Der Deutsche Lausbub in Amerika: Erinnerungen und Eindrücke. Band 2 (von 3)

Part 7

Chapter 73,388 wordsPublic domain

In dem Schlamm des schmalen Weges aber, bei einem Grasbüschel hier, in einer kleinen Bodensenkung dort, an Baumstämmen glitzerten gelbmetallisch blanke Patronenhülsen und mehrten sich zu vielen Hülsenhäuflein, als wir uns vorwärtsarbeiteten. Unser Lachen und Geschwatze war plötzlich verstummt. Ein zertrampelter grauer Schlapphut lag am Weg -- dort eine Wolldecke -- dort ein Tornister, von dessen Segeltuchbraun tiefdunkel und bedeutungsvoll rostfarbene große Flecke scharf abstachen. Und da leuchtete aus tiefem Gras und dornigem Gestrüpp blanke Erde, frisch aufgeworfen, und aus den lehmigen Erdschollen ragte Griff und Klinge eines Offizierssäbels. Ungeschickte Hände hatten das Soldatengrab mit Steinen und Holzstückchen umrahmt. Man sah der Arbeit die hastende Eile an. Ein zweites Hügelchen frischer Erde kam, ein drittes; Dutzende jetzt auf einmal. Ein Hut lag auf dem einen, ein Reiterhandschuh auf dem andern, ein Symbol zum Wiedererkennen auf jedem ...

Feierlich und langsam erhob der Major die Rechte zum Hut und grüßte, hochaufgerichtet, kerzengerade, als sei er auf Parade, die Männer, die da unter dem Boden lagen, gestorben für ihr Land. Ein jeder von uns verstand. Alle Hände hoben sich zum Salut für die toten Rauhen Reiter.

Wir waren bei La Quasina.

Dicht bei den Gräbern kampierten wir in dieser Nacht. Im Dämmerungsgrauen, als ich die Wache beim Instrument hatte, meldete der Draht: »Der kommandierende General wird morgen sein Hauptquartier in die Vorposten verlegen. Das Signaldetachement erwartet den General auf der Straße von La Quasina-El Pozo, an einem Punkt, der telegraphisch mitgeteilt werden wird. Die Linie ist bis tausend Yards über La Quasina hinaus fertigzustellen.«

Ich weckte den Major.

»Das hätte Zeit gehabt bis zur Reveille ...« brummte er.

* * * * *

»=Señor!=«

»=Señores!=«

»Ich -- Kohlenmann -- Keywestdampfer ... drei Jahr, =damn= -- ich fein Englisch sprechen ---- «

»Ein klein Biskuit, =señor=, please!«

»=Eviva el Cuba Libre= und gut' =Americanos=« -- und eine Skeletthand steckte mir eine kohlschwarze Riesenzigarre in den Mund.

»=Plenty= Hunger -- Biskuits =bueno=, aber nix gut die amerikanisch' Speck ... =damn= Speck --«

Sie zeterten und schrien und kreischten und gestikulierten. »Piff, piff!« zischte der eine, mit den Händen die Gebärde des Anlegens und Zielens machend, »hé -- piff, piff, piff, piff ... o -- hé. =Espagnoles= dort« (er deutete in den Busch) -- =Americanos= piff, piff, 'urrah, viel 'urrah, viel laufen, =Espagnoles= weg. =Plenty bueno!=« Ein anderer brüllte: »Da -- da vorne -- =Señores= werden sehen -- der =commandante= -- der große Garcia -- =el liberator= ...«

