Part 11
All diese Genußmittel, noch um diverse eingekochte Früchte vermehrt, arrangiert man sich nun nach Geschmack und Talent auf seinem Fischteller, und man kann von Glück sagen, wenn einem die Gräten nicht in die grünen Erbsen, das Kompott nicht in die ausgehöhlte Kartoffelpelle und die Hühnerknochen nicht in den falschen Hasen geraten. Echte Hasen gibt es überhaupt nicht. Der Ersatz dafür, und überhaupt das einzige einheimische Wild, ist das hasenfarbige _Rabbit_ (Kaninchen), das die Natur da drüben aus Kautschuk verfertigt zu haben scheint – möglicherweise wird es aber auch aus Abfällen der Schuhfabrikation künstlich hergestellt. Alles übrige Wild haben die begeisterten Freischützen in den kultivierteren Staaten schon längst abgeschossen – bis auf die Ratten und die Klapperschlangen. Hat man die eßbaren Bestandteile der wüsten Speisenaufhäufung auf seinem Universalteller herausgefuttert, so bilden die Überbleibsel ein ästhetisch reizvolles Stilleben. Sind sie endlich entfernt, so erscheint als eiserner Bestand jedes amerikanischen Menüs sowohl im Hotel ersten Ranges, wie auf dem einfachsten bürgerlichen Mittagstisch der Salat, der niemals in einer Schüssel herumgereicht, sondern immer fertig auf winzigen flachen Tellerchen einem vorgesetzt wird. Mich wundert, daß noch kein Yankeedichter diesen Salat besungen hat, denn in ihm feiert die Phantasie des amerikanischen Kochkünstlers orgiastische Triumphe.
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Ich glaube, es gibt in den drei Naturreichen nichts, was nicht in solch einem amerikanischen Salat zu finden wäre. Den Grundstock bilden ein bis drei große grüne Blätter, die nicht unbedingt der Salatstaude zu entstammen brauchen. Darauf werden einige Tropfen Essig und Öl geschüttet und auf dieser Unterlage ein mehr oder minder kühner Aufbau von allem möglichen und unmöglichen Süßem, Sauerem, Salzigem, Bitterem, Hartem, Weichem, Flüssigem, Genießbarem und Ungenießbarem vollzogen. In einem feinen Hause, in dem sich die Hausfrau selbst auf ihre Kochkunst viel zugute tat, wurde beispielsweise eine solche Salatdichtung mit außerordentlichem Beifall beehrt, deren Komposition ich dem Augenschein und der Zunge nach ungefähr folgendermaßen analysieren möchte: zwei Blätter Salat mit je fünf Tropfen Essig und Öl, darauf eine Scheibe frische Tomate, eine viertel Scheibe Ananas, etwas weißes Hühnerfleisch, einige Scheiben Radieschen, einige gepickelte Erbsen und Karotten, ein Klecks Butter, mit Streuzucker durchgerührt, ein Teelöffel Schokoladencream und eine Rumkirsche als Turmknopf oben drauf. Totaleindruck auf Zunge und Gaumen zauberhaft; schmeckt – wie mein Freund, der Rechtsanwalt in Landau, sagen würde – wie Öl und Werg! Diese kulinarische Offenbarung erfolgte aber, wie gesagt, in einem Hause, dessen Herrin ihren Xenophon in der Ursprache zu lesen vermochte. In minder gebildeten Familien ist man natürlich weniger wählerisch und verwendet zur Salatbereitung die nächstliegenden Gegenstände, also in erster Reihe die mehr oder minder traurigen Überreste früherer Mahlzeiten, soweit sie eßbaren Naturprodukten einigermaßen noch ähnlich sehen. Fehlt es aber zum Beispiel an gepickelten Spargelspitzen, so kann man dazu auch einen klein geschnittenen Spazierstock verwenden, da die Spazierstöcke drüben außer Mode gekommen sind, und statt der Fleischbeigaben die Reste in Gedanken stehen gebliebener Gummigaloschen, die die Trüffel täuschend ersetzen, zumal, wenn sie vorher in sauren Rahm eingelegt und dann mit braunem Zucker kandiert werden. Salat von Fischgräten, Kalmus und Bananen, mit roten Pfefferschoten und Knallerbsen garniert, soll auch sehr gut sein; ich habe ihn aber nicht gegessen, sondern nur nach einer besonders anregenden Mahlzeit – erträumt!
