Part 12
Talent und Liebe zur Kunst wuchsen bisher nur recht spärlich aus amerikanischem Boden hervor. Weder die Zuchthäusler und Abenteurer in der Zeit der Flegeljahre der neuen Welt, noch die frommen Pilgerväter haben irgendwelche Keime zur künstlerischen Entwicklung mit herübergebracht. Und bis die großen Kriege durchgekämpft, die Naturschätze erschlossen, das ungeheure Land bebaut und durch Eisenbahnen in Zusammenhang gebracht worden war, hatte jeder Mensch mit dem Kampf ums Dasein viel zu viel zu tun, um Muße zu künstlerischer Betätigung zu finden. Gegenwärtig ist diese Muße freilich schon für viele vorhanden, aber die Kunst hat dort noch keinen rechten Boden, weil in der Masse des Volkes noch kein wirkliches Bedürfnis nach ihr lebt. Eine Ahnung von der Wichtigkeit der Kunst als Kulturfaktor ist bisher nur einer kleinen Auslese von Höchstgebildeten aufgegangen, die große Masse jedoch sieht in ihr nur einen schmückenden Luxus, einen angenehmen Zeitvertreib. In der alten Welt entfaltete sich alle Kunst auf dem Boden uralten, oft umgeackerten und gedüngten Kulturlandes. Sie wurzelt in der frühesten Vergangenheit der Völker, in deren untersten Schichten, und ihr Wachstum stärkte sich an den Hemmungen, die sie zu überwinden hatte. Außerdem kann Kunst unmöglich von einem Volke hervorgebracht werden, das nicht zum mindesten eine aristokratische Vergangenheit gehabt hat. Jeder wahre Künstler ist ein geborener Aristokrat, der zwischen sich und den Viel zu Vielen, den Banausen und Philistern, eine hochmütige Scheidewand errichtet.
Die demokratische Anschauung von der Gleichheit der Menschen ist dem Instinkt des Künstlers ein Greuel. Und selbst jene naivste Betätigung schaffender Phantasie, die wir heute Volkslied nennen, bezieht ihre Gesetze, ihre Stoffe, ihre seelische Wesensart von Mustern, die in uralten Zeiten königliche Sänger aufstellten. In der Neuen Welt aber, in der eine historische Entwicklung in unserem Sinne kaum vorhanden ist, sondern wo immer gegenwärtige Resultate eines langsamen Werdegangs aus der Alten Welt fertig übernommen wurden, ist das Entstehen einer originalen Kunst vernünftigerweise auch noch gar nicht zu erwarten. Die Yankees, als Abkömmlinge der britischen Einwanderer, haben selbstverständlich eine angeborene Vorliebe für die englische Kunst und werden die von dort empfangenen Anregungen ausbauen; ebenso wie die Nachkommen der deutschen Einwanderer sich instinktmäßig an die deutschen Vorbilder klammern werden. Die Besonderheit der amerikanischen Landschaft wird natürlich ihren Einfluß auf die Malerei, die eigenartigen Lebensbedingungen der Neuen Welt auf die Architektur einen bestimmenden Einfluß ausüben. Darum ist es selbstverständlich, daß in diesen beiden Künsten zunächst eigenartige Leistungen zu erwarten und ja auch gegenwärtig schon vorhanden sind. Dagegen kann man von einem Volke, das gar keine eigene Sprache besitzt, auch keine originale Poesie verlangen, und die Musik ist, zum mindesten mit ihrem Rhythmus, so fest an die Sprache gebunden, daß allein schon aus diesem Umstande der bisherige Mangel einer amerikanischen Musik sich ohne weiteres begreifen läßt. Das schließt natürlich nicht aus, daß geborene Amerikaner ganz hervorragende Leistungen auf Kunstgebieten vollbringen können, deren ausländische Muster sie mit besonderer Liebe studiert haben und deren inneres Wesen ihnen besonders nahe liegt. Erst wenn die Völkerwanderung nach der Neuen Welt einmal aufgehört und eine wirkliche chemische Durchdringung der verschiedenen Rassenelemente stattgefunden haben wird, kann sich so etwas wie eine allamerikanische Seele entwickeln, aus der dann folgerichtig auch eine originale amerikanische Kunst hervorgehen müßte.
