Der Deutsche Lausbub in Amerika: Erinnerungen und Eindrücke. Band 2 (von 3)

Part 9

Chapter 93,512 wordsPublic domain

Und weiter ging es im Laufschritt, und nach drei Minuten waren wir mitten -- in einem Tollhaus. Unter Wahnsinnigen, unter Menschen, die Waffen trugen und jung waren, und dennoch kreischten in fürchterlicher Angst wie Weiber. Sie stießen sich und drängten sich und schrien und duckten und hielten die Hände schützend vor die Köpfe, irgend eine unsichtbare Gefahr abzuwehren. Der Weg war völlig verstopft. Ein panikgeschüttelter Menschenhaufe wogte hin und her, den Offiziere vergeblich vorwärts zu treiben versuchten. Eine Kette hatten sie gebildet, die Kapitäne und Oberleutnants und Leutnants, und fluchten und schrien und hieben mit den flachen Säbeln drein. Ich starrte. Irgend etwas war da -- irgend etwas ...

»Pack, Pack -- verfluchtes Pack!« zischte der Major.

Da warf dicht vor uns ein Korporal mit gellem Schrei die Arme empor, stürzte schwer zu Boden, und die Soldaten um ihn wichen entsetzt zurück. »Revolver 'raus, Kinder!« schrie der Major. »Mir nach!«

»Platz!! _Platz!!! Zurück in die Bäume!!_!«

Was alle Drohungen und alles Gebrüll der eigenen Offiziere nicht vermocht hatten, erzielte das messerscharfe, schrille Kommando mit seiner klaren, bestimmten Weisung. Links und rechts von uns taumelte es in die Bäume, und langsam wurde der Weg frei.

Ich sah tiefen Schlamm -- sonnenfunkelndes Wasser ... Wir drängten uns vorwärts. Der Pfad senkte sich abschüssig und verlor sich in einen breiten Bach schmutzigen Wassers. Mitten im Wasser lag ein toter Soldat, und dicht am Bachrand kauerten Leichen -- drei -- fünf -- sieben ---- im Knäuel, hingeschleudert von den Geschossen; das Flüßchen war unter scharfem feindlichem Feuer. Die New Yorker zeterten. Hinter uns kam es herangerasselt, und in scharfem Tempo jagte die Maschinengeschütz-Abteilung herbei, Reguläre im Laufschritt, drei Gatlingkanonen vorwärtsschiebend und stoßend und zerrend. Hop -- hinein ins Wasser -- hop -- waren sie hinüber, ohne einen einzigen Mann verloren zu haben. Wir mit ihnen. Drüben ertönte eine laute Stimme:

»Re -- gu -- läre! -- auf mein Kommando -- zu Zweien reiht euch ein -- im Laufschritt -- vorwärts marsch ... marsch -- eins, zwei -- eins, zwei -- eins, zwei ...«

Und in scharfem Takt trippelte, als sei sie auf Parade, eine halbe Kompagnie regulärer Infanterie heran, geführt von einem blutjungen Leutnant, trippelte im gleichen Takt hinein ins Wasser, trippelte heraus -- Das panikbefallene New Yorker Regiment aber steckte immer noch unter den Bäumen.

Der tückische Zufall des Kriegs hatte es gefügt, daß scharfes, indirektes spanisches Feuer sich auf die von überall völlig unsichtbare San Juan Furt im Walde konzentrierte, gerade in dem Augenblick, als die New Yorker Freiwilligen ins Wasser marschierten. Die ersten waren weggefegt worden, in einem Haufen, und da und dort noch im Regiment stürzten Getroffene. Die Spitze drängte zurück und die Panik war da. Die Soldaten, die im Gedräng nichts mehr sehen, den unsichtbaren Feind nicht erblicken konnten, wurden wie toll vor Angst.

