Part 3
»Und Lucas? Schläft er?« fragte er nach einem Augenblicke.
Wir müssen hier noch bemerken, daß der Corregidor, wie alle Zahnlosen, eine unbestimmte, zischende Aussprache hatte, wie wenn er seine eigenen Lippen äße.
»Ja, freilich,« antwortete die Seña Frasquita. »Um diese Zeit, da schläft er, wo es ihn gerade überfällt und wäre es am Rande eines Abgrundes.«
»Nun höre, so laß ihn schlafen,« rief der alte Corregidor aus und wurde noch bleicher, als er schon von Natur war. »Und du, meine liebe Frasquita, höre einmal ... sieh... komm her... Setze dich hierher, so, an meine Seite. Ich habe dir viele Dinge mitzuteilen.«
»Da sitze ich,« antwortete die Müllerin, ergriff einen niedrigen Stuhl und setzte ihn in ganz geringer Entfernung von dem des Corregidors nieder.
Sobald Frasquita sich gesetzt hatte, legte sie ein Bein über das andere, bog den Körper ein wenig vor, stützte einen Ellbogen auf das übergeschlagene Knie und das frische, schöne Gesicht auf eine ihrer Hände, und so, den Kopf ein wenig zur Seite geneigt, mit lächelnden Lippen, wobei alle fünf Grübchen in Thätigkeit kamen, und die heiteren, reinen Pupillen auf den Corregidor geheftet, erwartete sie die Erläuterung Seiner Gnaden. Wahrhaftig, man konnte sie mit Pamplona vergleichen, welches das Bombardement erwartet.
Der arme Mann wollte sprechen, aber vor dieser grandiosen Schönheit, vor dieser strahlenden Anmut, vor jener schrecklichen Frau mit der Alabasterhaut, den üppigen Formen, dem reinen, lachenden Munde, den blauen, unergründlichen Augen, die der Pinsel eines Rubens erschaffen zu haben schien, blieb er mit offenem Munde wie behext sitzen. »Frasquita!« murmelte endlich der Abgesandte des Königs mit schwacher Stimme, während sein vertrocknetes Gesicht, das sich in Schweiß gebadet von seinem Buckel abhob, eine unsägliche Qual ausdrückte, »Frasquita!«
»So heiße ich,« antwortete die Tochter der Pyrenäen. »Sie wünschen?«
»Was du willst,« erwiderte der Alte mit unendlicher Zärtlichkeit.
»Nun, was ich will, das weiß ja Ew. Gnaden,« sagte die Müllerin. »Was ich will? Ew. Gnaden sollen einen Neffen von mir in Estella zum Sekretär beim Stadtgericht ernennen, damit er jene Berge verlassen kann, wo es ihm herzlich schlecht geht.«
»Ich habe dir schon gesagt, Frasquita, daß das unmöglich ist; der gegenwärtige Sekretär...«
»Ist ein Dieb, ein Trunkenbold, ein Esel.«
»Das weiß ich. Er hat aber sehr gute Beschützer unter den lebenslänglichen Regidoren, und ich kann ohne Einwilligung des Stadtrates keinen anderen ernennen. Sonst setze ich mich aus -- --«
»Ich setze mich aus, ich setze mich aus.... Und welchen Gefahren würden wir uns nicht um Ew. Gnaden willen aussetzen, wir alle, bis hinunter zu den Katzen im Hause?«
»Würdest du mich um diesen Preis lieben?« stammelte der Corregidor.
»Nein, Herr Corregidor, denn ich liebe Ew. Gnaden umsonst.«
»Weib, gieb mir nicht so viele Titel! Nenne mich Sie oder wie du Lust hast... Hä, so wirst du mich also lieben? ... Sag --«
»Habe ich Ihnen nicht gesagt, daß ich Sie schon liebe?«
»Aber...«
»Dabei ist kein ›aber‹. Sie sollen nur sehen, wie hübsch und was für ein braver Mensch mein Neffe ist!«
»Ja, du bist hübsch, Frasquita!«
»Gefalle ich Ihnen?«
»Gewiß gefällst du mir! Es giebt keine zweite Frau wie dich.«
»Nun sehen Sie, hier ist nichts Falsches,« antwortete die Seña Frasquita, schob den Ärmel ihres Kleides ganz in die Höhe und zeigte dem Corregidor den bisher verhüllten Teil ihres Armes, der einer Karyatide würdig gewesen wäre und weißer als eine Lilie war.
