Chapter 3
Kolibri (als Postillion gekleidet, kommt in einer Postkalesche, mit zwei russischen Füchsen bespannt, gefahren. Er bläst sein Posthorn, steigt ab, schnalzt mit der Peitsche und stampft mit dem Fuße vor dem Haustor.) Mordkreuztausend Bataillon! Die Schnellfuhr' ist da, aufgemacht! (Klopft an der Haustür.)
Eduard (kommt aus dem Hause in einem grünen Oberrocke, mit Pelz ausgeschlagen). Ah, mein kleiner Fuhrmann, schon hier? Brav! Das heiß' ich Wort halten!
Kolibri. Ja, bei uns geht alles auf der Post. Es ist ja spät, sonst fahren wir in die Nacht hinein.
Eduard (ruft). Florian, tummle dich!
Sechsundzwanzigste Szene. Florian (reisefertig, einen Livreefrack und einen warmen Spenser darüber. Fäustlinge, eine Reisemütze, er trägt mehrere Schachteln, zwei Parapluies, einen Stiefelknecht und eine Kaffeemaschine in den Armen). Alles in der Ordnung!
Eduard (lacht). Du heilloser Kerl! Was hast du dir alles aufgeladen? Wirst du's gleich zurücklassen? Du siehst ja aus wie ein Packesel!
Florian. Ich muß ja doch das Notwendigste mitnehmen.
Kolibri. Gleich laß es zurück! Bist du nicht allein schwer genug mit deinem Kürbiskopf?
Florian. Wegen meiner! (Wirft die Sachen ins Haus.) Das wird eine schöne Reis' werden, nicht einmal einen Koffer; und der Postknecht! Sein Posthörndel ist größer als er; den verlieren wir unterwegs.
Siebenundzwanzigste Szene. Mariandel (kommt aus dem Hause, hat eine runde Schachtel, worin ein Gugelhupf ist, und einen großen Wäschekorb). Um des Himmels willen, Euer Gnaden werden doch nicht so fortfahren? Nehmen Euer Gnaden doch ein bisserl Wäsch' mit; es ist alles aufg'schrieben: zwölf Hemden, acht Paar Strümpfe, zwanzig Halstücheln, zwei Dutzend Halskrägen--
Kolibri. Mordbataillon! Das können wir nicht brauchen! Einsitzen! Die Pferd' wollen nicht mehr stehn.
Mariandel (küßt Eduard die Hand). So wünsch' ich Euer Gnaden halt eine glückliche Reise! Ich werd' schon das Haus hüten.
Eduard. Steig ein, Bursche!
Florian. Mariandel, bleib g'sund!
Mariandel. Florian, mach' dich gut zusammen, daß du mir keinen Eselshusten kriegst. Da hast ein altes Pelzpalatin'l von mir (sie gibt ihm's um). Und in der Schachtel da ist ein Gugelhupf; aber beiß dir keinen Zahn aus. (Sie stellt ihn neben sich.) Und jetzt leb' wohl, lieber Florian! Vielleicht seh' ich dich nimmermehr.
Florian. O Mariandel, mir druckt's mein Herz ab (weint).
Mariandel. Nicht wahr, du wirst mich nicht vergessen?
Florian (weinend). Nein! Wo ist denn der Gugelhupf?
Mariandel. Florian!
Florian (weint stark). Den Gugelhupf!
Mariandel. Könntest du in mein Herz sehen!
Florian. Sein Weinberl drin?
Mariandel. Nu, da hast ihn, du Vielfraß! (Gibt ihm die Schachtel.)
Kolibri (stampft). Jetzt weiter, ins Teixels Namen! (Haut Florian mit der Peitsche unter die Füße und treibt ihn so auf den Löffel. Alle sitzen auf, und unter dem Ausrufe: Florian leb' wohl. Mariandel, denk' an mich! fahren sie unter Posthornschall ab.)
Achtundzwanzigste Szene. Mariandel (allein). Jetzt sind sie fort, und mich arme Köchin lassen s' allein in der Brisil. Wenn nur mein Florian nicht krank wird, er ist gar so schwächlich; ich hab' ihm mit Fleiß seine Brust recht eingemacht, weil s' so zart ist. Er hat das Frühjahr ohnedem eine Kur gebraucht, hat Molken getrunken und Plutzerbirn' dazu gegessen, half aber nicht viel. Wann er aber glücklich zurückkommt, so will ich eine Mahlzeit kochen, die sich sehen lassen soll.
