Part 19
So müßte ich also meinen Antrag, Landschaftsregisseure für die Vereinigten Staaten zu ernennen, hoffnungslos fallen lassen? Vielleicht doch nicht ganz. Im weiten Süden, im äußersten Norden und im fernen Westen ist noch Platz genug für Hunderte, ja Tausende von neuen Ansiedlungen. Wenn die gesetzgebenden Körperschaften der betreffenden Bundesstaaten es zur Bedingung für neue Gründungen machten, daß die Pläne nicht ohne Hinzuziehung bewährter Künstler entworfen und ausgeführt werden dürften, so wäre von diesen neuen Städten und Dörfern des 20. Jahrhunderts doch wohl ein bißchen mehr Stil zu erhoffen. Ich kenne das neue San Franzisko nicht; ich weiß nicht, ob man bei dieser kostbaren Gelegenheit schon daran gedacht hat, die künstlerische Regie in ihre Rechte einzusetzen. Die Amerikaner behaupten ja, daß ihr neues Frisko, ihre neue Handelsmetropole Seattle und andere nordwestliche Gründungen von hervorragender Schönheit seien. Nun, dann würde zum erstenmal in der Weltgeschichte das Licht von Westen kommen. Im ganzen Osten der Union sieht es bisher noch aus wie in einer Kinderstube, in der unartige Buben alles durcheinander geworfen und vor dem Schlafengehen nicht fortgeräumt haben. Von dem großen Völkerumzug sind noch überall die ausgeräumten Kisten, die Stroh- und Papierhüllen, die ausgerissenen Nägel und zerschnittenen Stricke liegen geblieben. Wenn erst der Osten sich vor dem Westen zu schämen beginnt, dann findet er vielleicht auch Zeit, endlich einmal gründlich aufzuräumen. Und in der aufgeräumten Landschaft, dem gesäuberten Stadtbilde werden wenigstens die gröbsten Scheußlichkeiten so unliebsam auffallen, daß man sich um so mehr beeilt, sie gänzlich wegzutilgen und durch Schöneres zu ersetzen. Dann wird es eine starke Nachfrage geben nach solchen Regisseuren, wie ich mir sie denke, und wir Deutschen, die wir der Neuen Welt durch unsere Missionäre den Geschmack an edler Musik beigebracht haben, werden dann auch vielleicht berufen sein, als kostbarsten Importartikel Künstler hinüber zu senden, die nicht nur Architekten, sondern stilistische Universalgenies sind, so gut wie unsere modernen Orchesterbeherrscher und Theaterregisseure. Vielleicht erlebe ich es noch, vor einer neuen amerikanischen Stadt eine schöne Tafel zu erblicken, auf der unter ihrem Namen an Stelle des bei uns üblichen Hinweises auf Regierungsbezirk, Kreis und Landwehr-Bataillon zu lesen wäre: „Gestiftet von Carnegie, in Szene gesetzt von Johann Nepomuk Huber aus München-Pasing.“
DOLLARICAS INFAMSTER SCHURKE.
(M83)
Ich bin niemals ein Pessimist gewesen. Ich habe den zahlreichen Leuten gegenüber, welche mir dringend anrieten, mich vor schmerzlichen Enttäuschungen dadurch zu schützen, daß ich meine Mitmenschen von vornherein jeder Bosheit und Niedertracht für fähig halten möge, stets mit Ernst und Eifer die Meinung verfochten, daß alle Kreatur von Mutterleibe an zur Ehrlichkeit und Biederkeit veranlagt sei, und daß nur widrige Umstände, zumeist gänzlich unverschuldeter Art, wie üble Herkunft, leibliche Not und ungestillte Sehnsüchte der Seele die bösen Triebe gewaltsam einzuimpfen vermöchten. Seitdem ich aber in Chicago (Illinois) Dollaricas infamsten Schurken kennen gelernt habe, muß ich gestehen, daß meine Meinung von der Unschuld der Kreatur um so heftiger erschüttert wurde, als dieser infamste aller Schurken nicht einmal ein Mensch, sondern sogar ein Vierfüßler war, jenem sanften, geduldigen, wolletragenden Geschlecht entsprossen, das der Mensch sich zum Symbol demütiger Ergebung und verehrungswürdiger Dummheit erkoren hat. Der infamste Schurke der ganzen Vereinigten Staaten ist nämlich, gerade herausgesagt – _ein Hammel_, und zwar der Leithammel in _Armour & Co.’s Packing Company_ in den Chicagoer Schlachthöfen. Wenn ich der pessimistische Menschenverachter wäre, der ich, wie gesagt, nicht bin, so würde ich diesen Hammel eine _eingemenschte Bestie_ titulieren. Denn wer hätte es je für möglich gehalten, daß ein Schafskopf so viel Niederträchtigkeit beherbergen könne?! Nichts in dem vertrauenerweckenden Äußeren dieses Hammels deutet auf die Schändlichkeit seines Berufes hin. Sein stets vergnügtes Schafsgesicht verklärt das satte Lächeln eines gutmütigen Pfäffleins auf fetter Pfründe, und sein Gebaren und Gehaben ist ganz dasjenige eines beleibten, aber noch rüstigen alten Herren, der unter Umständen wohl noch zu lockeren Streichen aufgelegt ist. Offenbar hat ihm diese so geschickt getragene Maske der Bonhomie zu der einträglichen Stellung bei Armour & Co. verholfen.
