Part 4
»Ich habe dir gesagt, daß du schweigen sollst! Du störst mich,« brüllte der Corregidor. »Aber um auf unser früheres Gespräch zurückzukommen,« fügte er, den Ton ändernd, nach einiger Zeit hinzu, »es ist jetzt einviertel auf Acht... Zuerst mußt du nach Hause gehen und die Señora benachrichtigen, daß sie mich zum Abendbrot und zum Schlafen nicht erwarten soll. Sage ihr, daß ich bis zum Zapfenstreich zu arbeiten habe und nachher eine geheime Runde mit dir machen wolle, um zu sehen, ob wir nicht ein paar Übelthäter fangen können u. s. w. u. s. w. Mit einem Worte, täusche sie nur gut, damit sie sich ohne irgend welchen Verdacht hinlegt. Unterwegs sage dem andern Alguacil, daß er mir das Abendbrot herbringe. Ich wage es nicht, mich heute vor meiner Frau sehen zu lassen; sie kennt mich zu gut, sie ist fähig, in meinen Gedanken zu lesen. Trage der Köchin auf, daß sie nur einige von den Klößen schickt, die es heute gegeben hat, und sage dem Alguacil, daß er mir aus dem Wirtshause ein halbes Viertel Weißwein herüberbringt, so aber, daß es niemand sieht. -- Dann gehst du nach dem Orte ab, wo du ganz gut um halb neun Uhr sein kannst.«
»Schlag acht Uhr bin ich dort,« rief Garduña aus.
»Widersprich mir nicht!« heulte der Corregidor, der sich wieder erinnerte, wer er war.
Garduña salutierte.
»Wir haben gesagt,« nahm jener, menschlicher werdend, wieder das Wort, »daß du um acht Uhr im Orte sein kannst. Vom Dorfe bis zur Mühle wird es ungefähr... ich glaube, es wird eine halbe Meile sein...«
»Eine kleine...«
»Unterbrich mich nicht.«
Der Alguacil salutierte von neuem.
»Eine kleine halbe Meile,« fuhr der Corregidor fort. »Folglich um Zehn. Glaubst du, daß um zehn...«
»Vor Zehn, um halb Zehn kann Ew. Gnaden an die Thür der Mühle klopfen.«
»Kerl, sage mir nicht, was ich thun soll... Natürlich wirst du dort sein...«
»Ich werde überall sein... Aber mein Hauptquartier wird im Graben sein. Ach, bald hätte ich vergessen! Gehen Ew. Gnaden doch zu Fuß und ohne Laterne.«
»Die Ratschläge haben mir auch gerade gefehlt! Glaubst du denn, daß ich zum erstenmale einen solchen Feldzug unternehme?«
»Verzeihen Ew. Gnaden. Ach, noch etwas! Klopfen Ew. Gnaden nicht an die große Thür, die auf den Platz unter der Weinlaube führt, sondern an die kleine über dem Mühlgerinne.«
»Über dem Mühlgerinne ist noch eine Thür? Höre mal, das war' mir nicht eingefallen.«
»Ja, Ew. Gnaden. Die kleine Thür über dem Gerinne führt direkt in das Schlafzimmer der Müllersleute, und der Tio Lucas benutzt dieselbe nie. So daß, sollte er unerwartet zurückkommen...«
»Ich verstehe... ich verstehe... Jetzt betäube mir die Ohren nicht länger mit deinem Geschwätz.«
»Zum Schluß noch eins. Sehen Ew. Gnaden zu, daß Sie vor dem Morgengrauen unsichtbar werden. Jetzt wird es um sechs Uhr Tag.«
»Das ist ein anderer überflüssiger Rat. Um fünf Uhr bin ich wieder in meinem Hause... Aber wir haben genug gesprochen. Hebe dich weg von meinem Angesicht!«
»Nun denn, Herr... viel Glück!« rief der Alguacil, indem er zugleich dem Corregidor die Hand entgegenstreckte und andächtig die Augen zur Decke erhob.
Der Corregidor gab Garduña eine Peseta, die wie weggezaubert verschwand.
»Alle Teufel!« murmelte der Alte nach einer Weile. »Hab ich doch vergessen zu sagen, daß sie mir ein Spiel Karten mitbringen sollten! Damit hätte ich mich bis halb Zehn unterhalten und sehen können, ob die Patience aufging.«
15.
