Part 21
Von den Bequemlichkeiten des Pullmanwagens hast du sicher schon so viel gehört, daß ich dir darüber schwerlich etwas Neues erzählen kann. Verwunderlich ist es nur, daß in diesem Lande der höchst entwickelten technischen Kultur doch noch schlechte Gewohnheiten sich erhalten können, die so fest sitzen wie ein chinesischer Zopf. So sind beispielsweise auch die schönsten Pullmanwagen fast immer entsetzlich überheizt und während des ganzen Winters sind die Doppelfenster hermetisch verschlossen. Die einzige frische Luft, die hereinkommt, ist der Zug, der auf der Station durch das Öffnen der Außentüren entsteht. Bevor du an deinem Bestimmungsort ankommst, nimmt dich der aufwartende Neger in Behandlung, klopft deinen Überzieher aus und bürstet dich von oben bis unten sorgfältig ab. Das ist nun sehr hübsch von ihm, und du gibst ihm gern seine 20 Cent dafür, aber – die Zurückbleibenden müssen deinen Staub schlucken! Man kann sich die Atmosphäre am Ende einer langen Reise vorstellen! In der Nacht ist die Staub- und Hitzplage natürlich noch viel ärger, weil da die Türen seltener aufgemacht werden. Ich begreife überhaupt nicht, wie europäische Reisende die Schlafeinrichtung der Pullmanwagen bewundern können. Man liegt nämlich nicht, wie bei uns, quer, sondern längs in zwei Reihen übereinander, und zwar ohne Unterschied des Standes, Alters oder Geschlechts. Für die Ruhe soll es freilich vorteilhafter sein, die Stöße des Wagens in der Längslage abzufangen, und die Betten sind auch breiter als bei uns; aber man wird ganz und gar hinter dicke, natürlich mehr oder minder staubige Vorhänge versteckt, deren Schlitz man, wenn man glücklich in sein Bett geturnt ist, von oben bis unten zuknöpfen muß. Ich fühlte mich einmal dem Ersticken nahe und konnte vor Atemnot kaum noch nach dem Neger schreien. Als ich den um Himmels willen bat, doch wenigstens die Ventilationsklappe zu öffnen, erklärte er achselzuckend, es sei eine Dame mit einem verschnupften Kind im Wagen, die habe sich die Ventilation strengstens verbeten. Gegen S. M. „das Kind“ gibt es keinen Appell in Amerika. Wenn das Kind verschnupft ist mögen die Großen ersticken und verrecken. Sehr zu empfehlen ist es, wenn du dir einen Schlafanzug anschaffst, weil sonst mehr Geschicklichkeit dazu gehört, das Bedürfnis nach Ausgezogenheit mit der Genierlichkeit in Einklang zu bringen, als der Anfänger zu besitzen pflegt. Allerdings befinden sich an beiden Enden der riesengroßen Wagen sehr geräumige Toiletten, in denen vier bis sechs Menschen gleichzeitig sich aus- oder ankleiden können; aber wenn man nicht praktisch im _american style_ ausgerüstet ist, so weiß man doch nicht, wohin mit seinen Sachen, und wie man im Nachtzustande über eine Dame weg in seine luftleere Angstkammer kriechen soll, ohne den Anstand zu verletzen. Die Damen haben das leichter, die ziehen sich bis auf die Combinations im Toilettenraum aus und werfen einen Schlafrock drüber. Früher pflegten sie die Strümpfe anzubehalten und ihr Geld darin zu verwahren. Die schlauen Niggers wußten das und verstanden mit leichter Hand unter die Bettdecken zu fahren und tiefschlafenden Damen die Strümpfe zu erleichtern. Neuerdings rentiert sich aber dies Geschäft nicht mehr, ebensowenig wie das Ausrauben der Passagiere mit vorgehaltenem Schießeisen, weil kein Mensch mehr Geld bei sich trägt als er gerade für die Reise nötig hat. Heutzutage hat jeder Mensch sein Scheckbuch bei sich und damit kann der Räuber nichts anfangen. (Wenn du also nach den Vereinigten Staaten kommst, so sei dein erster Gang zu einem gut empfohlenen Bankhaus, wo du dein Geld deponierst und dir ein Scheckkonto eröffnen läßt.) Nebenbei kannst du im Pullmanwagen lernen, was amerikanische Reinlichkeit ist. Ich werde nie die umständliche Morgentoilette eines herkulischen Gentleman nach einer Nachtfahrt vergessen. Der