Der Deutsche Lausbub in Amerika: Erinnerungen und Eindrücke. Band 2 (von 3)
Part 16
»Sie sind noch lange nicht dienstfähig, Sergeant,« sagte er. »Zum mindesten nicht unter den Verhältnissen in Santiago. Dagegen glaube ich, daß Beschäftigung Ihnen gut sein wird. Sie können mir nützlich sein. Sie haben in Ihren Fieberzeiten Ihr ganzes Leben hinausgeschrien und -- ich kann Sie brauchen.« Er wurde sehr ernst. »Die Zustände hier sind entsetzlich. Wir haben nur gelbes Fieber und Typhus in schwerster Form. Meine Hilfsmittel sind lächerlich gering. Es fehlt am Nötigsten. Ich kann weder Hilfskräfte noch Arzneimittel bekommen. Meine beiden Krankenwärter sind willig genug, aber ich müßte sechs haben nicht zwei. Ich werde Ihnen Arbeit geben, die Ihren Kräften entspricht. Sie sind also für die nächsten Wochen,« er lächelte ein wenig, »nicht mehr Sergeant erster Klasse des Signalkorps, sondern mein Assistent!«
* * * * *
Das kleine Inselchen mitten in der Santiagobai, die Gelbfieberinsel, war eigentlich die Quarantänestation des Hafens. Ein morscher Landungssteg führte vom Wasser auf ein Stück Rasen. Dann kam das Haus, eine echt spanisch verwahrloste Krankenbaracke. In den Mauern des niederen, langgestreckten Gebäudes klafften Risse. Es enthielt nur einen einzigen Raum und einen noch älteren Anbau, in dem die Wände von Wasser trieften und die Fußbodenbretter verfault waren. Hinter dem Haus lagen Bretterhütten; eine Kochhütte die eine, Kloaken die anderen, mit tiefen Löchern im Boden und Schwärmen von Fliegen. Dahinter erstreckte sich gelber Sand. Im Hause reihte sich Bett an Bett. Schwerkranke waren es alle, Sterbende viele. Hier kämpfte Tag und Nacht, in einem Alleinsein, das schrecklich gewesen sein muß, ein einziger Arzt für das Leben vieler Menschen. Als Hilfe hatte Doktor Gonzales nur zwei Krankensoldaten und mich und einen alten Kubaner, der kochen mußte und Eimer hinein und hinausschleppen und Gräber graben. Nicht einmal die nötigsten Kräftigungsmittel hatte der Arzt für die Kranken -- nicht einmal reine Wäsche für sie -- nicht einmal Arzneien in genügender Menge und Auswahl -- nicht die Möglichkeit einmal halbwegs sorgfältiger Pflege ... Es war ein fürchterliches Krankenhaus.
»Wenn ich nicht wüßte, daß sich das hier bald ändern muß,« sagte Doktor Gonzales zu mir am ersten Tag der Arbeit, als wir einen Toten hinaustrugen, »so würde ich -- ja, ich weiß nicht, was ich tun würde ... Aber das Hospitalschiff ist abgegangen von New York, und bei seiner Ankunft bekommen wir alles, was wir brauchen, im Ueberfluß.«
»Man könnte doch wenigstens Soldaten zur Arbeit herkommandieren!« wagte ich zu sagen.
»Damit sie sterben?« antwortete der Arzt scharf. »Sehen Sie sich doch die Kloaken an! Die Fliegenschwärme überall! Den Schmutz! Hier wimmelt es von Krankheitserregern in jedem Sonnenstäubchen. Sehen Sie sich die verfluchte gelbe Baracke nur an! Die Gelbfieber-und Typhuskeime, die in ihr stecken, könnten eine Armee auffressen. Nein, hierher kommt mir kein Gesunder! Deswegen lasse ich Sie arbeiten. Wer Gelbes Fieber gehabt hat, ist immun. Er ist gesalzen gegen Fieberkrankheiten, wie man zu sagen pflegt. Und in fünf, sechs Tagen, =please God=, ist das Hospitalschiff da, und dann wollen wir diesen Höllenfleck mit Karbol überschwemmen und -- ja, dann wird's anders werden!«
Wir begruben den Toten.
