Part 2
Mit den Versen gab’s wenig Schwierigkeit. Meine Balladen und Hymnen auf die moderne Technik mußten ja in dem Lande der technischen Hochkultur zünden, und auch von den satirischen Scherzgedichten wurde das meiste verstanden; aber mit der Auswahl von Prosastücken hatte ich meine liebe Not, und bei meinen Streifzügen durch die deutsche Literatur der letzten dreißig Jahre bemerkte ich auch gar bald, wie wenig davon selbst dem gebildeten Publikum bekannt war. Sobald ich bei einer meiner Lieblingsfiguren etwas länger verweilte oder den Versuch machte, ein bißchen in die Tiefe zu bohren, bemerkte ich, wie sich alsbald ein suggestives Gähnen durch die Reihen fortpflanzte und die teilnahmsvoll gespannten Züge zu erschlaffen begannen. Da mußte ich mich denn beeilen, mit einer scherzhaften Anekdote oder einer satirisch zugespitzten Bemerkung die entflatternde Aufmerksamkeit wieder einzufangen. Wie in so vieler anderer Beziehung, so sind die Amerikaner auch darin noch auf einem kindlichen Standpunkt, daß sie, und zwar nicht nur die Jungen, sondern auch die Alten, durchaus lachen wollen, wenn sie sich zu irgendwelchem Zwecke in Massen versammeln. Der Politiker muß so gut wie der Universitätsprofessor und sogar der Kanzelredner Witze machen, wenn er sein Publikum fesseln will. Kein Redner wird jemals in diesem Lande Erfolg haben, der nicht zum mindesten die Kunst versteht, selbst ernstesten Gegenständen humoristische Lichter aufzusetzen. Ich habe eine feierliche Universitätssitzung mitgemacht, bei welcher der Präsident der Universität eine ausgezeichnete Gedenkrede auf eine verstorbene Leuchte derselben hielt. Es war ein kalter, nebliger Morgen und man saß in Überziehern und Galoschen da, aber sobald der Vortragende eine drollige Wendung gebrauchte, einen freundlich heiteren Zug aus dem Leben des Gefeierten erzählte, oder gar eine witzige Nutzanwendung machte, erwärmte sich die frierende Gesellschaft an lautem Gelächter. In dem amerikanischen nationalen Drama, der _Blood and Thunder-Show_, muß die erbauliche Abwechslung zwischen Leichenaufhäufung unter Revolvergeknatter und sentimentaler Rührung über unmenschliche Edelmutsausbrüche (vom obligaten Tremolo der Geigen begleitet) in regelmäßigen Abständen von derben Clownspäßen unterbrochen werden, um dem guten Volke schmackhaft zu bleiben, und der bekannte kleine polnische Jude, der auf die Frage, wie ihm der „Tristan“ gefallen habe, achselzuckend erwiderte: „Nu, mer lacht“, könnte hier leicht manches Gegenstück finden. Das ist nun etwa nicht als besonderes Schandmal der amerikanischen Unkultur aufzufassen, denn der Banause hat in der ganzen Welt der Kunst gegenüber genau denselben Standpunkt: er schätzt sie bestenfalls als erheiternden Zeitvertreib. Die geistige Erhebung durch tragische Erschütterung vermag er ebensowenig zu genießen, wie die rein ästhetische Freude an der schönen Form; sein Interesse hängt rein am Stofflichen, am gröblich Sinnfälligen, an der handgreiflichen Moral oder Tendenz. Da in Amerika noch nicht viele Leute und auch diese erst seit kurzem Zeit gefunden haben, ihre etwaigen ästhetischen Veranlagungen zu pflegen, so ist es selbstverständlich, daß es dort im Verhältnis zur Einwohnerzahl sehr viel weniger ästhetisch interessierte Menschen gibt als bei uns, und unsere guten Landsleute können von dieser Regel um so weniger eine Ausnahme machen, als sie ja zum weitaus überwiegenden Teil von gänzlich amusischer Herkunft sind. Die deutschen Amerikaner, die heute vornehmlich sich eine Ehrenpflicht daraus machen, den Zusammenhang mit der deutschen Geisteskultur aufrecht