Der Dichter Lenz und Friedericke von Sesenheim Aus Briefen und gleichzeitigen Quellen; nebst Gedichten und Anderm von Lenz und Göthe

Part 5

Chapter 53,665 wordsPublic domain

Herr Simon kommt zurück eh’ ich ihn haben will: ich kann Ihnen also das Versprochene nicht zuschicken. Es war mein Trauerspiel, welches ich jetzt eben für Sie abschreibe. Ich werde schon eine andre Gelegenheit finden es Ihnen zukommen zu lassen. Nicht einmal einen langen Brief erlaubt mir seine beschleunigte Abreise. Gut, daß ich dann und wann, bei Lesung des Leibnitz ein hingeworfenes Blatt für Sie beschrieben habe. Vergeben Sie mir, daß ich es nicht abschreibe und meine Gedanken in Ordnung bringe. Ihnen, als einem unverwöhnten Auge, darf ich sie auch im Schlafrock zeigen; wenn sie wahr sind, werden sie Ihnen auch alsdann besser gefallen, als falsche in einem Gallakleide. -- Wie ich Ihnen gesagt habe, meine philosophischen Betrachtungen dürfen nicht über zwo, drei Minuten währen, sonst thut mir der Kopf weh. Aber wenn ich einen Gegenstand fünf, zehnmal so flüchtig angesehen habe, und finde, daß er noch immer da bleibt und mir immer besser gefällt, so halt’ ich ihn für wahr und meine Empfindung führt mich darin richtiger als meine Schlüsse. Nro. II. ist eine Apologie meines allerersten Briefes über die Erlösung. Nachdem ich aber Ihre Antwort wieder durchgelesen, finde ich, daß wir fast einerlei gedacht und dasselbe mit andere Worten ausgedrückt haben. Sie haben mich unrecht verstanden, wenn Sie glaubten, ich ließe Gott die übeln Folgen der Sünde auf den Mittler lenken, blos um seine strafende Gerechtigkeit zu befriedigen. Leibnitz glaubt dieses; er sagt, es ist eine Convenienz, die ihn zwingt Gutes zu belohnen und Böses zu bestrafen. Ich denke aber, es geschieht blos um unsertwillen, weil, auf das moralische Uebel kein physisches Uebel, als eine Strafe folgt; wir lieber Böses als Gutes thun würden, da das Böse leichter zu thun ist. Und warum Gott das Gute für unsere Natur schwerer gemacht hat, davon ist die Ursache klar, damit wir nicht müßig gehen; unsere Seele ist nicht zum Stillsitzen, sondern zum Gehen, Arbeiten, Handeln geschaffen.

Doch _seriosa in crastinum_. -- Ich werde hoffentlich noch mit Ihnen diesen Winter zusammenkommen; wiewohl das Regiment jetzt die letzte Ordre erhalten hat, hier zu bleiben. Wenn ich Sie sehe -- Jetzt fühle ich, daß die ideale Gegenwart eines Freundes die persönliche nicht ersetzen kann, so werde ich Ihnen viel zu sagen haben. Meine Seele hat sich hier zu einem Entschlusse ausgewickelt, dem alle Ihre Vorstellungen -- dem die Vorstellungen der ganzen Welt vielleicht, keine andere Falte werden geben können. Wenn ich anders ihn einem Menschen auf der Welt mittheile, ehe er ausgeführt ist. -- Mein guter Sokrates, entziehen Sie mir um dessentwillen Ihre Freundschaft nicht; bedenken Sie, daß die Welt ein Ganzes ist, in welches allerlei Individua passen; die der Schöpfer jedes mit verschiedenen Kräften und Neigungen ausgerüstet hat, die ihre Bestimmung in sich selbst erforschen und hernach dieselbe erfüllen müssen; sie seye welche sie wolle. Das Ganze giebt doch hernach die schönste Harmonie die zu denken ist und macht daß der Werkmeister mit gnädigen Augen darauf hinabsieht und =gut findet= was er geschaffen hat.

