Der Dreispitz

Part 7

Chapter 73,751 wordsPublic domain

»Merceditas! Was sagst du da?« zischte der Corregidor zwischen Lippen und Gaumen. »Wenn es wahr ist, daß dies in meinem Hause vorgekommen ist, so sage ich dir, daß du eine Treulose, eine sittenlose Person bist.«

»Mit wem spricht dieser Mensch?« unterbrach ihn die Corregidora verächtlich und ließ ihren Blick über die Umstehenden schweifen. »Wer ist der Wahnsinnige? Wer ist der Betrunkene? Kaum kann ich noch glauben, daß Ihr ein ehrlicher, anständiger Müller wie der Tio Lucas seid, trotzdem Ihr sein ländliches Kleid tragt. -- Señor Juan Lopez, wißt,« fuhr sie fort, indem sie dem vernichteten Dorfschulzen ins Gesicht sah, »daß mein Mann, der Corregidor der Stadt, vor zwei Stunden nach Hause gekommen ist, mit seinem Dreispitz, seinem roten Mantel, seinem Kavaliersdegen und seinem Amtsstock... Die hier gegenwärtigen Dienstboten und Alguacilen sind aufgestanden und haben ihn gegrüßt, als sie ihn durchs Portal kommen, die Treppe hinauf und durchs Empfangszimmer schreiten sahen. Dann haben sie die Thüren geschlossen, und seit der Zeit ist niemand in meine Wohnung eingetreten, bis Sie ankamen. Ist das wahr? Antwortet ihr...«

»Es ist wahr, es ist sehr wahr,« antworteten die Amme, die Diener und die Polizeidiener, die alle, an der Salonthür gruppiert, jener eigentümlichen Scene beiwohnten.

»Hinaus mit euch allen!« rief Don Eugenio wutschnaubend. »Garduña! Garduña! Komm und nimm diese Elenden, die den Respekt vergessen, gefangen. Alle ins Gefängnis! Alle an den Galgen!«

Garduña war nirgends zu sehen.

»Übrigens, Señor,« fuhr Doña Mercedes fort, indem sie den Ton änderte und ihren Mann anzusehen und ihn als solchen zu behandeln geruhte, da sie fürchtete, der Scherz könnte vielleicht zu unheilbaren Resultaten führen, »nehmen wir einmal an, daß Sie Don Eugenio de Zuñiga y Ponce de Leon wären...«

»Ich bin es!«

»Nehmen wir einmal an, daß mich einige Schuld träfe, weil ich einen Mann, der als Corregidor gekleidet in mein Schlafzimmer drang, für Sie gehalten habe...«

»Infame Canaille!« schrie der Alte, griff mit der Hand nach dem Degen und fand nur den leeren Platz und die Binde des murcianischen Müllers.

Die Navarresin bedeckte mit einem Zipfel ihrer Mantille ihr Gesicht, um die Flammen der Eifersucht zu verbergen.

»Nehmen wir alles das an, was Sie wollen,« fuhr Doña Mercedes mit einem unerklärlichen Gleichmut fort. »So sagen Sie mir doch erst eins, mein Herr! Hätten Sie ein Recht, sich zu beklagen? Könnten Sie mich als Richter verurteilen? Kommen Sie vielleicht aus der Predigt? Kommen Sie vielleicht aus der Beichte? Kommen Sie aus der Messe? Oder woher kommen Sie mit diesem Anzuge? Woher kommen Sie mit dieser Frau? Wo haben Sie die Hälfte der Nacht zugebracht?«

»Mit Verlaub...« rief die Seña Frasquita aus und stand, wie von einer Feder emporgeschnellt, auf und trat keck zwischen die Corregidora und deren Gatten.

Dieser war im Begriff zu sprechen, blieb aber mit offenem Munde stehen, als er sah, daß die Navarresin ins Feuer trat.

Aber Doña Mercedes kam ihr zuvor und sagte:

»Señor, bemühen Sie sich nicht, mir Erklärungen zu geben. Ich verlange sie durchaus nicht von Ihnen. Hier kommt derjenige, der das Recht hat, sie von Ihnen zu fordern. Verständigen Sie sich mit ihm.«

Zugleich öffnete sie die Thür eines Kabinetts, und in ihr erschien Tio Lucas, vom Kopf bis zu den Füßen als Corregidor gekleidet, mit Stock, Handschuhen und Degen, wie er in den Ratssaal zu treten pflegte.