Dieser ehrenwerte Beamte erfüllt nämlich die Aufgabe, während der Schlachtperiode Hunderte und Aberhunderte, Tausende und Abertausende seiner unschuldigen, nichts ahnenden Familienangehörigen und Standesgenossen der Menschheit ans Messer zu liefern. In langen Eisenbahnzügen treffen sie aus allen Teilen der Union in den _Stockyards_ von Chicago zusammen. Die Wagentüren öffnen sich, und froh, der langen grausamen Haft entrinnen zu können, drängen sich die Scharen munterer Hammel von Ohio, Indiana, Illinois, ja selbst von Alabama, Jowa, Kentucky, von Texas selbst und Arizona auf die bequemen schiefen Ebenen, und ihren bedrängten Busen entringt sich das hoffnungsfreudige „Mäh“ der Erlösung von langer Qual. Weite Hürden nehmen sie auf, die krauswolligen, weißen und schwarzen Brüder und Schwestern, Vettern und Basen aus sämtlichen Staaten und Territorien der Union. Von vollen Raufen lockt das duftige Heu, in langen Rinnen der kräftig gemischte Trank. Und doch, die rechte Freudigkeit kann nicht aufkommen, denn alle diese Schafsseelen sind noch erfüllt von seliger Erinnerung an blauen Himmel, grüne Weide, kristallklare Bäche und muntere Spiele unter der freundlichen Aufsicht treu besorgter Hunde und frommer Schäfer; hier aber engen himmelhohe rotbraune Mauern sie ein, statt lustiger weißer Lämmerwölkchen wälzen schwere, schwarze Rauchschwaden sich ihnen zu Häupten daher, und statt des feierlichen Schweigens der Natur umtost das dumpfe Maschinengebrüll rastlos gieriger Menschenarbeit ihre erschrockenen Ohren. Traurig lassen sie die Schwänzlein und die Köpfe hängen, lassen sie die Trankrinne und die Futterraufe unberührt.
(M84)
Siehe, da naht sich ihnen als Bote aus dieser beängstigend fremden Welt mit freundlicher, onkelhafter Vertraulichkeit ein fetter Hammel in den besten Jahren: „Munter, meine lieben Kinder, munter!“ beginnt er in humoristisch gefärbtem Bockston, und alsbald umdrängt ihn ein dichter Kreis von Zuhörern. „Ihr habt nicht die geringste Ursache, Ohren und Schwänze mutlos hängen zu lassen; oder ist es vielleicht nicht eine große Ehre für euch ungebildete Prairieschafe, in die große Millionenstadt Chicago zu Besuch zu kommen? Meint ihr vielleicht, ihr wäret die einzigen Schafsköpfe hier am Orte, mähähähä!? Hier geht es hoch her, das könnt ihr mir glauben auf mein ehrliches Gesicht, und die Zeit wird euch hier nicht lang werden, auf Eh – hähähähä – re! Ich habe es zwar nicht nötig, mich für euch aufzuopfern, denn ich befinde mich Gott sei Dank in einer auskömmlichen und gesellschaftlich angesehenen Position, aber ich will mich dennoch eurer hilflosen Ländlichkeit annehmen, weil doch nun einmal der Korpsgeist in unserer Familie so stark entwickelt ist. Auf, mir nach, ich führe euch zu einem lustigen Spielplatz, wo kein Hund und kein Hirte uns geniert.