Der Dreispitz

Part 2

Chapter 23,789 wordsPublic domain

Dadurch, daß die Seña Frasquita von Navarra aus unmittelbar in diese Einsamkeit verpflanzt worden war, hatte sie keine andalusischen Sitten angenommen und unterschied sich darum auch sehr von den übrigen Landbewohnerinnen der Umgegend. Sie kleidete sich einfacher, anmutiger und eleganter als sie, wusch sich öfter und gestattete der Sonne und der Luft, ihre entblößten Arme und ihren unbedeckten Hals zu liebkosen. Bis zu einem gewissen Grade trug sie die Tracht der Damen jener Epoche, die Tracht der Frauen von Goya, die Tracht der Königin Marie Louise; wenn es auch nicht ein Rock von einem halben Schritt war, so war er doch nicht mehr als einen Schritt weit, sehr kurz, so daß er ihre kleinen Füße und den Ansatz ihres prachtvollen Beines sehen ließ, der Ausschnitt rund und niedrig, nach Madrider Art und Weise, wo sie sich zwei Monate lang mit ihrem Lucas aufgehalten hatte, als sie von Navarra nach Andalusien übersiedelten. Das Haar war oben auf dem Wirbel zusammengenommen, was die ganze Schönheit ihres Kopfes und Halses freiließ; prächtige Ohrgehänge in ihren kleinen Ohren und viele Ringe auf den zugespitzten Fingern ihrer harten, aber reinen Hände. Und zum Schluß: Seña Frasquitas Stimme umschloß alle Töne eines sehr ausgedehnten, melodiösen Instrumentes, und ihr Lachen war so heiter und silberhell, wie das Geläute am heiligen Ostermorgen.

Nun wollen wir auch das Bild des Tio Lucas zeichnen.

5.

Ein Mann, von innen und von außen besehen.

Der Tio Lucas war häßlicher als Picio. Er war es schon immer gewesen, und jetzt war er vierzig Jahre alt. Und doch hat wohl Gott wenige so sympathische und angenehme Männer in die Welt gesetzt. Von seiner Lebhaftigkeit, seinem Witz und seinem Verstande eingenommen, hatte ihn der verstorbene Bischof von seinen Eltern, die Hirten, aber nicht Seelen-, sondern leibhaftige Schafhirten waren, verlangt. Als Se. Hochwürden gestorben war und der junge Bursche das Seminar mit der Kaserne vertauscht hatte, zeichnete der General Caro ihn vor dem ganzen Heere aus, indem er ihn zu seiner vertrauten Ordonnanz machte. Als Tio Lucas endlich seine militärische Laufbahn aufgegeben, wurde es ihm ebenso leicht, das Herz der Seña Frasquita zu erobern, wie es ihm leicht geworden, die Achtung des Generals und des Prälaten zu erwerben. Die Navarresin, die zu jener Zeit zwanzig Frühlinge zählte und der Augapfel aller jungen Bursche von Estella, und darunter recht reiche, war, konnte den fortgesetzten Artigkeiten, den witzigen Einfallen, den Blicken des verliebten Affen und dem spöttischen, beständigen Lächeln voller Bosheit, aber auch voller Sanftmut jenes kecken, beredten, klugen, bereitwilligen, tapfern und witzigen Murcianers nicht widerstehen, und so verdrehte er ihr endlich den Kopf, und nicht allein der vielbegehrten Schönheit, sondern auch ihren Eltern.

