Der Dichter in Dollarica

Part 3

Chapter 33,072 wordsPublic domain

Gott sei Dank, endlich ausgestanden! 170 Menschen sollen es gewesen sein. Man darf sich endlich setzen und bekommt ein Sandwich oder so etwas ähnliches und selbstverständlich das entsetzliche Eiswasser oder den unvermeidlichen Icecream angeboten. Man nimmt sich einige der Herrschaften beiseite und fragt sie auf Ehre und Gewissen, ob sie etwa durch diese „reception“ glücklich geworden seien. Die sind mit uns völlig einig darüber, das solche Veranstaltungen der größte Blödsinn von der Welt seien, so ungeeignet wie möglich, den angeblichen Zweck des gegenseitigen Kennenlernens zu erfüllen. Aber trotzdem: wenn das nächste Mal zur Besichtigung eines importierten Dichters oder eines sonstigen seltenen Tieres eingeladen wird, so sind sie doch alle wieder da. Missis Waddlepaddledaddle (oder so was ähnliches) mit ihren sämtlichen Brillanten und mit der Tochter, die inzwischen vielleicht die Mumps überstanden haben wird, Mister und Missis John Dubbleju Uebbäh, der eigentliche Gründer des jetzt so blühenden Gemeinwesens, und die sämtlichen anderen Prominenten der Stadt, die Professoren mit ihren Damen, und auch der achtzigjährige James Cadwalleder B. Mapletree wird sich wieder geduldig in die Reihe stellen und wieder seine Frage nach dem Stand der Ethik in Europa nicht beantwortet kriegen. Es ist nun einmal eine Genugtuung für den richtigen Amerikaner, sagen zu dürfen: „Da und da traf ich den berühmten X. und schüttelte Hände mit ihm.“ Der Präsident der Vereinigten Staaten hat das Vergnügen, alljährlich bei der großen Neujahrsreception Tausenden von Menschen die Hände zu schütteln und jedem einzeln zu versichern, daß er _so_ froh sei, ihn zu treffen. Unser Prinz Heinrich soll sich nach Beendigung seiner Amerikatour in seine Kabine eingeschlossen und 48 Stunden hintereinander geschlafen haben. Ich glaub’s gerne, daß er das nötig hatte, denn der mußte täglich Bankette und Receptions mitmachen, bei denen noch x-mal so viel Hände zu schütteln und Trinksprüche zu beantworten waren, abgesehen davon, daß er im Laufe des Tages auch noch sämtliche Kriegerdenkmäler, Bibliotheken, bedeutende Fabrikbetriebe, Preisbullen und Deckhengste besichtigen mußte. Auch mir, dem bescheidenen Dichter, wurde der berühmte arabische Deckhengst von Columbus mit seinen hochmütig starren Monokelaugen vorgeführt, auch vor mir tänzelte der kokette Racker, die x-fach preisgekrönte Jerseykuh, auch mir zu Ehren wurden Hekatomben von Schweinen in den Stockyards abgestochen; aber für mich gab es doch immerhin Ruhepausen, stille Tage in befreundeten Familien, zeitweises Untertauchen in Hausrock und Pantoffeln. Für unseren unglücklichen Repräsentationsprinzen gab es das alles nicht, er war von früh bis in die späte Nacht tagtäglich im Geschirr. Seine Nervenleistung war so enorm, daß sie schließlich sogar den Amerikanern imponiert hat.

Die erste Frage jedes Eingeborenen der Vereinigten Staaten an den Fremdling, und wäre er auch eben erst in Hoboken gelandet, ist: „Wie gefällt Ihnen Amerika?“ Sie sollten eigentlich fragen: „Wie halten Sie Amerika aus?“ Denn das ist, wenigstens für den offiziell herumgezeigten Mauernweiler, wirklich die Kardinalfrage da drüben. Mein Gott, es ist eben ein ganz junges Volk, und sie sind so ungeheuer stolz auf die riesigen Proportionen ihres Landes, auf die erstaunliche Größe, Neuheit, Kühnheit aller ihrer Unternehmungen, daß jeder Amerikaner den Kitzel in sich verspürt, jeden Fremden, der auf der Straße irgend etwas anstaunt, zu fragen: „Na, was sagen Sie dazu, elender Europäer, bartbewachsenes Blaßgesicht, kolossal, was? Habt Ihr drüben nicht!“