“ – Und leichtfüßig tänzelt der feiste Onkel voran einen glatt gedielten Steg hinauf, der so schmal ist, daß nur zwei knapp nebeneinander gehen können, aber sicher eingeplankt, so daß keines an den Seiten herauspurzeln kann. Schon dieser Anfang des Vergnügens ist vielversprechend. Wie auf einer Berg- und Talbahn oder einer russischen Rutschpartie geht’s auf diesen engen Bretterwegen hinauf, hinab und kreuz und quer, und die Tausende von leichten Hammelbeinchen trippeln und trappeln fein langsam hinauf und im lustigen Hui herunter, daß es klingt, wie wenn in schwülen Frühlingstagen St. Peter Erbsen siebt. Ein Auf- und Abschwellen wie Hagelrauschen in launischen Böen, ein dumpfes Wirbeln wie von gedämpften Trommeln, – als sollten durch solchen Trauermarsch den unschuldig Verurteilten die militärischen letzten Ehren erwiesen werden. Der muntere Leithammel immer an der Spitze, tapp tapp tapp, hinauf, und hurrdiburr hinunter, und zuletzt auf ein schmales Türchen in der rotbraunen Mauer zu. Gar im Galopp mit einem lustigen Bocksprung setzt er in die Seligkeit hinein. In einem Sprungtuch wird er aufgefangen und mit einem Ruck in ein gemütliches Seitenkabinett in Sicherheit gebracht, während seine Stammgenossen unaufhaltsam, einer nach dem anderen, zu Dutzenden, zu Hunderten, zu Tausenden ihm nachspringen in die finstere Todesnacht. Ein eiserner Haken erwischt sie an einem Hinterschenkel, an einer Kette fliegen sie mit dem Kopf nach unten aufwärts, ein gewaltiges Rad empfängt sie, hebt sie in weitem Bogen hoch und läßt sie auf der andern Seite rasch abwärts schweben der Stelle zu, wo der Mörder mit seinem blutigen Messer steht. Ein sicherer Stoß – und lautlos haben sie ausgelitten. Derweile läßt sich’s der erprobte Beamte von Armour & Co. in seinem Privatkabinett bei frischem Maisschrot und duftigen Lupinen wohl sein, bis man ihn abruft, um auf geheimem Gange sich abermals zu den neu Angekommenen in die Hürden hinunter zu begeben und seinen niederträchtigen Trick aufs neue auszuführen. Wenn er ein Mensch wäre, so würde er sicher auf seine alten Tage fromm werden, das Gebetbuch auswendig lernen, fleißig in geistlichen Kreisen verkehren und sein Vermögen wohltätigen Stiftungen vermachen; da er nur ein Hammel ist, hat er aber nicht einmal das Bedürfnis, sein Gewissen zu betäuben. Er bedarf nicht des Alkohols, um seinen Mut zur Infamie täglich neu zu entflammen, sondern sein eigentümlich hammelhafter Ehrbegriff läßt ihn vielmehr seinen Stolz drein setzen, jahrein, jahraus mit der gleichen heiteren Selbstverständlichkeit seine verräterische, gemeine Mordarbeit zu verrichten, bis er in Pension geht oder bis Herzverfettung oder versetzte Blähungen ihm unversehens den Garaus machen. – Habe ich nicht recht, diesen Oberaga der weißen Eunuchen von Chicago für den infamsten Schurken der ganzen Vereinigten Staaten zu erklären?