»Und ob du mir gefällst!« fuhr der Corregidor fort, »Tag und Nacht, zu jeder Stunde, überall, denke ich nur an dich.«
»Aber wie? Gefällt Ihnen denn die Frau Corregidor nicht?« fragte Seña Frasquita mit einem so gut geheuchelten Mitleid, daß es einen Hypochonder zum Lachen gebracht hätte. »Wie schade! Als mein Lucas Ihre Alkovenuhr zurecht gemacht hat, da hat er das Vergnügen gehabt, sie zu sehen und mit ihr zu sprechen, und er hat mir gesagt, daß sie sehr hübsch und sehr gut und so liebenswürdig im Umgange sei.«
»Nicht so sehr, nicht so sehr!« murmelte der Corregidor mit einer gewissen Bitterkeit.
»Dagegen haben andere mir gesagt,« sprach die Müllerin weiter, »daß sie ein sehr böses Temperament habe, sehr eifersüchtig sei, und daß Sie vor ihr wie vor einer grünen Rute zitterten.«
»Nicht so sehr, Frau,« wiederholte Don Eugenio de Zuñiga y Ponce de Leon, indem er ganz rot wurde. »Nicht so viel und nicht so wenig, die Frau Corregidora hat so ihre Launen, gewiß... aber zwischen dem und vor ihr zittern ist doch noch ein großer Unterschied. Ich bin der Corregidor.«
»Aber schließlich haben Sie sie lieb oder nicht?«
»Ich will dir sagen... ich liebe sie sehr... oder besser gesagt, ich liebte sie sehr, bevor ich dich kennen lernte. Aber seit ich dich sah, weiß ich nicht, was mir geschah, und sie selbst merkt, daß etwas in mir vorgeht. Genug, heute zum Beispiel, wenn ich das Gesicht meiner Frau berühre, so macht es mir den Eindruck, wie wenn ich mein eigenes berührte. Siehst du wohl, mehr kann man sie doch nicht lieben und auch nicht weniger fühlen. -- Dagegen, könnte ich diese Hand, diesen Arm, dieses Gesicht, diese Taille berühren, würde ich dafür geben, was ich nicht habe.«
Und während der Corregidor so sprach, versuchte er, sich des entblößten Armes, den die Seña Frasquita ihm buchstäblich unter die Nase rieb, zu bemächtigen; aber diese, ohne ihre Fassung zu verlieren, streckte die Hand aus, berührte die Brust Seiner Gnaden mit der friedlichen Gewalt und unwiderstehlichen Festigkeit eines Elephantenrüssels und warf ihn mit Stuhl und allem auf den Rücken.
»_Ave Maria purisima!_« (Heilige Jungfrau Maria!) rief inzwischen die Navarresin und lachte wie toll. »Der Stuhl war wohl gar zerbrochen?«
»Was geht hier vor?« rief in diesem Augenblicke Tio Lucas, indem er sein häßliches Gesicht durch die Weinblätter steckte.
Noch lag der Corregidor auf dem Rücken am Boden und blickte mit unaussprechlichem Entsetzen zu dem Manne empor, der in der Luft auf dem Bauche liegend erschien.
Wie ein Teufel sah er aus, aber nicht wie einer von St. Michael, sondern wie ein von einem anderen höllischen Dämon besiegter.
»Was soll hier vorgehen?« beeilte sich die Seña Frasquita zu sagen, »der Herr Corregidor hatte seinen Stuhl nicht fest aufgestellt, er fing an sich zu wiegen, und da ist er gefallen.«
»Jesus, Maria und Joseph!« rief seinerseits der Müller aus, »Ew. Gnaden haben sich doch nicht etwa Schaden gethan? Wollen Ew. Gnaden ein wenig Wasser und Essig?«
»Ich habe mir nichts gethan!« sagte der Corregidor, indem er, so gut er konnte, aufstand.
