Part 3
Der Wahnsinn des Unglücklichen brach in Schlosser’s Hause mit solcher Heftigkeit aus, daß man ihn in Ketten legen mußte.[12] Schlosser übergab ihn einem Schuster in der Nachbarschaft zur Pflege. Er wurde ruhiger und erlernte von ihm das Schusterhandwerk. Er schloß sich in schwärmerischer Liebe an einen jungen Gesellen, Namens Konrad, an, der sich aber nach drei Monaten auf die Wanderschaft begeben mußte. Diese Trennung schmerzte Lenz auf’s Tiefste. Die rührenden Briefe, welche er deswegen an =Sarasin= in Basel richtete, theilt Tieck mit. Ich lasse sie hier folgen; sie sind gewiß manchem Leser noch unbekannt und werden durch ihren wehmüthigen Ton und kindlichen Sinn sein inniges Mitgefühl erregen. Merkwürdig contrastiren sie mit denjenigen an Salzmann: Hier erscheint er leidend, zutrauensvoll, bittend; dort, seiner Kraft bewußt, stürmisch und leidenschaftlich.
1.
„Lieber Herr S. Es freut mich, daß ich Ihnen wieder schreiben kann. Ich habe eine große Bitte an Sie, die Sie mir nicht abschlagen werden: daß Sie so gütig sind, und meinem besten Freunde und Kameraden, dem Herrn Konrad Süß, doch einen Meister verschaffen, wenn er außer der Zeit nach Basel kommt, weil jetzt die Handwerksburschen stark gehen, und ich den Herrn Hofrath[13] bitten will, daß er seinem Vater zureden soll, ihn noch länger als Johannis bei sich zu behalten, damit ich die Schusterei bei ihm fortlernen kann, die ich angefangen habe, und er ohnedem bei seinem Herrn Vater und mir viel versäumt. Es wird das nicht schwer fallen, da er gewiß ein guter und fleißiger Arbeiter und sonst wohlerzogenes Kind ist, und Sie werden mich dadurch aus vieler Noth retten, die ich Ihnen nicht sagen kann. Ausgehen ist mir noch nicht gesund, und was würd’ ich anfangen, wenn er auch fortgienge, da ich gewiß wieder in meine vorige Krankheit verfallen müßte. Hier bin ich dem Herrn Hofrath gegenüber, und ist mir so wohl, bis es besser mit mir wird. Wenn es nur einige Wochen nach Johannis sein könnte! Melden Sie mir doch, ob sich dort keine Meister finden, die auf die Zeit einen Gesellen brauchen. Wenn Sie nur wollten probiren, sich von ihm Schuhe machen zu lassen, ich bin versichert, daß er sie gut machen wird; besonders wenn er einige Zeit in Basel gewesen, und weiß, wie Sie sie gerne tragen. Fleißig ist er gewiß, davon bin ich Zeuge, und er arbeitet recht nett, besonders wenn er sie angreift. Viel tausend Grüße an Ihre Frau Gemahlin und an den Herrn Hofmeister und an die Kleinen. Ich bin bis an’s Ende Ihr gehorsamer Freund und Diener
=Lenz=.“
„Er soll jetzt das erstemal auf die Wanderschaft, und ich bin jetzt bei seinen Eltern ein Vierteljahr lang wie das Kind im Hause gewesen. Er ist mein Schlafkamerad und wir sitzen den ganzen Tag zusammen. Thun Sie es doch, bester Herr Sarassin, lieber Herr Sarassin, es wird Sie nicht gereuen. =Emmedingen=, einige Tage vor Johanni 1778. Ich könnte mich gewiß nicht wieder so an einen Andern gewöhnen, denn er ist mir wie ein Bruder.“
2.