zu erhalten, setzen sich zusammen aus den Überresten der achtundvierziger Emigranten und ihrer Nachkommen, aus den neuerdings Eingewanderten mit akademischer Bildung, die hier als Lehrer und Lehrerinnen, als Ärzte, Künstler usw. eine Lebensstellung gefunden haben, und endlich aus einigen nicht allzu zahlreichen Nachkommen von Leuten, die in Handel und Gewerbe hier ihr Glück gemacht haben und daher imstande waren, ihren Kindern eine höhere Schulbildung zuteil werden zu lassen. Die vielen deutschen Vereine sind folglich auch noch nicht imstande, sich rein künstlerischen und literarischen Bestrebungen zu widmen. Sie scheiden sich mehr nach Landsmannschaften oder Gesellschaftsschichten als nach geistigen Ansprüchen. Man darf also nicht erwarten, für irgend welche wissenschaftlichen oder künstlerischen Darbietungen in den Vereinigten Staaten ein so homogenes, wohlgezogenes und anspruchsvolles Publikum zu finden, wie etwa in unseren deutschen literarischen Gesellschaften, kaufmännischen oder auch selbst sozialdemokratischen Bildungsvereinen. Man kann aber sicher sein, überall unter seinen Zuhörern eine Anzahl fein gebildeter und verständnisvoller Menschen zu finden, wenn es auch nur eine kleine Minderheit sein mag. Für diese Minderheit wird man dann aber, wenn man seine Mission ernst nimmt, sein Bestes geben und die Kleinen und Armen im Geiste nach Möglichkeit durch Konzessionen an ihr Unterhaltungsbedürfnis mit zu ziehen suchen. Manchmal kann es einen freilich bei solchen überraschenden Ausbrüchen kindlicher Heiterkeit kalt überlaufen. Im Hörsaal der Universität zu Rochester wollten sich Studenten deutscher Abkunft halb tot lachen über die von mir berichtete traurige Tatsache, daß Liliencron im Feldzuge von 1870/71 diverse Kugeln in den Leib bekommen habe, von denen ihm alle paar Jahre eine im Operationssaal der Universitätsklinik zu Kiel herausgeholt wurde! Und in der _High School_ von Youngstown (Ohio) kreischten die _Boys_ und _Girls_ vor Vergnügen, als ich ihnen die tief ergreifende Ballade von der Großmutter Schlangenköchin übersetzte. Über die Fischlein, die die böse Hexe mit einem Stock im Krautgärtlein fängt, und gar über „_The black and tan Doggie, that burst into a thousand pieces_“ (das schwarzbraune Hündlein, das in tausend Stücke zersprang), bogen sie sich krumm vor Lachen, und meine Frau, die sie gerade durch diese Ballade zu Tränen zu rühren gedachte, war blaß vor Schrecken, – hat sie aber dann doch zu packen gekriegt, diese robusten Neuweltler, denen die lieb herzige Einfalt des deutschen Märchenstiles so siebenfach versiegelt ist.
(M3)
Wenn man in den Vereinigten Staaten unter den Auspizien einer hochangesehenen Gesellschaft reist, so bekommt man eine deutliche Vorstellung davon, wie angenehm und erhebend es sein muß, als Fürstlichkeit durchs Dasein zu wallen. Genau so wie bei uns eine die Provinzen bereisende bessere Fürstlichkeit wird man nämlich in den Vereinigten Staaten behandelt, sobald man offiziell als großes Tier, als illustrer Gast gemanagt wird. Am Bahnhof Empfang durch ein Komitee, das einen in das erste Hotel der Stadt geleitet, wo man sich kaum des Reiseschmutzes entledigt hat, als einem auch schon die Reporter auf den Leib rücken. In der kurzen Zeit, die einem das Komitee zum Säubern und Ausruhen gönnt, (meistens ist man ja die Nacht durch gefahren, denn die einzelnen Vortragsstädte liegen nicht selten so weit auseinander wie etwa Berlin und Neapel!) muß man mehrere Interviews über sich ergehen lassen, bei denen einen der stete Zweifel nervös macht, wer von beiden der größere Esel sei, der Interviewer