Abschied in Prosa.
Es mochte ungefähr neun Uhr an demselben Abende sein, als Tio Lucas und die Seña Frasquita, nachdem sie alle Mühlen- und Hausgeschäfte besorgt hatten, ihr Abendbrot verzehrten, das aus einer Schüssel Endiviensalat, einem mit Tomaten gedämpften Stück Fleisch und einigen von den in dem bewußten Korbe zurückgebliebenen Weintrauben bestand und mit ein wenig Wein und vielem Gelächter auf Kosten des Corregidors begossen wurde; darauf sahen sich die beiden Ehegatten, wie zufrieden mit Gott und sich selbst, an und sagten unter wiederholtem Gähnen, das die ganze Ruhe und den Frieden ihrer Herzen enthüllte:
»Na, dann wollen wir nur zu Bett gehen, morgen ist ein anderer Tag.«
In dem Augenblick hörten sie zwei starke Schläge gegen die große Mühlenthür.
Der Mann und die Frau sahen sich erschrocken an.
Zum erstenmal hörten sie zu solcher Stunde an die Thür klopfen.
»Ich will nachsehen,« sagte die unerschrockene Navarresin und wendete sich nach der Thür.
»Geh weg! Das ist meine Sache!« rief Tio Lucas mit einer solchen Würde aus, daß Seña Frasquita ihm den Weg freiließ. »Ich habe dir doch gesagt, daß du nicht hinausgehen sollst,« fügte er mit einiger Härte hinzu, als er sah, daß die Navarresin Miene machte, ihm zu folgen. Diese gehorchte und blieb im Hause.
»Wer ist da?« fragte Tio Lucas von der Mitte der Hausflur aus.
»Die Obrigkeit,« antwortete eine Stimme von der andern Seite des Portals.
»Was für eine Obrigkeit?«
»Die des Ortes. Öffnet im Namen des Herrn Bürgermeisters.«
Inzwischen hatte sich Tio Lucas einem kleinen, versteckten Guckloch in der Thür genähert und erkannte beim klaren Schein des Mondes den ländlichen Alguacil des benachbarten Ortes.
»Du willst sagen, daß ich dem Trunkenbold Alguacil öffnen soll,« antwortete der Müller, den Riegel zurückschiebend.
»Das ist dasselbe,« antwortete der draußen Stehende; »da ich aber einen geschriebenen Befehl von Seiner Wohlgeboren bringe... Ich wünsche Euch einen guten Abend, Tio Lucas,« fügte er mit einer etwas weniger offiziellen Stimme hinzu und trat ein.
»Gott behüte dich, Toñuelo,« antwortete der Murcianer. »Laß einmal sehen, was für ein Befehl das ist. Señor Juan Lopez hätte auch eine andere passendere Stunde wählen können, um sich an Biedermänner zu wenden. Natürlich wird es deine Schuld sein. Ich sehe schon, du hast dich in den Obstgärten am Wege berauscht. Willst du noch einen Schluck?«
»Nein, Herr, es ist keine Zeit dazu. Sie müssen mir sofort folgen. Lesen Sie den Befehl.«
»Wie, dir folgen?« rief Tio Lucas und trat, nachdem er das Papier an sich genommen, in die Mühle zurück.
»Du, Frasquita, leuchte mir.«
Seña Frasquita warf etwas, was sie in der Hand hielt, fort und brachte die Lampe.
Tio Lucas warf einen schnellen Blick auf den von seiner Frau losgelassenen Gegenstand und erkannte seine alte Donnerbüchse, die mit halbpfündigen Kugeln geladen wurde.
Da blickte der Müller die Navarresin voll Dankbarkeit und Zärtlichkeit an und, sie beim Kinn nehmend, sagte er:
»Du bist Gold wert.«
Bleich und heiter wie eine Marmorstatue hob Seña Frasquita die Lampe in die Höhe, ohne daß die Finger, welche sie hielten, auch nur vom leisesten Zittern bewegt wurden, und antwortete trocken:
»Laß nur, lies!«
Der Befehl lautete folgendermaßen:
»Um Sr. Majestät, unserm König und Herrn (_Q. D. G._[6]) besser zu dienen, benachrichtige ich Lucas Fernandez, Müller und hiesigen Bürger, daß er sofort nach Empfang dieses Schreibens vor mir erscheine, ohne irgend welchen Vorwand oder Entschuldigung, indem ich ihn zugleich warne, es irgend jemanden mitzuteilen, da es eine vollständig reservierte Angelegenheit ist, widrigenfalls er, im Falle des Ungehorsams, den betreffenden Strafen verfallen wird.« Der Alkalde (Bürgermeister) Juan Lopez.