„Lieber Herr S. Ich habe ein großes Anliegen; ich weiß, daß Sie meine Bitte erhören werden. Es betrifft meinen Bruder Konrad, der für mich auf der Wanderschaft ist: daß Sie ihm dazu verhelfen, daß er für Sie in der Fremde arbeiten kann. Er war schon fort, als ich Ihr werthes Schreiben erhielt, und seine Abreise war so plötzlich und unvermuthet, daß ich ihm kein Briefchen an Sie mitgeben konnte. Seitdem hab’ ich immer auf Nachricht von ihm gewartet, bis er endlich schrieb, daß er in Basel keine Arbeit bekommen, sondern in Arlesheim, einem katholischen Orte, anderthalb Stunden von Basel. Nun hab’ ich kein Anliegen auf der Welt, das mich mehr bekümmert, als wenn ich nur so glücklich sein könnte zu hören, daß er bei Ihrem Schuhmacher wäre, und Ihnen arbeiten thäte. Das würde mich in kurzer Zeit gesund machen. Erzeigen Sie mir diese Freundschaft und Güte. Die Freude und der Trost, den ich daran haben werde, wird unaussprechlich seyn: denn das Wasser[14] allein hilft mir nicht, wenn meine Freunde nicht mit wollen dazu beitragen. Ich kann Ihnen das nicht so beschreiben, warum ich so ernstlich darum bitte: er ist auf Mannsschuhe besprochen, und ich hoffe, wenn er nur erst Ihre Gedanken weiß, wie Sie’s gerne tragen, Sie werden gewiß mit seiner Arbeit zufrieden sein, wenn auch das erste Paar nicht gleich gerathen sollte. Herr Süß hat mir versprochen, so bald Sie ihn unterbringen, soll er seinem Meister in Arlesheim aufkündigen; und ich bin versichert, er wird es aus Liebe für mich thun, und aus Liebe für sich selbst, welches einerlei ist: denn ich werde keine ruhige Stunde haben, wenn er an dem katholischen Orte bleibt, und wenn er jetzt schon weiter wandern sollte in der großen Hitze, das würde mir auch keine Ruhe lassen.
Es freut mich recht sehr, daß Sie wieder einen Hofmeister haben und Ihre Frau Gemahlin sich gesegneten Leibes befindet. Gott wolle ihr eine glückliche Entbindung schenken, daß Ihre Freude vollendet werde, und Sie auf dieser Welt nichts mehr zu wünschen haben mögen. Dann werde ich auch gesund werden, und wenn der Konrad für Sie arbeitet.
Weiter weiß ich nichts zu schreiben, als, ich gehe alle Morgen mit meinem lieben Herrn Süß spazieren, und bekomme auch alle Tage den Herrn Hofrath zu sehen. Nun fehlt mir nichts, als daß es Alles so bleibt, und Gott meine Wünsche erhört, und Sie meine Bitte erfüllen, daß der arme Konrad wieder zu seinen Glaubensgenossen kommt. Und ich verharre unaufhörlich und zu allen Zeiten
Ihr
bereitwilliger Diener und gehorsamer Freund,
J. M. R. =Lenz=.“
„Ich trage Ihren Brief immer bei mir, und überlese ihn oft: er hat mir eine große Freude gemacht, und daß Sie sich auch meines Konrad’s so annehmen.“
3.
„Ich kann in der Eile Ihnen, theurer Herr und Gönner, nichts schreiben als hundertfältigen Dank, für die Freundschaft und Güte, die Sie für mich und meinen lieben Konrad haben, an den ich mir die Freiheit nehme, einige Zeilen mit beizulegen, und Ihnen zu melden, daß ich jetzt nach Wiswyll hinaus reisen soll, wo ich brav werde Bewegung machen können, mit der Jagd und Feldarbeit. Ich bin so voller Freude über so viele glückliche Sachen, die alle nach meines Herzens Wunsch ausgeschlagen sind, daß ich für Freude nichts Rechtes zu sagen weiß, als Sie zu bitten, daß Sie doch so gütig sind und Ihr Versprechen erfüllen, dem ehrlichen Konrad für Sie Arbeit zu geben, weil es mir nicht genug ist, wenn er bei Ihrem Meister Schuhmacher ist, und nicht auch für Sie arbeitet. Verzeihen Sie meine Dreistigkeit, ich bitte doch um Nachricht von Ihnen und Ihrer Familie, auch nach Wiswyll. Zwar ist der Herr Hofrath jetzt nach Frankfurt verreist; der Konrad wird mir aber Ihr Briefchen schon durch seinen Vater zuschicken: ich werde wohl einige Zeit ausbleiben. Hunderttausend Grüße Ihrer Frau Gemahlin und sämmtlichen Angehörigen.