Arie. Die Ehre ist fürwahr nicht klein, Recht eine gute Köchin z' sein; Doch wann die Lieb' im Köpfchen schnalzt, G'schieht's, daß die Suppe sie versalzt. Wenn hübsche Herren bei uns speisen, Muß unser Herr die Zimmer weisen, Doch oft, mit ganz zerstreutem Sinn, Stehn s' mitten in der Kuchel drin.
Da sagen s' gleich: "Schöne Mariandel, O gib mir doch dein liebes Handel!" Doch ich, ich dreh' mich nicht herum, Und rühre meine Zuspeis' um.
Will einer Liebe mir beweisen, Und Küsse von den Lippen speisen: Bei dem wird meine Treue kund, Dem wisch' ganz höflich ich den Mund.
(Geht ab.)
Neunundzwanzigste Szene. (Tiefe Gegend mit einem hohen Berg, auf welchen sich ein breiter Weg hinaufwindet, so, daß er drei Etagen bildet. Oben am Ende des dritten Weges ein Portal, mit der transparenten Ausschrift: Zaubergarten. Weiter entfernt sieht man im Perspektiv den Vesuv des Zauberkönigs rauchen. An den Kulissen sind lauter hervorragende Hügel angebracht, an diesen sowohl als am Berge wachsen viele farbige Blumen, in Gestalt der Sonnenwende; statt dem mittlern Kopf aber sind kleine Menschengesichter gemalt. Bei Verwandlung der Bühne ist das Theater rückwärts mit mehreren Tieren besetzt; ein indianischer Hahn, mehrere Affen, ein Bär, ein Fleischhauerhund, welche alle auf den Gesang des Baumes horchen. Der Baum singt eine beliebige Polonaise gleich bei der Verwandlung.)
Koliphonius (tritt auf mit einer Gießkanne und einem Korb mit Früchten. Wie er hereinkommt, schweigt der Baum. Er hat ein weites Kleid mit roten Flammen garniert, und eine Schlangenkrone auf dem Haupte). Nun, vierfüßiges Gesindel! Wie steht's? (Die Tiere versammeln sich um ihn.) Jetzt muß ich meine Verwunschenen füttern! Ein schönes Institut! Toren, warum habt ihr so bewegliche Köpfe gehabt, die zum Umschauen gemacht waren? Der Koliphonius ist gar ein feiner Kerl. Alle habe ich sie noch in mein Netz gebracht. Keiner ist zum Zauberkönig gelangt. Da! Und jetzt trollt euch. (Gibt ihnen die Früchte preis, sie gehen langsam damit ab.) Die Tiere waren Männer. Jetzt wollen wir die bezauberten Blumen begießen; das waren lauter neugierige Frauenzimmer, die den Geisterkönig um ewige Schönheit bitten wollten (begießt sie). Was seh' ich? Beim neunarmigen Styx, dort kommen Menschen an! Heißa! Koliphonius, nimm dich zusammen! Ihr sollt mir nicht entwischen. Frisch ans Werk! Tut eure Schuldigkeit, ihr singenden Zweige oben; lockt sie hinauf, singt bezaubernde Melodien; singt Rossinische: sie locken ja ins Schauspielhaus, so werden sie auch hier ihre Wirkung nicht verfehlen.
Dreißigste Szene. Kolibri. Eduard. Vorige.
Eduard. Also hier ist dein berüchtigter Zauberberg? Und jener feuerspeiende Berg, sagtest du, ist die Wohnung des Geisterkönigs?
Florian. Logiert der in einem Rauchfang?
Kolibri. Dort ist seine Wohnung.
Eduard. Und diesen Berg muß ich ersteigen, ohne umzublicken? Und dem höchsten Baum in jenem Garten muß ich einen Zweig entreißen?
Kolibri. Ja! Doch muß ich dich jetzt verlassen, und darf dich erst wiedersehen, wenn du glücklich vollendet hast.
(Baum singt einige Takte aus einer bekannten Rossinischen Oper.)
Eduard. Was hör' ich für angenehme Melodien! Ich kenne euch, ihr habt mich oft vergnügt.
(Baum singt einige Takte von Mozart.)
