Der Dreispitz

Part 5

Chapter 53,849 wordsPublic domain

Der Unglückliche glaubte zu ersticken und fuhr sich mit den Händen nach dem Halse, während er bleich, mit verzerrten Zügen, mit hervorgequollenen Augen und mit einem Entsetzen jene Kleider betrachtete, wie es der zum Tode verurteilte Verbrecher beim Anblicke des Armensünderhemdes empfinden muß.

Denn was er dort sah, war der rote Mantel, der Dreispitz, der turteltaubenfarbige Rock und die Weste, das schwarzseidene Beinkleid, die weißen Strümpfe, die schwarzen Schnallenschuhe, und sogar der Stock, der Degen und die Handschuhe des verabscheuungswürdigen Corregidors. Das, was er dort sah, war das Armensünderhemd seiner Schande, das Leichentuch seiner Ehre, das Schweißtuch seines Glückes. Die schreckliche Donnerbüchse lehnte in demselben Winkel, in welchem sie die Navarresin vor Stunden gelassen hatte.

Mit dem Sprunge eines Tigers stürzte Tio Lucas auf sie zu und bemächtigte sich derselben. Er untersuchte das Rohr mit dem Ladestock und fand, daß sie geladen war. Dann sah er nach dem Stein, und siehe da! er war an seinem Platze.

Darauf wendete er sich nach der Treppe, die zu dem Zimmer führte, wo er so viele Jahre mit der Seña Frasquita geschlafen, und murmelte dumpf:

»Da sind sie.«

Er that einen Schritt nach jener Richtung, dann hielt er inne und blickte um sich, ob ihn auch jemand beobachte.

»Niemand!« sagte er innerlich. »Nur Gott... und der hat dies gewollt!«

Nachdem er so das Urteil bestätigt, that er einen anderen Schritt. Da bemerkte sein irrender Blick ein gefaltetes Blatt auf dem Tische.

Es sehen, darauf zustürzen, es zwischen seinen Fingern halten, war das Werk eines Augenblicks!

Jenes Papier enthielt die Ernennung des Neffen der Seña Frasquita, von Don Eugenio de Zuñiga y Ponce de Leon unterzeichnet.

»Das war also der Preis ihres Verkaufs!« dachte Tio Lucas, und steckte das Papier in den Mund, um sein Schluchzen zu ersticken und seiner Wut Nahrung zu geben. »Immer habe ich geargwöhnt, daß sie ihre Familie lieber hätte als mich... Ach, warum haben wir keine Kinder gehabt!... Das ist an allem schuld!«

Und der Unglückliche war wieder nahe daran, zu weinen. Aber bald wurde er wieder wütend und mit einer schrecklichen Gebärde, wenn auch nicht mit der Stimme, schien er zu sagen:

»Hinauf, hinauf!«

Und so fing er an, die Treppe hinaufzukriechen; mit der einen Hand suchte er den Weg, mit der andern hielt er die Büchse, und zwischen den Zähnen hielt er das nichtswürdige Papier.

Zur Bekräftigung seines logischen Argwohns drangen, als er sich der geschlossenen Thür des Schlafzimmers näherte, durch einige Ritzen in deren Brettern und durch das Schlüsselloch etliche Lichtstrahlen.

»Da sind sie!« sagte er von neuem.

Und er hielt einen Augenblick inne, um den neuen Trank der Bitterkeit hinunterzuschlucken.

Dann stieg er weiter hinauf, bis er vor der Thür des Schlafzimmers selbst stand.

Hinter derselben hörte er nicht das geringste Geräusch.

»Wenn niemand dort wäre!« sagte schüchtern die Hoffnung.

Aber in demselben Augenblick hörte der Unglückliche im Zimmer husten.

Es war der halb asthmatische Husten des Corregidors.

Es war kein Zweifel mehr! In diesem Schiffbruche fand er keine rettende Planke.

In der Finsternis lächelte der Müller auf eine schreckliche Weise.

Warum leuchten solche Blitze nicht in der Dunkelheit? Was ist alles Feuer der höllischen Qualen gegen die heiße Lohe, die zuweilen im Herzen des Menschen brennt?

