Der Deutsche Lausbub in Amerika: Erinnerungen und Eindrücke. Band 2 (von 3)
Part 8
Die Pechfackel auf dem alten Zaunpfosten warf feuerrotes, flackerndes Licht über die Zelte des Hauptquartiers. General Shafter saß auf einem Feldstuhl, gegen die Zeltwand gelehnt, und sah mit seinen scharfen grauen Augen von einem zum andern der Offiziere, die ihn umstanden. Auf großen Kisten links und rechts neben ihm brannten in Flaschenhälsen Kerzen. Um ein Uhr nachts übernahm ich den Hilfsdienst beim Instrument, zusammen mit Souder, und wenige Minuten später brachte ich dem General eine Depesche. Vom Generalquartiermeister in Siboney, der den Abgang eines Maultiertransports mit Infanteriemunition meldete.
»Jesus Christus, was warten Sie noch, Mensch!« herrschte Shafter mich an.
»Die Unterschrift, General.«
»Unterzeichnen Sie!« befahl er einem Adjutanten, der nun seinen Namen in mein Depeschenbuch kritzelte. »Marsch, Signalmann!«
Ein sacksiedegrober Herr, der Jesus-Christus-General!
Eine Viertelstunde verging. Da kam der Major zu uns ins Signalzelt gekrochen und sagte, gemütlich dahockend, auf den schwarzen Schnurrbart beißend, wie das seine Art war: »Hm -- Souder -- Carlé -- nein, kann euch nicht brauchen -- sollt bei mir bleiben. Sie können nachher Hastings wecken, Carlé, und ihn in mein Zelt schicken. Der rechte Flügel, Kinder, greift bei Tagesanbruch an, und General Chaffee braucht Flaggenmänner. Ich werde Hastings hinschicken und zwei Mann. Wir werden ebenfalls bei Tagesanbruch losmarschieren und die Linie im Santiagotal legen und bei Gott, ich glaube, wir haben das bessere Teil erwählt wie Martha in der Bibel. Müßte mich sehr irren, wenn sich die Hauptaffäre nicht bei unseren Hügeln« -- er zwinkerte mir zu -- »abspielt. Mund halten, Kinder! Ich bitte mir übrigens aus, daß morgen flott gearbeitet wird!«
» ... Jesus Christus!« gellte es herüber vom Zelt des Kommandierenden.
Und dann brachte ein Adjutant eine Depesche, die merkwürdigerweise nicht chiffriert war. So ungefähr lautete sie:
»Kommandierender General der Armee, Washington. -- Greife bei Tagesanbruch an. Brauche Verstärkungen, Proviant, Hospitalschiff. -- Shafter.«
Da schien es uns, als wollten die Minuten so gar nicht vergehen, und wir fluchten fürchterlich über den Kleinkram von Depeschen nach Siboney, die alle mehr Proviant, mehr Munition forderten. Souder, der ein Künstler im Bearbeiten des Tasters war, telegraphierte mit fabelhafter Geschwindigkeit, wollte er doch die Arbeit loswerden und schwatzen. Zwanzig Minuten lang hielt es der Sergeant in Siboney aus, dann unterbrach er:
»=p p p= Privat. Höll' und Verdammnis, seid ihr verrückt geworden? Ich komm' nicht mehr mit -- hab doch keine Schreibmaschine hier -- muß bleistiftkritzeln -- lang -- samer!!«
»Arbeite, mein Sohn!« antwortete Souder. »Und sei nicht so verdammt vertraulich. Wir sind in den Vorposten und du bist sicher vom Schuß -- also arbeite wenigstens, Freund!«
»Warte -- wenn ich dich erwische ...« kam es wütig klickend zurück.