Nicht wahr, ich rede mystisch, Ihnen fehlten die Prämissen, um meine Folgesätze zu verstehen. Sie werden sie verstehen, nur Geduld. -- In der Erwartung will ich Ihnen nur mit der größten logischen Deutlichkeit sagen, daß ich von ganzem Herzen bin und bleibe

Ihr drollichter =Alcibiades=.

Sagen Sie doch dem Ott, daß er den =Lenz= nicht über dem =Herbst= vergesse.

11.

Ich will Sie auch drücken, mein Sokrates, aber erst, wenn ich Sie =ganz= kennen gelernt und von ferne bewundert habe. -- Recht so -- wir stehen ganz beisammen; allen Ihren übrigen Meinungen unterschreibe ich. Wir müssen das Ordentliche von dem Außerordentlichen, das Natürliche vom Uebernatürlichen unterscheiden, nur müssen wir das Uebernatürliche nicht für unnatürlich halten, oder aus einer Welt verbannen, in der Gott nach einem höhern Plane arbeitet, als unser kurzsichtiger schielender Verstand übersehen kann. Ich bin sehr für das Ordentliche, für das Natürliche -- nur eine aufmerksame Lesung der Briefe Pauli (der wirklich ein großer -- ein übernatürlicher Mann war) zwingt mich eine übernatürliche Einwirkung nicht allein für möglich, sondern auch in gewissen Fällen (wie das z. E. da die Religion erst im Keimen war) für nothwendig zu halten. -- --

Um auf dem hohen Berge nicht stehen zu bleiben, sondern auch im Thale herumzuhüpfen -- muß ich Ihnen sagen, daß Friedericke aus Straßburg an mich geschrieben und mir gesagt hat, sie habe dort eine besondere Freude gehabt, die ich vielleicht boshaft genug seyn würde, zu errathen. Und das war die, Sie am Fenster gesehen zu haben. Sie schreibt ferner, sie wäre durch Ihren bloßen Anblick so dreist geworden, nach dem andern Theile des _Tom Jones_ zu schicken und bittet mich sie desfalls zu entschuldigen. -- Ist das nicht ein gutes Mädchen? --

Und doch muß ich meinen Entschluß vor Ihnen verbergen. --

Was ist das für ein Zusammenhang? -- Ein trauriger --

Ich bin dazu bestimmt, mir selbst das Leben traurig zu machen -- -- aber ich weiß, daß, so sehr ich mir jetzt die Finger am Dorne zerritze, daß ich doch einmal eine Rose brechen werde --

Zu allem diesem werde ich Ihnen die Schlüssel in Straßburg geben --

Der älteste Hr. von Kleist hat mir geschrieben, daß Briefe von meinem Vater da wären; er schickt sie mir aber nicht; ich soll sie selbst abholen.

Nun aber stößt sich meine Hinreise noch an vielen Dingen.

Ich muß schließen, ich sehe, ich kann dieß Blättchen nicht mehr zusiegeln, aber wenn es auch nicht unser Freund Ott wäre, durch dessen Hände es gienge, so sind unsere Briefe von der Art, als die spartanischen Ephori an ihre Feldherrn schickten, die an einen gemeinschaftlichen Stab müßten gewickelt werden, wenn man sie lesen wollte.

Ich bin bis ins Grab

Ihr

=Lenz=.

12.

=Landau=, im Oktober 1772.