Lucas war dazumal und bis zu dem Zeitpunkte, von dem wir jetzt sprechen, von kleiner Statur (wenigstens im Verhältnis zu seiner Frau), mit etwas hohen Schultern, sehr brünett, mit dünnem Bart, großer Nase, großen Ohren und blatternarbig. Dagegen war sein Mund regelmäßig und sein Gebiß unvergleichlich schön. Eigentlich konnte man sagen, daß nur die Schale rauh und häßlich an jenem Manne war; sobald man aber anfing, in das Innere einzudringen, so erschienen alle seine Vorzüge, und diese Vorzüge begannen mit den Zähnen, dann kam die Stimme, vibrierend, biegsam, anziehend, zuweilen männlich und ernst, süß und weich wenn er um etwas bat, und fast stets unwiderstehlich. Darauf kam das, was er mit jener Stimme sagte: Alles zur rechten Zeit, verständig, klug, überzeugend... Und zuletzt waren in der Seele des Tio Lucas Mut, Aufrichtigkeit, Ehrlichkeit, gesunder Menschenverstand, Wunsch nach Wissen, sowie instinktive oder durch die Erfahrung gewonnene Kenntnisse vieler Dinge, eine tiefe Verachtung aller Narren, welcher gesellschaftlichen Kategorie sie auch angehören mochten, und ein Geist der Ironie, des Spottes, des Sarkasmus, welcher ihm in den Augen des Akademikers das Ansehen eines ungeschliffenen Don Francisko de Quevedo gab.

So war also der Tio Lucas von innen und von außen beschaffen.

6.

Fertigkeiten der beiden Ehegatten.

Die Seña Frasquita liebte also den Tio Lucas ganz wahnsinnig und hielt sich für die glücklichste Frau der Welt, weil sie von ihm angebetet wurde. Wie wir schon gesagt haben, hatten sie keine Kinder, und so hatten sie es sich gegenseitig zur Aufgabe gemacht, sich mit unsäglicher Sorgfalt zu pflegen und zu verhätscheln, ohne daß jedoch dies zärtliche Besorgtsein in Sentimentalität und Süßigkeit ausartete, wie bei allen übrigen kinderlosen Ehen. Im Gegenteil, sie behandelten sich mit einer solchen Freiheit, Heiterkeit, einem Scherz und Vertrauen, wie man es bei Kindern, bei Spielkameraden findet, die sich von ganzer Seele liebhaben, ohne es sich zu sagen, ja vielleicht sich nicht einmal klar werden über das, was sie fühlen.

Auf der ganzen Erde gab es gewiß nie einen besser gekämmten, besser gekleideten, im Essen mehr verwöhnten Müller, der in seinem Hause so von allen Bequemlichkeiten umgeben gewesen wäre, wie der Tio Lucas. Und gewiß ist keine Müllerin, nein, auch keine Königin, der Gegenstand so vieler Aufmerksamkeiten, so vieler Artigkeiten und Höflichkeiten gewesen, wie die Seña Frasquita. Es ist ganz undenkbar, daß je eine Mühle so viele notwendige, nützliche, angenehme, zur Erholung dienende und sogar überflüssige Dinge enthalten hätte, wie die, welche der Schauplatz fast der ganzen Erzählung sein wird.

Viel trug auch dazu bei, daß die Seña Frasquita, die saubere, thätige, starke, gesunde Navarresin, zu kochen, nähen, stricken, fegen, Zuckerwerk bereiten, waschen, plätten, ihr Haus tünchen, das Kupfergeschirr putzen, Brot backen, weben, singen, tanzen, Guitarre spielen, Trommel schlagen, Brisca und Tute spielen und noch viele andere Dinge, deren Aufzählung endlos wäre, verstand, wollte und konnte. Und nicht weniger trug zu diesem günstigen Resultate bei, daß Tio Lucas die Mühle zu verwalten, das Feld zu bebauen, jagen, fischen, als Zimmermann, Schmied und Maurer zu arbeiten, seiner Frau in allen häuslichen Geschäften zur Hand zu gehen, lesen, schreiben, rechnen u. s. w. u. s. w. verstand, wollte und konnte. Und dabei erwähnen wir noch gar nicht einmal die Luxusbranchen, oder deutlicher gesprochen, seine außerordentlichen Fertigkeiten ... zum Beispiel der Tio Lucas liebte die Blumen (gerade wie seine Frau) und war ein so ausgezeichneter Blumenzüchter, daß es ihm gelungen war, infolge mühevoller Kombinationen neue Exemplare hervorzubringen. Er hatte auch etwas von einem natürlichen Ingenieur, und das hatte er bewiesen, indem er ein Wehr, einen Heber und eine Wasserleitung erbaut hatte. Er hatte einen Hund tanzen gelehrt, eine Schlange gezähmt und einen Papagei dahin gebracht, daß er die Stunden, welche eine von dem Müller an die Wand gezeichnete Sonnenuhr angab, durch einen Ruf andeutete, und zwar so genau, daß er es selbst an bewölkten Tagen und während der Nacht nicht verabsäumte.