Und doch, sobald Tio Lucas den Husten seines Feindes hörte, fing er an sich zu beruhigen, denn so war seine Seele, wie wir schon an anderer Stelle bemerkten.

Die Wirklichkeit war ihm weniger gefährlich, als der Zweifel. Genau so, wie er es an jenem Nachmittage der Seña Frasquita gesagt hatte, von dem Augenblick an, wo er den einzigen Glauben, der sein Leben und seine Seele war, verlor, fing er an ein neuer Mensch zu werden.

Gleich dem Mohren von Venedig (mit dem wir ihn schon bei der Beschreibung seines Charakters verglichen haben) tötete die Enttäuschung in ihm mit einem Schlage alle Liebe, verwandelte sofort das ganze Wesen seines Geistes und ließ ihn die Welt wie eine ganze neue Region sehen, zu der er eben erst gekommen war. Der einzige Unterschied bestand darin, daß der Tio Lucas aus Idiosynkrasie weniger tragisch, weniger streng und weniger selbstsüchtig war, als der unvernünftige Opferer Desdemona's.

Sonderbar! aber doch wieder ganz richtig in solcher Lage! Zweifel oder auch Hoffnung, was in dem Falle wohl dasselbe ist, quälte ihn noch einen Augenblick...

»Wenn ich mich geirrt hätte,« dachte er, »wenn Frasquita gehustet hätte...«

In seinem überwältigenden Unglück vergaß er ganz, daß er die Kleider des Corregidors vor dem Kamin gesehen hatte, daß er die Thür der Mühle offen gefunden, daß er die Bescheinigung seiner Schande gelesen...

Er bückte sich und blickte durch das Schlüsselloch, vor Ungewißheit und Bangen zitternd.

Der Gesichtskreis umfaßte nur ein kleines Dreieck am Kopfende des Bettes; aber gerade in jenem kleinen Dreieck sah er das äußerste Ende der Kopfkissen und auf den Kopfkissen den Kopf des Corregidors.

Ein erneutes diabolisches Lächeln verzerrte das Gesicht des Müllers.

Fast konnte man meinen, er fühle sich wieder glücklich.

»Jetzt bin ich im Besitz der Wahrheit,« murmelte er und richtete sich ruhig auf. Dann stieg er ebenso leise und tastend, wie er die Treppe hinaufgestiegen war, dieselbe hinunter.

»Die Angelegenheit ist sehr delikat... Ich muß noch überlegen. Ich habe noch zu allem Zeit,« überlegte er, während er hinunterschlich.

Als er wieder in der Küche angekommen war, setzte er sich inmitten derselben nieder und verbarg das Gesicht in den Händen. So blieb er lange Zeit sitzen, bis ein leichter Schlag, den er auf einem Fuße fühlte, ihn aus seinem Nachdenken aufschreckte.

Es war die Donnerbüchse, die an seinen Knien heruntergeglitten war und ihm dieses Zeichen machte.

»Nein, ich sage dir, nein,« murmelte Tio Lucas und blickte auf die Waffe. »Du bist nicht das, was ich gebrauche. Alle Welt würde Mitleid mit ihnen haben, und mich würden sie aufhängen. Es handelt sich ja um einen Corregidor, und einen Corregidor zu töten ist in Spanien noch eine unverzeihliche Sache; sie würden sagen, ich hätte ihn aus unbegründeter Eifersucht getötet und dann ausgezogen und ins Bett gelegt. Sie würden weiter sagen, daß ich meine Frau auf den einfachen Verdacht hin getötet hätte. Und mich würden sie aufhängen. Und =ob= sie mich nicht aufhängen würden. Übrigens hätte ich wenig Beweise von Herz und Verstand gegeben, wenn ich an meinem Lebensende bemitleidet werden müßte. Alle würden über mich lachen! Sie würden sagen, daß mein Unglück ganz natürlich wäre, weil ich buckelig und Frasquita so schön war. -- Nichts, nein, Rache brauche ich, und nachdem ich mich gerächt habe, will ich triumphieren, verachten, lachen, viel lachen, über alle lachen, und so vermeide ich, daß man über diesen Buckel spotten kann, den man jetzt fast beneidet und der am Galgen so grotesk sein würde.«