Den Fruchttorten, die man an Stelle der Mehlspeisen zum Nachtisch reicht, wird regelmäßig ein derbes Stück Käse beigefügt; zu welchem Zwecke, weiß ich nicht. Als ich zum erstenmal diese Zusammenstellung erblickte, steckte ich den Käse instinktiv in die Westentasche; ich hielt ihn für ein Stück Radiergummi, den ich in meinem Geschäft immer brauchen kann. Befindet sich Obst auf dem Tische, so nehme man sich davon beizeiten und reichlich, fülle auch womöglich seinen Pompadour damit an, denn alles Obst ist in Amerika von ganz vorzüglicher Qualität – und man weiß ja nie, wie’s kommen mag! Was meine Person betrifft, so muß ich gestehen, daß ich mich während der ganzen Boardinghouse-Periode kümmerlich von Austern und Hummern genährt habe, denn die sind von unvergleichlicher Güte, Größe und Nahrhaftigkeit und nebenbei auch das einzige amerikanische Produkt, das man – neben Stiefeln – als billig bezeichnen kann. Europäer von noch nicht genügend fortgeschrittener Perversität möchte ich jedoch vor den _Clams_ warnen, einer kleinen, lachsfarbenen Muschelart, deren penetranter Nachgeschmack einen besseren Neurastheniker zum Selbstmord verführen könnte.
Die raffinierten Schlemmer unter den Yankees sind übrigens sehr selten, und ihre Begierde wandelt andere Pfade wie die des europäischen Genießers. Im vornehmsten Hotel in Buffalo „Zum Irokesen“ sollte ich zum erstenmal die Bestimmung eines geheimnisvollen Utensils kennen lernen, das mir schon in vielen Hotels und Restaurants aufgefallen war: ein massives, etwa einen halben Meter hohes, zylindrisches Silbergerät mit einer oben herausragenden, durch einen derben Querbalken betätigten Schraube. Ein einsamer Speiser ließ sich an einem Nebentisch nieder, dessen Bestellung sogleich eine Menge Kellner in aufgeregte Bewegung versetzte. Offenbar war dieser wuchtige Geselle mit dem römischen Imperatorenkopf ein Genießer höherer Grade. Nach längerer Zeit brachte man eine große verdeckte silberne Schüssel, die auf ein Spiritusrechaud gestellt wurde. Zwei Kellner trugen dann jenen rätselhaften schweren Silbergegenstand herbei und schraubten dessen obere Hälfte ab. Darauf hob der Oberkellner mit feierlicher Miene den Deckel der Silberschüssel auf und spießte von den beiden darunter befindlichen, leicht angebratenen Vögeln (Enten waren es meiner Meinung nach) einen auf und pfropfte ihn mit Mühe in jenen Zylinder hinein, worauf das Oberteil wieder aufgesetzt und nunmehr die Schraube mit Anstrengung beider Hände betätigt wurde. Aus einer Ausflußöffnung am Boden des Gefäßes rann dickes, schwärzliches Blut in eine vorgehaltene Schale. Dieses Blut wurde mit allerlei Gewürzen angerührt und schließlich als Sauce über den anderen halb rohen Vogel gegossen. Dieses kannibalische Gericht verzehrte der Einsame mit dem Gleichmut eines Lukull. Ich erinnere mich nicht, ob er Tee dazu getrunken hat. Zu verwundern wäre es weiter nicht gewesen, da der Yankee auch die opulentesten Mahlzeiten mit Eiswasser, Tee oder Kaffee hinunter zu spülen pflegt.
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Der Fremde, dessen Mittel nicht ausreichen, in erstklassigen Hotels und Restaurants zu speisen, und der sich mit der Yankeeküche gewöhnlichen Schlages nicht zu befreunden vermag, fährt am besten, wenn er sich in eines der zahlreichen, meist billigen und einfach gehaltene Speisehäuser begibt, die seine heimische Küche pflegen. Man kann in dem teuren New York, und wohl auch in den meisten der ganz großen Städte, französisch, deutsch, italienisch, griechisch, polnisch, ungarisch, chinesisch und koscher essen. Namentlich an guten, sehr billigen italienischen Lokalen, in denen es noch einen trinkbaren Wein gratis gibt, ist in New York wenigstens kein Mangel. Dagegen habe ich wienerische Speiserestaurants ebenso schmerzlich wie Wiener Cafés vermißt. Ich meine, hier wäre noch eine Kulturmission für die Einwanderer der österreichischen Kronländer zu erfüllen. Wenn ich drüben irgendwo ein Stück Rindfleisch mit Beilage, wie bei Meisl & Schaden, vorgesetzt bekommen hätte, ich hätte es knieend verzehrt und hernach stehend die österreichische Nationalhymne gesungen. Und die Einführung des Berliner Systems Kempinski, nämlich eine große Auswahl von Gerichten in tadelloser Qualität zu einem sehr billigen Einheitspreis zu geben, könnte eine Revolution des Ernährungswesens drüben hervorbringen. Bis dahin muß der deutsche andachtsvolle Genießer mit heißer Liebe seine wohlhabenden Landsleute umbuhlen, denn es sind drüben fast allein die Deutschen, die den Schwerpunkt ihres gesellschaftlichen Ehrgeizes auf eine gute Tafel im heimatlichen Stil verlegen.
