weithin durch die dunkelblaue Nacht. Ich setzte mich nieder und sah hinauf in die funkelnde Ewigkeit und meine Seele wanderte von Stern zu Stern. Immer weiter und weiter wanderte sie, Sonnen ließ sie hinter sich und ganze Sonnensysteme und immer noch kein Ende. Und meine Seele verlor sich in dem Gewimmel der aber und abertausend Welten, und als sie sich endlich zurückfand, da trug sie einen Glanz an sich, sonnenhaft blendend: Gotteshand hatte sie berührt.
Und als sie nun müde des Fluges durch die Äonen sich zur schlafenden Erdenheimat wandte, die, in weichen, warmen Sommerduft gehüllt, in den Armen des Traumes lag, als sie durch die Wälder ging, die so leise, leise atmeten, daß nicht einmal der Schmetterling erwachte, der honigtrunken an der Brombeerblüte hing, und als sie wieder aus den Wäldern hinausschritt in die reifenden Fluren und fort über Bach und Fluß, an Dörfern und Städten vorbei, weit, weit über die Lande bis zu fernen, fernen dämmernden Berggeländen und über diese hinweg wieder in die schimmernde Welt der Sterne hinein, da wußte ich: auch du, meine Seele, bist ein Kind der Ewigkeit und nur der Leib, an den du gekettet bist, hindert dich, dich deiner Mutter zu vermählen. Wohl dir, daß du wenigstens ihre Stimme noch hörst, die dich ruft und dir den Weg weist an ihr Herz, in dem der Friede wohnt!
O Sommernacht, stille ewigkeitsdurchklungene Sommernacht! Dichter haben dich besungen, Königsharfen haben dir getönt; aber kein Lied und keine Harfe, würden sie auch Engelshände rühren, könnte den Zauber aussagen, der deinem Frieden entströmt. Du bist die Reife, die Vollendung, in dir erlöst sich das Endliche, um im Unendlichen aufzuerstehen. Du bist der Friede!
Und das soll aus meinem Leben noch werden: eine dämmernde Erdenwelt mit ewigen Sternen darüber, und darum will ich dieses Buch so bald als möglich zum Abschluß bringen. Es soll meine Erlösung vom Endlichen, die Pforte ins Unendliche sein.
Was soll ich überhaupt von meinem ferneren Leben in der Mühle noch weiter erzählen? Marie und ich, wir liebten uns, und täglich, ja fast stündlich kam es mir beglückender zum Bewußtsein, wie unsagbar groß die Liebe war, mit der Marie an mir hing, aber auch, wie tief ihr Schmerz gewesen sein muß, als sie mich in den Banden der anderen hatte sehen müssen.
Ich wollte ein paarmal von Heri zu sprechen anfangen, denn ich meinte, ich sei es Marie schuldig, ihr eine Beichte abzulegen, aber sie ließ es nicht zu.
„Red nicht davon, Heini,“ bat sie dann jedesmal, „die Sache ist vorbei und soll für immer vorbei sein. Jetzt hab’ ich dich und sonst will ich ja nichts vom Leben.“
Maries Liebe kannte keine Frage nach Vergangenheit oder Zukunft; sie war ganz und gar nur Gegenwart, sie gab und gab ohne auch nur einen Augenblick zu überlegen, ob und wie lange ihre Schätze ausreichen würden.
So ging der Frühling dahin und der Sommer kam, ein prachtvoller Sommer. Selten nur, daß ein Gewitter mit Krachen und Schmettern durch unsere Berge fuhr, selten nur graue, regenverhangene Tage, fast immer strahlende Sonne über den weiten, liederklingenden Wäldern.
Noch funkelte der Tau auf den scharlachroten Bohnenblüten der Laube, da schoben schon Marie und ich den Lehnsessel, in dem die Mutter saß, hinaus in den Garten und dort in dem Gartenwinkel unter dem Hollerbaum, der seine weißen duftenden Trauben dem Lichte entgegenstreckte, als wolle er all den warmen Sonnensegen allein für sich nehmen, dort saß die Kranke und murmelte in das Bachrauschen und Mühlengeklapper ihre stillen Gebete hinein.