Und statt des Federzuges war ein Kreuz.
»Höre, du, was heißt dies?« fragte Tio Lucas den Alguacil. »Wozu ist dieser Befehl?«
»Das weiß ich nicht,« antwortete der Bauer, ein Mann von einigen dreißig Jahren, dessen spitzes, boshaftes Gesicht, das Gesicht eines Räubers und Mörders, gerade kein Vertrauen zu seiner Glaubwürdigkeit einflößte. »Ich glaube, es handelt sich um Hexerei oder Falschmünzerei; Euch betrifft die Sache nicht. Ihr sollt nur als Zeuge oder Sachverständiger vernommen werden. Na, ich weiß nicht recht, ich hab's nicht recht verstanden. Der Señor Juan Lopez wird es Euch schon erklären, mit allem, was drum und dran hängt.«
»Gewiß!« rief der Müller aus. »Sag ihm, ich werde morgen kommen.«
»O nein, Herr, Ihr müßt auf der Stelle kommen, ohne auch nur eine Minute zu verlieren. So lautet der Befehl, den mir der Herr Alkalde gegeben hat.«
Einen Augenblick lang herrschte Stille.
Die Augen der Seña Frasquita sprühten Flammen. Tio Lucas erhob die seinigen nicht vom Fußboden, wie wenn er dort etwas suchte.
»Du wirst nur doch wenigstens die nötige Zeit gestatten,« sprach er endlich, den Kopf erhebend, »um nach dem Stall zu gehen und einen Esel zu satteln.«
»Was Esel, was Teufel!« entgegnete der Alguacil. »Eine halbe Meile kann doch wohl jeder zu Fuß gehen. Außerdem ist die Nacht sehr schön und der Mond scheint. Ich habe schon gesehen, daß er aufgegangen ist.«
»Aber meine Füße sind sehr geschwollen.«
»Nun, dann wollen wir aber keine Zeit verlieren. Ich werde das Tier satteln helfen.«
»Holla, Holla! Fürchtest du, daß ich davonlaufe?«
»Ich fürchte nichts, Tio Lucas,« antwortete Toñuelo mit der Kälte eines seelenlosen Geschöpfes. »Ich bin die Obrigkeit.«
Und indem er so sprach, legte er die Waffen nieder und ließ die unter seinem Mantel verborgene Büchse sehen.
»Hör 'mal, Toñuelo,« sagte die Müllerin, »da du doch in den Stall gehst, um dein Amt auszuüben, so sei so gut und sattle auch den anderen Esel.«
»Wozu?« fragte der Müller.
»Für mich, ich gehe mit euch.«
»Das kann nicht sein, Seña Frasquita,« entgegnete der Alguacil. »Ich habe Ordre, Euren Mann mitzubringen, aber nichts weiter, und zu verhindern, daß Ihr ihm folgt. Dabei gilt es ja meine Stelle und meinen Kopf. So teilte mir der Señor Juan Lopez mit. Also vorwärts, Tio Lucas.« Und er wendete sich der Thür zu.
»Das ist sehr sonderbar,« stotterte der Müller, ohne sich zu regen.
»Sehr sonderbar,« antwortete die Seña Frasquita.
»Da steckt etwas dahinter... nur weiß ich nicht...« fuhr Tio Lucas fort, doch so, daß er von Toñuelo nicht gehört werden konnte.
»Soll ich nach der Stadt gehen,« fragte die Navarresin, »und dem Herrn Corregidor Nachricht geben von dem, was hier geschieht?«
»Nein,« antwortete Tio Lucas mit lauter Stimme, »das nicht.«
»Was soll ich denn aber thun?« fragte die Müllerin ungestüm.
»Sieh mich an,« antwortete der frühere Soldat.