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Beim richtigen Yankee scheinen es übrigens nicht die Geschmackswarzen zu sein, welche ihm den Genuß beim Essen vermitteln, sondern vielmehr die Kinnbacken und die Speicheldrüsen. Das Kauen und das Schlucken an sich macht diese einfachen Naturkinder glücklich. Wer zum erstenmal nach den Vereinigten Staaten kommt, kann sich nicht genug darüber wundern, hier einem Volke von Wiederkäuern zu begegnen. In der Straßenbahn, in den Geschäften, in den Vergnügungslokalen wie auf der Straße sind die Kauwerkzeuge dieser seltsamen Nation in unausgesetzter Bewegung, und ein Widerschein von Zufriedenheit überstrahlt von dieser Kinnbackenbetätigung aus die Gesichter. Junge hübsche Ladnerinnen kauen, wenn sie mittags zum Lunch gehen und wenn sie vom Lunch ins Geschäft zurückkehren. Die Soldaten kauen beim Exerzieren; sie würden sicher auch kauend ihre Schlachten schlagen. Der gesetzte junge Mann mit ernsten Absichten kaut, wenn er seine Liebeserklärung macht, und seine Erwählte erwidert errötend: „Mum mum mum – tschap tschap, sprechen Sie mit Mama.“ Und der gewaltige, 125 Kilo schwere Schutzmann rennt kauend dem Dieb nach und packt ihn beim Kragen mit dem Ausruf: „Dscham dscham – ich verhafte Sie – mum mum – im Namen des Gesetzes!“ Ein Stückchen gezuckerter Gummi (_Chewing Gum_) zwischen die Backzähne geschoben, beglückt alle diese Leute wie den Seemann sein Priemchen und wiegt sie in die freundliche Täuschung ein, in der besten aller Welten zu leben. Wäre Cartesius als Yankee zur Welt gekommen, er hätte sicher sein berühmtes „cogito ergo sum“ abgewandelt in: „Ich kaue, folglich bin ich.“
KÜNSTLERISCHE KULTUR.
Mit Ausnahme einer kleinen Schar hochkultivierter Geister hat das neue Volk in der Neuen Welt, wie es scheint, noch keine Zeit gehabt, seinen Schönheitssinn zu entwickeln. Was durch seine Dimensionen, seine Masse imponiert, was viel gekostet hat, das muß nach den Begriffen des Durchschnittsamerikaners auch schön sein.
