Der Deutsche Lausbub in Amerika: Erinnerungen und Eindrücke. Band 2 (von 3)
Part 3
Wir dampften durch das Goldene Tor. Ferguson hatte, auf einen Decksessel hingekauert, schon längst zu schreiben begonnen. Nun sah er auf und gab uns seine Instruktionen, die auf eine genaue Verteilung der Arbeit hinausliefen. Mir wurde die Beschreibung des Maschinenraums zugeteilt, während Ferguson selbst das Interview mit dem Chefingenieur der Hongkong übernahm. Aber der blinde Glückszufall hatte mir, dem Jüngsten, eine lohnendere Aufgabe gegeben als ihm, dem Alterfahrenen ... In einer Viertelstunde wurden Rauchwolken sichtbar am Horizont, und bald darauf tauchte die schwarze Masse eines Riesenschiffes auf, geschleppt von einem winzigen Dampfer. Das war die fünf Tage überfällige Hongkong.
* * * * *
Die elektrischen Lampen glühten im Maschinenraum, aber die gewaltigen Feuerlöcher der Kessel lagen grau und leblos da und Stille herrschte. Ich kletterte mühselig von Plattform zu Plattform auf den schmalen stählernen Leitern.
»'n Morgen,« sagte unten ein alter Mann mit weißen Haaren im blauen Maschinistenkittel. Er betrachtete mich vergnügt aus blinzelnden Augen und schob bedächtig den Pfeifenstummel aus dem linken Mundwinkel in den rechten, während er mit der einen Hand die Lagerung eines sausenden Dynamos prüfend betastete und mit der andern ein frischgewaschenes Hemd näher an die Feuerung des kleinen Hilfskessels hielt. »Guten Morgen!«
»Erzählen Sie mir alles!« sagte ich.
»Zeitung?«
»Ja -- Examiner.«
»Dacht' ich mir,« grinste der Alte. »Ich bin der dritte Ingenieur dieses gesegneten Schiffes, und wie Sie sehen, beschäftige ich mich damit, ein bißchen elektrische Kraft zu fabrizieren und die Familienwäsche zu trocknen. Mann, hier ist nichts los! Der Laden ist zu. Wir haben das Geschäft aus Mangel an Betriebskapital aufgegeben.«
»Weiter!« bat ich geduldig.
»Weiter nichts.«
»Propellerbruch, wie ich höre, nicht wahr?«
»Propellerschaftbruch, junger Mann, fachmännisch ausgedrückt,« sagte der Alte und drehte seine trocknende Familienwäsche nach der anderen Seite. »Das heißt, daß ungefähr in der Mitte zwischen hier und Honolulu in zweitausend bis dreitausend Meter Tiefe auf dem Grunde des Meeres ein Propeller, ein drei Meter langes Stück Propellerschaft, ungefähr sechs Heckplatten mit Zubehör, dreiviertel eines Steuerruders und noch verschiedene andere belanglose Kleinigkeiten liegen, alles zusammen etwa achtzigtausend Pfund schwer und etliche hunderttausend Dollars wert. Das is' alles!«
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»Wie das passiert ist?« Er spuckte kräftig auf den Boden. »Junger Mann, ich bin siebenundzwanzig Jahre lang Maschinist, und trotzdem weiß ich das ebensowenig wie Sie. Sehen Sie, ein Propellerschaft ist sozusagen 'n Luder! 'n dickes, langes Stück Stahl, das vor jeder Ausreise von einem halben Dutzend Ingenieuren und mindestens drei Behörden Zoll für Zoll abgeklopft und untersucht und begutachtet wird. Das wir während der Fahrt pflegen und hätscheln, ölen und salben, als wär's 'n Baby. 'n Stück Stahl, das eine Krafteinwirkung von sechstausend Pferdekräften und Wasserwiderstände von achtzehntausend Pferdekräften auf seinem runden Buckel aushalten muß. 'n Stück Stahl, dem die Kräfte und die Widerstände hie und da -- es kommt nicht häufig vor, dem lieben Gott sei Dank -- zu viel werden. Dann geht's knax, und der Teufel ist los!«