32.

Der Glaube versetzt Berge.

»Ich wünsche Ihnen allen einen guten Abend,« sprach der zuletzt Angekommene, nahm den Dreispitz ab und sprach mit zusammengefallenem Munde, wie Don Eugenio de Zuñiga.

Dann durchschritt er, sich nach allen Seiten wiegend, den Saal und küßte die Hand der Corregidora.

Alle standen starr vor Erstaunen. Die Ähnlichkeit des Tio Lucas mit dem wirklichen Corregidor grenzte ans Wunderbare.

Darum konnten auch die Dienerschaft und sogar Señor Juan Lopez ein Gelächter nicht zurückhalten.

Don Eugenio fühlte diese neue Herabwürdigung und stürzte sich wie ein Basilisk auf Tio Lucas.

Aber Seña Frasquita war schneller als er und entfernte den Corregidor mit ihrem eisernen Arm; und Seine Gnaden, im Andenken an einen andern Purzelbaum und das darauffolgende Hautabschürfen, ließ sich zurückwerfen, ohne auch nur einen Laut auszustoßen. Augenscheinlich war jene Frau von Geburt an dazu bestimmt, den armen Alten in Schach zu halten.

Tio Lucas wurde bleicher als der Tod, als er sah, daß seine Frau sich ihm näherte; aber er beherrschte sich gleich, und mit einem schrecklichen Lachen, so daß er die Hand aufs Herz legen mußte, weil es ihm zu springen drohte, sagte er, immer noch den Corregidor nachahmend:

»Gott behüte dich, Frasquita! Hast du deinem Neffen schon die Ernennung geschickt?«

Da hättet Ihr die Navarresin sehen müssen! Sie warf ihre Mantille zurück, erhob das Haupt mit dem Stolz einer Löwin, und ihre Augen wie zwei Dolche in die des falschen Corregidors versenkend, sagte sie ihm gerade ins Gesicht:

»Ich verachte dich, Lucas!«

Alle glaubten, daß sie ihn angespien hätte, solch eine Geste, solch eine Bewegung, solch ein Ton der Stimme begleiteten jene Worte.

Das Gesicht des Müllers verklärte sich, als er die Stimme seiner Frau hörte. Eine Art von Inspiration, wie die des religiösen Glaubens, war in seine Seele gedrungen und überflutete sie mit Licht und Freude. Und einen Augenblick vergaß er, was er in der Mühle gesehen und zu sehen geglaubt hatte und rief mit Thränen in den Augen und vollster Aufrichtung in der Stimme aus:

»Also bist du noch meine Frasquita?«

»Nein,« antwortete die Navarresin außer sich. »Jetzt bin ich deine Frasquita nicht mehr! Ich bin... Befrage deine Heldenthaten dieser Nacht, und sie werden dir sagen, was du mit diesem Herzen gemacht hast, das dich so geliebt.«

Und wie ein sinkender Eisberg, der anfängt zu schmelzen, begann sie zu weinen.

Die Corregidora konnte sich nicht enthalten, auf sie zuzugehen und sie mit herzlichster Freundlichkeit in ihre Arme zu schließen.

Und ohne recht zu wissen, was sie that, fing die Seña Frasquita an, sie zu küssen und sagte, schluchzend wie ein Kind, das Schutz bei seiner Mutter sucht:

»Señora, Señora, wie unglücklich bin ich!«

»Nicht so sehr, wie Sie glauben,« antwortete die Corregidora, die auch großmütig weinte.

»Ja, ich bin sehr unglücklich,« seufzte Tio Lucas und kämpfte mit seinen Thränen, wie wenn er sich schämte, sie zu vergießen.

»Nun, und ich?« brach schließlich Don Eugenio los, der sich durch das ansteckende Weinen der Übrigen erweicht fühlte, oder sich auf dem feuchten Wege, ich meine auf dem Wege des Weinens, zu retten hoffte. »Ach, ich bin ein Schelm, ein Ungeheuer, ein leichtsinniger Mensch, der seinen Lohn empfangen hat!«

Und traurig fing er an zu blöken, indem er den Leib des Señor Juan Lopez liebend umschlang.

