Der Deutsche Lausbub in Amerika: Erinnerungen und Eindrücke. Band 2 (von 3)

Part 15

Chapter 153,668 wordsPublic domain

Um wenigstens etwas Leben und Freude in die gräßliche Mahlzeit zu bringen, brachten wir ein Hoch auf den Major aus und zerschmetterten unsere Gläser an der Wand, wie amerikanische Offiziere es tun in ihren Messen bei großen Toasten. Aber es war auch da kein rechter Zug in der Sache.

Antonio räumte kopfschüttelnd die Herrlichkeiten wieder ab.

* * * * *

Die anderen spielten Poker an dem runden Tisch in der Ecke. Ich war zu müde. Allein saß ich in der anderen Ecke, den Spielern gegenüber, auf einem Stuhl, den ich schräg gegen die Wand gelehnt hatte, um recht bequem zu sitzen. Es schien mir, als sei mir der schwere Wein in den Kopf gestiegen, so wenig ich auch getrunken hatte. Ein Glas nur oder zwei.

Furchtbar müde war ich, aber gar nicht schlafensmüde, eher überwach. Gliedermüde nur. Die Glieder schmerzten mich so. Die Arme und die Beine schmerzten mich, als ob irgend etwas in ihnen zerre und reiße. Dann wieder wurden sie mir bleiern schwer, und es kostete mich Mühe, die Zigarette zum Munde zu führen. Wie sonderbar sie schmeckte, diese Zigarette! Nach gar nichts, rein nach gar nichts. Weg damit!

»Antonio!«

»=Si, señor.=«

»Eine Zigarre, bitte ...«

Er schnitt die Spitze ab und gab mir Feuer, geräuschlos verschwindend. Ich rauchte und schüttelte den Kopf, denn auch die Zigarre schmeckte nach gar nichts ...

Wie die Uhr an der Wand gegenüber glitzerte und funkelte! Sie hatte ein gelbmetallenes Zifferblatt, und die glänzende Scheibe schien alles Licht im Zimmer an sich zu saugen und wiederzustrahlen. Sie blendete mich. Aber es war doch nicht der Mühe wert, aufzustehen. Und der Pendel der Uhr schwang immerwährend hin und her und der bestand auch aus einer glänzenden kleinen Scheibe und der leuchtete auch. Ich mußte immer wieder hinsehen.

Tik -- tak -- tik -- tak ...

Laut wie Gehämmer war der Pendelschlag.

Dazwischen hörte ich deutlich meinen eigenen Pulsschlag in der Schläfe und der großen Halsader: eins, zwei, drei, vier -- eins, zwei, drei, vier -- vier Pulsschläge immer auf einen Pendelschlag ... Ach was, dummes Zeug. Wenn ich nur nicht so bleiern müde wäre ...

»Ich habe vier Könige, meine Herren! Das Geld ist mein!« sagte eine Stimme ganz weit weg.

»Vier Könige sind viel!« dachte es in mir.

Tik, eins, zwei, drei, vier -- tak, eins, zwei, drei, vier ... Wie doch die infame Scheibe da drüben glitzerte und blendete! Ich machte die Augen zu, aber selbst mit geschlossenen Lidern sah ich Fluten von Licht.

Man mußte ein Loch in diese Uhrscheibe schießen -- mitten hinein -- und das gab dann einen dunklen Punkt -- und dann konnte sie nicht mehr so leuchten ...

Tik -- tak ----

Mitten hinein mußte man schießen!

Da begann die Scheibe sich langsam zu drehen, und dann bewegte sie sich immer schneller in funkelndem Kreis und wurde zum flammensprühenden Feuerrad, das mit fürchterlicher Geschwindigkeit sich sausend schwang.

Und immer noch schneller ...

Da barst es funkensprühend mit dumpfem Krachen und es wurde ganz dunkel ...

Auf der Insel des Gelben Fiebers.