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Wie die Dinge heute noch liegen, wäre aber beispielsweise ein jugendlicher Yankee, der sich freiwillig dazu hergeben möchte, das Hungerleiderdasein eines deutschen oder französischen Poeten zu führen, eine undenkbare komische Figur. Der poetisch begabte Jüngling fängt drüben mit der Journalistik an, oder er betreibt das Dichten neben seinem soliden Broterwerb. Hat er mit einem Genre keinen Erfolg, so probiert er es eben mit einem anderen. Schwerlich wird es ihm einfallen, sich trotzig wider den Geschmack der Zeit und der großen Masse aufzulehnen. Auch wenn er Neues, Eigenartiges zu sagen hat, wird er sein Publikum nicht rücksichtslos damit erschrecken, sondern es allmählich vorzubereiten suchen. Die Beschäftigung mit Literatur, Kunst und anderen rein idealen Dingen ist eben drüben ein vornehmer Zeitvertreib für Ausnahmemenschen, besonders also für solche, die keine Sorge um das tägliche Brot mehr drückt. Man setzt auch voraus, daß der Mann, der einen Beruf aus dem Dichten, Musizieren, Malen usw. macht, vor allen Dingen ein Gentleman sei, also ein gut angezogenes Mitglied der auserwählten Gesellschaft mit normalen Manieren und auch einigermaßen normalen Gesinnungen. Es ist bezeichnend, daß der Name _Bohemiens_, der für Künstler- und Literatenklubs besonders beliebt ist, mit Vorliebe von Vereinigungen recht wohlhabender Männer gewählt wird, die es sich leisten können, ihre festlichen Sitzungen in den vornehmsten Hotels abzuhalten und dazu nichts als französischen Sekt zu trinken. Der richtige Bohemien kann schon deshalb drüben unmöglich gedeihen, weil es keine Kaffeehäuser gibt. Es kommt vorläufig auch noch selten vor, daß künstlerische, besonders literarische Talente aus den untersten Volksschichten hervorgehen, weil in denen noch alles Sinnen und Trachten auf materiellen Erwerb gerichtet ist. In New York gibt es allerdings einen hervorragenden Dichter, der Sattler und Tapezierer ist – Hugo Bertsch heißt er – aber der schreibt Deutsch und ist aus Reichelsheim i. O. gebürtig.
Bemerkenswert ist, daß einer der wenigen jungen Dramatiker, die damit begonnen haben, sich von der herrschenden Prüderie und Konvention freizumachen und die amerikanische Bühne für moderne Probleme zu erobern, nämlich der anderwärts von mir schon erwähnte Walter von unten heraufgekommen ist, gehörig gehungert und im Zentralpark gepennt hat, bevor er bekannt wurde. Auch der ausgezeichnete Romanschreiber Jack London, der sich durch starke Eigenart spezifisch amerikanischer Färbung auszeichnet, hat als Goldgräber angefangen, obwohl er eine gute wissenschaftliche Bildung genossen hatte. Bret Hart begann seine Laufbahn gleichfalls als Goldgräber und betätigte sich nacheinander als Lehrer, Postbote und Schriftsetzer, bevor er Professor der Literatur wurde. Auch Mark Twain begann als Setzer und wurde dann bekanntlich Lotse auf dem Mississippi. Edgar Allan Poe war zwar reicher Eltern Kind, wurde aber wegen schlechter Aufführung von der Universität und der Militärakademie relegiert und desertierte aus der Armee, bevor er sich zu dem berühmten Dichter entwickelte. Walt Whitman, ursprünglich gleichfalls Buchdrucker, gewann seinen Lebensunterhalt als Subalternbeamter im Ministerium. Einzig Longfellow von den bekannteren Dichtern stammte aus höheren Kreisen und erwarb regelrechte akademische Grade, aber auch er betätigte sich zunächst als Rechtsanwalt.
