Part 6
Wir sehen davon ab, alle Flüche und Schwüre, welche das Aufstehen und Ankleiden des Dorfschulzen begleiteten, wiederzugeben und versetzen uns in den Augenblick, in dem die Müllerin ihn herankommen sah, wie er die Schläfrigkeit von sich zu schütteln suchte, gleich einem Gymnastiker, der seine Muskulatur versucht, und unter unendlichem Gähnen ausrief:
»Guten Abend, Seña Frasquita! Was bringt Sie hierher? Hat Ihnen Toñuelo nicht gesagt, daß Sie in der Mühle bleiben sollten? Gehorchen Sie so der Obrigkeit?«
»Ich muß meinen Lucas sehen,« antwortete die Navarresin. »Ich muß ihn auf der Stelle sehen. Sie sollen ihm sagen, daß seine Frau hier ist.«
»Ich muß! Ich muß! Frau, Ihr vergeßt, daß Ihr mit dem Könige sprecht.«
»Ach was, König hin, König her, Señor Juan, ich bin nicht zum Scherz aufgelegt! Ihr wißt wohl zur Genüge, was mir widerfährt. Und zur Genüge weiß ich, warum man meinen Mann arretiert hat.«
»Ich weiß nichts, Seña Frasquita... Und Euer Mann ist nicht arretiert, sondern schläft ruhig in diesem seinem Hause, und ist behandelt worden, wie ich achtbare Leute behandele. Du, Toñuelo! Toñuelo! geh nach dem Strohstall und sage dem Tio Lucas, daß er aufwache und hierhereile... Also, nun erzählen Sie mir, was Ihnen zugestoßen ist. Haben Sie sich gefürchtet, allein zu schlafen?«
»Schämt Euch, Señor Juan! Ihr wißt wohl, daß mir weder Euer Ernst, noch Euer Scherz gefällt. Das, was mir passiert ist, ist sehr einfach -- Ihr und der Señor Corregidor habt mich ins Verderben stürzen wollen, und Ihr seid gründlich hineingefallen! Hier stehe ich, ohne daß ich zu erröten brauche, und der Herr Corregidor liegt in der Mühle im Sterben.«
»Im Sterben? der Herr Corregidor?« rief sein Untergebener aus. »Frau, wißt Ihr, was Ihr sagt?«
»Das, was Ihr sagt. Er ist in den Mühlgraben gefallen und wäre beinahe ertrunken und hat sich eine Lungenentzündung geholt, oder was weiß ich. Das ist Sache der Corregidora. Ich will meinen Mann holen und werde wahrscheinlich morgen gleich nach Madrid gehen, um es dem Könige zu erzählen...«
»Teufel, Teufel!« murmelte Señor Juan Lopez. »Du, Manuela, Mädchen, geh und sattle mir das Maultier. Seña Frasquita, ich gehe nach der Mühle. Wehe Euch, wenn Ihr dem Herrn Corregidor ein Leid zugefügt habt!«
»Señor Alkalde! Señor Alkalde!« rief in diesem Augenblicke Toñuelo aus, der mehr tot als lebendig eintrat. »Tio Lucas ist nicht im Strohstall. Sein Esel ist auch nicht an der Krippe, und die Hofthür ist offen... Der Vogel ist davongeflogen.«
»Was sagst du da?« schrie Señor Juan Lopez.
»Heilige Jungfrau von Carmen! Was wird in meinem Hause passieren?« rief die Seña Frasquita aus. »Laßt uns eilen, Señor Alkalde, laßt uns keine Zeit verlieren! Wenn mein Mann den Corregidor zu dieser Stunde trifft, dann schlägt er ihn tot.«
»Glaubt Ihr denn, daß der Tio Lucas in der Mühle ist?«
»Wie soll ich es nicht glauben? Ich sage noch mehr ... Als ich kam, habe ich mich mit ihm, ohne ihn zu kennen, gekreuzt. Ohne Zweifel war er es, der inmitten eines Saatfeldes Feuer angeschlagen hat. Mein Gott, wenn man bedenkt, daß die Tiere mehr Verstand haben als die Menschen. Denn Ihr müßt wissen, Señor Juan, unsere beiden Eselinnen haben sich erkannt und sich begrüßt, während mein Lucas und ich uns weder begrüßt, noch erkannt haben.«
»Das ist mir ein schöner Lucas, Ihr Lucas,« erwiderte der Alkalde. »Nun, wir werden ja gleich unterwegs sein und bald zu beschließen haben, was mit euch allen zu machen ist. Mit mir könnt Ihr aber nicht spielen! Ich bin der König! Aber nicht ein König, wie wir ihn in Madrid haben, oder im Prado, sondern wie der einst in Sevilla, den sie Pedro den Grausamen nannten. Du, Manuela! bring mir den Stock und sage deiner Frau, daß ich fortgehe.«
Die Magd, die eigentlich hübscher war, als es sich für die Alkaldin und die Moral schickte, gehorchte, und da das Maultier des Herrn Juan Lopez gesattelt war, so machten sich die Seña Frasquita und er, von dem unvermeidlichen Toñuelo gefolgt, auf den Weg nach der Mühle.
