Part 2
Seit Herrn K...’s Besuch logirte Herr L... nicht mehr im Schulhaus, sondern bei uns in dem Zimmer über der Kindsstube. Den Tag hindurch war er auf meiner Stube, wo er sich mit Zeichnen und Malen der Schweizergegenden, mit Durchblättern und Lesen der Bibel, mit Predigtschreiben, und Unterredung mit meiner Frau beschäftigte.
Den 5. Hornung kam ich von meiner Reise zurück; er war, wie ich oben gesagt, anfangt darüber bestürzt, und bedauerte sehr, daß ich nicht in der Schweiz gewesen. Ich erzählte ihm, daß Herr Hofrath Pfeffel die Landgeistlichen so glücklich schätzt, und ihren Stand beneidenswerth hält, weil er so unmittelbar zur Beglückung des Nächsten aufweckt. Es machte Eindruck auf ihn. Ich bediente mich dieses Augenblicks, ihn zu ermahnen, sich dem Wunsche seines Vaters zu unterwerfen, sich mit ihm auszusöhnen u. s. w.
Da ich bei manchen Gelegenheiten wahrgenommen, daß sein Herz von fürchterlicher Unruhe gemartert wurde, sagte ich ihm, er würde sodann wieder zur Ruhe kommen, und schwerlich eher, denn Gott wüßte seinem Worte: „Ehre Vater und Mutter,“ Nachdruck zu geben u. s. w.
Alles, was ich sagte, waren nur meistens Antworten auf abgebrochene, oft schwer zu verstehende Worte, die er in großer Beklemmung seines Herzens ausstieß. Ich merkte, daß er bei Erinnerung gethaner, mir unbekannter, Sünde schauderte, an der Möglichkeit der Vergebung verzweifelte; ich antwortete ihm darauf; er hob seinen niederhängenden Kopf auf, blickte gen Himmel, rang die Hände, und sagte: „Ach! ach! göttlicher Trost -- ach -- göttlich, o -- ich bete -- ich bete an!“ Er sagte mir sodann ohne Verwirrung, daß er nun Gottes Regierung erkenne und preise, die mich so bald, ihn zu trösten, wieder heimgeführt.
Ich gieng im Zimmer hin und her, packte aus, legte in Ordnung, stellte mich zu ihm hin. Er sagte mit freundlicher Miene: „Bester Herr Pfarrer, können Sie mir doch nicht sagen, was das Frauenzimmer macht, dessen Schicksal mir so zentnerschwer auf dem Herzen liegt?“ Ich sagte ihm, ich wisse von der ganzen Sache nichts, ich wolle ihm in allem, was ihn wahrhaft beruhigen könne, aus allen Kräften dienen, er müßte mir aber Ort und Personen nennen. Er antwortete nicht, stand in der erbärmlichsten Stellung, redete gebrochene Worte: „Ach! ist sie todt? Lebt sie noch? -- Der Engel, sie liebte mich -- ich liebte sie, sie war’s würdig -- o, der Engel! -- Verfluchte Eifersucht! ich habe sie aufgeopfert -- sie liebte noch einen Andern -- aber sie liebte mich -- ja herzlich -- aufgeopfert -- die Ehe hatte ich ihr versprochen, hernach verlassen -- o, verfluchte Eifersucht -- -- O, gute Mutter! auch die liebte mich -- ich bin euer Mörder!“
Ich antwortete wie ich konnte, sagte ihm unter Anderm, vielleicht lebten diese Personen alle noch, und vielleicht vergnügt; es mag sein wie es wolle, so könnte und würde Gott, wenn er sich zu ihm bekehrt haben würde, diesen Personen auf sein Gebet und Thränen, so viel Gutes erweisen, daß der Nutzen, den sie sodann von ihm hätten, den Schaden, so er ihnen zugefügt, leicht und vielleicht weit überwiegen würde. -- Er wurde jedoch nach und nach ruhiger und gieng an sein Malen.