Mein -- --

Doch ich will, von jetzt an, immer ohne Titel an Sie schreiben. Wenn Geister zu einander treten und sich miteinander besprechen, so können sie, mein’ ich den Scharrfuß wohl weglassen. Ich schreibe an Sie, um Ihnen eine Veränderung zu melden, die mit mir vorgegangen. Ich bin ein Christ geworden -- glauben Sie mir wohl, daß ich es vorher nicht gewesen? Ich habe an allem gezweifelt und bin jetzt, ich schreib’ es mit von dankbarer Empfindung durchdrungenem Herzen, zu einer Ueberzeugung gekommen, wie sie mir nöthig war, zu einer philosophischen, nicht blos moralischen. Der theologische Glaube ist das _complementum_ unserer Vernunft, das dasjenige ersetzt, was dieser zur gottfälligen Richtung unsers Willens fehlt. Ich halte ihn also blos für eine Wirkung der Gnade, zu der wir nichts beitragen, als daß unser Herz in der rechten Verfassung sey, sie anzunehmen; diese Verfassung aber besteht in einer vollkommen ernstlichen Liebe zur Tugend, zum Wahren, Guten und Schönen. Dieser Glaube ist eine notwendige Gabe Gottes, weil bei den meisten Menschen die Vernunft noch erst im Anfange ihrer Entwicklung ist, bei vielen aber niemals entwickelt wird. Je mehr sich aber unsere Vernunft entwickelt (das geht bis ins Unendliche), desto mehr nimmt dieser =moralische= Glaube, der in der That mehr in den Empfindungen als in der Erkenntniß gegründet ist, ab und verwandelt sich in das Schauen, in eine Ueberzeugung der Vernunft. Ueberhaupt bedürfen wir nicht mehr und nicht weniger moralisch zu glauben, als zur Seligkeit nothwendig ist, das Uebrige haben wir immer noch die Freiheit _in suspenso_ zu lassen. Aber auch dieses müssen wir viel mehr suchen in Erkenntniß und Anschauen zu verwandeln, weil, nach der Ordnung Gottes, unser Wille sich nach unserer Erkenntniß richtet.

Dieses sind die Prämissen, die ich Ihnen voranschicke, um Ihnen eine vollständige Idee von meiner Überzeugung von unsrer Religion zu geben. Ich habe bisher die Erlösung unsere Heilands für nichts, als ein in die Augen fallendes Beispiel der Folgen der Sünde gehalten, das uns an der Person des vollkommensten Menschen, zur heilsamen Warnung aufgestellt worden. Denn, hab’ ich gedacht, die Idee eines Verdienstes, und wär’ es auch des vollkommensten, widerspricht der allervollkommensten Barmherzigkeit Gottes, als welche nicht braucht erst durch ein Verdienst sich die Vergebung unserer Sünden gleichsam abfodern und abzwingen zu lassen. Aber ich habe gefunden, daß ich sehr irrte. Gott ist die Liebe -- allein die übeln Folgen der Sünde aufzuheben (denn das heißt Sünde vergeben) ohne die Sünde durch eben diese übeln Folgen zu strafen, hieße die Natur dessen, was gut und böse ist, verändern und uns eben so viel Aufmunterung zum Bösen, als zum Guten, geben. Aber -- diese übeln Folgen der Sünden einer ganzen Welt, auf einen dritten Gegenstand lenken, das konnte Gott, das wird der Vernunft nicht schwer zu begreifen, das war das einzige Mittel, Sünde zu vergeben, ohne sie zu strafen. Und eben dieß läßt seine Barmherzigkeit in dem nemlichen Glanze. Freilich könnt’ es scheinen, daß sie, gegen diesen dritten Gegenstand, welchen wir so lange unsern Heiland nennen wollen, nicht ausgeübt worden, allein eben dieses ist der Gegenstand unsers Glaubens, hier kann die Vernunft nicht weiter. Die Offenbarung sagt uns, dieser Heiland sey ein ganz reiner vollkommener Mensch, vielleicht das Ideal der menschlichen Natur gewesen, dem sich die Gottheit selbst, auf eine, uns unbegreifliche, Weise offenbart und mitgetheilet (das Wort vereinigt find’ ich nicht in der Bibel und ist schon ein Schritt zu weit von unsern Theologen), den die Gottheit selbst, zu diesem großen Geschäft unterstützt; den die Gottheit selbst, nach Vollendung desselben belohnt und ihm einen Namen gegeben, der über alle Namen ist. Dieser Heiland aber, hat uns, außer seiner Lehre und Beispiel, auch sein Verdienst gelassen, dessen er uns durch die Sakramente theilhaftig macht. Indem er sich besonders durch das Sakrament des Abendmals auf eine, zwar unbegreifliche, aber doch der Vernunft nicht widersprechende, Art, mit uns geistig verbindet, so daß wir jetzt gleichsam Alle an seiner vollkommnen menschlichen Natur Antheil nehmen. Die Pflichten des Christenthums aber, laufen alle dahin zusammen, diese Wahrheiten, die Christus uns verkündigt, zu glauben, gegen ihn voll Liebe und Dankbarkeit sein Leben immer besser zu studiren, damit wir ihn immermehr lieben und nachahmen, von ihm aber (welches die Hauptsache ist) zu Gott, als dem höchsten Gut, hinauf zu steigen, ihn immer besser erkennen zu lernen, ja, alle Erkenntnisse, die wir hier erwerben, zu ihm, als dem letzten Ziel zu lenken, um ihn als die Quelle alles Wahren, Guten und Schönen mit allen Kräften unserer Seele zu lieben und (das ist die natürliche Folge davon) seinen Willen auszuüben, d. h. ihn von ferne, im Schatten, nachzuahmen, wie er ganz Liebe und Wohlthätigkeit gegen das menschliche Geschlecht, so kein größeres Glück kennen, als Andere glücklich zu machen.