Der Major war stehengeblieben und kaute auf den Schnurrbart. »Sie erinnern sich doch,« sagte er, »an das Flüßchen, das wir gestern vom Hügel aus sahen?«

»Jawohl, Major.«

»Na, das hier ist's. Haben Sie eine Ahnung, ob wir links abgekommen sind? Ich glaube, ja. Die erste Wegkrümmung war nach links, die zweite ebenfalls, nicht wahr?«

»Jawohl. Die Hügel, die wir sahen, müssen schräg vorne rechts sein.«

»Glaub' ich auch. Hm. Sagen Sie einmal, wie ist Ihnen zumute?«

»Ich -- ich möchte etwas sehen!« stotterte ich.

Er lachte. »Und Sie, Souder?«

»Wenn der Herr Major gestatten -- ich finde, es ist eine verdammte Gemeinheit, da im Wald stecken zu müssen und beschossen zu werden und nicht ein einziges Mal selber schießen zu dürfen. Und ich bin froh, daß ich über dem Wasser bin!«

»Ich auch -- Teufel, ich auch!« lachte der Major. »Na, Kinder, ich bin zufrieden mit euch und ich werde noch viel zufriedener sein, wenn ihr möglichst wenig plaudert. Wir hätten eigentlich schon längst zur Linie zurückkehren sollen und haben hier gar nichts zu schaffen. Ich muß mir da erst eine faustdicke Lüge ausdenken, um -- na ja. Wollen uns noch ein bißchen umgucken!«

Und er lachte. Ein Spitzbubenlachen ...

Verschwunden waren die harten, energischen Linien aus seinem scharfgeschnittenen Gesicht, das der dichte schwarze Schnurrbart älter erscheinen ließ, als es in Wirklichkeit war, und verschwunden die abwehrende Würde des Aelteren und Befehlenden. So jung ich war, so begriff ich doch, daß in ihm das Gleiche vorging wie in mir; daß die Neugierde ihn plagte bis zum Bersten und die jungenhafte Sehnsucht, dabei zu sein. Ein Junge war er jetzt wie ich -- wie Souder ---- ein Junge, der es ebenfalls als eine »verdammte Gemeinheit« empfand, da im Wald zu stecken und -- _nicht sehen zu dürfen_.

Fortgesetzt pfiff es über uns dahin.

Der Schlammweg war noch da, aber im Walddunkel blitzten helle Strecken auf im Sonnenlicht. Es wurde immer lichter. Die Bäume wichen auseinander und bildeten Gruppen, und scharfausgeprägte Lichtflecke im Gesichtskreis ließen freies Grasland ahnen. Da fuhr ich auf einmal zusammen, denn in das Knattern hinein dröhnte es in rasselnder Fürchterlichkeit.

»Die Gatlings!« schrie der Major. »Jungens, wir sind da!« Er riß das Glas hervor. »Rechts! Vorwärts -- vorwärts!«

Wir stürmten zwischen den Bäumen dahin, stolperten über Wurzeln und Ranken, tappten im tiefen Gras und waren am Waldrand, mitten in langer Schützenlinie, umtost von einer Hölle dröhnenden Geknatters.

Mit blitzartiger Geschwindigkeit warfen wir uns zu Boden, denn jetzt pfiff es nicht mehr angenehm hoch oben in den Bäumen dahin, sondern dicht an den Ohren vorbei. Ich befühlte verstohlen meine linke Ohrmuschel -- n -- nein -- es war nichts -- aber es mußte scheußlich nahe gewesen sein! Dann räkelte ich mich und streckte mich und bohrte mit meiner Körperschwere, um mich der schützenden Erde so nahe anzuschmiegen, als es nur irgendwie möglich war.

Rechts lag der Major, links Souder. Schienen sich auch recht wohl zu fühlen am Erdenbusen, lagen wenigstens sehr flach da! Ich hob den Kopf ein wenig und sah -- nichts. Dicht vor meiner Nase war eine winzige, wellenartige, grasbewachsene Bodenerhöhung, was mir sehr zweckmäßig schien, aber -- zum Kuckuck, ich wollte doch etwas sehen! Langsam streckte ich die Hand vor, jeden Augenblick erwartend, daß eine Kugel hineinfuhr, und kratzte mir einen runden Ausschnitt in die schützende Deckung. Und nun vergaß ich auf einmal die wiedergeborene Angst und starrte wie gebannt in die Sonnenhelle hinaus. Zehn Schritte vor mir lag ein toter Regulärer, auf dem Rücken, zusammengekrümmt, das Gewehr noch in den Fäusten über dem Leib. Sein Schädel war eine einzige Blutmasse.