Ihr gehorsamer Freund und Diener
=Lenz=.“
4.
„Eben jetzt, theurer Gönner, erhalte ich noch den Brief von Konrad zu dem Ihrigen und muß hunderttausend Dank wiederholen, daß Sie so gütig sind, und für uns beide so viel Sorge tragen, und sich auch nach mir erkundigen wollen. Auch Herr Süß und seine Frau haben mir aufgetragen, Ihnen doch recht viele Danksagungen zu machen, für die Güte, die Sie für ihren Sohn gehabt, und daß der Herr Hofrath nach Frankfurt verreist sey, sonst würden sie es auch durch ihn haben thun lassen. Gott wolle Ihnen alles das auf andere Art wieder vergelten, was Sie mir für Freude gemacht haben. Ich habe jetzt auf lange Zeit genug an des Konrad’s Brief, den ich im Walde recht werde studiren können. Sagen Sie nur dem Konrad, er soll Wort halten und seine Eltern vor Augen haben, am meisten aber Sie, seinen Wohlthäter, und dann auch den Herrn Hofrath Sch., und dann auch mich, und meinen Zustand der Zeit her, daß es ihm nicht auch so ergehe, wenn er nicht folgt. Sey’n Sie hunderttausend Mal gegrüßt alle zusammen, nochmals von Ihrem gehorsamsten
=Lenz=.“
Lenz brachte, ehe er nach Emmendingen kam, einige Monate im obern Elsaße zu, bei dem ehrwürdigen Patriarchen des Thals, Pfarrer =Luce=, der durch seine lieblichen Beiträge im =alsatischen Taschenbuche= bekannt ist. In Kolmar erfreute er sich =Pfeffel=’s Umgang, und besuchte ihn öfters. Pfeffel schrieb, nachdem er durch Oberlin von jenen unglücklichen Verirrungen Nachricht erhalten hatte, an diesen: (25. Hornung 1778) „=Lenz= schrieb uns erst heute von Emmendingen aus, er habe eine weite Reise vor und wolle uns zuvor noch besuchen. Unser Mitleid für den armen Menschen übersteigt allen Ausdruck.“ In Freiburg verkehrte er mit =Jakobi=, dem er Beiträge für seine Iris lieferte.[15]
Der Wahnsinn des Unglücklichen hatte nach und nach eine mildere Gestalt angenommen und sich in stille Schwermuth verwandelt. Da aber an völlige Genesung nicht zu denken war, und er auch für jede ernste Beschäftigung und einen Beruf untauglich blieb, schrieben seine Freunde an seine Familie, sie möchte ihn zu sich nehmen. Sein älterer Bruder =Karl Heinrich Gottlieb= holte ihn daher im Sommer 1779 ab und brachte ihn in seine Heimath. Ein Brief desselben an Salzmann lautet also:
=Erfurt=, den 3. Julius 1779.
„Ich hoffe in der gemachten und mir sehr schmeichelhaften Bekanntschaft mit Ihnen, schon dahin gekommen zu seyn, daß Sie, wegen der bisherigen Nichterfüllung meines Versprechens keine große Entschuldigung erwarten, oder gar mich einer vorsätzlichen Nachlässigkeit hierin fähig halten werden. Kurz gesagt, so war es die große Eilfertigkeit meiner Rückreise und die beständige Gegenwart meines Bruders, die mich bisher dieser Beruhigung beraubt haben, Ihnen die Versicherungen meiner Hochachtung und Ergebenheit wiederholen zu können.