Sehen Sie hier den Extrakt meiner Religion, das Fazit einer aufmerksamen Lesung der Evangelisten, deren göttliche oder menschliche Begeisterung ich unausgemacht lasse, und sie bloß als aufrichtige Erzähler ansehe. Denn dieses ist gut zu wissen, aber nicht verderblich nicht zu wissen.

Ich habe es für nöthig gehalten, Ihnen den Zustand meiner Seele zu schildern, damit wir uns ganz kennen lernen. Ich bin also jetzt ein guter evangelischer Christ, obgleich ich kein orthodoxer bin. Kann ich in meiner Ueberzeugung weiter kommen, so will ich dem Gott dafür danken, der es weiß, daß dieses das Lieblingsstudium meiner Seele ist und ewig bleiben wird.

Doch hoffe ich, niemals Prediger zu werden. Die Ursachen -- da müßt’ ich Ihnen Bogen voll schreiben. Ich fühle mich nicht dazu. Dieß ist aber kein dunkles, sinnliches -- sondern das Gefühl meines ganzen Wesens, das mir so gut als Ueberzeugung gilt. -- Aber ich fühle mich als Ihren Freund

=Lenz=.

13.

=Landau=, den -- Oktober 1772.

Es scheint, daß Sie dazu gemacht sind, mir meine kleinen Systeme alle zu zerstören und zu schleifen. Kaum habe ich eine recht artige bunte Seifenblase vor dem Munde, so fahren Sie unbarmherzig drüber her und lachen mich aus, wenn ich stehe und den Kopf kratze. Ich muß Ihnen aber auch sagen, daß ich meine Kartenhäuser gern niederreißen lasse, weil in einer Stunde wieder ein neues da ist. An mir ist von Kindesbeinen an ein Philosoph verdorben, ich hasche immer nach der ersten besten Wahrscheinlichkeit, die mir in die Augen flimmert, und die liebe, bescheiden nackte Wahrheit kommt dann ganz leise von hinten und hält mir die Augen zu. Eine lange Kette von Ideen, wo eine die andere gibt, bis man, wenn man eine Weile gereist hat, die letzte find’t und sich seines Zieles freuen kann, ist für meine Seele eine wahre Sklavenkette -- wie glücklich bin ich, wieder an Ihrer Hand zu gehen, wenn ich lange genug auf blumigen Wiesen herumgesprungen. --