(M85)
Vielleicht, mein Herr, oder Sie, meine schöne Leserin, werden Sie mir entgegnen wollen, daß die Unschuld der Kreatur von Armour & Co. nur schändlich mißbraucht werde, indem der Leithammel sicherlich nicht wisse, daß seine von ihm verführten Artgenossen dem Tode verfallen seien. – Ich kann das leider nicht glauben; denn ich bin fest überzeugt, daß auch dem geistig mindestbegabten Tier der Blutgeruch, der die Chicagoer Schlachthöfe umwittert, eine Ahnung seines Schicksals aufzwingen muß, sobald es nur den Eisenbahnwagen verläßt. Und da ein Leithammel doch jedenfalls die Blüte der Intelligenz der Hammelschaft darstellt, so ist es doch schwer glaublich, daß gerade ihm der Umstand nicht zu denken geben sollte, daß alle die von ihm angeführten Herden auf Nimmerwiedersehen in dem Abgrund verschwinden, dem jener heiße Blutgeruch entströmt, und daß es immer wieder neue Bataillone von Schafen, Regimenter von Hammeln sind, an deren Spitze er anfeuernd dem schwarzen Loche zu galoppiert. Fraglich könnte es nur erscheinen, ob der Mensch, der sich solcher abgrundtiefen Gewissenlosigkeit einer gemeinen Hammelseele zu seinen Zwecken bedient, nicht noch eine größere Kanaille sei, als der Hammel selbst. Es ist ein beliebter Trick des menschlichen Genius, die garstig anrüchigen Handlungen, die im Interesse seiner höheren Zwecke verrichtet werden müssen, nicht selbst zu verrichten, sondern sich dafür scheinbar harmloser Umwege zu bedienen. So hat die edle weiße Haut der roten Haut ihre Spezialkrankheiten anvertraut und sie dadurch, unter freundlicher Nachhilfe des edlen Feuerwassers, langsam aber sicher vernichtet. Ja, man hat es sogar schon verstanden, eine Religion, die heiligste Ausstrahlung eines großen Herzens voller Liebe und eines tiefen, weltumfassenden Geistes, in zweckentsprechender Umgestaltung als wirksamstes Mittel zur Unterjochung und Vernichtung kraftvoller Völker zu verwenden. Solchen imposanten Großtaten menschlicher Niedertracht gegenüber will es moralisch nicht viel bedeuten, wenn die Herren Armour & Co. die Bestechlichkeit einer infamen Hammelseele benutzen, um ohne Tierquälerei und unliebsames Aufsehen ihren menschenfreundlichen Zweck zu erreichen. Und Menschenfreunde muß man doch diese genialen Unternehmer nennen, welche ganz Nordamerika tagtäglich mit leckeren Braten und die ganze bewohnte Erde mit ihren sauber in Blech verpackten, gepökelten und geräucherten Fleischwaren versehen. Wer an einem glänzenden Beispiel lernen will, wie der Menschengeist es fertig bringt, durch blutigen Mord und schnöden Verrat hindurch mit Einsatz aller seiner Erfindungskraft und körperlichen Geschicklichkeit schließlich dazu gelangen kann, die Vollendung des Zweckmäßigen sogar bis zum künstlerisch Erbaulichen zu steigern, der sehe sich das Verfahren in den Chicagoer Stockyards an.
Durch Upton Sinclaires berühmten Roman „_The Jungle_“ (der Sumpf) sind ja die Augen der ganzen Welt auf Armour & Co.’s Packing Company gerichtet worden. Ganz Europa ist es nach diesem Roman übel geworden. Es hat monatelang kein _corned beef_ mehr gekauft, in der Meinung, daß in den hübschen, sauberen Blechbüchsen mehr Rattenschwänze, abgehackte Menschenfinger und andere leckere Zutaten vorhanden wären, als solides Ochsen- und Schweinefleisch. Wer aber selber in jüngster Zeit, wie ich, die Schlachthäuser und Packräume Armours aufmerksam durchwandert hat, der wird doch sagen müssen, daß entweder Mister Sinclaire ein arger Schwarzseher und Schwarzmaler sein, oder daß die Gesellschaft sich sein Buch inzwischen zu Herzen genommen und durchgreifende Verbesserungen gemacht haben müsse. Denn so wie das Unternehmen sich heute präsentiert, bedeutet es einfach einen bisher unerreichten Gipfel in bezug auf sinnreichste Ausnutzung der Maschine und der menschlichen Arbeitskraft, auf Reinlichkeit, strengste Disziplin und restlose Ausnutzung des verarbeiteten Materials.
An einem schönen klaren Wintertage brachte unser Chicagoer Gastfreund mich und meine Frau zu Armours und ersuchte einen ihm bekannten Beamten der Firma, uns herumzuführen. Es war zufällig derselbe Herr, der auch unseren Prinzen Heinrich geführt hatte. In der stolzen Haltung des freien Bürgers der größten Republik der Welt, d. h. die Hände in den Hosentaschen, eine ungeheure Havannanudel aus dem Mundwinkel herauslakelnd, machte uns dieser Herr zunächst einmal das Kompliment, daß unser kaiserlicher Prinz ein feiner Kerl – _a fine fellow_ – sei. Man habe ihn vorher instruiert gehabt, den hohen Herrn mit „_Your Royal Highness_“ anzureden; aber daran habe er sich nicht gewöhnen können, und es habe offenbar dem Prinzen ganz gut gefallen, einmal einfach wie irgendein anderer besserer Herr von anständiger Familie behandelt zu werden. Wir wurden darauf sofort in den Mittelpunkt der Hölle geleitet. Sehr vernünftiges amerikanisches Prinzip: denn wer dieses Schrecknis, ohne einen Nervenchok zu kriegen oder wenigstens in Ohnmacht zu fallen, aushält, dem kann überhaupt auf dieser Wanderung nichts Schlimmes mehr passieren.
