Der Dichter in Dollarica

Part 10

Chapter 103,320 wordsPublic domain

An einem sonnigen Sonntagvormittag traf ich beim Spaziergang durch eine der reizenden ländlichen Universitäten des Nordens eine meiner neuen Bekanntschaften von einem Diner am vorhergehenden Abend. Es war ein hochgewachsener, schlanker junger Herr in den Dreißigern, der in einen höchst eleganten Sealskinpelz gehüllt, einen glänzend gebügelten Zylinderhut auf dem Kopf und eine edle Havanna mit goldfunkelnder Leibbinde zwischen den kostbar plombierten Zähnen – einen eleganten Kinderwagen mit Inhalt vor sich herschob! Lebhaftes Interesse für seinen glücklicherweise schlummernden Sprößling heuchelnd, begrüßte ich den Herrn Professor. Er mochte mir wohl anmerken, daß mir begriffsstutzigen Europäer seine väterliche Betätigung in diesem Aufzuge etwas sonderbar vorkomme und erklärte mir aus freien Stücken den Zusammenhang. „_Look here_“, sagte er, „wir sind jung verheiratet, wir haben nur ein kleines Haus und ein kleines Einkommen; wir können uns keine Dienstboten halten – außerdem ziehen wir es vor, in unserer zärtlichen jungen Ehe unbeaufsichtigt zu bleiben und wollen uns nicht den halben Tag den Kopf darüber zerbrechen, wie wir aus unserer Mary oder Jane die größtmögliche Arbeitsleistung herausziehen könnten, ohne ihrer Empfindlichkeit als Mitbürgerin zu nahe zu treten. Wir haben nur eine alte Negerin zur Hilfe, die vormittags zwei Stunden die gröblichere Arbeit verrichtet, und einen Mann, der alle Wochen einmal die Asche aus dem Zentralfeuerloch im Keller ausräumt und die Müllkasten vor die Tür stellt; alles andere besorgen wir selbst. Sehen Sie, heute früh z. B. habe ich zunächst, wie alle Tage, das Feuer in der Zentralheizung geschürt und Kohlen nachgefüllt, dann habe ich Kaffee gekocht, da meine Frau nicht ganz wohl ist, und das Frühstück für uns beide hergerichtet. Dann habe ich, weil es in der Nacht lustig geschneit hat, vor unserer Haustür und auf dem Trottoir Schnee geschippt und darauf mich wieder in einen Gentleman verwandelt. Da es darüber für die Kirche zu spät geworden war, habe ich vorgezogen, meine Sonntagsandacht in Gesellschaft meines vorläufig einzigen Sohnes durch ein edles Rauchopfer im Sonnenschein zu verrichten. Zum Luncheon behelfen wir uns mit kalter Küche, und wenn meiner Frau bis abends nicht besser wird, so nehme ich mein Dinner im Klub, nachdem ich ihr eine Suppe gekocht und eine Konservenbüchse gewärmt habe. Vor dem Schlafengehen schütte ich dann noch einmal im Keller Kohlen auf die Heizung, und damit habe ich alles getan, was die Haushaltungsmaschine braucht, um regelrecht zu funktionieren.“

„Sehr schön,“ sagte ich in ehrlicher Anerkennung. „Aber das nimmt Ihnen doch sehr viel Zeit weg. Und wenn Sie nun früh morgens eine Vorlesung haben, was machen Sie dann?“

„_Well_, dann stehe ich eben eine Stunde früher auf,“ lachte er vergnügt, „und gehe abends eine Stunde früher ins Bett. Das ist sehr gesund. Ich habe immer acht Stunden guten Schlaf, und wenn die Frau wohlauf ist, kostet mich mein Anteil an der Hausarbeit kaum mehr als eine Stunde am Tag. Wir haben es noch nie bereut, die Wirtschaft mit den Dienstboten überhaupt erst gar nicht probiert zu haben. Und dabei brauchen wir noch nicht einmal auf Geselligkeit im Hause zu verzichten. Wie haben schon einmal 50 Leute eingeladen gehabt.“