Ich habe meinen Bruder aus Hertingen (an den Gränzen der Schweiz und nur drei Stunden von Basel) abholen müssen. Von jener Scene, da ich ihn nach eilf Jahren wieder gesehen, da er stumm seine Freude blicken ließ -- lassen Sie mich nichts sagen, weil sie nur gefühlt werden kann. Ich fand ihn, bis auf eine unglaubliche Schüchternheit, völlig wieder hergestellt, und auch diese verliert sich von Zeit zu Zeit. Straßburg mußte ich mit ihm vermeiden, so leid es mir auch that. Die Reise scheint ihm sehr zuträglich zu seyn, und ich hoffe, daß vaterländische Luft und geschwisterliche Pflege das Letzte zu seiner völligen Genesung beitragen werden. Er läßt sich Ihnen bestens empfehlen und hofft nächstens selbst zu schreiben. -- Unsere Reise geht gegenwärtig, so schleunig als möglich, nach Lübeck zu, um von dort aus noch zeitig in die See gehen zu können.
Ueberaus angenehm würde es mir seyn, wenn ich mich einer gütigen Antwort, unter beiliegender Adresse nach Jena, schmeicheln dürfte: der benannte Freund wird mir selbige allemal zuzustellen wissen.
Den Herren Simon und Schweighäuser[16] bitte ich ergebenst gelegentlich die besten Komplimente zu machen. Die Zeit ist mir dießmal zu kurz, ihnen für die bewiesene gütige Freundschaft schriftlich Dank sagen zu können.
Leben Sie wohl! und trauen den Versicherungen meiner aufrichtigen Hochachtung und Ergebenheit.
=Carl Heinrich Gottlob Lenz=.“
=Lenz= starb in Moskau, nicht, wie Tieck vermuthet[17], bald nach 1780, sondern erst den 24. Mai 1792. „Er starb,“ heißt es in der allgemeinen Literaturzeitung (1792, Intelligenzblatt Nr. 99) „von Wenigen betrauert, und von Keinem vermißt. Dieser unglückliche Gelehrte, den in der Mitte der schönsten Geisteslaufbahn eine Gemüthskrankheit aufhielt, die seine Kraft lähmte und den Flug seines Genie’s hemmte, der demselben wenigstens eine unordentliche Richtung gab, verlebte den besten Theil seines Lebens in nutzloser Geschäftigkeit ohne eigentliche Bestimmung. Von Allen verkannt, gegen Mangel und Dürftigkeit kämpfend, entfernt von allem, was ihm theuer war, verlor er doch nie das Gefühl seines Werthes; sein Stolz wurde durch unzählige Demüthigungen noch mehr gereizt, und artete endlich in jenen Trotz aus, der gewöhnlich der Gefährte der edeln Armuth ist. Er lebte von Almosen, aber er nahm nicht von Jedem Wohlthaten an, und wurde beleidigt, wenn man ihm ungefordert Geld oder Unterstützung anbot, da doch seine Gestalt und sein ganzes Aeußere die dringendste Aufforderung zu Wohlthätigkeit waren. Er wurde auf Kosten eines großmüthigen russischen Edelmannes, in dessen Hause er auch lange Zeit lebte, begraben.“
II.
Briefe von Lenz an den Aktuar Salzmann, aus den Jahren 1772 und 1776.
Aus Salzmann’s literarischem Nachlasse. (Straßb. Stadtbibliothek.)
1.
=Fort-Louis=, den 3. Juni 1772.
Mein theuerster Freund!