Endlich besaß der Müller noch einen Obstgarten, der alle Arten Früchte und Gemüse hervorbrachte; einen Teich, von einer Art von Jasminkiosk umgeben, wo sich der Tio Lucas und die Seña Frasquita im Sommer badeten, einen Blumengarten, ein Treibhaus für exotische Pflanzen, einen Brunnen mit trinkbarem Wasser, zwei Esel, auf denen das Ehepaar in die Stadt oder die umliegenden Ortschaften ritt, Hühnerhof, Taubenschlag, Vogelhaus, Fischzuchtteich, Zucht von Seidenwürmern, Bienenstöcke, deren Bienen aus dem Jasmin süße Nahrung sogen, Kelter mit dazugehörigem Keller, beides freilich in Miniatur, Backofen, Webstuhl, Schmiede, Zimmerhof u. s. w. u. s. w., all dies bei einem Hause mit acht Zimmern, zwei Fanegas Acker und auf zehntausend Realen abgeschätzt.

7.

Der Grund der Glückseligkeit.

Also der Müller und die Müllerin liebten sich rasend, und fast konnte man glauben, daß sie ihn noch mehr liebte, als er sie, obgleich er so häßlich und sie so schön war. Das meine ich, weil die Seña Frasquita eifersüchtig zu sein pflegte und vom Tio Lucas, wenn er sehr spät aus der Stadt oder den umliegenden Dörfern, wo er Korn holte, zurückkehrte, Rechenschaft verlangte, während Tio Lucas die Aufmerksamkeiten, welche die seine Mühle besuchenden Herren der Seña Frasquita erzeigten, mit Vergnügen bemerkte. Er erfreute und ergötzte sich daran, daß sie allen so wie ihm gefiel, und obgleich er im Grunde seines Herzens fühlte, daß manche ihn darum beneideten, sie wie einfache Sterbliche begehrten und wer weiß was gegeben hätten, wenn sie eine weniger brave Frau gewesen wäre, so ließ er sie doch ganze Tage allein, ohne die geringste Sorge, und fragte nie gleich, was sie gethan hätte oder wo sie während seiner Abwesenheit gewesen wäre.

Das lag aber nicht etwa darin, daß die Liebe des Tio Lucas weniger leidenschaftlich gewesen wäre, als die der Seña Frasquita, sondern weil er mehr Vertrauen zu ihr hatte, als sie zu ihm, weil er sie an Scharfsinn übertraf und wußte, in welchem Grade er von ihr geliebt wurde, und wie sehr seine Frau sich selbst achtete, es bestand hauptsächlich darin, daß der Tio Lucas ein ganzer Mann war, ein Mann wie die Shakespeareschen, mit wenigen, aber unteilbaren Gefühlen, des Zweifels unfähig, der entweder glaubte oder starb, der liebte oder tötete, der keine Abstufung oder allmählichen Uebergang zwischen der höchsten Glückseligkeit oder dem Untergange seines Glückes zuließ. Er war ein Othello von Murcia mit _alpargatas_ (Schuhe, mit Spartostricken befestigt) und Jagdmütze im ersten Akt einer möglichen Tragödie.

Aber warum diese düsteren Noten in einem so lustigen Sang? Warum diese erschrecklichen Blitze in einer so heitern Atmosphäre? Warum diese melodramatischen Stellungen in einem Genrebilde?

Das werdet ihr alsogleich erfahren.

8.

Der Mann mit dem Dreispitz.

Es war zwei Uhr an einem Oktobernachmittag. Die kleine Turmuhr an der Kathedrale läutete zur Vesper, das bedeutete, daß schon alle die vornehmsten Personen der Stadt zu Mittag gegessen hatten.

Die Canonici wendeten sich nach dem Chor und die Laien nach ihren Alkoven, um Siesta zu halten, und zwar besonders diejenigen, welche infolge ihrer Obliegenheiten, wie zum Beispiel die Behörden, den ganzen Morgen hindurch gearbeitet hatten.