Und dann fügte er leise, doch so, daß ihn die Seña Frasquita verstehen konnte, hinzu:
»Das sollt Ihr mir bezahlen.«
»Dagegen haben aber Ew. Gnaden mir das Leben gerettet,« fuhr Tio Lucas fort, ohne jedoch von seinem luftigen Sitze herabzusteigen. »Stelle dir nur vor, Frau, ich sitze hier oben und betrachte die Weintrauben; da schlafe ich auf einem Netz von Weinreben und Stangen, dessen Zwischenöffnungen groß genug waren, um einen Körper hindurchgleiten zu lassen, ein. Hätte mich also Sr. Gnaden Fall nicht zur rechten Zeit aufgeweckt, so hätte ich mir späterhin den Kopf auf diesen Steinen zerbrochen.«
»Also du... he?« rief der Corregidor aus. »Nun, Müller, das freut mich... Ich sage, es freut mich sehr, daß ich gefallen bin.«
»Das sollst du mir bezahlen,« fügte er dann hinzu, indem er sich zur Müllerin wendete.
Und das sprach er mit einem solchen Ausdruck von unterdrückter Wut, daß die Seña Frasquita ganz traurig wurde.
Sie sah nur zu deutlich, daß der Corregidor zuerst erschrocken war, weil er glaubte, daß der Müller alles gehört hätte.
Als er sich aber überzeugt hatte, daß der Müller nichts gehört, denn Tio Lucas' Ruhe und Verstellung hätten selbst den schärfsten Luchs getäuscht, da fing er an, seinem Zorn nachzugeben und Rachepläne zu brüten.
»Na, na, komm nur herunter und hilf mir Sr. Gnaden reinigen, er ist ja ganz mit Staub bedeckt,« rief die Müllerin aus.
Und während der Tio Lucas herunterkletterte, sagte sie zu dem Corregidor, indem sie ihm mit der Schürze den Rock abstäubte, wobei mancher Schlag die Ohren traf:
»Der Arme hat gar nichts gehört... der hat wie ein Klotz geschlafen.« Diese Worte und mehr noch der Umstand, daß sie mit leiser Stimme zu ihm gesprochen wurden, dadurch Mitwissenschaft und Geheimnis andeutend, brachten eine wunderbare Wirkung hervor. »Du Schelm! Du Trotzkopf!« stammelte Don Eugenio de Zuñiga mit wässerndem Munde, aber doch noch scheltend.
»Ew. Gnaden hegen doch keinen Groll gegen mich?« entgegnete die Navarresin arglistig schmeichelnd.
Als der Corregidor wahrnahm, daß die Strenge einen so guten Erfolg hatte, versuchte er die Seña Frasquita recht wütend anzusehen; aber da traten ihm ihr verführerisches Lächeln und ihre himmlischen Augen, in denen eine liebkosende Bitte glänzte, entgegen -- all sein Zorn schmolz sofort dahin, und mit süßlichem Ton, bei dem man erst recht den vollständigen Mangel an Zähnen entdeckte, sagte er: »Das hängt von dir ab, mein Schatz!«
In diesem Augenblicke sprang Tio Lucas von der Laube auf den Boden.
12.
Zehnten und Erstlinge.
Als der Corregidor seinen Stuhl wieder eingenommen hatte, warf die Müllerin einen flüchtigen Blick auf ihren Gatten und sah ihn nicht nur so ruhig wie immer, sondern daß er auch große Lust hatte, über diesen Einfall vor Lachen zu bersten; im ersten Augenblicke, in dem sie sich vom Corregidor unbeachtet glaubte, warf sie ihm eine Kußhand zu und sagte dann mit einer Sirenenstimme, um die Kleopatra sie beneidet hätte, zu diesem:
»Jetzt sollen Ew. Gnaden auch meine Weintrauben kosten.«
Und jetzt hätte man die schöne Navarresin sehen müssen, und so würde ich sie malen, wenn ich Titians Pinsel hätte, wie sie so vor dem entzückten Corregidor stand, frisch, prächtig, reizend, mit ihren edlen Formen, ihrem engen Kleide, der hohen Gestalt, wie sie die entblößten Arme über ihr Haupt erhob, in jeder Hand eine durchsichtige Traube, und mit einem unwiderstehlichen Lächeln und einem bittenden Blick, in dem die Furcht zitterte, zu ihm sagte:
»Noch hat der Herr Bischof sie nicht versucht... Es sind die ersten, die wir in diesem Jahre pflücken...«
Sie glich einer riesigen Pomona, die einem ländlichen Gott, sagen wir z. B. einem Satir Früchte anbietet. In diesem Augenblicke erschien am äußersten Ende des gepflasterten Platzes der ehrwürdige Bischof der Diöcese, von dem Advokaten-Akademiker und zwei Domherren in vorgeschrittenem Alter begleitet, und von seinem Sekretär, zwei Hausgenossen und zwei Pagen gefolgt.
