Der Deutsche Lausbub in Amerika: Erinnerungen und Eindrücke. Band 2 (von 3)
Part 18
»Das Schwarz und Weiß deiner Sergeantenstreifen steht dir ausgezeichnet!« meinte das Dinglein in sonderbarem Gedankensprung -- sonderbar für mich -- damals ...
Ich war paff.
»Was bedeuten denn die komischen Flaggen auf deinen Aermeln?«
»Weißt du,« sagte der Lausbub (das war auch ein Gedankensprung) »------ wenn hier nicht so viele Leute wären, so möchte ich dir einen Kuß stehlen!«
»Oh pfui!!« hauchte sie. Aber ihre Augen sagten gar nicht pfui.
Es war ein Idyll. Es war eine Orgie in Begeisterung. Es war praktischer Humor ersten Ranges, wie die gutgezogenen New Yorker Männer ihre Dollarfrauen dem Flirt überließen -- und ich wunderte mich mehr als einmal, ob nicht mancher gute Ehemann das verfluchte Heldentum verdammt ungemütlich empfand. Sie saßen auf unseren Betten, die Mädelchen und die Frauen, und sie naschten mit großen verwunderten Augen Soldatenessen von unseren blechernen Soldatentellern. Sie waren sehr nett. Sie küßten wohl auch einmal -- in dem erhebend moralischen Bewußtsein, daß sie durchaus unpersönlich küßten. Sie küßten Helden fürs Vaterland. Die Männer wollten ihre Dollars los werden. Die Frauen ihre Liebenswürdigkeit.
Ich plauderte lange mit dem Dinglein in der roten Bluse. Das war ein kluges Mädchen. Auch sie wollte Andenken haben, aber es fiel ihr nicht im Traum ein, mit teuren Dollars zu operieren wie die Männer. Sie machte süße Augen -- und drehte mir einen vergoldeten Sergeantenknopf ab. Sie machte noch süßere Augen -- und holte ein Scherchen aus der Handtasche hervor, um mir kaltblütig die kostbaren seidenen Sergeantenabzeichen von den Aermeln zu trennen. Sie schenkte einen Kuß -- und stopfte sich alle Taschen voller Patronen und Messingflaggen, wie wir sie an den Mützen trugen, und den verschiedenen Dingen im allgemeinen, wie sie überall umherlagen.
»Hast du denn auch ein liebes kleines Mädel?« fragte die rote Bluse.
»N -- nein!« flüsterte ich, mit tiefem und ehrlichem Bedauern, denn rote Blusen und die lieben kleinen Mädchen darin schienen mir gerade jetzt etwas besonders Reizendes.
»Ach du armer Junge!!« (bums dich -- war wieder ein vergoldeter Knopf weg!) »Weißt du -- ich möchte sehr gut zu dir sein!«
Und da führte ich sie durch unsere weiße Stadt und zeigte ihr all die Zelte und sah sie erschauern vor der Bedeutung des riesigen seidenen Sternenbanners, das vor dem Zelt des kommandierenden Generals im Windgebrause flatterte. Erschrecklich viel Limonade trank sie. Erschrecklich viele kleine Paketchen von Tabak und winzigen Bierfläschchen und Soldatenbonbons nahm sie mit als Andenken und versprach hoch und heilig, sie in Ehren zu halten für alle Ewigkeit. Ich aber wunderte mich, wie das kleine Persönchen es fertig brachte, all die gemopsten und geschenkten Sächelchen zu verstauen. Des Rätsels Lösung fand ich nicht. Und wir verzehrten noch mehr Süßigkeiten und tranken noch mehr Limonade und gingen eine lange Nachmittagsstunde am sandigen Strand spazieren, weit von der Zeltstadt, aber keineswegs in Einsamkeit, denn wo man auch hingeriet irgendwo um Montauk Point herum, ergingen sich reizende Frauen mit den Männern der Armee vom Santiagotal. Sie mußten sich Helden nennen lassen, die armen Männer, bis sie erröteten wie Backfische.