„Nicht möglich! Wie haben Sie denn das angestellt?“

„O, sehr einfach. Wir besitzen Service für 12 Personen, also waren wir 12 Personen zum Lunch. Natürlich haben wir kein Eßzimmer, in dem 12 Personen bei Tische sitzen könnten, es mußte sich also jeder setzen, wo er gerade Platz fand. Dann kriegte jeder einen Teller, eine Serviette und ein Besteck, und darauf wurden die Schüsseln, eine nach der anderen, herumgereicht – alles auf denselben Teller. Bei einigem guten Willen geht es schon, und meine Frau kann wirklich kochen. Natürlich hatten wir dabei Hilfe, aber nicht etwa bezahlte Mädchen, sondern zwei meiner Studentinnen; die machen das viel intelligenter und netter. Nach dem Essen kamen dann die übrigen 38 Personen – die wurden aber nur mit geistigen Genüssen traktiert. Ich las ihnen etwas vor, und eine meiner akademischen Aushilfskellnerinnen spielte, von meiner Frau begleitet, einige Flötensolos. Außerdem konnten wir sogar noch mit der berühmtesten Schönheit von Pawtucket, Connecticut, die sich gerade auf der Durchreise befand, aufwarten!“ – –

Und so wie dieser junge Professor halten es die meisten vernünftigen Amerikaner von ähnlicher gesellschaftlicher Position und Vermögenslage. Wir waren einmal bei der Dekanin einer Frauenuniversität zu einem intimen Diner geladen. Während des Essens stieß mich meine Frau unter dem Tisch mit dem Fuße und richtete meine Aufmerksamkeit durch ihre Blicke auf die bedienende Maid, die in ihrem weißen Kleid, mit dem weißen getollten Häubchen auf dem üppigen Blondhaar allerdings eine Sehenswürdigkeit darstellte. Wir drückten der Gastgeberin erst auf Deutsch, und als dies durch warnendes Räuspern abgelehnt wurde, auf Französisch, dann auf Italienisch unsere Bewunderung für dieses nicht nur ungewöhnlich hübsche, sondern auch ungewöhnlich intelligent aussehende Hausmädchen aus. Da aber fing die ganze Gesellschaft zu kichern an, und die schöne Blondine bekam einen roten Kopf und hastete in größter Verlegenheit hinaus. Und nun wurde uns anvertraut, daß dieses reizende Servierfräulein eine junge akademische Kollegin von Fräulein Professor sei, nämlich – die Privatdozentin für Sanskrit!

(M35)