Schweigend sahen sich die beiden Gatten an und waren von der Ruhe der Entschlossenheit und Energie, welche sich ihre Seelen gegenseitig mitteilten, so befriedigt, daß sie die Achseln zuckten und lachten.
Darnach zündete Tio Lucas eine andere Lampe an und wendete sich nach dem Stalle, indem er unterwegs spöttisch zu Toñuelo sagte:
»Nun, Mann, komm und hilf mir, da du doch so liebenswürdig sein willst.«
Toñuelo folgte ihm, indem er leise ein Liedchen trällerte.
Wenige Minuten später verließ Tio Lucas die Mühle auf einer schönen Eselin, vom Alguacil gefolgt.
»Schließ gut zu,« sagte Tio Lucas.
»Wickele dich gut ein, es ist frisch,« sagte Seña Frasquita, schloß mit dem Schlüssel zu und schob den Riegel und die eiserne Stange vor. Und da war kein Lebewohl weiter, kein Kuß, keine Umarmung, kein Blick. Wozu auch?
16.
Ein Unglücksvogel.
Wir wollen dem Tio Lucas folgen.
Ohne ein Wort zu sprechen, waren sie schon eine Viertelmeile gegangen, der Müller auf seinem Esel, den der Alguacil mit seinem Stock der Autorität antrieb, als sie plötzlich auf einer Erhöhung des Weges den Schatten eines ungeheueren, häßlichen Vogels wahrnahmen, der auf sie zukam.
Scharf hob sich jener Schatten von dem vom Monde beleuchteten Himmel ab und war so klar zu erkennen, daß der Müller sofort ausrief:
»Toñuelo, das ist Garduña mit seinem Dreispitz und seinen Drahtbeinen.«
Aber bevor noch der Angeredete antworten konnte, hatte der Schatten, der jedes Zusammentreffen zu vermeiden schien, den Weg schon verlassen und war mit der Geschwindigkeit eines wirklichen Marders quer über das Feld gelaufen.
»Ich sehe niemand,« antwortete Toñuelo mit der größten Natürlichkeit.
»Ich auch nicht,« erwiderte Tio Lucas, seinen Ärger hinunterschluckend.
Und der Argwohn, der bereits im Müller aufgestiegen war, fing an, in dem eifersüchtigen Geiste des Buckligen Gestalt und Form anzunehmen.
»Diese Reise,« sagte er sich innerlich, »ist eine Kriegslist des Corregidors. Die heute oben von der Laube gehörte Erklärung beweist mir, daß der erbärmliche alte, Madrileñer nicht länger warten kann. Ohne Zweifel will er heute Abend seinen Besuch in der Mühle wiederholen, und darum hat er damit angefangen, mich aus der Mühle zu entfernen... Aber, was thut das? Frasquita ist Frasquita... und wird die Thür nicht aufmachen, und wenn sie Feuer an das Haus legten. Ich gehe noch weiter. Selbst wenn sie öffnete, selbst wenn es dem Corregidor gelänge, durch irgend welche Hinterlist meine Navarresin zu überraschen, so würde der arme Mann nicht mit heilem Kopfe wieder hinauskommen. Frasquita ist Frasquita. Und doch,« fügte er nach einer Weile hinzu, »besser wäre es doch, heute so bald wie möglich nach Hause zurückzukehren.«
Darüber waren der Tio Lucas und der Alguacil im Dorfe angekommen und wendeten sich dem Hause des Alkalden zu.
17.
Ein Dorfschulze.
Der Herr Juan Lopez, der sowohl als Privatmann wie auch als Schulze die personifizierte Grausamkeit und der eitle Stolz war, wenn es sich nämlich um seine Untergebenen handelte, geruhte jedoch zu jener Stunde, nachdem er die öffentlichen Angelegenheiten und sein eigenes Anwesen besorgt und seiner Frau die gewohnte, tägliche Tracht Prügel verabreicht hatte, in Gesellschaft des Schreibers und des Küsters einen Krug Wein zu trinken, eine Operation, die bereits über die Hälfte jenes Abends in Anspruch genommen hatte, als der Müller vor ihm erschien.
