Der Diamant des Geisterkönigs

Chapter 4

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Arie. D' Mariandel ist so schön, D' Mariandel gilt mir all's, Und wenn ich s' nur erwischen kann, Fall' ich ihr um den Hals. Es gibt zwar der Mariandeln viel Auf dieser weiten Welt, Doch keine, die so herzig ist, Und die mir so gefällt. D' Mariandel ist so zart, Ja, ich gesteh' es frei, Bis sie ein halbes Knödel ißt, Derweil hab' ich schon drei. Und wenn ich oft recht hungrig bin, Zerspringt ihr fast das Herz, Da lauft s' nur g'schwind in d' Kuchel naus Und kocht mir einen Sterz.

D' Mariandel ist so treu, D' Mariandel ist so frumm, Und wenn ich s' nicht bald z'sehen krieg', So bring' ich mich noch um. Denn wer nur a Mariandel hat, Der weiß es so, wie ich; Nicht wahr? So oft man an sie denkt, Gibt's einem einen Stich!

Repetition. D' Mariandel ist gar g'scheit, D' Mariandel ist nicht dumm, D' Mariandel meint, in Wien dahier Wär's beste Publikum! Drum glaub' ich der Mariandel auch, Sie hat mich nicht vexiert; Ich hab' auf ihren Spruch vertraut Und hab' mich nicht geirrt! (Ab.)

Longimanus (allein). Jetzt haben s' schon Zeit gehabt, daß sie gegangen sind. Nicht einmal sein Schalerl Kaffee kann man mit Ruhe trinken. (Ruft.) Pamphilius!

Sechste Szene. Pamphilius. Voriger.

Longimanus. Die neuen Bücher, die ich aus der Leihbibliothek gekriegt hab', tragst ins Lesekabinett hinüber und bringst alles in Ordnung, ich will lesen.

Pamphilius. Befiehlst du auch einen aromatischen Rauch im Zimmer?

Longimanus. Später kannst du mir ein bißl einen blauen Dunst vormachen. Und jetzt hinüber, richt' alles her. Mein Tischerl, zwei Wachskerzen und dann das Buch von der Agnes Bernauerin; das Stück les' ich jetzt schon vierzehnmal, und ich weiß immer noch nicht, warum sie s' denn eigentlich ins Wasser geworfen haben. Jetzt komm, Pamphilius. (Beide gehen ab.)

Siebente Szene. Platz, von hohen schönen Gebäuden umschlossen, doch alle ohne Fenster im griechischen Geschmacke erbaut. Rechts der Eingang in den Palast des Veritatius. Links vorne eine Erhöhung von steinernen Stufen, worauf der Sitz sich befindet, hinter dem die Statue der Wahrheit steht. Eine nackte Figur mit der Sonne auf der Brust.)

Chor der Einwohner. Stille, stille! Harrt bescheiden, Bis des Hornes Ruf ertönt. Schrecklich muß der Freche leiden, Der des Herolds Wort verhöhnt. Was wird er uns wohl verkünden, Was muß vorgefallen sein? Doch wir werden's bald ergründen, Seht, hier tritt er ja schon ein.

Achte Szene. Vorige. Zwei Diener des Herolds treten vorauf und stoßen dreimal in ihr goldenes Horn, welches der römischen Tuba gleicht. Dann tritt der Herold in die Mitte.

Rezitativ. Herold. Bewohner des friedlichen Landes! Ich bin erschienen, euch zu verkünden Die Befehle unseres Herrschers. Schon wenn die nächste Stunde tönt, Müßt ihr euch hier auf sein Geheiß versammeln. Er wird ein Mädchen heut bestrafen, Und sie verscheuchen aus des Landes Grenzen, Weil frech die Sitten sie verhöhnet, Die doch mit Milde uns beglücken, Und die allein sind unsres Landes Stolz.

Arie mit Chor.

Herold. Hier im einsam stillen Lande, Wo der ew'ge Friede wohnt, Webt die Freundschaft feste Bande, Wird die Liebe süß belohnt.

Chor. Webt die Freundschaft feste Bande, Wird die Liebe süß belohnt.

Herold. Darum wandelt, meine Brüder, Mit Bedacht zur Arbeit hin, Nur der Vorsicht weihet Lieder, Denn die Hast bringt nie Gewinn.