Das Merkwürdige an diesem kleinen Erlebnis soll nun nicht so sehr der Umstand sein, daß es in der neuen Welt bereits Privatdozentinnen für Sanskrit gibt, welche obendrein auch noch sehr hübsch sind, als vielmehr, daß in diesem angeblich so freien und vorurteilslosen Lande zwar die gebildeten Menschen keinerlei notwendige Arbeit scheuen und sich in der liebenswürdigsten Weise gegenseitig in ihren häuslichen Schwierigkeiten aushelfen, während gerade die untersten, auf körperliche Arbeit angewiesenen Stände die Lohnarbeit im Hause geradezu als eine Schande anzusehen scheinen. Obwohl es in dem Lande, wo die Dienstboten so hoch entlohnt werden wie nirgends in der Welt und mit zarter Rücksicht wie die rohen Eier behandelt werden müssen, damit sie nicht gleich wieder fortlaufen, keifende Hausdrachen und grob anschnauzende Hausherrn wie bei uns wohl überhaupt nicht geben dürfte, ziehen doch die Mädchen die unangenehmste Arbeit in der Fabrik, den anstrengenden Laden- und Bureaudienst dem bequemen Schlaraffenleben als Haushaltsangestellte vor. Gehorchen zu sollen ist eben für den Amerikaner die furchtbarste Zumutung, die man ihm stellen kann. Er dient nur so lange, wie er es absolut nötig hat. Sobald er sich ein paar Dollar zurückgelegt hat, sucht er sich selbständig zu machen. Bei dem elenden Dasein eines kleinen Handelsmannes, der auf der Straße Ansichtspostkarten, Popcorn oder Kaugummi verkauft, fühlt er sich zehnmal stolzer und zufriedener, als in der bequemsten häuslichen Stellung, in der er sich einem fremden Willen unterzuordnen hat. Es kommt noch dazu, daß dem Bürger der Neuen Welt nicht nur jedes Gefühl für die Schönheit und Würde des sich Einfügens in ein patriarchalisches Abhängigkeitsverhältnis von Herr und Knecht, von Meister und Geselle, sondern auch jeglicher Zunftstolz abgeht, jegliche Liebe zu dem Handwerk etwa, in das einer hinein geboren oder für das einer bei uns erzogen wird. Im Grunde genommen sind die Menschen drüben alle Spieler und Glücksritter. Sie ergreifen ohne langes Besinnen, was sich ihnen gerade bietet, und treiben es nur so lange – _until a better job turns up_ –, bis sich eine bessere Sache bietet. Jeder junge Mensch drüben fühlt sich einfach zu allem berufen. Wenn er heute aus Hunger zugreifen und sich in den weißen Anzug eines New Yorker Straßenkehrers stecken lassen müßte, so zweifelte er darum doch keinen Augenblick daran, daß er berufen sein könnte, übers Jahr bereits Teilhaber einer Minenausbeutungsgesellschaft in Oklahama zu sein und auf der Höhe seines Lebens in den Senatspalast von Washington einzuziehen. Es ist eigentlich niemand etwas Gewisses in diesem Lande; selbst bei meinem Kollegen, dem erfolgreichen Dramatiker, bin ich nicht sicher, ob er nicht übers Jahr Flugmaschinen fabriziert oder Truthähne en gros züchtet. Daher kommt es, daß auf dem Gebiete der persönlichen Dienstleistungen und des handwerklichen Betriebs keine fachmännische Tüchtigkeit und Zuverlässigkeit existiert. In Madison (Wisconsin) ließ ich mir einen zerbrochenen Zeiger an meiner Uhr durch einen neuen ersetzen. Als ich nach Hause kam, stellte sich heraus, daß der neue Zeiger sich absolut nicht bewegte. Der angebliche Uhrmacher, der ihn eingesetzt hatte, war vermutlich vorgestern noch Verkäufer in einer geräucherten Fischwarenhandlung gewesen. In New York wollte ich mir eine Kleinigkeit an einem silbernen Stockgriff löten lassen. Man schickte mich von Pontius zu Pilatus über fünf Instanzen hinweg; endlich, in einer Silberwarenfabrik, erbot sich der Besitzer nach vielen Bedenklichkeiten und Hin- und Herreden über Wetter und Politik, einen seiner Arbeiter zu ersuchen, die Kleinigkeit zu besorgen. Ich bekam auch wirklich schon nach ein paar Minuten meinen Stock zurück. Der äußerst geschickte Silberarbeiter hatte das losgelöste Monogramm allerdings mit dem Lötrohr befestigt, dabei aber den oberen Rand des Stockes zu Kohle verbrannt. Und als ich mit dem reparierten Gegenstand daheim anlangte, mußte ich die Entdeckung machen, daß das Monogramm endgültig verloren war, nachdem es 14 Tage lang doch wenigstens noch an einem Faden gehangen hatte. Man gibt sich eben in diesem großen Lande nicht gerne mit Kleinigkeiten ab. Was mit der Maschine nicht gemacht werden kann, das wird schlecht oder gar nicht gemacht, weil der Amerikaner seine Menschenwürde so überaus hoch einschätzt, daß er die Handarbeit und gar das persönliche Dienstverhältnis verachtet. Darum strengt er auch seinen hellen Verstand auf das äußerste an, um immer mehr notwendige Verrichtungen durch die Maschine besorgen zu lassen und die unumgänglichen Handarbeiten tunlichst zu vereinfachen. Weil die Dienstboten so rar, so teuer und so überaus bequem sind, lieben sie z. B. das Messerputzen durchaus nicht, folglich hat man fast ausschließlich Messer von Bronze in Gebrauch genommen, mit denen man zwar nicht schneiden kann, die dafür aber auch durch einfaches Durchziehen durch heißes Wasser und Abtrocknen zu säubern sind. Da es nun aber Messer mit einer scharfen Schneide nicht gibt, so kann es selbstverständlich auch keinen Braten geben. Das Roastbeef und das Geflügel macht man durch Zerreißen zwischen Gabel und Messer einigermaßen mundgerecht. Im allgemeinen aber richtet man die Speisen lieber gleich in einer breiförmigen Gestalt her, sodaß sie nur einfach in den aufgesperrten Rachen hineingeschaufelt zu werden brauchen; man spart damit auch viel kostbare Zeit.