Der Kubaner hatte ein Loch in den Sand gegraben, hundert Schritte vom Haus, auf einem winzigen Hügel, von dem die gelbe Fläche sich in sanfter Neigung zum Meer senkte. Auf dem eisernen Feldbett trugen wir den toten Mann zu seinem Grab, der Arzt und ich und der Kubaner und der Neger. Wir stellten das Bett neben das Grab, packten die Zipfel der Wolldecke, auf der der Tote lag, und hoben die Last vorsichtig über die Graböffnung. So standen wir, an einer Ecke des Grabes ein jeder, und bückten uns und knieten dann und legten uns flach hin und ließen die Leiche hinabgleiten. Aber unsere Arme reichten nicht weit genug. Das Bündel in der Decke schwebte einen halben Meter hoch über dem Boden des Grabes.
»Loslassen!« befahl Doktor Gonzales.
Ich sah, daß es nicht anders ging, daß wir uns nicht anders helfen konnten -- aber doch schüttelte mich ein unbezwingbares Grauen, als die Leiche plumpsend unten aufschlug und die Wolldecke sich verschob, das geistergelbe Gesicht bloßlegend, das nun aus der Tiefe gen Himmel zu starren schien. Der Arzt nahm rasch die Schaufel vom Sandhaufen, bückte sich und schob mit dem Stiel die Decke wieder über das tote Gesicht.
»Ruhe in Ehren!« sagte er leise. »Du bist für dein Land gestorben.«
Wir nahmen die Hüte ab, und der Kubaner schickte sich an, das Grab zuzuwerfen.
Das war das Begräbnis.
Ein toter Mann wurde in der verschmutzten Wäsche, in der er gestorben war, in ein Loch geworfen -- ein mürrischer Kubaner schaufelte Sand hinein -- ein schwitzender Neger stand daneben und half, leise fluchend über die schwere Arbeit in der heißen Sonne. Roh war's, fürchterlich roh, nicht zum Beschreiben brutal. Und doch hätte jeder Narr sehen müssen, daß es eben nicht anders ging in der Not der Verhältnisse. Weil ich so schwach war vielleicht, erschien mir alles noch roher und furchtbarer -- der trostlos öde Sand -- die niederen Grabhügel links und rechts mit ihren Holzstückchen, auf denen große Nummern standen -- der schmutzige, gefühllose Totengräber ...
Der Arzt sah gedankenvoll auf die Grabhügel. »Fünfundzwanzig tödlich verlaufene Fälle bis jetzt!« sagte er zu mir. »Ein verhältnismäßig günstiges Resultat!!«
Wir gingen ins Haus, während Neger und Kubaner das Grab zuschaufelten. Von Bett zu Bett führte mich Doktor Gonzales. Er zeigte mir, wie man die Schnelligkeit der Atmung maß, und wie man ungebärdige Fieberkranke durch kräftigen Druck auf das Rückenmark beruhigte, während das Fieberthermometer eingeführt wurde. Das Ueberwachen der Temperaturen sollte meine Arbeit sein. Darauf kam es, so erklärte mir der Arzt, vor allem an, denn von seinem rechtzeitigen Eingreifen beim Steigen und Fallen der Fieberkurve hing Leben und Tod ab. Auf den Neger und den anderen Krankensoldaten konnte er sich nicht verlassen. Die Leute waren nicht nur beinahe zu Tode gearbeitet mit hunderterlei Pflichten, sondern es war auch ganz unmöglich, den einfachen Menschen beizubringen, daß ein Unterschied von wenigen Graden auf dem Thermometer der Unterschied zwischen Leben und Sterben war.
»Und ich kann ja nicht überall zugleich sein!« murmelte der Arzt, und etwas Trauriges kam in sein ruhiges, kraftvolles Gesicht.