(M86)
Eine schwere schmale Tür wird aufgestoßen; eine heiße Welle von süßlichem Blutdunst schlägt über unseren Köpfen zusammen, und das furchtbare, wahnsinnig verzweifelte Todesgekreisch der Schweine betäubt uns die Ohren, zerreißt uns das Herz. Wir stehen auf einer hohen schmalen Holzgalerie, die dick mit Sägespänen bestreut ist, und schauen zwei Stockwerke tief hinunter. Dicht an der Mauer im ersten Stockwerk unter uns dreht sich langsam eine riesige, metallene Scheibe, über die eine schwere, eiserne Kette läuft. Aus einem dunkeln Raum unter der Galerie, den wir nicht übersehen können, werden die Schweine von riesenstarken Fäusten eines nach dem anderen gepackt und ein an der Kette schwebender Haken um einen ihrer Hinterschenkel befestigt. Im nächsten Augenblick wird das Tier emporgehoben und mit dem Kopf nach unten, aus Leibeskräften strampelnd und schreiend, über die große Scheibe weggeführt. Auf der anderen Seite dieser Scheibe steht der Metzger. In dem Augenblick, wo die unendliche, sich langsam fortbewegende Kette das Tier an seinen Standort bringt, führt er den Todesstoß in den Hals aus. Ein dicker Blutstrom schießt heraus. Der Mann ist über und über mit Blut bespritzt; er hat hohe Stiefel an und steht bis an die Knöchel in einem Bluttümpel. Ein zweiter Mann in seiner Nähe hat die Aufgabe, mit einem großen Besen das Blut in ein Loch im Estrich hineinzufegen; in einem unterirdischen Bassin wird es zur weiteren Verwertung aufgefangen. Alle paar Sekunden passiert ein Schwein den Schlächter, so daß er in den wenigen Stunden, die seine Arbeitszeit dauert, Hunderten den Garaus macht. Der Mann ist der höchstbezahlte Arbeiter des Unternehmens, ein Meister in seinem gräßlichen Fache; aber unfehlbar ist seine Hand natürlich doch nicht, und manche der gestochenen Tiere zappeln und schreien noch eine ganze Weile weiter. Lange währt ihre Qual jedoch auf keinen Fall, denn die Kette führt sie in die untere Etage hinunter, und da werden sie abgeladen in ein gewaltiges Bassin voll kochenden Wassers. Darin sieht man von oben die weißen Schweineleichen in dichtem Gedränge durcheinanderquirlen, und wenn sie an der Kette wieder nach oben schweben, so sind sie bereits so sauber abgebrüht, wie man sie in unseren Metzgerläden in der Auslage hängen sieht. Kein Unterschied mehr zwischen schwarzen, gelben, grauen und gescheckten Schweinen. Blaßrosig, starr und schwach dampfend kommen sie in Abständen von etwa 2 Meter wieder in die obere Etage heraufgeschwebt. Wir verlassen die Schreckenskammer und schreiten auf unserer erhöhten Schaugalerie in einen großen, lichten Saal hinein. Da stehen auf einem schmalen Podium an der Fensterseite die Arbeiter mit ihren scharfen Messern, Äxten, Knochensägen und Lötlampen auf ihren Posten, und während die Kette in langsamer Vorwärtsbewegung das Schwein an ihm vorbeiführt, verrichtet jeder mit sicherer Hand immer dieselbe ihm zugewiesene Arbeit. Der erste führt einen Bauchschnitt der ganzen Länge des Körpers nach aus, der zweite rafft mit einem Griff die Gedärme heraus, der dritte schneidet den Kopf durch bis auf den Knochen, der vierte sägt den Halswirbel durch, ein anderer sengt mit der Lötlampe die etwa noch übriggebliebenen Borsten weg – und so fort. Am Ende des Saales beschreibt die Kette einen Bogen, um ihn dann in entgegengesetzter Bewegung noch einmal zu durchlaufen, und am Ende dieses ganzen Weges ist das Schwein sauber zerlegt, die Speckseiten herausgelöst, die Schinken, die Hacksen zur besonderen Verwendung beiseite gepackt.