Woraus hervorgehen mag, daß wir nicht etwa letztwillige Verfügungen trafen und uns gegenseitig letzte Lebewohlbriefe an unsere Bräute anvertrauten, wie das in frommen Bilderbüchern von Soldaten vor der Schlacht berichtet wird, sondern daß wir uns einfach bodenlos freuten -- wie kleine Jungens, denen die Mama gesagt hat: »In fünf Minuten dürft ihr auf die Straße und Indianer spielen!«
* * * * *
Die tief heruntergebrannte Pechfackel loderte. Auf dem schlammigen Weglein draußen zog es immerwährend, ohne Aufenthalt, vorbei von Männern, so müde, daß sie gebeugt schritten. Regiment auf Regiment passierte. Mann hinter Mann, so schmal war der Pfad. Graubärtige Obersten -- Rekruten mit Kindergesichtern. Bodenlos war das Weglein geworden, und die Füße der keuchenden Menschen machten bei jedem Schritt und Tritt ein merkwürdig plumpsendes, saugendes Geräusch, wenn sich die Stiefel aus dem zähhaltenden Schlick befreiten.
Regiment auf Regiment zog vorbei, dem Feind entgegen.
Die Schlacht vom San Juan Hügel.
Der Morgen der Schlacht. -- Ein Schattenspiel im Nebel. -- Die Schlacht beginnt. -- Wir legen die Linie nach der Front. -- Meine erste Granate. -- Wie ich das Gruseln lernte. -- Wie andere das Gruseln lernten. -- Auf dem Weg zur Feuerlinie. -- Die Furt. -- Die Panik des 71. Regiments. -- In der Feuerlinie am Waldrand. -- Wir schießen mit. -- Die Schützengräben im San Juan Hügel. -- Der Gnadenschuß. -- Der Angriff ohne Befehl. -- Der San Juan Hügel wird im Sturm genommen. -- Zusammenhänge der Schlacht. -- Bei den spanischen Gefangenen. -- Rum und Zigaretten. -- Am Lagerfeuer. -- Sie begraben die Toten.
Die Nacht ging zu Ende. Graugelbe Bodennebel flossen über die Lichtung hin, in wellender, wogender Masse, wie Wasserfluten sich übers Land ergießen. Menschen und Zelte standen auf einem Nichts; auf dampfigem, zitterigem, schwadigem Rauch. Es war bitter kalt. In tiefer Stille lag das Hauptquartier, in dumpfes, nächtliches Grau noch gehüllt. Gleich trüben Schatten die Zelte. Totenstill war es. Nur in dem mächtigen gelben Fleck dort bei dem großen Mangobaum, dem Zelt des kommandierenden Generals, war schwaches Licht und lautloses Leben. Gespenstisch leuchtete dort Kerzenschein durch die Zeltwände, immer wieder unterbrochen von einem Schatten. Da drinnen ging ein Mann auf und ab in rastlosem Hin und Her.
Das war General Shafter.
Langsam stiegen die Nebel. Schwaden auf Schwaden lösten sich, in weißgrauen Dunst verwallend. Wie Dampf umhüllte es die Zeltmassen und schwebte höher und höher. Wie dünner Regen fast fiel der Morgentau, und frostig schlichen Kälte und Feuchtigkeit in die Haut.
Da leuchtete warm und rot ein Feuer auf, draußen am Lagerrand.
»Gott sei dank!« Souder nahm unsere Blechbecher und ging.
»Kaffee!« sagte er, als er wiederkam. »Wollen zuerst die Feldflaschen füllen!«
»Gute Idee,« murmelte ich.
Ich holte noch zwei Becher. Der dampfendheiße Trank vertrieb uns rasch das nasse, klebrige Gefühl und die Uebernächtigkeit. Wir aßen einen Zwieback, zündeten die Pfeifen an. Immer mehr und mehr lichtete sich das trübe Grau. Da -- da -- was war das? -- Souder und ich sprangen auf.
»Was war das?« flüsterte er.
»Still -- still!«
Kaum hörbar, wie aus ewigweiter Ferne, gespenstisch leise, erklang es in dumpfem Schallen -- krang -- krang, krang ... tacktacktack..... leise, ganz leise, als ob Erbsen auf einen Blechteller geworfen würden. Ein wenig lauter nun, dann schwächer wieder, mit Pausen von Sekunden -- jetzt in vollerem Klang, und doch schwach und ferne wie abgedämpfter Trommelwirbel. Gewehrfeuer. Deutlich erkennbares Geknatter. Nichts regte sich um uns. Jeder schien zu stehen und zu lauschen. Mäuschenstill war es. Bis die klare Stimme eines Offiziers schallend rief:
»Das ist General Chaffee!«
Und im gleichen Augenblick, als folge dem Blitz der Donnerschlag, ergellten schrill jauchzende Jubelrufe, geschrien von den Männern des Hauptquartiers ... hei -- ih -- hei -- iiii -- ih!