So sprach und überlegte Tio Lucas, ohne sich vielleicht genau Rechenschaft darüber abzulegen, und kraft dieser Rede stellte er die Büchse an ihren Ort und fing an, mit auf dem Rücken verschränkten Armen und gesenktem Haupte auf und ab zu gehen, wie wenn er seine Rache auf dem Fußboden, in der Erde, unter den Trümmern seines Lebensglückes in einer lächerlichen, vulgären Kriegslust suchte, die seine Frau und den Corregidor dem Gelächter preisgeben sollte. Er suchte die Rache nicht in der Gerechtigkeit, in der Verzeihung, im Himmel, wie ein anderer Mann es an seiner Stelle gethan hätte, dessen Temperament sich weniger als das seine gegen alle Forderungen der Natur, der Gesellschaft und seiner eigenen Gefühle aufgelehnt hätte.

Plötzlich blieben seine Augen auf den Kleidern des Corregidors haften. Da richtete er sich auf...

Nach und nach wurde sein Gesicht von einer unerklärlichen Heiterkeit, Freude und Triumph verklärt, bis er selbst auf eine entsetzliche Art anfing zu lachen, das heißt, es waren tolle Ausbrüche, ohne daß man auch nur den geringsten Laut hörte, damit die oben nicht auf ihn aufmerksam wurden; er drückte die Fäuste auf die Kinnladen, um nicht vor Lachen zu bersten, schüttelte sich wie ein von Krämpfen Befallener und ließ sich endlich in einen Stuhl fallen, bis der Anfall sarkastischer Freude vorüber war; es war wirklich ein mephistophelisches Gelächter.

Sobald er sich beruhigt hatte, fing er an, sich mit fieberhafter Hast umzukleiden; seine Kleider legte er genau auf dieselben Stühle, auf denen die des Corregidors gelegen hatten, zog alle Kleinodien an, die jenem gehörten, bis zu den Schnallenschuhen und dem Dreispitz, umgürtete sich mit dessen Degen, hüllte sich in den roten Mantel, ergriff den Stock und die Handschuhe, verließ die Mühle und ging auf die Stadt zu, indem er sich genau in derselben Weise wiegte, wie Don Eugenio de Zuñiga zu thun pflegte, und von Zeit zu Zeit wiederholte er eine Phrase, die er in Gedanken weiter auslegte.

»Auch die Corregidora ist reizend.«

21.

Achtung, Herr!

Lassen wir jetzt den Tio Lucas und beschäftigen wir uns mit dem, was in der Mühle vorgefallen ist, seit dem Augenblicke, in dem wir die Seña Frasquita allein ließen bis zur Rückkehr ihres Mannes, der so wunderbare Dinge wahrnehmen sollte.

Ungefähr eine Stunde, nachdem der Tio Lucas mit Toñuelo die Mühle verlassen hatte, hörte die Seña Frasquita, welche sich vorgenommen hatte, sich bis zur Rückkehr ihres Mannes nicht niederzulegen, und in dem im obern Stockwerk gelegenen Schlafzimmer ruhig strickend saß, außerhalb des Hauses, ganz in der Nähe des Mühlgerinnes, ein jämmerliches Geschrei.

»Zu Hilfe. Ich ersticke! Frasquita! Frasquita!« rief eine Männerstimme in düsterm Tone der Verzweiflung.

»Sollte das Lucas sein?« dachte die Navarresin mit einem Entsetzen, das wir nicht zu beschreiben brauchen.

Im Schlafzimmer selbst war eine Thür, von welcher uns Garduña schon erzählt hat, und die wirklich auf den obern Teil des Mühlgerinnes ging. Ohne zu zögern, öffnete Frasquita dieselbe, obgleich sie die Hilfe heischende Stimme nicht erkannt hatte, und fand sich dem Corregidor gegenüber, der in demselben Augenblicke triefend aus dem ungestüm dahinströmenden Graben auftauchte.

»Gott verzeih es mir! Gott verzeihe mir!« stotterte der nichtswürdige Alte. »Ich glaubte, ich würde untergehen.«

»Was? Sie sind es? Was bedeutet das? Wie können Sie es wagen? Was wollen Sie hier zu dieser Stunde?« rief sie, mehr entrüstet als erschreckt, aber doch unwillkürlich zurückweichend.