»Was passiert dann?«
»Oh, nichts von Bedeutung.« Er lachte schallend auf und schlug sich aufs Knie. »Es passiert das, was uns passiert ist. Ungefähr das, was geschieht, wenn man einer kleinen Katze plötzlich den Schwanz abschneidet -- der Schwanz fällt herunter, nicht wahr, und die kleine Katze gebärdet sich ungewöhnlich lebendig und aufgeregt. Na, unser Propellerschwanz mit einigem Zubehör, das er im Vorbeigehen mitnahm, liegt -- =well=, zwischen hier und Honolulu. Die Katze ---- «
»Die Maschinen?«
»-- jawohl -- die Maschinen! -- die Maschinen wurden aufgeregt. Das ist ungefähr so, als wenn vier Pferde aus Leibeskräften an einem schweren Sandwagen zerrten und plötzlich rissen sämtliche Stränge. Worauf die vier Gäule übereinanderpurzeln und mit den Beinen strampeln würden ... Um drei Uhr nachts ist es passiert. Ich hatte die Wache, Hand an der Drosselung. Drei Sekunden nach dem großen Krach hatte ich abgedrosselt und fünfzig Sekunden später das hintere mechanische Sicherheitsschott geschlossen. Die drei Sekunden jedoch genügten den Maschinen vollkommen, um übereinanderzupurzeln -- Lagerungen verballert, Hochdruckzylinder verbogen, Kolben schief, als wären sie besoffen, alle Verbindungen gelockert, alle Schrauben heidi -- ein Jammer, junger Mann, ein trauriger Jammer. Zum Weinen! Aber das verstehen Sie nicht -- sind ja kein Maschinenmensch ...«
»Und dann?«
»Schloßen wir den Laden. Ließen Dampf ab, dichteten das Kollisionsschott, pumpten das Stück pazifischen Ozean aus, das in den Maschinenraum gedrungen war, und stützten unsere armen Maschinen mit allerlei Gebälk. Mann, sehen Sie nur hin! Der Hochdruckzylinder sieht aus wie 'n Baugerüst -- pfui Deibel! Das erledigt, warteten wir auf die göttliche Vorsehung und den dreckigen Trampdampfer, der mit seinem bißchen Schleppen ein Riesenvermögen an uns verdient.«
»Darf ich den Maschinenraum ansehen?«
»Kommen Sie! Sie werden sich wundern! Er sieht ungefähr so aus wie ein Zwischendeck mit siebenhundert seekranken Chinesen am dritten Tag der Ausreise von Hongkong. To -- tal ver -- saut!!«
Seufzend hing er das schon beinahe getrocknete Hemd über eine blanke Kupferröhre und führte mich in das Allerinnerste der Hongkong. Ein beschwerliches Kriechen war es, schmale Gänge entlang und unter den Leibern stählerner Ungeheuer durch. Ein Gewirr von Balken stützte die einzelnen Teile der Riesenmaschinen, die der furchtbare Stoß der im Augenblick des Bruchs entfesselten widerstandslosen Kräfte völlig unbrauchbar gemacht hatte; zerbrochene, verbogene Röhren, geknicktes Gestänge, schiefe Stahlsäulen, abgesprungene Harteisenstücke, weißgrau an den Bruchrändern, lagen umher.
»Hübsch, nicht?« sagte der alte Mann. »Nun stellen Sie sich, bitte, vor, daß ein winzig kleiner Fehler, ein völlig unsichtbarer, unentdeckbarer Riß in einem runden Stück Stahl von zwanzig Zoll Durchmesser ausreichte, um für eine halbe Million Dollars Maschinen in drei Sekunden über den Haufen zu werfen!!«
Da beschloß der Lausbub, seinem Teil des Berichts die Überschrift zu geben: Der Dämon im Stahl!
Er fand das sehr schön!!
Während der Furor in einer Wolke von schwarzquellendem Rauch hafenwärts sauste, schrieb ich und schrieb und schrieb, denn es war ja so leicht. Hatte mir doch das Glück das Schönste und Packendste in einem großen Zeitungsereignis bescheert -- den grimmigen düsteren Humor der Wirklichkeit ...