»Ich bin gar nicht tot!« -- Im Hafenhospital von Santiago. -- Die gelbe Flagge im Boot. -- Die Schmerzen im Leib. -- Der sterbende Trompeter. -- Warum ich den Neger erschießen wollte. -- Schlafen, nur schlafen! -- Das Dunkel zwischen Tod und Leben. -- Dr. Gonzales. -- Ich bin Sergeant geworden. -- Das Haus des Elends. -- Krankenpfleger und Totengräber. -- Wie der Rauhe Reiter Himmelsblumen pflückte. -- Eine nächtliche Schreckensszene. -- Der Insel der Verdammten wird Hilfe. -- Die Krankenschwestern.

Viele Wochen später. Der Krieg war zu Ende.

Der Transportdampfer hatte mich auf amerikanischem Boden gelandet, in Montauk Point, dem Lager der aus Kuba zurückgekehrten Truppen. Lange mußte ich suchen, bis ich in den Zeltreihen das Signalkorps fand.

»Guten Tag, Kinder!« sagte ich, ins Sergeantenzelt eintretend, in dem Hastings, Souder und Ryan beisammensaßen. Die drei Männer fuhren empor wie aus der Pistole geschossen.

»Verdammt -- er ist's!« brüllte Souder.

»Teufel! Willkommen, Sergeant!« schrie Ryan.

»Du bist also nicht tot?« fragte der alte Hastings und riß den Mund weit auf vor Staunen.

»Ich bin gar nicht tot!« lachte ich seelenvergnügt. »Ich glaube es wenigstens nicht. Guten Tag, Kinder!«

Dann ging's an ein Beglückwünschen, und ein großes Erzählen hub an. Auf Soldatenart. »Ich war wütend auf dich!« grinste Souder. »Machen sie den Menschen zum Sergeanten,« sagte ich mir, »und der Esel geht hin und stirbt! Läßt Wochen und Wochen üppiger Kriegslöhnung im Stich. So 'was Dummes!«

»Wußtet Ihr denn nicht ----?«

»Nichts wußten wir. An dem Abend im Kabelbureau -- du erinnerst dich?«

»Und ob!«

»Erinnerst du dich auch an Antonio?«

»Natürlich.«

»Den haben wir mitgenommen -- na, du wirst ja sehen. An jenem Abend also bist du mit dem Stuhl zusammengeknaxt und hast mir damit eine wunderschöne Pokerhand verhunzt, die ich eben bekommen hatte. Das vergess' ich dir sobald nicht ... Einen Augenblick!«

Er ging und kam wieder, einen Arm voll Bierflaschen herbeischleppend --

»Bums -- lagst du am Boden. Wir waren so erschrocken, daß wir die Karten hinwarfen -- Teufel, wenn ich an meine schönen drei Asse denke! -- und dich schleunigst aufhoben, wobei du mir übrigens einen niederträchtigen Fußtritt gegeben hast, mein Junge. Du schriest wie besessen und erzähltest allerlei Blödsinn von einer Uhr. Zuerst dachten wir, es sei der Wein. Aber wir hatten doch gar nichts getrunken. Dann schickten wir den Antonio ins Hauptquartier zum Major, und ein Stabsarzt kam, der sagte, du seiest sehr krank, und am frühen Morgen brachten wir dich ins Hafenhospital. Als ich tags darauf dort wieder vorfragte, hieß es, du seist auf die Gelbfieber-Insel geschafft worden und wahrscheinlich schon tot. Du hättest Gelbes Fieber. Dann hieß es, du lägest im Sterben. Adieu, dachten wir uns. Der arme Teufel ist schon längst begraben!«

* * * * *

So also war es zugegangen an dem Abend im Kabelbureau. Ich wußte nichts davon. Die langen Stunden jener ersten Gelbfiebertage sind mir wie trübes undurchsichtiges Grau, aus dem nur da und dort grell und schrecklich das Erinnern leuchtet. Ich weiß, daß ich, erwachend, um mich sah und mich auf einer Matratze liegend fand, in einem großen hellen Raum, mit vielen anderen Soldaten, die auch am Boden lagen, auch auf Matratzen -- und daß mir dies und alles andere unendlich gleichgültig war. Daß ich mich auch nicht mit einem einzigen Gedanken darum kümmerte, was eigentlich geschehen war mit mir, ob ich krank sei oder nicht, und wo ich mich befand. Weder etwas sehen wollte ich, noch etwas hören, noch etwas wissen. Nur schlafen, schlafen. Meinetwegen konnte geschehen, was da wollte, wenn man mich bloß schlafen ließ und meine Ruhe nicht störte. Schlafen, nur schlafen! Dem Zwang der bleiernen Müdigkeit gehorchend, die über mir lag wie schwerer Alp.