Vor mir konnte ich eine weite, freie Strecke überblicken. Gras, Gestrüpp, ein paar Bäume. Dahinter erhob sich, dreihundert Meter etwa entfernt, ein massiger Hügel, an den links und rechts sich andere Hügel anschlossen. Es war der San Juan-Hügel. Ich sah durch das Glas. Auf dem Hügel rührte sich nichts, aber ich konnte braune Linien entdecken, über denen Dunstfäden schwebten. Das waren Schützengräben. Dunst von rauchschwachem Pulver. Oben auf der Kuppe des Hügels, im Gestrüpp, stand ein Blockhaus.

Neben mir schoß etwas vorwärts; der Major war es, der in zwei Sätzen zu dem Toten sprang, sich neben ihn hinwarf -- ah, jetzt griff er nach dem Gewehr in seinen Händen und hakte ihm den Patronengürtel aus, dann eilig mit seiner Beute zurückkriechend ... Da schob ich den Karabiner vor -- bang -- auf die braune Linie dort im Hügel -- bang -- bang.

Neue fünf Patronen. Auch der Major und Souder gaben Schuß auf Schuß ab. Ich feuerte und feuerte. Und unaufhörlich kam es herangesaust und schlug dumpf ein irgendwo.

Mein Karabinerlauf war heiß geworden. Ich sah um mich. Die Männer der Schützenlinie lagen im Gras nach links und nach rechts den Waldrand entlang, so weit man sehen konnte. In dichten Haufen hier, vereinzelt dort, feuernd, was die Gewehre hergaben. Links, zwanzig, dreißig Schritte vor mir, hockte hinter dem dicken Stamm eines Mangobaums ein Trompetersergeant, der mit rasender Schnelligkeit schoß. Die glänzende Signaltrompete auf seinem Rücken leuchtete wie flackerndes Licht. Und Lärm überall --

Stöhnen -- Schreie ----

Jetzt ein Brüllen, daß der Atem mir stockte. Ein wahnsinniges Aufheulen -- und ein Mensch sprang empor wie ein Ball und wälzte sich im Gras vor der Feuerlinie, sprang wieder auf und brüllte mit einer Stimme, die nichts Menschliches mehr hatte:

»M -- mein L -- leib -- das bre -- ennt! -- oah.. oh ...«

Das furchtbare Ding tanzte und sprang und brüllte wie ein Tier -- und dann gellte es auf einmal, so überlaut, so entsetzlich, als dränge alle Höllenpein und aller Schmerzensjammer sich in einen einzigen Aufschrei:

»=K -- i -- ii -- ll me! K -- ii -- ll me!= Tötet mich -- Freunde, tötet mich!«

Ich war auf die Knie geschnellt und hob den Karabiner, aber der Lauf zitterte und wackelte wie ein Grashalm im Wind. Das fürchterliche Ding vor mir schoß noch einmal auf, taumelte, brach zusammen und lag still da. Viele Gnadenschüsse hatten seinen Jammer geendet.

»Ruhe!« kommandierte eine scharfe Stimme.

»Zur Hölle mit der Ruhe!« schrie es in Antwort.

Und plötzlich, als sei das ein Signal gewesen, sprach und schrie ein jeder, daß das Stimmengewirr den Feuerlärm übertönte. Die überspannten Nerven waren am Zerreißen, und die Spannung machte sich Luft.

»'ran an die Bande da drüben!« schrie einer links. »Hier ist 6te Kavallerie.«

»Hier ist 1te Infanterie --«

»Bei Gott, sollen wir Reguläre uns hier verpfeffern lassen?«

Bajonette wurden herausgerissen und schnappten klirrend in die Federn an den Gewehrläufen ein. Der Major zog seinen Revolver.

»Schnellfeuer!!« schrie irgend jemand.