Es war eine Orgie.
»Adieu, lieber Junge!« sagte das Dinglein bei der Station, und ich hätte darauf geschworen, daß der feine vielsagende Händedruck sieben verschiedene Wahlverwandtschaften zum mindesten bedeutete. Doch im gleichen Augenblick schoß das gleiche Dinglein in der gleichen roten Bluse auf einen mageren Jüngling in korrektem Schwarz und allerneuestem korrekten New Yorker Hut zu und warf sich, jawohl, warf sich, an seinen Hals!
»Freddy,« jubelte sie -- »ach, du lieber guter Freddy, es war ja so süß!«
Da begriff ich, daß ich im Erleben der roten Bluse eine ganz gewöhnliche Episode war. Ein Röhrchen war ich, ein lächerliches Sicherheitsventil, eine mechanische Vorrichtung, dem Hochdruck der Begeisterung der amerikanischen Frau Luft zu verschaffen. Er wäre sonst gefährlich geworden.
»Du verflixter kleiner Fratz!« murmelte ich.
* * * * *
Es dauerte aber gar nicht lange, so erreichte der Hochdruck der Begeisterung in Amerika das überspannte Stadium. Es wurde allerorten und in allem gewaltig übertrieben im Siegesjubel. Man war wie ein glücklicher Spieler, der im ersten Taumel des Gewinnens nicht weiß was tun vor Freude und links und rechts mit vollen Händen die Goldstücke hinausschleudert. Ein solches Schleudern war es im Dollarland damals!
Und bald wurde das echte, starke, wahre Gefühl der Begeisterung zum sentimentalen Gefühlskitsch.
Die Frauen vor allem machten lächerliche Dummheiten.
Eine Flutwelle der Hysterie ergoß sich über das Yankeeland. Zuerst natürlich erreichte die Welle das nahe New York. Die Zeitungen berichteten, lächelnd anfänglich, dann entrüstet, daß mit den Jungens in Blau eine Abgötterei getrieben werde, die in ihren Formen schon ein Unfug genannt werden müsse!
»Mann! Bringe mir heute abend zehn Helden zum =supper=!« befahl die New Yorker Ehefrau. Und Mr. Ehemann, wohldressiert von Kindesbeinen an, ging los, ob's ihm nun besonders gefiel oder nicht, und gabelte gehorsam zehn Helden auf. Frisch von der Straße weg.
Heidi, es war lustig!
Mrs. Ix, die New Yorkerin und Milliardärin, gab schleunigst einen Soldatenball. Mrs. Ypsilon, gleichfalls Milliardärin, trumpfte über und erließ =prestissimo= die Einladungen zu einem Sergeantenball, bei dem es märchenhaft wohlhabend herging. Mrs. Zett, auch sie natürlich Milliardärin, fuhr von morgens früh bis abends spät mühsam überredete Helden in ihrem vornehmen Landauer in den Straßen New Yorks spazieren. Die großen Blumengeschäfte erhielten Anweisungen von Damen der Gesellschaft, jedem Soldaten Blumen zum Begeisterungsgeschenk zu machen -- was reizend gewesen wäre, wenn die gütigen Spenderinnen nicht gar so deutlich dafür gesorgt hätten, daß ihre Namen in allen Zeitungen und an allen Blumenladenfenstern recht laut und kräftig in Erscheinung traten.
Die nervöse Welle lief weiter -- wuchs an. In Washington wurde sie zur Sturmflut.
Eines Tages meldete sich in der Stadt des Kapitols ein junger Leutnant beim Marineminister. Er hieß Hobson und war ein Held. Hatte mannhaft Leib und Leben darangesetzt mit offenen Augen und war nur wie ein Wunder dem Tode entgangen, als er in der Santiago-Felsenenge den Merrimac in die Luft sprengte. Nun war der junge Leutnant der Held des Tages in Washington. Seine Kommandeure, der Marineminister, der Präsident der Vereinigten Staaten überschütteten ihn mit Glückwünschen und Danksagungen. Man gab einen Ball zu seinen Ehren.