Eduard. Ha, das ist Mozart! O, meine vaterländischen Töne! Ihr könnt nicht nur vergnügen, ihr könnt auch begeistern. Lebt wohl! Ich besteige den Berg.
Kolibri. Hüte dich! Sieh dich nicht um, ich darf dich nicht beschützen. (Zu Florian.) Komm, Bursch'!
Florian. Marsch, Bursch'! Ich bleib' bei meinem Herrn. (Kolibri geht ab.)
Melodram.
Eduard (beginnt seine Wanderung. Er betritt den ersten Weg. Vier reizende Nymphen zeigen sich und suchen ihn durch Winke zum Umsehen zu bringen; endlich formieren sie bei einer Ferma in der Musik eine ihn umschlingende und zurückhaltende Gruppe. Eduard reißt sich los, ohne sich umzusehen, und ruft; Laßt mich, Bajaderen! Die Nymphen verschwinden schnell. Eduard betritt den zweiten Weg; es wird plötzlich finster. Der Donner rollt und schlägt vor ihm in einen Baum ein, welcher einen Augenblick brennt. Pause in der Musik.) Du schreckst mich nicht! Vorwärts! (Der Baum verlischt, die Bühne wird wieder hell. Eduard betritt den dritten Weg; ein Grieche mit gezücktem Dolche verfolgt ein Mädchen, welches sich an Eduard von rückwärts anklammert und Hilfe! Hilfe! ruft; er reißt sich los und ruft. Zurück! Beide versinken.) Viktoria, es ist gelungen! (Eilt in die Pforte. Man hört durchs Sprachrohr Koliphonius' Stimme: Verdammt! Die Musik drückt den Triumph aus.)
Florian (hat während der ganzen Szene seine Empfindungen mimisch ausgedrückt, macht einen Rundsprung). Juhe! Das ist ein Mandel mit Kren, mein Herr! Und ich soll hier stehen bleiben, wie ein Spatzenschrecker? Nein! Hinauf auf den Lepoldiberg! Vielleicht erwisch' ich auch eine bezauberte Nagelwurzen! (Musik; er eilt auf den Berg; vier Oberländler-Küchenmädchen mit Linzerhauben und schwarzen Vortüchern machen das vorige Spiel. Pause in der Musik.) Zurück, ihr Kuchelmamsellen! (Die vier Mädchen verschwinden. Er tritt den zweiten Weg an, es kommen zwei Mann Soldaten mit angeschlagenem Gewehre, einen Korporalen dabei, welcher kommandiert: Schlagt an! Habt acht! Gebt Feuer! Auf das Wort: Feuer fällt Florian auf das Gesicht vorwärts nieder; die Soldaten schießen über ihn weg und verschwinden. Er rafft sich auf und ruft: Weit davon ist gut vorm Schuß! Er betritt den dritten Weg. Ein Kellner hält ihn zurück, und ruft: Meine zehn Gulden! er schlägt rückwärts aus: Zurück, Ungeheuer! und wirft ihn nieder; Kellner entflieht.) Triumph! Es ist gelungen! (Er will ins Portal; in dem Augenblick erscheint Mariandels Gestalt hinter ihm und ruft: Florian! Florian! Florian schaut sich schnell um und ruft: Mariandel! Er will auf sie zu, sie verschwindet; eine Furie reißt ihn rückwärts nieder.)
Koliphonius (erscheint am Fu9e des Berges). Er ist mein! Verwandle dich in einen Pudel! (Eine Hundshütte erhebt sich über Florian; er läuft als Pudel über den Berg herab und sucht ängstlich seinen Herrn. In dem Augenblick kommt Eduard frohlockend, den Zweig in der Hand, aus dem Garten über den Berg und ruft: Florian! Florian! Der Pudel springt an ihm hinauf und liebkoset ihn. Pause.)
Eduard. Was ist das? Was will der Pudel?
Kolibri (tritt heraus). Es ist dein Diener.
Eduard. Unglücklicher! Was hast du getan? (Pause.) Ich will dich auch so nicht verlassen. Komm, Sinnbild der Treue! Fort von diesem Ort! (Nimmt den Pudel bei dem Halsbande und will ihn fortziehen.)
Koliphonius (ruft). Halt! Er bleibt hier! Mein ist der Hund; ich bin hier Herr.
Eduard. Mit meinem Leben will ich ihn verteidigen! Er bleibt nicht hier.