Rasselnd rollte das Feuer mit furchtbarer Geschwindigkeit aus dem Waldrand. Wie von selbst eine Pause nun. Da schrie der Trompetersergeant gellend:

»Jungens -- Reguläre -- gebt ihnen -- Hölle --«

Und er sprang zehn, zwölf Meter weit vor und warf sich hin. Andere folgten -- warfen sich hin -- weiter unten andere -- warfen sich hin, feuerten ... Auf einmal lag ich ebenfalls ein Stückchen weiter vorne und pumpte das Karabinermagazin leer. Noch weiter vorne sah ich den Major. Dann rannte es neben mir, und ich lief mit, die Augen immer auf dem Major, und holte ihn ein und warf mich hin, weil die anderen sich hinwarfen, und feuerte, weil die anderen feuerten.

»Gebt -- ihnen -- Hölle!« brüllte es.

Ich stolperte über Stacheldraht, fiel, sah, wie der Major und Souder wenige Schritte neben mir ebenfalls stürzten, griff in den Draht und riß mir die Hände blutig, kam frei, sprang wieder vorwärts. Neben mir Souder und der Major. Da, ganz in der Nähe, ragte es grasig steil auf, und braune und blaue Flecke krabbelten an Händen und Füßen empor; -- da -- brüllendes Geschrei ertönte, und vorwärts ging es mit den anderen.

In Grasbüschel krampften wir uns ein, und das niedrige Gestrüpp packten wir und schoben und zerrten uns hoch. Plumps -- fielen wir in einen Schützengraben, fluchten, kletterten wieder --

und _waren oben_ ...

Unten lag ein Tal voller Gestrüpp, und zwischen dem Gestrüpp sah ich zwei, drei weiße Hüte auftauchen, weit weg, und feuerte blindlings hinterdrein ------ auf die einzigen Spanier, die ich überhaupt deutlich zu Gesicht bekommen hatte!

»Lassen Sie die Schießerei!« sagte der Major. »Wir haben hier überhaupt nichts zu suchen und hätten gar nicht mitmachen dürfen. Jetzt aber ist es höchste Zeit, an unsere Pflicht und unsere Station zu denken!! Warten Sie hier auf mich!«

So wurde die Schlacht vom San Juan-Hügel gewonnen. Nicht von einer Armee, nicht von Regimentern, nicht von Kompagnien einmal, sondern von einem Haufen, nein, von Dutzenden von Häuflein einzelner Männer, denen das anscheinend ergebnislose Schießen aus der Schützenlinie auf die Nerven fiel. Dazu kamen die schweren Verluste, gegen die man wehrlos war. Ich bin überzeugt, daß der arme Teufel mit dem zerschossenen Unterleib, der schreiend in seiner Qual vor der Front hin und her taumelte, sein gut Teil zu dem Siege beigetragen hat, zu dem mühelosen Siege, denn jenes anscheinend so tollkühne Anstürmen gegen den Hügel kostete nur wenige Menschenleben, so aufregend es war während der kurzen zehn Minuten des Vorwärtsjagens. Von einzelnen Männern wurde der Hügel genommen. Eine Feuerleitung existierte nicht, noch irgendwelche höhere Führung, in der entscheidenden Phase. Nicht aus Mangel an Disziplin, denn bei den Regulären wenigstens war die Disziplin vorzüglich, sondern aus Mangel an Geführtwerden. Gab es doch überhaupt keine Verbindung zwischen den einzelnen Verbänden. Man hatte sorglos Regiment auf Regiment in den engen Waldweg hineingestopft ohne eigentlichen Plan, und in natürlicher Notwendigkeit lösten sich die Regimenter sofort in kleine Trupps auf, als sie in die Feuerzone des schwierigen Terrains kamen, nach langem hilflosem Beschossenwerden im Urwald. Von da aus arbeitete sich eben Trupp für Trupp und Häuflein für Häuflein vorwärts; in echt amerikanischer Neugierde und in echt amerikanisch leichtsinnigem Selbstvertrauen. Jeder Mann fühlte sich als »weißer Mann« und Amerikaner von vornherein mindestens zwei Spaniern, zwei »Dagos«, gewachsen. Ein Spanier ist ja für den echten Sohn Onkel Sams nur drei Schattierungen besser als ein Chinese. Ein verachteter =dago=. Die moralische Ueberlegenheit war da; leicht genug einem Feind gegenüber, der sich auf die Defensive beschränkte und seine Sache für eine verlorene zu halten schien.