Marie aber saß, so oft ihr die hauswirtschaftliche Arbeit dazu Zeit ließ, nebenan in der Bohnenlaube bei ihrer Näharbeit und so oft ich Zeit hatte, war ich bei ihr draußen.
Bartel hatte sein Spionieren scheinbar ganz eingestellt und war überhaupt seit meiner Assentierung so heiter, wie ich ihn nie gesehen hatte. Ich sagte ihm das auch einmal und er antwortete: „Ja, weißt du, ich hab mich vor dem Militär ganz damisch gefürchtet; nicht vor dem Exerzieren, sondern vor dem Fortgehen von zu Hause. Was wär’ denn aus der Mühl geworden! Auf fremde Leut ist kein Verlaß!“
Mir schien dieser Grund für Bartels Heiterkeit sehr einleuchtend und vollkommen ausreichend, und es fiel mir nicht ein zu denken, daß es die Aussicht auf mein Wegmüssen sei, was ihn so heiter stimmte.
Auch Marie war über die Veränderung ihres Bruders hocherfreut und meinte: „Siehst, Heini, das ist dein Werk. Die Mutter sagt’s auch. Vor dir hat sich der Bartl geschämt und darum ist er jetzt so nett worden. Es ist halt doch ein gutes Herz in ihm, wann er’s auch nicht so zeigen kann.“
So ging das Leben in der Mühle im tiefsten Frieden dahin, und als wir einmal wieder in der Bohnenlaube beisammen saßen und Wange an Wange geschmiegt auf die im sonnendurchspielten Schatten schlafende Mutter hinausblickten, sagte Marie träumerisch: „Siehst, Heini, jetzt weiß ich, warum die Mutter krank sein muß. Wir wären sonst gar zuviel glücklich.“
„Und du glaubst, das darf nicht sein?“ fragte ich.
„Nein, Heini, das wird wohl nicht sein dürfen, denn da täten wir ja auf unsern Herrgott vergessen, dann könnt’s ja im Himmel auch nit schöner sein.“
Wie schön Marie war, wenn sie so versonnen vor sich hinblickte. Da gewann der Glanz ihrer blauen Augen eine Tiefe wie der unendliche Sommerhimmel, ihr flechtenschweres Haupt neigte sich, als könne sie die Last von Glück, die das Schicksal darauf gehäuft, gar nicht mehr tragen und ihr ganzes Wesen umgab sich mit einer träumerischen Süße, die ganz Hingebung, ganz Aufgelöstsein in wortlose Seligkeit war.
In solchen Stunden konnte ich mich nicht sattsehen an ihr und wenn sie dann meine trunkenen Blicke bemerkte und ein leises, schelmisch-glückliches Lächeln um ihre zartgeschwungenen Lippen huschte, dann konnte ich mich nicht mehr halten, dann riß ich sie in meine Arme und küßte mir an ihren Lippen mein brausendes Herz zur Ruhe.
Und in einer solchen Stunde ist dann auch einmal geschehen, was so viel Leid über Marie und mich brachte.
Ein heißer Augustabend war es. In fahlem Dunst war die Sonne hinter die Berge gesunken und schwüles Dunkel breitete sich über den Gebirgskessel. Die Mutter hatten wir ins Bett gebracht und nun saßen wir wieder in der Bohnenlaube und sahen, wie durch den allmählich schwärzer und schwärzer sich färbenden Himmel die Blitze geisterten. Ganz in der Ferne murrte es dumpf. Sonst war es still, ganz still. Die Mühle stand seit Nachmittag, da wir bei der langen Trockenheit die ganze Nacht den Bach schwellen mußten, um wenigstens ein paar Vormittagsstunden mahlen zu können. Ein betäubender Duft lag in der heißen, unbewegten Luft; keine Blume wollte heute ihren Kelch schließen, jede atmete, als müsse sie noch diesen Abend ihre Seele verhauchen. Und nicht nur die Blumen des Gartens waren es, die so scharf und schwer dufteten, auch vom Wald herüber quoll in dicken Wellen der Harzgeruch und von den Wiesen schickte der Thymian ganze Wolken seines herbwürzigen Atems.