Vorläufig findet ja noch ein starker Zustrom von slawischen, südeuropäischen und westasiatischen Völkerschaften statt. So lange diesen noch nicht der Knopf aufgegangen ist, d. h. so lange sie sich ihrer Bedeutung als selbstherrliche Bürger der glorreichsten Republik der Welt nicht bewußt sind, geben sie sich ja noch teils aus Hunger, teils aus angeborener Knechtseligkeit zu Kellnern, Hausmädchen und dergl. her. Aber, wie gesagt, immer nur bis der bessere „Job“ auftaucht, dann gesellen sie sich alsbald der stolzen Klasse der selbständigen Unternehmer zu. Wenn nun aber einmal das Land voll ist, so daß es seine Tore vor den Einwanderern zusperren muß – wer soll dann all die häusliche und sonstige, niemals völlig aus der Welt zu schaffende Handarbeit verrichten? Ich legte diese kniffliche Frage auch meinem hochverehrten Gastfreunde in Ithaka, Andrew D. White, dem früheren Botschafter in Berlin, vor. Er wiegte bedenklich seinen schönen weißen Gelehrtenkopf, und dann gab er mir verschmitzt lächelnd zur Antwort: „Ja, sehen Sie, wir Amerikaner sind eben Optimisten. Wir sagen: es ist noch immer gegangen, und dies wird auch gehen, so oder so. Warum sollen wir uns die Köpfe unserer Enkel zerbrechen?“

(M36)

Hm! allerdings – man hat schon Bronzemesser eingeführt und auf Braten verzichtet; man kann sich ja das Bett, das man jetzt schon allgemein abends selber aufdecken muß, auch morgens selber machen; man kann auch seine Frau hinten zuknöpfen, ohne an seiner Mannesehre Schaden zu leiden, aber man kann schließlich doch nicht auf Wohnen, Schlafen, Essen, Kinderkriegen und Sterben im eignen Heim gänzlich und unter allen Umständen verzichten. Und alle diese Notwendigkeiten setzen doch wenigstens unter gewissen Verhältnissen die Hilfe von Leuten voraus, die nicht gerade akademische Bildung oder ein Scheckkonto auf der Bank zu besitzen brauchen. Wo sollen die herkommen, wenn alle Amerikaner erst einmal selbständige Unternehmer geworden sind?

Ich muß gestehen, mein beschränktes Europäergehirn ist, so oft es über diese Frage nachgedacht hat, schließlich immer wieder zu demselben Schluß gekommen: _Die selbstlosen Idealisten der Vereinigten Staaten haben die Sklaverei mindestens 100 Jahre zu früh aufgehoben!_

DIE KOCHKUNST DER YANKEES.

