Part 8
Herr Goljadkin blickte wieder rings um sich und wurde wieder von neuer Hoffnung belebt. Er fühlte aber doch, daß ihn trotzdem eine ferne Ahnung von Unheil beunruhigte. Es kam ihm sogar der Einfall, sich selbst irgendwie an die Beamten heranzumachen, das Prävenire zu spielen, also etwa beim Herausgehen nach Schluß der Bureaustunden, oder indem er unter dem Vorwande einer geschäftlichen Anfrage an sie heranträte, gesprächsweise Andeutungen in folgender Art zu machen: »So und so, meine Herren, da ist so eine auffällige Ähnlichkeit, ein seltsamer Fall, die reine Komödie,« also sich selbst über die ganze Sache lustig zu machen und auf diese Weise die Tiefe der Gefahr zu sondieren. Aber unser Held sagte sich zum Schluß in Gedanken, in einem stillen, tiefen Pfuhl hätten die Teufel ihr Wesen. Übrigens war das bei Herrn Goljadkin nur ein vorübergehender Gedanke; er wurde noch rechtzeitig anderen Sinnes. Er sah ein, daß das so viel hieße, als die Gefahr herausfordern. »Das liegt nun einmal in deinem Charakter,« sagte er zu sich selbst und klopfte sich leicht mit der Hand gegen die Stirn; »gleich bist du wieder fröhlich und treibst Mutwillen! Du bist eine biedere Seele! Nein, jetzt ist es schon das beste zu warten, Jakow Petrowitsch; jetzt wollen wir uns gedulden und warten!« Nichtsdestoweniger war Herr Goljadkin, wie wir bereits erwähnt haben, wieder hoffnungsvoll und hatte ein Gefühl, als ob er von den Toten auferstanden wäre. »Es macht sich,« dachte er; »es ist mir, wie wenn mir eine Zentnerlast von der Brust gefallen wäre! Nein, so ein Erlebnis! >Das Kästchen war nur einfach aufzuklappen<.[2] Krylow hat recht ... Krylow hat recht; dieser Krylow ist ein Fuchs, ein Schlaukopf und ein großer Fabeldichter! Aber was diesen Menschen anlangt, so mag er meinetwegen hier amtieren, und möge es ihm wohl bekommen, wenn er nur niemandem in die Quere kommt und mit niemandem Streit anfängt; mag er hier amtieren, ich habe nichts dagegen, ich bin einverstanden!«
[Fußnote 2: Der Schlußvers einer Krylowschen Fabel. Jemand sucht vergebens nach dem Mechanismus zum Öffnen eines Kästchens, das einen solchen gar nicht besitzt, sondern sich einfach aufklappen läßt. Anmerkung des Übersetzers.]
Unterdessen verging die Zeit wie im Fluge, und ehe Herr Goljadkin sich dessen versah, schlug es vier. Die Amtsstunden waren zu Ende; Andrei Filippowitsch griff nach seinem Hute, und alle folgten wie üblich seinem Beispiele. Herr Goljadkin blieb unter dem Vorwande eines notwendigen Bedürfnisses noch eine kleine Weile zurück und ging absichtlich erst nach allen andern, als letzter, weg, als sich bereits alle nach verschiedenen Richtungen verteilt hatten. Als er auf die Straße hinaustrat, fühlte er sich wie im Paradiese, so daß bei ihm sogar der Wunsch rege wurde, einen Umweg zu machen und eine Strecke auf dem Newski-Prospekte zu gehen. »So geht es in der Welt!« sagte unser Held. »Ein unerwarteter Umschwung der ganzen Sache! Auch das Wetter hat sich aufgeklärt; Kälte und Schlittenfahrt. Und die Kälte taugt für den Russen; der Russe verträgt sich mit der Kälte prächtig. Ich liebe den Russen. Auch ein bißchen Schnee ist da, der erste Spurschnee, wie ein Jäger sagen würde; da müßte man im ersten Spurschnee auf die Hasenjagd gehen! Ei weih! Na, wenn's nicht ist, so schadet's auch nichts!«