Mann war sicherlich weder ein Gesandtschaftsattaché, noch sonst ein Kulturgigerl, sondern, seinen reich tätowierten Armen und Händen nach zu schließen, eher ein Metzger oder Viehhändler. Der Kerl wusch sich vom Kopf bis zu den Füßen, rasierte und frisierte sich, putzte Zähne, Ohren, Nägel, daß es wirklich eine Freude war, ihm zuzuschauen. Er nahm sich eine ganze Stunde Zeit dazu und behandelte seinen ungeschlachten Leib mit der Liebe und Sorgfalt eines Künstlers, der die letzte Feile an sein Werk legt. Ich vermute, bei uns gibt es Durchlauchten, die von der Akkuratesse dieses Viehtreibers profitieren könnten. – Übrigens geht so eine amerikanische Nachtfahrt auch dadurch arg auf die Nerven für jeden, der kein geborenes Murmeltier ist, daß die Glocken und Pfeifen der Lokomotiven fortgesetzt einen greulich aufgeregten Lärm vollführen, bei dem einem angst und bange werden kann. Sie müssen nämlich alle Augenblicke Warnungssignale geben, weil es fast nirgends Schranken gibt; Fahrstraßen sowohl wie andere Eisenbahnlinien kreuzen sich auf freier Strecke ohne Unter- oder Überführung. Da wird der nervöse Europäer schwer den Gedanken los, daß ihm plötzlich ein anderer Expreßzug rechtwinklig durch seinen werten Unterleib fahren könnte. Nein, alles was recht ist, aber Nachtfahrten sind nur in Rußland, Schweden und Norwegen wirklich komfortabel.
(M95)
Am bequemsten, sichersten und billigsten reist du in den Vereinigten Staaten, wenn du den Vorzug hast, weiblichen Geschlechts zu sein. Niemand dürfte es da drüben wagen, einer Dame zu nahe zu treten. Jedermann ist auf einen Wink ihr zu jedem Dienst erbötig, und wenn sie einen Kavalier bei sich hat, so ist es seine verfluchte Pflicht und Schuldigkeit, alles für sie zu zahlen. Ich habe ein einziges Mal in Amerika einen wilden Wortwechsel erlebt, der in Tätlichkeiten auszuarten drohte; das war in einem überfüllten Straßenbahnwagen in New York. Eine gut angezogene, nette Negerin des besseren Mittelstandes versuchte durch die dicht gedrängt stehenden Menschen den Ausgang zu gewinnen. Da rief eine Männerstimme: „_Let the ladys get out first!_“ – und eine andere Stimme höhnte dagegen: „_Let the Niggers get out first._“ Und nun platzten über die Doktorfrage, ob eine Negerin auch zu den Damen zu rechnen sei, die Leidenschaften wild aufeinander! – Merke dir auch, mein Freund, daß du Damen deiner Bekanntschaft auf der Straße nicht zuerst grüßen darfst, das würde für eine Anmaßung angesehen werden; du mußt abwarten, ob sie die Gnade haben wollen, dich noch zu kennen. Du darfst auch ein Weib nicht bewundernd anstarren, und sei es noch so schön. Hast du aber die Bekanntschaft einer Dame in Gesellschaft oder im Familienkreise gemacht, und würdigt sie dich ihres freundlichen Interesses, so brauchst du dich auch nicht so zimperlich mit ihr anzustellen, wie bei uns. Handküsse sind nicht üblich, wohl aber ein ungeniertes festes Anpacken. Wird dir z. B. die Aufgabe zuteil, eine Dame durch gefährliches Straßengewühl zu geleiten, so packst du sie fest am Oberarm und schiebst sie wie einen Karren vor dir her; das ist sicher und für beide Teile angenehm. Hast du dir gar Freundinnen in den besseren Kreisen erworben, so kannst du sie ungeniert zum Theater oder zum Soupieren oder zu einem Ausflug und dergleichen einladen, ohne eine Mutter oder eine Tante als Begleitung befürchten zu müssen. Wenn du von deinen Freundinnen wohlgelitten bist, kannst du dir alle möglichen Vertraulichkeiten herausnehmen, ohne daß sie selbst oder die Familie deswegen auf deinen Antrag lauert. Nur mit dem Küssen sei vorsichtig; denn das Gesetz mancher Staaten betrachtet den Kuß als Heiratsversprechen, als tätliche Beleidigung oder Körperverletzung und brummt dir pro Stück eine beträchtliche Geldstrafe auf. Natürlich gibt es aber auch nette Amerikanerinnen, die gern und gratis küssen.