(M6)

In Philadelphia wurde ich von einer reizenden jungen Reporterin interviewt. Selbstverständlich: „_How do you like America_“ usw., und dann kam die verfängliche Frage: „Und was denken Sie von unserer Kultur?“ Da kratzte ich mir den Kopf und sagte: „Mein liebes Fräulein, in diese Mausefalle spaziere ich Ihnen nicht.“ Und nun schlug das süße Ding seine wunderschönen Augen mit einem so traurig enttäuschten, kindlich erschrockenen Blick zu mir empor – ich werde diesen rührenden Blick nie vergessen! Und um Ihrer schönen traurigen Augen willen, reizendes Fräulein von Philadelphia, gedenke ich nunmehr alle meine Eindrücke von meiner Amerikafahrt unter dem Gesichtspunkt zu revidieren, daß bei diesem großen Volke eben alles noch Jugend, holde, wilde, ungezogene, starke, unanständig gesunde Jugend ist.

DIE YANKEERASSE.

(M7)

Es ist ein weitverbreiteter europäischer Irrtum, daß sich in den Vereinigten Staaten Nordamerikas allmählich durch energisches Umrühren eines überaus buntscheckigen Völkergemisches die Bildung einer neuen Rasse vollziehe. Ich gestehe, daß ich mich, bevor ich selber drüben war, gleichfalls in diesem Irrtum befunden habe und mir von jenem zukünftigen form- und farblosen Völkerbrei nichts Gutes versprach. Wer aber mit offenen Augen und ohne vorgefaßte Meinung sich die Menschen in den Vereinigten Staaten anschaut und von verkeilten Theoretikern sich nichts weis machen läßt, der muß zu der Erkenntnis kommen, daß es drüben (mit Ausnahme der südlichsten Staaten) nur Yankees(1) und Fremdvölker gibt. _Der Yankee aber ist ein reiner Großbritannier oder, wenn man will, eine Mischrasse aus Angelsachsen und Kelten, in welcher das keltische Blut stärker vertreten ist als im alten England._ Durch die neuen, eigenartigen Lebensbedingungen, vor die seit drei Jahrhunderten die Auswanderer aus den britischen Inseln in dem neuen Weltteil gestellt wurden – drei Jahrhunderte voll harter Kämpfe, wilder Arbeit und glänzender Erfolge – haben sich die guten wie die schlechten Eigenschaften des angelsächsischen und des keltischen Blutes aufs heftigste herauskristallisieren und der neuen, gut durchgemischten Rasse dadurch auch einen neu erscheinenden Charakter aufzwingen müssen. Angelsächsisch im Wesen des Yankees ist sein Kolonisationstalent, seine Zähigkeit im Verfolgen des Zwecks, seine nüchterne Beschränkung auf das Nächstliegende, Nützliche, Erfolgversprechende; dagegen ist auf den keltischen Einschlag zurückzuführen sein leichtherziger Optimismus, sein wagemutiges Spielertemperament, seine Begeisterungsfähigkeit und seine leichte Zugänglichkeit für alle Arten von Korruption. Der als Spieler, Säufer und Raufbold einigermaßen berüchtigte Irländer spielt in der Weltgeschichte gewiß keine besonders sympathische Rolle, aber der englische Puritaner aus Cromwells Zeiten war denn doch noch ein weit üblerer Geselle. Mit den argen Schwächen des Iren konnte seine katholisch gefärbte Phantastik, sein kindlich liebenswürdiger Frohsinn immerhin versöhnen, während die sittenstrenge Lebensführung und die ehrenhafte Geschäftstüchtigkeit des Puritaners doch noch lange nicht hinreichen, um uns mit seiner niedrigen, boshaften Feindschaft gegen die Natur, gegen alles Freie, Frohe, Schöne und mit seinem muffigen Tugendhochmut auszusöhnen. „Der Herr ist mit uns“, war das Feldgeschrei der Pilgerväter – aber dieser Herr