Aus der Stille wurde Bewegung, Wirrwarr.
Offiziere eilten hin und her, scharfe Kommandorufe befahlen das Satteln der Pferde. Unser Major kam gerannt, im Laufen eine Pappschachtel aufreißend und sich die Revolverpatronen in die Taschen stopfend.
»Signaldetachement -- =attention=!« befahl er. »Myers und Bruning bleiben hier. Myers, Sie überbringen dem Stabssergeanten den Befehl, für unsere neue Linie gleichzeitig ein Telephon und einen Taschenapparat einzuschalten, die je nach Funktionieren ausgewechselt werden. Abtreten! Die übrigen -- attention!« Er inspizierte uns rasch und lächelte, als er sah, daß wir uns alle Taschen mit Patronen für unsere Karabiner und Revolver gefüllt hatten. »Jeder Mann trägt eine Rolle Draht! Los!«
Und hinaus ging es auf den schlammigen Pfad, der jetzt öde und verlassen dalag; im Laufschritt, in langen Sprüngen, immer vorwärts mit dem Draht, den unsere Stangen hoch ins Gebüsch schleuderten. Nichts behinderte uns. Die Truppen waren schon in Front. So ging es rasch und glatt mit der Arbeit, und als wir nach den ersten tausend Yards die Linie prüften, war alles in Ordnung; das Hauptquartier meldete sich sofort. Weiter! Das dumpfe Geknatter des Feuergefechts in der Ferne hörten wir kaum noch in dem Lärm der Arbeit, als es auf einmal schrill und klar irgendwo vorne knallte -- kreng, kreng ... in scharfem Gerassel -- kreng, kreng, kreng -- bing ...
»Vorwärts!« schrie der Major. »Vorwärts, Kinder -- wir wollen dabei sein!«
Länger wurden die Sprünge. Keinem Menschen begegneten wir auf dem Weglein, obgleich das Feuern aus nächster Nähe zu kommen schien. Der Schlammpfad verbreiterte sich zu einem breiten Morast, in tausende von Löchern und Erhöhungen zertrampelt von Tausenden von Tritten, um eine Ecke ging es, und aus dem Halbdunkel, der Stille des Waldwegs wurde flutende Helle, dröhnender Lärm.
Von der Kuppe des Hügels da drüben schossen weiße Dampfwolken, und dumpfes Gekrache erschütterte die Luft. Nun Stille. In grellem Sonnenlicht lag breit der Weg da, frei und offen auf einer Strecke von mehreren hundert Metern, dann in dunkler Waldlinie sich verlierend. Grasland säumte ihn; ein Busch, ein Mangobaum hie und da. Dicht an der Wegbiegung floß träge ein Bach von schmutziggelbem Wasser, das San Juan Flüßchen. Zwei Bretter führten über das Wässerlein zu einem engen Pfad durch niedriges Gebüsch auf den Hügel. Rechts bog der breite Weg ab, das Tal entlang; links führte der Fußpfad zum Hügel. Zwischen beiden, ganz im Vordergrund, erhob sich verwittertes altes Gemäuer mit allerlei Maschinen, die Ueberreste der alten Zuckermühle von El Pozo. Im nächsten Augenblick jagten Reiter an uns vorbei auf das Gemäuer zu, sprangen ab, rissen Karten aus den Taschen. Das war der Generalstab.
Bang! krachte ein Geschütz auf dem Hügel.