Den Hut kannst du fast überall aufbehalten, nicht nur in der Synagoge, sondern auch in der Lobby des Hotels; aber im Elevator mußt du ihn stramm herunterziehen, sobald eine weibliche Person über vierzehn Jahre hereintritt. Im übrigen wirst du durch dein teutonisches Hutabreißen und beflissenes Vorstellen nur lächerlich. Mache es dir zum Grundsatz, von deinen Mitmenschen, solange sie dir nicht durch einen Dritten offiziell vorgestellt sind, keinerlei Notiz durch höfliche Formalitäten zu nehmen. Wenn du einem Bekannten oder Freunde gar auf der Straße begegnest, so hast du es auch nicht nötig, deinen Deckel herunterzureißen und deinen Skalp der Unbill der Witterung auszusetzen, du winkst mit der Hand und rufst lächelnd: „_Hallo, Bobby, how do you do!_“, worauf er gleichfalls winkt und ruft: „_Hallo, Fritze, how do you do!_“ Das ist praktisch und macht einen guten Eindruck; denn vermutlich habt ihr alle beide keine Zeit, und ist euch auch beiden gänzlich gleichgültig, zu erfahren, wie es euch geht. Auch vor Hochgestellten brauchst du keineswegs in Wurmgestalt zu kriechen; dafür verlangt man aber auch von dir, daß du die sozial untergeordnete Menschheit nicht hochmütig von oben herunter behandelst. Der Schatz der amerikanischen Umgangssprache ist reich an massiven Deutlichkeiten, und wenn du dir herausnimmst, einen Bediensteten anzuschnauzen, so kann es dir leicht passieren, daß du mit einer reichlichen Blumenlese aus diesem Wortschatz beschenkt wirst. Die Quintessenz der amerikanischen Höflichkeit besteht darin, daß man sich gegenseitig nicht im Wege ist, daß man seinem Nebenmenschen nicht seine kostbare Zeit stiehlt, dagegen in Verlegenheiten sich hilfreich beisteht. Ich habe gesehen, wie blinde und andere hilflose Personen sogar auf der Untergrundbahn allein fuhren. Sie können eben sicher sein, immer jemanden zu finden, der ihnen beim Ein- und Aussteigen behilflich ist und sie vor Gefahr bewahrt. Man bekommt auch fast immer klare und knappe Auskunft, wenn man sich an den ersten besten Unbekannten wendet, und wenn man ein sympathisches, vertrauenerweckendes Äußere hat, läßt sogar ein eiliger stark beschäftigter Großstädter seine Arbeit liegen und begleitet einen bis an die nächste Ecke. In den kleinen Dingen der täglichen Notdurft des Verkehrs darf man auch ruhig auf die Ehrlichkeit seiner Mitmenschen vertrauen; handelt es sich dagegen um größere Summen, so reiße deine Augen weit auf und halte deine Ohren steif wie ein Schießhund.
(M96)
Willst du in Amerika ein Geschäft eröffnen, so miete dir irgendwo im neunten oder neunundzwanzigsten Stockwerk ein Zimmerchen mit Telephon und Schaukelstuhl und engagiere dir eine Typewriterin. Sie sind fast alle ungemein gewandt und vielfach auch sehr hübsch. Alsdann ziehe deinen Rock aus – denn das tut jeder Amerikaner, sobald er sein Office betritt, sei es Winter oder Sommer –, zünde dir eine Importierte an, verbreite deine Beine anmutig über Tisch und Stühle und beginne zu telephonieren. Telephonieren und Briefe diktieren füllt die amerikanischen Geschäftsstunden von 10–5 Uhr vollkommen aus. Da die Amerikaner meistens gute Geschäfte machen, muß das Verfahren wohl das richtige sein. Vielleicht liegt es auch an der Hemdärmeligkeit. Oberster Grundsatz deines Verhaltens aber sei und bleibe in allen Lebenslagen, solange du drüben weilst: Nicht mit dem Hut, wohl aber mit dem Scheckbuch in der Hand, kommt man durch das ganze Land.