Unser =scoop= gelang glänzend. Mit flammenden Überschriften und sechzehn Spalten Hongkong erschien der =Examiner= zwei Stunden vor dem =Call=. In einer Gesamtzeit von sieben Stunden vom Einlaufen der Meldung bis zur Ausgabe der fertigen Zeitung war ein für die Hafenstadt unendlich interessantes Ereignis lebendig und exakt geschildert worden, in der Ausführlichkeit einer graphischen Darstellung von über dreitausend Zeilen Länge. Nichts fehlte. Das Aussehen der Hongkong -- der Bericht des Kapitäns -- die Schilderung der Leute des Schleppdampfers -- die Szenen des Schreckens der Unglücksnacht.
Es war einer der großen Tage der Zeitung gewesen.
* * * * *
Der Hongkongbericht war in gekürzter Form nach New York und Chicago an das New York-Journal und die Chicago-Dispatch telegraphiert worden, denn wir und jene beiden Blätter arbeiteten stets Hand in Hand. Gehörten »wir« doch einem gemeinsamen Eigentümer, dem Verleger des New York-Journal, William R. Hearst. Als wir uns am nächsten Morgen im Reporterzimmer einfanden, hielt uns Mac lachend eine Depesche entgegen. Wir lasen:
»Examiner, Frisco. -- Komplimente, Mac. Gute Arbeit. Erwarte ausführlichen Bericht. -- Hearst.«
Das war bezeichnend für William R. Hearst, dem nichts zu klein war im Zeitungsdienst, um sich nicht persönlich darum zu bekümmern, und nichts zu groß, sich mit seinen Zeitungen nicht daran zu wagen. Ich sah Hearst erst Jahre später. Aber im Reporterzimmer wimmelte es von Anekdoten über den »Alten«. Als Hearsts Vater, der Besitzer des New York-Journal, gestorben war und ihm die Zeitung hinterlassen hatte, wurde aus dem bedeutungslosen Jungen, der bisher nur durch modische Kleidung und grelle Kravatten aufgefallen war, mit einem Schlage ein Arbeiter. Er erklärte den redaktionellen und geschäftlichen Leitern seiner Zeitung, daß in Zukunft er der Herr sei und sonst niemand. Die wollten sich totlachen.
Dann kam das Entsetzen.
Der junge Hearst gönnte sich nicht einmal die Zeit zum Essen -- und anderen Leuten erst recht nicht. Zu schlafen schien er überhaupt nicht. Er war der Schrecken der Metteure. Er nächtigte im Setzersaale und schrieb bis aufs letzte -- i -- Pünktchen die Schriftarten vor, die die Ueberschriften der einzelnen Artikel anziehend machen sollten für Seine Majestät das Publikum.
Sein Leben gehörte seiner Zeitung. Das folgende wahre Geschichtchen illustriert seine Manier vortrefflich. Er gab ein Souper, das sich lange ausdehnte. Um drei Uhr morgens brachte ihm ein Bote die erste Kopie der Morgenausgabe des Journal, das soeben zur Presse gegangen war. Hearst sprang nach einem Blick auf die Zeitung wütend auf, ohne seinen verblüfften Gästen auch nur ein Wort der Erklärung zu geben, und rannte in die Nacht hinaus. Nach Luft schnappend, kam er im Journalgebäude an, ließ die Presse stoppen und telephonierte den Chefredakteur herbei.
Alles -- weil die Überschrift des Leitartikels Hearst nicht zugkräftig genug war!
Er pflegte stundenlang der Länge nach ausgestreckt in seinem Privatkontor auf dem Teppich zu liegen, die Riesenseiten des Journal vor sich ausgebreitet, um die Wirkung der »Aufmachung« zu studieren. Den großen Eindruck brauchte er -- für die große Masse. Die war sein Götze. Er gab Unsummen aus für Spezialdrähte, mietete einen Privatdraht zwischen New York und Washington, um die Kongreßdepeschen früher zu haben, gewann Generäle und Minister als Mitarbeiter. Er schlug die Zeitungen New Yorks wieder und wieder in der Schnelligkeit und Ausführlichkeit wichtiger Nachrichten. Der Erfolg bei der großen Masse kam fast augenblicklich. Die Auflagenziffern des New York-Journal schnellten zu verblüffender Höhe empor, und aus der einen Zeitung wurde ein Zeitungssyndikat in New York, Chicago und San Franzisko, mit Hearst als Alleinbesitzer. Damals entstand das Wort von der Gelben Presse.