»Ruhig, Kinder -- ruhig!« sagte der Major. »Der Draht wird von dem Mangobaum dort über den Bach gespannt ---- in dem Einschnitt drüben errichten wir die Station -- Carlé, bringen Sie das Telephon hinüber und stellen Sie die Verbindung her!«
Ich nahm den Apparat und ging zum Steg. Auf den Brettern zauderte ich einen Augenblick, denn ich war wie ausgetrocknet vor Durst, hatte ich doch den Kaffee in der Feldflasche schon längst ausgetrunken und brannte ja die Sonne so glühend heiß herab trotz des frühen Morgens, daß der Schweiß in Strömen an mir herunterlief. Aber das Wasser da unten, pfui Teufel, nein, das Wasser da unten sah denn doch zu schmutzig aus. Ich zauderte -- zauderte ---- und der Durst siegte glatt mit sieben Längen über Appetitlichkeit und Vernunft, denn der Lausbub beugte sich schleunigst nieder, Blechbecher in der Hand; tauchte ein, lüpfte den gefüllten Becher empor und sah in maßlosem Erstaunen, daß aus den beiden Seiten dünne Wasserstrahlen spritzten. Links ein Loch, rechts ein Loch; eingebeult das eine, ausgebeult und zerfetzt das andere. Da -- da war ja eine Kugel durchgefahren! Ich starrte verblüfft den Becher an und blieb wie angenagelt stehen. Eine Kugel durch meinen Becher gefahren! Während er an meiner Brottasche hing! Und ich hatte nichts gemerkt!
»Schmeiß 'n weg -- taugt nichts mehr!« rief Souder, als ob ich das nicht selber gewußt hätte.
Nachträglichen Schrecken aber empfand ich nicht und auch dann noch nicht, als es über meinem Kopf gellend daherfuhr, doch unwillkürlich duckte ich mich. Denn was das unheimliche Sausen da oben bedeutete, verstand ich sofort, und jeder andere hätte es verstanden -- s -- ss -- sss -- surrr -- ssss -------- N -- nein, es läßt sich nicht wiedergeben, dieses sausende unheimliche Schwirren, dieses Surren, dieses gellende Dahergepfiffenkommen. Aber ich fürchtete mich ganz bestimmt noch nicht, sondern trug behutsam das schwere Telephon an seinen Platz, wenn ich auch gar zu gern auf irgend etwas losgeballert hätte, damit auch andere Leute es sausen und schwirren hörten. Ich nahm meinen Karabiner von der Schulter. Der Major sah mir lächelnd zu und zerkaute seinen Schnurrbart.
»Warten, warten!« sagte er leise. »Hat noch gar keinen Sinn. Wir kommen schon noch daran.«
Im gleichen Augenblick fror ihm das Lächeln fest und seine Augen wurden starr. Aber er blieb kerzengerade stehen. Ich fühlte, wie ich totenblaß wurde. Mit gellendem Geheul kam da etwas herangejagt, etwas Fürchterliches -- sss -- ssss -- hui. iih.. iiiiih ... schrillend wie eine Dampfpfeife -- entsetzlich -- ich glaubte den Luftdruck zu verspüren -- ich hatte so fürchterliche Angst, daß ich am liebsten hinausgebrüllt hätte in Furcht und Grauen wie ein wildes Tier, hätte ich nur gekonnt. Aber ich konnte nicht. Der Hals war mir wie zugeschnürt. In meiner Kehle steckte ein großes rundes Ding, das mich würgte und drosselte und ersticken wollte, während eine eiserne Faust mir auf den Schädel schlug. Ich -- wollte -- schreien -- ich -- konnte nicht!
Und es war herangeheult und schlug krachend ein. Flammen sprühten auf, und ich wurde zu Boden geschleudert ...
Ich spuckte die Erde aus.
»Pfui Deibel,« sagte der Major und diesmal lachte er nicht, »das war eine Granate!«
»F -- f -- furchtbar!« stotterte ich.