Um so erstaunlicher war es also, daß zu jener Stunde, die schon, weil es noch zu heiß war, zum Spaziergange ganz ungeeignet schien, der illustre Herr Corregidor der Stadt zu Fuß, nur von einem einzigen _alguacil_ begleitet, dieselbe verließ, und darüber konnte kein Zweifel herrschen, denn weder bei Tag, noch bei Nacht hätte man ihn mit irgend jemand verwechseln können, erstens wegen seines ungeheuren Dreispitzes und dem anfallenden Mantel von rotem Tuch, zweitens wegen seines eigentümlichen grotesken Aussehens.

Von dem roten Tuchmantel und dem Dreispitz können noch viele Personen aus eigener Anschauung erzählen. Wir unter ihnen, ebenso alle diejenigen, welche in den letzten Jahren der Regierung Sr. Majestät Don Fernando _VII._ in jener Stadt geboren wurden, erinnern uns sehr wohl jener beiden veralteten Kleinodien, des Mantels und des Hutes, der schwarze Hut darüber und den roten Mantel darunter an einem Nagel hängen gesehen zu haben, als einzigen Schmuck einer bröckligen Wand in dem Turme des Hauses, das Seine Herrlichkeit bewohnte und welches jetzt den kindlichen Spielen seiner Enkel zum Schauplatz dient. Wie eine Art von Gespenst des Absolutismns, eine Art von Schweißtuch des Corregidors, eine Art von rückwärts gewandter Karikatur seiner Macht, mit Kreide und Rotstift gezeichnet, wie so viele andere, hingen sie dort für uns kleine Konstitutionelle vom Jahre 1837, die wir uns dort versammelten, eine Art von Vogelscheuche, die zu anderen Zeiten eine Menschenscheuche gewesen war, die mir heute fast Furcht einflößt, weil ich dazu beigetragen habe, sie ihres Ansehens zu berauben, indem ich sie auf der Spitze eines Schornsteinwischers zur Karnevalszeit durch die historische Stadt getragen habe, oder indem sie einem Narren, der das Volk zu stetem Lachen reizte, als Vermummung diente. Armes =Prinzip der Autorität=! So haben dir diejenigen mitgespielt, die dich heute vergebens anrufen.

Was nun das groteske Aussehen des Herrn Corregidors betrifft, so bestand es darin, daß er, wie man sagt, hohe Schultern hatte, noch viel höhere als der Tio Lucas ... fast bucklig, um es gerade herauszusagen; seine Statur war unter Mittelgröße und schwächlich, seine Gesundheit schwankend; er hatte gewölbte Beine und eine Art und Weise zu gehen, ganz sui generis, indem er sich von der einen Seite nach der anderen wiegte, und von hinten nach vorne, die man nur mit der absurden Phrase bezeichnen kann, daß es schien, wie wenn er auf beiden Füßen lahm wäre. Zum Ersatz dafür aber fügt die Tradition hinzu, war sein Gesicht regelmäßig, wenn auch durch den Mangel an Zähnen ziemlich runzlig, grünlich brünett, wie fast alle Söhne Castiliens, mit großen, dunklen Augen, in denen Zorn, Despotismus und Sinnlichkeit Blitze warfen, mit feinen, verschmitzten Gesichtszügen, die zwar nicht den Ausdruck persönlichen Mutes, aber einer versteckten, zu allem fähigen Bosheit trugen; dabei eine gewisse Miene der Befriedigung, halb Aristokrat, halb Libertin, die ganz deutlich zeigte, daß jener Mann, trotz seiner Beine und seines Buckels, in seiner frühen Jugend den Frauen angenehm gewesen und von ihnen angenommen worden war.

Don Eugenio de Zuñiga y Ponce de Leon (das war der Name Sr. Herrlichkeit) war in Madrid geboren, aus berühmtem Geschlechte und war zu jener Zeit ungefähr fünfundfünfzig Jahre alt. Vier Jahre war er als Corregidor in der erwähnten Stadt gewesen, wo er sich, kurz nach seiner Ankunft, mit der hervorragendsten Dame, von der wir noch weiter unten sprechen werden, verheiratet hatte.