Welch’ ein Wust von Allegorien! kann ich doch nicht davor, daß meine Seele jetzt so gestimmt ist. Mein Hauptsystem bleibt dennoch unverrückt, und das ist freilich einfach genug, aber darum für meine Seele zuträglicher, weil sie Pein empfindet, wenn sie sich =lange= bei Wahrheiten aufhalten soll. Und das ist dieß: es geht mir gut in der Welt und wird mir in Ewigkeit gut gehen, so lang ich selbst gut bin, denn ich habe dort oben einen sehr guten Vater, der alles was er gemacht hat, sehr gut gemacht hat -- und wenn sich dieß letztere mir nicht allezeit so darstellt, so liegt die Schuld an meinem dummen Verstande. Eine gewisse Offenbarung bestätigt dieß mein Gefühl -- _tant mieux_! sie sagt mir, das anscheinend und wirklich Böse, in der Welt, fange jetzt schon an und solle dereinst ganz aufgehoben werden, und das hab’ ich dem Sohne Gottes zu danken, ob nun seiner Lehre allein, oder auch wirklich seinem Verdienste (wenn anders, um von Gott nicht menschlich zu reden, bei Gott ein Verdienst statt finden kann, denn bei ihm ist Alles Gnade), _tant mieux_! sage ich, das ist eine schöne frohe Botschaft (Evangelium); ich glaube sie herzlich gern und freue mich darüber und dieß, denk’ ich, ist der Glaube, der mich selig machen soll und schon hier glückselig oder selig macht, denn diese beiden Wörter, denk’ ich, sind auch eins. So werden wir, denk’ ich, in dem Extrakt unserer Religion ziemlich nahe bei einander stehen. Freilich haben Sie in vielen Punkten, die ich mir unterstrichen habe, mich so unter sich gekriegt, daß ich mich kaum noch rühren kann, in andern bin ich noch _in suspenso_, als daß Gott gar nichts in uns wirken kann u. a. m., wovon ich mündlich mehr mit Ihnen zu reden hoffe.

Das Eine bitte ich mir aus, nicht so verächtlich von dieser Welt zu sprechen. Sie ist gut, mein Gönner, mit allen ihren eingeschlossenen Uebeln, das Reich Gottes, wovon Christus immer red’t, ist nicht allein in jenem Leben zu hoffen, denn er selbst hat uns im Vaterunser beten gelehrt „dein Wille geschehe im Himmel, wie auf Erden.“ Wenn’s Glück gut ist, bin ich noch immer ein heimlicher Anhänger vom tausendjährigen Reiche, wenigstens glaub’ ich gewiß, daß der Zustand unserer Welt nicht immer derselbe bleiben wird. Und christlich-physisches Uebel muß immer mehr drin abnehmen, wenn das Moralische darin abnimmt, und das wollt’ ich beinahe beweisen, wenn anders eine Seele, die immer _entrechats_ macht, wie eine Närrin, in ihrem Leben jemals etwas wird beweisen können.

-- -- Eine Lieblingsidee haben Sie, mein Theurer, und das freut mich, weil ich auch =eine= habe. So bin ich Ihnen doch in einem Stück ähnlich, denn, wenn es auf eine Aussicht in eine aneinanderhangende Reihe von Wahrheiten ankömmt, da kann ich mich mit Ihnen nicht messen. Wissen Sie worin unsere Lieblingsideen bestehn? Die Ihrige ist -- die =Liebe= -- und die Meinige, die =Schönheit=. Vielleicht stehn diese, beide, nahe bei einander, oder fließen gar zusammen -- -- wenn nur meine Brille schärfer wäre! So viel ist gewiß, daß die letztere die einzige Idee ist, auf die ich alle andern zu reduziren suche. Aber es muß die ächte Schönheit seyn, die auf Wahrheit und Güte gegründet ist, und in der höchsten und faßlichsten Uebereinstimmung -- der Henker mag sie definiren; ich fühle sie und jag’ ihr nach; freilich tritt sie mir noch oft hinter eine Wolke, aber ich werde sie einmal finden -- diese allein kann mein Herz mit Liebe gegen Gott (die Schönheit _in abstracto_) und gegen alles was geschaffen (die Schönheit _in concreto_) füllen. Freilich so nach Graden, so wie die Schönheit selber Grade hat. Da haben Sie meine Brille -- Ihre ist vortrefflich, aber ich kann noch nicht dadurch sehen, darum sind wir Individua. Genug, wir passen in das Ganze das Gott geschaffen hat und das ihm gefällt, so verschieden wie es ist, denn in der Natur sind keine vollkommene Aehnlichkeiten, sagen die Philosophen. Genug, ich fühle eine Affinität zu Ihnen, die ganz erschrecklich ist und obgleich ich die Lichtstralen, die Sie mir zuschicken, nicht mit den meinigen vereinigen kann, so mag ich sie doch gern damit verschwägern.