Einen Augenblick hielt Se. Hochwürden an, um das zugleich komische und schöne Bild zu betrachten, und dann sagte er mit dem würdevollen Ton der Prälaten von damals:
»Das Fünfte: Zehnten und Erstlinge an die Kirche Gottes zu bezahlen, lehrt uns die christliche Satzung; aber Sie, Herr Corregidor, begnügen sich nicht damit, den Zehnten zu verwalten, sondern wollen auch die Erstlinge essen.«
»Der Herr Bischof!« riefen die Müllersleute aus und verließen den Corregidor, um den Ring des Prälaten zu küssen.
»Gott lohne es Ew. Hochwürden, daß Sie unserer armen Hütte solche Ehre erweisen,« sagte Tio Lucas im Tone aufrichtiger Verehrung und küßte ihn. »Wie freue ich mich, den Herrn Bischof so wohl und schön zu sehen!« rief die Seña Frasquita aus, indem auch sie den Ring küßte. »Gott segne ihn und erhalte ihn so viele Jahre, wie meines Lucas' Bischof!«
»Wie kann ich dir wohl eines Tages fehlen, wenn du mich mit Segnungen überhäufst, statt sie von mir zu verlangen,« antwortete lachend der gütige Hirt. Und zwei Finger ausstreckend, segnete er die Seña Frasquita und darauf die übrigen Anwesenden.
»Hier sind auch Ew. Hochwürden Erstlinge!« sagte der Corregidor, indem er eine Traube aus den Händen der Müllerin nahm und sie dem Bischof höflich anbot. »Noch habe ich die Trauben nicht gekostet.«
Der Corregidor sprach diese Worte aus, indem er einen schnellen, lüsternen Blick auf die strahlende Schönheit der Müllerin warf.
»Hoffentlich doch nicht, weil sie zu sauer sind, wie die in der Fabel,« bemerkte der Akademiker.
»Die in der Fabel,« versetzte der Bischof, »waren nicht sauer, Herr Licenziat, sondern außer dem Bereich des Fuchses.«
Keiner von beiden hatte eine Anspielung auf den Corregidor damit bezweckt; aber die Aussprüche paßten so genau auf das, was soeben vorgefallen war, daß der Corregidor Don Eugenio de Zuñiga blaß vor Zorn wurde und, den Ring des Prälaten küssend, sagte:
»Dann wäre ich also der Fuchs, Hochwürden.«
»_Tu dixisti_« (Du sagst es), erwiderte dieser mit der leutseligen Strenge eines Heiligen, der er auch gewesen sein soll. »_Excusatio non petita, accusatio manifesta -- Qualis vir, talis oratio._ -- Aber _satis jam dictum, nullus ultra sit sermo_. Oder, was dasselbe ist: Lassen wir jetzt das Latein und bekümmern wir uns um diese famosen Trauben.« Und er pflückte eine einzige Beere von der Traube, welche ihm der Corregidor anbot. »Sie sind sehr gut,« rief er aus und hielt sie gegen das Licht; dann reichte er sie seinem Sekretär. »Nur schade, daß sie mir nicht gut bekommen.«
Der Sekretär betrachtete die Traube auch, nahm eine Miene höflicher Bewunderung an und übergab sie einem der Hausgenossen.
Der Famulus wiederholte die Handlung des Bischofs und die Miene des Sekretärs, ja, ging sogar so weit, an der Weintraube zu riechen, und dann legte er sie mit der skrupulösesten Sorgfalt in den Korb zurück und sagte mit leiser Stimme zu den Umstehenden:
»Sr. Hochwürden fasten...«
Tio Lucas aber, der die Traube mit dem Blick verfolgt hatte, nahm sie dann ganz heimlich und aß sie verstohlen auf, ohne daß jemand es gesehen hatte.