Da ich mich in meinem vorigen Kapitel mit Köchinnen beschäftigt habe, dürfte es angebracht sein, im Anschluß ein wenig in die amerikanische Küche hineinzuleuchten. Nach dem unzweifelhaften Wahrwort, daß der Weg zum Herzen des Mannes durch den Magen führe, dürfte es noch sehr lange dauern, bevor Dame Dollarica sich in der kulinarisch gebildeten Männerwelt einer auch nur annähernd ähnlichen Beliebtheit erfreut wie Madame Marianne oder die Commare Italia oder die nahrhafte Tante Austria. In Dingen des guten Geschmacks tut es eben der Reichtum allein nicht, sondern die große Vergangenheit einer aristokratischen Kultur, und innerhalb dreier lumpiger Jahrhunderte entwickelt sich keine neue Rasse von Fressern zu Speisern. Wie lange ist es denn überhaupt her, daß sich die Besiedler der neuen Welt des Segens sicherer behaglicher Häuslichkeit erfreuen? Viele der jetzt üppig blühenden Großstädte sind ja erst ein paar Jahrzehnte und nur ganz wenige über ein Jahrhundert alt. Der wüsten Raubbau treibende angelsächsische Kolonist, der meist unbeweibt in selbstgezimmertem Blockhause hauste, briet sich über dem offenen Feuer am Spieß seinen Fetzen Fleisch und manschte sich aus den ihm zugewachsenen Zerealien irgend etwas zurecht, was einer genießbaren Speise vielleicht entfernt ähnlich sah. Als dann im 18. und 19. Jahrhundert die weibliche Zuwanderung sich hob, fanden die mit der Kochkunst einigermaßen vertrauen Frauen – unter den Britinnen sind sie nicht besonders häufig – eine Männerwelt vor, die einfach mit allem zufrieden war, was ihr vorgesetzt wurde. Erst in neuester Zeit, als die Vereinigten Staaten willige und splendid zahlende Abnehmer für alle Luxusprodukte der alten Welt wurden, begannen auch bewährte Meister der Kochkunst über den Ozean zu ziehen; aber die traten selbstverständlich nur in den Dienst der vornehmsten Hotels, der teuersten Restaurants und der Milliardäre ein und konnten folglich nicht für die breite Masse des mäßig begüterten Bürgertums erziehlich wirken. Die amerikanischen Esser sind die dankbarsten der Welt, weil ihnen im Vergleich zu ihrer barbarischen Küche natürlich die Speisekarte der Kulturvölker lauter überraschende Offenbarungen bietet.

(M37)

Die unkultivierte Kindlichkeit des Geschmacks offenbart sich denn auch in Amerika nirgends deutlicher als auf dem Gebiete der Küche. Das Haupterfordernis der Eßbarkeit ist für den Yankee die Süße. Alles, was süß ist, schmeckt ihm ausgezeichnet. Bezeichnenderweise ist es mir trotz größter Mühe nicht gelungen, irgendwo in den Vereinigten Staaten ein Mundwasser aufzutreiben, das nicht schauderhaft verzuckert gewesen wäre. So ist Süßigkeit das erste, was der Yankee, sobald er sich dem Schlaf entwunden, in den Mund bekommt. Seinem ersten Frühstück geht der Genuß von Früchten: Orangen, Grapefruit oder Melonen voran, die unter einem Berge von Streuzucker mit dem Löffel hervorgegraben werden. (Nebenbei gesagt: das Fruchtessen vor dem Frühstück ist die einzige nationale Speisesitte, die ich Europäern zur Nachahmung empfehlen möchte. Die wundervoll saftige Grapefruit mit ihrem Chiningehalt besonders ist höchst erfrischend und bekömmlich.) In einem üppigeren Haushalt ist schon der Frühstückstisch reicher gedeckt als bei uns manche Mittagstafel. Beefsteak, Hammelkotelette, Fischgerichte, kalter Aufschnitt verschiedenster Art werden von den Männern bevorzugt, während die Frauen und Kinder eine große Auswahl der zum Teil wunderlichsten Eier- und Mehlspeisen zur Verfügung haben. Weizen, Korn, Gerste, Mais, Hirse, Buchweizen, Hafer, Reis, kurz: alle erdenklichen Getreidearten erscheinen in der Form von Grütze, Graupen, Flocken, Fäden oder papierdünnen Schnipfeln, roh, gekocht oder geröstet und werden größtenteils mit Rahm und sehr viel Zucker angerührt. Dünne Eierkuchen werden mit übersüßen Fruchtsäften übergossen, und der Toast sowie die meist gleichfalls süßen Semmeln mit Fruchtgelees und Marmeladen bestrichen. Diese Vorliebe für den Genuß von Süßigkeiten von Tagesanbruch ab ist aber durchaus nicht etwa auf die Frauen und Kinder oder auf die wohlhabenden Klassen beschränkt, sondern sie ist ganz offenbar eine nationale Raserei.