oder der Interviewte. Dann tritt das Komitee wieder an, um einem die Sehenswürdigkeiten der Stadt zu zeigen, wobei zu bemerken ist, daß im ganzen Osten bis zum Mittelwesten der Union, bis hinauf an die kanadische und hinunter an die virginische Grenze eine Stadt genau so reizlos und uninteressant ist wie die andere (mit vielleicht einziger Ausnahme von Boston und Washington), daß die Kriegerdenkmäler noch erheblich fürchterlicher sind als bei uns, und man die berühmtesten Bauten meistens schon im Original in Europa gesehen hat. Erfreulich werden diese Besichtigungsfahrten nur, wenn sie aus den wüsten Steinhaufen der Citys hinaus ins Land führen und man einen schönen Tag erwischt. Architektonisch interessante Villenviertel mit reizenden Schmuckgärten wie bei uns gibt es freilich kaum irgendwo. Aber wenn die Sonne lacht, sind selbst die zum Gähnen einförmigen gemütlichen Holzhäuschen, mit denen auch sehr wohlhabende Amerikaner glücklich und zufrieden sind, eine Wohltat zu sehen. Nachdem der ästhetische Graus der Städte dergestalt überstanden ist, geht es zum Lunch, und der ist eigentlich immer erfreulich und gemütlich, gleichviel ob man in eine wildfremde Familie, in ein feines Restaurant oder in einen exklusiven Klub geladen ist. Denn die amerikanische Gastfreundschaft, mag sie von Yankees oder Deutschen ausgeübt werden, ist über alles Lob erhaben. Und wenn bei solchen Gelegenheiten das Menü nur nicht zu amerikanisch und die Gastgeber keine Teatotalers sind, so kann man sich seines Lebens freuen, ohne durch steife Förmlichkeit oder durch aufdringliche Protzerei geärgert zu werden. Nicht selten ist bereits mit dem Lunch eine kleine _reception_ verbunden, d. h. nach dem Essen treten mehrere Dutzend Menschen, die ganze Fakultät, wenn der Gastgeber ein Professor ist, die ganze Freundschaft und Verwandtschaft, wenn der Empfang inoffiziell ist, in den zumeist winzig kleinen Stuben an, um Bekanntschaft zu machen. Das ist die mildeste Form der „reception“. Man hört alle Namen, schüttelt alle Hände, schwätzt ein Stündchen herum und hat im Fluge einen oberflächlichen Eindruck von dem Verkehrskreis des Gastgebers gewonnen, vielleicht sogar eine wirklich interessante Persönlichkeit flüchtig angebohrt. Ist man an ein Komitee geraten, das bereits Erfahrungen mit europäischen Nerven gemacht hat, so darf man sich zu einem Ruhestündchen zurückziehen, andernfalls geht es ohne Gnade und Barmherzigkeit weiter im Programm. Man wird zur Besichtigung der Universitätsinstitute, der Bibliotheken, der Laboratorien, Museen, bemerkenswerter Fabrikbetriebe oder was es auch immer sei, mit Vorliebe auch zu dem Gouverneur des Staates oder doch mindestens zum Bürgermeister der Stadt geschleppt. Wenn man bedenkt, daß so ein Gouverneur der konstitutionelle Regent eines Landes ist, das in den meisten Fällen größer als das Königreich Bayern, in einigen Fällen sogar größer als ganz Deutschland ist, so ist man erstaunt über die leichte Zugänglichkeit und jeder steifen Förmlichkeit abholde Art dieser großen Herren. Sie haben natürlich keine Ahnung davon, wer man ist, aber sie beteuern, über die Bekanntschaft entzückt zu sein, und stellen sich aufs Liebenswürdigste unseren Wünschen zur Verfügung. Mittlerweile wird es dann Zeit, sich zum _dinner_ in _full dress_ zu werfen. Dabei geht es ohne mehrere Toaste niemals ab, denn der Amerikaner redet gern und hervorragend gut, und man muß sein bißchen Witz gehörig zusammennehmen, um diesem nationalen Talente gegenüber mit seiner Antwort zu bestehen. Hat man den Abend frei, so ist solch ein _dinner_ um 7 Uhr eine erquickliche