Diese Ueberlegenheit, und nur sie, gab den Ausschlag.

Die spanische Verteidigungslinie auf den Hügeln mit ihren vorzüglich angelegten Schützengräben war ganz ausgezeichnet und uneinnehmbar, wären Männer gleichen Selbstvertrauens es gewesen, die sie besetzt hätten. Der Spanier verfügte obendrein über ein besseres und schnellerfeuerndes Gewehr als es das dänische Krag-Jörgensen auf der amerikanischen Seite war, das deutsche Mausergewehr -- er kannte alle Entfernungen -- alle Vorteile waren auf seiner Seite. So siegte nur selbstvertrauender Leichtsinn in diesem exotischen Krieg des Leichtsinns. Die Schlacht vom San Juan-Hügel gewannen schneidige, leichtsinnige Jungens, die, auch die Regulären nicht, keine wirklichen Soldaten im modernen Sinne darstellten trotz aller persönlichen Tüchtigkeit, denn sie wurden nicht geführt wie Soldaten. Erst lange nach der Entscheidung griffen die ordnenden Hände höherer Führer ein.

Im Hauptquartier herrschte furchtbarer Wirrwarr.

Gegen den Willen des Höchstkommandierenden eigentlich wurden die Einzelkämpfe jenes Tags gekämpft und durchgeführt, dem die Kriegsgeschichte den Namen der Schlacht vom San Juan-Hügel gegeben hat.

Der alte General Chaffee hatte in den Nachmittagsstunden des 30. Juni ganz allein, nur von einem Adjutanten begleitet, das Gelände auf dem äußersten rechten Flügel rekognosziert und das Dörfchen El Caney stark besetzt gefunden. Mit dem Morgengrauen griff seine Brigade an, unter ähnlichen Verhältnissen wie beim San Juan-Hügel später, und während das heiße und langwierige Feuergefecht um das kleine Dorf tobte, erhielt er General Shafters Befehl, den Kampf sofort abzubrechen und der Brigade Hawkins bei den San Juan-Hügeln zu Hilfe zu eilen. Man fürchtete das Schlimmste im Hauptquartier. Die starken Verluste im Fernkampf (20 Offiziere und 100 Mann tot, 70 Offiziere und 700 Mann verwundet), zusammen mit Alarmmeldungen wie dem Versagen des 71. Regiments, hatten den Stand der Dinge in sehr bösem Licht erscheinen lassen, und über die Erfolge des Tages war niemand wohl erstaunter als der Generalstab. General Chaffee zögerte. Er fürchtete den demoralisierenden Eindruck eines Zurückgehens, das als Niederlage gedeutet werden mußte. Da machte sich die Sache eigentlich von selbst. Kleine Trupps stürmten vor, und er benützte diesen günstigen Augenblick, mit zwei Regimentern zu stürmen. In wenigen Minuten war das alte Steinkastell genommen, das Dorf besetzt und der Feind in wilder Flucht.

Gleichzeitig fast oder wenig später spielte sich der Endangriff auf den San Juan-Hügeln ab, gleichfalls gegen den Befehl des Höchstkommandierenden, der das Abwarten von Verstärkungen anbefohlen hatte. In ähnlich selbständiger Weise wurde der Hügel rechts vom Blockhaus von versprengten Truppen der Division Kent, der Hügel links vom Blockhaus von den Rauhen Reitern, Regulärer Kavallerie und Teilen des 1. und 9. Regiments unter Roosevelts Führung genommen. Alle fast gleichzeitig. Um drei Uhr nachmittags war die gesamte Hügellinie, die in weitem Bogen Santiago umschloß, im Besitz der Amerikaner.