Dieser und die Dienstboten weinten gleichfalls, alles schien zu Ende zu sein, und doch hatte sich niemand erklärt.

33.

Nun, und du?

Tio Lucas war der erste, der endlich in diesem Thränenmeer wieder flott wurde, weil er anfing, sich dessen zu erinnern, was er durchs Schlüsselloch gesehen.

»Señores, lassen Sie uns jetzt abrechnen,« sagte er.

»Hier giebt es nichts abzurechnen, Tio Lucas,« rief die Corregidora aus. »Eure Frau ist eine Heilige.«

»Gut... ja... aber...«

»Nichts von aber. Laßt sie sprechen, und Ihr werdet sehen, wie sie sich rechtfertigen wird. Sowie ich sie sah, sagte es mir das Herz, daß sie eine Heilige sei, trotz alledem, was Ihr mir erzählt hattet.«

»Gut, so mag sie sprechen!« sagte Tio Lucas.

»Ich spreche nicht,« antwortete die Müllerin. »Du mußt zuerst sprechen. Denn die Wahrheit ist, daß du...«

Und die Seña Frasquita sagte nichts mehr, aus unbesiegbarer Achtung vor der Corregidora.

»Nun, und du?« antwortete Tio Lucas, der von neuem allen Glauben verlor.

»Jetzt handelt es sich nicht um sie,« rief der Corregidor, der auch wieder eifersüchtig wurde. »Es handelt sich jetzt um diese Dame. Ach, Merceditas! Wer hätte mir jemals gesagt, daß du...«

»Nun, und du?« antwortete die Corregidora, ihn mit dem Blicke messend.

Und während der nächsten Augenblicke wiederholten die beiden Ehepaare wohl hundertmal dieselben Sätze.

»Und du?«

»Nun, und du?«

»Na, du!«

»Nein, du!«

»Aber, wie konntest du...«

Und so weiter, und so weiter, und so weiter.

Vielleicht wäre die Angelegenheit nie beendet worden, wenn nicht die Corregidora schließlich, ihre Würde wieder annehmend, zu Don Eugenio gesagt hätte:

»Höre einmal, jetzt schweige du! Unsere Privatangelegenheit werden wir später ordnen. Das Dringendste ist in diesem Augenblick jedenfalls, Tio Lucas' Herzen den Frieden zurückzugeben. Meiner Ansicht nach ist das ganz leicht; denn dort sehe ich Señor Juan Lopez und Toñuelo, die nichts sehnlicher wünschen, als die Seña Frasquita zu rechtfertigen.«

»Mich brauchen die Männer nicht zu rechtfertigen,« antwortete diese. »Ich habe zwei Zeugen von größerer Glaubwürdigkeit, von denen niemand sagen kann, daß sie bestochen worden sind...«

»Und wo sind diese?« fragte der Müller.

»Sie sind unten, an der Thür.«

»Dann sage ihnen, daß sie heraufkommen, mit der Erlaubnis der Señora.«

»Ach, die Armen können nicht heraufkommen...«

»Ah, sind es zwei Frauen? Schöne, glaubwürdige Zeugen das!«

»Es sind auch keine zwei Frauen, nur zwei weibliche Wesen.«

»Noch schlimmer! Dann sind es zwei kleine Mädchen? Sei so gut und nenne mir ihre Namen.«

»Die eine heißt Piñona, die andere Liviana.«

»Unsere beiden Esel! Frasquita, du willst mich verspotten!«

»Nein, ich spreche sehr vernünftig und förmlich. Durch das Zeugnis unserer beiden Esel will ich dir beweisen, daß ich nicht in der Mühle war, als du den Herrn Corregidor dort gesehen hast.«

»Ich bitte dich, um Gottes willen, erkläre dich...«

»Höre, Lucas, und stirb vor Scham, daß du je an mir zweifeln konntest. Als du heute Nacht vom Dorf nach der Mühle rittest, da eilte ich von unserm Hause nach dem Dorf, folglich kreuzten wir uns auf dem Wege. Aber du warst außerhalb desselben und schlugst mitten auf einem Saatfelde Feuer an.«