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Es scheint also, daß auch im neuen Lande das alte Gesetz, daß die künstlerischen Kräfte am Widerstand erstarken, Geltung besitze. In dem Paradiese der absoluten Gegenwart, dessen glückliche Bewohner so gern alles, was ist, gut finden, wie der liebe Gott sein Schöpfungswerk, haben natürlich nur die Narren Lust, wider den Strom zu schwimmen. Die vernünftigen Kunstbeflissenen trachten aber, nur marktgängige Ware zu liefern, und marktgängig ist, was dem Unterhaltungs- und Sensationsbedürfnis entspricht. Es wird ungeheuer viel gelesen in Amerika, folglich ist mit der Anfertigung von Literatur ein gutes Geschäft zu machen für diejenigen, die sich auf den Geschmack des Publikums verstehen. Dieser Geschmack heißt aber immer noch: Hintertreppengeschehnisse im Gartenlaubenstil vorgetragen. Verbrecher und Detektivs sind nicht nur bei den ganz kleinen Leuten die beliebtesten Helden. Es müssen daher auch ernste Schriftsteller, z. B. solche, die ihr soziales Gewissen auf das Gebiet des Anklageromans verlockt, auf sensationelle Erfindung und auf strenge Wahrung einer stubenreinen Reputierlichkeit bedacht sein. Sicherlich würde die Entwicklung des künstlerischen Geschmacks bei dem amerikanischen Volk, das doch wahrhaftig weder ängstlich noch begriffsstutzig ist, viel raschere Fortschritte machen, wenn nicht die Tagespresse die mehr als kindliche Oberflächlichkeit des Urteils in unverantwortlicher Weise nährte. Aber das ist ein Kapital für sich.
VOM THEATER IM YANKEELANDE.
Wer das englische Theater kennt, der kennt auch das amerikanische. Die Yankees haben es mit all seinen Licht- und Schattenseiten herübergenommen, nur daß die Qualität ihrer besten darstellerischen Leistungen doch wohl noch um einiges hinter den besten englischen zurückbleibt, was bei dem Fehlen einer guten alten Tradition nicht zu verwundern ist. Hüben wie drüben ist für das Drama hohen Stiles kein großes Publikum vorhanden, und darum suchen Bühnen, die diese vornehmste Dichtungsgattung pflegen, die große Masse durch raffinierte szenische Wirkungen, durch Pomp und Massenentfaltung anzulocken. Für das moderne Gesellschaftsdrama und das feinere Lustspiel sind schauspielerische Begabungen besonders häufig vorhanden, und da die Dichtung noch in keinem Lande englischer Zunge – mit verschwindend wenigen Ausnahmen – vom Konventionellen zum Individuellen aufgerückt ist, so sind diesseits wie jenseits des Ozeans die besten Schauspieler, ebenso wie die unbedeutendsten, Spezialisten für das Rollenfach, in welches äußere Erscheinung, Stimmklang und Temperament sie verweisen. Sie alle spielen also im Grunde genommen nicht nur solange ein Stück läuft, sondern ihr ganzes Leben lang ein und dieselbe Rolle. Es ist wohl allgemein bekannt, daß man drüben Theater mit wechselndem Repertoir bisher noch nicht kennt. Für jedes neue Stück wird eine Truppe zusammengestellt, und wenn das in der Hauptstadt abgespielt ist, wandert die Truppe damit in die Provinz, um sich aufzulösen, sobald seine Zugkraft erschöpft ist. Wer also drüben die Schauspielerei zum Beruf erwählt, der muß schon über recht beträchtliche Reserven an Körper- und Geisteskraft verfügen, wenn er nicht der sicheren Verblödung und der unheilbaren Fettsucht verfallen will. Der erste Versuch, in den Vereinigten Staaten ein vornehmes Schauspielhaus mit wechselndem Repertoir nach künstlerischen Grundsätzen ins Leben zu rufen, wurde im vergangenen Jahre in New York von einer Anzahl reicher Theaterfreunde gemacht durch die Gründung des _New Theatre_. Und dieser Versuch ist gescheitert, obwohl fast unbeschränkte Mittel und eine auserlesene Schar feingebildeter, sehr tüchtiger Schauspieler zur Verfügung stand, auch die Leitung in keineswegs ungeschickten Händen lag. Ich habe in diesem Theater eine Aufführung von Maeterlinks „Der blaue Vogel“ gesehen, die in bezug auf die darstellerischen Leistungen sehr gut und in bezug auf künstlerische Inszenesetzung sogar ganz hervorragend geschmackvoll war, und dennoch gaben die Unternehmer den Versuch schon nach Beendigung der ersten Spielzeit als vorläufig aussichtslos auf! Es wurden allerlei Gründe für dieses seltsame Fiasko ins Feld geführt; mir