Und schämte mich nicht zum Sagen, als die klaren harten Augen des Majors mich scharf ansahen, denn ich hatte, als echter Junge, eine bodenlose Angst, er könne mir die blasse, schlotternde Furcht angemerkt haben. Heutzutage würde ich mich schleunigst und gänzlich =sans gêne= tief in Mutter Erde einkratzen, wenn Granaten in der Nachbarschaft umherheulten -- aber -- aber mir scheint, Krieg läßt sich doch am besten führen mit Zwanzigjährigen und den Urimpulsen, die vom Urmenschen her in junger Männlichkeit schlummern. In den nächsten dreißig Sekunden müssen gewaltige Erregungen an meinen jungen Nerven gezerrt haben. Ich weiß noch ganz genau, daß ich an allen Gliedern zitterte und am liebsten geheult hätte. Daß ich krampfhaft nach Luft schnappte. Daß mir zum Erbrechen übel war. Daß aber die Eitelkeit in mir sich auf einmal wehrte, und daß ich mich bolzengerade aufrichtete, als es wieder heulend daherkam -- und doch war es nur eine Komödie, die ich mir selber vorspielte -- denn ich fürchtete mich wirklich! Ich fürchtete mich schandbar!! Die Granate schlug ein. Ziemlich weit weg von uns diesmal.
Da kam der Umschwung.
Bang -- bang -- krachten die Geschütze der amerikanischen Batterie auf der Hügelkuppe dicht vor uns.
Fünfzig Meter hinter den Geschützen am Kuppenrand lag ein alter Stall, oder was das Ding sein mochte, ein halbzerfallenes, niedriges Holzgebäude jedenfalls, und auf dem flachen Dach drängte sich eine Menge halbnackter Kubaner, die bei jedem Schuß der Batterie ein infernalisches Freudengebrüll ausstießen und mit Händen und Beinen zappelten in unheiligem Vergnügen. Einen greulichen Skandal machten sie. Ich sah ganz mechanisch hin (dennoch schlotterte in mir die Angst!) und empfand ebenso mechanisch die Abneigung des weißen Mannes gegen derlei südländische Hanswurstiaden. Während ich guckte, kam es wieder dahergeheult und -- schlug feuerspeiend und dampfsprühend mitten in das Dach, mitten in die gestikulierenden, tanzenden, schreienden Söhne der Perle des Südens hinein ... und den Bruchteil einer Sekunde später sah das Dach genau so aus wie das gute alte Sprungbrett im Ungererbad in Schwabing, wenn an heißen Augusttagen wir Jungens uns zum Sprung drängten: Die Señores hopsten. Sie machten die erstaunlichsten Kopfsprünge. Sie schienen in geradezu wahnsinniger Eile den interessanten Ausblicksort zu verlassen. Es schlenkerte nur so in der Luft von kubanischen Freiheitskämpfern. So schnell ist nirgends in der Welt jemals eine randalierende Galerie geräumt worden!
Da lachte ich, daß mir die Tränen in die Augen kamen, und lachte und lachte, und lachen hätte ich müssen, wenn auch der heulende Dämon aus der Maschine mit seinem grimmigen Kriegshumor zwanzig zeternden Hampelmännern den Garaus gemacht hätte. Merkwürdigerweise war aber nicht ein einziger der Spektakler verletzt worden, wie uns zehn Minuten später ein Artillerieleutnant lachend erzählte. Der Major lachte auch. Das ganze Detachement lachte. Und in diesem Lachen starb meine schlotternde Furcht eines rechtzeitigen Todes; man kann nicht lachen und sich fürchten zugleich. Aber in meinem Hals brannte und würgte etwas, und die Kehle war mir wie ausgedörrt. Ich sprang die wenigen Schritte zum Bachufer hin, warf mich in den zähen gelben Lehm auf den Bauch, steckte den Kopf ins Wasser und trank gierig wie ein Tier in langen Zügen das schmutzige, lauwarme Zeug --
»Carlé!« rief der Major scharf.
Ich trank und trank.
»Carlé! Lassen Sie den Unsinn! Sie holen sich bestimmt das Fieber!«
Er schüttelte mißbilligend den Kopf, als ich ein wenig beschämt zurückkam, mir den Schmutz von Hemd und Hosen reibend, und brummte irgend etwas über die verdammte Wassersauferei. Aber in seinen Augen war ein Lächeln ...