Herr C... hatte mir zu Emmendingen einige in Papier gepackte Gerten nebst einem Brief für ihn mitgegeben. Eines Males kam er zu mir; auf der linken Schulter hatte er ein Stück Pelz, so ich, wenn ich mich der Kälte lange aussetzen muß, auf den Leib zu legen gewohnt bin. In der Hand hielt er die noch eingepackten Gerten; er gab sie mir, mit Begehren, ich solle ihn damit herumschlagen. Ich nahm die Gerten aus seiner Hand, drückte ihm einige Küsse auf den Mund und sagte: dieß wären die Streiche, die ich ihm zu geben hätte, er möchte ruhig sein, seine Sachen mit Gott allein ausmachen; alle möglichen Schläge würden keine einzige seiner Sünden tilgen, dafür hätte Jesus gesorgt, zu dem möchte er sich wenden. Er gieng.
Beim Nachtessen war er etwas tiefsinnig. Doch sprachen wir von allerlei. Wir giengen endlich vergnügt von einander und zu Bette. -- Um Mitternacht erwachte ich plötzlich; er rannte durch den Hof, rief mit harter, etwas hohler Stimme einige Sylben, die ich nicht verstand; seitdem ich aber weiß, daß seine Geliebte =Friedericke=[9] hieß, kommt es mir vor, als ob es dieser Name gewesen wäre, -- mit äußerster Schnelle, Verwirrung und Verzweiflung ausgesprochen. Er stürzte sich, wie gewöhnlich, in den Brunnentrog, patschte drin, wieder heraus und hinauf in sein Zimmer, wieder hinunter in den Trog, und so einige Mal -- endlich wurde er still. Meine Mägde, die in dem Kindsstübchen unter ihm schliefen, sagten, sie hätten oft, insonderheit aber in selbiger Nacht, ein Brummen gehört, das sie mit nichts als mit dem Ton einer Habergeise zu vergleichen wüßten. Vielleicht war es sein Winseln mit hohler, fürchterlicher, verzweifelnder Stimme.
Freitag den 6ten, den Tag nach meiner Zurückkunft, hatte ich beschlossen, nach Rothau zu Herrn Pfarrer Schweighäuser zu reiten. Meine Frau gieng mit. Sie war schon fort, und ich im Begriff auch abzureisen. Aber welch ein Augenblick! Man klopft an meiner Thüre, und Herr L... tritt herein mit vorwärts gebogenem Leibe, niederwärts hängendem Haupt, das Gesicht über und über und das Kleid hier und da mit Asche verschmiert, mit der rechten Hand an dem linken Arm haltend. Er bat mich, ihm den Arm zu ziehen, er hätte ihn verrenkt, er hätte sich vom Fenster heruntergestürzt; weil es aber Niemand gesehen, möcht’ ich’s auch Niemand sagen.
Ich that was er wollte, und schrieb eilends an Sebastian Scheidecker, Schullehrer von Bellefosse, er solle herunter kommen, Herrn L... hüten. Ich eilte fort. Sebastian kam und richtete seine Commission unvergleichlich aus, stellte sich, als ob er mit uns hätte reden wollen, sagte ihm, daß, wenn er wüßte, daß er ihm nicht überlästig oder von etwas abhielte, wünschte er sehr, einige Stunden in seiner Gesellschaft zu seyn. Herr L... nahm es mit besonderem Vergnügen an, und schlug einen Spaziergang nach Fouday vor, -- gut. Er besuchte das Grab des Kindes, das er hatte erwecken wollen, kniete zu verschiedenen Malen nieder, küßte die Erde des Grabes, schien betend, doch mit großer Verwirrung, riß etwas von der auf dem Grabe stehenden Krone ab, als ein Andenken, gieng wieder zurück gen Waldersbach,[10] kehrte wieder um, und Sebastian immer mit. Endlich mochte Herr L... die Absicht seines Begleiters errathen; er suchte Mittel ihn zu entfernen. Sebastian schien ihm nachzugeben, fand aber heimlich Mittel, seinen Bruder Martin von der Gefahr zu benachrichtigen, und nun hatte Herr L... zween Aufseher statt einen. Er zog sie wacker herum; endlich gieng er nach Waldersbach zurück, und da sie nahe am Dorf waren, kehrte er wie ein Blitz um, und sprang, ungeachtet seiner Wunde am Fuß, wie ein Hirsch gen Fouday zurück. Sebastian kam zu uns, um das Vorgegangene zu berichten, und sein Bruder setzte dem Kranken nach. Indem er ihn zu Fouday suchte, kamen zwei Krämer und erzählten ihm, man hätte in einem Hause einen Fremden gebunden, der sich für einen Mörder ausgäbe, und der Justiz ausgeliefert sein wollte, der aber gewiß kein Mörder sein könne. Martin lief in das Haus und fand es so; ein junger Mensch hatte ihn, auf sein ungestümes Anhalten, in der Angst gebunden. Martin band ihn los und brachte ihn glücklich nach Waldersbach. Er sah verwirrt aus; da er aber sah, daß ich ihn wie immer freundschaftlich und liebreich empfieng und behandelte, bekam er wieder Muth, sein Gesicht veränderte sich vortheilhaftig, er dankte seinen beiden Begleitern freundlich und zärtlich, und wir brachten den Abend vergnügt zu.