Chor. Nur der Vorsicht weihet Lieder, Denn die Hast bringt nie Gewinn.

(Alle gehen ab.)

(Die Musik geht nach dem Chor in eine artige Variation, über das Thema: "Es reisen drei Schneider zum Tore hinaus, ade!" über.)

Neunte Szene. (Der Luftballon, welcher eine dunkelblaue Kugel vorstellt, aber nicht mit den gewöhnlichen Streifen, sondern quer ein Paar weiße Bordüren hat und zwei weiße Flügel, welche zu beiden Seiten angebracht sind, geht langsam nieder.)

Eduard, Florian, Kolibri als Luftfahrer mit einem rosenroten Fähnlein steigen aus dem daranhängenden goldenen Schifflein. Eduard trägt eine grüne Zivil-Uniform, weißes Beinkleid und Federhut. Florian rote Livree mit Goldborten.

Kolibri. Also hier wären wir, Mongolfier hat seine Schuldigkeit getan. Jetzt vollende du das weitere.

Eduard. Wo sind wir denn eigentlich?

Kolibri. Das wirst du schon erfahren; ich handle ganz zu deinem Besten. Kolibri ist nicht dumm. Jetzt verlasse ich dich, und wenn du mich brauchen wirst, werde ich gleich bei der Hecke sein. (Nimmt einen andern Ton an und den Hut ah.) Euer Gnaden, ich bitt' um mein Trinkgeld!

Eduard. Ja, richtig! Hier, mein kleiner Fuhrmann! (Gibt ihm ein Goldstück.)

Kolibri. Euer Gnaden verzeihen, ich habe noch etwas gut von der letzten Station; wissen S', mit die Füchseln? Es waren zwei Goldfüchsel, und Sie haben mir da nur eines gegeben (hält ihm das Goldstück vor).

Eduard (gibt ihm noch eines). Ja so! Bist du so geldgierig?

Kolibri. Das versteht sich! Ich muß mir ja was zusammensparen auf meine alten Tag'. Empfehle mich gar schön. (Macht einen Kratzfuß und steigt in den Luftballon, der mit ihm sogleich fortfährt.)

Eduard. Eine sonderbare Stadt! Es ist alles so stille in den Straßen, als ob sie unbewohnt wäre. Nun, Freund Florian, warum so betrübt? Gefällt es dir hier nicht?

Florian (der durch die ganze Szene sehr trübselig aussah und öfters nachzudenken schien). Nein! Für mich blühen auf diesem Boden keine Rosen!

Eduard. So sei nur nicht so einfältig! Es wird ja den Hals nicht kosten.

Florian. O, ich bitte, schweigen Sie! Glauben Sie, das ist ein Spaß, wenn's einem was wegreißt? So weit hab' ich's gebracht! Das ist das Los des Schönen auf der Erde!

Eduard. Jetzt befehle ich dir, zu schweigen und an jenem Palast zu läuten, daß wir hören, wo wir sind.

Florian. Na, es ist recht; ich will alles tun. Verzweiflung, nimm dein Opfer. (Er läutet.)

Zehnte Szene. Aladin, der Aufseher dieses Palastes, öffnet die Tore und tritt heraus. Vorige.

Aladin. Was seh' ich? Fremdlinge? Durch welche Zaubermacht seid ihr hierher gelangt und was begehret ihr von uns?

Eduard. Willst du, würdiger Unbekannter, mir wohl vorher die Frage beantworten, wo ich mich eigentlich befinde?

Aladin. Du befindest dich in dem Lande der Wahrheit und der strengen Sitte, und dein Fuß berührt den Boden unserer Hauptstadt.

Eduard. Freue dich, Florian, wir sind unserem Ziele nah'.

Florian. Ich wollt', ich wär' noch weit von meinem Ziel.

Aladin. Hier ist der Palast unsers Herrschers; ich bin nur sein Diener.

Florian. Jetzt ist der auch nur ein Bedienter.

Eduard. Willst du mich bei deinem Herrscher melden? Ich bin weit über dem Meere, ein Prinz aus dem Lande der Aufrichtigkeit und habe mit meinem treuen Diener (Florian verbeugt sich) in einer neuerfundenen Luftmaschine die Reise in euer Land gemacht, um mir eine Braut nach Hause zu führen, die ich durch treue Liebe und ungeheure Reichtümer zu beglücken gedenke.