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Es ist mir als höchst bezeichnend aufgefallen, daß selbst hochgebildete Leute enttäuschte Gesichter machen, wenn der Fremde, der zum erstenmal durch New York geführt wird, sich weder durch die berühmten Wolkenkratzer, noch durch die Verschwendung herrlichen echten Materials an öffentlichen Prachtbauten, noch etwa durch die glänzende elektrische Lichtreklame für ästhetisch besiegt erklärt. Allerdings vermögen diese himmelhohen Kasten mit den unzähligen Fensterlöchern unter Umständen schön zu wirken. Wenn man zum Beispiel vom Hafen her ihre gigantische Silhouette aus der Dämmerung oder aus leichtem Nebel aufsteigen sieht, so können sie einen traumhaft phantastischen Reiz entwickeln, der einen Maler toll und einen Dichter selig zu machen vermag. Einige von diesen Ungeheuern, wie vornehmlich das Gebäude der Manhattan-Lebensversicherungsgesellschaft, sind auch an sich hervorragende Kunstwerke, und kein Mensch von Geschmack wird die ideale Schönheit der neuen Staatsbibliothek in weißem Marmor oder die Genialität des neuen Empfangsgebäudes der Pennsylvaniabahn bestreiten. Auch die lustigen Spielereien der beweglichen Lichtreklamen sind nicht nur als mechanische Kunststücke, sondern auch als witzige Erfindungen und farbiger Augenschmaus höchst amüsant. Aber all diese Schönheit, Größe und künstlerisch idealisierte Zweckmäßigkeit ist nicht einem vorbedachten Plan organisch eingeordnet, sondern wie aus des Zufalls Hand zwischen lauter Banalität und entschiedene Garstigkeit hingestreut. Die Umgebung ist es, die in weitaus den meisten Fällen die Wirkung der Schönheit des einzelnen zerstört. Selbst in New York, das doch von vornherein nach einem durch die geographische Lage bedingten überaus vernünftigen und klaren Plane angeordnet wurde, und immerhin der puritanischen Schönheitsfeindlichkeit der Neuenglandstaaten weniger unterworfen war, scheint doch der künstlerische Instinkt gefehlt zu haben. Paläste stehen neben öden Magazinen, neben Wolkenkratzern halbverfallene niedrige Baracken; entzückende, grünbewachsene gotische Kirchen findet man eingeklemmt zwischen Metzger- und Grünkramläden, öffentliche Gebäude von edlen Proportionen und mit prächtigen Fassaden neben wüsten Kasten für Bureau- und Werkstattzwecke, an deren Straßenfronten scheußliche rotgestrichene Feuertreppen im Zickzack hin und her laufen.
Selbst in der Fünften Avenue, der Straße der prunkvollsten Läden und der Residenz der Milliardäre, finden sich noch genug solcher barbarischen Scheußlichkeiten unter der nagelneuen Pracht verstreut. Und die Nebenstraßen, wo die kleinen Einfamilienhäuser stehen, zeigen selbst in den besseren Gegenden ein höchst langweiliges Einerlei. Auch die nüchternsten modernen Städte Deutschlands, wie Mannheim und Karlsruhe, fallen den amerikanischen gegenüber immerhin noch angenehm auf durch ihre strenge Symmetrie und musterhafte Ordnung, während die enorm reiche Kommune New York bis heute noch nicht einmal eine anständige Pflasterung und Straßenreinigung durchzuführen vermochte. Der Fahrdamm der Fünften Avenue besteht aus Löchern, zwischen denen hier und da aus Versehen ein Stück Asphalt liegen geblieben ist. Oberflächliche Reparaturen werden in der Weise ausgeführt, daß man mitten auf der Straße zur Freude der Gassenbuben in diesen Löchern Feuer anzündet; dann schmilzt der Asphalt ringsherum, und das Loch bekommt wenigstens abgerundete Ränder. Wem der Arzt eine Vibrationsmassage gegen Trägheit der Unterleibsorgane verordnet hat, der braucht nur auf dieser Fünften Avenue – oder besser noch auf den gepflasterten Hauptstraßen des nordöstlichen Teiles von Philadelphia – eine halbe Stunde spazieren zu fahren, dann kann er seinen Blinddarm bei der Zirbeldrüse und seine Milz unter dem Mastdarm suchen.
Es ist merkwürdig, daß derselbe Amerikaner, den das wüste Durcheinander in der Außenseite seiner Städte so wenig zu genieren scheint, doch fast durchweg einen so guten Geschmack in seiner Kleidung und Wohnungseinrichtung zeigt. Allerdings ist für die Herrenkleidung England, für die Frauenkleidung Paris richtunggebend, allein die dortigen Muster werden doch für den amerikanischen Geschmack einigermaßen abgeändert, und was dabei herauskommt, ist meist zweckmäßig und apart. In der Wohnungseinrichtung zeigt sich der Yankee außerordentlich konservativ, und der Kolonialstil ist immer noch maßgebend. Das moderne deutsche Kunstgewerbe hat kaum noch irgendwo Einfluß ausgeübt; dafür sieht man auch nirgends in Amerika, selbst im bescheidenen Mittelstande, so stillos zusammengewürfelte Einrichtungen wie in der Wohnung des zurückgebliebenen deutschen Spießbürgers. Man hält zäh fest an der guten englischen Tradition und verdankt ihr sowohl die praktische Anordnung der Wohnräume als auch die unaufdringliche Schlichtheit der Formen, Harmonie der Farben, die zusammen den Eindruck der Behaglichkeit hervorrufen.