So gab Herr Goljadkin seinem Entzücken Ausdruck; aber dabei hatte er doch immer noch ein kitzelndes Gefühl im Kopfe, das mit Kummer Ähnlichkeit hatte, und manchmal verspürte er am Herzen ein Saugen, gegen das er kein Linderungsmittel wußte. »Übrigens, wir wollen noch einen Tag warten und uns dann erst freuen. Was ist denn eigentlich los? Na, wir wollen die Sache überlegen, die Sache ansehen. Na, also laß uns einmal überlegen, mein junger Freund, laß uns einmal überlegen! Also da ist ein ebensolcher Mensch wie du, ein ganz ebensolcher. Na, was hat es damit auf sich? Wenn ein solcher Mensch da ist, brauche ich darüber zu weinen? Was geht es mich an? Ich habe damit nichts zu schaffen; ich pfeife darauf, Punktum! Er ist nun einmal da, Punktum! Mag er amtieren! Na, da wird nun gesagt, das sei ein Wunder und eine Seltsamkeit wie die siamesischen Zwillinge ... Na, was sollen dabei die Siamesen? Allerdings, die sind Zwillinge; aber auch große Männer haben manchmal ihre Wunderlichkeiten gehabt. Es ist sogar aus der Geschichte bekannt, daß der berühmte Suworow wie ein Hahn krähte ... Na, das tat er alles aus Politik; auch große Feldherrn ... aber was sollen hier die Feldherrn? Ich bin ein gewöhnlicher Mensch und weiter nichts und will niemanden kennen und verachte im Gefühle meiner Unschuld den Feind. Ich bin kein Intrigant und bin stolz darauf. Mein Charakter ist rein, aufrichtig, anständig, freundlich, sanft ...«
Plötzlich verstummte Herr Goljadkin, brach ab und zitterte wie ein Blatt; ja, er schloß sogar für einen Augenblick die Augen. Da er jedoch hoffte, daß der Gegenstand seiner Furcht einfach eine Augentäuschung sei, so öffnete er schließlich die Augen wieder und schielte schüchtern nach rechts. Nein, es war keine Augentäuschung! ... Neben ihm trippelte sein Bekannter vom Vormittag, lächelte, schaute ihm ins Gesicht und wartete, wie es schien, auf eine Gelegenheit, um ein Gespräch anzufangen. Es kam jedoch nicht dazu. Auf diese Art gingen sie beide etwa fünfzig Schritte. Herrn Goljadkins ganzes Bemühen ging dahin, sich möglichst fest in seinen Mantel einzuhüllen, sich möglichst tief in ihn zu vergraben und den Hut so weit als nur irgend möglich auf die Augen herabzuziehen. Um die Beleidigung vollständig zu machen, waren auch der Mantel und der Hut seines Freundes genau von derselben Art wie diejenigen, die Herr Goljadkin auf den Schultern und auf dem Kopfe trug.
»Mein Herr,« sagte unser Held endlich, indem er sich bemühte, fast im Flüstertone zu sprechen, und seinen Freund nicht ansah, »es scheint, daß wir verschiedene Wege haben ... Ich bin sogar überzeugt davon,« sagte er, nachdem er einen Augenblick geschwiegen hatte. »Ich bin auch überzeugt, daß Sie mich vollständig verstanden haben,« fügte er zum Schluß in ziemlich strengem Tone hinzu.
»Ich möchte gern ...« erwiderte endlich Herrn Goljadkins Freund, »ich möchte gern ... ich hoffe, Sie werden mich großmütig entschuldigen ... ich weiß nicht, an wen ich mich hier wenden soll ... meine Umstände ... ich hoffe, Sie werden meine Dreistigkeit verzeihen ... es schien mir sogar, als ob Sie heute morgen, von Mitleid bewegt, an mir Anteil nähmen. Ich meinerseits habe mich gleich beim ersten Blick zu Ihnen hingezogen gefühlt; ich ...« Hier wünschte Herr Goljadkin in Gedanken, sein neuer Kollege möchte in die Erde versinken.