Wir standen und starrten. Das also waren kubanische Insurgenten, und so sahen begeisterte Freiheitskämpfer aus und so schnatterten sie, die Heroen, die den Tod dem Knechttum vorzogen. Achtundvierzig Stunden später überzeugten wir uns, ein wie erbärmlich feiges und faules Gesindel diese berühmten, todesmutigen Freiheitskämpfer in Wirklichkeit waren. Aber wenn ich schaudernd an die traurigen Gestalten denke, so möchte ich die überharten Worte bedauern, mit denen wir vollsaftigen, kraftvollen Männer damals die ausgehungerten Männlein überschütteten. Sie taugten ja nicht zum Kämpfen und Arbeiten. Das waren keine Menschen mehr. Nicht einmal Tiere. Sondern wandernde Skelette. Sie hatten sich ein Lager in den Busch hineingehauen und aus Zweigen ein dürftiges Obdach zusammengeflickt. In Fetzen schlotterten ihnen die Jacken und die Hosen aus schmutziggrauem, dünnem Baumwollstoff um die abgemagerten Glieder, und viele hatten nicht einmal eine Jacke, sondern liefen mit bloßem Oberkörper umher. So winzig, so krank, so schwach sahen die kleinen Männlein aus, die viele Monate lang Tag für Tag gehungert hatten, daß ich mir dachte:

Ein einziger Faustschlag, und nicht einmal ein kräftiger, und =Señor Insurgente= ist außer Gefecht gesetzt!

Wie arme verkrüppelte Kinder sahen sie aus, die Krieg spielten -- die man bemitleiden mußte ob des Gewichts des Säbels, den sie an einem Strick umgeschnallt trugen. Eine schwere und furchtbare Waffe war dieser Säbel, Machete genannt; eine Art zum Säbel verlängerten Messers, das nichts ähnlicher sah als dem biederen Küchenmesser deutscher Hausfrauen, freilich ins Riesenhafte vergrößert. Ein gerader Säbel mit plumpem Holzgriff und breiter Klinge, haarscharf geschliffen. Vorzüglich waren auch die Gewehre dieser Jammergestalten: Moderne Mauserschnellfeurer, deutsches Modell 88, und amerikanische Winchesters mit kupferumhüllten Geschossen. Die Männer aber hinter diesen Gewehren waren sicherlich nichts wert.

Die armen, armen Teufel!

Sie bissen gierig in die steinharten Schiffszwiebacke, die wir ihnen schenkten, und schnatterten dabei über Hunger und Elend. Eine Handvoll Reis, ein Brotfladen waren Seltenheiten gewesen monatelang; von Früchten und Beeren hatten sie sich ernährt.

Ein Weib schlich herbei, mit gekrümmter Hand um einen Zwieback bettelnd. Um ihren Körper war rockartig ein Fetzen schmutzigen Baumwollstoffs geschlungen, die bloßen Brüste hingen schlaff und verdorrt weit herab, die hungrigen Augen lagen tief in den Höhlen. An den Rockfetzen aber klammerte sich ein fürchterliches menschliches Wesen.

Ein nacktes Kind, ein Mannkind, drei Jahre alt vielleicht, das -- auf den dürren Zündholzbeinen des Elends einen fürchterlichen Falstaffbauch trug. Winzige Glieder, ein spitziger, magerer Kopf, und ein Zuckerhutleib, der in seiner Aufgedunsenheit den Nabel weit vordrängte. Ein Monstrum, ekelerregend, Mitleid heischend.

»=Nix bueno= -- Mangobauch!« erklärte die Mutter.

Der Major, der Spanisch verstand, schenkte dem Weib einen blanken Silberdollar und sprach mit ihr. Er erklärte uns das Monstrum. Die Fruchtnahrung, die auf Erwachsene abmagernd wirkte, führte bei Kindern zu schweren Verdauungsstörungen, weil nur ungeheure Mengen den steten Hunger sättigen konnten. Daher der Bauch, das Aufgedunsensein. Obendrein war die häufigste Frucht, der orangenartige Mango, stark terpentinhaltig und wurde von einem kindlichen Magen schwer verdaut. Daher der Name Mangobauch. Zu Hunderten sahen wir später um Santiago die mißgestalteten kleinen Geschöpfe, die so ausgehungert waren, daß sie fraßen wie Tiere und an unseren Lagerfeuern Mahlzeiten hinabschlangen, die ein ausgewachsener hungriger Mann nie hätte bewältigen können.