war eben ein grimmiger Spezialgott für die Rechtgläubigen, d. h. also für die blinden Anbeter des Bibelbuchstabens. Und dieser grimmige Spezialgott begeisterte sein auserwähltes Volk dazu, die Rothäute mit Feuerwasser und Feuerwaffen auszurotten und die Ketzer mit Skorpionen zu züchtigen. Wenn drüben nicht anfangs die Menschen so rar und die Hände so notwendig gewesen wären, hätten diese europäischen Berserker gerade so eifervoll wie die Dominikaner der Inquisition mit Folter und Scheiterhaufen gegen Papisten und protestantische Sektierer gewütet, so aber begnügten sie sich damit, alle denkenden Köpfe, alle freien Geister, alle vornehmen Menschen geschäftlich lahm zu legen und aus ihren Wohnorten hinauszuekeln. Ein amerikanischer Geschichtsschreiber sagt, daß bei den Puritanern außer Heiraten und Geldverdienen eigentlich alles verboten war. Bei schwerer Strafe im Nichtbeachtungsfalle war jedem Bürger vorgeschrieben, wie er sich zu kleiden und zu benehmen, was er zu essen und zu trinken, was er zu denken und wie er zu fühlen habe. Selbstverständlich wären diese Menschen niemals die Begründer des größten demokratischen Freistaates der Welt geworden, wenn nicht ihre geschäftlichen Interessen sie gezwungen hätten, allmählich einen nach dem anderen von ihren starren Grundsätzen fallen zu lassen. Die Kolonie Rhode-Island, von einem abtrünnigen, grimmig verfolgten Prediger, dem edlen Roger Williams, gegründet, war die erste, welche religiöse Toleranz und wahrhaft freiheitliche Grundsätze einführte, und gerade sie gedieh so sichtbarlich besser als die Puritanerkolonien, daß die frommen Väter am geschäftlichen Vorteil ihrer Strenge zu zweifeln begannen. Das war das Ausschlaggebende. Von jeher hat der angelsächsischen Rasse der praktische Nutzen über allen Idealen gestanden, und ihr klarer, nüchterner Wirklichkeitssinn hat sie noch immer davor bewahrt, sich trotz ihres Hanges zum Spleen in unfruchtbare Träumereien und eigensinnige Prinzipienreiterei zu verlieren. Das englische Denken ist durchaus _matter of fact_, und diese Eigenschaft hat die Engländer befähigt, die mustergültigsten Kolonisatoren der Neuzeit, Handelsherren großen Stiles und kaltblütige Geschäfts-Politiker zu werden. Für das Klima des nördlichen amerikanischen Kontinents waren darum auch die Angelsachsen die denkbar geeignetsten Besiedler. Die rote Urbevölkerung war trotz ihrer Kriegstüchtigkeit, trotz ihrer Klugheit und Noblesse ihnen gegenüber verloren, denn die Indianer waren fromm naturgläubig und darum hilflos abhängig von der Natur, die für die naturfeindlichen Puritaner nur ein Objekt zur Ausbeutung durch den Menschen bedeutete. Die starke Beimischung keltischen Blutes hat nun, wie gesagt, viel dazu beigetragen, die unsympathischen Charaktereigenschaften der angelsächsischen Rasse zu verwischen. Das feurige Temperament der Kelten besiegte die englische Steifheit und langweilige Ehrpußlichkeit und erzeugte in der Vereinigung jenes Geschlecht von waghalsigen Draufgängern, von willensstarken Optimisten, dem allein das große Werk gelingen konnte, durch die Steppe, durch die Wüste und über das wilde Hochgebirge hinweg bis zu den üppigen Gestaden des Stillen Ozeans vorzudringen und sich selbst zu einer Herrenrasse aufzuschwingen, der alle übrigen von Europa nachdringenden Völker sich ebenso bedingungslos unterwerfen mußten, wie die