Eine Hand erfaßte meinen Arm, fühlte nach dem Puls, schob meinen Aermel zurück, griff mit harten Fingern in die Haut am Oberarm, zog sie empor, ließ sie zurückschnellen. Da und dort betastete mich die Hand. Sie riß meine Kleider auf und legte sich mir auf den Leib. Ich spürte das alles und wurde ärgerlich. Zu dumm, daß die -- die Hand da einen nicht in Ruhe lassen konnte! Eigentlich hätte ich mir die dumme Hand ja ganz gern angeguckt, aber es war doch nicht ganz so einfach, die Augen zu öffnen. Es machte wirklich zu viel Mühe! Nein, lieber nicht.

»Wie fühlen Sie sich?« fragte eine Stimme.

»Du meinst wohl, ich werde dir antworten?« dachte ich. »Du bist ein großer Esel, wer du auch sein magst. Siehst du denn nicht, daß ich schlafen will?«

»Wie geht es Ihnen?«

»Zu dumm -- die Fragerei,« dachte ich bloß.

Da betastete mich wieder die Hand. Ein Finger legte sich auf mein Augenlid, und eine Stimme, die laut zu dröhnen schien, schrie dicht an meinem Ohr:

»Tut das weh?«

»Geh weg!« brummte ich.

Und es wurde wieder hübsch still und dunkel. Nach langer Zeit dann schien es mir, als ob meine Matratze sich bewege und aufgehoben würde und fortgetragen. Ich hörte Stimmen und fühlte helles Sonnenlicht mehr als ich es sah. Da wachte ich endlich auf und öffnete wirklich die Augen. Ich war mitten auf dem Wasser, in einem großen Boot. Deutlich sah ich den breiten Rücken des Ruderers vor mir, sah wogendes Wasser, Häusermassen, grüne Hügel in der Ferne; sah eine große gelbe Flagge über mir flattern. Diese gelbe Flagge kam mir bekannt vor. Sie war es, die das erste halbwegs klare Denken in mir auslöste.

Hm -- ich wußte doch -- natürlich! Gelbe Flaggen waren Krankheitsflaggen. Pest bedeuteten sie, Cholera, Gefahr der Ansteckung. Hm ja. Zu dumm. Halbbegriffen huschte mir der Gedanke durch den Kopf, daß ich also doch wahrscheinlich recht krank sein mußte. Aber -- wenn man krank war, dann war man eben krank -- andererseits -- wie konnte man denn krank sein, wenn einem gar nichts fehlte als Schlaf? Zu dumm! Zu dumm, daß sie einen nicht schlafen ließen.

Und ich machte die Augen wieder zu.

Um nichts in der Welt hätte ich sie geöffnet, denn nun war es wunderschön still und ruhig. Leise nur und wie aus weiter Ferne hörte ich gedämpfte Geräusche, und undeutlich war das traumhafte Empfinden, daß irgend etwas mit mir geschah. Daß man mich trug -- daß sie mich irgendwo hinlegten ...

Plötzlich fuhr ich empor.

Luft -- Luft! Oh -- der fürchterliche Schmerz im Leib! Das Brennen! Luft, zum Teufel!

Es war dunkel. Ich sah nichts. Wo war ich? Was war geschehen? Souder, der Tölpel, mußte gestolpert sein, als er ins Zelt kam in der Dunkelheit -- auf den Bauch hatte er mich getreten mit den schweren Stiefeln -- ah, wie das brannte. Ich preßte die Fäuste gegen den Leib. So, jetzt war's besser. Wo bin ich? Was -- ist -- das?