* * * * *

Ich riß mein Flanellhemd herunter und wand es aus, wie eine Waschfrau ein Stück nasser Wäsche auswringt. So naß war es von Schweiß, als ob ich es nicht vom Leib, sondern aus dem Zuber Wasser gezogen hätte. Den letzten Rest schmutzigen San Juan-Wassers trank ich aus meiner Feldflasche und war glücklich, in meiner Tasche unter den Patronen noch ein Stückchen steinharten Zwiebacks zu finden. Unterdessen feuerte hie und da jemand. Die Spanier erwiderten das Feuer nur schwach, und den Männern auf dem San Juan-Hügel wurde die Geschichte sehr bald langweilig, wenn es ihnen auch nicht an Munition fehlte, da inzwischen ein Maultiertransport mit Patronenkisten nachgekommen war. Sie waren hungrig und durstig und müde. Und trösteten sich mit allerlei Spässen.

Witze flogen hin und her. Sie verloren den Humor nicht, diese zähen Regulären, wenn sie auch völlig erschöpft waren und zur Kräftigung nichts hatten als die jämmerlichen Reste verschmutzten Wassers in den Feldflaschen, ein paar harte Zwiebacke, ein Stück Speck im Tornister. Sie halfen sich selbst, wie sie unter höllischem Feuer sich selbst geholfen hatten; kratzten sich neue Schützengräben aus gegen den Feind zu mit ihren kurzen, breiten, praktischen Haubajonetten, und ruhten die einen, während die anderen arbeiteten, im schwachen, unregelmäßigen, abflauenden Gewehrfeuer. Dann eilten Offiziere hin und her und brachten langsam Ordnung in die aus allerlei Regimentern zusammengewürfelten Soldatenhäuflein und organisierten planmäßiges Arbeiten in den Schützengräben.

Der Brigadestab hatte sich hinter dem Blockhaus auf der sanft abfallenden Hügelkuppe versammelt. Während der Major mit den Offizieren sprach, gingen Souder und ich zu den gefangenen Spaniern hinüber, die in Trupps eben herbeigeführt wurden. Dreißig, vierzig Mann mochten es sein im ganzen. Sie wurden von einem halben Dutzend Regulärer bewacht, die ihnen die Mausergewehre, die Bajonette, und die Patronengürtel abgenommen und auf einen Haufen geworfen hatten. Zuerst standen die Spanier scheu da, als ob sie Mißhandlungen befürchteten. Als aber einer ihrer Wächter betrübt seine leere Feldflasche beguckte, trat ein Spanier vor und bot ihm die seine an. Das war in dem Augenblick, als wir hinkamen. Der Mann im braunen Khaki betrachtete die Flasche vergnügt.

»Wasser?« fragte er.

»=Bueno -- bueno!=« grinste der Spanier.

Der Infanterist setzte die Flasche an den Mund, tat einen tiefen Zug, wurde krebsrot im Gesicht, tanzte auf einem Bein umher und hustete gewaltig.

»Verdammt, verdammt, verdammt ...« brüllte er, »das ist ja Rum -- hättest's mir nicht sagen können, daß das klarer Rum ist?«

Da lachten die kleinen Männlein, und Leben kam in sie. Allerlei riefen sie uns zu, und wir grinsten und sagten =bueno -- bueno=, wenn wir auch kein Sterbenswörtchen verstanden; tranken aber mit um so größerem Verständnis einen kräftigen Schluck des brennenden Jamaikarums und ließen uns mit Vergnügen ein bißchen in die Feldflaschen schütten. Dabei redeten die Gefangenen schnatternd auf uns ein. Sie waren alle kleiner als wir und schienen sehr jung. Zuckerhutförmige, weiße Strohhüte trugen sie und lappige Segeltuchschuhe und sonderbare Uniformen aus weißem Baumwollstoff mit feinen blauen Streifen. Einer, ein kleiner Bursche, ein Kind fast noch, stellte sich vor uns hin, die Arme ausgestreckt, und erzählte in sprudelndem Wortschwall irgend etwas. Wir begriffen sehr bald, denn der temperamentvolle Südländer wußte sich in Gesten und Mienenspiel ganz ausgezeichnet auszudrücken. Ein Ausdruck furchtbaren Entsetzens kam in sein Gesicht und seine Augen sprühten.