Darauf setzten sich alle; man sprach vom Herbste, der sehr trocken war, obgleich die Prozession mit dem Strick des heiligen Franziskus umgegangen, sprach von der Möglichkeit eines neuen Krieges zwischen Napoleon und Österreich, bestand auf dem Glauben, daß die kaiserlichen Truppen das spanische Gebiet nie betreten würden; der Advokat beklagte sich über das Aufrührerische und alles Umstürzende jener Epoche und beneidete die ruhigen Zeiten seiner Väter, _nota bene_ wie die Väter die Zeiten der Großväter beneidet hatten -- da rief der Papagei fünf Uhr... und auf ein Zeichen des ehrwürdigen Bischofs ging der jüngere der beiden Pagen nach dem Wagen Sr. Hochwürden, der an demselben Graben angehalten hatte, wie der Alguacil und kam mit einem prächtigen aus Brot und Öl gebackenen, mit Salz bestreuten Kuchen zurück, der kaum vor einer Stunde aus dem Ofen gekommen war. Ein kleiner Tisch wurde inmitten der Anwesenden aufgestellt, die Torte wurde zerschnitten, auch Tio Lucas und die Seña Frasquita erhielten, trotz ihrer heftigen Weigerung, ihr Teil, und eine Stunde lang herrschte eine wirklich demokratische Gleichheit unter dem rötlich schimmernden Weinlaube, durch das die letzten Strahlen der untergehenden Sonne ihren Abschiedsgruß sandten.
13.
Da sagte die Krähe zum Raben.
Anderthalb Stunden später waren alle die erlauchten Vespergenossen in die Stadt zurückgekehrt.
Der Bischof und seine »Familie« waren, dank dem Wagen, bedeutend früher angekommen und waren schon im Palaste, wo wir sie bei ihrer Andacht nicht weiter stören wollen.
Der ausgezeichnete Advokat, der sehr trocken war, und die beiden Canonici, einer immer dicker und respektabler als der andere, begleiteten den Corregidor bis zur Thür des Rathauses, wo, wie Sr. Gnaden sagte, er noch zu arbeiten hatte, und schlugen dann den Weg zu ihren respektiven Wohnungen ein, wie Schiffer von den Sternen geleitet, oder wie Blinde die Ecken durch Tasten vermeidend, denn schon war die Nacht hereingebrochen, der Mond war noch nicht aufgegangen, und die Straßenbeleuchtung war, wie alle übrigen Lichter dieses Jahrhunderts, noch im göttlichen Gehirn.
Dafür sah man nicht selten eine Laterne durch die Straßen irren, mit der ein ehrerbietiger Diener seinem erhabenen Gebieter voranleuchtete, der sich zu der gewohnten Tertulia[5] oder zum Besuch in das Haus seiner Verwandten begab.
Fast neben allen niedrigen Gittern sah man, oder besser gesagt, spürte man, ahnte man eine schwarze, schweigende Masse. Das waren Verlobte, welche ihr Gespräch bei den herannahenden Schritten abgebrochen hatten.
»Wir sind aber wirkliche Leichtfüße,« sagten der Advokat und die beiden Canonici im Gehen. »Was wird man nur in unseren Häusern von uns denken, wenn man uns zu dieser Stunde ankommen sieht?«
»Aber was werden die uns auf der Straße Begegnenden sagen, wenn sie uns auf diese Weise nach sieben Uhr nachts wie von der Finsternis beschützte Reitersleute sehen?«
»Wir müssen wirklich unsern Lebenswandel ändern.«
»Ach ja! aber diese verflixte Mühle!«
»Meine Frau hat sie schon gewaltig im Magen,« sagte der Akademiker in einem Tone, aus dem man die Furcht vor einer nahe bevorstehenden Gardinenpredigt deutlich heraushörte.
»Nun, und meine Nichten!« rief einer der Canonici aus, der, nach seinen äußeren Abzeichen zu schließen, Pönitentiarius war, »meine Nichten sagen, daß die Priester keine Gevatterinnen besuchen sollten.«
»Und doch,« unterbrach sein Gefährte, der Magistral war, »kann es nichts Unschuldigeres geben, als...«
»Ei gewiß, geht doch sogar der Herr Bischof...«
»Und dann, meine Herren, in unserem Alter!« versetzte der Pönitentiar.