»Ich habe angehalten, das ist wahr. Fahre fort.«

»Da schrie dein Esel...«

»Wahrhaftig! O, wie glücklich bin ich! Sprich, sprich, denn jedes Wort giebt mir ein Jahr meines Lebens zurück.«

»Und auf jenes Geschrei antwortete ein anderes vom Wege her.«

»O, ja, ja! Gesegnet seist du! Ich glaube es noch zu hören.«

»Es waren Liviana und Piñona, die sich erkannt hatten und wie gute Freundinnen begrüßten, während wir beide uns weder grüßten noch erkannten...«

»Sage mir nichts mehr! Sage mir nichts mehr.«

»So wenig erkannten wir uns,« fuhr die Seña Frasquita fort, »daß wir beide erschraken und nach entgegengesetzten Richtungen entflohen. Nun siehst du doch wohl ein, daß ich nicht in der Mühle war. Wenn du jetzt wissen willst, warum du den Herrn Corregidor in unserm Bett angetroffen hast, so fühle die Kleider, die du trägst und die noch feucht sein müssen, an, und sie werden es dir besser sagen als ich. Se. Gnaden ist in das Mühlgerinne gefallen, Garduña hat ihn entkleidet und dort gebettet. Willst du wissen, warum ich die Thür geöffnet habe? Weil ich glaubte, daß du es wärest, daß du ertränkest und mich zu Hilfe riefest. Und schließlich, wenn du das mit der Ernennung wissen willst... Aber vorläufig brauche ich nichts weiter zu sagen. Wenn wir allein sind, dann werde ich dir noch verschiedene Einzelheiten erzählen, die ich dir vor dieser Dame nicht mitteilen kann.«

»Alles, was die Seña Frasquita gesagt hat, ist die reinste Wahrheit!« rief der Señor Juan Lopez, der sich Doña Mercedes' Gunst erwerben wollte, da er wohl sah, daß sie das Corregimiento beherrschte.

»Alles, alles!« fügte Toñuelo hinzu, der seinem Herrn nacheifern wollte.

»Bis jetzt alles!« sprach der Corregidor, sehr zufrieden, daß die Erklärungen der Seña Frasquita nicht weiter gegangen waren.

»Also bist du unschuldig?« rief inzwischen der Müller aus und ergab sich dem Augenschein und der Überzeugung. »Meine Frasquita! Herzens-Frasquita! Verzeih' mir die Ungerechtigkeit und laß mich dich umarmen!«

»Oh, das ist Mehl aus einem andern Sack,« antwortete die Müllerin, den Körper wegbiegend. »Bevor ich dich umarme, muß ich erst deine Erklärung hören.«

»Ich werde sie für ihn und mich geben,« sagte Doña Mercedes.

»Seit einer Stunde warte ich schon darauf,« stieß der Corregidor hervor und versuchte sich aufzurichten.

»Aber ich werde sie nicht eher geben,« fuhr die Corregidora fort, indem sie ihren Mann verächtlich ansah, »als bis die Herren die Kleider gewechselt haben, und auch dann werde ich sie nur demjenigen geben, der sie zu hören verdient.«

»Schnell, schnell, wir wollen uns umkleiden,« sagte der Murcianer zu Don Eugenio, und freute sich, daß er ihn nicht getötet hatte, wenn er ihn auch mit einem wahrhaft maurischen Haß betrachtete. »In den Kleidern Ew. Gnaden ersticke ich, und wie unglücklich bin ich gewesen, während ich sie trug!«...

»Weil du es nicht verstehst,« antwortete der Corregidor. »Ich dagegen wünsche nichts sehnlicher, als sie wieder anzulegen, um, wenn mir die Erklärung meiner Frau nicht genügt, dich und die halbe Welt aufhängen zu lassen.«

Als die Corregidora diese Worte hörte, beruhigte sie die Versammlung mit einem sanften Lächeln, wie es den Engeln eigen, deren Aufgabe es ist, die Menschen zu bewachen.

34.

Auch die Corregidora ist reizend.