Aladin. Deine Gesinnungen sind gut, und ich werde sie unserm Herrscher treu berichten.

Eduard. Doch jetzt mache mich auch mit den Gewohnheiten eures Insellandes bekannt.

Florian. Ja, erzählen S' uns ein bissel was.

Aladin. Auf unserer Insel wirst du den Streit vergebens suchen; wir haben gar keinen Verkehr mit irgend einem Lande. Feste geben wir nie, wir glänzen nur durch Wahrheit.

Florian. Das ist sehr schön von Ihnen.

Aladin. Einsam ist es in den Straßen, denn man geht nur aus, wenn es sehr notwendig ist.

Eduard. Doch ich sehe keine Fenster an den Häusern.

Aladin. Die gehen in den Garten, die Aussicht ist zurück.

Florian. Sie werden halt die Augen auf dem Rucken haben, weil s' vorn zuviel Aufsehn machten.

Aladin. Mit großer Strenge wird bei uns die Lüge bestraft, je nachdem sie nachteilige Folgen verursacht; doch ist man gegen Weiber nachsichtiger, als gegen Männer. Verleumdung kennen wir nur dem Namen nach auf der Insel der Wahrheit und Sittsamkeit.

Florian. Erlauben Sie, mein Teurer! wenn einer in seiner Sittsamkeit etwas stiehlt, so wird er doch ganz bescheiden eingeführt?

Aladin. Wer fehlt, muß bestraft werden.

Florian. Und da bekommt er hernach seine soliden fünfzig Strichel?

Aladin. Das geschieht nicht. Wir schlagen nur die Kleider des zu Bestrafenden, nicht den Mann; und das ist bei uns die größte Schande.

Florian. Das geschieht bei uns auch. Man schlagt auch nur die Kleider, aber man wartet so lange, bis sie derjenige an hat, den wir--(macht die Pantomime des Prügelns).

Eduard. Wie ist es rücksichtlich eurer Heiraten?

Aladin. In ihrem zwanzigsten Jahre werden unsere Mädchen verheiratet, ohne daß sie ihren Bräutigam zu Gesichte bekommen haben. Als Frauen dürfen sie keinen Schritt mehr aus dem Hause machen.

Florian. Das ist gut. Wenn eine Geld im Sack hat, kann s' wenigstens keins verlieren auf der Gasse.

Aladin. Nur bei öffentlichen Versammlungen müssen sie erscheinen. Übrigens darf kein Mädchen allein ausgehen, wenigstens vier, wo eine die andre beobachtet, denn es darf sich keine umsehen.

Florian. Das heißt, sie dürfen niemand über die Achsel ansehen.

Aladin. Und gehen immer in Begleitung von zwei Mohren.

Eduard. Himmel, welch ein qualvolles Leben!

Aladin. Wenn ein Mann ein Frauenzimmer auf der Straße sieht, muß er sein Haupt zur Erde beugen und darf sie nicht ansehen, sonst ist er des Todes.

Florian. Wenn das bei uns der Brauch wär', da schaueten manche junge Herren den Frauenzimmern nicht so unter die Hüte.

Eduard. Ist das beim Fremden auch der Fall?

Aladin. Es kommen selten Fremde zu uns. Doch sind sie von diesen Gebräuchen ausgeschlossen, soweit es der Anstand gestattet, und es ist ihnen erlaubt, ehrerbietig ihre Hand zu küssen. Selten vergißt ein Frauenzimmer ihren Stolz. Wenn aber ein unwürdiges Betragen von einer den andern zu Ohren kommt, so empört sich auch ihr Gefühl so sehr, daß sie in großen Tadel über die Unwürdige ausbrechen.

Eduard. Das ist eben kein sicherer Beweis von eigener Unverdorbenheit des Herzens.

Florian. Ah, das ist der Neid--mit mir reden!

Eduard. Ich danke dir für deine Auskunft und bedaure die Unglücklichen; sie würden wahrscheinlich edle Geschöpfe werden, wenn man ihren Handlungen weniger Zwang auflegen möchte.