Und wie mit einem Schlage kam durch den aufrüttelnden Schmerz die Kraft des Sehens in mein Auge, und in mein Hirn die Fähigkeit des Denkens. Ich sah die Männer auf dem Boden liegen, sah den Neger in der Uniform eines Sanitätssoldaten, begriff, daß es Schwerkranke waren, unter denen ich mich befand, und daß ich selbst sehr krank sein mußte. Mühsam richtete ich mich auf, die Fäuste immer noch gegen den Bauch gepreßt, denn das half.

»Heh, du!«

Der Neger kam einen Schritt näher.

»Was fehlt mir? Was ist das hier?«

»Inselhospital, Herr. Für Gelbes Fieber und Typhus. Bin selber erst heute früh mit den ersten Kranken hergeschickt worden. Morgen kommen die Betten --«

»Was -- fehlt -- mir?«

»Weiß ich nicht,« antwortete der Neger mürrisch. »Bißchen Typhus, denk ich mir, oder 'n bißchen Fieber. Is nich schlimm, Herr. Furchtbar viel Arbeit hier für mich. Ich bin ganz allein ---- «

Angst packte mich, furchtbare Angst. Gel -- bes Fieber -- die Schmerzen im Leib -- das schreckliche Müdesein ------ Regungslos hockte ich da und starrte um mich. Unter mir lag ein Strohsack. Ich war in einem kleinen Raum, der arg verwahrlost aussah vom roten Ziegelsteinboden bis zu den beschmierten Kalkwänden. Die schmutzigen Fenster ließen nur trübes Licht herein. Nackt und kahl war alles. An der einen Wand stand ein kleiner Tisch mit Gläsern und Flaschen und einem Stuhl davor. Links und rechts von mir und gegenüber lagen der Wand entlang auf Strohsäcken die Kranken. Wenige nur. Ich begann zu zählen -- eins, zwei, zehn ...

Wieder packte mich die Angst. Gelbes Fieber -- die Schmerzen im Leib -- die, die ---- verdammt, es war ja gar nicht so schlimm mit den Schmerzen, wenn man nur die Fäuste ordentlich gegen den Bauch preßte --

Mein Auge hatte sich jetzt an das Halbdunkel gewöhnt. In der Ecke schräg gegenüber kauerte auf einem Strohsack, an die Mauer gelehnt, ein riesiger Trompetersergeant, die glitzernde Trompete noch umgeschlungen. Sein weißes Gesicht war nach vorne gebeugt, und ein gefrorenes Grinsen klebte auf seinen Zügen. Der Oberkörper bewegte sich ruckweise, in immer gleichem Takt, immer ein wenig vorwärts, immer ein wenig zurück. Mit jeder Bewegung kam und ging ein röchelndes Rülpsen aus seinem Hals, regelmäßig wie das Ticken einer Uhr. Ueber das Hellbraun seines Rocks und das Metallgelb der Trompete tropfte trickelnd ein schwarzrotes Blutbächlein. Immer gleich blieben sich das Grinsen und das Rülpsen. Bei jedem Ruck nach vorwärts floß ein wenig schwarzes, dickes Blut aus dem Mund.

Da verschwand auf einmal das Grinsen von dem Gesicht.

Die Augen öffneten sich weit, der Mund sperrte sich auf, daß er aussah wie ein schwarzes Loch, und etwas Rotschwärzliches schoß strömend hervor aus ihm, sich über Mann und Strohsack ausbreitend in dunkler Lache. Der Körper aber schnellte vorwärts in gewaltigem Ruck und sank dann langsam zur Seite. Auf dem Strohsack daneben hatte der schlafende Mann den Arm weit von sich gestreckt, und seine gelbe Hand lag flach mit gespreizten Fingern auf dem Ziegelsteinboden. Um diese Finger und diese Hand ging langsam der Blutstrom. Er kroch hinein zwischen die Finger. Wie ein gezackter, weißer Fleck ragte die Hand aus der Lache.

Es würgte mich.

Der Neger kam langsam und faul herbei, nahm gleichgültig eine Decke und warf sie über den toten Trompeter. Sonst rührte und regte sich niemand. Die Männer auf den Strohsäcken lagen still da, schweratmend die einen, wie tot die anderen. Der Neger ging wieder an den Tisch, setzte sich auf den Stuhl und blickte stumpf vor sich hin. Ueber mich kam wieder die alte Müdigkeit, großes Gleichgültigsein, willenlose Erschlaffung. Ich fiel zurück auf den Strohsack. Und es wurde Nacht um mich.

