Der Deutsche Lausbub in Amerika: Erinnerungen und Eindrücke. Band 2 (von 3)

Part 14

Chapter 143,558 wordsPublic domain

Sie sahen alle bleich und abgemagert aus. Die dünnen Uniformen waren schrecklich abgerissen. Die meisten hatten keine Stiefel an den Füßen, sondern Segeltuchschuhe mit Sohlen aus Stricken. Sie trugen keine Waffen. Ihre Gewehre waren nicht ordentlich in Kompagniereihen zusammengestellt, sondern in großen Pyramiden aufgestapelt mit Haufen von Bajonetten daneben. Die Zelte waren erbärmlich; Stücke Segeltuch, an einen Baum oder einen Busch gebunden und dachartig schräg gegen den Boden gespannt. Viele Spanier lagen gleichgültig da, Zigaretten paffend. Andere schnatterten aufeinander ein mit vielem Gestikulieren. Manchmal sah uns einer finster an, aber die meisten schienen lustig genug und winkten uns zu. Wieder prüften wir die Linie. Ein spanischer Unteroffizier, an seinem Aermel wenigstens war eine schmale goldene Tresse, trat an mich heran und zog mir eine Patrone aus dem Gürtel. Dafür gab er mir einen Rahmen mit fünf Mauserpatronen.

»=Pour souvenir!=« sagte er in gebrochenem Französisch.

Im Augenblick folgten andere seinem Beispiel, und ein Handelsgeschäft mit Patronen entwickelte sich. Die Leute hatten alle Hunger! Das wußten wir und hatten uns auf der Blockhausstation Tornister und Taschen mit Speckstücken und Zwiebacken vollgestopft, die es im Ueberfluß gab. Die stets hungrigen armen Teufel von =Cubanos= waren ja wie besessen hinter einem Stück Hartbrot her. Als Trinkgelder und Dolmetscher hatten uns die Rationen Onkel Sams in Santiago dienen sollen. Nun wanderten sie in die Mägen der spanischen Soldaten am Weg. Die Spanier rissen uns die Speckstücke und die Zwiebacke aus den Händen, so schnell wir sie nur aus den Feldtaschen hervorholen konnten, drängten uns Zigaretten und kleine Flaschen mit Rum auf dafür und bissen verhungert in das Hartbrot hinein, als sei es ein köstlicher Leckerbissen.

An Regiment auf Regiment kamen wir vorbei. Pfade zweigten ab links und rechts, und zwischen den Bäumen leuchteten grelle Farben im Sonnenschein, weiße und gelbe und blaue, die ersten Häuser Santiago de Cubas. Dann verschwanden die Bäume, und aus dem Weg wurde eine breite Straße, die zwischen hölzernen Hütten hinführte, in denen die Aermsten von Santiago wohnten. Da und dort an einer Ecke lungerten Männer und Weiber in zerfetzten Kleidern, aber sie schlichen scheu davon, als wir näher kamen. Splitternackte Kinder mit schrecklich aufgedunsenen Bäuchen rannten schreiend in die Hütten.

Die alte Drahtlinie führte schnurgerade den Weg entlang in eine schmale Gasse von Steinhäusern. Dröhnend hallten unsere schweren Schritte auf dem holperigen Pflaster. Flache Dächer hatten die Häuser und klein und niedrig waren sie und grell und bunt angestrichen. Aber sie sahen uralt aus trotz der leuchtenden Farben. Die Steinstufen an den Toren waren tief ausgetreten.