Ich bat ihn inständig nicht mehr zu baden, die Nacht ruhig im Bette zu bleiben, und wann er nicht schlafen könnte, sich mit Gott zu unterhalten u. s. w. Er versprach’s, und wirklich that er’s die folgende Nacht; unsere Mägde hörten ihn fast die ganze Nacht hindurch beten.
Den folgenden Morgen, Samstag den 7ten, kam er mit vergnügter Miene auf mein Zimmer. Ich hoffte, wir würden bald am Ende unserer gegenseitigen Qual seyn; aber leider der Erfolg zeigte was anders.
Nachdem wir Verschiedenes gesprochen hatten, sagte er mir mit ausnehmender Freundlichkeit: „Liebster Herr Pfarrer, das Frauenzimmer, von dem ich ihnen sagte, ist gestorben, ja gestorben -- o, der Engel!“ -- Woher wissen Sie das? -- „Hieroglyphen -- Hieroglyphen!“ -- und dann gen Himmel geschaut und wieder: „Ja -- gestorben -- Hieroglyphen!“ -- Er schrieb einige Briefe, gab mir sie sodann zu, mit Bitte, ich möchte noch selbst einige Zeilen darunter setzen.
Ich hatte mit einer Predigt zu thun und steckte die Briefe indessen in meine Tasche. In dem einen an eine adelige Dame in W. schien er sich mit Abadonna zu vergleichen; er redete von Abschied. -- Der Brief war mir unverständlich, auch hatte ich nur einen Augenblick Zeit ihn zu übersehen, eh ich ihn von mir gab. In dem andern an die Mutter seiner Geliebten, sagt er, er könne ihr dießmal nicht mehr sagen, als daß ihre Friedericke nun ein Engel sey und sie würde Satisfaktion bekommen.
Der Tag gieng vergnügt und gut hin. Gegen Abend wurde ich nach Bellefosse zu einem Patienten geholt. Da ich zurückkam, kam mir Herr L... entgegen. Es war gelind Wetter und Mondschein. Ich bat ihn, nicht weit zu gehen und seines Fußes zu schonen. Er versprach’s.
Ich war nun auf meinem Zimmer und wollte ihm Jemand nachschicken, als ich ihn die Stieg herauf in sein Zimmer gehen hörte. Einen Augenblick nachher platzte etwas im Hof mit so starkem Schall, daß es mir unmöglich von dem Fall eines Menschen herkommen zu können schien. Die Kindsmagd kam todtblaß und am ganzen Leibe zitternd zu meiner Frau: Herr L... hätte sich zum Fenster hinausgestürzt. Meine Frau rief mir mit verwirrter Stimme -- ich sprang heraus, und da war Herr L... schon wieder in seinem Zimmer.
Ich hatte nur einen Augenblick Gelegenheit einer Magd zu sagen: «_Vite, chez l’homme juré, qu’il me donne deux hommes_,» und hierauf zu Herrn Lenz.