Koliphonius. Nicht? (Verwandelt sich in einen Jäger.) So erschieß' ich ihn. (Bückt sich, sein Gewehr aufzunehmen, ein Genius bringt es, Koliphonius spannt den Hahn.)
(Kolibri winkt. Plötzlich springen acht Pudel, eben so gezeichnet wie Florian, auf die Bühne und bilden mit ihm ein Tableau, das ganze übrige Theater aber ist auf allen Bergen und Seitenhügeln mit lauter gemalten Pudeln angefüllt, welche sich nach Verhältnis der Tiefe perspektivisch kleiner zeigen, in komischen Gruppen, und ein Tableau formieren.)
(Koliphonius will zielen, prallt zurück.)
Eduard. Bravo, Kolibri! Jetzt schieß den rechten, wenn du ihn kennst, aber schnell, denn alle nehm' ich sie nicht mit mir.
Koliphonius. So will ich sie alle verderben. (Winkt; die Bühne verfinstert sich. Blitze leuchten, heftiger Regen. Das Wasser schwillt immer höher, Kolibri und Eduard befinden sich mitten auf einem Felsen, welcher sich aus dem Wasser emporhebt und hoch herausragt. Die Pudel schwimmen um ihn herum. Pause in der Musik.)
Eduard. Er ist verloren!
Kolibri. Wirf ihm den Zweig zu.
Eduard (wirft den Zweig ins Wasser und ruft) Florian, Apport! Der Pudel sucht ihn zu haschen, arbeitet sich mit dem Zweig in dem Mund auf den Felsen hinan, wo Eduard steht. Wie er oben ist, ruft Eduard unter Musik: Er ist gerettet! Der Felsen verwandelt sich in ein Segelschiff und fährt mit den Dreien davon.
Koliphonius (ruft). Fluch und Verderben über euch! (Der Pudel bellt im Fortfahren mit Wut auf ihn hinaus.)
(Die Kurtine fällt.)
Ende des ersten Aufzuges.
Zweiter Aufzug. (Palast des Longimanus mit einem Seitenthron.)
Erste Szene. Longimanus sitzt auf dem Throne, um ihn mehrere dienstbare Geister.
(Großer Tanz von idealen Geistern, am Ende eine Gruppe.)
Chor. Heil, Longimanus!
Longimanus. Ist schon gut, schon gut! Bedank' mich aufs allerschönste. (Für sich) Freut mich recht, daß s' mir haben heute einen kleinen Tanz gemacht, weil morgen mein Namenstag ist.
(Der Chor ab).
Zweite Szene. Pamphilius. Vorige.
Pamphilius (überreicht dem Longimanus einige Visitenkarten). Zauberer Vanille; Fee Maraskino!
Longimanus. Aha! Kommen schon die Billetten ang'stochen. (Liest.) La Hexe de Marascino et sa famille. Monsieur Vanille, Professeur de la Magie. Ich lass' mich bedanken; meine Empfehlung. Auf mein' Namenstag freu' ich mich immer, wie ein Kind, bloß wegen die Zugbilletten. (Nimmt ein Zugbillett.) Da schau' einmal, wie man bei dem Kerl anzieht, reckt er den Fuß in die Höhe. (Lacht.) Ist das nicht prächtig?
Pamphilius (lacht). O, scharmant! Das ist ein herrlicher Gedanke.
Longimanus. Wie den Neujahrstag; den hab' ich auch so gern, wenn die Leut' glückwünschen kommen. Warum? Weil man gewiß überzeugt ist, daß es ihnen vom Herzen geht. (Man hört den Pudel von außen bellen.) Wer bellt denn da draußen?
Pamphilius (sieht hinaus). Ein großmächtiger Pudel!
Longimanus. Will er mir vielleicht auch zum Namenstag gratulieren? Schau doch hinaus.
(Pamphilius geht ab.)
Longimanus. Wenn der mir seine Aufwartung machen wollt', das war' wirklich zu viel; da müßt' ich protestieren.
Dritte Szene. Pamphilius. Vorige.
Pamphilius (kommt zurück). Herr! Zephises' Sohn hat die Reise nach dem Zaubergarten glücklich vollendet und wagt es, sich dir zu Füßen zu werfen.