Don Eugenios Strümpfe, außer den Schuhen der einzige Teil seiner Bekleidung, welchen der sehr umfangreiche rote Mantel freiließ, waren weiß, und die Schuhe schwarz mit goldener Schnalle. Als aber die Wärme auf dem freien Felde ihn veranlaßte, seine Umhüllung zu lüften, sah man, daß er eine große Krawatte von Batist trug, eine taubenfarbige Sergeweste, über und über mit grünen Zweigen gemustert, kurze, schwarzseidene Beinkleider, einen ungeheueren Rock von demselben Stoffe wie die Weste, einen Galanteriedegen mit Stahlgefäß, Stock mit Quasten und ein respektables Paar Handschuhe von gelblichem Wildleder, die er nie anzog und nur in der Mitte wie eine Art von Szepter umfaßte.

Der Alguacil, der dem Herrn Corregidor auf zwanzig Schritte Entfernung folgte, hieß Garduña und war das leibhaftige Conterfei seines Namens (Marder). Mager, sehr behend, sah er im Gehen vorwärts und rückwärts, nach rechts und nach links zu gleicher Zeit, mit langem Halse, ganz kleinem, widerwärtigem Gesichte, und mit zwei Händen, die wie zwei Bündel Ruten aussahen, glich er sowohl einem Späher auf der Suche nach Verbrechern, als dem Strick, der sie binden, und dem Instrumente, das sie bestrafen sollte.

Als der Blick des ersten Corregidors auf ihn fiel, sagte dieser, ohne weitere Erkundigungen einzuziehen, »du wirst mein wahrer Alguacil sein.« Und vier Corregidoren hatte er gedient.

Er war achtundvierzig Jahre alt und trug einen Dreispitz, der viel kleiner, als der seines Herrn, der, wir wiederholen es, einen ganz ungewöhnlichen Umfang hatte, einen Mantel, schwarz wie die Strümpfe und der übrige Anzug, einen Stock ohne Quasten und eine Art von Bratspieß an Stelle des Degens.

Jenes schwarze Gespenst schien der Schatten seines auffallend gekleideten Gebieters zu sein.

9.

Hü, Esel!

Wo auch immer diese Persönlichkeit und sein Untergebener vorüberkamen, verließen die Arbeiter ihre Thätigkeit und entblößten ihre Häupter so tief, daß der Hut die Erde fast berührte, doch eigentlich mehr aus Furcht als aus Achtung; war er vorüber, so sagten sie mit leiser Stimme:

»Heute geht aber der Herr Corregidor sehr früh zur Seña Frasquita.«

»Sehr früh... und allein!« fügten andere hinzu, die gewohnt waren, ihn diesen Spaziergang immer in Gesellschaft verschiedener anderer Personen machen zu sehen.

»Höre du, Manuel, warum geht wohl der Herr Corregidor heute allein, um die Seña Frasquita zu besuchen?« fragte eine Bäuerin ihren Mann, der sie hinter sich auf dem Esel hatte.

Und während sie ihn fragte, kitzelte sie ihn, um ihn zu reizen. »Denk' doch nicht gleich Schlechtes, Josepha!« rief der gute Mann aus, »die Seña Frasquita ist nicht imstande...«

»Sage ich denn das Gegenteil? Aber darum ist doch der Herr Corregidor nicht etwa nicht imstande, sich in sie zu verlieben... Ich habe sagen hören, daß von allen, die zu den Schmausereien nach der Mühle gehen, dieser Madrider, der den Unterröcken so nachläuft, der einzige ist, der mit bösen Absichten dorthin geht.«

»Und was weißt du davon, ob er den Unterröcken nachläuft oder nicht?« fragte seinerseits der Mann.

»Das sage ich nicht von mir selbst... Und wenn er auch tausendmal Corregidor wäre, er würde sich wohl gehütet haben, mir auch nur zu sagen, du hast schwarze Augen.«

Die so sprach, war häßlich im Superlativ.