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Spezifisch amerikanisch ist die Vorliebe für Schaukelstühle. Ich habe Zimmer angetroffen, in denen überhaupt kein einziger Stuhl fest auf seinen vier Beinen stand, und wo eine besondere equilibristische Begabung dazu gehörte, um beispielsweise seine Stiefel zu schnüren oder seinen Koffer zu packen; denn wenn man seinen Fuß auf solch ein ungemein niedriges Möbel setzt, so kippt es nach vorn und rutscht gleichzeitig nach hinten, so daß man also auf einem Bein dem flüchtigen Stuhl nachhüpfen muß, bis er an der Wand einen Stützpunkt gefunden hat. Oder man placiert seinen aufgeschlagenen Koffer auf die Lehnen zweier gegeneinander geschobener Rockingchairs und beginnt vergnügt das Packgeschäft. Sobald der sich füllende Koffer eine gewisse Gewichtsgrenze überschreitet, neigen sich die stützenden Stühle nach innen, der Koffer klappt zu und rutscht zwischen den Lehnen durch; es ist sehr amüsant, unter solchen Umständen seinen Koffer zu packen. Hin und wieder habe ich auch die Bekanntschaft mit einladend aussehenden Sitzmöbeln gemacht, die nicht nur vor- und rückwärts, sondern auch seitwärts schaukelten. Auf diesen heimtückischen Mokierstühlen kann man sich ebenso famos für das Kamelreiten trainieren, wie auf den einfachen Rockers für die Seefahrt. Vermutlich haben die immer praktischen Amerikaner auch diesen Nebenzweck im Auge.
So nett und gemütlich nun auch eine solche amerikanische Durchschnittswohnung anmutet, so wird sie doch uns deutschen Erzindividualisten recht bald langweilig, weil sie eben überall dieselbe ist. Ich spazierte einmal mit einem jungen deutschen Gelehrten die _Common __Wealth Avenue_ in Boston hinunter – nebenbei bemerkt eine der schönsten Straßen, die mir überhaupt in Amerika aufgefallen sind. Es befinden sich hier nur vornehme Familienhäuser, die als besondere Eigentümlichkeit große Spiegelscheiben im Erdgeschoß aufweisen. Man kann also von der Straße aus in das Treppenhaus und das Parlor hineinsehen. Ich freute mich des schönen schmiedeeisernen Gitterwerks, das diese wohlhabenden _Homes_ von der Straße abschloß, der prächtigen Türen und anderer reizvoller Einzelheiten. Da unterbrach mein Begleiter meine Lobeshymne mit den Worten: „Was wollen Sie wetten? Unter den zwölf nächsten Häusern von hier aus finden wir mindestens sechs, in denen wir durch die Fenster genau dieselbe innere Einrichtung konstatieren können.“ Und richtig, so war es auch. Aber nicht nur in sechs, sondern in neun von diesen Häusern stand überall in derselben Ecke am Parlorfenster dieselbe Säule mit demselben Blumenkübel darauf und derselben Palme darin, genau an derselben Stelle derselben Wand befand sich in allen diesen neun Zimmern das Ehrfurcht gebietende Sofa mit den Porträts der Eltern oder Großeltern darüber usw. usw. Immerhin kann man sich diese ermüdende Uniformität gefallen lassen, da sie doch wenigstens einen guten Durchschnitt von solider Behaglichkeit verbürgt. Groteske Geschmacklosigkeiten begegnen einem eigentlich nur in den Palästen ungebührlich rasch reich gewordener Emporkömmlinge – gerade wie bei uns.