Und damit fing das Unglück an.
Als Hobson den Ballsaal betrat, schritt eine junge Dame der Washingtoner Gesellschaft auf ihn zu, überreichte ihm einen großen Blumenstrauß und bestätigte ihm in wohlgesetzten Worten, daß er ein Held sei und sein Name unvergänglich auf den Tafeln des Vaterlandes leuchten werde. Dann kam ihr besonderer Dank. Im Namen der amerikanischen Frau; im Namen der fraulichen Gesamtheit; im Namen der Weiblichkeit:
Schlanke, weiße Arme legten sich um des Leutnants goldbestickten Uniformkragen und ein amerikanischer Frauenmund küßte ihn lang und innig.
Vor versammeltem Mannsvolk und bewundernder Frauenschar.
Am nächsten Tag wurde das weihevolle Ereignis in vielen Zeitungsspalten geschildert. Die Gesellschaftsreporter fanden mühelos die richtigen Töne. Sie lachten sich zwar wahrscheinlich halbtot dabei im Redaktionssanktum bei Bier und Zigarette -- aber die Töne fanden sie!
Sie sprachen ernsthaft und gediegen von allerhöchster Ehre. Sie flöteten zart vom symbolischen Weihekuß. Sie nahmen gedankenvoll das Konversationslexikon zur Hand und fanden auch glücklich klassische Vorbilder, die sich prachtvoll zu Vergleichen eigneten und die ganze sentimentale Geschichte auf ein anständiges Niveau hoben. Am nächsten Tag durcheilte die wichtige Nachricht Amerika.
Ueber das weibliche Amerika brauste ein Sturm der Begeisterung.
Das war groß. Edel. Ungeheuer. Das war Heldenlohn. Schöner und reicher als alle Schätze an Gold und Ehren.
Man gab einen zweiten Ball in Washington, wiederum zu Ehren des Leutnants, und wiederum begann er mit einem Weihekuß. Diesmal jedoch schlossen sich die anwesenden Damen der ersten Weiheküsserin ziemlich vollzählig an. Es schien ihnen wohl Anstandsgebot, einem wirklichen Helden wahrhafte Ehren auch reichlich genug zu erweisen. Es hagelte Küsse auf Hobson herab -- und der arme Leutnant wurde verrückt! Der mannhafte Mann, der Held, der Todeskämpfer wurde zum Schwächling und eitlen Toren. Er wurde hysterisch, genau so hysterisch wie die »Küsserinnen«. Er ließ sich überallhin einladen, zu Dutzenden von Bällen in Washington allein, in Boston, in Baltimore, und wurde überall geküßt.
Es war tragikomisch. Nein, tragisch mehr als komisch. Der Amerikaner verträgt und ermutigt sogar sentimentale Dinge, wenn sie mit Frauen zusammenhängen, namentlich bis zu einem gewissen Punkt. Dann aber schnappt irgend etwas bei ihm.
Bei der Hobson Küsserei schnappte es! Noch einige Male berichtete die amerikanische Presse in nicht ganz echt klingender Begeisterung über die Hobsonbälle und die Weiheküsse. Dann war es aus. Eine New Yorker Zeitung machte den Anfang:
»Mr. Hobson läßt sich schon wieder küssen! Die Sache wird zur üblen Gewohnheit!!« überschrieb sie einen lustigen Bericht.
Und nun donnerte ein nimmer endenwollendes Gelächter herab auf den armen Hobson. Man nannte ihn den geküßten Hobson -- den küssenden Hobson. Man erwog ernsthaft, ob eine Veränderung seiner Mundlinien zu befürchten sei durch die starke Inanspruchnahme der Lippen -- man hieß ihn den bestgeküßten Mann der Welt -- man zeichnete ihn in bissigen Karikaturen umdrängt von kußlechzenden Frauenantlitzen -- man riet ihm ernsthaft, auch den Westen Amerikas abzugrasen. Ein besonders niederträchtiger Schreibersmann empfahl ihm das Erheben von Eintrittskußgeld. Ganz Amerika lachte drei Wochen lang.