»Na, sieh mal, Kind, da mögen sie zusehen!« erwiderte der Manuel Genannte. »Ich glaube nicht, daß der Tio Lucas der Mann dazu ist, um darauf einzugehen... Der hat ein hübsches Temperament, der Tio Lucas, wenn er böse wird!«

»Na, aber man sieht ja, daß es ihm paßt,« fügte Tia Josepha hinzu und rümpfte die Nase.

»Tio Lucas ist ein Biedermann,« entgegnete der Bauer, »und einem Biedermanne können solche Dinge nicht passen.«

»Na ja, darin hast du recht... Mögen sie zusehen... Wenn ich die Seña Frasquita wäre...«

»Hü, Esel!« schrie der Mann, um das Gespräch zu wechseln.

Der Esel setzte sich in Trab, und so konnte man den Rest der Unterhaltung nicht mehr hören.

10.

Vom Rebengeländer aus.

Während so die den Corregidor grüßenden Ackerleute unter sich sprachen, sprengte und fegte die Seña Frasquita sorgfältig den gepflasterten Platz, welcher der Mühle als Atrium diente, und stellte ein halbes Dutzend Stühle dahin, wo das Weinlaub der Laube noch am dichtesten war, auf welche Tio Lucas gestiegen war und die besten Trauben abschnitt, um sie künstlerisch in einem Korbe zu arrangieren.

»Nun ja, Frasquita,« sagte der Tio Lucas oben von der Laube herunter, »der Herr Corregidor ist in sehr schlechter Weise in dich verliebt.«

»Das habe ich dir schon vor langer Zeit gesagt,« antwortete die Frau aus dem Norden; »aber laß ihn doch seufzen... Nimm dich in acht, Lucas, daß du nicht fällst!«

»Sei ohne Sorge, ich halte mich schon fest.... Auch gefällst du dem Herrn...«

»Hör 'mal, jetzt höre auf mit deinen Nachrichten,« unterbrach sie ihn. »Ich weiß nur zu gut, wem ich gefalle und wem nicht. Wenn ich doch nur ebenso gut wüßte, warum ich dir nicht gefalle.«

»Na, das ist stark. Weil du so häßlich bist!« antwortete Tio Lucas.

»Hör 'mal... häßlich und alles, ich bin imstande, auf die Weinlaube zu steigen und dich kopfüber auf den Boden zu werfen.«

»Viel wahrscheinlicher wäre es, daß ich dich nicht von der Laube herabsteigen ließe, ohne dich vorher lebendig aufzuessen.«

»Da haben wir's... und wenn dann meine Anbeter kommen und uns da sähen, dann möchten sie gar am Ende sagen, daß wir zwei Affen seien.«

»Und da würden sie den Nagel auf den Kopf treffen, denn du bist so ein rechter Affe, und so hübsch, und ich sehe wie ein Affe aus mit meinem Buckel...«

»Der mir gerade sehr gefällt.«

»Dann wird dir der des Corregidors noch besser gefallen, der ist ja noch größer als meiner.«

»Ei, ei, sehen Sie einmal, mein Herr Don Lucas, seien Sie nicht so eifersüchtig!«

»Ich eifersüchtig, auf den alten Waschlappen? Im Gegenteil, ich freue mich sehr, daß er dich liebt.«

»Warum?«

»Weil in der Sünde selbst die Strafe liegt. Du wirst ihn nie lieben, und ich bin während der Zeit der eigentliche Corregidor der Stadt.«

»Seht einmal den eitlen Menschen an! Stelle dir aber nun einmal vor, daß ich ihn lieben lernte... Es sind schon seltsamere Dinge in der Welt vorgekommen.«

»Das wäre mir auch ziemlich gleichgiltig.«

»Warum?«

»Weil du dann nicht mehr du sein würdest, und da du nicht bist, die du bist, oder für die ich dich wenigstens halte, da mach' ich mir den Teufel was daraus, ob dich alle Dämonen holen.«

»Aber was würdest du in einem solchen Falle thun?«

»Ich? Hm, hör 'mal, das weiß ich nicht... denn, da ich dann ein anderer sein würde, als ich jetzt bin, so kann ich mir nicht vorstellen, was ich dann wohl denken würde.«