»Wenn ich wagen könnte zu hoffen, daß Sie, Jakow Petrowitsch, mir gütiges Gehör schenken würden ...«
»Wir ... wir sind hier nicht ungestört. Wir ... wollen lieber in meine Wohnung gehen,« versetzte Herr Goljadkin. »Wir wollen jetzt auf die andre Seite des Newski hinübergehen; dort werden wir beide bequemer gehen können. Und dann wollen wir eine Seitengasse einschlagen ... das wird das beste sein.«
»Schön. Schlagen wir die Seitengasse ein, wenn es Ihnen so gefällig ist!« erwiderte Herrn Goljadkins demütiger Gefährte schüchtern, wie wenn er durch den Ton seiner Antwort zum Ausdruck bringen wollte, daß er nicht wählerisch sein dürfe und in seiner Lage bereit sei, sich auch mit einer Seitengasse zu begnügen. Was Herrn Goljadkin anlangt, so begriff er gar nicht, was mit ihm vorging. Er traute seinen eigenen Sinnen nicht. Er war von seinem Erstaunen noch nicht wieder zu sich gekommen.
7. Kapitel
Erst auf der Treppe und vor der Eingangstür zu seiner Wohnung gewann er einigermaßen seine Fassung wieder. »Ach, ich Schafskopf!« schimpfte er sich selbst in Gedanken; »wohin führe ich ihn nun? Ich stecke selbst den Kopf in die Schlinge. Was wird Petruschka denken, wenn er uns zusammen sieht? Was wird dieser Halunke sich jetzt zu denken erdreisten? Und er ist so argwöhnisch ...« Aber zur Reue war es bereits zu spät; Herr Goljadkin klopfte, die Tür öffnete sich, und Petruschka nahm dem Gaste und dem Hausherrn die Mäntel ab. Herr Goljadkin warf aus dem Augenwinkel flüchtige Blicke nach Petruschka und bemühte sich, seine Miene zu ergründen und seine Gedanken daraus zu erraten. Aber zu seinem größten Erstaunen sah er, daß sein Diener gar nicht daran dachte, sich zu wundern, sondern im Gegenteil so etwas erwartet zu haben schien. Allerdings machte er auch jetzt ein Gesicht wie ein Wolf, schielte zur Seite hin und tat, als ob er jemand fressen wollte. »Hat sie denn heute alle jemand behext?« dachte unser Held. »Es ist, als ob ein Dämon herumgegangen wäre! Es muß unbedingt mit dem ganzen Volke heute etwas Besonderes los sein. Hol's der Teufel, was ist das für ein qualvoller Zustand!« Während Herr Goljadkin dergleichen dachte und überlegte, führte er den Gast zu sich ins Zimmer und forderte ihn höflich auf, Platz zu nehmen. Der Gast befand sich anscheinend in äußerster Verlegenheit; er war sehr schüchtern, verfolgte unterwürfig alle Bewegungen seines Wirtes, haschte nach seinen Blicken und bemühte sich, wie es schien, aus diesen zu entnehmen, was derselbe denke. Eine gewisse Gedrücktheit, Niedergeschlagenheit und Ängstlichkeit kam in allen seinen Gebärden zum Ausdruck, so daß er, wenn der Vergleich gestattet ist, in diesem Augenblicke große Ähnlichkeit mit einem Menschen hatte, der aus Mangel an eigenen Kleidern fremde angezogen hat: die Ärmel rutschen hinauf; die Taille sitzt beinah im Genick, und er schiebt alle Augenblicke die kurze Weste auf seinem Leibe