Marie saß an meiner Seite, von meinem Arm umschlungen, das blonde Haupt an meine Schulter gelehnt. Hand ruhte in Hand. Wir sprachen nicht; wir brauchten keine Worte, um glücklich zu sein. Eins neben dem andern zu fühlen, genügte uns vollkommen.
Endlich aber sagte Marie doch und die Worte fielen langsam, verträumt von ihren Lippen: „Ein Monat noch.“
„Red’ nicht davon,“ bat ich und zog sie inniger an mich.
„Ich will ja nicht davon reden, aber es fällt mir halt immer wieder ein. Und Heini, ich kann mir’s halt nit denken, daß ich dich nicht mehr haben soll. Und mir ist auch --“
Sie unterbrach sich selbst und als ich meinen Mund auf ihre Augen drückte, fühlte ich auf meinen Lippen warmes Naß.
„Geh, Marieli,“ suchte ich sie zu begütigen, „geh tu nicht weinen. Sag mir’s, du hast was sagen wollen!“
Sie wollte eine Zeitlang nicht mit der Farbe heraus, dann aber sagte sie es doch, was ihr das Herz so schwer machte: „Mußt nit bös sein, Heini, mir ist halt, als könnten wir zwei, wenn du in einem Monat fortgehst, nicht mehr zusammenkommen.“
Es lag so etwas Ahnungsvolles in diesen Worten, daß sie mich tatsächlich in tiefster Seele trafen.
„Wie kommst du auf solche Gedanken, Marieli,“ sagte ich, „weißt du, wie schwer du mir damit das Fortgehen machst?“
Und ehe sie noch antworten konnte, hatte es mich gepackt; wie eine Feuersäule flammte das Bewußtsein meiner Verlassenheit in mir auf und da riß ich sie an mich und flüsterte: „Nein, Marieli, dich darf ich nicht verlieren! Ich hab’ ja sonst nichts auf der Welt, nichts, gar nichts.“ Und unter Küssen und Küssen wiederholte ich immer wieder: „Gar nichts, Marieli, gar nichts.“
Das weiß ich noch; wie alles andere gekommen ist, weiß ich nicht mehr. Wir waren jung, unsere Herzen waren seit Wochen zum Überfließen voll und die Nacht war still, heiß und schwer.
Einmal geht jede Sehnsucht auf den Wegen der Erde.
Die folgenden fünf Wochen gingen wie im Fluge dahin. In jener Nacht noch entlud sich ein furchtbares Gewitter und dem folgte tagelanger Regen. Nun rauschte der Bach wieder mit vollen Kräften und die Mühle ging Tag und Nacht, denn wir hatten viel einzuholen.
Mir war in diesen Tagen die Arbeit ein wahres Labsal. In ihr fand ich Beruhigung für mein Blut, das mir wie lenzgeschwellte Gießbäche durch die Adern rauschte. Ich fühlte eine Kraft in mir, als könnte ich Bergeslasten wie einen Spielball in die Lüfte wirbeln, als könnte ich in meinen Armen ganze Felsen zerdrücken.