Die Batterie droben feuerte jetzt nur selten, vereinzelte Schüsse in langen Zwischenräumen, und die spanischen Geschütze schwiegen ganz. Hie und da summte und surrte es über unseren Köpfen. Im Wald knallten vereinzelte Schüsse.
Den schmalen, steilen Hügelpfad herab kamen Kanoniere, halb kletternd, halb rutschend, irgend etwas mit sich zerrend; ein graues bündeliges Etwas. Als sie die Krümmung im Gestrüpp erreicht hatten, wo der Pfad breiter und ebener wurde, hoben sie das graue Bündel auf ihre Schultern und schritten langsam näher, behutsam, als trügen sie eine schwere Last. Der eine, ein Korporal, salutierte den Major: »Kanonier von der Batterie Grimes, =sir=,« meldete er. »Kanonier Johnson, =sir=. Herzschuß. Ich habe Order, =sir=, den Toten am Hügelrand zu begraben.« Er schlug die Zipfel des Bündels zurück, und da lag in der grauen Armeewolldecke ein toter Mann. Aus dem bläulichen, furchtbar verzerrten Gesicht starrten weitoffen tiefbraune Augen, als könnten sie noch sehen. »Herzschuß, sir,« sagte der Korporal. »Stand neben mir. Sprang in die Luft und war tot.« Sie hatten dem Toten Jacke und Hemd aufgerissen, und der Korporal deutete feierlich auf den winzigen schwarzen Punkt unter der linken Brustwarze, der sich scharf von der weißen Haut abhob. Wir grüßten stumm, während die Kanoniere ihre Last wieder aufnahmen und im Gebüsch verschwanden.
Es war sonderbar still geworden; nur dann und wann kam das peitschenartige Schallen aus dem Wald. Ich sah mich um. Jede Farbe, jeder Gegenstand, jeder Schatten trat klar und scharf hervor im grellen Sonnenlicht; knallgelb der breite, verlassene Weg, hellgrün das üppige Gras am Wegrand, dunkler die mächtigen Wipfel der Gruppen von Mangobäumen, leuchtend dazwischen am Weg und im Gras allerlei bunte Flecke, blau und weiß und grau. Das weiße Segeltuch der Tornister und das Grau der Soldatendecken und das Blau der Uniformröcke, die überall umherlagen am Weg entlang. Die zur Front eilenden Truppen hatten alles weggeworfen, was sie irgendwie entbehren konnten, und mehr. Beim Gemäuer der alten verfallenen Zuckermühle, deren rostige Maschinenreste rot glänzten in der Sonne, standen in kleinen Gruppen die Generalstabsoffiziere, über Karten gebeugt. Ein Pferd wieherte leise. Weiter weg graste friedlich ein Maultier und wedelte krampfhaft mit dem geschorenen Schwanzstummel, sich die Fliegen zu verscheuchen. Da kam es wieder herangeheult und schlug in Dampf und Flammen ein, keine zwanzig Schritt weg von der nützlichen Mißgeburt aus Pferd und Esel, die ihre berühmte Indolenz sogar im Granatfeuer glänzend bewährte. Denn Mr. Maultier wedelte eifrig weiter mit dem Schwanz und ließ sich nicht eine Sekunde lang in der angenehmen Beschäftigung des Grasens stören.
»Bravo!« rief Souder. »Das is 'n richtiges, approbiertes, Geschützfeuer-stubenreines, verdammt famoses, altes Onkel-Sam-Maultier -- hurräh -- schert sich den Teufel um die alten Granaten -- hurräh!!«
Schallendes Gelächter.
Oberst Green kam von der Zuckermühle herbeigeschritten, begrüßte unseren Major, flüsterte mit ihm und breitete eine Karte auf den Knien aus, hier und dorthin deutend. Ich verstand: »-- spanische Batterie feuert mit rauchlosem Pulver -- noch nicht entdeckt -- jawohl, überhaupt nur ein einziger Weg -- natürlich verstopft -- nein, Major, hat vorläufig noch gar keinen Sinn -- Sie kämen wahrscheinlich gar nicht durch mit Ihren Leuten -- wie meinen Sie? -- Hm ...« Dann sprach der Major eifrig auf ihn ein, und der Oberst nickte und ging wieder.