Als der Corregidor und Tio Lucas den Saal verlassen hatten, setzte sich die Corregidora von neuem auf das Sofa, zog die Seña Frasquita neben sich, und sich zu den die Thür füllenden Dienstboten und Polizeidienern wendend, sagte sie mit liebenswürdiger Einfachheit:

»Nun, Kinder, erzählt jetzt, was ihr Schlechtes von mir wißt.«

Rasch drängte der vierte Stand vorwärts, und zehn Stimmen wollten zugleich sprechen; aber die Amme, die doch im Hause die wichtigste Person war, gebot den Übrigen Schweigen und sprach folgendermaßen:

»Sie müssen wissen, Seña Frasquita, daß wir, ich und meine Herrin, heute Nacht mit der Pflege der Kinder beschäftigt waren. Wir warteten auf die Rückkunft des Herrn und beteten, um die Zeit hinzubringen, schon den dritten Rosenkranz, denn Garduña hatte gesagt, daß der Herr einige sehr schreckliche Missethäter verfolge, und da war natürlich nicht eher ans Zubettgehen zu denken, als bis wir ihn unbeschädigt wieder heimkehren sahen -- als wir in dem daran stoßenden Alkoven, in dem meiner Herrschaft Ehebett steht, ein Geräusch wie von Leuten hörten. Wir nahmen, halbtot vor Angst, das Licht, um nachzusehen, wer in dem Alkoven herumginge, als wir, o heilige Jungfrau von Carmen! einen Mann sahen, wie mein Herr gekleidet, der er aber doch nicht war (da er ja Ihr Mann war), und der sich hinter dem Bett zu verstecken suchte. ›Räuber!‹ fingen wir an wie wahnsinnig zu schreien, und einen Augenblick nachher war das ganze Zimmer voller Leute, und die Alguacilen zogen den nachgemachten Corregidor aus seinem Versteck hervor. -- Meine Herrin, die, wie wir alle, den Tio Lucas erkannt hatte, und, weil sie ihn in den Kleidern des Corregidors sah, fürchtete, er hätte jenen ermordet, erhob ein jämmerliches Wehklagen, das die Steine hätte erweichen können. ›Ins Gefängnis, ins Gefängnis!‹ sagten inzwischen die Übrigen. ›Räuber! Mörder!‹ waren noch die besten Worte, die der Tio Lucas zu hören bekam, und so stand er da wie eine Leiche, an die Wand gelehnt, und brachte kein Wort hervor. Aber als er sah, daß sie ihn ins Gefängnis bringen wollten, sagte er: ›Ich werde es ihnen wiederholen, wenn es auch besser wäre, es zu verschweigen. Señora, ich bin kein Räuber, ich bin kein Mörder; der Räuber und Mörder meiner Ehre ist in meinem Hause und liegt mit meiner Frau im Bette.‹«

»Armer Lucas!« seufzte die Seña Frasquita.

»Die Ärmste bin ich!« murmelte die Corregidora ruhig.

»Das sagten wir alle... Armer Tio Lucas und arme Señora! Weil... denn... nun, wir hatten schon aus kleinen Andeutungen erfahren, daß mein Herr ein Auge auf Sie geworfen hatte, und... na, obgleich niemand sich denken konnte, daß Sie«...

»Amme!« rief die Corregidora streng. »Auf diesem Wege gehts nicht fort.«

»Ich werde auf einem anderen fortfahren,« sagte ein Alguacil, der die Unterbrechung benutzte, um sich des Wortes zu bemächtigen. »Der Tio Lucas, der uns, als er ins Haus trat, mit seinem Anzuge und seiner Art und Weise zu gehen, so gut angeführt hatte, daß wir ihn alle für den Corregidor hielten, war gewiß nicht mit guten Absichten gekommen, und wenn die Señora nicht wach gewesen wäre... Stellen Sie sich nur vor, was da hätte passieren können«...