zurecht; bald windet und dreht er sich rechts und links, bald sucht er sich irgendwo zu verstecken, bald sieht er allen in die Augen und horcht, ob die Leute nicht von seiner Situation sprechen, sich über ihn lustig machen, sich seiner schämen, -- er errötet und wird fassungslos, und sein Ehrgefühl leidet schwer ... Herr Goljadkin hatte seinen Hut auf das Fensterbrett gestellt; durch eine unvorsichtige Bewegung fiel der Hut auf den Boden. Der Gast stürzte sofort hin, um ihn aufzuheben, reinigte ihn sorgsam vom Staube und stellte ihn vorsichtig auf den früheren Platz; seinen eigenen aber stellte er auf den Fußboden, neben den Stuhl, auf dessen äußerstem Rande er demütig Platz genommen hatte. Dieser geringfügige Vorgang öffnete Herrn Goljadkin einigermaßen die Augen; er sah nun ein, daß der andere ihn sehr nötig hatte, und zerbrach sich daher nicht mehr den Kopf darüber, wie er mit seinem Gaste ein Gespräch anfangen solle, sondern überließ, wie es sich gebührte, alles diesem selbst. Aber der Gast seinerseits fing nicht an zu reden; ob er zu schüchtern war oder sich ein wenig schämte oder aus Höflichkeit darauf wartete, daß der Wirt den Anfang mache, blieb dahingestellt und war schwer zu entscheiden. In diesem Augenblicke kam Petruschka herein, blieb in der Tür stehen und blickte nach derjenigen Seite hin, die der, wo sich sein Herr und der Gast befanden, ganz entgegengesetzt war.
»Befehlen Sie, daß ich zwei Portionen Mittagessen hole?« fragte er mit seiner heiseren Stimme in nachlässigem Tone.
»Ich ... ich weiß nicht ... Sie ... ja, hole zwei Portionen, mein Lieber!«
Petruschka ging weg. Herr Goljadkin sah seinen Gast an. Der Gast errötete bis über die Ohren. Herr Goljadkin war ein gutmütiger Mensch und legte sich daher in der Güte seines Herzens sogleich eine Anschauung zurecht:
»Er ist ein armer Mensch«, dachte er, »und erst einen Tag in seiner Stelle; wahrscheinlich hat er vorher viel leiden müssen; nur gut, daß er einen anständigen Anzug besitzt; aber Geld zum Mittagessen wird er nicht haben. Ach mein Gott, wie niedergeschlagen er aussieht! Na, das schadet nichts: das hat sogar sein Gutes ...« -- »Verzeihen Sie, daß ich ...« begann Herr Goljadkin, »gestatten Sie übrigens die Frage, wie ich Sie nennen darf!«
»Ich ... ich ... heiße Jakow Petrowitsch,« erwiderte der Gast fast flüsternd, als wenn er sich schämte und um Verzeihung dafür bäte, daß er ebenfalls Jakow Petrowitsch heiße.
»Jakow Petrowitsch,« wiederholte unser Held, der nicht imstande war, seine Aufregung zu verbergen.
»Ja, ganz richtig ... Ich bin Ihr Namensvetter,« antwortete Herrn Goljadkins demütiger Gast, indem er sich dazu aufraffte, zu lächeln und in scherzendem Tone zu reden. Aber er fiel sogleich in seine unterwürfige Haltung wieder zurück, als er die sehr ernste und etwas bestürzte Miene seines Wirtes wahrnahm und merkte, daß dieser jetzt zu Scherzen nicht aufgelegt sei.