Angelegenheit; denn nirgends existiert in Amerika die deutsche Unsitte, stundenlang bei Tische zu sitzen, eine unmögliche Masse von Speisen und ebenso viel verschiedene, in der Schwere sich steigernde Weinsorten eingepumpt zu bekommen. Große offizielle Festessen dehnen sich freilich auch sehr lang aus, aber nicht wegen der Länge des Menüs, sondern nur wegen der nationalen Sitte, die Schleusen der Beredsamkeit erst nach dem Dessert zu öffnen. _Toastmaster_ und _Chairman_ regulieren den Strom nach parlamentarischer Sitte, und wenn die Rednerliste erschöpft ist, beginnt erst der echt amerikanische Hauptspaß, indem der _Toastmaster_ noch unter den besonders prominenten, durch ihre Eigenart berühmten oder berüchtigten Anwesenden eine ganze Anzahl zu Improvisationen reizt. Selten daß einer auf solche Reizung nicht reagiert. Natürlich reitet bei dieser Gelegenheit jeder sein Steckenpferd, wobei aber erst recht viel witziges oder gedankenreiches Eigengut zutage gefördert wird. Schlimm ist es, wenn man unmittelbar nach dem Essen seinen Vortrag halten muß, wie das gar nicht selten vorkommt. Und noch schlimmer, wenn einem, wie mir das auch passiert ist, erst beim Besteigen der Rednertribüne vom Vorsitzenden zugeraunt wird, daß man doch gefälligst nur eine Stunde lang sprechen möge – über ein Thema, das in dreien kaum halbwegs gründlich zu erledigen wäre! Diese beneidenswert robusten Neuweltler nehmen eben als selbstverständlich an, daß ein Mensch, der einen Beruf, ein Geschäft daraus macht, öffentliche Vorträge zu halten, jederzeit und unter allen Umständen bereit sein müßte, sie aus der Pistole zu schießen. Daß wir schwächlichen Ostleute zu jeder geistigen Leistung Sammlung und Stimmung brauchen, das scheinen sie nicht zu verstehen. Dem nervenlosen Amerikaner ist es auch ganz gleichgültig, wie das Lokal ausschaut, in dem er seine Kunst genießt oder seine Bildung bereichert; offene Türen, hin- und herlaufende Menschen, pfeifende und klingelnde Lokomotiven vor den Fenstern, polternde Kegel- unter und probende Gesangvereine über dem Lokal genieren ihn nicht im mindesten. Ich ging an einem Universitätshörsaal vorbei, dessen Tür sperrangelweit offen stand; im Korridor trappten laut schwatzende und lachende Studenten auf und ab, aber weder der vortragende Professor noch die eifrig nachschreibenden Hörer ließen sich dadurch auch nur im geringsten stören. In St. Louis waren die Leute, die mein Auditorium in Stand setzen sollten, ausgeblieben. Infolgedessen war das Lokal so schmutzig von Kohlenruß, daß ich einen weißen Handschuh, der mir entfiel, schwarz wieder aufhob und das elektrische Licht versagte; wir saßen also bei einigen Notlampen im Finstern, und ich trug eine rührende Geschichte vom bitteren Leiden und Sterben eines schwindsüchtigen Mädchens unter der rhythmischen Begleitung zweier melodisch knallender Heizkörper vor. Natürlich war ich nahe daran, aus der Haut zu fahren; mein Publikum aber schien durch diese stimmungsmordenden Umstände nicht im mindesten berührt zu werden. Der Vorsitzende bat für diese Übelstände um Entschuldigung, und damit war es gut. Der Amerikaner fügt sich in das Unvermeidliche mit bewundernswerter Ruhe und Geduld. Wenn er gekommen ist, um für sein Geld Kunst zu genießen oder Weisheit zu schlürfen, so führt er diesen Vorsatz auch unter den widrigsten Verhältnissen aus, denn er will auf seine Kosten kommen. Und seine Nerven parieren ihm so absolut, daß er imstande ist, durch einfachen Willensakt während des zartesten Pianissimos einer Sängerin den knallenden Heizkörper oder die läutende Lokomotive nicht zu hören.