»Schweig! Schweig doch, Frau!« stotterte der Corregidor, indem er hinter ihr in das Gemach glitt. »Du sollst alles wissen. Beinahe wäre ich ertrunken. Schon trug mich das Wasser wie eine Feder fort. Sieh nur, sieh, wie ich zugerichtet bin.«

»Hinaus! Hinaus von hier!« erwiderte Seña Frasquita mit der äußersten Heftigkeit. »Sie brauchen mir nichts zu erklären. Nur zu gut verstehe ich alles! Was geht es mich an, ob Sie ertrinken? Habe ich Sie gerufen? Ah! Was für eine Nichtswürdigkeit! Darum also haben Sie meinen Mann festnehmen lassen?«

»Höre, Frau!«

»Ich höre nichts! Verlassen Sie sofort das Haus, Herr Corregidor! Gehen Sie sofort, oder ich stehe nicht für Ihr Leben!«

»Was sagst du?«

»Das, was Sie hören! Mein Mann ist nicht im Hause; doch ich genüge, um ihm die Achtung zu verschaffen. Gehen Sie, woher Sie gekommen sind, wenn Sie nicht wollen, daß ich Sie mit meinen eigenen Händen wieder in das Wasser zurückwerfe.«

»Kleine, Kleine! schreie doch nicht so, ich bin ja nicht taub,« rief der Libertin aus. »Wenn ich hier bin, so wird es auch wohl einen Zweck haben. Ich will den Tio Lucas, den ein Dorfschulze irrtümlich eingezogen hat, in Freiheit setzen. Aber vor allen Dingen muß ich erst meine Kleider trocknen. Ich bin bis auf die Haut durchnäßt!«

»Ich sage Ihnen, daß Sie gehen sollen!«

»Schweig doch, Thörin! Was weißt du? Sieh, hier bringe ich dir die Ernennung deines Neffen. Zünde Feuer an, und dann wollen wir weiter sprechen. Übrigens, während meine Kleider trocknen, werde ich mich in dies Bett legen...«

»Aha, schon! Also, nun erklären Sie schon, daß Sie um meinetwillen gekommen sind? Also nun gestehen Sie schon, daß Sie darum meinen Lucas gefangen nehmen ließen? Also haben Sie schon Ihre Ernennung und alles gebracht? Heilige des Himmels! Was hat dieses Ungeheuer nur von mir gedacht!«

»Frasquita! Ich bin der Corregidor!«

»Und wären Sie der König! Mir das? Ich bin die Frau meines Mannes und die Herrin meines Hauses. Glauben Sie, daß ich mich vor den Corregidoren fürchte? Ich weiß meinen Weg nach Madrid zu finden und bis ans Ende der Welt, um gegen einen unverschämten Alten, der seine Autorität durch den Schmutz schleift, Gerechtigkeit zu verlangen. Und ganz besonders weiß ich mir morgen meine Mantille umzulegen und zur Frau Corregidora zu gehen.«

»Du wirst nichts von alledem thun!« antwortete der Corregidor, der anfing, die Geduld zu verlieren und seine Taktik änderte. »Du wirst nichts von alledem thun, denn ich werde dir eine Kugel durch den Kopf jagen, wenn ich sehe, daß du nicht vernünftig sein willst.«

»Eine Kugel!« rief die Seña Frasquita mit dumpfer Stimme aus.

»Eine Kugel, ja! Und daraus kann mir kein Nachteil erwachsen. Zufällig habe ich in der Stadt zurückgelassen, daß ich heute Nacht auf die Jagd nach Verbrechern ginge. Also, sei nicht thöricht... und liebe mich... wie ich dich anbete.«

»Herr Corregidor, eine Kugel?« wiederholte die Navarresin und warf die Arme zurück und den Körper vorwärts, wie wenn sie sich auf ihren Gegner stürzen wollte.

»Wenn du es so treibst, werde ich sie wirklich abfeuern, um mich von deinen Drohungen und deiner Schönheit befreit zu sehen,« antwortete der Corregidor voller Furcht und zog ein Paar Taschenpistolen hervor.