»Gestatten ... gestatten Sie mir die Frage, welchem Umstande ich die Ehre zu verdanken habe ...«
»Da ich Ihre Großmut und Wohltätigkeit kenne,« unterbrach ihn der Gast schnell, aber in schüchternem Tone, indem er sich ein wenig von seinem Stuhle erhob, »so habe ich es gewagt, mich an Sie zu wenden und Sie um Ihre ... um Ihre Bekanntschaft und Gönnerschaft zu bitten ...« schloß der Gast, der es schwierig fand sich auszudrücken und nach Worten suchte, die einerseits nicht zu schmeichlerisch und unterwürfig klängen, um nicht sein eigenes Ehrgefühl zu verletzen, andrerseits aber auch nicht zu kühn wären und ungehörigerweise den Anspruch auf Gleichstellung erhöben. Im allgemeinen konnte man sagen, daß Herrn Goljadkins Gast sich wie ein Bettler aus gutem Stande in einem geflickten Frack und mit einem ordnungsmäßigen Paß in der Tasche benahm, der noch keine Übung darin gewonnen hat, wie es sich gehört, die Hand auszustrecken.
»Sie setzen mich in Verlegenheit,« erwiderte Herr Goljadkin, indem er sich selbst, seine Wände und den Gast betrachtete; »womit könnte ich denn ... das heißt, ich will sagen, in welcher Beziehung kann ich Ihnen eigentlich mit irgend etwas dienen?«
»Ich habe mich gleich beim ersten Blick zu Ihnen hingezogen gefühlt, Jakow Petrowitsch, und habe (verzeihen Sie mir großmütig!) meine Hoffnung auf Sie gesetzt ... habe gewagt, meine Hoffnung auf Sie zu setzen, Jakow Petrowitsch. Ich ... ich fühle mich hier ganz wie verloren, Jakow Petrowitsch; ich bin arm, habe sehr viel gelitten, Jakow Petrowitsch, und bin hier noch neu. Da ich erfahren hatte, daß Sie zu den Ihnen angeborenen vortrefflichen Eigenschaften Ihrer schönen Seele auch noch mit mir denselben Namen führen ...«
Herr Goljadkin runzelte die Stirn.
»... auch noch mit mir denselben Namen führen und mit mir aus demselben Orte stammen, so entschloß ich mich, mich an Sie zu wenden und Ihnen meine schwierige Lage vorzutragen.«
»Gut, gut, ich weiß wirklich nicht, was ich Ihnen darauf erwidern soll,« antwortete Herr Goljadkin verlegen. »Wissen Sie, wir wollen nach Tische darüber reden ...«
Der Gast verbeugte sich; das Mittagessen wurde gebracht. Petruschka stellte alles in Ordnung auf den Tisch, und Gast und Wirt schickten sich an, sich zu sättigen. Das Essen dauerte nicht lange, denn sie beeilten sich: der Wirt, weil er sich unbehaglich fühlte und sich außerdem über das schlechte Mittagessen schämte (er schämte sich zum Teil deswegen, weil er den Gast gern gut bewirtet hätte, teils deswegen, weil er zu zeigen wünschte, daß er nicht wie ein Bettler lebe), und der Gast seinerseits, weil er sich in schrecklicher Verwirrung und äußerster Verlegenheit befand. Nachdem er einmal Brot genommen und seine Schnitte aufgegessen hatte, scheute er sich, die Hand nach einer zweiten Schnitte auszustrecken; er genierte sich, von den Speisen ein besseres Stückchen zu nehmen, und versicherte alle Augenblicke, er sei gar nicht hungrig, das Mittagessen sei vorzüglich, er für seine Person sei völlig zufrieden und werde bis zum Grabe daran denken. Als das Essen zu Ende war, zündete Herr Goljadkin sich seine Pfeife an und offerierte die andere, die er sich für Freundesbesuch hielt, dem Gaste; beide setzten sich einander gegenüber, und der Gast begann seine Erlebnisse zu erzählen.