Noch lange kreischten sie uns nach, die kubanischen Insurgenten:

»=Eviva los Americanos -- Cuba Libre!=«

Das arme Kind aber heulte zum Steinerweichen in gellenden Mißtönen. Verschwanden doch mit uns die schönen, schönen Biskuits; infam harte, kaum genießbare Schiffszwiebacke für uns, köstliche Leckerbissen für das im Walde gezeugte Geschöpf des Jammers.

* * * * *

Der Pfad war wieder das alte verschlammte, schmale Weglein, eingerahmt von undurchdringlichem Gestrüpp. Wir konnten den Draht wieder mit unseren Stangen aufwerfen und kamen rasch vorwärts. Da erschallte dumpfes Pferdegetrappel und drei Reiter trabten herbei.

»Der kommandierende General!« meldete der führende Korporal kurz, einen Augenblick seinen Gaul einzügelnd.

Bald darauf kam das Hauptquartier. General Shafter, der Höchstkommandierende, saß in einem winzigen Wägelchen, das zwei Maultiere zogen und ein Kavallerist lenkte. Der Stab ritt hinterdrein im Gänsemarsch, denn so schmal war der Saumpfad, daß zwei Pferde, die Reiter trugen, kaum nebeneinander schreiten konnten.

Die Kolossalgestalt des Generals lehnte erschöpft im Sitz. Auf Shafters Knien lag eine Karte. Der Wagen hielt, als der Major vortrat und seine Meldung erstattete:

»Ein Offizier, drei Sergeanten, sieben Mann des Signaldetachements. Linie von Baiquiri bis hierher vollendet und in guter Ordnung.«

Der kommandierende General nickte und sagte mit einer Stimme, die so kinderartig hell und schrill war, daß sie weithin gellte:

»Sehr -- gut -- Major. Bei Jesus Christus -- das -- haben -- Sie -- gut -- gemacht, Major. Sie folgen, Major, und bleiben -- im Hauptquartier -- bis -- auf -- weitere Orders -- Jesus Christus!«

Und das Wägelchen rollte weiter. Ein halber =troop=, eine halbe Schwadron der 6ten Regulären Kavallerie bildete die Eskorte des Höchstkommandierenden.

So sah ich zum erstenmal den Jesus-Christus-General.

Beim Jesus-Christus-General.

Das Hauptquartier in der Vorpostenlinie. -- General Shafter, Höchstkommandierender. -- Die Trumpfkarte im Spiel. -- Proviant her! -- Ein sogenannter Spaziergang. -- Die spanische Verteidigungslinie. -- Die Nacht vor der Schlacht. -- Das Telegramm nach Washington. -- Die Regimenter ziehen dem Feind entgegen.

Auf einer Strecke von kaum einer halben englischen Meile passierte uns Unglück auf Unglück. Mit einemmal funktionierten die Apparate nicht mehr, als wir wieder Baiquiri andrahten wollten, und der Major mußte Hastings und zwei Mann zurückschicken, nach dem Schaden zu suchen. Sie fanden ihn zum Glück bald: ganz in der Nähe des Insurgentenlagers war der Draht zerrissen. Dann kamen fünfmal hintereinander lichte Waldstellen, die langwieriges Klettern und Drahtspannen erforderten. So wurde es Nachmittag, bis wir endlich das Hauptquartier inmitten der Vorposten erreichten, erschöpft, todmüde. Oberst Green mit dem ihm persönlich attachierten Signalsergeanten kam uns entgegen.

»Schlafen, Leute!« befahl er. »Myers, holen Sie Kaffee, da hinten beim Kochfeuer. Und dann wird sofort geschlafen!«