Ich führte ihn mit freundlichen Worten auf mein Zimmer; er zitterte vor Frost am ganzen Leibe. Am Oberleib hatte er nichts an als das Hemd, welches zerrissen und sammt der Unterkleidung über und über kothig war. Wir wärmten ihm ein Hemd und Schlafrock und trockneten die seinigen. Wir fanden, daß er in der kurzen Zeit, die er ausgegangen war, wieder mußte versucht haben sich zu ertränken, aber Gott hatte auch da wieder gesorgt. Seine Kleidung war durch und durch naß.
Nun, dachte ich, hast du mich genug betrogen, nun mußt du betrogen, nun ist’s aus, nun mußt du bewacht seyn. Ich wartete mit großer Ungeduld auf die zwei begehrten Mann. Ich schrieb indessen an meiner Predigt fort und hatte Herrn L... am Ofen, einen Schritt weit von mir sitzen. Keinen Augenblick traute ich von ihm, ich mußte harren. Meine Frau, die um mich besorgt war, blieb auch. Ich hätte so gerne wieder nach den begehrten Männern geschickt, konnte aber durchaus nicht mit meiner Frau oder sonst Jemand davon reden; laut, hätte er’s verstanden, heimlich, das wollten wir nicht, weil die geringste Gelegenheit zu Argwohn auf solche Personen allzu heftig Eindruck macht. Um halb neun giengen wir zum Essen; es wurde, wie natürlich, wenig geredet; meine Frau zitterte vor Schrecken und Herr L... vor Frost und Verwirrung.
Nach kaum viertelstündigem Beisammensitzen fragte er mich, ob er nicht hinauf in mein Zimmer dürfte? -- Was wollen sie machen, mein Lieber? -- etwas lesen -- gehen Sie in Gottes Namen; -- er gieng, und ich, mich stellend, als ob ich genug gegessen, folgte ihm.
Wir saßen; ich schrieb, er durchblätterte meine französische Bibel mit furchtbarer Schnelle, und ward endlich stille. Ich gieng einen Augenblick in die Stubkammer, ohne im allergeringsten mich aufzuhalten, nur etwas zu nehmen, das in dem Pult lag. Meine Frau stand inwendig in der Kammer an der Thür und beobachtete Herrn L...; ich faßte den Schritt wieder herauszugehen, da schrie meine Frau mit gräßlicher, hohler, gebrochener Stimme: „Herr Jesus, er will sich erstechen!“ In meinem Leben habe ich keinen solchen Ausdruck eines tödtlichen, verzweifelten Schreckens gesehen, als in dem Augenblick, in den verwilderten, gräßlich verzogenen Gesichtszügen meiner Frau.
Ich war haußen. -- Was wollen Sie doch immer machen, mein Lieber? -- Er legte die Scheere hin. -- Er hatte mit scheußlich starren Blicken umher geschaut, und da er Niemand in der Verwirrung erblickte, die Scheere still an sich gezogen, mit fest zusammengezogener Faust sie gegen das Herz gesetzt, alles dieß so schnell, daß nur Gott den Stoß so lange aufhalten konnte, bis das Geschrei meiner Frau ihn erschreckte und etwas zu sich selber brachte. Nach einigen Augenblicken nahm ich die Scheere, gleichsam als in Gedanken und wie ohne Absicht auf ihn, hinweg; dann, da er mich feierlich versichern wollte, daß er sich nicht damit umzubringen gedacht hätte, wollte ich nicht thun, als wenn ich ihm gar nicht glaubte.