Das Unglaubliche, das Brutale, das Tragische war geschehen. Ein braver Mann, der sich den Dank seines Vaterlandes ehrlich verdient hatte, war für alle Zeiten zu einer lächerlichen Hanswurstenfigur geworden. Heute noch löst der Name Hobson in Amerika ein vergnügtes Schmunzeln aus. Der Held der Santiagofelsenenge ist vergessen -- der Vielgeküßte unsterblich geworden.
So ertrank Leutnant Hobson von der amerikanischen Marine in der Welle der Hysterie.
* * * * *
Im Sergeantenzelt türmten sich die Zeitungen. Sie lagen in Haufen in allen Ecken; sie stapelten sich in Ballen auf gegen die Zeltwand, da, wo mein Bett stand; sie bedeckten oft genug sogar den Fußboden, daß man so recht im knisterigen, raschelnden, dünnen Zeitungspapier watete. Die Kameraden schimpften.
»Du bist verrückt!« erklärte Souder.
»Werft ihn doch hinaus mitsamt seinen alten Zeitungen!« schlug Hastings gemütlich vor.
»Geht weg -- geht doch weg -- schert euch nur ja zum Kuckuck!« war gewöhnlich meine Antwort, brummend in knurrigem Ton gegeben, aber lachend gemeint.
Und doch wieder sehr ernsthaft. Die Mitbewohner des Zeltes wußten recht genau, daß es nicht erlaubt war, den Sergeanten Carlé beim Zeitungslesen zu stören (man mochte reden soviel man wollte, aber nicht mit ihm), oder gar auch nur eine einzige seiner kostbaren Zeitungen aus dem Zelt fortzunehmen, sofern man sich nicht Ungemütlichkeiten aussetzen wollte. So ließ man ihn gewähren. Wenn die New Yorker Invasion einen einmal nicht plagte, wurde Poker gespielt im Zelt, unglaublich viel und unglaublich hoch, denn männiglich hatte Geld in Menge und kein Mensch etwas zu tun, oder viel Bier getrunken, viel geplaudert, viel gelacht. Der Zeitungssergeant aber -- so nannten sie mich -- lag auf seinem Bett und las und las. Er war eben ein bißchen verrückt.
Das Zeitungsfieber hatte mich wieder gepackt.
Ich las und las. Spalte auf Spalte verschlang ich, und Stunde auf Stunde verrann. Für nichts hatte ich Sinn und alle Dinge waren mir gleichgültig seit dem Morgen, an dem die Post die bestellten Zeitungen gebracht hatte. Zwei gewaltige Pakete waren es gewesen. Alle Nummern des =New York Journal= und des =New York Herald= vom allerersten Beginn des Krieges bis zum heutigen Tag. Die Zeitungen des Krieges. Lückenlos. Und ich lag langgestreckt auf meinem Bett und kicherte selig, wenn in den Zeitungsspalten lustige Teufelchen der Uebertreibung tanzten, und atmete keuchend in heller Begeisterung, wenn ich die glänzenden Kriegsbilder las, die große Zeitungsmänner gemalt hatten. Murmelte in Gedanken wohl auch einmal irgend etwas vor mich hin.
»Er ist ohne Zweifel blödsinnig geworden!« behaupteten dann lachend die Sergeanten. Dabei stibitzten sie aber eifrig die Nummern, die ich gelesen hatte.