25.
Garduña's Stern.
Wir wollen ihnen vorauseilen, da wir ja Vollmacht haben, schneller als irgend ein anderer zu gehen.
Garduña, der die Seña Frasquita in allen Straßen der Stadt gesucht hatte, befand sich bereits auf dem Rückwege nach der Mühle.
Der schlaue Alguacil war auf dem Wege im Hause des Corregidors gewesen, wo er alles sehr ruhig gefunden hatte. Die Thüren waren ebenso geschlossen, wie mitten am Tage, wie es Gebrauch zu sein pflegt, wenn die Obrigkeit ihre geheiligten Pflichten außerhalb vollzieht. Auf dem Treppenabsatz und im Vorsaal schliefen andere Alguacilen und Beamte, die ruhig ihren Herrn erwarteten; als sie aber Garduña hörten, wachten einige von ihnen auf und fragten ihn, der ihr Haupt und Vorgesetzter war:
»Kommt der Herr schon?«
»Nicht im Entferntesten! Bleibt nur ganz ruhig. Ich will nur wissen, ob irgend etwas vorgefallen ist.«
»Nichts.«
»Und die Señora?«
»Schläft in ihren Zimmern.«
»Ist nicht vor kurzem eine Frau durch diese Thüren gekommen?«
»In der ganzen Nacht ist niemand vorübergekommen.«
»Nun, so laßt auch niemand eindringen, wer es auch sei und was er auch sagen möge. Im Gegenteil! Legt sogar Hände an den Morgenstern, wenn er etwa kommen und sich nach dem Herrn oder der Frau erkundigen sollte, und führt ihn ins Gefängnis.«
»Es scheint, daß Ihr heute auf der Jagd nach besonderen Vögeln seid,« fragte einer von den Häschern.
»Auf Edelwild,« fügte ein anderer hinzu.
»Auf das edelste,« fügte Garduña feierlich hinzu. »Denkt doch nur, wenn der Herr Corregidor und ich selbst die Treiber machen. Also, auf Wiedersehen, und paßt gut auf!«
»Gehen Sie mit Gott, Herr Bastian,« antworteten alle und grüßten Garduña.
»Mein Stern geht unter,« murmelte dieser beim Hinausgehen. »Sogar die Frauen täuschen mich. Die Müllerin geht nach dem Dorfe zu ihrem Manne, statt nach der Stadt zu kommen... Armer Garduña, was ist aus deiner Spürnase geworden?«
Und so sprechend, machte er sich wieder auf den Rückweg nach der Mühle.
Wohl hatte der Alguacil recht, wenn er seinen alten Spürsinn vermißte, denn auch einen Mann übersah er, der sich in jenem Augenblicke hinter einigen in der Nähe der Stadt befindlichen Weiden versteckte und in den Bart oder vielmehr in seinen roten Mantel murmelte:
»Aufgepaßt, Pablo! Da kommt Garduña! Er darf mich nicht sehen.«
Es war Tio Lucas, als Corregidor gekleidet, der sich der Stadt zuwendete und von Zeit zu Zeit seine diabolische Phrase wiederholte:
»Auch die Corregidora ist reizend!«
Ohne ihn zu sehen ging Garduña vorüber, und der falsche Corregidor verließ sein Versteck und verschwand im Orte.
Kurz darauf kam der Alguacil bei der Mühle an, wie wir schon angedeutet haben.
26.
Reaktion.