Weil alle vorigen Vorstellungen wider seine Entleibungssucht nichts bei ihm gefruchtet hatten, versuchte ich’s auf eine andere Art. Ich sagte ihm: Sie waren bei uns durchaus ganz fremd, wir kannten sie ganz und gar nicht; ihren Namen haben wir ein einzigmal aussprechen hören, ehe wir Sie gekannt; wir nahmen Sie mit Liebe auf, meine Frau pflegte Ihren kranken Fuß mit so großer Geduld, und Sie erzeigen uns so viel Böses, stürzen uns aus einem Schrecken in den andern. -- Er war gerührt, sprang auf, wollte meine Frau um Verzeihung bitten; sie aber fürchtete sich nun noch so viel vor ihm, sprang zur Thüre hinaus; er wollte nach, sie aber hielt die Thüre zu. -- Nun jammerte er, er hätte meine Frau umgebracht, das Kind umgebracht, so sie trage; Alles, Alles bring’ er um, wo er hin käme. -- Nein, mein Freund, meine Frau lebt noch und Gott kann die schädlichen Folgen des Schreckens wohl hemmen, auch würde ihr Kind nicht davon sterben, noch Schaden leiden. -- Er wurde wieder ruhiger. Es schlug bald zehn Uhr. Indessen hatte meine Frau in die Nachbarschaft um schleunige Hülfe geschickt. Man war in den Betten; doch kam der Schulmeister, that, als ob er mich etwas zu fragen hätte, erzählte mir etwas aus dem Kalender, und Herr L..., der indessen wieder munter wurde, nahm auch Theil am Discurs, wie wenn durchaus nichts vorgefallen wäre.
Endlich winkte man mir, daß die zwei begehrten Männer angekommen -- o wie war ich so froh! Es war Zeit. Eben begehrte Herr L... zu Bette zu gehen. Ich sagte ihm: „Lieber Freund, wir lieben Sie, Sie sind davon überzeugt, und Sie lieben uns, das wissen wir eben so gewiß. Durch Ihre Entleibung würden Sie Ihren Zustand verschlimmern, nicht verbessern; es muß uns also an Ihrer Erhaltung gelegen seyn. Nun aber sind Sie, wenn Sie die Melancholie überfällt, Ihrer nicht Meister; ich habe daher zwei Männer gebeten in Ihrem Zimmer zu schlafen (wachen dachte ich), damit Sie Gesellschaft, und wo es nöthig, Hülfe hätten.“ Er ließ sich’s gefallen.
Man wundere sich nicht, daß ich so sagte, und mit ihm umgieng; er zeigte immer großen Verstand und ein ausnehmend theilnehmendes Herz; wenn die Anfälle der Schwermuth vorüber waren, schien alles so sicher und er selbst war so liebenswürdig, daß man sich fast ein Gewissen daraus machte, ihn zu argwohnen oder zu geniren. Man setze noch das zärtlichste Mitleiden hinzu, das seine unermeßliche Qual, deren Zeuge wir nun so oft gewesen, uns einflößen mußte. Denn fürchterlich und höllisch war es, was er ausstund, und es durchbohrte und zerschnitt mir das Herz, wenn ich an seiner Seite die Folgen der Principien, die so manche heutige Modebücher einflößen, die Folgen seines Ungehorsams gegen seinen Vater, seiner herumschweifenden Lebensart, seiner unzweckmäßigen Beschäftigungen, seines häufigen Umgangs mit Frauenzimmern, durchempfinden mußte. Es war mir schrecklich und ich empfand eigene, nie empfundene Marter, wenn er, auf den Knieen liegend, seine Hand in meiner, seinen Kopf auf meinem Knie gestützt, sein blasses, mit kaltem Schweiß bedecktes Gesicht in meinen Schlafrock verhüllt, am ganzen Leibe bebend und zitternd; wenn er so, nicht beichtete, aber die Ausflüsse seines gemarterten Gewissens und unbefriedigten Sehnsucht nicht zurückhalten konnte. -- Er war mir um so bedauerungswürdiger, je schwerer ihm zu seiner Beruhigung beizukommen war, da unsere gegenseitigen Principien einander gewaltig zuwider, wenigstens von einander verschieden schienen.