unglücklichen Eingeborenen. Die unwiderstehliche Kraft des Yankeetums liegt ohne Zweifel in seinem unbeugsamen Rassestolz. Dem Yankee ist es so heilig ernst damit, daß er sich nicht einmal im Spaß, d. h. im freien Verhältnis, viel weniger in der Ehe, mit den Angehörigen der zahlreichen anderen Rassen, die seinen riesigen Kontinent bevölkern, vermischt. Für die lateinischen Eroberer Südamerikas und auch der südlichen Länder des nördlichen Kontinents hat es immer einen, wie es scheint, besonderen Reiz gehabt, sich liebespielerisch mit Frauen anderer Hautfarbe abzugeben. Und was ist dabei herausgekommen? Kreolen, Mestizen, Quatronen usw. usw., ein schauderhaftes Gesindel, das für jede höhere Gesittung verloren ist, zuchtlos, widerstandsunfähig, in Leidenschaften verlottert oder in Trägheit versumpft. Solches Menschenmaterial ist kaum durch Schrecken zu regieren, viel weniger durch friedliche Mittel zu einer höheren Kultur emporzuführen, denn _Mischmasch-Menschen nehmen eben keine Vernunft an_; das Beispiel so mancher südamerikanischen Republik beweist es. Der Yankee-Mann dagegen hat sich selbst in den Zeiten, als die Frauen der größte Luxusartikel im Lande waren, niemals mit Indianermädchen beholfen; seine Vernunft begeisterte ihn zu der Großtat edelster Gerechtigkeit, die Sklaverei aufzuheben in einer Zeit, als diese Sklaverei im Grunde doch noch die einzige Möglichkeit gewährte, die Plantagenwirtschaft der üppig fruchtbaren Länder des heißen Südens durchzuführen. Dennoch hält er es bis auf den heutigen Tag für die größte Schande, die ein Weißer auf sich laden kann, sich geschlechtlich mit den von ihm zu Menschen gemachten Schwarzen zu vermischen. Aber er geht noch viel weiter, indem er auch die aus Europa herübergekommenen anderen weißen Rassen, die Romanen, die Slawen, die Juden, ja selbst die ihm nächst verwandten Deutschen und Franzosen als Menschen zweiter Klasse ansieht! Gewiß heißt er alle Völker der Erde vorläufig noch gastlich willkommen, weil eben noch recht viel Platz in seinem riesigen Lande ist und weil er die Arbeitskraft der Fremden, so lange sie sich bescheiden gebärden und mit Eifer nützlich machen, gut gebrauchen kann. Er gewährt diesen Fremden das Bürgerrecht, er läßt sie an allen Vorteilen seiner freien Einrichtungen teilnehmen, er hat nichts dawider, wenn sie sich von dem Reichtum seines Landes so viel aneignen, als ihnen irgend möglich ist, aber er weiß sie überaus geschickt von den einflußreichen Staatsämtern fernzuhalten und zeigt sich durchaus nicht übermäßig beflissen, um ihre schönen Töchter zu freien oder seine schönen Töchter ihnen ins Haus zu führen. Als im Februar dieses Jahres die Tochter des Milliardärs Jay Gould – nicht etwa einen herunter gekommenen deutschen oder polnischen Adeligen, sondern einen reichen und kerngesunden jungen englischen Lord heiraten wollte, empfingen sowohl die Braut wie deren Eltern aus allen Ländern der Union entrüstete Protestkundgebungen, ja sogar offene Drohungen, daß das Volk die Hochzeit durch Gewalt verhindern werde. Denn, wie es in einem solchen, in allen Zeitungen veröffentlichten Drohbriefe hieß: das gesunde Blut, der reine Leib und die starke Seele der freien Tochter Amerikas sei viel zu schade, um an die Sprößlinge entarteter Herrengeschlechter Europas verhandelt zu werden. Man sieht aus diesem Beispiel, daß der Hochmut der