Wenn ich an Marie, mein Marieli dachte, dann jauchzte in mir jeder Tropfen Blut; aber merkwürdig: wenn ich dann vor ihr stand, dann wurde ich still und demütig, dann hätte ich mich am liebsten ihr zu Füßen geworfen und gesprochen: „Vergib, Marieli, ich kann ja nichts dafür, ich hab dich ja nur so lieb, so unendlich lieb!“
Ich habe von Marie nie ein Wort des Vorwurfs, der Klage gehört. Was geschehen war, war ihr ein Liebesopfer. Keine Trauer stand in ihren Augen, nur weicher, inniger noch war ihr ganzes Wesen, aber trotzdem auch bestimmter. Sie wußte sich meiner ungestümen Sehnsucht auf eine Art zu entziehen, die mich wehrlos machte, ohne mich zu beschämen, weil ich dabei doch deutlich empfand, daß sich ihre Liebe nur verdoppelt habe. Damals habe ich erkennen gelernt, daß eine Frau alles geben, und dabei doch so keusch und rein bleiben kann wie eine Heilige.
Als der Regen aufhörte, war auch der Herbst da. Bis Mittag brauten die Nebel in unserem Tal und wenn sie sich dann in wehende Schleier auflösten, konnte man von Tag zu Tag in tiefer leuchtendes Buchengold hineinsehen. Aus dem Schloßgarten heraus, aus dem das lustige Geschrei der Kinder des neuen Forstverwalters scholl, glühte das grelle Rot der Ebereschenbeertrauben und auf den Wiesen hob allenthalben die Herbstzeitlose ihr blaßviolettes Haupt empor.
Von Tag zu Tag rückte die Stunde meines Abschiedes von der Mühle, von Marie und allem, was in dieser Welt noch Wert für mich hatte, näher, und wenn ich mich auch vor dem Militärleben selbst nicht fürchtete, der Gedanke ans Abschiednehmen allein brachte mein Herz zu beklemmendem Pochen und selbst die Sonne heiterer Herbsttage, die zukunftssicher über unsere Berge und Wälder ging, konnte die Schleier nicht durchdringen, die sich vor meine Seele spannten.
Und endlich war der Tag da.
In einem kleinen Koffer hatte ich meine Habseligkeiten: meine Wäsche, ein paar Bücher, von denen ich mich nicht trennen hatte können: Eichendorffs Gedichte und den Werther. Auch eine kleine, verschließbare Kassette war drinnen, die einige Banknoten barg. Es waren diejenigen, die mir aus dem Erlös der elterlichen Erbschaft geblieben waren.
Von Marie hatte ich schon am Abend Abschied genommen. In der Bohnenlaube, an der die welken Blätter raschelten, hatte sie lange, lange an meinem Hals gehangen und still vor sich hingeweint. Kein Wort kam über ihre Lippen, das mir das Herz hätte schwer machen können. Was ihr an Bangigkeit und Sorge das Herz schwer machte, das ließ sie in Tränen dahinfließen und als sie merkte, daß auch mir die Brust zu arbeiten begann, da sah sie mich mit feuchtschimmernden und doch lächelnden Augen an und sagte: „Gelt, Heini, ich bin recht ungeschickt. Wenn ich dich sehen will, in die Stadt hinein ist’s ja nit weit und du kriegst gewiß auch bald wieder Urlaub.“
Mir einen Schwur der Treue abzuverlangen, fiel ihr nicht ein; ihr felsenfestes Vertrauen auf mich ließ einen Gedanken der Untreue gar nicht aufkommen.
Ihre letzten Abschiedsworte an mich waren: „Und jetzt schlaf noch einmal recht gut unter unserem Dach, Heini, schlaf recht gut!“
Und ehe ich sie nochmal an mich hatte ziehen können, war sie davon.