Ich schrieb mir die Namen auf von Bett zu Bett und begann meine Arbeit, während er mir zusah und bald ein Fiebermittel gab, bald eine Strychnineinspritzung machte. Dabei erklärte er mir leise, daß er sich hier so starker Mittel bediene, wie sie so leicht kein Arzt anwenden würde.
»Wir wissen so wenig von den Erscheinungen dieser Krankheit. Ihre Bekämpfung ist sogar in geregelten Verhältnissen ein Problem. Hier aber muß ich mit Keulenschlägen auf das Fieber losschlagen. Es muß herunter um jeden Preis, steigt es auf vierzig Grad; und das Herz muß gezwungen werden zur Arbeit, koste es was es wolle an Kraft, fällt es bis zu fünfunddreißig Grad.«
So ging ich von Mann zu Mann und legte die Hand auf feuchte Leiber und lernte, mit unendlicher Geduld und vielen kleinen Kniffen, Fiebermessungen zu machen bei Menschen, die sich fortwährend hin und her wälzten und keinen Augenblick still hielten. Heiße, dumpfe, schweißgeschwängerte Luft erfüllte den Raum. Vierzig Menschen lagen in eisernen Feldbetten die Wände entlang. Einige wenige, die Glücklichen, hatten Nachthemden und weiße Jacken; die meisten aber lagen in den schmutzigen blauen Flanellhemden da, in denen sie gekommen waren. Die einen waren still und schienen ruhig zu schlafen. Die anderen lallten und schrien und tobten wie lärmende Kinder. Hier schrie einer nach seiner Mutter, dort johlte ein anderer ein Negerlied, dort gab einer mit dünner zitternder Stimme kreischende militärische Befehle: »Feuer aus dem Magazin -- auf dreihundert Meter -- Schne -- eell -- feuer!!« Der Neger und der Krankensoldat liefen fortwährend auf und ab. Bald halfen sie einem ins Bett, der im Fieberwüten herausgefallen war; bald unterstützten sie sich gegenseitig, einem sich verzweifelt Wehrenden ein wenig Milch im Löffel einzuflößen; bald liefen sie zur Türe und holten die Eimer, denn schon wieder hatte ein Kranker sein Bett beschmutzt.
Da rief mich der Arzt. Auf dem Bett, an dessen Fußende er stand, lag ein junger Mensch, der kaum achtzehn Jahre zählen mochte. »=Corporal Clancey, F troop, Rough Riders=« hieß es auf dem Zettel an der Wand über dem Bett. Das Gesicht, das in der Krankheit eine sonderbare, fast olivengelbe Farbe angenommen hatte, war von mädchenhafter Schönheit und Weiche. Die wunderbar großen, braunen Augen glänzten irre in feuchtem Fieberglanz. Der Arzt sah bald den Mann an, bald das Thermometer, das er in der Hand hielt, und schüttelte den Kopf.
»Helfen Sie mir, ihm den Mund öffnen,« sagte er.
Ich tat es mit einem Löffel, und der Arzt schüttete dem Kranken ein Pulver in den Rachen und träufelte ein wenig Wasser tropfenweise in den regungslosen Mund. Die Wirkung war eine fast augenblickliche. Der bebende, zitternde Körper streckte sich. Die Augen schlossen sich fast ganz, und die unruhig fuchtelnden Hände sanken kraftlos auf die wollene Decke.
»Der Mann hatte über vierzig Grad,« erklärte Doktor Gonzales. »Ich fürchte, er ist nicht mehr zu retten. Bleiben Sie bei ihm, messen Sie ihn alle zehn Minuten und rufen Sie mich sofort bei Untertemperatur.«
Ich holte mir eine Kiste aus der Mitte des Zimmers -- amerikanische Munitionskisten waren die einzigen Stühle in diesem Krankenhaus -- und setzte mich ans Bett. Nach zehn Minuten maß ich: Sechsunddreißig.