neuen Rasse sich bereits gegen das eigne Stammvolk zu kehren beginnt. Wie erbärmlich leicht werden bei uns in Deutschland Rassen- und Standesvorurteile vergessen, wenn sich eine Gelegenheit findet, den verblaßten Glanz eines alten Wappens durch die Mitgift einer jüdischen Braut aufzufrischen! Wenn ein Yankee eine Jüdin heiratet – der Fall dürfte übrigens selten genug vorkommen – so tut er es sicher aus Liebe, wie denn überhaupt die Geldheiraten in unserem Sinne unter den Yankees äußerst selten sind, weil es durchaus nicht Sitte ist, den Töchtern bei Lebzeiten der Eltern einen Teil des Vermögens in Gestalt einer Mitgift auszuliefern. Die Leichtigkeit des Verdienens und das Zutrauen, das jeder junge Amerikaner zu seinen Fähigkeiten und zu seinem Glück hat, macht tatsächlich die Liebesheirat zu dem normalen Verfahren, und damit ist auch schon eine starke Gewähr für die Aufrechterhaltung einer kräftigen Rasse durch natürliche Zuchtwahl geboten. Die bevorzugte Stellung der Frau spielt selbstverständlich unter den günstigen Bedingungen für die Verbesserung der Rasse auch eine wichtige Rolle. Die Frau ist in dem neuen Weltteil Jahrhunderte hindurch von den rauhen Pionieren wie eine Halbgöttin verehrt, wie ein Kätzchen verhätschelt worden. Niemals wurde ihr harte körperliche Arbeit zugemutet, niemals wurde ihren Schwächen, Launen und Eitelkeiten mit Grobheit begegnet, immer sah es der Mann als eine gern geübte Pflicht an, seine Kräfte bis aufs äußerste anzustrengen, um es der Frau zu ermöglichen, sich gut zu nähren, schön zu kleiden und in Muße ihre geistigen Anlagen zu pflegen. Die Folge dieser Behandlung war die, daß sich die Yankee-Frau, wenigstens körperlich, zur schönsten der Welt entwickelte. Allerdings wird diese Schönheit, vornehmlich was die Gesichtsbildung betrifft, von den meisten Europäern als kalt empfunden, auch fehlt ihr die weiche, schmiegsame Üppigkeit z. B. der Wienerinnen zumeist; aber unbestreitbar verdient sie den Preis von allen Frauen der Welt in bezug auf die Schmalheit des Fußes und die edle, schlanke Form des Beins. In ihrem Sinn für Eleganz, in ihrem aparten Geschmack für Kleidung kommt sie sogar der Pariserin mindestens sehr nahe. Da sich diese schöne und verwöhnte Frau nur äußerst selten zu mehr als zwei Kindern bequemt, erhält sie sich lange jung und frisch, und man sieht daher in den Vereinigten Staaten mehr schlanke, bewegliche, muntere und hübsch angezogene alte Damen, wie sonst irgendwo in der Welt. Übrigens hat die Rasse von England den Sinn für vernünftige Körperkultur, besonders für peinlichste Reinlichkeit mitgebracht, und diese Erbschaft ist auch den Männern zugute gekommen. Die Arbeit, die die ersten Kolonisten zu leisten hatten, und in den neuen Staaten heute noch leisten müssen, vollzog sich ja zumeist im Freien, und der stete Kampf mit Hitze und Kälte, mit wilden Tieren und Menschen, mit den bösen Fiebern der Sumpfgegenden, mit Hunger und Durst in den Wüsteneien raffte das widerstandsunfähige Menschenmaterial hinweg und ließ nur die Stärksten mit dem Leben davon kommen. Diese unerbittliche Auslese schuf ein Kapital von Muskel- und Nervenkraft, wovon die Männlichkeit der Nation noch auf eine gute Weile zu zehren haben wird. Außerdem ist es durch Gesetz streng verboten, Kranke oder gar Krüppel aus der alten Welt an den Gestaden der neuen landen zu lassen.