Schwer gestaltete sich der Abschied von der Müllerin. Wie ich mir auch Mühe gab, ihr die bösen Ahnungen auszureden, sie blieb dabei: „Nein, nein, Heini, wir sehn uns nimmer. Aber,“ setzte sie hinzu, „die Mühl’ da steht dir immer offen. Das muß mir der Bartl versprechen.“
Als ich mich endlich auf ihre Hand niederbeugte, um sie zu küssen, ließ sie es willig geschehen, dann aber zeichnete sie mir drei Kreuze auf Stirn, Mund und Brust und sagte: „So jetzt b’hüt dich Gott, Heini, und wenn ich bald zu deiner Mutter und deinem Vater komm, werd ich ihnen sagen, daß du ein braver Mensch worden bist.“
Kurz war der Abschied von Bartel. Wir drückten uns kräftig die Hand und er meinte scherzend: „Na und schau halt, daß kein Krieg ausbricht. Ist eine fade G’schicht das, hab ich mir sagen lassen. Die Feinde sollen beim Herschießen schon gar nit aufpassen und da ist leicht ein Unglück gescheh’n.“
Als mir aber an der Haustüre Marie nochmal die Hand reichte, da sagte er: „Verstellt’s euch nit, gebt’s euch ein Bußl, ich weiß’s ja so!“
Und diskret trat er in die Stube zurück und ließ uns noch einmal kurzen, heißen Abschied nehmen.
Mir gab dieses Benehmen Bartels frohe Zuversicht und mit dem trostreichen Gedanken, daß Marie in ihrem Bruder einen treuen Freund habe, schritt ich durch den Nebel des ersten Oktobertages von dannen.
XII.
Dieses vorige Kapitel aus meinem Leben habe ich gestern vormittag geschrieben. Wie ich dann noch an meinem Tische saß und nachdachte, da hörte ich auf einmal ein Pfeifen und Schnalzen und als ich über die Schwelle meiner Hütte trat, sah ich gerade vor mir auf der alten Wettertanne eine wilde Jagd. Ein Edelmarder verfolgte ein Eichhörnchen. In Spiralen lief das gehetzte Tier den Stamm empor, daß der buschige Schwanz wie ein rotes Fähnchen hinter ihm dreinwehte. Und der Edelmarder war dumm genug, diese Spiralen nachzulaufen. Schon glaubte ich die Eichkatz gerettet, da mußte der Marder auf sein Ungeschick gekommen sein. Er ließ sein Opfer um den Stamm laufen, schoß aber selber senkrecht empor, und da lief es ihm geradeaus in den Rachen. Ein Biß ins Genick und er sprang mit seiner Beute davon.
Das ist Natur, rauhe, „rohe“ Natur, wie die Menschen draußen in der Welt sagen würden. Und doch steht sie höher, tausendmal höher als ihre Kultur. Das Tier kennt den Mord, den brutalen Mord aus Selbsterhaltungstrieb; aber es kennt nicht das Quälen, das langsame Hinmorden. Die Natur arbeitet mit augenblicklich wirkenden Dolchstichen, die Kultur mit Nadelstichen. Je weiter der Mensch von der Natur sich entfernt, desto grausamer wird er. Der Naturmensch, der Wilde, tötet, er tötet den Leib; der Kulturmensch tötet zuerst in langsamen Worten die Seele und überläßt es dann der geistigen Verwesung, auch den Körper zu zerstören.
Zu Millionen wandern sie auf Erden herum, die Menschen, denen in teuflischen Seelenqualen der Wille gebrochen, das redliche Denken, das ehrliche Fühlen geraubt wurde; mit toten Seelen, oder was noch schlechter ist, mit vergifteten, gehen sie ihren Lebensweg, wie Sklaven schleppen sie die Ketten ihrer erzwungenen Verdorbenheit mit sich, bis sie endlich im Ekel vor sich selbst zusammenbrechen, das brechende Auge noch in stummer Frage emporrichtend: warum?
Ich stand noch und sah dem Marder nach, wie er von Ast zu Ast springend in den Tiefen des Waldes verschwand, als mich Tritte aus meiner Betrachtung aufschreckten.
Wieder einmal einer aus der sogenannten Kulturwelt da draußen. Ich weiche diesen Leuten sonst am liebsten aus, denn sie bringen mir den ganzen Zank und Stank ihrer Armseligkeit in meine schöne Einsamkeit. Dieser Mann jedoch gefiel mir. Er bat mich um einen Trunk Milch und wenn ich es hätte, auch um ein Stück Brot dazu, und dann warf er sich auf der Wiese am See ins Gras hin, verschränkte die Arme unter dem Kopf und sah in den Himmel hinein.