»Holla, Tio Lucas,« sagte er zu ihm, und kratzte sich den Kopf, um die Ader der Täuschungen anzuregen. »Wie geht's mit Eurer Gesundheit? Sekretär, schenkt dem Tio Lucas ein Glas Wein ein. Und die Seña Frasquita? Ist sie noch immer so reizend? Ich habe sie schon seit so langer Zeit nicht gesehen. Aber, Gevatter, ist Euer Mehl jetzt gut!... Das Roggenbrot sieht aus wie vom feinsten Weizen. Also... na... Setzt Euch und ruht aus; denn, Gott sei Dank, wir haben keine Eile.«
»Was mich betrifft, verflucht, wenn ich sie hätte,« antwortete Tio Lucas, der bis dahin noch nicht den Mund aufgemacht hatte, dessen Argwohn aber immer größer wurde, als er den ihm zu Teil gewordenen freundschaftlichen Empfang nach einer so drohenden und dringenden Ordre sah.
»Nun also, Tio Lucas,« fuhr der Alkalde fort, »wenn Ihr auch keine große Eile habt, dann könnt Ihr ja heute Nacht hier schlafen, und morgen früh machen wir dann unser Geschäft ab.«
»Das scheint mir sehr gut,« antwortete Tio Lucas mit einer Ironie und einer Verstellung, die der Diplomatie des Herrn Juan Lopez um nichts nachgaben. »Da die Sache nicht eilt, so werde ich die Nacht außerhalb des Hauses zubringen.«
»Weder eilt sie, noch ist irgend welche Gefahr für Euch dabei,« fügte der Alkalde hinzu, getäuscht von dem, den er zu täuschen glaubte. »Seid ganz ruhig. Höre du, Toñuelo, nimm die halbe Fanega herunter, damit sich der Tio Lucas setzen kann.«
»Nun denn... gebt mir noch einen Schluck,« rief der Müller aus, indem er sich setzte.
»Kommt her!« antwortete der Alkalde und reichte ihm das volle Glas.
»Es ist in guter Hand. Trinkt nur zuerst.«
»Nun denn, auf Eure Gesundheit,« sagte der Herr Juan Lopez und trank die Hälfte des Weines aus.
»Auf die Eure, Señor Alkalde!« entgegnete Tio Lucas und trank die andere Hälfte.
»Du, Manuela!« rief darauf der Dorfschulze, »sage deiner Herrin, daß der Tio Lucas hier schlafen wird. Sie soll ihm ein Kopfkissen auf den Kornboden legen.«
»Ach was!... Doch nicht so viele Umstände! Ich schlafe im Strohstall wie ein König.«
»Na hört einmal, wir haben noch Kissen.«
»Das glaube ich schon. Aber warum wollt Ihr denn die Familie erst noch belästigen. Ich habe meinen Mantel.«
»Nun, wie es Euch beliebt. Manuela, sag deiner Herrin, daß sie es nicht hinlege.«
»Nur müßt Ihr mir erlauben,« fuhr Tio Lucas fort, indem er auf fürchterliche Weise gähnte, »daß ich mich gleich nachher niederlege. Gestern Abend habe ich sehr viel zu mahlen gehabt, und ich habe noch kein Auge seitdem geschlossen.«
»Zugestanden!« antwortete majestätisch der Alkalde. »Ihr könnt Euch niederlegen, wann Ihr wollt.«
»Ich glaube, daß es auch für uns Zeit ist, uns niederzulegen,« sagte der Küster und zog den Weinkrug an sich, um den Rest zu trinken. »Es muß wohl schon zehn Uhr sein, oder wenig wird daran fehlen.«
»Dreiviertel auf Zehn,« bemerkte der Schreiber, nachdem er den Rest des noch für jene Nacht bestimmten Weins in die Gläser verteilt hatte.
»Nun zu Bett, meine Herren!« rief der Amphitrion aus, indem er seinen Teil trank.
»Auf morgen, meine Herren,« fügte der Müller hinzu und trank den seinen.
»Wartet doch, daß man Euch voranleuchte; Toñuelo, führe Tio Lucas nach dem Strohstall.«
»Hierher, Tio Lucas,« sagte Toñuelo und nahm den Krug mit für den Fall, daß noch einige Tropfen darin geblieben wären.
»Auf morgen, so Gott will,« fügte der Küster hinzu, nachdem er noch alle Gläser untersucht.
Und taumelnd entfernte er sich und sang vergnügt das _De profundis_...............