scheint der erheblichste und zugleich auch betrüblichste der zu sein, daß für das Schauspiel die Anzahl der künstlerisch wohlerzogenen New Yorker noch zu klein ist, um ein solches Unternehmen geschäftlich halten zu können. Man ist es einfach noch nicht gewöhnt in jenen Gesellschaftskreisen, die für den Besuch eines den Ansprüchen verfeinerten Geschmacks gewidmeten Theaters in Frage kommen, täglich nach dem Theaterzettel zu sehen und sich womöglich gar wegen einer Vorstellung, die vielleicht bald wieder vom Spielplan verschwindet, in seinen häuslichen Gewohnheiten und gesellschaftlichen Pflichten stören zu lassen. Wenn es die große Oper gilt, nimmt man freilich alle möglichen Unbequemlichkeiten mit in den Kauf; aber das ist eben die große Oper, die _muß_ wechselndes Repertoir haben, weil dieselben Sänger nicht alle Tage große Partien singen können; und außerdem gehört die große Oper auch mehr zu den gesellschaftlichen Veranstaltungen, denen man seiner Stellung wegen Opfer bringen muß, als zu den bloßen künstlerischen Unterhaltungen. Ein vornehmes Schauspielhaus mit wechselndem Repertoir würde ohne Zweifel ebensogut möglich sein wie das Millionen verschlingende _Metropolitan Opera House_, sobald es bei dem hohen Adel und den Großwürdenträgern der demokratischen Gesellschaft _de rigueur_ wäre, auch in diesem Schauspielhaus eine Loge zu besitzen und sich dort mit seinen Freunden zu treffen. Bis dahin aber und bis ein mächtig aufblühendes nationales Drama des Yankeetums nach einer nationalen Bühne schreit, wird noch viel Wasser den Hudson hinunterlaufen.
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Mit der Oper steht es trotz der Starwirtschaft ganz erheblich besser als mit dem Schauspiel, weil die Oper ein internationales Unternehmen ist, dem es vorläufig ganz gleichgültig sein kann, ob ihm einheimische Kräfte als Komponisten und als Sänger zuwachsen oder nicht; denn sie kann ihren Bedarf durch die Meisterwerke und Gesangssterne Europas vollkommen decken. Im übrigen wird die beste Oper immer da vorhanden sein, wo das meiste Geld zur Verfügung ist, vorausgesetzt daß die Leitung nicht gänzlich unfähig ist. Mit dem nötigen Geld kann man sich nicht nur die besten Sänger und Sängerinnen der Welt, sondern auch die genialsten Kapellmeister und Regisseure der Welt kaufen. Wo anders als in dem Lande, wo die _Greenbacks_ (Dollarscheine) so leicht das Fliegen lernen, wäre es möglich, ein genügend zahlreiches Personal von Sängern und Sängerinnen, darunter die berühmtesten Künstlernamen der Welt, zusammenzubringen, um damit die deutschen Meisterwerke der Opernliteratur deutsch, die französischen französisch und die italienischen italienisch darzustellen?! Trotzdem das Riesenhaus immer voll und die Eintrittspreise für unsere Begriffe sehr hoch sind, ist doch immer ein Defizit vorhanden, das jedoch durch die Freigebigkeit der milliardenschweren Logenbesitzer immer gedeckt wird. Es ist also selbstverständlich, daß keine Opernbühne Europas an Großartigkeit des Betriebes mit der New Yorker Oper wetteifern kann. Es versteht sich also auch ganz von selbst, daß man in diesem Theater Vorstellungen erleben kann, die nicht nur an äußerem Glanz, sondern auch an echter künstlerischer Qualität alles übertreffen, was selbst Wien, Berlin, München, Dresden, Paris, Mailand, Petersburg und London zu bieten vermögen. Andererseits treten aber freilich auch die großen Gefahren dieses amerikanischen Systems, bei dem die starke Triebfeder eines hingebenden künstlerischen Idealismus durch eitle Prahlsucht und Geldprotzentum ersetzt werden, sofort grell zutage, sobald in der Wahl der leitenden Kräfte ein Mißgriff erfolgt ist oder diese Kräfte die Lust verlieren, für das viele Geld, das sie bekommen, wirklich ihr Bestes zu tun. Aber schließlich wird überall mit Wasser gekocht, und eine ununterbrochene Reihe wirklicher Weihefestspiele kann es eben nur unter Bedingungen geben, wie sie Bayreuth sich geschaffen hat. Es ist jedenfalls ungerecht und töricht von uns Europäern, die glänzenden Veranstaltungen der Metropolitan-Oper geringschätzig als eitel Blendwerk abzutun. Die Herren Milliardäre bekommen für ihr gutes Geld wirklich gute Opernkunst geliefert.