Aladin. Bedauern? Sprich dieses Wort nicht aus in Gegenwart meines Herrschers, bei dem ich dich jetzt melden werde. Im Lande der Wahrheit ist niemand zu bedauern, als der, den die Götter mit Blindheit geschlagen haben, den unbedingten Wert unserer Handlungen nicht einzusehen. (Ab in den Palast.)

Florian. Geh der Herr zu.

Elfte Szene. Eduard. Florian.

Eduard. Aus allem, was ich gehört habe, schöpfe ich wenig Hoffnung, ein Mädchen hier zu finden, welches die strengen Anforderungen meines zauberischen Gönners erfüllen wird. Solch ein unnatürlicher Zwang erweckt Verschlossenheit, und Verschlossenheit ist die Mutter der Lüge. Doch sieh, dort kommen einige Frauenzimmer! Ich will mein Glück versuchen, Florian, halte dich standhaft.

Florian. Um alles in der Welt, Gnädiger, sein Sie menschlich! Denken Sie, solange Sie eine bei der Hand halten, halten Sie mich beim Schopf; nur gleich wieder auslassen.

Zwölfte Szene. Vier verschleierte Mädchen erscheinen, von zwei Mohren begleitet. Sie prallen bei Eduards Anblick etwas zurück. Vorige.

Eduard. Tulpe der Schönheit, verzeihe einem Fremdling, der es wagt, dir seine höchste Verehrung darzubringen.

Florian. Mir ist, als wenn ich ausg'führt würde.

Osillis. Ein artiger Mann.

Amazilli. Welch sonderbare Tracht?

Eduard. Erlaube mir, deine reizende Hand zu küssen. (Ergreift ihre Hand.)

Florian (schreit). Uijegerl! Ausgelassen! (schwächer) Auslassen! (Seufzt.)

(Eduard läßt ihre Hand los.)

Osillis (erschrickt). Was ist das? (Zu Florian.) Was ist dir, Fremdling?

Florian. Nichts! Ist schon vorbei! Wir wissen schon, wie viel's geschlagen hat.

Osillis. Aber du erschreckst uns durch--

Florian. Ist ja nicht wahr; ist alles erlogen.

Eduard. Verzeihe ihm; und auch du, holdes Mädchen! (Ergreift die Hand der Zweiten.)

Florian. Auweh! Auweh! Auweh! Die lügt noch stärker. O, Sapperment!

(Eduard läßt sie los.)

Florian. Ah, das ist eine Komödie!

Eduard. Schweig, Bursche!

Osillis. Ist er wahnsinnig?

Eduard. Mein schönes Mädchen! (Tritt zwischen die beiden andern und ergreift zugleich ihre Hände.)

Florian. Um alles in der Welt! Ich halt's nicht aus! Ich geh' zugrund!

(Die Mädchen reißen ihre Hände los und entsetzen sich.)

Osillis. Welche Verwegenheit! Flieht, Schwestern, das ist ein Rasender! (Alle vier Mädchen entfliehen mit den Mohren in den Palast.)

Dreizehnte Szene. Eduard. Florian.

Eduard. Nun, Freund Florian, was sagt dein Barometer?

Florian. Lügen hat's geregnet. Ich werd' ein miserabler Mensch! Wenn wir zurückkommen, dürfen S' mich gleich auf sieben Jahr nach Gastein oder ins Bründelbad schicken.

Eduard. Armer Schelm, du dauerst mich.

Florian. Das ist eine sittsame Bagage. Die zwei letzten müssen schon gelogen haben, bevor sie auf die Welt gekommen sind; es ist nicht möglich sonst.

Eduard. Die Forderung grenzt aber auch an Unmöglichkeit. Doch wir wollen unsere Hoffnung nicht aufgeben.

Florian. Ja, haben S' die Gnad'. (Deutet auf's Reißen.)

Eduard. Willst du, daß wir dieses Land verlassen und in ein anderes ziehen?

Florian. Ah, hören S' auf, sie lügen überall. Es ist doch g'scheiter, ich geh' hier zugrund', als wenn ich wegen dem noch eine Weile wohin reisen soll.

Eduard. Es wird ja doch nicht überall so arg sein.

Florian. Ja, ist schon recht! Jetzt, wenn S' erst auf eine treffen, die einen reichen Liebhaber hat, den sie für einen Narren hält; die können erst lügen! Da reißt's mich in der Mitten voneinander.