»So,« sagte der Alkalde zum Schreiber, als sie allein geblieben waren, »der Tio Lucas hat nichts gemerkt. Wir können uns also ruhig hinlegen, und wohl bekomm's dem Herrn Corregidor!«
18.
Wie Tio Lucas nicht ans Schlafen dachte.
Fünf Minuten nachher ließ sich ein Mann von dem Strohstallfenster des Alkalden herab; das Fenster ging auf den Hof und war kaum vier Ellen vom Erdboden entfernt.
Im Hofe stand ein Dach über einer großen Krippe, an der sechs oder acht Reittiere verschiedener Rasse, aber alle dem schwachen Geschlecht angehörig, angebunden waren; die Pferde, Maultiere und Esel vom starken Geschlecht hatten ihren eigenen Schuppen in einem benachbarten Lokal.
Der Mann band eine noch ganz gesattelte Eselin los und ging, diese am Zügel nach sich ziehend, nach der Thür des Hofes, schob die Vorlegestange zurück, schloß das sie haltende Schloß auf, öffnete vorsichtig die Thür und war mitten auf dem Felde.
Dort angekommen, bestieg er die Eselin, drückte ihr die Fersen in die Flanken, und wie ein Pfeil flog er in der Richtung der Stadt dahin, aber nicht auf der offenen Fahrstraße, sondern über Saaten und Gräben, wie wenn er sich vor einem unangenehmen Zusammentreffen hüten wollte. Es war der Tio Lucas, der sich nach seiner Mühle begab.
19.
Stimmen in der Wüste.
»Mir sollt ihr nur mit Alkalden kommen,« sagte der Murcianer, »ich bin aus Archena. Morgen früh gehe ich zum Herrn Bischof, um allem zuvorzukommen, und werde ihm alles erzählen, was heute Nacht hier vorgekommen ist. Mich mit solcher Eile und so geheimnisvoll rufen zu lassen, und zu einer so Angehörigen Stunde, mir zu sagen, daß ich allein gehen soll, mir vom Dienst des Königs und von Falschmünzerei, von Hexen und Kobolden zu sprechen, um nachher zwei Gläser Wein zu trinken und mich zu Bett zu legen. Es kann gar nicht klarer sein! Garduña hat diese Instruktionen von seiten des Corregidors nach dem Dorfe bringen müssen, und zu dieser Stunde hat der Corregidor schon den Feldzug gegen meine Frau eröffnet. Wer weiß, vielleicht treffe ich ihn, wie er an die Thür der Mühle klopft! Wer weiß, vielleicht treffe ich ihn schon darin... Wer weiß... Aber, was sage ich denn da! Ich an meiner Navarresin zweifeln? O, das hieße sich an Gott versündigen. Unmöglich, daß sie... Unmöglich könnte meine Frasquita... Unmöglich! -- Aber was rede ich denn so dumm. Ist denn irgend etwas unmöglich auf der Welt? Hat sie sich doch mit mir verheiratet, obgleich sie so schön ist, und ich so häßlich bin!«
Und als er diese letzte Bemerkung machte, fing der arme Bucklige an, bitterlich zu weinen...
Um sich wieder ein wenig aufzuheitern, hielt er sein Tier an, trocknete seine Thränen, seufzte tief auf, zog seine Gerätschaften zum Rauchen hervor und machte sich eine Cigarette von schwarzem Tabak zurecht. Dann nahm er Feuerstein, Zunder und Stahl, und nach einigen Schlägen gelang es ihm, Feuer zu erhalten.
In diesem Augenblicke hörte er das Geräusch von Schritten in der Gegend der Landstraße, die ungefähr einige dreihundert Ellen davon entfernt war.
»Wie unvorsichtig bin ich doch!« sagte er. »Wenn man mich suchte, so würden mich diese Funken verraten haben.«
Schnell verbarg er das Feuerzeug, stieg ab und versteckte sich hinter der Eselin. Aber die Eselin verstand die Sache nach ihrer Art und Weise und stieß ein lautes Geschrei der Befriedigung aus.
»Verfluchtes Tier!« rief Tio Lucas aus und versuchte ihr das Maul mit beiden Händen zuzuhalten.
Da ertönte als galante Antwort gleiches Geschrei von der Landstraße her.