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Merkwürdig ist auch, wie dasselbe Volk, das sich in den meisten seiner Vergnügungen und künstlerischen Betätigungen doch noch recht unkultiviert zeigt, in anderer Beziehung wieder Leistungen von feinem Geschmack und hoher Vollendung hervorbringt, zum Beispiel in der Malerei, in der Photographie, im Buchgewerbe. Während die amerikanischen Museen zum weitaus größten Teile noch das sehr zweifelhafte Kunstverständnis ihrer freigebigen Stifter verraten und ein stilloses Durcheinander von Kitsch und Kunst bieten, begegnet man in den Ausstellungen moderner Künstler einer sehr respektablen Durchschnittsleistung. Von einer bedeutenden Entwicklung der Plastik kann selbstverständlich in einem Lande, das die Scheu vor der Nacktheit in der Kunst längst noch nicht überwunden hat, keine Rede sein. Ich habe mir sagen lassen, daß auf der Weltausstellung in Chicago zum erstenmal in den Vereinigten Staaten nackte Frauenkörper als Karyatiden zu sehen gewesen seien! Ein biederer Farmer war von diesem völlig neuen Anblick dermaßen gefangen, daß er überhaupt für nichts anderes in der ganzen Weltausstellung Interesse zeigte, sondern, die Augen starr in die Höhe gerichtet, von Saal zu Saal schritt und dabei kopfschüttelnd vor sich hinseufzte: „_Oh good Lord, what tits, what tits!_“
Selbst heute noch hat jede wenig bekleidete allegorische Figur, die sich in der Öffentlichkeit zu zeigen wagt, einen heftigen Kampf mit der Geistlichkeit und den Tanten zu bestehen. Kann es da wundernehmen, wenn außer etlichen anständigen Porträtstatuen, naturalistischen Kriegergruppen und Reitermonumenten von bedeutender Plastik in den Vereinigten Staaten nichts zu finden ist? Das Ulkigste von Kitschplastik, was mir persönlich in den Weg gekommen ist, war das Kriegerdenkmal in Easton (Pennsylvania): auf einer sehr hohen schlanken Säule ein moderner Militärtrompeter; und im Schalltrichter seines Instrumentes erglühte nachts eine elektrische Birne!
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Allerdings haben die amerikanischen Künstler ihre Techniken vom Auslande gelernt und stark eigenartige Glanzleistungen auch nur in den bildenden Künsten sowie in der Literatur hervorgebracht. Ihre Musik ist ihnen bis jetzt fix und fertig vom Auslande geliefert worden. Und selbst die einzige musikalische Spezialität, die sich zurzeit als echt amerikanisch ansprechen läßt, nämlich das Volkslied der Neger und der _Ragtime_ (eigenartig verschobener synkopierter Rhythmus für Tänze und derbe Couplets), ist doch auf schottischen und irischen Ursprung zurückzuführen. Es läßt sich aber nicht leugnen, daß für gute Musik heute schon ein recht großes und verständnisvolles Publikum vorhanden ist. Wenn man bedenkt, daß an der Geschmackserziehung des amerikanischen Hörers erst seit wenigen Jahrzehnten von europäischen Künstlern planvoll gearbeitet wird, so ist es doch wohl ein erstaunliches Ergebnis zu nennen, daß man heute schon den „Parsival“ vor einer andachtsvoll ergriffenen Zuhörerschaft geben kann, und daß Konzertprogramme, die ausschließlich aus Beethoven, Brahms, Hugo Wolf und ähnlichen anspruchsvollen Namen bestehen, große Scharen anziehen und begeistern. Allerdings finden bei einer großen Masse selbst der höheren Schichten auch stillose Programme, in denen ärgste Banalitäten mit echten Meisterwerken abwechseln, jubelnden Beifall – aber können wir das in Deutschland nicht auch erleben? Der Unterschied ist wohl nur der, daß bei uns kein Künstler von Bedeutung sich so leicht dazu herablassen würde, dem schlechten Geschmack des Publikums solche Konzessionen zu machen. Wir Deutschen dürfen uns rühmen, auf musikalischem Gebiet uns die Meistbegünstigung für unseren Import von Kunstwerken, Künstlern und Lehrern erstritten zu haben. Wie haben diese prachtvollen deutschen Musikanten aber auch arbeiten müssen, in welchen harten steinigen Boden haben sie oft ihre Pflugschar drücken müssen, um überhaupt erst den Boden für ihre Saat zu bereiten.
Ich habe in der Person des Sängers Max Friedrich einen solchen Veteranen von einem deutschen Musikpionier kennen gelernt. Als er vor 20–30 Jahren hinauszog, um den Leuten des kunstversimpelten Ostens, wie den lebenshungrigen Abenteurern des wilden Westens Schubert und Schumann, Löwe und Franz vorzusingen, da gähnte und höhnte man ihn aus. Aber er ließ nicht locker, er ließ sich als echt deutscher Starrkopf kein Titelchen von seiner heiligen Überzeugung wegdisputieren. Ihm und einigen Wenigen seinesgleichen ist es zu verdanken, wenn heute ein ernster Künstler mit einem vornehmen Programm sich überall in der ganzen Union hören lassen kann, ohne fürchten zu müssen, von entrüsteten Cowboys mit dem Schießeisen vom Podium gejagt zu werden.