WAS KÖNNEN WIR VON AMERIKA LERNEN?
Das Land der absoluten Gegenwart ist für alle Kulturvölker ein Spiegel, in dem sie deutlich ihre Zukunft sehen können. Der Fortschrittsgedanke marschiert drüben in Siebenmeilenstiefeln und hat eine glatte Bahn vor sich, während unsere Schrittmacher der Entwicklung immer noch auf Hindernisse stoßen, die die Vergangenheit aufgerichtet hat, Berge von Vorurteilen, Abgründe von Dummheit, die nicht immer leicht zu überklettern oder zu überspringen sind. Wenn wir aber angesichts der drohenden Überflügelung durch die Neue Welt in allen Fragen der technischen Zivilisation daran gehen wollten, unsere Abgründe auszufüllen und unsere Berge abzutragen – was würden wir damit gewinnen? Eine trostlose Verflachung unserer Kultur. Ein wirklich gebildeter Mensch mit historisch und philosophisch geschultem Denken, mit ästhetischem Bewußtsein und einer idealistischen Weltanschauung ausgerüstet, wird, mit offenen Augen in jenen Spiegel hineinschauend, nur sagen können: Gott bewahre uns vor dieser Zukunft! Er wird einsehen lernen, daß wir unseren wertvollsten Besitz, nämlich unsere geistige Kultur, nicht den materiellen Errungenschaften der Gegenwart, sondern der fernen und fernsten Vergangenheit verdanken, und daß es gerade jene Hemmungen des Fortschrittstempos gewesen sind, die den Untergrund für unser gegenwärtiges Empfinden, Wissen und Können so überaus solid aufgemauert haben.
(M97)
Wir Europäer haben von Amerika schon mehr gelernt, als wir wissen und als uns gut ist. Seit nämlich die raum- und zeitverkürzenden Erfindungen sich zu überstürzen begannen, also seit drei Jahrzehnten ungefähr, ist von Amerika her der _Rekordwahnsinn_ in die Welt gekommen. Fast alle die großen Erfindungen, vermöge deren wir jetzt Wasser, Erde und Luft beherrschen, sind in der Alten Welt gemacht und hätten unter allen Umständen die Wirkung gehabt, das allgemeine Tempo des Lebens zu steigern; in Amerika aber haben diese Erfindungen, der ungeheuren Entfernungen wegen, doch die rascheste und vielseitigste Anwendung gefunden und dadurch auch stärker als bei uns auf den Charakter der Menschen eingewirkt. Der Ehrgeiz, alles Neueste sich zu eigen zu machen und auf allen neuen Gebieten das Vollkommenste zu leisten, fand durch sie reichste Nahrung, und der amerikanische Snobismus, der ja wenig Gelegenheit hat, sich auf dem Felde der Literatur und der Kunst auszutoben, stürzte sich mit Begeisterung auf den Kultus der Schnelligkeit und machte den Wetteifer im Rekordbrechen zum vornehmsten Sport. Da dieser Sport sehr teuer und sehr gefährlich ist, so sagt er dem Amerikaner, der ja bessere Nerven besitzt und aufregende Vergnügungen in viel größeren Quantitäten vertilgen kann, ganz besonders zu. Er blieb aber mit seinen verrückten Schnellzugs-, Automobil-, Wasser- und Luftwettfahrten nicht im eignen Lande, sondern begann an allen internationalen Wettbewerben teilzunehmen. Sein Sensationsbedürfnis und seine unverbrauchte Kraft haben das Rekordfieber in der großen Welt gewaltig geschürt. Die enorm gesteigerte Schnelligkeit, der