Genau so, wie Tio Lucas ihn durch das Schlüsselloch gesehen hatte, verharrte auch jetzt noch der Corregidor im Bett.
»Wie gut ich schwitze, Garduña! Ich habe mich dadurch vor einer Krankheit geschützt!« rief er aus, als er den Alguacil ins Zimmer treten sah. »Und die Seña Frasquita? Hast du sie angetroffen? Begleitet sie dich? Hast du mit der Herrin gesprochen?«
»Die Müllerin, gnädiger Herr,« antwortete Garduña mit gedrückter Stimme, »hat mich armen Mann getäuscht und ist nicht nach der Stadt gegangen, sondern nach dem Dorf, um ihren Mann aufzusuchen. -- Verzeihen mir Euer Gnaden die Dummheit...«
»Um so besser, um so besser!« sagte der Madrileñer mit vor Bosheit funkelnden Augen. »Dann sind wir gerettet. Noch bevor es tagt, sollen Tio Lucas und die Seña Frasquita, aneinander gekettet, in den Kerker der Inquisition wandern, und dort sollen sie verfaulen, ohne irgend jemand die Abenteuer dieser Nacht zu erzählen. -- Bringe mir meine Kleider, Garduña, denn sie müssen schon trocken sein. Bringe sie mir und zieh mich an. Der Liebhaber wird sich jetzt in den Corregidor verwandeln.«
Garduña ging in die Küche hinunter, um die Kleider zu holen. --
27.
Im Namen des Königs.
Inzwischen hatten sich die Seña Frasquita, Señor Juan Lopez und Toñuelo der Mühle genähert und kamen wenige Minuten darauf in derselben an.
»Ich werde vorausgehen,« rief der Dorfschulze aus. »Zu was bin ich denn die Autorität? Folge mir, Toñuelo, und Ihr, Seña Frasquita, wartet an der Thüre, bis ich Euch rufe.«
Also ging der Señor Juan Lopez unter die Weinlaube, wo er beim Mondschein einen fast buckligen, wie den Müller gekleideten Mann bemerkte, mit Jacke und Beinkleid von braunem Tuch, schwarzer Binde, blauen Strümpfen, der murcianischen Felbelmütze und dem Mantel auf der Schulter.
»Das ist er!« schrie der Alkalde. »Im Namen des Königs! Ergebt Euch, Tio Lucas!«
Der Mann mit der Jagdmütze wollte sich nach der Mühle zurückwenden.
»Halt!« rief nun Toñuelo, indem er sich auf ihn stürzte, am Halse packte, ihm mit dem Knie einen Stoß ins Rückgrat versetzte und ihn so zur Erde riß.
Zugleich aber warf sich eine Art von wildem Tier auf Toñuelo, und indem es ihn um den Leib faßte, zog es ihn auf das Steinpflaster und fing an, ihn zu ohrfeigen.
Es war die Seña Frasquita, die nun ausrief: »Landstreicher! Laß meinen Lucas los!«
Aber in diesem Augenblicke warf sich eine Person, die soeben, einen Esel am Halfter führend, erschienen war, entschlossen zwischen die beiden und versuchte Toñuelo zu retten...
Garduña war es, der den Alguacil des Dorfes für Don Eugenio de Zuñiga hielt und zu der Müllerin sagte:
»Señora, haben Sie Achtung vor meinem Herrn!«
Und rücklings warf er sie auf den Alkalden.
Als die Seña Frasquita sich auf diese Weise zwischen zwei Feuern befand, versetzte sie Garduña einen solchen Stoß vor den Magen, daß er so lang wie er war auf den Boden fiel.
Mit ihm waren es nun schon vier Personen, die sich auf der Erde herumwälzten.
Inzwischen verhinderte Juan Lopez den mutmaßlichen Tio Lucas am Aufstehen, indem er ihm einen Fuß auf die Nierengegend pflanzte.
»Garduña! Zu Hilfe! Im Namen des Königs! Ich bin der Corregidor!« schrie endlich dieser letztere, als er fühlte, daß die mit Stierhaut bekleidete Pfote des Alkalden ihn buchstäblich zermalte.
»Der Corregidor? Das ist aber auch wahr!« sagte Señor Juan Lopez ganz erstaunt.
»Der Corregidor!« wiederholten alle.
Und schnell waren alle Niedergeworfenen auf den Füßen.