Nun wieder zur Sache: Ich sagte, er ließ sich’s gefallen, zwei Männer auf seinem Zimmer zu haben. Ich begleitete ihn hinein. Der eine seiner Wächter durchschaute ihn mit starren, erschrockenen Augen. Um diesen etwas zu beruhigen, sagte ich dem Herrn L... nun vor den zwei Wächtern auf Französisch, was ich ihm schon auf meinem Zimmer gesagt hatte, nämlich, daß ich ihn liebte, so wie er mich; daß ich seine Erhaltung wünschte und wünschen müßte, da er selbst sähe, daß ihm die Anfälle seiner Melancholie fast keine Macht mehr über ihn ließen; ich hätte daher diese zwei Bürger gebeten bei ihm zu schlafen, damit er Gesellschaft und, im Fall der Noth, Hülfe hätte. Ich beschloß dieß mit einigen Küssen, die ich dem unglücklichen Jüngling von ganzem Herzen auf den Mund drückte, und gieng mit zerschlagenen, zitternden Gliedern zur Ruhe.
Da er im Bett war, sagte er unter Anderm zu seinen Wächtern: «_Ecoutez, nous ne voulons point faire de bruit, si vous avez un couteau, donnez-le moi tranquillement et sans rien craindre._» Nachdem er oft deßwegen in sie gesetzt und nichts zu erhalten war, so fieng er an sich den Kopf an die Wand zu stoßen. Während dem Schlaf hörten wir ein öfteres Poltern, das uns bald zu-, bald abzunehmen schien, und wovon wir endlich erwachten. Wir glaubten, es wäre auf der Bühne, konnten aber keine Ursache davon errathen. -- Es schlug drei, und das Poltern währte fort; wir schellten, um ein Licht zu bekommen; unsere Leute waren alle in fürchterlichen Träumen versenkt und hatten Mühe sich zu ermuntern. Endlich erfuhren wir, daß das Poltern von Herrn L... käme und zum Theil von den Wächtern, die, weil sie ihn nicht aus den Händen lassen durften, durch Stampfen auf den Boden Hülfe begehrten. Ich eilte auf sein Zimmer. So bald er mich sah, hörte er auf sich den Wächtern aus den Händen ringen zu wollen. Die Wächter ließen dann auch nach ihn festzuhalten. Ich winkte ihnen ihn frei zu lassen, saß auf sein Bette, redete mit ihm, und auf sein Begehren, für ihn zu beten, betete ich mit ihm. Er bewegte sich ein wenig, und einsmals schmiß er seinen Kopf mit großer Gewalt an die Wand; die Wächter sprangen zu und hielten ihn wieder.
Ich gieng und ließ einen dritten Wächter rufen. Da Herr L... den dritten sah, spottete er ihrer, sie würden alle drei nicht stark genug für ihn seyn.
Ich befahl nun in’s geheime mein Wäglein einzurichten, zu decken, noch zwei Pferde zu suchen zu dem meinigen, beschickte Seb. Scheidecker, Schullehrer von Bellefosse, und Johann David Bohy, Schullehrer von Solb, zween verständige, entschlossene Männer und beide von Herrn L... geliebt. Johann Georg Claude, Kirchenpfleger von Waldersbach, kam auch; es wurde lebendig im Haus, ob es schon noch nicht Tag war. Herr L... merkte was, und so sehr er bald List, bald Gewalt angewendet hatte los zu kommen, den Kopf zu zerschmettern, ein Messer zu bekommen, so ruhig schien er auf einmal.
Nachdem ich alles bestellt hatte, gieng ich zu Herrn L..., sagte ihm, damit er bessere Verpflegung nach seinen Umständen haben könnte, hätte ich einige Männer gebeten, ihn nach Straßburg zu begleiten, und mein Wäglein stünde ihm dabei zu Diensten.
Er lag ruhig, hatte nur einen einzigen Wächter bei sich sitzen. Auf meinen Vortrag jammerte er, bat mich nur noch acht Tage mit ihm Geduld zu haben (man mußte weinen, wenn man ihn sah). -- Doch sprach er, er wolle es überlegen. Eine Viertelstunde darauf ließ er mir sagen: Ja, er wolle verreisen, stund auf, kleidete sich an, war ganz vernünftig, packte zusammen, dankte Jedem in’s Besondere auf das Zärtlichste, auch seinen Wächtern, suchte meine Frau und Mägde auf, die sich vor ihm versteckt und stille hielten, weil kurz vorher noch, so bald er nur eine Weiberstimme hörte oder zu hören glaubte, er in größere Wuth gerieth. Nun fragte er nach Allen, dankte Allen, bat Alle um Vergebung, kurz, nahm von Jedem so rührenden Abschied, daß Aller Augen in Thränen gebadet stunden.