So nenn’ ich Sie, die Sprache des Herzens will ich mit Ihnen reden, nicht des Ceremoniels. Kurz aber wird mein Brief werden, denn sie ist lakonisch, lakonischer als Sallustius, lakonischer als der schnellste Gedanke eines Geistes ohne Körper. Darum hasse ich die Briefe. Die Empfindungen einer so geläuterten Freundschaft als Sie mich kennen gelehrt, gleichen dem geistigen Spiritus, der wenn er an die Luft kömmt, verraucht. Ich liebe Sie -- mehr verbietet mir mein Herz zu sagen, der plauderhafte Witz ist nie sein Dollmetscher gewesen. Ich bin wieder in Fort-Louis, nach einigen kleinen Diversionen, die meine kleine Existenz hier, auf dem Lande herum, gemacht hat. Ob ich mein Herz auch spatzieren geführt -- -- --
Ich habe die guten Mädchen von Ihnen gegrüßt: sie lassen Ihnen Ihre ganze Hochachtung und Ergebenheit versichern. Es war ein Mädchen, das sich vorzüglich freute, daß ich so glücklich wäre, Ihre Freundschaft zu haben. Mündlich mehr. Ich komme in der Frohnleichnamswoche zuverläßig nach Straßburg. -- Schon wieder eine Visite -- und schon wieder eine -- Ich bin mit einigen Offiziers bekannt und diese Bekanntschaft wird mir schon, in ihrer Entstehung lästig. Ich liebe die Einsamkeit jetzt mehr, als jemals -- und wenn ich =Sie= nicht in Straßburg zu finden hoffte, so würde ich mein Schicksal hassen, das mich schon wieder zwingt, in eine lärmende Stadt zurückzukehren.
Was werden Sie von mir denken, mein theuerster Freund? Was für Muthmaßungen -- Aber bedenken Sie, daß dieses die Jahre der Leidenschaften und Thorheiten sind. Ich schiffe unter tausend Klippen -- auf dem Negropont, wo man mir mit Horaz zurufen sollte
_Interfusa nitentes Vites aequora Cycladas._
Wenn ich auf einer dieser Inseln scheitre -- wäre es ein so großes Wunder? Und sollte mein Salzmann so strenge seyn, mich auf denselben, als einen zweiten Robinson Crusoe, ohne Hilfe zu lassen? Ich will es Ihnen gestehen (denn was sollte ich Ihnen nicht gestehen?), ich fürchte mich vor Ihrem Anblick. Sie werden mir bis auf den Grund meines Herzens sehen -- und ich werde wie ein armer Sünder vor Ihnen stehen und seufzen, anstatt mich zu rechtfertigen. Was ist der Mensch? Ich erinnere mich noch wohl, daß ich zu gewissen Zeiten stolz einen gewissen G. tadelte und mich mit meiner sittsamen Weisheit innerlich brüstete, wie ein welscher Hahn, als Sie mir etwas von seinen Thorheiten erzählten. Der Himmel und mein Gewissen strafen mich jetzt dafür. Nun hab’ ich Ihnen schon zu viel gesagt, als daß ich Ihnen nicht noch mehr sagen sollte. Doch nein, ich will es bis auf unsere Zusammenkunft versparen. Ich befürchte, die Buchstaben möchten erröthen und das Papier anfangen zu reden. Verbergen Sie doch ja diesen Brief vor der ganzen Welt, vor sich selber und vor mir. Ich wünschte, daß ich Ihnen von Allem Nachricht geben könnte, ohne daß ich nöthig hätte zu reden. Ich bin boshaft auf mich selber, ich bin melancholisch über mein Schicksal -- ich wünschte von ganzem Herzen zu sterben.
Den Sonntag waren wir in Ses.[18]; den Montag frühe gieng ich wieder hin und machte in Gesellschaft des guten Landpriesters und seiner Tochter eine Reise nach Lichtenau. Wir kamen den Abend um 10 Uhr nach S. zurück: diesen und den folgenden Tag blieb ich dort. Nun haben Sie genug. Es ist mir, als ob ich auf einer bezauberten Insel gewesen wäre, ich war dort ein andrer Mensch, als ich hier bin, alles was ich geredt und gethan, hab’ ich im Traume gethan.