»Achtung!« befahl der Major laut. »Sergeant Ryan -- Sie übernehmen die Station! Sie bleiben unter allen Umständen beim Apparat und sind mir für alle Meldungen verantwortlich. Den Befehl zur Verlängerung der Linie bis zum Waldrand dort erhalten Sie von Oberst Green persönlich und lassen dann den Draht von drei Mann über die Mangobäume den Weg entlang legen. Ich werde nun den geeigneten Platz zur Anlage der nächsten Station in der Feuerlinie feststellen. Mit mir kommen --« und suchend glitt sein Auge von einem zum andern.
Da sahen wir ihn hungrig an wie gierige Hunde, die lechzend darauf warten, wem wohl von ihnen der Herr den Brocken zuwirft.
»Mit mir kommen Souder und Carlé. Eine Signalflagge, Karabiner, Revolver, Feldflasche, Glas -- sonst nichts!«
»=Oh hell= ...« murmelte einer der Enttäuschten.
* * * * *
In zehn Minuten hatten wir den Waldrand erreicht und marschierten nun wieder auf dem alten Dreckpfad, der uns schon so vertraut geworden war. Die starre Gebüschwand freilich war verschwunden, denn links und rechts lag zwar rankenversponnener Urwald, verwuchert von Schlinggewächsen, aber ein Stück weit wenigstens konnte man hineinsehen. Da und dort im Schlamm steckte ein Tornister, eine Wolldecke, ein Hut. Wir sprangen vorwärts, so rasch es gehen wollte in der dörrenden Hitze. Immer noch knallten nur vereinzelte Schüsse. Nach einigen hundert Metern kamen uns Verwundete entgegen mit blutigen Verbänden um Köpfe und Glieder, langsam zurückstolpernd, aber wir sahen kaum hin, denn brennende Neugierde und hetzende Ungeduld trieben uns vorwärts. Ein Toter lag am Wegrand, die Knie emporgezogen, die Arme lang ausgestreckt. Die glasigen Augen schienen starr in den Schlamm zu blicken. Der Pfad krümmte sich. An der Ecke, aus den Bäumen, flatterte die Rote Kreuzfahne, und am Boden kauerten stöhnende Gestalten, zwischen denen Aerzte hin und her eilten. Die Verbände glänzten grell weiß. Wir eilten weiter. Das Gewehrfeuer wurde heftiger und schien von überall zu kommen; von vorne und von links und von rechts; über unseren Köpfen sauste es zischend und surrend und dumpf aufklatschend in Laub und Bäumen. Ein Verwundeter blieb stehen, salutierte täppisch und riß die Kleider auf, uns in groteskem Stolz eine winzige Schußstelle im Bauch unter dem Nabel zeigend.
»Teufel,« sagte er. »Es tut gar nicht weh! Wo is -- mm -- das Hospital?«
Ich deutete rückwärts. Und grinsend schritt der Schwerverwundete dahin, nachdem er sich noch Feuer für seine Pfeife von Souder hatte geben lassen ... »=Good God!=« sagte der Major leise.
Ah -- und nun fing der Tanz an -- racktacktacktack -- rack -- kreng, kreng ... schweres rollendes Feuer irgendwo da vorne, klar und hell dazwischen Salven. Ueberall um uns schlug es ein in die Bäume. Zu sehen aber war nichts -- gar nichts ... Doch! Wieder krümmte sich der Weg, und zwischen den Bäumen schimmerte es blau und stählern von Truppen und dröhnte von Lärm und Geschrei.
»Laufschritt -- Laufschritt ...« rief der Major.
Ein Leutnant hinkte herbei, eine blutige Binde um den Fuß.
»Schwer verwundet?«
»Nein, Herr Major. Knöchel kaputt.«
»Tut mir leid, tut mir sehr leid. Was sind das für Truppen?«
»71tes Freiwilligen-Regiment. Das New Yorker Regiment, Major.«
»Ich danke sehr.«