Und so reiste dieser bedauerungswürdige Jüngling von uns ab, mit drei Begleitern und zwei Fuhrleuten. Auf der Reise wandte er nirgends keine Gewalt an, da er sich übermannt sah; aber wohl List, besonders zu Ensisheim, wo sie über Nacht blieben. Aber die beiden Schulmeister erwiederten seine listige Höflichkeit mit der ihrigen, und Alles gieng vortrefflich wohl aus.
So oft wir reden, wird von uns geurtheilt, will geschweigen, wenn wir handeln. Hier schon fällt man verschiedene Urtheile von uns; die Einen sagten: wir hätten ihn gar nicht aufnehmen sollen, -- die Andern: wir hätten ihn nicht so lange behalten, -- und die Dritten: wir hätten ihn noch nicht fortschicken sollen.
So wird es, denke ich, zu Straßburg auch sein. Jeder urtheilt nach seinem besonderen Temperament (und anders kann er nicht) und nach der Vorstellung, die er sich von der ganzen Sache macht; die aber unmöglich getreu und richtig sein kann, wenigstens mußten unendlich viele Kettengleiche darin fehlen, ohne die man kein richtig Urtheil fällen kann, die aber außer uns nur Gott bekannt seyn und werden können; weil es unmöglich wäre sie getreu zu beschreiben, und doch oft in einem Ton, in einem Blick, der nicht beschrieben werden kann, etwas steckt, das mehr bedeutet, als vorhergegangene erzählbare Handlungen.
Alles, was ich auf die nun, auch die zu erwartenden, einander zuwiderlaufenden, sich selbst bestreitenden Urtheile antworten werde, ist: Alles, was wir hierin gethan, haben wir vor Gott gethan, und so, wie wir jedesmal allen Umständen nach glaubten, daß es das Beste wäre.
Ich empfehle den bedauerungswürdigen Patienten der Fürbitte meiner Gemeinen und empfehle ihn in der nämlichen Absicht Jedem, der dieß liest.[11]“
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In Straßburg blieb Lenz einige Wochen und gieng sodann nach Emmendingen, wo er den Tod von Schlosser’s Gattin, Göthe’s Schwester, erfuhr, was seine reizbare Seele von Neuem heftig ergriff. „Lenz ist bei mir,“ schreibt =Schlosser= an =Oberlin= (2. März 1778) „und drückt mich erstaunlich. Ich habe gefunden, daß seine Krankheit eine wahre Hypochondrie ist. Ich habe ihm heut eine Proposition gethan, wodurch ich ihn gewiß curiren würde. Aber er ist wie ein Kind, keines Entschlusses fähig; ungläubig gegen Gott und Menschen. Zweimal hat er mir große Angst eingejagt; sonst ist er zwischen der Zeit ruhig. Ich würde Euch mit mehr Freiheit schreiben, wenn er nicht da wäre, aber er schlägt mich mit Fäusten und verengt mein armes Herz.“ Wie dankbar Lenz Schlosser’s freundschaftliche Bemühungen anerkannte, sagen folgende Verse, die aus jener Zeit herrühren:
Wie freundlich trägst du mich auf deinem grünen Rücken, Uralter Rhein, Wie suchest du mein Aug’ empfindlich zu erquicken Durch Ufer voller Wein, Und hab ich doch die tausend Lustgestalten Tief im Gedächtniß zu behalten. Nun weder Dinte noch Papier, Nur dieses Herz, das sich empfindet hier! Es scheinet fast, du liebest, Allzugroßer, Nicht mehr der Maler Prunk, der Dichter Klang, Es scheint, du willst, wie =Schlosser=, Nur stummen Dank.