»Gestern bin ich fünfundsiebzig Jahre alt geworden.«
»Das ist ja ganz klar,« erwiderte der Magistral. »Aber lassen Sie uns von etwas anderem sprechen; wie reizend war heute die Seña Frasquita.«
»O ja, was das betrifft, reizend ist sie, sehr reizend,« sagte der Advokat und heuchelte Unparteilichkeit.
»Sehr reizend!« wiederholte der Pönitentiarius hinter seiner Umhüllung.
»Und wenn nicht,« sagte der Prediger _de officio_, »so fragt nur den Corregidor, der arme Mann ist verliebt in sie.«
»Na, das glaube ich schon,« rief der Beichtiger in der Kathedrale aus.
»Gewiß!« fügte der korrespondierende Akademiker hinzu. »Hier aber, meine Herren, trennen sich unsere Wege, ich gehe hier herum, um eher nach Hause zu gelangen. Gute Nacht, meine Herren.«
»Gute Nacht,« antworteten ihm die Kapitelherren.
Und schweigend gingen sie einige Schritte vorwärts.
»Auch dem gefällt die Müllerin!« murmelte darauf der Domherr und stieß den Pönitentiarius sanft mit dem Ellbogen in die Seite.
»Das sieht man doch ganz deutlich,« antwortete dieser und blieb an seiner Hausthür stehen. »Und so häßlich wie er ist! Also auf morgen, Kollege. Mögen Ihnen die Trauben gut bekommen.«
»Auf morgen, so Gott will. Ich wünsche Ihnen eine recht gute Nacht.«
»Gott gebe uns eine gute Nacht!« betete der Pönitentiarius schon vom Portal, das sich durch eine Laterne und eine Jungfrau auszeichnete. Und er schlug mit dem Klopfer an die Thür.
Als der andere Canonicus sich allein auf der Straße befand -- er war breiter als er lang war und schien sich rollend fortzubewegen -- ging er langsam seinem Hause zu; aber ehe er jedoch dasselbe erreichte, stieß er gegen eine Wand, die in späteren Zeiten den Verordnungen der städtischen Polizei dienen sollte, und sagte, während er wahrscheinlich dabei an seinen Chorbruder dachte:
»Und dir gefällt die Seña Frasquita auch... Es ist aber auch wahr,« fügte er nach einem Augenblick hinzu, »reizend ist sie, sehr reizend!«
14.
Garduñas Ratschläge.
Inzwischen war der Corregidor, von Garduña gefolgt, in das Rathaus eingetreten, und hielt mit diesem im Sitzungssaale eine so vertrauliche Unterhaltung, wie sie sich für einen Mann von seinem Range und seinem Amte gar nicht schickte.
»Trauen Ew. Gnaden doch nur einem Spürhunde, der die Jagd kennt,« sagte der unedle Alguacil. »Die Seña Frasquita ist wahnsinnig in Ew. Gnaden verliebt, und was Ew. Gnaden mir soeben erzählt haben, läßt es so hell wie dieses Licht sehen...«
Und dabei deutete er auf eine Kerze, die kaum den achten Teil des Saales erhellte.
»So ganz sicher wie du, bin ich doch nicht, Garduña,« antwortete Don Eugenio seufzend.
»Dann weiß ich nicht, warum. Und wenn nicht, lassen Sie uns offen darüber sprechen. Ew. Gnaden, mit Ihrer Erlaubnis sei es gesagt, haben einen kleinen, ganz kleinen Fehler an Ihrem Körper, nicht wahr?«
»Gut, ja,« antwortete der Corregidor. »Aber der Tio Lucas hat denselben Fehler. Er ist noch weit buckliger als ich.«
»Viel buckliger! Sehr viel buckliger! Er ist gar nicht mit Ihnen zu vergleichen! Aber dafür, und das wollte ich eben sagen, haben Ew. Gnaden ein sehr ansehnliches Gesicht, so, was man sagt ein schönes Gesicht, während der Tio Lucas aussieht wie der Sergeant Utrera, der vor reiner Häßlichkeit krepiert ist.«
Der Corregidor lachte mit einer gewissen Leutseligkeit.