(M87)
Ganz ähnlich ist der Hergang in dem Riesenraum, in welchem die Rinder bearbeitet werden. Aus einer Falltür werden sie von unten heraufgehoben und durch einen Schlag mit einem Hammer auf den Kopf betäubt. Nach dem Grausen der Schweineschlächterei wirkt diese Art des Massenmords geradezu zart gedämpft, man möchte fast sagen, liebenswürdig diskret, denn das Rind schreit nicht, es ist betäubt, bewegungslos noch bevor es ihm zum Bewußtsein kommt, daß es in den Tod zu gehen bestimmt ist. Gewaltige Maschinenkraft hebt das schwere, bewußtlose Tier an den Hinterfüßen in die Höhe, und an der dicken Ankerkette bewegt es sich langsam durch den großen Arbeitssaal. Am Kopfe hängt jedem Tier ein Eimer, in dem das Blut beim Schlachten aufgefangen wird, und so geschickt verrichten die Schlächtergesellen ihre Arbeit, daß man in diesem Saale, mit den Augen wenigstens, fast kein Blut gewahr wird. Da in dem mächtigen Rindskadaver die Arbeit nicht so geschwind von statten geht, wie bei dem Kleinvieh, so hängen die Rinder in großen Abständen an der Kette, und jeder Arbeiter geht dem ihm zugewiesenen Stück so lange nach, bis sein Anteil an dem Werk des Abhäutens, Zersägens und Zerteilens verrichtet ist. Der Grundsatz der Arbeitsteilung ist strikte durchgeführt. Ein Arbeiter hat nie etwas anderes zu tun, als das Rückgrat von oben bis unten durchzusägen, ein anderer nur das Abhäuten zu besorgen – und wehe dem, wenn er das wertvolle Fell durch einen ungeschickten Messerstich verletzt; sofortige Entlassung ist seine Strafe.
(M88)
Von den Schlachträumen gelangen wir tiefaufatmend in die frische Luft. Über hölzerne Brücken und Viadukte, auf denen Schmalspurbahnen laufen, die die verarbeiteten Fleischteile von einem Raum zum andern befördern, gehen wir in die Packhäuser hinüber, wo das gekochte, geräucherte und eingepökelte Fleisch in die bekannten Blechdosen verpackt wird. Maschinen von fabelhafter Präzision verfertigen vor unseren Augen die Tausende und Abertausende von Blechgefäßen, und die einzige Menschenarbeit, die hierbei in Anspruch genommen wird, ist das letzte Verlöten des Deckels und das Bekleben der Dosen mit den schönen, buntgedruckten Papieretiketten. Das Schlußstück in der seltsam aufregenden und dennoch bezaubernden Schau ist der Saal, in welchem nette junge Mädchen in weißen, steif gestärkten Häubchen und blendenden Kleiderschürzen an langen Tischen sitzen, mit feinen weißen Händen die dünnen Fleischscheiben, die die lautlos arbeitende Maschine vor jedem einzelnen Arbeitsplatz im unfehlbaren Rhythmus hinstreut, in die Blechbüchsen verpacken. Die tadellose Sauberkeit dieser Mädchenhände wird dadurch sinnfällig gemacht, daß nicht nur reichliche Wascheinrichtungen dem Beschauer sofort ins Auge fallen, sondern daß in einer Ecke des Saales auf einer erhöhten Tribüne eine artige Maniküre fortwährend an der Arbeit ist, um die Fingernägel zu säubern und streng vorschriftsmäßig im Verschnitt zu halten. Diese Maniküre und jener infamste Schurke Dollaricas, nämlich der Leit – hammel, stehen also als symbolische Gestalten am Eingang und am Ausgang einer der gewaltigsten industriellen Unternehmungen der Erde: brutalste Rücksichtslosigkeit und raffinierteste Delikatesse reichen sich die Hand zur Vollendung eines notwendigen Menschenwerkes. Der Zweck, nämlich die Versorgung der Menschheit mit tadellos zubereiteter Fleischspeise, heiligt die Mittel, und die Mittel heiligen wiederum auch den Zweck; denn um mir die gutgepökelte Zunge in sauberer, luftdicht verschlossener Büchse auf den Tisch zu setzen, haben Menschenwitz und Menschenfleiß ihr Letztes hergegeben und durch geniale Ausnützung des Materials und Hinaufsteigerung aller Energien zu äußersten Leistungen das blutige Chaos in vollendete und darum ästhetisch wirkende Harmonie verwandelt.
BAEDEKEREIEN FÜR AMERIKAFAHRER.
(M89)