Ueber seine Entstehung habe ich von amerikanischen Zeitungsfreunden folgendes Geschichtchen erzählen hören:
Als der deutsche Kaiser der gelben Gefahr sein Zeichentalent widmete und die Völker Europas warnte, ihre heiligsten Güter zu wahren, kam der Karikaturist einer Washingtoner Zeitung auf die hübsche Idee, die kaiserliche Zeichnung, die in Amerika großes Aufsehen und bei der Abneigung gegen die gelbe Rasse starken Beifall erregt hatte, polemisch zu verwerten. Er zeichnete in einem Bild einen messerschwingenden Chinesen, in einem andern Bild daneben den das Journal schwingenden Hearst, umgeben von tanzenden Teufelchen, die alle schrien: Sensation! Sensation!! Sensation!!! Das eine Bild trug die Ueberschrift: Die Gelbe Gefahr Europas! das andere: Die Gelbe Gefahr Amerikas! Die politische Welt der Vereinigten Staaten lachte und nannte den Zeitungsmann den gelben Hearst und seine Zeitungen die gelben Zeitungen. Die Gelbe Presse!
Wie nun das bissige Wortbild auch entstanden sein mag, es kennzeichnet mit seinem Vergleich mit der krassesten aller Farben, dem schreienden Gelb, den Hunger nach Sensation vorzüglich. Tut auch Unrecht, wie alle Schlagworte. Hearst hat starken Einfluß auf die Entwicklung der amerikanischen Presse ausgeübt und dem modernen Nachrichtendienst unvergeßliche Dienste geleistet. Und lange vor Roosevelt schon kämpfte er gegen die Trusts. Seine politische Stellung als einer der Führer der demokratischen Partei wird von Jahr zu Jahr stärker.
* * * * *
Nur einen einzigen Tag in jenen Monaten versäumte ich den Zeitungsdienst.
Das war an jenem Tag, als frühmorgens Madame Legrange klopfte und mir einen Brief brachte, einen Brief aus Deutschland. Ich freute mich gewaltig. Mein wortkarger Vater schrieb mir nur selten, aber zwischen den Zeilen der wenigen Briefe konnte ich lesen, daß meine jungenhafte Begeisterung im Dienste der Zeitung und mein naives Schildern des Lebens um mich ihn freuten. In knappen Worten sprach der Freund zum Freund. Nur dann und wann blitzte ein Rat, eine Warnung auf. »Du wirst vielleicht nie nach Deutschland zurückkehren, aber vergiß dein Land nicht, denn seine Art bleibt deine Art!« schrieb er mir einmal. »Du hast es sehr schwer, denn du bist niemand Verantwortung schuldig als dir selbst ...« hieß es ein andermal. Vor allem aber verblüffte mich die genaue Kenntnis der amerikanischen Verhältnisse, die aus diesen Briefen sprach; eine weit gründlichere und tiefere Kenntnis als die meinige, der ich doch im Lande lebte und schaffte. Das flößte mir gewaltigen Respekt ein. Wenn das deutsche Heimweh über mich kam, und das tat es manchmal, nahmen die Sehnsucht und die Träume die Form an, daß ich es mir erträumte, dem Vater einst als erfolgreicher Mann wieder gegenüberzutreten. Der Erfolgreiche dem Erfolgreichen. Der Freund dem Freund. Der Gleichberechtigte dem Gleichberechtigten.
Und nun las ich und saß erstarrt auf meinem Bett. Mein Vater war tot. Gestorben an einer fürchterlichen Krankheit, nach jahrelangem Siechtum, das mir auf seinen Befehl verheimlicht worden war. Sie hatten ihn vor Wochen schon begraben.