(M4)
Die große _reception_, dieser Schrecken aller Schrecken für berühmte Mauernweiler, diese echt amerikanische „Hetz“, pflegt nach dem Vortrag des zu feiernden Gastes in einem möglichst großen Saale stattzufinden. Der Amerikaner stellt sich bekanntlich nie selber vor. Man kann stundenlang im Eisenbahnwagen miteinander fahren und sich angeregt unterhalten, man kann sogar wochenlang auf einem Dampfer Tisch- und Kabinennachbar eines scharmanten Menschen sein, ohne daß es ihm einfallen wird, sich selber vorzustellen. Und wenn der wackere Deutsche in seiner angeborenen Höflichkeit sich bemüßigt fühlt, einer solch angenehmen Reise- oder Table d’hote-Bekanntschaft gegenüber die Hacken zusammenzuschlagen und mit kommentmäßig heruntergeklapptem Haupte zu schnarren: „Sie gestatten, mein Name ist Müller,“ so riskiert er, daß der Angeredete, ohne sich von seinem Sitz zu erheben, ihn von unten herauf gelangweilt anschaut und mit gequetschtem Nasentone die impertinent zweifelnde Frage zurückgibt: „_Aoh, is that so?_“ Der Amerikaner hat stets den Ehrgeiz, mit prominenten Leuten bekannt zu werden. Ausländische Berühmtheiten interessieren ihn brennend, und für Leute mit schönen Titeln und langen Namen aus Europa hat er eine besondere Schwäche, aber niemals würde er sich einfallen lassen, eine formlose Vorstellung zu provozieren. Man kann in der guten Gesellschaft nur miteinander bekannt werden, indem man von dem Gastgeber, bei dem man sich trifft, offiziell einander vorgestellt wird. Diesen Zweck erfüllen unter anderen Veranstaltungen auch die berüchtigten _receptions_. Jeder, der nur irgendwelche Berührungspunkte mit der gesellschaftlichen Sphäre oder mit dem Beruf des prominenten Gastes hat, bemüht sich, eine Einladung zu solcher _reception_ zu bekommen. Der Vorgang bei dieser hochnotpeinlichen Prozedur, wie ich sie im Staate Wisconsin in musterhafter Form erlebt habe, ist folgender: Man stellte mich an eine Säule an der Schmalseite des großen Saales und meine Frau an eine andere Säule wenige Schritte davon entfernt. Mir zur Seite trat ein _Gentleman-Usher_ und an die Seite meiner Frau eine _Lady-Usher_ (Usher = Einführer). Von diesen wird vorausgesetzt, daß sie wie ein Hofmarschall alle eingeladenen Herrschaften nach Namen, Rang und Stand kennen. In langer Reihe, einzeln oder paarweise hintereinander nahen sich nun die Scharen derer, die unsere Bekanntschaft zu machen wünschen, und der Usher waltet seines Amtes. „Erlauben Sie mir, Ihnen Mister und Missis John Dubbleju Weber (sprich: Uebbäh) vorzustellen. Einer der prominentesten Bürger unserer Stadt, man kann sagen einer ihrer Begründer, denn er hat vor vierzig Jahren hier in dem Indianerdorf, das damals auf dieser Stelle stand, den ersten Laden für baumwollene Taschentücher, Whisky, Kautabak und Schießpulver eröffnet.“
„_How do you do, Mister Uolsogen?_“ gurgelt Mister John Dubbleju Uebbäh aus seiner respektablen Speckwampe heraus und beginnt mit meinem Arme wie mit einem Pumpenschwengel zu hantieren. „Komme Se mal zu mir, da wer’ ich Se mal was Scheenes ßeigen; und bringen Se auch de Frau Uolsogen mit, wenn se Äntiquitis gleicht.“ (Antiquitäten gern hat).
Und Missis Uebbäh, eine umfangreiche Dame mit kolossalen Brillantboutons in den Ohrlappen, grinst mich mütterlich bewegt an und versichert, entzückt zu sein, mich zu treffen. Der Mann gibt meine Hand an sie weiter, und sie pumpt die Behauptung aus mir heraus, daß ich glücklich sei, Persönlichkeiten vor mir zu sehen, welche die ganze Geschichte dieser berühmten Stadt nicht nur mit erlebt, sondern sozusagen selber gemacht hätten.
„_Move on, please!_“ sagt der Usher und schiebt das imposante Ehepaar sanft weiter, worauf er mich mit Mister und Missis Isaak O. Waddlepaddledaddle (oder so was ähnliches) bekannt macht. Mister Waddlepaddledaddle (oder so was ähnliches) ist mit sieben Cents in der Tasche vor fünfundzwanzig Jahren hier eingewandert und hat etwa ein Dutzend Mal seinen Beruf gewechselt, bis er sich auf Rattengift geworfen hat. Seit einigen Jahren steht er an der Spitze des Patent-Ungeziefervertilgungsmitteltrusts und ist elf Millionen Dollar wert. Seine Frau ist tief ausgeschnitten und bedeckt ihre wogende Blöße mit Brillanten für etliche Hunderttausende. Sie ist so schrecklich betrübt (_so awfully sorry!_), daß ihre Tochter mich nicht kennen lernen kann, denn die ist vergangenes Jahr in Deutschland gewesen und so eingenommen von der deutschen Literatur. Sie habe viele von meinen Büchern gelesen, darunter natürlich auch meinen entzückenden „Herrgottsschnitzer von Oberammergau“ und meinen reizenden „Hüttenbesitzer“ und überhaupt beinahe alles. Leider habe das Mädchen die Mumps.