»Alle ins Gefängnis!« rief Don Eugenio de Zuñiga.
»Alle an den Galgen!«
»Aber, Herr,« warf Señor Juan Lopez ein und kniete vor ihm nieder. »Verzeihen mir Euer Gnaden, daß ich Sie gemißhandelt habe. Wie konnte ich nur Euer Gnaden unter dieser gewöhnlichen Kleidung vermuten?«
»Barbar!« erwiderte der Corregidor. »Etwas mußte ich doch anziehen! Weißt du nicht, daß man mir meine Sachen geraubt hat? Weißt du nicht, daß eine Räuberbande, die Tio Lucas befehligt...«
»Sie lügen!« rief die Navarresin.
»Hört einmal, Seña Frasquita,« sagte Garduña zu ihr und rief sie beiseite. »Mit der Erlaubnis des Herrn Corregidors und der ganzen Gesellschaft. Wenn Ihr die Geschichte nicht in Ordnung bringt, dann werden wir alle aufgehängt, und Tio Lucas zuerst.«
»Ja, was ist denn geschehen?« fragte Seña Frasquita.
»Tio Lucas geht zu dieser Stunde als Corregidor verkleidet in der Stadt umher... und weiß Gott, ob er nicht in dieser Verkleidung sogar bis in das Schlafzimmer der Corregidora gedrungen ist.«
Und in wenigen Worten erzählte ihr der Alguacil das uns bereits Bekannte.
»Jesus!« rief die Müllerin aus. »So hält mich mein Mann also für entehrt! So ist er also in die Stadt gegangen, um sich zu rächen! Vorwärts, vorwärts, laßt uns in die Stadt gehen und rechtfertigt mich in den Augen meines Lucas!«
»Wir wollen in die Stadt gehen und verhindern, daß dieser Mann meiner Frau all die eingebildeten Dummheiten wiedererzählt,« sagte der Corregidor und schritt auf eine der Eselinnen zu. »Helft mir ein wenig beim Aufsteigen, Señor Alkalde.«
»Ja, wir wollen nach der Stadt gehen,« fügte Garduña hinzu, »und gebe der Himmel, Herr Corregidor, daß Tio Lucas sich begnügt hat, mit der Herrin zu sprechen.«
»Was sagst du, Unglücklicher?« brach Don Eugenio de Zuñiga aus. »Glaubst du, daß er fähig wäre...«
»Zu allem!« antwortete Seña Frasquita.
28.
_Ave Maria purísima! Las doce y media, y sereno!_[8]
So rief durch die Straßen der Stadt derjenige, welcher dazu berechtigt war, als die Müllerin und der Corregidor, jedes auf einem Mülleresel, der Señor Juan Lopez auf seinem Maultier, die beiden Alguacilen zu Fuß, an der Hausthür des Corregidors ankamen.
Die Thüre war geschlossen.
Man konnte sagen, daß für jenen Tag sowohl für die Regierung wie für die Regierten alles zu Ende war.
»Schlimm das!« dachte Garduña.
Er klopfte zwei- oder dreimal mit dem Klopfer an die Thüre.
Eine kleine Weile verging, die Thüre wurde nicht geöffnet, niemand antwortete.
Die Seña Frasquita war bleich wie Wachs.
Der Corregidor hatte schon alle Nägel von beiden Händen abgebissen.
Niemand sagte ein Wort.
Bum... Bum... Bum... Schläge und wieder Schläge an die Thüre der Wohnung, welche die beiden Alguacilen und Señor Juan Lopez nach einander verabfolgten. Und nichts, niemand antwortete, niemand öffnete die Thüre. Nicht eine Fliege rührte sich.
Nur das leise Plätschern eines Röhrbrunnens auf dem Hofe des Hauses drang zu ihnen herüber.
So verflossen Minuten, wie Ewigkeiten so lang. Endlich, gegen ein Uhr, wurde im zweiten Stockwerk ein Fenster geöffnet und eine weibliche Stimme fragte:
»Wer ist da?«
»Das ist die Stimme der Amme,« murmelte Garduña.
»Ich!« antwortete Don Eugenio de Zuñiga. »Öffnet.«
Ein Augenblick des Stillschweigens trat ein.
»Und wer sind Sie?« entgegnete die Amme.