An jenem Tag der Verzweiflung begann ich zu ahnen, was Alleinsein im fernen Lande in Wirklichkeit war und was die Bande des Bluts bedeuteten, aber Jahre sollten noch vergehen, bis ich verstand, daß in dem Grab im Münchner Nordfriedhof mein Allereigenstes lag. Daß aus meinem Vater meine Kraft und mein Leichtsinn und meine Art stammte, und daß ich dem Mann, der als kriegsinvalider Offizier nach den Feldzügen der Jahre 1866 und 1870 frisch und kraftvoll nach einem neuen Leben gegriffen und sich als nationalökonomischer und wirtschaftlicher Geistesarbeiter einen reichen Wirkungskreis geschaffen hatte, alle Zähigkeit des Wollens und Willens verdankte.
Das Kommen des Krieges.
Vorgeschichte des spanisch-amerikanischen Krieges. -- Die Guerillakämpfe zwischen Spaniern und kubanischen Insurgenten. -- Die Glückssoldaten in Viriginia. -- Gespannte Beziehungen zwischen den Vereinigten Staaten und Spanien. -- Grausamkeiten. -- Die kubanische Junta und New York. -- Der Untergang der Maine. -- Der Racheschrei. -- Kriegserklärung. -- Meine große Idee! -- Die große Idee funktioniert nicht! -- Aber ich muß unbedingt nach Kuba ...
Schweres Kriegsgewölk überschattete im Jahre 1898 die Neue Welt. Unten im Süden auf der Insel Kuba tobte seit Jahren ein Kleinkrieg zwischen Herren und Knechten, zwischen einer Rasse, die sich im Niedergange befand, und bösem Mischblut; zwischen Spaniern und Kubanern. Die reiche Insel, das Tabaksland, das Zuckerland war bitterarm geworden unter spanischer Mißwirtschaft, und unerträglicher Steuerdruck lastete auf ihm. Die spanisch-indianischen Mischlinge, die westindischen Neger und Halbneger, nie Freunde harter Arbeit, wurden durch das unfähige spanische Beamtentum mit seinem die Hände in den Schoß legenden =mañana=-Glauben noch gründlicher verdorben, als sie von Mutter Natur aus schon waren. Korruption war überall im Land. Hungersnot folgte auf Hungersnot. Bitteres Elend herrschte seit vielen Jahren. Da schlugen sich die Mischlinge in die Büsche, und langsam wuchs unter Führung von Abenteurern die national-kubanische Erhebung; ein Guerillakrieg, der von beiden Seiten mit einer Wildheit und einer Grausamkeit geführt wurde, die dem benachbarten Amerika den Atem stocken ließ und ihm eine altschmerzende Episode ins Gedächtnis rief, die in den Vereinigten Staaten böses Blut gemacht hatte: Das Sterben der Männer der Virginia.
Vor einem Jahrzehnt, denn solange schon wütete der Kleinkrieg zwischen Spaniern und Insurgenten, waren amerikanische Glückssoldaten in dem Schooner Virginia gen Kuba gesegelt und im Süden gelandet, sich in den Reihen der Revolutionäre Ruhm und Glück zu erkämpfen. Ein spanisches Kanonenboot fing den Schooner ab. Vierundzwanzig Stunden später knallten die Schüsse der spanischen Pelotons, und die Glückssoldaten der Virginia waren tot. Amerika zitterte vor Entrüstung, wenn auch das amtliche Washington sich wohl oder übel auf den Boden des internationalen Rechts stellen und erklären mußte, jene amerikanischen Abenteurer hätten den Schutz des Mutterlandes verwirkt, als sie sich auf ihre ungesetzliche Unternehmung einließen. Vergessen aber wurden die Männer der Virginia nie.