Der Kranke lag still da. Sein Mund war halbgeöffnet. Die glänzenden Augen schienen zwischen halbgeöffneten Lidern hervorzublinzeln. Da huschte plötzlich ein Lächeln über das weiche, schöne Gesicht, als träume der Knabe einen wunderschönen Traum. Die schlaffen Hände auf der Bettdecke begannen sich zu regen und leise auf und nieder zu bewegen in langsamem Tasten. Die Hände öffneten und schlossen sich und griffen wunderbar weich zu, als suchten sie etwas. Lächelnd betrachtete ich diese Hände. Wie schlank sie waren, wie kindlich fein, wie sie erzählten von guter Rasse und sorgsam gelernter Pflege! Und wie zierlich sie tasteten -- husche, husche -- zugreifend -- fein, ganz fein -- behutsam -- wie die Fingerspitzen über die rauhen Deckenhaare glitten -- als suchten sie etwas -- als wollten sie greifen -- pflücken ------
Da sprang ich entsetzt auf. Was war das? Dieses Tasten, dieses Suchen! Hatte mir nicht einst die alte Kinderfrau in ihren gruseligen Dämmerstundengeschichten erzählt, daß Sterbende Himmelsblumen pflückten --
»Doktor Gonzales!« schrie ich.
Er kam mit raschen, geräuschlosen Schritten von gegenüber, beugte sich über das Bett, sah scharf auf die rastlos gleitenden Hände, zog die Spritze aus dem Ledertäschchen, füllte sie und stach ein über dem Herzen. Die Hände wurden sofort still. Ich starrte wie gebannt in das Gesicht auf dem Kissen und sah in fast unmerklichem Uebergang das Gelb sich langsam röten. Dann schoß plötzlich gesunde Blutfarbe in die Wangen. Das aufgepeitschte Herz tat seine Schuldigkeit. Eine winzige Gabe eines furchtbaren Gifts hatte einen Sterbenden von den Pforten des Todes zurückgerissen.
Da schnellte in jähem Wechsel der Körper mit gewaltigem Ruck empor. Die großen Augen starrten, der Mund wollte sich öffnen, wollte schreien -- aber die Kehle brachte nur lallende Töne hervor. Die Hände wurden in die Höhe gerissen und schlugen wild nach links und nach rechts, und die Füße zuckten und stießen, daß die Eisenstäbe unten am Bett dumpf klirrten. In gewaltigen Stößen schnellte der Leib auf und nieder. Der Mann wäre aus dem Bett gefallen, hätten wir ihn nicht krampfhaft gehalten. Und während ich noch verspürte, wie unter meinen Händen die zuckenden Muskeln sich wehrten, sank der Rauhe Reiter steif zurück und lag still da. Sein Mund schien zu lächeln.
»Lassen Sie ihn hinaustragen!« sagte der Arzt ganz langsam und ganz leise.
Ich legte meine Hand auf seinen Arm. »Hat er schlimme Schmerzen leiden müssen?« fragte ich entsetzt.
»Nein!« antwortete Doktor Gonzales. »Nein -- aber wir wissen diese Dinge ja nicht. Er mag in Himmelsseligkeiten geschwelgt haben oder Höllenqualen erlitten in seinen letzten Sekunden im lebendigen Leib -- wir wissen es nicht. Unter anderen Verhältnissen hätte ich ihn vielleicht retten können. Durch sorgfältige, ständige Ueberwachung, durch mildere Mittel zur rechten Zeit. Nach meiner besten Ueberzeugung jedoch hat der Junge nicht gelitten. Das ist ja der einzige freundliche Fleck in diesem Höllenbild: Sie wissen es nicht, unsere Kranken, wie elend es ihnen geht! Sie wissen nicht einmal, wie krank sie sind!!«
* * * * *
Nein, sie wußten es nicht.