Eduard. Still! Man kommt.

Vierzehnte Szene. Aladin. Vier Mann Wache mit Pfeilen. Vorige.

Aladin. Fremdling! Der Herrscher wird in diesem Augenblicke hier erscheinen, um öffentliches Gericht zu halten, und bei dieser Gelegenheit will er dich bewillkommen und deine Bitten hören.

Eduard. Nimm meinen Dank für deine Botschaft.

Aladin. Doch haben wir Befehl erhalten, deinen Diener in das Irrenhaus zu bringen, und ihn mit Ketten zu belasten, wie es sich für einen Rasenden geziemt.

Florian. Was? Mich wollen s' in den Narrenturm sperren, und ich bin gescheiter, als sie alle?

Aladin. Ergreift ihn.

Florian. Ich sag's ja, wo ich hinkomme, halten mich die Leute für einen Narren. So nehmen S' Ihnen doch an um mich! Wird sich doch einer um den andern annehmen?

Eduard. Halt! Er ist mein Diener, und niemand hat ein Recht auf ihn, als ich. Ich stehe für seinen Verstand und für sein künftiges Betragen gut.

Florian. Ja, wir setzen was ein.

Aladin. Wohl, doch bei dem kleinsten Anfall werden wir unsere Befehle vollziehen.

Eduard. Also hüte dich!

Florian. Jetzt muß ich mir eine Ehr d'raus machen, wann's mich reißt.

Aladin. Fremdling! Folge mir, bis ich dich dem Beherrscher vorstellen darf. (Geht mit Eduard ab.)

Eduard (im Abgehen). Florian, nimm dich in acht. (Ab.)

Florian. Reden Sie nichts auf mich; Sie haben auch schon ausgedient bei mir. (allein.) Ich unglückseliger Mensch, was fang' ich an? Wenn ich auch durchging', es nutzt nichts; denn wenn er in England eine bei der Hand nimmt, so fangt's mich in Holland zum Reißen an. Es ist kein Mittel, als sukzessiv hin zu werden; immer matter, bis es aus ist.

Quodlibet. Werd' ich denn hier sterben müssen? Soll ich nicht die schöne Gegend Draust bei Währing wiedersehn? Nimmermehr am heitern Ufer, Beim Kanal spazieren gehn? Nein, du armer Michel, Der Tod kommt mit der Sichel! Wie traurig ist doch mein Geschick! Mir blüht auf dieser Welt kein Glück. Kein Mädchen, das stets Wahrheit spricht; O jegerl, g'fallt mir nicht, die G'schicht. – Welche Lust gewährt das Reißen, Wenn eine reicht stark lügt. Glauben Sie's mir! Ach, ist es denn gar so schwer, Ein Mädchen z'finden, Das ein treues Herz besitzt, Das man kann ergründen? O närrische Leut', o komische Welt! Einmal war es ganz anders! Da gab es noch Mädchen, Die saßen am Rocken Und spannen am Rädchen.

Jetzt putzen und zieren sie sich, wie die Affen, Und lassen sich hinten und vorne begaffen. Hab' ich nicht recht? Nun, wenn S' erlauben! Und meine Mariandel, die wird zu Hause fragen: Was macht denn der Florl? sag', ist er recht g'sund? Er liegt im Spital draust, ist ganz auf den Hund. Ist das wahr? Der arme Narr! Lieber Herr Franzel, nur jetzt kein Tanzel! Denn erster Liebe Kraft, Bleibt ewig Leidenschaft! Und ihr Florl, meint sie, Gilt ihr alles, meint sie, Von Amstetten, meint sie, Bis Hernals, meint sie, Gibt's kein Mann, meint sie, So wie er, meint sie, Ich wär' schön, meint sie, au contraire!

Drum will ich lustig sein, Und mich des Lebens freun! Nur in dem Landel, Wo mein Mariandel Sehnsuchtvoll wartet, Möcht ich schon sein.

Denn mir liegt nichts an Stammersdorf und an Paris, Nur in Wien ist's am besten, das weiß man schon g'wiß; Man weiß, daß's in hundert Jahren auch noch so is'! Aber, ob wir nicht g'storben sein, weiß man nicht g'wiß. Drum, wenn ich hier sterben sollt', und Sie nimmer sich, So bitt' ich halt gar schön, so denken S' an mich!