Schon zu Ende des Jahres 1897 waren die Beziehungen zwischen den Vereinigten Staaten und Spanien gespannt, denn Washington hatte wiederholt energisch darauf hingewiesen, daß in der Tabak-und Zuckerindustrie Kubas Millionen amerikanischen Geldes steckten und die unhaltbaren Zustände auf der Insel den wirtschaftlichen Interessen der Vereinigten Staaten schadeten. Da wurde der spanische General Weyler als Generalkapitän auf die Insel gesandt, und der Kampf gegen die Insurgenten begann im großen Stil. Der grimmige Soldat ersann das System der Blockhauslinien. In Fächerform wurden von den militärisch stark besetzten Zentren aus kleine Blockhäuser in das Innere des Landes vorgeschoben, um in stetig fortschreitender, geschützter Angriffslinie die Revolutionäre zusammenzudrängen und das Land Meile für Meile von ihnen zu säubern. Quer über die ganze Breite der Insel schob sich die =trocha=. Eine gewaltige Kriegsmaschine war es: Undurchdringbare Drahtverhaue verbanden die Blockhäuser. Vor diesem Gürtel kleiner Festungen lief eine zweite Linie von Wolfsgruben und Sprengminen, die eine bloße Annäherung an die =trocha= schon zu einem tödlichen Wagnis machten.
Ein furchtbares Gemetzel begann. Tier kämpfte gegen Tier, denn die halbverhungerten, verzweifelten, geächteten Menschen in den Wäldern waren zu Tieren geworden, die mit ihren Macheten jeden der verhaßten spanischen Soldaten, der ihnen in die Hände fiel, grausam abschlachteten, und die erbitterten Spanier zeigten sich nicht weniger grausam als jene. Sie schonten weder Weib noch Kind. So tobte der Kleinkrieg. Immer wieder wurden die =trocha= da und dort in Kämpfen bis aufs Messer von den Insurgenten durchbrochen; hatten doch diese menschlichen Gerippe, die wenig mehr besaßen als ihre Waffen, nichts zu verlieren und alles zu hoffen. Gefangene wurden von den Spaniern ohne weiteres erschossen; zu Dutzenden, zu Hunderten. In New York aber sorgte eine kubanische Junta, eine Vertretung der Insurgenten, getreulich dafür, daß die amerikanische öffentliche Meinung in Schrift und Bild jede Greueltat der spanischen Soldaten erfuhr, während über die Schandtaten der Revolutionäre klüglich geschwiegen wurde. Grelle Schilderungen von Hunger, Jammer und brutaler Unterdrückung aber verfehlen ihre Wirkung auf den Amerikaner nie.
Alles drängte zur Einmischung der Vereinigten Staaten. Der langsam erwachende Imperialismus, der eine Ausdehnung der amerikanischen Macht forderte und Taten verlangte; das Kapital und starke wirtschaftliche Interessen, die nicht nur ihre Geldanlagen auf der Nachbarinsel retten wollten, sondern auch von einem amerikanischen Kuba sich goldene Berge versprachen; der Zug der öffentlichen Meinung endlich, die die blutigen Greuel im Nachbarhause nicht mehr mit ansehen mochte.
Die Stimmung war gespannt zum Platzen.
Da flog am 15. Februar des Jahres 1898 abends 9 Uhr im Hafen von Havana der große amerikanische Kreuzer Maine in die Luft und sank augenblicklich. Die gesamte Besatzung von über sechshundert Mann ging zugrunde.
Jetzt jagten sich die Ereignisse.
Ein Schrei der Entrüstung gellte über Amerika. Rache für die Maine! durchbrauste es die Zeitungen; =Remember the Maine!= donnerte es in den Massenmeetings. Denn für jeden Amerikaner war es selbstverständlich, daß ein heimtückischer spanischer Torpedo die Maine und ihre 600 Amerikaner in die Luft gesprengt hatte.
Die kubanischen Insurgenten wurden von der Regierung der Vereinigten Staaten als kriegführende Partei anerkannt. Scharfer spanischer Protest in unziemlichen Ausdrücken. Kurzer Notenwechsel, der die Lage nur verschärfte. Am 25. April erklärte das amerikanische Repräsentantenhaus, der Senat und der Kongreß, den Kriegszustand mit dem Königreich Spanien.