(M50)
Das Beste, was ich in den Vereinigten Staaten von Komödienspiel erlebt habe, fand ich in einem der fünf jiddischen Theater an der Bowery, dem New Yorker Ghetto, wo die frisch eingewanderten russischen Juden noch zu Tausenden beieinander hocken. „_The Miners_“ (die Bergleute) hieß das Theater, unansehnlich von außen, eng, schmutzig und in allen Einrichtungen veraltet von innen. Es wird nur zwei, höchstens dreimal die Woche gespielt an diesen kleinen Dialektbühnen; aber obwohl es nicht Schabbes, war das Haus gesteckt voll. Ganze Familien mit Kind und Kegel im Parterre, die besseren Leute im ersten Rang, die großen Glaubensgenossen, die schon ihr Ziel erreicht, in den Protzszeniumslogen, und auf der Galerie die Arbeiter und kleinen Gewerbetreibenden, ärmlich und schäbig anzuschauen, mit steifen kleinen Hüten oder schmutzigen russischen Mützen auf dem Kopf. Sie sind gekommen, um den derzeit vortrefflichsten Schauspieler ihrer Zunge, _David Keßler_, zu sehen, der zugleich der künstlerische und geschäftliche Leiter des Unternehmens ist. Das Stück hieß: „Jankel, der Schmied“, von _David Pinsky_, einem jüdischen Autor, der schon einmal bei Reinhardt durchgefallen ist, eine naturalistische Kleinmalerei aus dem Leben der jüdischen Kleinbürger in Rußland, ein bis zum Ekel unerquickliches Stück Wahrheit von einer Erbarmungslosigkeit, wie sie auf der deutschen Bühne seit Hauptmanns „Vor Sonnenaufgang“ kaum mehr dagewesen ist. Und diese heimatlosen Weltwanderer, diese schwitzenden und keuchenden Arbeitstiere mit dem starken Drange nach Ruhe, Behaglichkeit, Schönheit, Licht und Glanz im Herzen, die in den Zwischenakten ein so wildes, mauschelndes Geschnatter vollführen, daß einem die Ohren gellen, sie lauschen andachtsvoll gebannt, sobald der Vorhang hochgeht, als ob diese ihre nationale Kunst, die ihnen kaum etwas anderes bietet, als den tiefen Einblick in unsäglich traurige Familienverhältnisse und widrige Menschenseelen, sie nehmen all dies Häßliche mit gelassenem Ernst hin und begrüßen die derben Späße oder auch die wenigen idyllisch gemütvollen Lichtblicke in dieser trostlosen Öde mit dankbarem Gelächter und begeistertem Beifall. Was aber wirklich an dieser seltsamen dramatischen Kunst auch für den rassenfremden Zuschauer des begeisterten Beifalls würdig ist, das ist neben der scharfen, treffsicheren Zeichenkunst des Dichters die wirklich vollendete Leistung sämtlicher Darsteller; denn nicht nur das Haupt der Gesellschaft, dieser David Keßler, ist ein wirklich großer Charakterdarsteller, der ganz und gar in dem vom Dichter geschaffenen Menschen aufzugehen versteht, sondern alle seine Schauspieler und Schauspielerinnen erscheinen mit ihren Aufgaben derartig verwachsen, als ob sie einfach sich selber ohne jede Rücksicht auf die Optik der Bühne und die Sinne der Zuschauer darzustellen hätten. Im Zwischenakt machte ich die Bekanntschaft David Keßlers und war nicht wenig erstaunt aus seinem Munde zu hören, daß außer ihm gar keine Berufsschauspieler in seiner Truppe vorhanden seien, sondern daß er sich die Leute von überallher zusammengelesen und zum Theaterspielen gedrillt habe. Dieser vorzügliche komische Episodenspieler handelt tagsüber mit alten Hosen, diese schlichte sentimentale