»Na ja, schweig' doch nur!« unterbrach ihn die Köchin. »Du sagst nichts als Dummheiten. Ja, Seña Frasquita, um seine Anwesenheit im Schlafzimmer der Herrin zu erklären, mußte er den Zweck bekennen, der ihn hierher geführt. Natürlich konnte die Herrin, als sie es hörte, sich nicht enthalten, ihm einen Schlag auf den Mund zu geben, so daß ihm die Hälfte der Worte im Halse stecken blieben. Ich selbst habe ihn mit Schmähungen und Schimpfworten überhäuft und wollte ihm die Augen auskratzen. Denn das wissen Sie ja, Seña Frasquita, wenn es auch Ihr Mann ist, aber wenn man mit solchen Absichten«...

»Du bist eine alte Schwätzerin!« rief der Portier und stellte sich vor die Rednerin. »Was hättest du denn thun wollen? Hört mich, Seña Frasquita, und kommen wir zur Sache. Die Señora sagte und that alles, was sich gehörte, aber als sich ihr Ärger etwas abgekühlt hatte, bemitleidete sie den Tio Lucas, dachte über das schlechte Betragen des Herrn Corregidors nach und sprach diese oder ähnliche Worte: ›Wenn auch Euer Gedanke sehr nichtswürdig gewesen ist, Tio Lucas, und ich Euch diese Unverschämtheit nie verzeihen kann, so müssen Eure Frau und mein Mann doch ein paar Stunden lang glauben, daß sie sich in ihren eigenen Netzen gefangen haben und daß Ihr, unterstützt durch Eure Verkleidung, Schmach mit Schmach vergolten habt. Wir können uns nicht besser an ihnen rächen, und die Täuschung ist so leicht, daß wir sie aufklären können, wenn es uns paßt.‹ Als die Señora diesen witzigen Entschluß gefaßt hatte, lehrte sie und Tio Lucas uns, was wir zu sagen und zu thun hätten, wenn Se. Gnaden zurückkehrte; und dem Sebastian Garduña habe ich einen solchen Schlag aufs Hinterteil versetzt, daß er die St. Simon- und St. Judas-Nacht nicht sobald wieder vergessen wird.«

Schon seit längerer Zeit, noch während der Portier sprach, flüsterten sich die Corregidora und die Müllerin gegenseitig in die Ohren, umarmten und küßten sich alle Augenblicke und konnten verschiedene Male das Lachen gar nicht verbeißen.

Schade! daß man nicht hörte, was sie sprachen. Aber der Leser wird es sich wohl ohne große Mühe denken können, und wenn nicht der Leser, so doch die Leserin.

35.

Kaiserliches Dekret.

In diesem Augenblicke kehrten der Corregidor und der Tio Lucas, jeder in seinen eigenen Kleidern, in den Saal zurück.

»Jetzt ist die Reihe an mir,« sagte der erlauchte Don Eugenio de Zuñiga eintretend.

Und nachdem er einigemale heftig mit dem Stocke auf den Boden gestoßen hatte, wie um seine Energie wieder zu sammeln, gleich einem offiziellen Antäos, der sich nicht eher stark fühlt, als bis sein Bambusrohr die Erde berührt, sagte er mit unbeschreiblicher Emphase und Dreistigkeit zu der Corregidora:

»Merceditas! ich erwarte deine Erklärungen.«

Inzwischen stand die Müllerin auf, kniff den Tio Lucas zum Zeichen des Friedens so stark, daß ihm Funken vor den Augen tanzten, und blickte ihn zugleich mit gar nicht mehr ärgerlichen, sondern bezaubernden Augen an.

Der Corregidor, der jene Pantomime beobachtet hatte, erstarrte fast zur Salzsäule, weil er sich eine so =unmotivierte= Versöhnung nicht erklären konnte.

Dann wandte er sich von neuem an seine Frau und sagte in essigsaurem Tone:

»Señora, alle verständigen sich hier, nur wir nicht. Reißen Sie mich aus meinen Zweifeln. Ich befehle es als Mann und als Corregidor.«

Und wieder dröhnte der Stock gegen den Fußboden.