großartige geschmackvolle Luxus der transatlantischen Dampfschiffe haben die Yankees in immer größeren Scharen zu uns hinübergelockt, und wo immer sie in größerer Menge auftraten, zwangen sie durch ihren Reichtum die betreffenden Orte, sich ihren Ansprüchen anzubequemen. Genau so, wie ehemals die Reiselust der Engländer und ihr starres Festhalten an ihren nationalen Gewohnheiten, ihre Unlust und Unfähigkeit, Sprachen zu erlernen und sich fremden Sitten anzubequemen, auf die ganze Reise- und Fremdenindustrie einen starken Einfluß ausübte, so geschieht dies jetzt noch in höherem Maße durch die größere Kapitalskraft ihrer amerikanischen Vettern. Während die amerikanischen Hotels sich allmählich den europäischen Stil aneignen, bemühen sich jetzt unsere Hotels, sich zu amerikanisieren. Die Engländer kamen früher sehr häufig auf den Kontinent, um zu sparen, zeigten sich also hier geizig; die Amerikaner dagegen sind viel großartiger und leichtsinniger, als Emporkömmlinge auch protzenhafter. Das Geldausstreuen an sich macht ihnen das größte Vergnügen; aber sie verderben nicht nur die Preise, sondern auch den Stil bodenständiger Kultur, den guten Geschmack, weil sie überall die Sensation, das Äußerste, das Unerhörte verlangen. Da sie bereit sind, es gut zu bezahlen, so sucht man es ihnen zu bieten. Und so kommt es, daß auch bei uns immer mehr das Schönste und das Bedeutendste, was unsere Natur und unsere Kunst aufzuweisen haben, sich dem amerikanischen Snobismus anzupassen, und was das Schlimmste ist, zu einem Vorrecht des Reichtums zu werden beginnt. Ich erinnere nur an Bayreuth, Oberammergau, die Münchener Musikfeste, die großen Bilder- und Antiquitätenauktionen, die bekanntesten Schweizer Sport- und Kurorte. Nun will sich aber der europäische Reichtum nicht gern ausstechen lassen. Er strengt sich darum aufs äußerste an, es dem amerikanischen gleich zu tun, und so entsteht ein gefährlicher Wettbewerb in verschwenderischem Luxus. Da ferner die tiefste Bildung und der feinste Geschmack durchaus nicht immer an den Reichtum geknüpft sind, so machen sich Dilettantismus und Oberflächlichkeit immer mehr breit, und der Unbemittelte findet es immer schwerer, sein Bedürfnis nach Kunst- und Naturgenuß zu befriedigen. Wohl dürfen wir Völker Europas uns einbilden, daß anspruchsvoller Geschmack und tiefere Bildung bei uns verhältnismäßig verbreiteter seien, als in der Neuen Welt; immerhin sind doch aber auch bei uns die Ungebildeten in der Überzahl, und diese Überzahl wird leicht verführt durch die glänzende Außenseite, die amerikanischer Luxus auch den untergeordnetsten Betätigungen seiner Vergnügungssucht zu geben vermag. In den Niederungen der dramatischen Kunst, z. B. in der Operette, im Vaudeville, im Variété, im Zirkus dringt der amerikanische Geschmack selbst in Deutschland immer mehr durch. Das Vergnügen an den Sentimentalitäten, Hintertreppensensationen und Clownspäßen der Lichtbildtheater, an mechanischen Musikwerken, oder gar an den scheußlichen sechs Tage-Rennen der Radfahrer, mutet schon durchaus amerikanisch an.