»Na, jetzt wird's gut,« fuhr der Müller in Gedanken fort. »Das Sprichwort hat ganz recht, wenn es sagt: _El mayor mal de los males es tratar con animales_.« (Das größte der Übel ist, wenn man mit Tieren zu thun hat.[7])
Und so sprechend bestieg er von neuem seinen Esel, trieb ihn an und ritt, wie aus der Pistole geschossen, in der Richtung fort, welche dem Orte, an dem das zweite Eselgeschrei laut geworden war, gerade entgegengesetzt war.
Das merkwürdigste aber war, daß die Person auf dem antwortenden Tiere sich ebenso sehr vor Tio Lucas zu fürchten schien, wie Tio Lucas vor ihr, denn auch sie bog vom Wege ab und ritt in vollem Galopp durch die Saatfelder auf der anderen Seite desselben.
Der Murcianer bemerkte es, und schon darüber beruhigt, grübelte er folgendermaßen weiter:
»Was für eine Nacht! Was für eine Welt! Was für ein Leben führe ich seit einer Stunde! Alguacils werden zu Kupplern gemacht, Alkalden verschwören sich gegen meine Ehre, Esel schreien, wenn es nicht nötig ist, und hier in meiner Brust trage ich ein elendes Herz, das gewagt hat, an der edelsten Frau, die Gott geschaffen, zu zweifeln. Gott im Himmel, Gott im Himmel! gieb nur, daß ich bald nach Hause komme und dort meine Frasquita antreffe!«
So ritt Tio Lucas fort durch Felder und Büsche, bis er endlich etwa gegen elf Uhr nachts ohne besondere Zufälligkeiten an der großen Thür der Mühle anlangte. Verdammt! die Thür der Mühle stand offen.
20.
Zweifel und Wirklichkeit.
Sie stand offen, und er hatte beim Fortgehen seine Frau dieselbe mit Schlüssel, Vorlegstange und Schloß schließen hören!
Folglich hatte auch nur seine Frau dieselbe öffnen können!
Aber wie? wann? warum? Infolge einer Täuschung? infolge einer Ordre? Oder wohlüberlegt und freiwillig, kraft einer vorhergegangenen Übereinstimmung mit dem Corregidor?
Was würde er sehen? Was würde er erfahren? Was erwartete ihn im Innern seines Hauses? War er mit der Seña Frasquita geflohen? Hatten sie ihm dieselbe geraubt? Wäre sie am Ende gar tot? Oder würde er sie in den Armen seines Rivalen finden?
»Der Corregidor hat darauf gerechnet, daß ich heute die ganze Nacht hindurch nicht nach Hause kommen würde,« sagte Tio Lucas düster. »Der Alkalde des Ortes wird wohl Befehl erhalten haben, mich eher in Fesseln zu schlagen, als mir die Rückkehr zu gestatten. Wußte Frasquita all das? War sie an dem Komplott beteiligt? Oder war sie das Opfer eines Betruges, einer Vergewaltigung, einer Nichtswürdigkeit?«
Der Unglückliche brauchte nicht mehr Zeit, um alle diese grausamen Bemerkungen zu machen, als die, welche nötig war, um den Platz unter der Weinlaube zu durcheilen.
Auch die Hausthür stand offen, und der erste Wohnraum, wie in allen ländlichen Gebäuden, war die Küche. In der Küche war niemand. Und doch brannte ein riesiges Feuer im Kamin... im Kamin, der vollständig erloschen war, als er hinausging und der nie vor Ende Dezember geheizt wurde.
Schließlich hing noch an einem der Haken der Küchenbretter eine brennende Lampe.
Was bedeutet all dies? Und wie stimmten die scheinbaren Anstalten der Wachsamkeit und Geselligkeit zu dem Todesschweigen, das im Hause herrschte?
Was war aus seiner Frau geworden?
Da, und erst in dem Augenblick wurde Tio Lucas einige Kleidungsstücke gewahr, die auf den Lehnen einiger um den Kamin gestellten Stühle ausgebreitet lagen.
Er untersuchte die Kleider näher und stieß ein so fürchterliches Gebrüll aus, daß es ihm, in einen unhörbaren, erstickten Seufzer verwandelt, in der Kehle stecken blieb.