Das Signalzelt war bereits errichtet und das Instrument drinnen aufgebaut worden. Den Dienst übernahm der Sergeant Oberst Greens. Wir anderen aber tranken gierig heißen Kaffee, wickelten uns in unsere Decken und legten uns Mann neben Mann dicht um die Außenwand des Zeltes; in unseren feuchten, durchschwitzten Kleidern, den patschnassen Stiefeln, in die der Schlamm trotz allen festen Geschnürtseins eingedrungen war. Ich war so müde ... »Stiefel ausziehen!« rief die scharfe Stimme des Majors -- »runter mit den Stiefeln!« Und widerwillig zog ich sie aus. Ich war so ------ Die Augen konnte ich kaum offenhalten und nicht der Mühe wert war es mir, den Wirrwarr um mich zu betrachten. Da standen riesige Zelte und Pferde wieherten im Hintergrund und viele Offiziere kamen und gingen und ... schlafen, nur schlafen! Ich schob mir den Tornister unter den Kopf und wickelte mich fest ein. Da begann das Instrument drinnen zu sprechen in scharfem Ticktack. Klick, klick, klick -- klack, klack -- kurz, kurz, kurz, -- lang, lang -- aber die klingenden Punkte und Striche flossen in ein nichtssagendes Geklapper zusammen für mein müdes Hirn -- klick, klick, klack ... da war ich eingeschlafen.

* * * * *

Das Hauptquartier lag dicht am Weg, an dem ewigen Schlammpfad, den keiner der Männer von Kuba je vergessen wird. Gegenüber ragte der dornige Busch. Die Zelte standen in einer Lichtung, in der einmal ein Haus gewesen sein mußte, denn verwittertes Gebälk lag umher, und gegen das Weglein zu trotzte noch ein Stück Zaun aus verfaulten Pfosten und verrostetem Stacheldraht. Das Signalzelt war dicht beim Eingang aufgebaut. In Linie, nicht weit davon, schimmerte weißgrau das Dutzend Zelte des Stabes, und hinter ihnen erhoben sich die winzigen Segeltuchhütten der trooper der 6ten Kavallerie. In der Mitte, fünfzig Schritte vor uns, stand das Zelt des kommandierenden Generals. Zwei Pfostenpaare waren kreuzweise in den Boden geschlagen und eine Hängematte an ihnen befestigt. In dieser lag krank und mürrisch General Shafter, der Befehlshaber der Armee, der alte Indianerkämpfer, der Mann, den der amerikanische Reguläre niemals anders nannte als den »Jesus-Christus-General«. Es sind später viel Steine geworfen worden auf diesen Mann; einen Zauderer hat man ihn genannt und Schlimmeres in seinem Land. Ein Zauderer war er. Aber die Schimpfer vergaßen, daß auf seinen Schultern und nur auf seinen Schultern die ungeheure Verantwortung für das Leben von vielen Menschen und die Ehre einer Flagge ruhten, die gar arg bedroht waren durch den Leichtsinn, der in Hast und Aufregung die Sorge für eine Armee sehr leicht genommen hatte. Doch das verstand ich erst später. Wenn ich von General Shafter in diesen Seiten erzähle, so darf der Leser nicht vergessen, daß ich versuche, ganz einfach zu schildern, was der Lausbub im Soldatenrock damals sah -- das wirkliche Sehen und Hören. Der Jesus-Christus-General hatte für mich Zwanzigjährigen im Lager damals und im Feld später nicht viel von der Glorie des Leiters einer kämpfenden Armee, sondern ich sah mit meinen jungen Augen nur das Allzumenschliche des Kranken und Uebererregten. Der Mann heute versteht. Daß jene Tage in Kuba dem amerikanischen Invasionsheer keine Katastrophe brachten sondern Siege, ist für den nüchternen Beurteiler ein Wunder. Und Shafter wußte das! Als einziger vielleicht. Er wußte, daß kein Proviant da war -- er wußte, daß alle Vorteile des Geländes auf der Seite des auch numerisch starken Gegners lagen. Er wußte recht gut, weshalb er zauderte. Dennoch gebe ich meine Eindrücke ungeschminkt wieder, denn über das Persönliche weit hinaus zeigen sie etwas einzig Dastehendes in der modernen Kriegsgeschichte: Eine Schlacht, einen Feldzug, der nicht von Generalen gewonnen wurde, sondern von einzelnen Häufchen tapferer, zäher Männer, die in jungenhafter Begeisterung fröhlich drauf losgingen, ohne sich viel um Befehle zu scheren. Das Männliche, das Tüchtige des Einzelnen war Trumpf und gewinnende Karte in dem riskanten Spiel dieses sonderbaren Krieges.