Müde, müde erwachten meine Sinne wieder. Ich schlug die Augen auf und sah, da links, im trüben Licht der Laterne in der Ecke, etwas glitzern. Neben mir. Die silbernen Schulterstreifen eines Offiziers waren es, eines Leutnants. Ich sah schärfer hin. Der Offizier lag ruhig da, lang ausgestreckt, und sein Leib hob und senkte sich im Auf und Nieder ganz langsamer, sehr tiefer Atemzüge. Aber --

Nein, es war nicht möglich! Ich sah Gespenster im Fieber. Herrgott, das gab es doch nicht!! Ich versuchte nachzudenken, aber es wollte nicht gehen. Herrgott, das konnte doch nicht sein! War ich schon wahnsinnig? Mit einem Ruck richtete ich mich auf -- beugte mich hinüber -- streckte tastend die Hand danach aus -- mit schwachen, zitternden, täppischen Fingern ----

Denn etwas Furchtbares war da.

Mit leisem Gesurre umschwebten mich Hunderte und Aberhunderte von winzigen, schwarzen Pünktchen, wogten unruhig auf und ab, schwebten, sanken tiefer und ließen sich wieder dort nieder, von wo sie gekommen waren -- in den starren, weit geöffneten Augen des Leutnants ...

Der Offizier lag im Sterben. Noch ging und kam sein Atem in langen Zügen, doch die Kraft, die Augen zu schließen, hatte er nicht mehr. Aber er lebte noch -- er lebte noch! Und die Augen des Lebenden sahen schwarz aus wie Kohlensäckchen. Viele, viele kleine Fliegen wimmelten in entsetzlichem Gekribbel in den Höhlen des menschlichen Lichts. Auf den armen, wehrlosen Augen! Auf den Augen!!

Ich wollte aufschreien, aber aus dem Schrei wurde nur ein Stöhnen.

»Was gibt's?« fragte brummig der Neger vom Tisch.

»Komm her, du schwarzer Hund!«

»Wa -- as?«

»Komm her, du -- schwarzer -- Hund!!«

Ich hatte suchend herabgetastet an mir selber und wirklich im Gürtel den Revolver gefunden. Sie hatten ihn mir noch nicht abgenommen. Ich riß ihn aus dem Holster und nahm die Waffe in beide Hände und richtete sie auf den Neger --

»Komm her, du ----!«

Seine Augen wurden groß und erschrocken, daß ihr Weiß sonderbar abstach gegen die schwarze Haut. Langsam schlich er herbei, die Augen starr auf den Revolver.

»Da! Die Augen!!« keuchte ich.

»Nicht schießen, Herr -- Jesus Christus, nur nicht schießen!« stotterte der Schwarze.

»Die Fliegen!!«

»Er -- spürt nichts mehr -- ganz gewiß nicht ...«

»Du verfluchte Bestie! Nimm ein Tuch! Deck es über ihn!«

»Ich -- ich hab aber kein Tuch, Herr --«

Da hob ich den Revolver. Der Neger riß sich mit furchtbarer Kraft ein Stück Hemd von der Brust, verscheuchte die Fliegen mit heftigen Schlägen und warf den Fetzen dem Sterbenden übers Gesicht ... Surre -- surre -- umschwirrte es mich. Langsam hob und senkte sich der Leib des Leutnants.

»Ruhe da drüben!« murmelte von einem Strohsack gegenüber eine Stimme. »Laßt einen doch schlafen ...«

* * * * *

Schlafen, nur schlafen.