(M8)

Unmittelbar nach meiner Rückkehr aus Amerika besuchte ich ein beliebtes Kaffeehaus in Berlin. Es war die erste größere Versammlung deutscher Menschen, die mir nach einer Abwesenheit von ungefähr vier Monaten wieder vor Augen kam. Und ich muß gestehen, ich war entsetzt, nein, geradezu erschüttert über den Anblick von so viel Garstigkeit. Diese Speckwampen, diese Bierbäuche, Kahlköpfe, X- und Säbelbeine, diese verpustelten und verpickelten, grämlich grauen, brutalen oder schwächlichen, gierigen oder ärgerlich verknitterten Gesichter gehörten also meinen lieben Landsleuten! Und mit diesen in ihrem schwappenden Fett schwankend daher watschelnden, geschmacklos aufgedonnerten Madams, mit diesen käsbleichen, blaßäugig blöden, stumpfnasigen, schiefzähnigen, feuchthändigen und dickbeinigen Jungfrauen hatten sie bereits oder gedachten sie fürderhin ihren Nachwuchs zu erzeugen! Herzzerkrampfend schauderhaft! Gewiß war es ein tückischer Zufall, der mich gerade bei meinem ersten Ausgang auf diesen Kongreß von Mißgeburten stoßen ließ, aber daß unsere arg vermanschte Rasse immer noch von dem ganzen Jammer der deutschen Geschichte in ihrer körperlichen Erscheinung Zeugnis ablegt, und erst neuerdings in der kultiviertesten Oberschicht und in der Generation, die bereits die Segnungen einer nach englischem Muster betätigten Säuglingspflege und einer vernunft- und naturgemäßen Lebensweise genossen hat, sich deutlich zu verschönern beginnt, das scheint mir leider unbestreitbar. Drüben in den Vereinigten Staaten ist der Deutsche und besonders _die_ Deutsche der ersten Generation meist auf den ersten Blick vom Yankee zu unterscheiden. Dem deutschen Einwanderer wird es, auch wenn er zu Wohlhabenheit und angesehener gesellschaftlicher Stellung gelangt, im allgemeinen doch recht schwer, sich die freie, selbstsichere Nonchalance der Haltung und die guten Manieren des gebildeten Yankees anzueignen. Und die deutsche Auswanderin lernt nur in sehr seltenen Fällen Toilette machen und scheint im höheren Lebensalter unrettbar zu verfetten. Die Kinder dieser Einwanderer sitzen aber in der Schule neben sehnig schlanken, körperlich glänzend gepflegten Yankeekindern. Der vornehmste Zweck dieser Schule ist, den Kindern die Überzeugung beizubringen, daß es ein unüberschätzbarer Vorzug sei, als amerikanischer Mensch auf die Welt zu kommen, daß sich alle übrigen Weltteile, alle übrigen Völker nicht im entferntesten mit der unerhörten Vorzüglichkeit der Vereinigten Staaten und der stolzen Yankeerasse messen könnten. Selbstverständlich lernt das Kind die englische Sprache sehr bald viel besser beherrschen, als es seinen Eltern jemals möglich wird. Es kommt dazu, daß das amerikanische Leben, die ganze Art der Erziehung die Beobachtungsgabe der Kinder außerordentlich schärft. Da können nun die deutschen Kinder nicht umhin, Vergleiche anzustellen und sich darüber ihre Gedanken zu machen; zudem lassen es die Yankeekinder an boshaften Sticheleien nicht fehlen. Ich habe selber gehört, wie ein Yankeebübchen einem deutschen Knaben, der bei irgendeinem Unternehmen mitzutun zauderte, weil sein Vater es ihm verboten hätte, verächtlich die Achsel zuckend entgegnete: „Ich würde mich doch nicht darum kümmern, was der olle Dutchman sagt.“ („_I would’nt care, what that old Dutchman says._“) So wird es selbstverständlich der Kinder größter Ehrgeiz, in ihrem Äußeren zunächst ihre Abstammung zu verleugnen und sich dem Wirtsvolk anzuähneln. Und dieser Ehrgeiz entwickelt sich naturgemäß bei den geistig beweglichsten Kindern am stärksten. Es ist erstaunlich, wie rasch durch solche Selbstzucht oft die deutschen Kinder ihren Eltern unähnlich werden. Die Söhne schießen um Kopfeslänge über ihren Vater hinaus, und wenn sie zum ersten Mal dem amerikanischen Barbier unter die Finger geraten sind, so ist der smarte Yankeejüngling mit der aristokratischen Sicherheit seines schlottrig flegelhaften Auftretens bald fertig. Zu Hause liegen seine langen Beine auf allen Möbeln herum, und er trifft mit tödlicher Sicherheit die messingene Spuckvase in der entferntesten Ecke des Zimmers. Das sechzehnjährige Töchterchen aber kann seiner Mutter aus dem Gesicht geschnitten sein und wird ihr doch so unähnlich wie ein geraubtes Grafenkind seiner zigeunerischen Ziehmutter. Die Yankee-Miß führt in ihrer kecken Selbständigkeit ein so beneidenswertes Dasein, daß jedes deutsche Mädchen, wenn anders es nicht völlig auf den Kopf gefallen ist, sich mit Händen und Füßen dagegen sträuben müßte, sich von einer törichten Mutter gewaltsam zu einem ängstlich daher stolpernden, unmotiviert kichernden und errötenden, Sittigkeit und Bescheidenheit markierenden Backfisch dressieren zu lassen.

(M9)