Fünfzehnte Szene. Man hört einen Marsch. Alles Volk erscheint und stellt sich in einen halben Zirkel, dessen Mitte frei bleibt. Die Frauenzimmer stehen vor den Männern unverschleiert. Veritatius erscheint mit seiner Tochter Modestina. Aladin, Wachen, dann Eduard und Florian.

Chor. Stellt euch um der Wahrheit Thron, Sprecht der frechen Lüge Hohn.

Veritatius (besteigt mit Modestina seinen erhabenen Stuhl). Volk dieser Stadt! Ich habe dich versammeln lassen, um Zeuge zu sein bei der Verbannung eines Geschöpfes, welches schon seit langer Zeit durch ausgelassene Manieren die Gebräuche unserer Insel mit Füßen tritt.

Alle. Hoch lebe Veritatius!

Veritatius. Doch bevor wir den Vorhang dieser unangenehmen Szene eröffnen: Aladin, führe den Fremden vor. (Aladin geht und bringt Eduard und Florian.)

Veritatius. Sei mir willkommen, Fremdling! Du bist also der Herr vom Lande der Aufrichtigkeit?--Was ist denn das für eine pitoyable Figur, die dort an deiner Seite steht?

Eduard. Es ist mein Diener. (Deutet Florian, daß er sprechen soll.)

Florian. Bin so frei, meine ergebenste Aufwartung zu machen.

Veritatius. Das ist ein spaßiger Mensch, ich muß über ihn lachen. (Lacht; zu den übrigen.) Man lache auch ein wenig über ihn.

(Alle lachen.)

Florian. Das ist eine dumme Nation!

Veritatius. Und nun zur Sache! Ich habe gehört, daß du dir eine Braut erkiesen willst, und weil du mir so wohl gefällst, auch aus vornehmem Stande bist, so stelle ich dir hier meine Tochter vor. Man verwundere sich. (Alles verwundert sich.) Wenn er dir gefällt und seine Abkunft beweiset, will ich mit Freuden euere Hände ineinander legen.

Modestina. Fremdling! Gewohnt, den Befehlen meines Vaters zu gehorchen, reiche ich dir mit Freuden meine Hand, wenn du mich vorher überzeugst, daß dein Edelmut sie verdient.

Florian. Ui jegerl, ich freu' mich schon.

Eduard. Nimm meine Huldigung, Holdeste deines Geschlechtes. (ergreift ihre Hand.)

(Florian empfindet Schmerz, sucht ihn aber durch unartikulierte Töne und Lippenbeißen zu verbergen.)

(Eduard sieht auf Florian; dieser deutet nein, er läßt ihre Hand mit Anstand los.)

Modestina. Er gefällt mir recht wohl.

(Dumpfer Lärm von außen, man hört Aminens Stimme.)

Aminens Stimme. Laßt mich! Laßt mich!

Sechzehnte Szene. Amine. Wachen. Vorige.

Amine (stürzt herein, hinter ihr Wache). Laßt mich, ihr abscheulichen Männer! (Stürzt zu Veritatius' Füßen.) Gütiger Herr! Was hat die arme Amine verbrochen, daß sie solchen Mißhandlungen preisgegeben wird? Ich bin ja ein armes, unschuldiges Mädchen, das noch niemand auf der Welt etwas zuleide getan hat.

Veritatius. Wie kannst du es wagen, vor meine Augen zu treten, ohne daß ich dich rufen ließ? Ausgelassenes Geschöpf, über dessen Verbrechen sich alle Bewohner dieser Stadt entsetzen.

Amine. Aber worin bestehen denn meine Verbrechen? Daß ich über die spitzige Nase deines Türstehers gelacht habe, daß ich auf der Straße herumgelaufen bin, meinen Papagei zu fangen, daß ich mein Haupt mit keinem Tuche umwinden will, weil ich Kopfschmerzen davon bekomme, und daß ich endlich keine traurige Miene machen kann, weil ich ein fröhliches Herz im Busen trage, sieh, das kann ich nicht lassen, lachen muß ich; und wenn du noch so zornig auf mich blickest und deine Augenbrauen so hinauf ziehest, so werd' ich wieder recht zu lachen anfangen müssen.