Longimanus. Hör' auf! Das ist ein Tausendsasa! Hat sich nicht umgeschaut! Auf die Letzt hat er gar das Rheumatische im Hals, daß er den Kopf nicht hat umdrehen können. Er soll hereinkommen; doch seinem Vater sagst, daß er nicht herüber kommt; er darf nicht reden mit ihm. Aber wegen was hat er denn einen Pudel?
Pamphilius. Vielleicht ist er ein Pudelnegoziant. Ich werd' ihn gleich hereinschicken. (Geht an die Kulisse und läßt Eduard herein.)
Vierte Szene. Eduard. Vorige.
Eduard. (kommt, hat den Zweig in der Hand und stürzt zu des Longimanus Füßen). Mächtiger Zauberfürst!
Longimanus. Ich bitt' recht sehr, stehen Sie auf, ist alles zuviel. (Hebt ihn auf, zu Pamphilius.) Bring' Er Sesseln!
(Pamphilius bringt zwei Sesseln.)
Longimanus. So! Jetzt geh nur hinaus! (Pamphilius geht ab.) Nehmen S' Platz.
Eduard. Sonne der Welt! Du zermalmst mich durch deine Güte.
Longimanus. Warum nicht gar! Reden S' nur frei heraus von der Leber weg. Mit was kann ich dienen? Sie sind also der kleine Eduardl?
Eduard. Ja, ich bin die arme Waise.
Longimanus. Nun, wenigstens müssen S' in Ihrem Waisenhaus eine gute Kost gehabt haben; Sie sind recht auseinander gangen.
Eduard. Nur durch das Vermächtnis meines unglücklichen Vaters bin ich seit kurzer Zeit in den Besitz jenes großen Reichtums gelangt, den er durch deine hohe Gunst erhalten hat. Ich bin hier, dich um eine Gnade anzuflehen. Doch, bevor ich diese Bitte wage, liegt eine andere mir--(Der Pudel bellt.)
Longimanus. Ja, Apropos! Du hast ja einen Kameraden bei dir? Laß mir ihn doch herein. He, laßt den Pudel herein!
(Der Pudel springt herein, zuerst auf Eduard und liebkost ihn, dann zum Zauberkönig.)
Longimanus. Nun, mich freut's, Ihre Bekanntschaft zu machen. Das ist ein spaßiger Kerl. Wie spricht der Hund? Schau', gibt keine Antwort. Ach, den müssen Sie mir zum Präsent machen, ich werd' ihm gleich die Ohren schneiden lassen. He!
(Der Pudel fangt zu lamentieren an und verkriecht sich hinter Eduard.)
Eduard. Um alles in der Welt nicht! Eben das Schicksal dieses armen Pudels war es ja, worüber ich dich um Gnade anflehen wollte.
Longimanus. Das ist doch schrecklich, was das Schicksal treibt; jetzt kommt's gar über die Pudeln!
Eduard. Dieser Ärmste ist mein Diener; seine Anhänglichkeit an mich verleitete ihn, den Zauberberg nach mir zu besteigen, und ein einziger Rückblick hat ihn in diese schreckliche Lage versetzt.
Longimanus. Wie ist er denn dem Koliphonius entwischt? Hat gewiß wieder das kleine Spitzbübel, der Kolibri, sein' Hokuspokus gemacht. Dem Buben lass' ich noch einmal einen Schilling geben.
Eduard. Habe Mitleid! Schenke ihm seine vorige Gestalt wieder!
Longimanus. Nu, wegen meiner; so laß ihn da in den Zauberkasten hinein. (Er öffnet den Kasten und läßt den Pudel hinein.) Ich bitt', hineinzuspazieren. (Zu Eduard.) Und jetzt ruf ihn dreimal beim Namen.
Eduard. Florian! Florian! Florian!
Florian (im Kasten). Na, aufmachen da! Sapperment!
(Eduard öffnet den Kasten.)
Florian (kömmt im größten Zorn heraus). Ah, das ist ja inpertinent! Mord dividomine! (Stößt plötzlich gegen den Zauberkönig und fällt ängstlich auf beide Knie nieder.) Ui jeges! Ich bitt' tausendmal um Verzeihung, Euer Langmächtigkeit!
Longimanus. Das ist ein zorniger Nickel! So geht's, wenn man manchmal Leuten Gefälligkeiten erweist, so sind s' noch recht grob dafür.