Am selben Tage noch erhielt das amerikanische Geschwader in Ostasien unter Admiral Dewey telegraphische Instruktionen. Nach fünf Tagen war die spanische Philippinenflotte in der Seeschlacht von Manila am 1. Mai 1898 vernichtet.
* * * * *
Der Lausbub wäre nicht das Menschenkind voller Unrast und tiefgewurzeltem Drängen nach grellem Erleben gewesen, hätte sich nicht inmitten des Kriegslärms sein abenteuerliches Blut geregt. Das Soldatenblut vielleicht auch vom Großvater und Vater her, den alten Offizieren.
Ich verschlang die sich jagenden Nachrichten und brüllte mit in Jubel und Freude, als Lascelles mit der Depesche vom Siege bei Manila ins Reporterzimmer stürzte. Kein Stockamerikaner hätte begeisterter sein können! Wieder jagten sich die Ereignisse. Mit immer größerer Bestimmtheit trat die Nachricht auf, daß eine Amerikanische Armee von der Insel Kuba Besitz ergreifen sollte und -- ich wurde sehr nachdenklich, ohne eigentlich zu wissen warum. Ich wurde zappelig. Wie schal und gleichgültig schien auf einmal das begeisternde Reporterleben! Ich wurde unzufrieden. Was scherte mich die Zeitung, wenn es Krieg gab! Krieg!! Blutigen Krieg! Kämpfe im tropischen Land!!!
Ich sah mich zwei Nächte hintereinander im unruhigen Traum als kolossal tapferen Offizier, der seine Leute im Sturm zum Siege führte ... Und am nächsten Morgen kam mir die große Idee! Man mußte die Gelegenheit beim Schopfe packen! Die Möglichkeiten des Berufs mußten ausgenutzt werden bis zum letzten! Kriegskorrespondent wollte ich sein -- aber selbstverständlich -- _Kriegskorrespondent_!!!
Ich drückte mich im Reporterzimmer herum, bis die Kollegen alle fort waren. Kaum war der langbeinige Ferguson mit seinen polternden Schritten als letzter aus der Türe gestiefelt, als ich schon auf den Schreibtisch in der Ecke zuschoß --
»Mac, haben Sie einen Augenblick Zeit für mich? Ich möchte gern in einer persönlichen Angelegenheit ...«
»Natürlich, mein Sohn,« unterbrach er mich lachend. »=Allright=! Wieviel brauchen Sie denn nun eigentlich?«
»Es -- es handelt sich nicht um Geld, Mac,« stotterte ich.
»Nun, und wo brennt es dann?«
»Krieg -- Kuba ...«
»Kuba, eh? Was in der Hölle haben Sie denn mit Kuba zu tun?«
Aber ich ließ nicht locker. »Glauben Sie wirklich, Mac, daß wir in Kuba einfallen werden?«
Er nahm seine goldene Brille ab und putzte sie bedächtig.
»Nun, ich bin nicht der Kriegsminister!« meinte er. »Aber Sie können immerhin Ihren letzten Stiefel darauf verwetten, daß die Insel ein bißchen besetzt wird von uns, denn sie ist die große Wurst, um die man sich zankt. Die Geschichte wird übrigens so ziemlich in Ruhe und Frieden ablaufen, denke ich mir. Die Spanier wären Narren, wollten sie uns ernsthaften Widerstand entgegensetzen. Na, es kann auch anders kommen. Vor allem aber reden Sie jetzt ruhig heraus, lieber Junge! Was wollen Sie eigentlich, zum Teufel? Was haben Sie sich da wieder in den Kopf gesetzt??«
»Ich will nach Kuba!«
»Dachte ich mir, =sonny=!«
Ich wußte, daß ich puterrot geworden war und merkte, daß ich ungeschickt stotterte in der Aufregung, aber jetzt hieß es reden, reden, reden ... »Mac -- helfen Sie mir, Mac! Sie wissen ja nicht, wieviel mir daran liegt!! Mein Vater war Offizier -- und ich wollte als Junge immer schon Offizier werden und -- Sie verstehen mich vielleicht ...«
Allan McGrady nickte ernsthaft vor sich hin.