Nun ist’s Zeit, daß ich vom Pegasus herabsteige, sonst wirft er mich ins Meer. Kaum hab’ ich so viel Athem Ihnen zu sagen, daß ich, zu der höchsten Uebereinstimmung der Welt das Zutrauen habe, daß sie mich nach Straßburg in Ihre Armen führen wird.

=Lenz=.

Von 1772 bis 1776 ist nur noch folgender Brief vorhanden; Lenz hielt sich in der Zwischenzeit meistens in Straßburg auf. Die Schrift in diesem Briefe ist eine ganz veränderte, und von derjenigen der vorigen dadurch unterschieden, daß sie etwas mehr gezogen und flüchtig ist, während jene gedrängter und kleiner ist. Die ganze zweite Hälfte desselben ist mit noch sehr gut erhaltenem Bleistift geschrieben.

D. H.

14.

=Kochberg=, den 23sten Oktober 1776.

Wollten Sie so freundschaftlich seyn, lieber Aktuarius, Röderern, falls er noch in Straßburg ist, zu sagen, er möchte mir das Paket von Herrn von Kleist, nur mit der Post zuschicken, weil ich sehr ungeduldig darauf bin; die Briefe könnt’ er mir selbst mitbringen.

Ich bin in Kochberg bei der liebenswürdigsten und geistreichsten Dame, die ich kenne, mit der ich seit vier, fünf Wochen den englischen Shakspeare lese. Künftige Woche gehts leider schon wieder nach Weimar.

Der Herzog hat neulich hier einen sonderbaren Zufall gehabt: er fiel von einem Floß im Schloßgraben ins Wasser, ich sprang nach und hatte das Glück ihn, ohne Schaden, heraus zu ziehen. =Herder= ist mit ihm hier gewesen und find’t allgemeinen Beifall. Wer sollte ihm auch den streitig machen können? Er und =Wieland= sind, wie der Letzte es von Jedem seyn muß, Freunde und werden es noch immer mehr werden.

=Göthe= hab’ ich nun lang nicht gesehen; er ist so von Geschäften absorbirt in W., daß er den Herzog nicht einmal hat herbegleiten können.

Leben Sie wohl und grüßen alle guten Freunde, auch Jungfer Lauth.

=Lenz=.

Am Rande:

Wäre es nicht möglich, daß ich, durch Ihre Vermittlung einige der neuesten Allemanden in Straßburg abgeschrieben herbekommen könnte. Was Sie dafür auslegen, will ich wieder erstatten. Die von Edelmann würde Ihnen hier ein ewiges Denkmal setzen.

Nachschrift, mit Bleistift geschrieben:

Kennen Sie =Kaufmann=? Er ist, wie mir die Herzogin Mutter gesagt, durch Weimar gegangen und hat sehr gefallen. Auch ist er im Merkur.

Grüßen Sie die =deutsche Gesellschaft= und melden Sie mir recht viel Neues aus Straßburg und Paris. Ist eine gewisse Exzellenz von =Vietinghof= durch Straßburg gegangen? Er ist ein Vetter von General bei Baviere. -- Vielleicht sehen Sie mich einmal in herzoglich sächsischer Uniform wieder. Doch das unter uns.

Melden Sie mir doch ob Herr =Fries=, mit dem ich nach Italien wollte, noch in Straßburg ist und grüßen ihn, wenn Sie ihn sehen.

Sollte Röderer etwa gar das benannte Paket von Herrn von Kleist noch nicht erhalten haben, so seyen Sie doch so gütig und begrüßen ihn selbst darum. Er weiß schon wovon die Rede ist. Und versichern ihm von mir viele Empfehlungen.

III.