Eduard. So bedank' dich doch, unartiger Bursche! Dem Geisterkönige verdankst du deine jetzige Gestalt wieder.
Florian. Ich küss' die Hand, Euer Hochmächtigkeit!
Longimanus. Ich weiß nicht, ob Er viel profitiert hat bei seiner Verwandlung; Er ist mir als Pudel viel gescheiter vorgekommen als jetzt. Also weiß Er jetzt, wie einem Pudel zumute ist?
Florian. Ah, das war ja ein Hundsleben; das möcht' ich meinem ärgsten Feind nicht wünschen. Aber wie ist denn meine Mariandel daher kommen?
Longimanus. Das war nicht Seine Mariandel! Wir haben Mariandeln g'nug. Punktum! Also künftig g'scheiter sein. (Zu Eduard.) Also, mein lieber Eduard, den hätten wir. Was willst denn noch, mein Kind?
Eduard. Laß mich niedersinken und--
Longimanus. Der Mensch hat so schwache Nerven, alle Augenblick' sinkt er.
Eduard. Du hast meinem Vater sechs Statuen zum Geschenk gemacht, doch die siebente, kostbarste, mächtiger Zauberkönig! zürne nicht, wenn ich mich erkühne, auch ihren Besitz von deiner unerschöpflichen Großmut zu erflehen.
Longimanus (macht große Augen und sagt mit Gewicht). Die siebente Statue willst du? Ja, die hat einen Wert; da kriegt man schon in einem jeden Versatzamt was d'rauf.
Eduard. O, schenke sie mir!
Florian. Rucken S' heraus damit!
Longimanus. Nur Geduld! Weißt du was? Umsonst ist der Tod! Wenn man etwas haben will, so muß man auch etwas dafür tun; nicht wahr?
Florian. Ja, springen muß man immer was lassen.
Longimanus. Also Schwierigkeit gegen Schwierigkeit! Du sollst die diamantene Statue haben, aber--du mußt mir dafür ein Mädchen aussuchen, welches in ihrem achtzehnten Jahre ist und noch in ihrem Leben keine Lüge über ihre Lippen gebracht hat.
Florian Da kriegen wir s' nicht, die Statue!
Eduard. Hoher Herr! Du machst eine große Forderung an mich schwachen Sterblichen; doch ich will auch das Unwahrscheinliche wagen für den Besitz dieses Zauberschatzes.
Longimanus. Du willst also? Eh bien! Wenn du sie aber gefunden hast, so bringst du sie augenblicklich hierher und erwartest mich am Fuße meines rauchenden Palastes. Unterstehst du dich aber, einen Augenblick mit ihrer Übergabe zu zögern, so ist dein Leben verloren. Ja, schau' mich nur an! Ich mach' kein' Spaß! Augenblicklich, da kommt kein Pardon!
Eduard. Ich füge mich deinem Ausspruche. Doch, wie wird es mir möglich werden, diese Priesterin der Wahrheit zu erkennen? Wie kann ich erfahren, ob ein Mädchen auch nicht im Scherze noch gelogen hat! Wer im ganzen Hause wird mir das sagen können?
Florian. Nur beim Hausmeister erkundigen.
Longimanus. Da hast du recht. Da muß ich dir ein Kennzeichen geben.
Florian. Ja. fragen S' nur mich allemal; ich werd' Ihnen's schon sagen.
Longimanus. Richtig, durch den sollst du's wissen, weil er gar so eine Freud' damit hat, unser Freund.
Florian. Ja, ich bitt', Euer Herrlichkeit! Ich g'freu' mich schon.
Longimanus. Wenn du ein Frauenzimmer prüfen willst, so ergreife ihre Hand; hat sie schon einmal gelogen, so wird dieser Bursche da im ganzen Körper entsetzliche Schmerzen empfinden.
Florian (ganz erstarrend). Mich trifft der Schlag!
Longimanus. Es wird ihn reißen, stechen, kurz, alles mögliche, was er sich nur selbst wünschen kann.
Florian. Ich bitt', das ist wirklich zuviel!
Longimanus. Und je mehr Lügen, als eine in ihrem Leben gesagt hat, in desto größere Zuckungen wird er verfallen.
Florian. Sie verzeihen, aber ich muß hinaus! (Will fort.)
Eduard. Halt! Warum denn?
Florian. Mir wird nicht gut.