* * * * *

Dutzende Male brachte ich dem General Shafter Depeschen an jenem 30. Juni des Jahres 1898, und jedesmal sagte er mit der gleichen dünnen, schrillen Falsettostimme, die einem durch Mark und Bein drang:

»Jesus Christus -- was gibt's?«

Es ist kaum möglich, das Scharfe, Ungeduldige wiederzugeben, das in dem ewig wiederkehrenden Ausruf lag, der dem General seinen Beinamen eingetragen hatte. Frömmlern gab es später nach dem Kriege, als von Shafters Eigenheiten erzählt und geschrieben wurde, Veranlassung, ihn als gotteslästerlichen Frevler zu verdammen.

»Lasse Oberst Green bitten -- Jesus Christus -- marsch, Mann -- halten Sie sich nicht mit Salutieren auf -- Jesus Christus!«

Immer Jesus Christus ----

Hunderte Male gellte es so. Und jedesmal fuhr ich zusammen, wenn die schneidende Stimme erklang.

General Shafter war ein Koloß. Aechzend lag die unförmliche Gestalt in der Hängematte, auf viele Kissen zurückgelehnt, fluchend wie ein Dragoner. Die Stimme gellte vor Wut und Ungeduld. Aber im nächsten Augenblick konnte sie, wenn auch schrill und nervös, liebenswürdig zu einem Adjutanten sagen: »Lassen Sie sich ablösen, lieber Jameson -- Jesus Christus, Sie müssen ja todmüde sein!«

Der General war entweder schon vom Fieber gepackt oder wenigstens durch die tropische Hitze furchtbar mitgenommen. Seinen gewaltigen Schädel bedeckte ein Handtuch, auf dem Eisstücke lagen, und neben der Hängematte stand ein Kocheimer mit Eis gefüllt. Dennoch gönnte sich Shafter nicht einen Augenblick Ruhe an jenem 30. Juni. Es war ein Hetzen und Hasten, ein Kommen und Gehen. Stets umstanden Adjutanten die Hängematte, Bleistifte und Befehlsformulare in den Händen, und die hohen Offiziere des Generalstabs schienen fortwährend Vortrag zu halten. Wir hörten häufig ganze Sätze herüberhallen und verstanden, so schwer jede Kombination für einen Uneingeweihten auch war, daß es sich um Meinungsverschiedenheiten handeln mußte. Es lag wie Elektrizität in der Luft. Wie schwüle Spannung. Alle Augenblicke kamen Shafters Adjutanten gelaufen mit Telegrammen an den Generalquartiermeister in Siboney, die in schärfster Fassung Proviant und Munition verlangten. Einmal hieß es ungefähr so:

»Kommandierender General befiehlt Herbeischaffung Proviants für Front, ganz gleichgültig, ob Straße verstopft; Truppen müssen Straße freigeben -- mitsendet energischen Offizier ...«

Schwer mußten Sorge und Verantwortung auf General Shafter liegen.

* * * * *

Major Stevens winkte von seinem Zelt. Ich sprang hinzu.

»Treten Sie ein,« befahl er. »So! Holen Sie sich unauffällig Karabiner, Revolver und Feldstecher. Tun Sie, als ob Sie das Gewehr putzen wollten. Gehen Sie langsam den Pfad aufwärts. Sie treffen mich etwa hundert Yards weiter oben. Verstanden?«

»=Yes, sir.=«

»Sie sprechen mit Niemanden über diese Sache. Verstanden?«

»=Yes, sir.=«

Klopfenden Herzens wartete ich an der bezeichneten Stelle, bis der Major aus dem Gebüsch trat.