Heute reiset Mad. Brion, mit ihren beiden Töchtern, nach Saarbrücken, zu ihrem Bruder, auf 14 Tage und wird vielleicht =ein Mädchen da lassen=, das ich wünschte nie gesehen zu haben. Sie hat mir aber bei allen Mächten der L-- geschworen, nicht da zu bleiben. Ich bin unglücklich, bester, bester Freund! und doch bin ich auch der glücklichste unter allen Menschen. An demselben Tage vielleicht, da sie von Saarbrücken zurückkömmt, muß ich mit Herrn von Kleist nach Straßburg reisen. Also einen Monat getrennt, vielleicht mehr, vielleicht auf immer -- Und doch haben wir uns geschworen, uns nie zu trennen. Verbrennen Sie diesen Brief -- es reut mich, daß ich dieß einem treulosen Papier anvertrauen muß. Entziehen Sie mir Ihre Freundschaft nicht: es wäre grausam mir sie jetzt zu entziehen, da ich mir selbst am wenigsten genug bin, da ich mich selbst nicht leiden kann, da ich mich umbringen möchte, wenn das nichts Böses wäre. Ich bin nicht Schuld an allen diesen Begebenheiten: ich bin kein Verführer, aber auch kein Verführter, ich habe mich leidend verhalten, der Himmel ist Schuld daran, der mag sie auch zum Ende bringen. Ich werfe mich in Ihre Arme als
Ihr melancholischer =Lenz=.
Am Rande dieses Briefes steht noch:
Haben Sie die Gütigkeit, der ganzen Tischgesellschaft meine Ergebenheit zu versichern.
Ums Himmels, um meines Mädchens und um meinetwillen, lassen Sie doch Alles dieß ein Geheimniß bleiben. Von mir erfährt es Niemand als mein zweites Ich.
2.
=Fort-Louis=, den 10. Junius.
Guter Sokrates!
Schmerzhaft genug war der erste Verband, den Sie auf meine Wunde legten. Mich auszulachen -- ich muß mitlachen, und doch fängt meine Wunde dabei nur heftiger an zu bluten. Nur fürchte ich -- soll ich Ihnen auch diese Furcht gestehn? Ja da sie mein Herz einmal offen gesehen haben, so soll kein Winkel Ihnen verborgen bleiben. Ich fürchte, es ist zu spät an eine Heilung zu denken. Es ist mir wie Pygmalion gegangen. Ich hatte mir zu einer gewissen Absicht in meiner Phantasie ein Mädchen geschaffen -- ich sah mich um und die gütige Natur hatte mir mein Ideal lebendig an die Seite gestellt. Es gieng uns Beiden wie Cäsarn: _Veni, vidi, vici_. Durch unmerkliche Grade wuchs unsere Vertraulichkeit -- und jetzt ist sie beschworen und unauflöslich. Aber sie ist fort, wir sind getrennt: und eben da ich diesen Verlust am heftigsten fühle, kommen Briefe aus Straßburg und -- Vergeben Sie mir meinen tollen Brief! Mein Verstand hat sich noch nicht wieder eingefunden. Wollte der Himmel, ich hätte nicht nöthig, ihn mit Vetter Orlando im Monde suchen zu lassen. Ich bin, um mich zu zerstreuen, die Feiertage über, bei einem reichen und sehr gutmüthigen Amtsschulz in Lichtenau zu Gast gewesen. Ich habe mich an meinem Kummer durch eine ausschweifende Lustigkeit gerächt: aber er kehrt jetzt nur desto heftiger zurück, wie die Dunkelheit der Nacht hinter einem Blitz. -- Ich werde nach Straßburg kommen und mich in Ihre Kur begeben. Eins muß ich mir von Ihnen ausbitten: schonen Sie mich nicht, aber -- lassen Sie meine Freundin unangetastet. Den Tag nach meinem letzten Briefe an Sie, gieng ich zu ihr: Wir haben den Abend allein in der Laube zugebracht; die bescheidene, englischgütige Schwester unterbrach uns nur selten und das allezeit mit einer so liebenswürdigen Schalkheit. -- Unser Gespräch waren Sie -- ja Sie, und die freundschaftlichen Mädchen haben fast geweint für Verlangen, Sie kennen zu lernen. Und Sie wollten, mit gewaffneter Hand, auf sie losgehen, wie Herkules auf seine Ungeheuer? -- Nein, Sie müssen sie kennen lernen und ihre Blicke allein werden Sie entwaffnen. Ich habe meiner Friedericke gesagt, ich könnte für Sie nichts geheim halten. Sie zitterte, Sie würden zu wenig Freundschaft für eine Unbekannte haben. Machen Sie diese Furcht nicht wahr, mein guter Sokrates! Uebrigens thun Sie was Ihnen die Weisheit räth. Ich will mich geduldig unterwerfen. Es ist gut, daß Sie meinen freundschaftlichen Ott nicht mit meiner Thorheit umständlich bekannt machten. Ich verbärge mich gern vor mir selbst, nur nicht vor Ihnen. Leben Sie wohl!