»Nun, hörst du es denn nicht? Ich bin es, der Herr ... der Corregidor!« --
Eine zweite Pause.
»Geht mit Gott!« antwortete die gute Frau. »Mein Herr ist vor etwa einer Stunde nach Hause gekommen und hat sich gleich niedergelegt. Legt Euch auch nur ins Bett und schlaft den Rausch aus, den Ihr im Kopfe habt.«
Und knallend schloß sich das Fenster.
Die Seña Frasquita bedeckte ihr Gesicht mit den Händen.
»Amme!« donnerte der Corregidor außer sich. »Hört Ihr nicht, daß ich Euch sage, Ihr sollt die Thüre öffnen? Hört Ihr nicht, daß ich es bin? Wollt Ihr, daß ich Euch auch aufhänge?«
Das Fenster öffnete sich von neuem.
»Aber was soll denn das heißen?« sprach die Amme. »Wer seid Ihr, daß Ihr so schreit?«
»Ich bin der Corregidor!«
»O, ich bin nicht so dumm! Habe ich Euch nicht gesagt, daß der Herr Corregidor schon vor zwölf Uhr nach Hause gekommen ist? Ich habe es doch mit meinen eigenen Augen gesehen, wie er in das Zimmer der Herrin gegangen ist... Ihr wollt Euch nur über mich lustig machen... Aber wartet, Ihr sollt schon sehen, was Euch beschert wird.«
Und plötzlich öffnete sich die Thüre, und eine Wolke von Dienern und Angestellten, mit großen Knüppeln bewaffnet, stürzte sich auf die Draußenstehenden, und wütende Rufe erschallten:
»Wo ist der, welcher sich Corregidor nennt? Wo ist der Tölpel? Wo ist der Trunkenbold?«
Und in der Dunkelheit entspann sich ein solcher Kampf, ein so lauter Lärm, daß keiner den Andern verstehen konnte, und daß sowohl der Corregidor, wie Garduña, Señor Juan Lopez und Toñuelo nicht ohne Schläge ausgingen.
Das war schon die zweite Tracht Prügel, welche das Abenteuer jener Nacht Don Eugenio eingetragen hatte, außer dem Bade im Mühlgraben.
In geringer Entfernung von jenem Labyrinth weinte die Seña Frasquita zum erstenmale in ihrem Leben.
»Lucas, Lucas!« sagte sie. »Und du hast an mir zweifeln können. Und hast eine andere in deine Arme schließen können... Ach! unser Unglück ist grenzenlos!«
29.
Nach dem Gewölk... Reveille.
»Was hat dieser Lärm zu bedeuten?« sagte endlich eine ruhige, majestätische Stimme von angenehmer Klangfarbe, den Höllenlärm übertönend.
Alle erhoben die Köpfe und sahen eine schwarzgekleidete Dame auf dem Hauptbalcon des Hauses.
»Die Señora!« sagten die Dienstleute und unterbrachen ihre Prügelretraite.
»Meine Frau!« stotterte Don Eugenio.
»Laßt diese Herren eintreten... Der Herr Corregidor sagt, daß er es erlaubt,« fügte die Corregidora hinzu.
Die Diener gaben den Weg frei, und der Señor de Zuñiga und seine Begleiter traten in das Portal und stiegen die Treppe hinauf.
Wohl nie ist ein Verbrecher mit so unsicherm Schritte und so entstellten Zügen zur Richtstätte gegangen, wie der Corregidor, als er die Treppe seines Hauses hinaufging. Und doch fing schon der Gedanke an seine Schande an mit edler Selbstsucht all das durch ihn veranlaßte und ihn drückende Unrecht zu überragen und die ganze Lächerlichkeit seiner Lage mit dem Schleier der Vergessenheit zu umhüllen.
»Vor allen Dingen,« dachte er, »bin ich ein Zuñiga und ein Ponce de Leon! Wehe denen, die es vergessen haben. Wehe meiner Frau, wenn sie meinen Namen befleckt hat!«...
30.
Eine Dame von Stande.
Die Corregidora empfing ihren Gatten und seine ländlichen Begleiter im großen Saale des Amtsgebäudes.
Sie war allein, stand aufrecht, und ihre Augen waren fest auf die Thür gerichtet.