Es gibt in den Vereinigten Staaten keine Cafés im Wienerischen Sinne. Als ich daher einmal auf dem Broadway ein Wirtshausschild mit der Aufschrift „Coffeehouse“ erblickte, stürmte ich begeistert in das Lokal. Es war eine große reinliche Halle, die Diele mit Sand bestreut, ohne Tische und Stühle, nur den Wänden entlang zogen sich Holzbänke, die durch Zwischenwände in einzelne Sitze eingeteilt waren, und auf diesen trennenden Seitenwänden waren genügend breite, rund geschnittene Bretter angebracht, um eine Tasse und einen Teller daraufstellen zu können. Am Kopfende der Halle befand sich ein riesiges Buffet, auf dem die herrlichsten Kuchen und Torten aufgebaut waren, sowie zwei blitzblanke vernickelte Samovars für Tee und Kaffee. Das Publikum dieses eigenartigen Kaffeehauses bestand aber ausschließlich aus Droschkenkutschern, Chauffeuren, Messenger Boys, Policemen und Arbeitern. Keine Frau betrat das Lokal. Kaffee gab es reichlich und anständig, und den ganz vorzüglichen und für New-Yorker Verhältnisse sehr billigen Schaum- und Fruchttorten, Apfelkuchen mit Schlagrahm und Minced Pie sprach dieses robuste Mannsvolk mit dem Behagen schleckermäuliger Schuljungens zu.

(M38)

Die eigentliche Nationalspeise ist keineswegs das Roastbeef oder der hochfestliche _Turkey_ (Puter), sondern der _Icecream_, das Gefrorene. Icecream wird Winters und Sommers von mittags bis Mitternacht verzehrt von Alt und Jung, von Hoch und Niedrig; Icecream besänftigt die ungebärdigen Säuglinge; Icecream gilt als Vorspeise, als Dessert, als Kompott sogar; er kehrt bei großen Diners mehrmals im Laufe der Speisenfolge als Zwischenaktsmusik wieder, er ersetzt den verpönten Alkohol und bewirkt, daß die Amerikaner sich der besten Zahnärzte der Welt erfreuen – denn das schroffe Durchsetzen siedheißer Suppen und glühender Breie mit Eiswasser und Icecream können selbst die besten Gebisse nicht vertragen. Der Schmelz springt ab, und die vom ewigen Zuckerschleimstrom umspülten, schutzlosen Zähne sind der Karies rettungslos preisgegeben. Infolgedessen hat jedermann fortwährend den Zahnarzt nötig, und man braucht sich nicht zu wundern, Kanalausräumer und schmierige Nigger mit so viel Gold im Munde zu sehen wie die köstlichste Maimorgenstunde.