Die Erzählung des jüngeren Herrn Goljadkin dauerte drei oder vier Stunden. Die Geschichte seiner Erlebnisse setzte sich übrigens aus den unbedeutendsten und, wenn man sich so ausdrücken kann, miserabelsten Einzelheiten zusammen. Es handelte sich dabei um amtliche Tätigkeit irgendwo bei einem Gerichte, bei einer Gouvernementsregierung; um Staatsanwälte und Präsidenten; um irgendwelche Bureau-Intrigen; um die Schändlichkeit eines Tischvorstehers; um einen Revisor; um einen plötzlichen Wechsel der Person des Chefs; darum, daß Herr Goljadkin der zweite ganz unschuldig hatte leiden müssen; um seine alte Tante Pelageja Semjonowna; darum, daß er infolge verschiedener Intrigen seiner Feinde seine Stelle verloren hatte und zu Fuß nach Petersburg gewandert war; darum, daß er hier in Petersburg viel Not und Elend durchgemacht, lange erfolglos eine Stelle gesucht, sich auf das kümmerlichste beholfen, beinah auf der Straße gewohnt, altes, vertrocknetes Brot gegessen und dazu seine Tränen geschluckt, auf dem nackten Fußboden geschlafen hatte, und daß endlich irgendein guter Mensch es übernommen hatte, für ihn zu sorgen, ihn empfohlen und ihm großmütig seine jetzige Stellung verschafft hatte. Herrn Goljadkins Gast weinte bei dieser Erzählung und trocknete sich die Tränen mit einem blaukarierten Taschentuche ab, das große Ähnlichkeit mit Wachstuch hatte. Er schloß damit, daß er Herrn Goljadkin seine derzeitige Lage mit völliger Offenheit darlegte und ihm gestand, daß er kein Geld habe, um davon in nächster Zeit zu leben und sich anständig einzurichten, ja nicht einmal um sich ordentlich zu equipieren. Er fügte noch hinzu, er könne nicht einmal das Geld für Stiefel auftreiben und die Uniform habe er sich von jemand auf kurze Zeit geliehen.
Herr Goljadkin war gerührt und fühlte aufrichtiges Mitleid. Obgleich die Geschichte seines Gastes eine so öde Geschichte war, fielen alle Worte derselben auf sein Herz wie himmlisches Manna. Die Sache war die, daß Herr Goljadkin nun seine letzten Zweifel vergaß, sein Herz wieder dem Gefühl der Freiheit und der Freude überließ und sich schließlich im stillen selbst einen Dummkopf schalt. Alles war so natürlich! Was hatte er da für Anlaß sich zu grämen und zu beunruhigen? Nun ja, es war da tatsächlich ein kitzlicher Punkt vorhanden, gewiß; aber das war ja kein Unglück: das konnte einen Menschen nicht in Unehre bringen, seinen Ruf nicht beflecken, ihm seine Karriere nicht verderben, wenn doch der betreffende Mensch keine Schuld trug, sondern die Natur selbst die Hand im Spiele hatte. Außerdem bat der Gast um seine Protektion; der Gast weinte; der Gast klagte das Schicksal an; er schien so harmlos zu sein, so ohne Bosheit und Falsch, ein kläglicher, unbedeutender Mensch, und wie es schien, schämte er sich jetzt selbst, obgleich vielleicht in anderer Hinsicht, über die seltsame Ähnlichkeit seines Gesichtes mit dem seines Wirtes. Er benahm sich auf die denkbar beste Weise, bemühte sich eifrig, seinem Wirte alles zu dank zu machen, und zwar wie jemand, der von Gewissensbissen gequält wird und fühlt, daß er sich dem andern gegenüber schuldig gemacht hat. Wenn z. B. die Rede auf irgendeinen zweifelhaften Punkt kam, so stimmte der Gast sogleich Herrn Goljadkins Meinung zu. Wenn er durch ein Versehen mit seiner Meinung irgendwie in Gegensatz zu Herrn Goljadkin geriet und dann bemerkte, daß er vom richtigen Wege abgekommen war, so korrigierte er das, was er gesagt hatte, sofort, interpretierte es und gab unverzüglich zu verstehen, daß