Ein Mitleid, wie ich es nie in meinem Leben gekannt hatte, packte mich, wenn ich von Bett zu Bett, von Mann zu Mann schritt; ein Mitleid, das mich stark machte, denn es ließ vergessen, wie schwach ich selbst noch war. Die Männer des Krieges waren zu Kindern geworden. Das unbegreifliche, geheimnisvolle Walten der Fiebermächte hatte den rauhen Soldaten alles genommen, was stark und männlich und roh und brutal an ihnen war. Nicht äußerlich hilflos nur waren sie geworden wie Kinder, sondern kindlich im Geist in allen ihren Lebensäußerungen. Weich und anschmiegend, dankbar über alle Maßen für ein gutes Wort, für ein Streicheln, das sie im Fiebertraum zu empfinden schienen und mit einem Lächeln beantworteten. Die wenigen, die auf dem Wege der Besserung waren, hatten alle Hunger. Aber sie fluchten nicht und zeterten nicht nach Soldatenart, sondern sie bettelten alle um Milch, sie baten um Brot -- wie ein Kind seine Mutter bittet. Sie lachten lustig im Fieberlallen und sangen Lieder, die sie ganz gewiß nicht gesungen hätten bei gesunden Sinnen. Das nur und das nur allein machte die Hölle erträglich. Man sah selbst all das Furchtbare mit kindlichen Augen, ohne viel nachzudenken darüber ... Es mußte so sein -- das mit den übelriechenden Eimern -- das mit den schmutzigen Blechlöffeln, mit denen man von Mann zu Mann ging, Milch fütternd, ohne sie abzuwischen oder gar zu waschen -- das mit den Kloaken draußen, die fürchterliche Pestluft in den Raum strömen ließen, wenn man im Ein-und Ausgehen die Türen öffnete. Es mußte so sein, denn es war nun einmal nicht anders.
Und ich maß und maß und fütterte hilflose Menschen mit Milch und wusch beschmutzte Menschen aus einem schmutzigen Eimer mit einem schmutzigen Fetzen eines alten Hemdes. Ruhe gab es keinen Augenblick. Bald schritt der Arzt meine Bettseite ab, bald ich die seine. Dutzende Male mußte ich ihn rufen, weil die Fieberbilder sich fortwährend veränderten.
Am Spätnachmittag war der Neger verschwunden. Doktor Gonzales und ich suchten endlich nach ihm und fanden den armen Kerl in einer Ecke bei einer Kloake, dumpf vor sich hinstarrend. Der Sandboden zeigte, daß er sich erbrochen haben mußte. Jetzt sah ich den Arzt zum ersten Male erregt.
»Herrgott, nimmt es denn kein Ende?« schrie er. »Neger sind doch sonst immun! Muß denn das verfluchte Fieber gerade den schwarzen Krankensoldaten packen, den ich brauche!«
Mit vieler Mühe trugen wir ihn hinein und legten ihn auf das Bett, auf dem vor kurzem der Rauhe Reiter gestorben war. Die Leiche hatten wir draußen in einer schattigen Ecke auf dem Boden liegen lassen müssen, um das Bett frei zu bekommen. Und wieder ging es an die Arbeit, mit einem Mann weniger. Gegen Abend wurden die Kranken ruhiger und die Fiebertemperaturen gleichmäßiger.
»Wir wollen schnell etwas essen,« sagte Doktor Gonzales, »-- dann den Toten beerdigen -- und dann müssen Sie Ruhe haben. Sie können in meinem Zelt schlafen, damit Sie wenigstens in frischer Luft sind.«
Wir aßen ein Gemengsel von Reissuppe und Brot und tranken dünnen Tee, und ich durfte eine halbe Zigarette rauchen, die mir wie ein Göttergeschenk erschien.
»Und jetzt müssen wir wieder Totengräber spielen!« sagte Doktor Gonzales, halb lächelnd, halb traurig.