(M98)
Der ausschlaggebende Einfluß des Reichtums in Bezirken, wo eigentlich nur die Autorität des Wissens und des Geschmacks bestimmen sollte, bringt das Kulturniveau in Gefahr. Die stete Aufstachelung zu Leistungen, die alles bisher Dagewesene rasch überbieten sollen, hindert die gesunde Stetigkeit der Entwicklung und drängt den Tüchtigen überall zugunsten des Fixen zurück. Als Vertreter der Neuen Welt lernen wir bei uns eine glänzende Auslese von flott und sicher auftretenden geschäfts- und sportgewandten Männern kennen, in Begleitung reizender, eleganter, siegessicherer Frauen. Das erweckt in uns die Meinung, daß diese beneidenswerten Neuweltler, die es in einer kurzen Spanne Zeit augenscheinlich so viel weiter gebracht haben als wir, doch wohl in allen Dingen auf dem richtigen Wege sein müßten, und wir beginnen folglich uns unserer Langsamkeit, unserer bedächtigen Gründlichkeit, Sparsamkeit und Bescheidenheit zu schämen. Wir vergessen dabei, daß gerade das Zusammenwirken dieser Eigenschaften es ist, was uns heute immer noch über die glänzende Scheinkultur der Neuen Welt ein beträchtliches Übergewicht gibt. Wenn wir uns auf den atemlosen Wettbewerb mit dem Riesenkontinent über dem Ozean einlassen, so werden wir sicher den Kürzeren ziehen. Die Quellen unseres nationalen Wohlstandes sind nicht so unerschöpflich wie die drüben, und wenn unsere Industrie, unsere Kunst, unser Handwerk ihr Hauptstreben darauf richten wollten, das unerprobte Neue, das Unfertige also, nur möglichst schnell an die Stelle des Alten zu setzen, um anderen Ländern zuvor zu kommen, so würden unsere Erzeugnisse auf dem Weltmarkt bald nicht mehr die wichtige Rolle spielen wie heute. Der Grund, weshalb die Vereinigten Staaten trotz ihrer kolossalen industriellen Entwicklung immer noch so viele Dinge von uns zu beziehen genötigt sind, liegt hauptsächlich darin, daß drüben jenes Erbinventar von Talent, Geschicklichkeit und Geschmack, durch Handwerksstolz und Berufstreue von Generation zu Generation bewahrt und verstärkt, kaum vorhanden ist. Alle diese wertvollen Vorzüge würden uns aber verloren gehen, wenn wir uns von dem amerikanischen Snobismus noch weiter anstecken ließen.
(M99)
Ich habe schon bei der Schilderung des amerikanischen Zeitungswesens darauf hingewiesen, daß auch unsere Presse hie und da bereits recht bedenkliche Anläufe gemacht hat, es in skrupelloser Fixigkeit, wüster Sensationsgier und Nachgiebigkeit gegen die schlechten Instinkte der minderwertigsten Leserschaft sogar der _gelben_ Presse gleichzutun. Auch bei uns beweist die Erfahrung, daß auf dem Gebiete des geistigen Schaffens die Schleuderware, wenn sie nur recht billig und einem ordinären Geschmack entsprechend aufgeputzt ist, durch den Massenabsatz erheblich mehr einbringt, als das gute, aber teurere Erzeugnis. Die Massenproduktion von Zeitungen, welche nicht zusammengeschrieben, sondern einfach zusammengeklebt, d. h. gestohlen werden, beweist dies ebenso wie der Massenabsatz von billiger und vielfach recht minderwertiger Reiselektüre. Wir haben uns neuerdings in Deutschland erfreulicherweise dazu aufgerafft, gegen diese Verflachung der Bildung, gegen diese Herabwürdigung zumal der literarischen Arbeit zum bloßen Zeitvertreib dadurch anzukämpfen, daß wir überall, bis in die kleinsten Nester hinein, eine überaus lebhafte Vereinstätigkeit entwickelt haben, deren Ziel es ist, jedermann aus dem Volke für ganz billiges Geld wertvolle Anregung, Belehrung und gute künstlerische Unterhaltung zu bieten, indem man hervorragende Fachgelehrte und Künstler zu Vorträgen gewinnt. Außerdem blühen überall die Volksbibliotheken in erfreulicher Weise auf, und wirklich wertvolle gemeinnützige Unternehmungen, wie Reclams Universalbibliothek, stehen schon nicht mehr vereinzelt da. Durch all diese Unternehmungen wird der Drang nach Belehrung, nach künstlerischer Erbauung auch in weite Schichten unseres Volkes getragen, für die früher die Quellen des Wissens und der Schönheit unerreichbar waren. Auch auf diesem Gebiete sind wir naturgemäß erheblich weiter als das Volk in den Vereinigten Staaten, obwohl auch dort, namentlich durch Gründung von musterhaft eingerichteten öffentlichen Bibliotheken und Museen, durch die _University Extension_ und Gewinnung von tüchtigen Wanderrednern neuerdings sehr viel in dieser Richtung getan wird. Es ist also wahrscheinlich, daß uns in nicht allzu ferner Zeit Amerika auch auf diesem Gebiete eingeholt haben wird. Wollen wir uns nicht überflügeln lassen, so wird der Richtspruch unserer Volksbildner ebenso wie der unserer Fabrikanten heißen müssen: „_Qualität, nicht Quantität; nicht vom Neuen das Neuste, sondern vom Guten das Beste; nicht das Auffallendste, sondern das Originalste, das Persönlichste, das Deutscheste bieten._“
(M100)