er alles genau in derselben Weise beurteile wie sein Wirt, ebenso denke wie dieser und alles mit ganz denselben Augen ansehe wie dieser. Kurz, der Gast machte alle möglichen Anstrengungen, um sich Herrn Goljadkins Wohlwollen zu erwerben, so daß dieser schließlich zu der Ansicht gelangte, sein Gast sei in jeder Hinsicht ein sehr liebenswürdiger Mensch. Inzwischen wurde Tee gebracht; es war zwischen acht und neun Uhr. Herr Goljadkin fühlte sich in vortrefflicher Stimmung; er war heiter geworden, machte Scherze, ging ein wenig aus sich heraus und ließ sich endlich in ein sehr lebhaftes, angeregtes Gespräch mit seinem Gaste ein. Herr Goljadkin liebte es, wenn er guter Laune war, manchmal etwas Unterhaltendes zu erzählen. Das tat er auch jetzt: er erzählte seinem Gaste viel von der Residenz, von ihren Vergnügungen und Schönheiten, vom Theater, von den Klubs, von dem Brülowschen Gemälde[3], daß zwei Engländer expreß aus England nach Petersburg gekommen seien, um das Gitter des Sommergartens zu besehen, und sogleich wieder zurückgefahren seien, vom Dienste, von Olsufi Iwanowitsch und von Andrei Filippowitsch, daß sich Rußland von Stunde zu Stunde mehr der Vollkommenheit nähere, und daß jetzt hier die schönen Wissenschaften in Blüte ständen, von einer Anekdote, die er kürzlich in der »Nordischen Biene« gelesen hatte, und daß es in Indien eine ganz außerordentlich starke Riesenschlange gebe, zuletzt von dem Baron Brambäus[4]) usw. usw. Kurz, Herr Goljadkin war völlig zufrieden, erstens weil er ganz beruhigt war, zweitens weil er seine Feinde nicht nur nicht mehr fürchtete, sondern sogar bereit war, sie jetzt alle zum Entscheidungskampfe herauszufordern, drittens weil er jetzt selbst in eigener Person jemandes Protektor geworden war, und schließlich weil er ein gutes Werk tat. Er war sich übrigens innerlich bewußt, daß er in diesem Augenblicke noch nicht ganz glücklich war, daß in ihm noch ein Wurm saß, wenn auch nur ein ganz kleiner, der auch jetzt noch sein Herz quälte. Die Erinnerung an den gestrigen Abend bei Olsufi Iwanowitsch war ihm äußerst peinlich. Er hätte jetzt viel darum gegeben, wenn manches von dem, was gestern geschehen war, nicht geschehen wäre. »Indessen es hat ja nicht viel zu bedeuten!« sagte unser Held sich schließlich und nahm sich im stillen fest vor, sich künftig gut zu führen und ähnliche Fehler nicht wieder zu begehen. Da Herr Goljadkin jetzt sehr gut gelaunt war und sich auf einmal fast völlig glücklich fühlte, so kam er sogar auf den Einfall, das Leben zu genießen. Petruschka mußte Rum bringen, und es wurde ein Punsch gebraut. Gast und Wirt leerten jeder ein Glas und ein zweites. Der Gast benahm sich noch liebenswürdiger als vorher und gab viele Beweise seiner Aufrichtigkeit und seines trefflichen Charakters; er ging kräftig auf Herrn Goljadkins vergnügte Stimmung ein, schien sich nur über dessen Freude zu freuen und blickte ihn wie seinen wahren und einzigen Wohltäter an. Eine Feder und ein Blättchen Papier ergreifend, bat er Herrn Goljadkin nicht zuzusehen, was er schreiben werde, und zeigte dann, als er fertig war, selbst seinem Wirte alles, was er geschrieben hatte. Es ergab sich, daß es eine vierzeilige Strophe war, von sehr gefühlvollem Inhalt, in schönem Stil und mit guter Handschrift geschrieben und augenscheinlich von dem liebenswürdigen Gaste selbst verfaßt. Die Verse lauteten:
»Solltest je du mein vergessen, Niemals doch vergeß ich dein; Viel begibt sich wohl im Leben, Doch vergiß auch du nicht mein!«