Longimanus. Du bleibst da!
Florian. Euer Herrlichkeit, das geht nicht; das bringet mich ja ins Spital!
Longimanus. Schweig! Also--wo sind wir geblieben? Richtig, desto mehr Reißen wird er empfinden.
Florian (will fort). Hören Euer Herrlichkeit mit dem Reißen auf, oder es reißt mich zur Tür hinaus. Wer wird denn in einem rheumatischen Dienst bleiben?
Longimanus. Langsam! Auf Regen folgt Sonnenschein. Wenn du aber eine findest, die noch nie gelogen hat, so wird er ein außerordentliches Wohlbehagen empfinden. Es wird ihm so leicht sein und so froh, als wie einem Menschen, der das erstemal einen Langaus tanzt.
Florian. Ja, wenn er sieben Jahre die Gicht g'habt hat. Nun, ins Himmelsnamen, lassen wir uns halt eine Weile herumreißen.
Eduard. Sei ruhig, Florian! Wenn ich mein Ideal gefunden habe, so will ich dich reichlich belohnen.
Florian. Mich? O je, wo bin ich da schon? Bis dorthin reißt's Ihnen ein dreihundert Bediente z'samm', wie nichts.
Longimanus. Und jetzt macht's, daß Ihr weiter kommt. Wie willst denn fahren? (Ruft.) He, Pamphilius!
Fünfte Szene. Pamphilius. Vorige.
Longimanus (zu Pamphilius). Laß ihnen meine zwei alten Drachen einspannen, die ich vor meinem Galawagen habe, das sind doch ein Paar sichere Tiere.
Pamphilius. Mächtiger Herrscher, das ist unmöglich! Der Handige hat sich einen Flügel gebrochen.
Longimanus. Da hast es ja. Das ist von dem g'schwinden Fahren. Jetzt darf ich wieder langmächtig suchen, bis ich einen gleichen dazu krieg'. Weißt du was? Fahr du in einem Luftballon, und wo er mit dir niedergeht, dort probier' dein Glück. Geht's hinüber in die Schupfen um einen Luftballon, der Kolibri soll kutschieren.
(Pamphilius geht ab.)
Longimanus. Also viel Glück! Für ein schön's Wetter werd' ich schon sorgen, und wollt Ihr andere Kleider, nur drüben mein' Schneider sagen, in fünf Minuten sind sie fertig.
Eduard. Hoher Geisterfürst! Mit mutigem Vertrauen trete ich meine Reise an, mein höchstes Glück liegt in deiner Hand.
Florian. Mächtiger Zauberfürst und wohlgeborner Zechmeister der löblichen Geisterzunft! Mit der entsetzlichsten Tremarola tret' ich meine Reise an; haben Sie Mitleid mit meiner schwachen Konstitution, und denken Sie, daß ein Mensch keine solchen Schmerzen mehr auszustehen vermag, der sich erst vor kurzem noch so herumgepudelt hat.
Longimanus. So wart' Er noch ein wenig! Das ist ein närrischer Mensch! Es geschieht Ihm ja nichts, wegen was lamentiert Er gar so?
Florian. Sehen Euer Herrlichkeit, mir ist nur, wenn ich eine verrissene Physiognomie bekäme, meine Mariandel schauet' mich in ihrem Leben nicht mehr an.
Longimanus. Was ist denn das für eine Person, die Mariandel? Ist s' denn gar so hübsch?
Florian. No, wann S' was g'spannen; das ist eine barbarische Schönheit. Die ganze Welt darf man ausreisen, es gibt keine.--Ach, ich glaub' nicht, daß man in der Walachei eine findet.
Longimanus. Nu, bravo! Die muß Er mir einmal aufführen.
Florian (lacht). Ach nein! Euer Herrlichkeit sind gar ein G'spaßiger? Sie könnten mir s' abwendig machen.
Longimanus. So sei Er nur nicht so kindisch; was fallt Ihm denn ein?
Florian. Nein, nein! Was nützt denn das? Ich gib s' nicht aus der Hand. Wer mir meine Mariandel stehlet, der wär' ein Kind des blassen Todes! Ha! da würde ja gerauft! Euer Herrlichkeit sind ein stattlicher Mann, aber die Schläg' möcht' ich Ihnen nicht wünschen, denn meine Mariandel ist meine einzige Passion!