»Und warum würdest du ein anderer sein?«

»Weil ich jetzt ein Mann bin, der an dich glaubt wie an sich selbst, und dessen ganzes Leben nur dieser Glaube ist. Folglich, wenn ich nicht mehr an dich glauben würde, so würde ich sterben oder mich in einen neuen Menschen verwandeln, auf eine andere Art und Weise leben. Mir würde es vorkommen, wie wenn ich eben erst geboren wäre, und ich würde andere Gefühle hegen. Ich weiß nicht, was ich dann mit dir thun würde... Vielleicht würde ich lachen und dir den Rücken wenden... Vielleicht würde ich dich nicht kennen... Vielleicht... Aber geh doch, was für einen Gefallen können wir daran finden, uns unnötig in üble Laune zu versetzen. Was geht das uns an, wenn dich alle Corregidoren der Welt lieben? Bist du nicht meine Frasquita?«

»Ja, du alter Barbar!« antwortete die Seña Frasquita, aus vollem Halse lachend. »Ich bin deine Frasquita, und du bist mein Herzens-Lucas, der häßlicher ist als ein Pavian, der mehr Talent hat als alle übrigen Männer, der besser ist als das Brot, und den ich mehr liebe... Na, steige nur erst von dem Spalier herunter, dann wirst du schon sehen, was das »lieben« heißt!... Bereite dich nur vor, so viel Ohrfeigen zu bekommen und so viel gekniffen zu werden, wie du Haare auf dem Kopfe hast... Aber still, was sehe ich! Der Herr Corregidor kommt ganz allein hierher... Und so früh... Der hat einen Plan.«

»Dann nimm dich ein wenig zusammen und sage ihm nicht, daß ich hier oben bin. Er kommt gewiß, um mit dir allein eine Erklärung zu haben, denn er nimmt an, daß ich meine Siesta halte. Ich will mich amüsieren, indem ich seine Erklärung mit anhöre.«

So sprach Tio Lucas und reichte seiner Frau den Korb hinunter.

»Das ist kein übler Gedanke,« rief sie und brach von neuem in ein Gelächter aus. »Dieser Teufel von einem Madrileñer! Was glaubt der denn, was mir ein Corregidor gilt? Aber, da kommt er. Garduña, der ihm in einiger Entfernung folgte, hat sich im Graben in den Schatten gesetzt... Wie albern! Verstecke dich gut hinter dem Weinlaub, denn wir werden mehr lachen, als du dir vielleicht einbildest.«

Und nachdem sie dies gesagt, fing die schöne Navarresin an den Fandango zu singen, mit dem sie schon ebenso vertraut war wie mit den Liedern ihrer Heimat.

11.

Das Bombardement von Pamplona.

»Gott behüte dich, Frasquita,« sagte der Corregidor halblaut, als er unter der Laube erschien und sich auf den Fußspitzen näherte.

»Wie gut von Ihnen, Herr Corregidor!« antwortete sie mit natürlicher Stimme, indem sie ihm tausend Bücklinge machte. »Euer Gnaden schon zu dieser Stunde! Und bei der Hitze! Setzen sich Eure Herrlichkeit! Hier ist es hübsch kühl! -- Und Euer Gnaden haben die anderen Herren nicht abgewartet?... Da stehen schon alle Sitze für die Herren... Heute Nachmittag erwarten wir auch den Herrn Bischof in Person, er hat meinem Lucas versprochen, die ersten Trauben vom Weinstock zu kosten. Und wie befinden sich Euer Gnaden? Wie geht es der Frau Gemahlin?«

Der Corregidor war verwirrt; das so ersehnte Alleinsein, in dem er sich mit der Seña Frasquita befand, kam ihm wie ein Traum vor oder wie eine Schlinge, welche ihm das feindliche Geschick legte, um ihn in den Abgrund der Täuschung fallen zu lassen.

So beschränkte er sich nur darauf, zu sagen:

»Es ist nicht so früh, wie du sagst... es wird ungefähr halb vier Uhr sein.«

In dem Augenblicke pfiff der Papagei.

»Es ist einviertel auf drei,« sagte die Navarresin, und sah den Madrileñer steif und unverwandt an.

Dieser schwieg, wie ein überführter Verbrecher, der auf die Verteidigung verzichtet.