»So! Es wäre mir lieb, wenn Sie mich auf einem kleinen Spaziergang begleiten würden,« sagte er, »weil ich annehme, daß Sie nach Ihrer zivilen Stellung Augen im Kopfe haben, die sehen können. Nun hören Sie: Wir wissen im Grunde gar nichts. Wir wissen den Teufel, was da vorne los ist. Ich will aber was wissen. Offiziell ist ein Vorgehen über die Vorposten hinaus strengstens verboten. Wir gehen jetzt zusammen spazieren und werden uns über die Vorposten hinaus verlaufen. Verstanden?«

»=Yes, sir.=«

»Schön. Die Karte hier ist miserabel, aber immerhin geht daraus hervor, daß hier -- sehen Sie? -- bei El Pozo -- das ist 'ne alte Zuckermühle --, wo unsere Spitze steht und das eigentliche Santiagotal beginnt, Plantagen sind, die ein Erklettern des Hügels da -- sehen Sie? -- gestatten sollten. Durch den Busch kämen wir nie hindurch!«

Da kam ich mir wieder kolossal wichtig vor ...

Wir marschierten in scharfem Tempo etwa zwei Kilometer weit den Pfad entlang, kamen in einen Mangowald, kreuzten einen kleinen Bach, passierten an Infanteriepatrouillen vorbei, wurden dutzende Male angerufen. Dann bogen wir scharf links ab. Wir waren jetzt inmitten hohen wuchernden Grases und mächtiger Baumgruppen. Hinter der zweiten Baumgruppe schon trat ein Kavallerieleutnant hervor, mit dem der Major leise sprach. Ich hörte den Leutnant sagen:

»Auf Ihre Verantwortung, Major. Meine Leute kann ich instruieren. Aber wenn Sie den Rückweg verfehlen, riskieren Sie, von anderen unserer Posten über den Haufen geschossen zu werden!«

Da kam ich mir noch viel wichtiger vor!

Nun begleitete uns der Leutnant.

Der lichte Wald wurde noch dünner, die Baumgruppen spärlicher. Vor uns lag eine schmale Fläche niederen Grases. Drüben war Gestrüpp.

»Halt!« rief eine Stimme.

»Freunde ...« antwortete der Leutnant. »Einer vor!« rief die Stimme wieder. Der Leutnant ging vor, um die Losung zu geben, die »Shafter und Santiago« lautete, und dann sahen wir eine Soldatengestalt aufspringen, die flach am Boden gelegen hatte. Der junge Offizier instruierte den Posten, daß der Herr Major und der Signalmann rekognoszieren würden und daß er auf unsere Rückkehr achten müsse. Wir würden am jenseitigen Gestrüpprand laut »Washington« rufen und dann aufrecht über die Grasfläche laufen.

»Los!« sagte der Major. »Ich wette meinen Kopf, daß innerhalb fünfhundert Yards überhaupt kein Spanier ist, sonst wäre die Schießerei schon längst losgegangen!«

Aber trotzdem verzichteten wir, ohne ein Wort darüber zu verlieren, auf falsches Schamgefühl und krochen sehr vorsichtig auf dem Bauch durchs Gras, uns innig und liebevoll an Mutter Erde anschmiegend.

»Sehen Sie was?«

»Nein, Major.«

Wir kamen der Gestrüpplinie näher und suchten Busch für Busch mit unseren Feldstechern ab. Vorne links, dreihundert Meter vielleicht entfernt, stieg ein Hügel empor, der erste einer sich weithin erstreckenden langen Hügelkette. Auf den steuerten wir zu, immer auf dem Bauche rutschend. Wir sahen nichts und hörten nichts. So gelangten wir bis zum unteren Hügelrand. Wohl eine Viertelstunde lang lagen wir hinter einem Baum und suchten den Weg durch die Gläser ab. Dann krochen wir wieder vorwärts, uns mit Händen und Füßen einkrallend, denn der Abhang war steil.

»Suchen Sie die Kuppe ab!« flüsterte der Major.

Ich machte einen Bogen hin, einen Bogen her. Sah nichts.