Begeistert war ich, gebannt. Gefangen im Zauberkreis der Zeitung. Ich suchte nach Namen, die ich kannte, nach Federn, die Meister waren in jener Zeit. Wie ein Kolossalgemälde entstand vor den lesenden Augen aus den Zeitungsspalten die Geschichte des Kriegs. In leuchtenden Farben. In kleinsten Einzelheiten gemalt. Und doch wieder in wunderbar großem Zug. Ein Irrtum war zwar da und dort einmal unterlaufen, ein gar zu greller Farbenfleck einmal hingekleckst. Im ganzen aber -- welch ein Bild! Mit wenigem Aendern, mit Streichen, mit Ausscheiden und Zusammenziehen, bedeuteten die vielen Aufsätze mit den schreienden Ueberschriften in den Papierstapeln da neben meinem Bett die Geschichte eines Krieges, wie sie glänzender, lebendiger, wahrhafter nicht geschrieben werden konnte. Sie waren überall dabei gewesen, die Männer der Feder mit ihren sehenden Augen, die das Große stets vom Kleinen zu unterscheiden wußten. Lückenlos war der Krieg beschrieben von der fieberigen Aufregung in Tampa bis zum Flaggenhissen am Friedensbaum; vom Treiben in der Santiagostadt bis zum Elend in den Hospitälern. Kriegskorrespondenten waren auf Dampfyachten ständig hin und her geeilt zwischen Siboney und der nächsten Kabelstation auf Jamaica -- McCulloch war mit unter den ersten gewesen beim Sturm auf den San Juan-Hügel -- Richard Harding Davis hatte sich einen unsterblichen Namen errungen in der amerikanischen Zeitungswelt durch seine Schilderungen des Santiagotals. Ich sah die Einzelleistungen in diesen wunderbaren Schwarzdruckspalten und in ihnen die ungeheure Arbeit, die Begeisterung, die Energie, die vor nichts zurückgeschreckt war. Sah aber auch, als wäre ich dabei gewesen, die Arbeit der Zeitung selbst; das Sammeln der wichtigen Nachrichten aus vielen Quellen, das Ausscheiden, das Sichten, das Zusammenstellen -- das Malen des Bildes von der reichen Farbenpalette.
Und oft lag ich stundenlang da in diesen Tagen und starrte träumend zur Zeltdecke empor.
Ich sah wieder die alten zerschnitzelten Tische im Reporterzimmer und die Männer an ihnen, zum Greifen deutlich, und roch frische Druckerschwärze und hörte dumpf und dröhnend gewaltige Rotationsmaschinen stampfen. Ich erlebte wieder im Traum die Hast und die Hetze, das berauschende Arbeitsstürmen und den stillen schweigenden Erfolgsjubel, die des Zeitungsmannes Teil sind. Große Sehnsucht kam über mich. Davonlaufen hätte ich mögen. Lächerlich schien mir die Uniform jetzt in den Zeiten des Friedens. Sie drückte mich. Sie wollte so gar nicht passen. Firlefanz waren die breiten Sergeantenstreifen in Schwarz und Silber nun; Tand die grellbunten Flaggen in weiß und roter Seide auf den Aermeln. Ein erledigtes Stück Leben schienen mir diese fünf Monate im Soldatenrock. Sie waren reich gewesen an farbigem Schauen und köstlich würden sie einst sein in der Erinnerung, aber sie durften beileibe nicht verlängert werden zu den langen drei Jahren, die der Pakt eigentlich vorschrieb.
Eines Morgens ging ich zu Major Stevens ins Offizierszelt. Der Major war nur wenige Tage früher als ich im Gesundheitslager eingetroffen, nachdem er im Santiagoer Hospital eine bösartige Malariaerkrankung überstanden hatte.
»Was gibt's, Sergeant?« fragte er knapp, gemessen, dienstlich, ganz Offizier. Mit der Gemütlichkeit war es jetzt vorbei.
»Ein persönliches Anliegen, Herr Major!«
»Oh!« Sein Ton veränderte sich. »Nehmen Sie Platz, Sergeant, was kann ich für Sie tun?«
»Ich möchte Sie bitten, Herr Major, meine Entlassung aus der Armee zu befürworten.«
Er kaute auf seinem Schnurrbart. Dann schüttelte er energisch den Kopf. »Geht jetzt nicht, Sergeant!« sagte er.