Das Grab war gegraben. Er rief den Kubaner und den Krankensoldaten, und zusammen trugen wir den Knaben, der sich die Himmelsblumen erpflückt hatte, zu seiner Ruhestätte im heißen Kubasand. Tiefe Finsternis umhüllte die Insel des Gelben Fiebers, denn Nacht folgt auf Tag im kubanischen Land ohne Uebergang. Der Arzt, der neben mir schritt, trug eine Laterne, die trübe brannte und das Dunkel nur in winzigem Umkreis erhellte. Stolpernd, suchend, tappten wir vorwärts mit unserer Last, fanden den Sandhügel, fanden das Grab. Wir schlugen die Decke auseinander, faßten die Zipfel an, hoben den Körper über die schwarze Oeffnung im Sand, bückten uns --
Da fühlte ich, wie der Sand unter meinen Füßen nachgab, und griff mit der freien linken Hand in den aufgeworfenen Sandhaufen, mich zu stützen. Aber ich rutschte. Ich rutschte langsam. Ich rutschte immer mehr. Da packte mich jähes Entsetzen, und ich ließ den Zipfel der Decke los, mochte auch die Leiche hinabstürzen. Aber im gleichen Augenblick bröckelte der Boden unter meinen Füßen weg. Ich schrie gellend auf. Wie ein Tier brüllte ich. Ich hörte jemand fallen mit mir -- hörte die Laterne klirren.
Und stand in furchtbarer Finsternis in einem tiefen Loch und schrie wie ein Verrückter und trampelte auf etwas entsetzlich Weichem herum und wußte, daß die Masse unter meinen Füßen der Rauhe Reiter war. Ich brüllte -- ich brüllte in einem hysterischen Grauen ohne Grenzen. So schwach und elend war ich noch nach dem langen Kranksein. Mit den Nägeln krallte ich mich in die Sandwand ein und versuchte mich emporzuziehen, und sprang. Aber der lose Sand gab unter meinen Fingern nach, und ich prallte in hartem Stoß auf das nachgebende weiche Fleisch, das sich zu rühren und lebendig zu werden schien. Als ob der tote Mann nach mir greifen wollte -- mich festhalten ----
»Hilfe!« brüllte ich.
Da flammte ein Zündholz auf, eine eiserne Faust packte mich, zog, half mir. Und ich sank erschöpft auf den Sand. Ich hörte, halb bewußtlos, wie das Grab zugeschaufelt wurde und spürte, wie der Arzt mich unter dem Arm faßte und mir aufhalf. Der Kubaner schritt mit der wieder angezündeten Laterne voran. Als wir in seinem Zelt waren, sprach Doktor Gonzales kein Wort, sondern goß nur mit zitternder Hand ein wenig Whisky in ein Glas und gab es mir zu trinken. Auch er trank. Dann setzte er eine kleine silberne Spritze an meinen Arm ...
* * * * *
Mit dem Morgen begann wieder das Tagewerk. Es setzte sich fort durch zehn Tage hindurch, im gleichen Raum, unter den gleichen Verhältnissen, im gleichen schrecklichen Einerlei der Hilflosigkeit, und viele Menschen sah ich sterben in diesen Tagen. Die einen schliefen ermattet ein, die andern starben in kämpfendem Sichaufbäumen. Aber sie kämpften im Fieber nur und wußten es nicht und erlitten keine Todesangst, denn der Fiebertod ist ein gütiger Tod. Und ich half die Lebenden füttern und in ihren Körpern nach dem geheimnisvollen, unberechenbaren Auf und Nieder der Fieberkobolde spüren, und oft dünkte es mich, als sei das kleine Quecksilberwerkzeug eines der großen Wunder der Welt. Gar schnell hatte ich mich an den Jammer und das Elend gewöhnt und sah stumpfe, alltägliche Notwendigkeit im alltäglichen Erleben von Grauen und Sterben. Heute, im rückschauenden Betrachten, weiß ich, daß es eine Hölle war, in der ich lebte damals. Eine Hölle --
Am zehnten Tag jedoch ward der Insel der Verdammten Hilfe. Boote landeten. Junge Frauen in schneeweißen Kleidern schritten über den Rasen vor dem gelben Haus. Sie sprachen nicht viel, sie fragten nichts, sondern packten Wäsche aus und bekleideten die Kranken und wuschen sie. Sie putzten und säuberten und pflegten.