Nichts mehr sehen wollen, nichts mehr denken müssen. Der Neger schlich zum Tisch zurück, plumpste auf den Stuhl, griff nach einer Flasche, aus der er etwas in ein Arzneiglas schüttete, und leerte es auf einen Zug. Ah! Das -- Herrgott, das war Whisky -- oder Rum -- oder ... irgend etwas, das betäubte, Ruhe schenkte! In der Flasche dort steckte das Vergessen! Ich wollte aufspringen, aber ein furchtbarer Schmerz schoß mir durch den Leib. Schwer fiel ich zurück. Da drückte ich die eine Hand in den Bauch und wälzte mich vom Strohsack. Ich schob den Revolver vor mir her und kroch über den Boden hin. Der Neger flüchtete sich in eine Ecke. Endlich, endlich, war ich am Tisch. Packte ein Tischbein. Zog mich langsam, ganz langsam empor. Griff nach der Flasche --

»Nicht trinken, Herr!« schrie der Neger.

Gegen das Tischbein gelehnt, hob ich die Flasche mit beiden Händen, denn sie dünkte mich schwer, und trank; trank etwas, das im kranken Magen wie Höllenfeuer brannte. Der Revolver war klirrend zur Erde gefallen. Und ich trank und trank und ließ betäubt die Flasche aus den Händen gleiten und mußte gewaltig husten und war inmitten sprühender Lichtfluten und sah weißglühende Sterne tanzen. Dann wurde es wieder dunkel.

* * * * *

Stechender Schmerz über dem Herzen erweckte mich. Ich schlug die Augen auf und machte sie schleunigst wieder zu, denn das Licht blendete mich, schlug sie wieder auf und blinzelte verwundert auf die Gestalt, die sich über mich beugte. Hm ... verwirrter, verwilderter Haarschopf -- braunes Gesicht mit warmen gütigen Augen hinter der goldberänderten Brille -- hohe Stirn mit schwerer Hiebnarbe -- massige Schultern in weißer Jacke -- eine lange, schmale Hand, die etwas Glitzerndes hielt ... Die Hand senkte sich, und wieder verspürte ich den leise stechenden Schmerz in der Brust --

»Lassen Sie die Dummheiten!« murmelte ich ärgerlich und wunderte mich im gleichen Augenblick, wie sonderbar dünn und fade meine Stimme klang.

»Das sind keine Dummheiten!« sagte ein lachender Mund dicht über meinen Augen.

»Zu -- dumm!«

»Pst -- psst!« Die schmale Hand legte sich auf meine Stirn. »Sch ...! Wer wird so unhöflich sein! Wenn Sie es aber durchaus wissen wollen -- die Dummheit war eine kleine Strychnineinspritzung, die Ihr Herz notwendig braucht. So! Nun wollen wir wieder schlafen!«

»Aber ...«

»Pscht! Sie haben auf der ganzen weiten Welt nichts zu tun jetzt als zu schlafen!«

Und ich machte gehorsam die Augen zu.

Am gleichen Tag noch folgte dem ersten Erwachen das zweite, und wieder kam die glitzernde Spritze, und abermals fühlte ich den stechenden Schmerz auf der Brust. Ein Löffel voll kondensierter Milch wurde mir eingeflößt.

»Pfui Deibel!« knurrte ich.

»Sagen Sie das lieber nicht!« meinte der Mann in der weißen Jacke lächelnd. »Denn diese nahrhafte Milch wird, ein Löffel jede Stunde, noch lange Ihr einziges Nahrungsmittel bilden.«

»Wieso denn? Ich -- ich habe Hunger!«

»Aha! Hunger haben wir? Wir sind schon wieder ganz intelligent? Können reden und denken, nicht wahr? Schön. Wollen Sie mir versprechen, sofort wieder einzuschlafen, wenn ich Ihnen alles sage?«

»J -- ja.«

Die sonderbar großen, warmen Augen sahen mich unverwandt an und die ruhige Stimme erzählte kurz, ich sei recht krank gewesen an gelbem Fieber. Jetzt aber könne ich mich wieder so gut wie gesund nennen, immer vorausgesetzt, daß ich recht viel schlafen würde in den nächsten Tagen. Ueberhaupt nur schlafen! Und recht geduldig sein und nicht murren. »Denn sehen Sie, wenn man vier Tage lang getobt und geschrien hat, dann ist der Körper arg mitgenommen und muß ausruhen. Schlafen Sie! Freuen Sie sich, daß Sie eine Krankheit, wie gelbes Fieber es ist, überstehen konnten!«

»Da hab ich wieder einmal Glück gehabt!« murmelte ich.