»Nichts?«

»Nein.«

»Großer Gott! Eine einzige spanische Batterie hier oben könnte uns den Teufel zu schaffen machen!«

»Es ist unglaublich!« Er kauerte hinter einen Busch und schob vorsichtig die Zweige auseinander. »So! ich kann sehen! Decken Sie mir den Rücken und achten Sie auf jedes Geräusch!« Ewigkeiten schien mir sein Schauen zu dauern. Auf dem Bauche liegend starrte ich um mich, daß mir die Augen tränten, bis endlich der Major leise pfiff und aus dem Busch zu mir kroch. »Nehmen Sie meine Stelle ein,« sagte er. »Sehen Sie sich zuerst die Karte an. Wir sind im Santiagotal ... Dies hier ist das San Juan Flüßchen. Auf diesem Hügel sind wir. Nun passen Sie auf: Sie werden in viertausend Yards Entfernung etwa in ganz unbestimmten Umrissen Gebäude sehen. Das ist Santiago de Cuba. Das Glitzernde zwischen den beiden Waldlisièren ist das Flüßchen. Suchen Sie das ganze Vorgelände ab, ob Sie Truppen oder irgend etwas Bewegliches entdecken können.«

Ich kroch in den Busch, mich im Blattwerk deckend, und guckte zuerst mit bloßen Augen, dann durch das Glas. Gestrüpp -- Wald -- helle Flecke -- wellige kleine Hügel, die wie in Nebel eingehüllt zu sein schienen -- ein grauer Streifen am Horizont, auf dem ich im Glas deutlich die Rote Kreuzflagge unterschied. Dann suchte ich, zitternd vor Aufregung, die hellen Flecke ab, und mir schien, als ob ich einmal oder zweimal auf dem Grasfleck vor einem der kleinen Hügel ein Glitzern sähe.

»Bei den Hügeln dort -- dicht beim Flüßchen!« murmelte ich.

»Richtig!« sagte der Major. »Dort bewegen sich zweifellos spanische Truppen. Aber suchen Sie vor allem das nähere Vorgelände ab!«

Ich suchte und suchte, Busch bei Busch, Fleck bei Fleck. Das schmale Tal erstreckte sich, ein schwer übersehbarer Geländemischmasch von Gestrüpp und wirklichem Wald und hellen freien Grasstrecken in fast immer gleicher Breite von sechs-oder siebenhundert Metern, bis an den grauen Streifen, der Santiago bedeutete. Seine Breite trennte uns von unseren Vorposten, die drüben auf der welligen Talgrenze am Waldrand standen. Das Flimmern dort vorne konnte ich wieder deutlich wahrnehmen. Sonst sah ich nichts. Der Major war zu mir gekrochen.

»Noch etwas gesehen?«

»Nein, Major.«

»Wie weit schätzen Sie die Entfernung bis zu der Wellenlinie, wo Sie das Flimmern sehen?«

»Dreitausend Yards.«

»Hm. Zweitausendfünfhundert!« brummte er. »Ich denke, wir haben genug gesehen.«

Dann ging es zurück. Ich war jetzt gründlich nervös geworden und ich glaube, dem Major ging es ebenso, denn im gleichen Impuls verzichteten wir auf das langsame Kriechen und rannten in langen Sprüngen von Baum zu Baum und von Busch zu Busch der auffälligen Gruppe von Mangobäumen zu, die wir uns wohl gemerkt hatten. Am Gestrüpprand brüllten wir laut:

»Washington!«

»Freunde ...« hallte es herüber, und wir schnellten uns vorwärts im Gras, so schnell uns nur die Beine laufen wollten, sehr froh, wieder im Schutze der Vorposten zu sein.

»Prosit!« sagte der Major und reichte mir seine Feldflasche. »Bitte, trinken Sie mit Andacht, denn das ist ewigalter Kentuckywhisky, und die Götter mögen wissen, wann uns ein solcher Trunk wieder beschert wird.«

Er lachte ein unfröhliches Lachen. »Uebrigens haben wir unsere Hälse umsonst riskiert. Die San Juan Verteidigungsstellung -- das ist dort, wo wir das Flimmern sahen -- ist dem Hauptquartier bekannt. Halten Sie nur den Mund über unseren Spaziergang, sonst werden wir auch noch ausgelacht! Ich hatte gehofft, auf der Hügelkette da drüben Artillerie zu entdecken -- na, und damit ist's Essig gewesen! Die Geschichte war also umsonst.«

Da kam ich mir gar nicht mehr wichtig vor.

* * * * *