Man stand da, wollte seinen Augen nicht trauen, glaubte, ein Wunder zu erleben. Kiste auf Kiste, Korb auf Korb, Sack auf Sack wurde aus den Booten an Land geschafft. Es war, als wollte das reiche Volk eines reichen Landes in verschwenderischem Geben gut machen, was die Not des Krieges an den armen Männern auf der Insel des Gelben Fiebers gesündigt hatte. Da waren schwere Weine in ungezählten Flaschen und teurer Schaumwein in ganzen Körben und feine Hemden und große Schinken und Fleisch und Eßwaren in sorgsam geschlossenen Blechbüchsen und weißes Brot. Zelte erstanden auf dem Rasen und auf dem Sand. Das gelbe Haus wurde mit Karbol überschwemmt und verlassen, denn die Kranken sollten nun in luftigen Zelten liegen.
Wie ein Märchen war es.
Am Spätnachmittag führte mich der Arzt in sein Zelt. Er füllte zwei Gläser mit Schaumwein, trank mir zu und sagte mit lachenden Augen:
»Hier endet Ihre Arbeit, Sergeant!«
Zwei Wochen aber blieb ich noch im Aerztezelt, denn Doktor Gonzales verweigerte mir immer wieder lachend den Gesundheitsschein.
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Die Wandlung war groß.
Nicht nur äußerlich veränderten sich die Dinge auf der Gelbfieberinsel: das Elend in Ueberfluß, der Schmutz in Sauberkeit, das ohnmächtige Zusehenmüssen in kraftvolles Eingreifen mit reichen Mitteln -- sondern auch im Tiefsten. Die kleine Welt um uns schien anders. Es war, als liege ein gar fremdartiges, sonderbares Klingen in der Luft. Wie wiegender schmeichelnder Walzerklang.
In harter Männerwelt hatte man gelebt viele Wochen lang. Sich gebalgt mit dem Feind. Nicht viel Federlesens gemacht um Hunger und Strapazen und Wunden. Das ging einmal nicht anders. Man war marschiert und hatte gefochten -- im Dreck kampiert, gefiebert auf den Hügeln ------ Der Tag brachte es mit sich. Was war weiter dabei!
Da tönte der neue Klang.
Was uns Selbstverständliches, Alltägliches gewesen war, schien den jungen Frauen, die uns pflegten, eine Wunderwelt. Sie waren freiwillige Krankenschwestern, aus guten amerikanischen Familien. Ideale Begeisterung hatte sie nach Kuba geführt, ihr Scherflein beizutragen im Krieg. Sie sahen keine Selbstverständlichkeiten; sie sahen die Dinge mit ganz anderen Augen an. Für sie waren die blassen genesenden Männer in den Zelten alle mitsammen Helden, die heldenhaft mit Tod und Teufel gekämpft hatten.
Sie setzten sich auf die Betten zu den Kranken, auf die Feldstühle vor die Zelte zu den Genesenden, und baten und bettelten so lange, bis ihnen die Geschichten von der Schlacht vom San Juan-Hügel und vom Lagerleben und vom Krankheitselend immer und immer wieder erzählt wurden. Dann glänzten ihre Augen, und sie wurden weich und wußten gar nicht, was sie einem alles Gutes antun sollten. Ich hab's hundertmal selber erlebt und hundertmal mit angehört --
»Was mußt du gelitten haben, du armer Junge!«
»Hm -- eh -- 's ist nicht so schlimm gewesen,« war gewöhnlich die verlegene Antwort.
»Oh, du armer Junge! Soll ich dir ein Schlückchen Wein bringen?«
»=Oh yes, please. Thank you, miss!=«
»Du mußt nicht Fräulein zu mir sagen. Ich bin Schwester Irene. Du -- bist du denn nicht fast gestorben vor Angst, du armer Junge, als du den fürchterlichen Hügel hinaufstürmen mußtest?«
»Nee!«
»Aber es muß doch entsetzlich gewesen sein!«
»Ja. Da kletterte einer vor mir« (der Erzähler war ein junger Sergeant der 5. Regulären), »der zappelte immer mit den Beinen und ich mußte höll -- hm -- sehr aufpassen, daß mir der verfl ... hem -- der Kerl nicht ins Gesicht trat. Es _war_ scheußlich!«
»Und die Todeskugeln!«
»Oh, an die Schießerei hatte man sich gewöhnt!«