Liebhaberin, die so ergreifende Gemütstöne findet, ist vielleicht Dienstmädchen in einer besseren jüdischen Familie, und diese ausgezeichnete komische Alte mit dem ewig verrutschten schwarzen Scheitel auf ihrem ehrwürdigen grauen Haar zieht uns beiseite und erzählt uns mit stolz aufleuchtenden Augen, daß sie mit ihrer Hände Arbeit ihren einzigen Sohn so weit gebracht habe, daß er nun schon als Advokat in dem fremden Lande eine geachtete Stellung einnehme und einer glänzenden Zukunft entgegengehe. Am Schluß des Stückes bricht ein tobender Beifall los, der sich sonderbarerweise außer in Klatschen und wildem Trampeln auch in gellenden Pfiffen äußert, und sobald David Keßler auf der Bühne erscheint, rufen ihm Hunderte von Stimmen zu: „_Speech, speech!_“ Der derbe vierschrötige Gesell steht unschlüssig mit niedergeschlagenen Augen da, und dann stammelt er im Jargon ein paar Worte des Dankes. Wie er sich aber zum Abgehen wendet, wird von der Galerie her der Ruf nach Musik laut. Da macht er kehrt, stampft bis an die Rampe vor und hebt fast drohend den Arm in der Richtung, von wo der Ruf kam. „Wer Musik haben will,“ ruft er in kaum unterdrückter Entrüstung, „der mag ins Tingeltangel gehen, hier ist nicht der Ort für trivialen Ohrenschmaus, hier wird unsere dramatische Kunst mit heißem Bemühen für unsere Leute gepflegt. Hier stehe ich seit einer Reihe von Jahren und tue mein Äußerstes, um euch, meinen armen Landsleuten und Glaubensgenossen, eine nationale Kunst zu geben, wie ihr sie braucht, und wie ihr sie versteht. Schritt für Schritt habe ich versucht, euch zum Kunstbedürfnis und Kunstverständnis zu erziehen, mit dem Einfachsten und Verständlichsten habe ich angefangen, um euch vorzubereiten auf das Tiefere, das Ernstere, auf das Hohe und Heilige, und jetzt schreit ihr nach Musik! Dankt ihr mir so?!“
(M51)
Es dürfte selbst für den abendländischen Juden schwer sein, das russisch-jiddische Idiom zu verstehen, aber man hört sich allmählich hinein. Ich wenigstens vermochte vom dritten Akt ab schon ganz leidlich zu folgen, und so glaube ich, daß ich auch den Gedankengang dieser aus echter Leidenschaft heraus improvisierten Rede ziemlich richtig verstanden habe. Ganz still und beschämt saßen die Zuschauer da, und die jüngeren Leute besonders hingen mit Ergriffenheit an den Lippen des Schauspielers, den das Feuer seines Zornes immer beredter machte. Er sprach von der Sehnsucht seines Volkes nach Kunst, nach tätiger Beteiligung an den höheren Kulturaufgaben der Menschheit, er wies voller Stolz auf die großen Erfolge hin, die jüdische Dramatiker, jüdische Darsteller vornehmlich auf der deutschen Bühne gefunden hätten. Er nannte mit Begeisterung den Namen _Max Reinhardts_, der einen der ihrigen, Schalom Asch, aus dem Dunkel hervorgezogen und zahlreichen anderen jüdischen Künstlern Gelegenheit gegeben habe, ihre große Begabung von dem anspruchsvollsten und kritischsten Publikum Europas anerkannt zu sehen. Er leitete aus diesen ersten großen Erfolgen die Pflicht des gesamten Judentums ab, sich mit seinen besten Kräften immer eifriger an der Aufwärtsentwicklung der modernen Kunst zu beteiligen. Und dann verbeugte er sich stolz-bescheiden und verließ unter donnernden Cheers die Bühne.