Veritatius. Welch unerhörte Frechheit! Man ärgere sich mit mir! (Pause.) Nein, man ärgere sich nicht; es will sich nicht geziemen, daß wir wegen dieser Verbrecherin in Ärger geraten. Als eine arme Waise hat man sie hier aufgenommen, weil ihr Vater, ein englischer Kapitän, mit seinem Schiffe an dieser Insel strandete und seinen Tod in den Wellen fand; und diese Bettlerin wagt es, das Ärgernis einer ganzen Stadt zu werden? Man ergreife sie, setzte sie in ein Schifflein und treibe es hinaus in die See, fern hin von dem Lande der Wahrheit, damit die Wellen das Spiel mit ihr treiben, das sie nur zu lange mit uns getrieben hat. (Die Wachen ergreifen sie.)

Aladin. Führt sie fort.

Eduard. Halt! (Für sich.) Ein unwiderstehliches Gefühl reißt mich hin, sie auf die Probe zu stellen.

Florian. Ah, das ist ja entsetzlich; das nimmt ja gar kein Ende.

Eduard (laut). Erlaube mir, mächtiger Herrscher, eine einzige Frage an dieses Mädchen zu stellen.

Veritatius. Man stelle sie.

Eduard. Gutes Kind, hast du Vertrauen zu mir?

Amine. Ach ja! Du hast kein übles Gesicht und scheinst ein guter Mensch zu sein. Amine fühlt das gleich.

Eduard. Reiche mir deine Hand.

Amine. Hier hast du sie. (Gibt sie ihm.)

Florian (fängt an, einen unendlichen Frohsinn und eine innere Lustbarkeit auszudrücken). Euer Gnaden, die b'halten wir, die lassen wir nimmer aus.

Alle. Was soll das bedeuten?

Amine. Ach, nimm dich meiner an; ich bin gewiß nicht schuldig!

Eduard. Nein, das bist du nicht, du gutes Mädchen. Wahrheit besteht nicht bloß durch äußere Form, sie wohnt im Innersten des Herzens, und Ungezwungenheit und Naivität dürfen immer ihre lieblichen Schwestern sein.

Veritatius. Habt ihr ihn verstanden?

Alle. Ja!

Veritatius. Ich nicht. Man verstehe ihn auch nicht!

Eduard. Höre mich, Veritatius! Ich verzichte auf die Hand aller Mädchen deines Landes; laß mir Amine, und ich führe sie als meine Gemahlin mit mir in mein Reich.

Modestina. Wie? Du wagst es?

Alle. Entsetzlich!

Veritatius. Ruhig! Man schweige! Sieh, Verblendeter! Weil du es wagst, meine Gastfreundschaft durch solchen Undank zu lohnen, so will ich dich auch dafür bestrafen. Du sollst sie haben; aber augenblicklich meidest du dieses Land und tust ihm nie wieder die Schande an, es zu betreten.

Eduard. Dank deiner Güte! Kolibri, lichte die Anker, schwelle die Segel!

Kolibri (fährt mit dem Luftballon nieder). Komm' schon; bin schon da.

Eduard. Und nun komm, Amine, und du, Veritatius, traure; denn ich entführe dir ein seltenes Kleinod, dessen Wert du nicht zu schätzen wußtest. (Musik ertönt, Eduard, Amine, Florian und Kolibri steigen ein, und fahren fort.)

(Veritatius geht mit seiner Tochter und Aladin in den Palast, die übrigen bleiben zurück.)

Chor. Fahret, fahret fort! Steuert durch die Welt, Bis zum Ort, bis zum Ort, Wo euch Reue quält.

Ein Fallschirm kommt herab, worauf steht: "Körbchen für die Schönen dieses Landes." Vier Genien kommen aus der Tiefe und teilen goldene Körbchen an die Frauen aus.r

Chor. Seht die frechen Laffen hier, Körbchen uns zu spenden! Rache kocht im Busen mir, Blutig soll es enden!

(Heftiger Schlag in der Musik. Sie wollen auf die Genien hin, diese heben die Finger warnend auf; ein augenblickliches Tableau. Die Genien ziehen aus den Körbchen verschiedene Schmuckwaren hervor, die Weiber ergreifen sie freudig. Die Musik und die Singstimmen sehr piano.)