»Bum -- bum, bum, bum --« machte er. »=Muy= bum, bum!«

Er bedeckte das Gesicht mit den Händen und tat als ob er stürze, und deutete auf den Boden, und machte eine werfende Handbewegung, einmal, zweimal, fünfmal ---- =sempre= bum, bum, bum ... und die Arme ahmten die mähende Bewegung einer Sense nach. In seinem Schützengraben mußte es bös zugegangen sein.

»Er meint die Gatlings,« sagte der Major, der hinzugetreten war. »Maschinengeschützfeuer hat die Kameraden neben ihm weggemäht; kein Wunder, daß ihm das auf die Nerven gefallen ist, dem armen Teufel!«

Er sagte irgend etwas zu dem Burschen, der in raschem Stimmungswechsel lachend nickte und ein Päckchen Zigaretten hervorzog ... Zwei Päckchen, drei Päckchen. Zigaretten! Mir traten die Augen beinahe aus den Höhlen vor Neid. Teufel, die hatten Zigaretten, und in meiner Tasche waren nur noch ein paar Krumen nassen, schlechten Tabaks! Der Major mußte ähnliches empfinden, denn er nahm das Päckchen rasch und zündete sich sofort eine Zigarette an, gleich darauf Souder und mir eine anbietend. Ob ich zugriff! Ah -- welch ein Labsal das war, so scharf die kubanische Zigarette auch schmeckte. Köstlich! Hunger und Durst und Müdigkeit waren vergessen. Da drängten sich auch schon die Gefangenen um uns und überschütteten uns mit Zigarettenpäckchen, die sie in Hülle und Fülle besaßen. Das Silberstück, das der Major dem jungen Burschen anbot, wurde zurückgewiesen. Er hielt es noch zwischen den Fingerspitzen, als ein Kubaner herbeistürzte, laut auf ihn einschreiend, und den silbernen Dollar mit der einen Hand wegriß, während er mit der anderen dem Major einen gelben Papierfetzen hinwarf. Dann rannte er Hals über Kopf davon und war verschwunden. Ein verblüffteres Gesicht, als es der Major machte, hätte kein Mensch machen können.

»=D -- d -- damn it!=« stotterte er. »Nix Papier, nix Papier, nix gut Papier -- hat der Kerl gesagt. Was beim Kuckuck soll das nun heißen?«

Sein Gesicht wurde noch verblüffter, als ich den gelben Fetzen aufhob, denn das nix gut Papier war ein nagelneuer, richtiger, korrekter, amerikanischer Zwanzig Dollarschein.

»Was?« rief der Major.

»Ein Zwanzig Dollarschein!«

»Was?« Er sah die Banknote an. »Der Esel! Der unbeschreibliche Esel!!« brüllte er, lachend wie nicht gescheit. »Will kein Papier -- hartes Silber ist ihm lieber! Hat das Geld natürlich für irgend einen Dienst bekommen -- Herrgott, was müssen diese Leute für schlechte Erfahrungen mit spanischem Papiergeld gemacht haben ... Stecken Sie 'n ein, stecken Sie ihn ein; trinken Sie Mumm extra dry dafür mit Souder, wenn wir wieder im Lande Gottes sind!«

So kostete ihm die Schlacht vom San Juan-Hügel einen Silberdollar, und uns brachte sie vier Flaschen Mumm =goût americain=, die wir im Restaurant des Kapitols in Washington drei Monate später getreulich tranken.

Da kam General Hawkins mit seinem Stab, und die spanischen Gefangenen wurden in Reih und Glied aufgestellt, um befragt zu werden. Der Major schloß sich dem Stab an.

»Wir müssen zurück,« sagte er, als er wiederkam. »Die Linie muß nach vorne!«

Der Wald und der Schlammpfad nahmen uns wieder auf. Von den Hügeln her hallte schwaches Gewehrfeuer.

* * * * *