»Also auch Pistolen? Und in der anderen Tasche die Ernennung meines Neffen!« sagte die Seña Frasquita und nickte mit dem Kopfe. »Nun denn, Herr, da ist die Wahl nicht schwer. Warten Ew. Gnaden einen Augenblick, ich will nur das Feuer anzünden.«

Und so sprechend, wendete sie sich der Treppe zu und war in drei Sprüngen unten.

Der Corregidor ergriff das Licht und folgte der Müllerin, weil er fürchtete, daß sie ihm entschlüpfen könnte. Da er aber viel langsamer ging, so traf er, als er in die Küche gelangte, schon auf die Navarresin, die auf dem Wege war, zu ihm zurückzukehren.

»Also Sie sagten, Sie wollten mir eine Kugel durch den Kopf jagen?« rief die unerschrockene Frau aus und trat einen Schritt zurück. »Nun denn, Achtung, Herr, ich bin fertig.«

Sprach's und hielt ihm die schreckliche Donnerbüchse entgegen, welche in dieser Geschichte eine so bedeutende Rolle spielt.

»Halt ein, Unglückliche! Was willst du thun?« schrie der Corregidor, halb tot vor Schreck. »Das mit meiner Kugel war ja nur ein Scherz. Sieh, die Pistolen sind nicht geladen... Aber wahr ist das mit der Ernennung ... Hier ist sie... Nimm sie... Ich schenke sie dir ... Sie ist dein, umsonst, ganz umsonst...«

»Da liegt sie gut!« antwortete die Navarresin. »Morgen wird sie mir dazu dienen, das Feuer zum Frühstück meines Mannes damit anzuzünden. Von Euch will ich selbst nicht die ewige Seligkeit, und sollte mein Neffe einmal von Estella kommen, so sollte er Euch nur diese häßliche Hand zertreten, die seinen Namen auf dies ekle Papier geschrieben hat... So, ich habe es gesagt! Verlassen Sie mein Haus! Luft! Luft! schnell... denn schon steigt mir das Blut in den Kopf.«

Der Corregidor antwortete nicht auf diese Rede.

Er war blaß, fast blau geworden, die Augen waren verdreht, und ein Fieberschauer schüttelte seinen Körper. Schließlich fing er an, mit den Zähnen zu klappern, und von einem entsetzlichen Krampfe befallen stürzte er zu Boden.

Der Schreck, als er in den Graben fiel, die durchnäßten Kleider, die heftige Scene im Schlafzimmer und die Furcht vor der von der Navarresin auf ihn gerichteten Büchse hatten die Kräfte des schwächlichen Alten erschöpft.

»Ich sterbe,« stammelte er. »Rufe Garduña, rufe Garduña, der hier an der Grabenhecke sein muß... Ich darf nicht in diesem Hause sterben.«

Er konnte nicht weiter. Er schloß die Augen und blieb wie tot.

»Und er wird sterben, wie er sagt,« brach die Seña Frasquita los. »Herr im Himmel, das ist noch das Tollste von allem! Was fange ich jetzt mit diesem Menschen in meinem Hause an? Was werden sie von mir sagen, wenn er stirbt? Was wird Lucas sagen? Wie kann ich es rechtfertigen, daß ich ihm selbst die Thür geöffnet habe... O nein, ich darf nicht hier bei ihm bleiben. Ich muß meinen Mann aufsuchen, ich will lieber die Welt in Allarm bringen, als meine Ehre aufs Spiel setzen.«

Als sie diesen Entschluß gefaßt hatte, warf sie die Büchse fort, ging nach dem Hofe, löste den darin zurückgebliebenen Esel von der Halfter, sattelte ihn, so gut es ging, öffnete die große Thür am Zaune, sprang trotz ihrer. Korpulenz mit einem Satze auf das Tier und wendete sich nach dem Grabenrande.

»Garduña, Garduña!« schrie die Navarresin, als sie sich der Stelle näherte.

»Hier,« antwortete bald darauf der Alguacil, indem er hinter einem Busch hervorkam. »Sind Sie es, Seña Frasquita?«

»Ja, ich bin's. Geh nach der Mühle und hilf deinem Herrn, der liegt im Sterben.«

»Was sagen Sie? Das ist doch nur ein Scherz?«

»Es ist, wie du hörst, Garduña.«

»Und Sie, meiner Seelen, wohin gehen Sie denn zu dieser Stunde?«

»Ich? Weg da, Dummkopf! Ich gehe nach der Stadt zum Arzt,« antwortete die Seña Frasquita, indem sie die Eselin mit dem Druck ihrer Ferse und Garduña mit einem Fußtritt antrieb.