Beschämt und tief gerührt bekenne ich, daß diese genaue Kenntnis meines dichterischen Schaffens mich zum ersten Mal das Hochgefühl einer wahren Popularität auf zwei Hemisphären voll empfinden lasse.
Mister Waddlepaddledaddle (oder so was ähnliches) quetscht mir bewegt die Hand, und Missis Waddlepaddledaddle (oder so was ähnliches) hat noch eine Frage auf den üppigen Lippen, als mein Usher mir bereits einen ehrwürdigen Greis in weißem Lockenschmucke, das glattrasierte Antlitz scharf und geistvoll geschnitten, als den berühmten Professor der Ethik, Dr. James Cadwalleder B. Mapletree vorstellt. Der berühmte Gelehrte ist so steinalt, daß ich ihm aufs Wort geglaubt hätte, wenn er mir versichert hätte, daß bereits George Washington, Benjamin Franklin und Henry Clay (welch letzterer übrigens keineswegs Zigarrenfabrikant in Havanna, sondern ein 1852 verstorbener bedeutender Staatsmann ist) bei ihm Colleg gehört hätten. „Froh, Sie zu treffen, Baron“, beginnt der große Gelehrte, mir kräftig die Hand drückend, und wissend, daß ihm nicht viel Zeit gegeben ist, knüpft er gleich eine Frage über den Stand der Ethik in Deutschland als wissenschaftliche Disziplin sowie als bewußte Ausdrucksform der Volksseele an. Ich erinnere mich zum Glück, daß ich jahrelang eifriges Mitglied des Ethischen Klubs im Kellerlokal des Hofbräu-Ausschankes in der Französischen Straße in Berlin gewesen bin und erkläre ihm, daß wir in der Ethik durchaus obenauf, _up to date_ wären und überhaupt...
„_Move on, please!_“ ruft der unerbittliche Usher, und der große Gelehrte bezähmt lächelnd seinen Wissensdurst und läßt sich ohne Murren weiter schieben.
Es kommen deutsche Mitglieder der Fakultät an die Reihe, mit denen ich im Fluge gemeinsame Beziehungen in der Heimat entdecke, es kommen Yankees, die wirklich im deutschen Geistesleben zu Hause sind und auch tatsächlich den „Kraft-Mayr“ gelesen haben, es kommt die Vorsteherin einer Mädchenschule, die just meine „Gloriahose“ in ihrer Klasse übersetzen läßt – lauter Menschen, mit denen man sich gern zum Warmwerden in ein Eckchen zurückziehen möchte – es hilft nichts: „_Move on, please!_“ kommandiert die sanfte Stimme meines Ushers. Folgsam und wohlanständig schieben sich die Hunderte von Menschen, alte und junge, Zierden der Alma mater und feste Säulen der Bürgerschaft, prominente und unerhebliche Leute, Männlein und Weiblein langsam weiter, und alle, die mir mit größerer oder geringerer Ausgiebigkeit die Hand geschüttelt und versichert hatten, daß sie _so_ glücklich seien, mich zu treffen, fragen zwei Minuten später an der nächsten Säule meine Frau, wie es ihr gehe, und sind alle ausnahmslos so glücklich, sie zu treffen. Zuletzt kommt das junge Volk an die Reihe: lustige Studentinnen, die mit einem vergnügten Knall in die Hand einschlagen und die Affäre mit dem stereotypen „_How d’ye do?_“ möglichst rasch erledigen, oder aber kichernd ihre deutschen Brocken anzubringen versuchen. Unter den letzten ist ein lang aufgeschossener Student mit sehr großen roten und kalten Händen, der mir sein deutsches Literaturgeschichtsbuch mit der Bitte überreicht, ihm da etwas hineinzuschreiben.
„Stehe ich drin in diesem Leitfaden?“ frage ich den glatten Jüngling.
„Ich bin betrübt, nein zu sagen,“ lächelte er verlegen, und ich attestiere es ihm schriftlich in sein Buch hinein, daß das eine ganz miserable Literaturgeschichte sei.
(M5)