»Sie wollen also gehen?« rief Doña Mercedes aus und näherte sich der Seña Frasquita, ohne sich um Don Eugenio zu kümmern. »So gehen Sie also ohne Sorge, der Skandal wird keine Folgen haben. Rosa, leuchte den Herrschaften, sie wollen ja schon gehen. Geht mit Gott, Tio Lucas!«

»O nein!« schrie Don Eugenio, indem er sich hineinmischte. »Tio Lucas wird nicht fortgehen. Tio Lucas wird so lange im Arrest bleiben, bis ich die volle Wahrheit weiß. Halloh, Alguacilen! Im Namen des Königs!«

Nicht einer der Polizeidiener gehorchte Don Eugenio. Alle blickten die Corregidora an.

»Nun, Mann, mache Platz!« fügte diese hinzu, indem sie ihn fast umstieß und sich von allen mit der größten Feinheit verabschiedete, das heißt, den Kopf leicht zur Seite geneigt, ergriff sie ihr Kleid mit den Fingerspitzen und neigte sich anmutig, bis sie die Modereverenz jener Zeit ausführte, die man _la pompa_[9] nannte.

»Aber ich... aber du... aber wir... aber die da,« murmelte der arme Alte noch immer, zog seine Frau am Kleide und störte ihre bestangefangenen Verbeugungen.

Vergebliches Bemühen! Niemand kümmerte sich um Sr. Gnaden.

Als alle fortgegangen und die entzweiten Gatten im Salon allein waren, geruhte die Corregidora endlich im Tone einer Czarin aller Reussen, welche über einen gefallenen Minister den Blitzstrahl der ewigen Verbannung nach Sibirien schlendert, zu ihrem Gatten zu sagen:

»Und lebtest du tausend Jahre, so sollst du doch nie erfahren, was in dieser Nacht in meinem Schlafzimmer vorgefallen ist. Wenn du darin gewesen wärest, wie es natürlich war, so brauchtest du niemand danach zu fragen. Was mich anbetrifft, so habe und werde ich nie einen Grund haben, der mich nötigen könnte, es zu enthüllen, dazu verachte ich dich zu sehr, und wenn du nicht der Vater meiner Kinder wärest, so würde ich dich jetzt vom Balkon herunterstürzen ... Und hiermit gute Nacht, Caballero!«

Als die Corregidora diese Worte ausgesprochen hatte, die der Corregidor anhörte, ohne auch nur mit einer Wimper zu zucken (denn wenn er allein war, wagte er es nicht, gegen seine Frau aufzutreten), ging sie in das Schlafzimmer, schloß die Thüren hinter sich zu, und der arme Mann blieb mitten im Saal aufgepflanzt stehen und murmelte mit einem beispiellosen Cynismus zwischen den Gaumen -- Zähne hatte er ja nicht:

»Gott sei Dank! Ich glaubte nicht, daß es so gut enden würde... Garduña wird mir eine andere suchen.«

36.

Schluß, Moral und Epilog.

Fröhlich zwitschernd grüßten die Vögel den Morgen, als Tio Lucas und die Seña Frasquita die Stadt verließen, um sich nach der Mühle zu begeben.

Die Gatten gingen zu Fuß, vor ihnen her trabten die beiden zusammengekoppelten Esel.

»Am Sonntag mußt du zur Beichte gehen,« sagte die Müllerin zu ihrem Mann, »denn du mußt dich von all den schlechten Meinungen und verbrecherischen Absichten dieser Nacht reinigen.«

»Da hast du einen guten Gedanken,« antwortete der Müller. »Aber du mußt mir dafür auch einen Gefallen thun und die Matratzen und das Bettzeug unseres Bettes den Armen geben und alles neu anschaffen. Ich lege mich nicht wieder dahin, wo dies giftige Gewürm geschwitzt hat.«

»Nenne ihn nicht, Lucas!« versetzte die Seña Frasquita. »Aber um von etwas anderem zu sprechen. Ich möchte dich noch um einen anderen Gefallen bitten...«

»Bitte nur.«

»Im künftigen Sommer wirst du mich nach Solan de Cabras bringen, um eine Badekur zu gebrauchen.«

»Warum?«

»Um zu sehen, ob wir Kinder bekommen werden.«

»Das ist eine sehr glückliche Idee. Wenn Gott uns das Leben schenkt, sollst du dorthin gehen.«

Sie langten bei der Mühle an, gerade als die Sonne, ohne noch aufgegangen zu sein, die Gipfel des Gebirges vergoldete. -- -- --