»Ganz gewiß!« sagte der Mann in der weißen Jacke. »Aber nun wollen wir wirklich schlafen!!«

Ich nickte nur.

Viele Stunden gingen noch hin in diesem Halbbewußtsein des arbeitsunfähigen Hirns, das mit dem geschwächten Körper litt und schwach war. Ich sah alles nur wie durch Schleier. Die Menschen, die Dinge um mich schienen Schatten zu sein. Dann aber regte sich gewaltig der ursprünglichste Lebensdrang: Hunger hatte ich! Fürchterlicher Hunger quälte mich. Im Wachen und Schlafen hatte ich keinen anderen Gedanken als den einzigen: Essen! Gebt mir doch zu essen! Wollt Ihr mich denn verhungern lassen? Wenn der Mann in der weißen Jacke sich blicken ließ, bat und bettelte ich um ein Stück Brot wie ein Kind, und meinen bittersten Feind sah ich in ihm, wenn er mit unerschütterlicher Ruhe mir immer erklärte, das gelbe Fieber habe meine Magenwände und meine Därme so beschädigt, daß jede andere Nahrung als flüssige mein Tod sein würde. Ich glaubte es ihm nicht. Denn ich hatte ja solchen Hunger!

Ich hörte nichts und sah nichts, sondern träumte nur vor mich hin und stellte mir vor, wie köstlich ein Butterbrot schmecken müßte -- ein kleines Butterbrot. Ich träumte nicht etwa von üppigen Mahlzeiten mit vielen Gängen, sondern von Brot nur, einfachem Brot. Die Herrlichkeiten des Paradieses hätte ich dahingegeben für ein kleines Stück Brot. Ich hörte Menschen schreien in bitterer Leidensnot und wandte nicht einmal den Kopf. Die hatten ja nur Schmerzen. Ich aber hatte Hunger. Und dann kam der Tag, an dem ich vier oder fünf Löffel Suppe bekam, schlechte Tomatensuppe, aus einer Konservenbüchse zusammengepantscht, mit einem Stückchen oder zwei aufgeweichten Brots. Da dünkte ich mich glücklich und reich.

Mehr Suppe am nächsten Tag. Mehr aufgeweichtes Brot. Milch dann im Glas, nicht mehr im Löffel, dünnen Reisbrei -- Suppe endlich mit viel Brot. Der Tag kam, an dem ich die zitternden Füße aus dem Bett streckte und hinauskroch und verlegen dastand, mich krampfhaft an den Eisenstangen des Betts festhaltend. Langsam fing ich an, die Dinge um mich wirklich zu sehen und wirklich zu begreifen. Mit tastenden Schritten ging es zurück ins Land der Gesundheit.

* * * * *

Eines Tages schlich ich hinter Doktor Gonzales her (das war der Mann in der weißen Jacke) und erwischte ihn gerade noch bei der Türe.

»Ich möchte entlassen werden,« bat ich.

Er lächelte, faßte mich am Arm und zog mich zur Türe hinaus in den grellen Sonnenschein. Kaum war ich im Freien, da merkte ich, wie schwach ich in Wirklichkeit war, denn sauer genug wurden mir die wenigen Schritte zu dem Zelt des Doktors, das auf dem Rasen vor dem gelben Gebäude aufgeschlagen war. Doktor Gonzales schüttete ein paar Tropfen Whisky in ein Glas, goß Sodawasser darauf und gab mir das Getränk. Hei, wie stark und hellhörig das machte --

»Von einem Zurückkehren zur Truppe kann keine Rede sein, Sergeant,« erklärte er. »In vier Wochen vielleicht!«

»Bin ich denn Sergeant?« fragte ich.

Da bekam ich Billys Brief und vom Doktor eine gedruckte Liste der Beförderungen im Signalkorps -- ich war Sergeant ... Und ich las Billys Brief und mußte mich schleunigst hinsetzen, denn es wurde mir schwarz vor den Augen. Der Arzt lächelte.