Totenstill und verlassen lag das Gäßchen da. Was es an Leben barg, versteckte sich hinter massigen Türen mit bronzenen, kastilischen Löwen als Klopfern und vergitterten Fenstern. Auf die grellen Häuserwände warfen die Sonnenstrahlen blendendes Licht, und schwer und schwarz lag der Häuserschatten auf dem Pflaster. Aus den alten Mauern schien dumpfe Moderluft zu quellen. Still war es, so still, daß man leiser auftrat. Die Gäßchen und die Häuser schienen zu schlafen. Dunkel war es fast. Was die glühende Sonne an Lichtfreudigkeit auf die gelben und weißen Wände zauberte, löschten die vielen dunklen Schatten wieder aus, die lang und spitz und breit und stumpf in totem Schwarzviolett sich über die Gasse hinzogen und über Türen und Fenster krochen. Zwischen den spitzen Pflastersteinen wucherte Gras, und auf dem Fußsteig trat man in tiefe Löcher. Nirgends war ein Mensch zu sehen. Kein Gesicht zeigte sich hinter all den Gitterfenstern.

Mehr schmale Gäßchen. Mehr gelbe, blaue, weiße Häuserchen, alle alt und alle verwittert. Ueber einem flachen Dach ragte in der Ferne fein und zierlich der Kathedralenturm in das tiefe Blau.

An der Ecke, bei einem Brunnen, in dessen Steinwände viele Jahre und viele Wassertropfen große Löcher gefressen hatten, stand ein amerikanischer Kavallerist, Karabiner im Arm, und deutete nach vorwärts, wo das Gäßchen sich verbreiterte. Und bald wurde aus der Stille Lärm. Zwar sahen die kleinen Häuser noch immer über alle Maßen alt und verträumt aus, und vor Fenstern und Türen lagen hölzerne Läden, mit schweren Eisenstangen fest verschlossen. Aber Inschriften in gelben und goldenen Lettern über Türen und Schaufenstern zeigten, daß hier doch noch lebendige Menschen wohnen mußten, die arbeiteten und kauften und verkauften. Weiter oben standen sie, die lebendigen Menschen, in dichten Gruppen; einem knallgelben Haus gegenüber. Sie trugen spitze Strohhüte und dünne Hosen und Jacken, bald braun, bald weiß, bald farbig, aber immer zerfetzt. Weiber waren dazwischen mit wirrem Haar und kurzen Röcken, unter denen die braunen Beine hervorguckten, und neben ihnen kauerten nackte Kinder. Alle schrien und zeterten. Sie schrien nach Brot, denn unter der armen Bevölkerung von Santiago herrschte arge Hungersnot. Spanische Gendarmen drängten sie zurück. Vor dem knallgelben Haus scharrten und wieherten viele Pferde, von amerikanischen Regulären gehalten. Offiziere kamen und gingen. Es war das Hauptquartier des Siegers.

Im Kabelbureau.

Der spanische Telegraphendirektor. -- Unter Dach und Fach. -- Wir requirieren Wäsche. -- Der wundersame Patio. -- Das große Baden. -- Der brauchbare Antonio. -- Wir rüsten ein Mahl. -- »=Caballeros telegraphistas!=« -- »Oh, der verdammte Speck!« -- »Man muß ein Loch in die Uhr schießen!« -- Das Feuerrad. -- Im Dunkel.

Der Lehrer der französischen Sprache an dem bayrischen Gymnasium von Burghausen an der Salzach, in dem dickschädelige bayrische Bauersöhne in glänzenden schwarzen Hosen sich die erste wissenschaftliche Reife ersitzen und leichtsinnige Münchner Früchtchen gezwiebelt werden -- Monsieur würde sich gewundert haben, hätte er gewußt, daß in diesem Augenblick der hinausgeschmissene Lausbub ihn im Kabelbureau von Santiago dankbar segnete. Mein Burghausener Französisch war zwar ein grammatikalisches Gerippe nur, aber es genügte. Bei Gott, es genügte!

Wir waren im Kabelbureau von Santiago de Cuba. Der Major stand breitspurig da, biß sich auf den Schnurrbart und bemühte sich offenbar, höflicher zu sein, als ihm der Sinn stand. Ihm gegenüber tänzelte ein kleines Männchen von einem lackbestiefelten Bein aufs andere. Sie waren das Schönste an ihm, diese prächtigen Lackstiefel, wenn auch der schneeweiße Leinenanzug ihnen einige Konkurrenz machte. Das Männchen war der spanische Telegraphendirektor. Der zappelige Spanier fuhr mit wohlgepflegten, ringgeschmückten Händen beschwörend auf den Major zu.