Sie schlug nicht den Weg nach der Stadt ein, wie sie eben gesagt hatte, sondern den, welcher zum nächsten Dorfe führte.

Auf diesen letzteren Umstand achtete Garduña jedoch nicht, sondern lief spornstreichs nach der Mühle, während er bei sich dachte:

»Sie geht nach dem Arzte! Die Ärmste kann nicht mehr thun! Aber er ist ein unseliger Mensch! Das ist auch gerade eine schöne Gelegenheit, um krank zu werden! -- Ja, ja, der liebe Gott giebt dem Zuckerwerk, der es nicht mehr beißen kann.«

22.

Garduña vervielfältigt sich.

Als Garduña die Mühle betrat, fing der Corregidor gerade an, wieder zum Bewußtsein zu kommen, und versuchte, sich vom Boden zu erheben.

Auf dem Fußboden und neben ihm stand die angezündete Kerze, welche Sr. Gnaden aus dem Schlafzimmer mitgebracht hatte.

»Ist sie schon fort?« war Don Eugenios erste Frage.

»Wer?«

»Der Teufel! Ich wollte sagen die Müllerin.«

»Ja, gnädiger Herr... sie ist schon fort, und ich glaube, in nicht sehr guter Laune!«

»Ach, Garduña, ich sterbe.«

»Aber was fehlt denn Ew. Gnaden? Ums Himmels willen!«

»Ich bin in den Mühlgraben gefallen und bin ganz durchweicht, die Kälte geht mir durch Mark und Bein.«

»Na ja, und nun kommen Sie damit!«

»Garduña, nimm dich in acht, paß auf, was du sagst.«

»Ich sage nichts, Herr.«

»Nun, dann hilf mir aus dieser Verlegenheit.«

»Ich fliege; Ew. Gnaden sollen nur sehen, wie schön ich alles besorgen werde.«

So sprach der Alguacil, und im Handumdrehen ergriff er mit der einen Hand das Licht, mit der anderen nahm er den Corregidor unter den Arm, trug ihn in das Schlafzimmer hinauf, entkleidete ihn, legte ihn ins Bett, lief nach dem Holzschuppen, nahm einen Arm voll Holz, eilte nach der Küche, zündete ein großes Feuer an, trug die Kleider seines Herrn hinunter, breitete sie auf den Lehnen einiger Stühle aus, zündete eine Lampe an, hing sie am Küchenbrett auf und kehrte dann nach dem Schlafzimmer zurück.

»Nun, wie steht's mit uns?« fragte er dann und hob das Licht in die Höhe, um Don Eugenio ins Gesicht zu leuchten.

»Vortrefflich! Ich fühle, daß ich schwitzen werde... Morgen hänge ich dich auf, Garduña!«

»Warum, Herr?«

»Und du wagst noch darnach zu fragen? Denkst du denn, daß, als ich deinen mir vorgezeichneten Plan ausführte, ich glaubte mich allein in das Bett zu legen, nachdem ich das Sakrament der heiligen Taufe zum zweitenmale empfangen? -- Morgen hänge ich dich auf!«

»Aber erzählen mir Ew. Gnaden doch... die Seña Frasquita...«

»Die Seña Frasquita hat mich morden wollen. Das ist alles, was ich mit deinen Ratschlägen erreicht habe. -- Ich sage dir, morgen früh hänge ich dich auf!«

»So arg wird es doch nicht sein, Herr Corregidor!« antwortete der Alguacil.

»Warum sagst du das, unverschämter Kerl? Weil du mich hier darniederliegen siehst?«

»Nein, Herr. Ich sage nur, daß die Seña Frasquita unmöglich so unmenschlich an Ihnen handeln konnte, wie Ew. Gnaden erzählen, da sie doch in die Stadt gegangen ist, um einen Arzt zu holen.«

»Heiliger Gott! Bist du sicher, daß sie nach der Stadt gegangen ist?« rief Don Eugenio erschrockener als je aus.