Es war eine Dame aus vornehmem Hause, noch ziemlich jung, von einer ruhigen, strengen Schönheit, mehr geeignet für den christlichen Pinsel, als für den ungläubigen Meißel, die mit der ganzen Vornehmheit und Ernsthaftigkeit jener Epoche gekleidet war. Ihr Kleid mit kurzem, engem Rock und bauschigen, hochstehenden Ärmeln war von schwarzem Bombasin, ein Tuch von weißen, etwas gelblichen Blonden verhüllte ihre bewundernswerten Schultern, und lange Handschuhe von schwarzem Tüll bedeckten ihre alabasterweißen Arme. Majestätisch wehte sie sich mit einem ungeheuren Fächer von den Philippinen Kühlung zu, und in der anderen Hand hielt sie ein Spitzentuch, dessen vier Ecken symmetrisch mit einer Regelmäßigkeit herunterhingen, die sich nur mit ihrer ganzen Haltung und jeder ihrer geringsten Bewegungen vergleichen ließ.
Die schöne Frau hatte etwas von einer Königin, mehr aber noch von einer Äbtissin in ihrer Erscheinung und flößte allen, die sie sahen, Verehrung und Furcht ein. Übrigens bewiesen der sorgfältige Anzug zu so ungewöhnlicher Stunde, der Ernst ihres Antlitzes und die vielen im Salon angezündeten Lichter, daß die Corregidora bemüht gewesen war, jener Scene eine theatralische Feierlichkeit und zeremonielle Färbung zu geben, welche mit dem rohen Abenteuer ihres Mannes um so schärfer kontrastierten.
Schließlich wollen wir noch hinzufügen, daß jene Dame Doña Mercedes Carrillo de Albornoz y Espinosa de los Monteros hieß und Tochter, Enkelin, Urenkelin, Ururenkelin, ja Enkelin im zwanzigsten Grade der Stadt war, als Sprößling von deren berühmten Conquistadoren. Ihre Familie hatte sie aus weltlicher Eitelkeit mit dem alten, begüterten Corregidor verheiratet, und sie, die sonst Nonne geworden wäre, weil eine innere Stimme sie dem Kloster zuführte, willigte in jenes schmerzbringende Opfer.
Zur Zeit hatte sie zwei Sprößlinge von dem verwegenen Madrileñer, und man munkelte, daß wieder »Mauren an der Küste zu sehen wären.«
Und damit wollen wir wieder zu unserer Geschichte zurückkehren.
31.
Die Strafe der Wiedervergeltung.
»Mercedes!« rief der Corregidor aus, als er vor seiner Frau erschien, »ich muß sofort wissen...«
»Oho, Tio Lucas, Ihr hier?« sagte die Corregidora, ihn unterbrechend. »Ist ein Unglück in der Mühle geschehen?«
»Señora, ich bin nicht zu Scherzen aufgelegt,« sagte der Corregidor wütend. »Bevor ich von meiner Seite irgend welche Erklärung abgebe, muß ich erst wissen, was aus meiner Ehre geworden ist.«
»Was geht das mich an? Habt Ihr sie mir vielleicht in Verwahrung gegeben?«
»Ja, Señora! Ihnen,« entgegnete Don Eugenio. »Die Frauen sind die Bewahrerinnen der Ehre ihrer Gatten.«
»Dann fragt doch Eure Frau danach... Da steht sie ja gerade und hört uns.«
Seña Frasquita, welche an der Saalthüre stehen geblieben war, stieß eine Art von Gebrüll aus.
»Kommen Sie näher, Señora, und setzen Sie sich,« fügte die Corregidora hinzu, indem sie sich mit erhabener Würde an die Seña Frasquita wendete.
Sie selbst schritt auf das Sofa zu.
Die hochherzige Navarresin begriff sofort die ganze Größe in der Haltung der beleidigten und vielleicht doppelt beleidigten Gattin. Darum erhob sie sich im Augenblick zu gleicher Höhe, beherrschte ihre natürlichen Triebe und bewahrte ein anständiges Stillschweigen. Und glaubt nur nicht etwa, daß die Seña Frasquita in all ihrer Unschuld und Kraft Eile gehabt hätte, sich zu verteidigen... Große Eile hatte sie anzuklagen, sehr große... aber gewiß nicht die Corregidora. Mit wem sie ein Hühnchen zu pflücken hatte, das war mit dem Tio Lucas, und Tio Lucas war nicht dort.