(M39)

Ich habe bereits im vorigen Kapitel darauf hingewiesen, wie durch den Mangel an Dienstpersonal die Küche und die Tafelgewohnheiten beeinflußt werden. Ich bemerkte, daß durch den Mangel an scharfen Messern mit schwer zu putzenden Stahlklingen ein Braten zu einer schwer zu bewältigenden Speise geworden sei. Folglich kommen gekochtes Rindfleisch, Schmorbraten, Sauerbraten, Kalbs- und Hammelsrücken oder Schlegel so gut wie gar nicht auf den Tisch. Das nationale angelsächsische blutrünstige Roastbeef, drüben jedoch nicht so, sondern _Prime rib of Beef_ genannt, muß man von der Gabel mittels des stumpfen Bronzemessers abzustemmen versuchen, wenn man nicht vorzieht, den ganzen Fladen in den Mund zu nehmen und mittels der Gabel oder der Finger durch die Zähne zu ziehen. Übrigens sind diese Ochsenrippenstücke neben den sehr üppigen und teuren Rinds- und Hammelsteaks das einzige gebratene Fleisch, welches wirklich schmackhaft zubereitet zu sein pflegt, während Kalbskoteletten und Schnitzel meistens ungenießbar sind. Als niedliches Kuriosum möchte ich erwähnen, daß ich einmal bei einem Sonntagsdiner Honig als Kompott zum Roastbeef angeboten bekam! Geflügel wird sehr viel mehr als bei uns gegessen. Es wird zu unwahrscheinlichen Dimensionen herangezüchtet. Ich habe Hennen gesehen, die so hoch waren wie ein Storch und so fett wie ein Mops; aber das Fleisch dieser abnorm großen Tiere ist dafür auch wenig zart, und die Keulen besonders bekommen einen ganz anderen Charakter als das Brustfleisch; es wird beim Braten braun und mürbe, während das weiße Fleisch trocken und charakterlos bleibt. Meistens wird einem aber der Genuß selbst eines wohlgeratenen jungen Hahns durch eine pappige, süßliche Mehltunke verkümmert. Da das Tellerabwaschen die Geduld des feinnervigen Küchenpersonals auf eine zu harte Probe stellen würde, so muß man sich, wenigstens in Haushaltungen bescheideren Stils, die ganze Mittags- oder Abendmahlzeit einschließlich des Kompotts auf ein und denselben Teller packen. In dem Boardinghouse bester Art, in dem wir in New-York wochenlang lebten, bestand die sonderbare Sitte, daß nach der Suppe warme Teller mit einem Kleckschen Fisch, etwa von Daumendicke und -länge, verabfolgt wurden, selbstverständlich in einer seimig-süßen Sauce versteckt. (Übrigens sind die Fische des Atlantischen Ozeans auf der amerikanischen Seite wenig schmackhaft; wirkliche Delikatessen findet man nur unter den Fluß- und Süßseefischen.) Nachdem der Fischbissen verschluckt, beziehungsweise mißtrauisch auf den hohen Rand geschoben war, wurde der ganze Tisch voll kleiner Platten gestellt: verschiedene Fleischsorten verwischten Charakters, unseren Klopsen, falschen Hasen, Bouletten, Rouladen und dergleichen ähnlich, in irgendeiner mehlweißen oder kapuzinerbraunen Schmiere halb versunken, das unvermeidliche Chicken, dazu verschiedene Gemüse, unter denen grüne Erbsen, Lima-Bohnen und Blumenkohl die genießbarsten, sowie Kartoffeln in mehrerlei Aufmachung, in der Schale im ganzen gebacken – man bricht sie auf und schält sie mit dem Teelöffel heraus; recht empfehlenswert – oder als Brei, oder kloßartig, oder gebraten. Niemals fehlen auf dem Tische die beliebten _Sweet Potatoes_, Gebilde von Gurkenausdehnung, vor denen ich Fremdlinge eindringlichst warnen möchte, denn sie sehen wie gezuckerte Glyzerinseife aus und schmecken leider auch so ähnlich.