Gedichte von Lenz,

welche in Tiecks Ausgabe von dessen Schriften fehlen.

Pygmalion.

An diesen Lippen, diesen Augen, Die Welt vergessend, hinzuhangen, Und aus den rosenrothen Wangen Des Lebens Ueberfluß zu saugen; An dieses Busens reiner Fülle, Die Schmerzen meiner Brust zu wiegen Und auf des Schooses Fried’ und Stille Mit thränenmüdem Haupt zu liegen: Das war mein Wunsch und ist mein Grämen, Und soll mir doch kein Schicksal nehmen.

An Minna.

Geduld und unerschrockner Muth Beseelen mein getreues Blut; Ich fürcht’ mich nicht zu sterben. Der Himmel kostet Leiden hier, Ich leide froh, kann ich von dir Mir einen Blick erwerben.

Nur du verdienst beglückt zu seyn; Drum will ich gerne Gram und Pein In meiner Brust verschließen. Den Thränen will ich widerstehn; Du Engel sollst sie niemals sehn Auf meinen Wangen fließen.

Ach! traue deutscher Redlichkeit, Die sich zu deinem Dienste weiht; Und willst du sie belohnen, So müße Tag und Nacht der Schmerz Dir Freude seyn, und Lust und Scherz Dein schönes Herz bewohnen.

Alsdann, mein Kind, ist alles gut, Alsdann, so mag mein junges Blut Für dich die Erden färben. Es ist mir sonst nichts fürchterlich, Als dich betrübt zu sehen, dich! Viel sanfter thut’s zu sterben.

Drum fleh’ ich, heitre dein Gesicht, Ich scheue Höll’ und Himmel nicht; Bleibt mir dein Auge offen. Wenn du vergnügt und glücklich bist, Und stünd’ ich auf dem Richtgerüst, So ist mein Ziel getroffen.

Und wär’ ich in der Sklaverey, Und hätte nur den Trost dabey, Für dich, für dich zu leiden, Und wär’ ich jenseit überm Meer, Und wüßt’, daß Minna glücklich wär’, Doch wär’ ich zu beneiden!

Nur sie, nur sie muß glücklich seyn, Nur sie, nur sie verdient’s allein, Und gieng die Welt zu Grunde! Ich selber mit! O wie so schön Würd’ ich alsdann zu Grunde gehn! Schlag bald, du schöne Stunde.

In einem Gärtchen am Contade[21],

nachdem der Verfasser im Flusse gebadet hatte.

Erlaube mir, du freundlichster der Wirte, Du Bild der Gottheit! daß ich diese Myrte Verflecht’ in dein verzoddelt Haar. In deinem Gärtchen, das du selbst erzogen, Sing’ ich, für dich, was Hunderte gelogen, _Beatus ille_ -- und was Keiner war.

Für meine fünf zehn Sols, nehm’ ich die Stelle Von dir auf eine Stunde ein. Denn sieh’, ich komm’ aus Aganippens Quelle, Und bin von jeder Sorge rein, Von jeder Leidenschaft -- in diesem Augenblicke Schickt mich die Gottheit her, dir zuzusehn, Ganz Herz, ganz Ader für dein Glücke, Und find’ es unaussprechlich schön.

Das muß gesungen seyn. Da alles singet In unsern Tagen, schwieg’ ich lang. Die Freude, dacht’ ich, welche klinget, Verliert sich schneller als ihr Klang. Doch deine stille Lust die niemand neidet, Die niemand fühlt, als du allein, und ich, Wird die mit einem Lied’ umkleidet, Erhöhet und verbessert sich.

Was hält mich ab dir dieses Lied zu zeigen? Ach du verstehst es nicht. Doch zeig’ ich’s hier Den Bäumen, die wie du ihr Glück verschweigen. Heut’ Abend sitz hieher, dann rauschen sie es dir.

Die Geschichte auf der Aar.

Aus einem Briefe an Herrn Pf. Mäder in Mühlhausen, von Herrn Pf. Luce in Münster, vom 14. August 1806; im alsatischen Taschenbuch 1807.