»Seña Frasquita,« wiederholte die edle Frau, als sie sah, daß die Müllerin sich nicht von der Stelle gerührt hatte, »ich habe Ihnen gesagt, daß Sie näher kommen und sich setzen sollen.«
Diese zweite Aufforderung wurde mit noch herzlicherer und gefühlvollerer Stimme ausgesprochen, als die erste. Fast konnte man sagen, daß die Corregidora beim Anblick des ruhigen Antlitzes und der männlichen Schönheit jener Frau instinktiv erraten hatte, daß sie es nicht mit einem gewöhnlichen, verächtlichen Wesen, vielmehr mit einer anderen Unglücklichen zu thun hatte... unglücklich, ja, um der einzigen Thatsache willen, daß sie den Corregidor kennen gelernt.
Darum tauschten die beiden Frauen, welche sich für doppelte Nebenbuhlerinnen hielten, verschiedene Blicke des Friedens und der Nachsicht aus und bemerkten zu ihrem größten Erstaunen, daß ihre Seelen Gefallen aneinander fanden, wie zwei Schwestern, die sich erkennen.
Auf dieselbe Weise erkennen und grüßen sich von fern die weißen Schneefelder auf den umhüllten Bergen.
Als diese sanften Empfindungen sie durchdrangen, trat die Müllerin ein und setzte sich auf den äußersten Rand eines Stuhles.
Da sie in der Mühle vorausgesehen hatte, daß sie in der Stadt vielleicht wichtige Besuche zu machen haben würde, so hatte sie ihre Kleider ein wenig geordnet und eine schwarze Flanellmantille mit großen Fransen übergeschlagen, die ihr wundervoll stand. Sie sah ganz wie eine Dame aus.
Der Corregidor dagegen hatte während dieser Episode vollständiges Stillschweigen beobachtet. Das Gebrüll der Seña Frasquita und ihr Erscheinen auf dem Schauplatze hatten ihn natürlich erschreckt. Jene Frau verursachte ihm jetzt mehr Entsetzen, als seine eigene.
»Nun also, Tio Lucas,« fuhr Doña Mercedes fort und wandte sich an ihren Gatten. »Hier ist die Seña Frasquita. Ihr könnt jetzt Euer Verlangen wiederholen.«
»Mercedes! um der Nägel Christi willen!« rief der Corregidor, »du weißt nicht, wessen ich fähig bin. Von neuem beschwöre ich dich, laß den Scherz beiseite und erzähle mir alles, was während meiner Abwesenheit vorgefallen ist. Wo ist dieser Mann?«
»Wer? Mein Gatte? Mein Mann ist eben im Begriff aufzustehen und wird wohl nicht mehr lange zögern.«
»Aufzustehen?« heulte Don Eugenio.
»Ihr wundert Euch darüber? Nun, wo sollte ein anständiger Mann denn zu dieser Stunde sein, wenn nicht in seinem Hause, in seinem Bett und an der Seite seiner rechtmäßigen Gattin, wie Gott es befiehlt?«
»Mercedes! Paß auf, was du sagst. Denke daran, daß man uns hört... Denke daran, daß ich der Corregidor bin!«
»Wenn Ihr auf diese Weise anfangt, Tio Lucas, so werde ich nach den Alguacilen schicken, damit sie Euch ins Gefängnis abführen,« entgegnete die Corregidora und stand auf.
»Ich ins Gefängnis? Ich? Der Corregidor der Stadt?«
»Der Corregidor der Stadt, der Vertreter der Gerechtigkeit, der Bevollmächtigte des Königs,« antwortete die hohe Dame mit einer Strenge und Energie, welche die Stimme des angeblichen Müllers vollständig erstickten, »kam zur schicklichen Stunde nach Hause, um von den edlen Aufgaben seines Amtes auszuruhen und morgen fortzufahren, die Ehre und das Leben der Bürger zu schützen, die Heiligkeit des Herdes und die Sittsamkeit der Frauen zu schirmen und zu verhindern, daß irgend jemand als Corregidor oder in anderer Weise verkleidet in das Schlafgemach einer fremden Frau eintrete, damit niemand die Tugend in ihrer sorglosen Ruhe überraschen könne, niemand ihren keuschen Schlaf mißbrauchen...«