»Übrigens,« fuhr der Alguacil fort, »ist die Seña Frasquita imstande, sich aus dem Fenster zu stürzen, wenn sie dadurch die Ernennung ihres Neffen erreichen kann.«
»Bis hierher stimmen wir überein; diese Ernennung ist meine einzige Hoffnung.«
»Nun denn, Hand ans Werk, gnädiger Herr. Ich habe Ew. Gnaden ja schon meinen Plan mitgeteilt... Er braucht nur heute Nacht ausgeführt zu werden.«
»Ich habe dir schon vielmals gesagt, daß ich keine Ratschläge brauche!« schrie Don Eugenio, indem er sich plötzlich erinnerte, daß er mit einem Untergebenen sprach.
»Ich glaubte, daß Ew. Gnaden sie von mir verlangten,« stotterte Garduña.
»Antworte mir nicht!«
Garduña verbeugte sich.
»Also du sagst,« fuhr der Corregidor fort, indem er sich allgemach besänftigte, »daß schon heute Nacht alles geordnet werden kann? Nun, weißt du, das scheint mir sehr gut. Teufel noch einmal! So werde ich doch endlich von dieser grausamen Ungewißheit befreit werden.«
Garduña schwieg.
Der Corregidor wandte sich an den Schreibtisch, schrieb einige Zeilen auf Stempelpapier, das er seinerseits noch stempelte, und verwahrte es dann in seiner Westentasche. »So, die Ernennung des Neffen wäre gemacht,« sagte er dann und nahm eine Prise Tabak. »Morgen werde ich mich mit den Regidoren (Stadträten) darüber verständigen, und entweder sie genehmigen sie einstimmig, oder der Teufel soll sie holen. Meinst du nicht auch, daß ich recht thue?«
»Das ist es, das ist es,« rief der begeisterte Garduña aus, indem er die Pfote in die Tabaksdose des Corregidors versenkte und dieser eine Prise entführte. »Das ist es, Ew. Gnaden Vorgänger ist auch niemals vor einem Hindernisse zurückgeschreckt. Einmal...«
»Laß das Geschwätz!« versetzte der Corregidor, indem er der räuberischen Hand einen Schlag mit dem Handschuh versetzte. »Mein Vorgänger war ein Esel, weil er dich zum Alguacil hatte. Aber kommen wir wieder auf unsere Angelegenheit zurück. Du sagtest mir, daß die Mühle des Tio Lucas zum Gerichtsbezirk des nächsten Fleckens und nicht zu dem dieser Stadt gehört... Bist du ganz sicher?«
»Ganz sicher. Der Gerichtsbezirk der Stadt hört mit dem Graben auf, wo ich heute Nachmittag saß, um Ew. Gnaden zu erwarten. Heiliger Lucifer! Wenn ich an Ihrer Stelle gewesen wäre.«
»Genug!« schrie Don Eugenio, »du bist ein Unverschämter!« Er ergriff einen halben Bogen Papier, schrieb ein Billet, schloß es, indem er eine Ecke umschlug und übergab es Garduña. »Da hast du den Brief, den du von mir für den Alkalden des Ortes verlangt hast,« sagte er gleichzeitig zu ihm. »Du wirst ihm noch mündlich alles erklären, was er zu thun hat. Du siehst wohl, ich führe deinen Plan buchstäblich aus. Aber wehe dir, wenn du mich in eine Sackgasse bringst!«
»Seien Ew. Gnaden unbesorgt,« antwortete Garduña. »Señor Juan Lopez hat viel zu fürchten, und sobald er nur Ew. Gnaden Unterschrift sieht, wird er alles thun, was man ihm befiehlt. Dem königlichen Rentamt schuldet er mindestens tausend Fanegas Getreide und dem Kirchenamt ebensoviel. Und dies letztere gegen alles und jedes Gesetz, denn er ist weder eine Witwe, noch ein armer Arbeiter, um das Korn zu erhalten, ohne Zinsen darauf zu zahlen, sondern ein Spieler, ein Trunkenbold und ein Ehrloser, ein Freund von Weibern, über den der ganze Flecken entrüstet ist... Und jener Mensch übt die Autorität aus. Aber so geht es in der Welt!«