Ich kümmerte mich nicht um ihn, sondern ging meiner Arbeit am Meiler nach.
Nach einer Stunde kam er wieder zu mir zurück und fragte mich, ob er eine Nacht bei mir bleiben könne.
Ich war von dieser Frage so überrascht, daß ich mich augenblicklich nicht entscheiden konnte, und um Zeit zu gewinnen, stellte ich die Gegenfrage, was er denn eigentlich da heroben wolle.
„Eigentlich wollte ich da ein wenig botanisieren,“ entgegnete er, „aber ich will auch das lassen und einmal einen ganzen Tag selbst nichts anderes sein als Pflanze, die Licht und reine Luft trinkt. Sie werden das freilich nicht verstehen und begreifen,“ setzte er noch hinzu, „denn Ihr Landleute meint ja, daß es nichts Schöneres gäbe, als das Leben in einer Stadt. Ihr wißt ja selbst nicht, wie schön, wie gut Ihr es habt. Dieser Friede hier, diese Ruhe und diese kostbare Luft! Ah! Wenn man das so ein Jahr haben könnte.“
„Nun so siedeln Sie sich einmal ein Jahr da irgendwo im Hochwald an!“ entgegnete ich lächelnd.
Da seufzte der Mann auf: „Ja, wer das könnte. Aber da hat man Weib und Kind und es heißt arbeiten, arbeiten von früh bis Abend. Aber nun sagen Sie mir, kann ich bei Ihnen da übernachten oder nicht. Ich brauche ja kein Bett, nur ein bißchen ein Dach möchte ich über meinem Kopfe haben.“
Meine Hütte beherbergte außer dem Raum, der mir zur Wohnung diente, noch einen zweiten, der meinem Vorgänger als Ziegenstall gedient hatte.
Diesen zeigte ich dem Professor, denn als solchen mußte ich ihn bald erkennen, und er war ganz zufrieden damit. Aus dürrem Buchenlaub machte er sich selbst eine Liegestatt zurecht und ich gab ihm eine meiner groben Decken.
Wir saßen noch eine Weile beieinander und ich lernte in ihm einen tiefen Menschen, einen echten Friedenssucher kennen, so daß ich unwillkürlich auch ein wenig aus meiner Verschlossenheit heraustrat.
Als er sich endlich erhob und mir die Hand reichte, sagte er: „Sie sind auch nicht immer Kohlenbrenner gewesen.“
„Ich will es aber bleiben,“ entgegnete ich.
„Ich verstehe Sie,“ sagte er einfach, „und ich will Sie nicht stören. Jeder Mensch muß mit sich selber fertig werden und glücklich der, dem’s gelingt; der hat dann den Frieden. Gute Nacht!“
Der Professor ist auch heute noch geblieben und wir haben viel miteinander gesprochen und haben uns gut verstanden. Als er dann aufbrach, sagte er: „Leben Sie wohl, lieber Freund! Ich weiß heute, was ich mir schon gestern dachte, daß Sie einmal andere Zeiten gesehen haben. Aber ich frage nicht und glauben Sie meiner Versicherung, daß ich auch drunten im Tale Ihrer Lebensgeschichte nicht nachfragen werde. Ich freue mich, einen Menschen gefunden zu haben, dem der Friede ward, und ich nehme einen Teil davon mit in meine Arbeitsstube. Das nächste Jahr aber will ich wieder kommen und dann wollen wir es wieder genau so halten wie gestern und heute. Nicht wahr?“
Ich drückte dem Manne, dessen Auge hell und aufrichtig leuchtete, die Hand und dann schritt er davon. Wo der Weg zum See niedersteigend im Unterholz verschwindet, drehte er sich noch einmal um und winkte mit dem Hute zurück.