»Wenigstens hat sie so zu mir gesagt...«

»Eile, lauf, Garduña! Ach, ich bin ohne Gnade verloren! Weißt du, zu welchem Zwecke die Seña Frasquita in die Stadt gegangen ist? Um alles meiner Frau zu erzählen!... Um ihr zu sagen, daß ich hier bin. O, mein Gott, mein Gott! Wie konnte ich mir das auch denken! Ich glaubte, sie wäre nach dem Dorfe zu ihrem Manne gegangen, und da er dort in gutem Verwahrsam ist, so war es mir ganz gleichgiltig. Aber nach der Stadt zu gehen!... Garduña, lauf, fliege, du bist ein so guter Fußgänger, und rette mich vom Verderben. Du mußt es vermeiden, daß die schreckliche Müllerin mein Haus betritt.«

»Und werden mich Ew. Gnaden nicht aufhängen lassen, wenn ich es erreiche?« fragte der Alguacil.

»Im Gegenteil! Ich will dir ein Paar noch ganz gute Schuhe schenken, die mir zu groß sind. Ich will dir alles schenken, was du willst.«

»Dann fliege ich! Ew. Gnaden können ruhig schlafen. In einer halben Stunde bin ich zurück, nachdem ich die Navarresin ins Gefängnis gesperrt habe. Nicht umsonst bin ich leichtfüßiger als eine Eselin!«

Sprach's und verschwand die Treppe hinunter.

Es versteht sich von selbst, daß der Müller gerade während der Abwesenheit des Alguacils in der Mühle war und durchs Schlüsselloch Gesichte sah.

Lassen wir jetzt den Corregidor im fremden Bette schwitzen und Garduña nach der Stadt laufen, wohin ihm Tio Lucas bald mit dem Dreispitz und dem Mantel folgen sollte, und verwandeln wir uns in rüstige Fußgänger, um der mutigen Seña Frasquita auf dem Wege nach dem Dorfe zu folgen.

23.

Noch einmal die Wüste und die bewußten Stimmen.

Das einzige Abenteuer, welches der Navarresin auf ihrer Reise von der Mühle nach dem Dorfe zustieß, war der Anblick einer Person, welche mitten in einem Saatfelde Feuer schlug, was ihr einen heillosen Schrecken verursachte.

»Sollte das etwa ein Häscher des Corregidors sein? Wenn er mich anhielte?« dachte die Müllerin.

In dem Augenblick hörte sie in jener Richtung Eselsgeschrei.

»Esel zu der Stunde im Saatfelde?« dachte die Müllerin weiter. »Hier herum ist doch kein Obstgarten, keine Koppel! Gott im Himmel! heute Nacht scheinen die Kobolde ihr Wesen zu treiben!«

Die Eselin, auf der die Seña Frasquita ritt, schien es in jenem Augenblicke für schicklich zu halten, das Geschrei zu erwidern.

»Schweig, du Racker!« sagte die Navarresin und stieß ihr eine lange Nadel ins Kreuz.

Und da sie eine vielleicht unangenehme Begegnung fürchtete, so führte sie das Tier vom Wege ab und ließ es durch die Saat laufen.

Aber bald beruhigte sie sich, denn sie sah ein, daß der Feuer schlagende Mann und der zuerst schreiende Esel etwas Zusammengehöriges bildeten, und daß diese Wesenheit in der ihr entgegengesetzten Richtung entflohen war.

»Einem Feiglinge begegnet ein noch größerer Feigling,« rief die Müllerin und lachte über ihre Furcht und die des andern.

Und ohne weiteren Unfall gelangte sie ungefähr um elf Uhr nachts an das Haus des Dorfschulzen.

24.

Ein König von damals.

Schon lag der Herr Alkalde in tiefem Schlafe, indem er seinen Rücken dem seiner Ehehälfte zuwendete und, wie unser unsterblicher Quevedo sagt, auf diese Weise die Figur des österreichischen, zweiköpfigen Adlers bildete, als Toñuelo an die Thür des ehemaligen Schlafgemaches klopfte und den Herrn Juan Lopez benachrichtigte, daß die Seña Frasquita, die von der Mühle, mit ihm zu sprechen verlange.