Die Worte trafen mich schwer.
Der Major lachte ein wenig. »Sie haben doch nicht etwa Grund zur Unzufriedenheit?«
»Nein. Aber --«
»Ich weiß, ich weiß. Sergeantenstreifen locken Sie wohl nicht besonders! Es war ein sehr gefährliches Experiment, Mr. Carlé, den Kopf in die reguläre Armee zu stecken, denn unter drei Jahren wird so leicht keiner losgelassen. Es wird aber gehen. Einige Monate jedoch müssen Sie warten. Ich würde mich lächerlich machen, wenn ich gerade jetzt ein derartiges Gesuch befürwortete. Außerdem würde es ohne Zweifel abschlägig beschieden werden. Also in Ihrem eigenen Interesse --«
Und er erklärte mir, daß der Krieg die Notwendigkeit gezeigt habe, ein Signalkorps in größerem Stil zu organisieren. Wir würden in wenigen Tagen nach Fort Myer bei Washington kommandiert werden, um dort als Stammtruppe Hunderte von neuen Signalisten heranzubilden. Da nur gelernte Telegraphisten angeworben werden sollten, so würde diese Ausbildung sehr schnell gehen und die Leute bald nach den Philippinen und Kuba gesandt werden können, wo man sie brauchte.
»Unter diesen Umständen wird es dem Chef nicht einfallen, einem Sergeanten die freiwillige Entlassung zu gewähren. Wird Ihr Gesuch aber abschlägig beschieden, so können Sie es sobald nicht wieder einreichen. Sie müssen warten. In drei, vier Monaten, dann wird's gehen. Solange werden Sie es recht gut aushalten können. Wir bauen eine Ballonhalle -- wir beschäftigen uns mit dem Problem der Lenkbarkeit eines Luftschiffs -- wir experimentieren mit der neuen Marconi-Telegraphie ohne Draht -- wir bekommen elektrische Automobile -- interessant genug wird's werden. Ich bin übrigens zum Kommandeur des neuen Signalforts ernannt worden. Sie werden vorläufig mein Sekretär sein. =Good morning, sergeant!=«
Da ging ich zum Strand hinunter und lief lange auf und ab. Nicht zu ertragen schien mir mein Unglück ...
* * * * *
Ein lustiges Lächeln stiehlt sich über mich im Erinnern an jenen Abschnitt in den jagenden Lausbubenzeiten. Ich war in Wirklichkeit über alle Maßen unglücklich damals, daß ich den Sergeantenrock nicht abschütteln konnte -- mit einem Halloh und einem Heidi, wie ich alles Unbequeme abgeschüttelt hatte in der Vergangenheit und abschütteln sollte in der Zukunft. Kreuzunglücklich bin ich gewesen. Und das Lächeln wird zu einem großen Lachen, wenn ich mich daran erinnere, wie prachtvoll die vier Monate meines Sergeantentums in Fort Myer bei Washington werden sollten. Und wie alles ineinandergriff. Wie ich durch das Signalkorps wieder zur lieben alten Zeitungsarbeit kam und wie es wieder dahinging in Hast und Hetze über den amerikanischen Erdteil, ein neues Wanderleben ...
Zeiten kamen und Verhältnisse, in denen kein Mensch geahnt haben würde, daß der Mann der Feder je ein simpler Sergeant der Regulären gewesen sein konnte -- und Zeiten kamen wieder, da der Sergeant von dereinst sich auf das Soldatenblut besann und in einer der Venezuela-Revolutiönchen Glückssoldaten kommandierte. Wie sich das alles zutrug -- ja, das ist eine andere Geschichte und so umständlich, daß sie leider noch in einem dritten Band geschrieben werden muß.
_Ende des zweiten Teils._
Anmerkungen des Bearbeiters
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