Gestern ist der Herr Landpriester bei mir zu Gast gewesen. Es ist ein Fielding’scher Charakter. Jeder Andere würde in seiner Gesellschaft Langeweile gefunden haben; ich habe aber mich recht sehr darin amusirt; denn ein Auge, womit ich ihn ansah, war poetisch, das andere verliebt. -- Er läßt sein Leben für mich und ich für seine Tochter.
3.
=Fort-Louis=, den 28. Juni.
Gütigster Herr Aktuarius!
Ich habe einen empfindlichen Verlust gehabt, Herr Kleist hat mir Ihren und meines guten Ott’s Briefe recht sorgsam aufheben wollen und hat sie so verwahrt, daß er sie selbst nicht mehr wieder finden kann. Ich bin noch zu sehr von der Reise ermüdet, als daß ich Ihnen jetzt viel Vernünftiges schreiben könnte. Denn ich habe noch fast keine Minute gehabt, in der ich zu mir selbst hätte sagen können: nun ruhe ich. Eigene und fremde, vernünftige und leidenschaftliche, philosophische und poetische Sorgen und Geschäfte zertheilen mich. Mein Schlaf selber ist so kurz und unruhig, daß ich fast sagen möchte, ich wache des Nachts mit schlafenden Augen, so wie ich des Tages mit wachendem Auge schlafe. In Sesenheim bin ich gewesen. Ist es Trägheit oder Gewissensangst, die mir die Hand zu Blei macht, wenn ich Ihnen die kleinen Scenen abschildern will, in denen ich und eine andere Person, die einzigen Akteurs sind. Soviel versichere ich Ihnen, daß Ihre weisen Lehren bei mir gefruchtet haben und daß meine Leidenschaft dieses Mal sich so ziemlich vernünftig aufgeführt. Doch ist und bleibt es noch immer Leidenschaft -- nur das nenne ich an ihr vernünftig, wenn sie mich zu Hause geruhig meinen gewöhnlichen centrischen und exzentrischen Geschäften nachhängen läßt, und das thut sie, das thut sie. Die beiden guten Landnymphen lassen Sie mit einem tiefen Knicks grüßen. -- -- Mein Trauerspiel (ich muß den gebräuchlichen Namen nennen) nähert sich mit jedem Tage der Zeitigung. Ich habe von einem Schriftsteller aus Deutschland eine Nachricht erhalten, die ich nicht mit vielem Golde bezahlen wollte. Er schreibt mir, mein Verleger, von dem ich, durch ihn, ein unreifes Manuscript zurück verlangte, habe ihm gesagt, es wäre schon an mich abgeschickt. Noch sehe ich nichts. Lieber aber ist mir dies, als ob mir Einer einen Wechsel von 1000 Thalern zurückschenkte. Lesen Sie dieß andere Blatt[19] in einer leeren Stunde. Unsere letzte Unterredung und die darauf folgende schlaflose Nacht, hat diese Gedanken veranlaßt. Schreiben Sie Ihr Urtheil drüber
Ihrem ergebensten =Lenz=.
4.
Mein theurer Sokrates!