»Ich weiche der Gewalt!« sagte er. (Auf Französisch -- daher mein Segnen!)

»Es handelt sich hier nicht um Gewalt, mein Herr,« antwortete der Major in einem sehr verständlichen aber entschieden gräßlichen Französisch, »sondern um eine ausdrückliche Abmachung der Kapitulation, wonach die Telegraphenlinien vorläufig zu militärischen Zwecken von uns übernommen werden. Wo sind Ihre Beamten, mein Herr?«

Die schönen Hände beschrieben wilde Kreise:

»Sie wichen der Gewalt.«

»Dann werden Sie selbst so freundlich sein müssen, mein Herr, mir die verschiedenen Verbindungen zu bezeichnen!«

»Ich -- ich -- habe schriftlich ...« stotterte das Männchen und deutete auf die Tische mit den Telegraphentastern. An jeden war ein Zettel gehängt, auf dem die Verbindungen und die Anrufszeichen angegeben waren.

»Sehr schön!« knurrte der Major mit einer ironischen Verbeugung. »Oh -- hier haben wir ja die Santiagotal-Linie. Hastings, rufen Sie doch =S O= 3 an!«

Der Sergeant beguckte brummig den schweren, altmodischen Taster, der unseren modernen leichten Morseinstrumenten gegenüber so verächtlich war, wie es ein Mistwagen für ein Automobil sein würde, und begann zu klopfen. Die Blockhausstation meldete sich sofort.

»Es ist gut,« sagte der Major. »Ich mache Sie dafür verantwortlich, mein Herr, daß alle Apparate sich in Ordnung befinden. Die Instrumente des Kabels nach Jamaica werden gegenwärtig von meinem Kabelexperten geprüft ...«

»Ich lehne alle Verantwortung ab!« schrie der nervöse Telegraphendirektor.

»Aber durchaus nicht,« meinte der Major freundlich. »Sie werden im Gegenteil so liebenswürdig sein, sich heute abend um neun Uhr im Hauptquartier einzufinden. Dann werden wir festsetzen, unter welchen Bedingungen die Beförderung von Telegrammen und Kabelgrammen in spanischer Sprache übernommen wird. Ich mache Sie jetzt schon darauf aufmerksam, mein Herr, daß wir Ihrer und Ihrer Beamten für den Dienst bedürfen werden.«

»Ich gehorche der Gewalt,« zeterte das Männchen.

»=Très bien=,« sagte der Major. »Auf Wiedersehen also heute abend um neun Uhr im Hauptquartier!« Und der Herr Telegraphendirektor trippelte mit wutgerötetem Gesicht der Türe zu.

»Der verdammte Narr!« platzte der Major heraus. »So, Jungens. Ich muß ins Hauptquartier. Die Apparate im Kabelzimmer gehen euch vorläufig nichts an. Befördert werden von euch heute abend nur die Telegramme an =S O= 3, die ich durch Ordonnanzen sende. Richtet euch so gut ein als möglich, damit ihr mir morgen frisch seid, denn wir werden Arbeit in Hülle und Fülle haben. Stadturlaub gibt es heute noch nicht. Ihr habt hübsch hier zu bleiben. Das Nötige schicke ich euch.«

Dann ging er.

Wir aber waren schon außer Rand und Band, kaum daß der Major die Türe hinter sich geschlossen hatte. Karabiner, Revolver, Tornister, Feldtaschen schmissen wir in eine Ecke, daß es krachte, und lachten und schrien und spektakelten. Weil wir ein richtiges Dach über uns hatten und in einem wirklichen Zimmer waren; wieder einen Tisch sahen und Stühle zum Draufsitzen.

»Meinetwegen kann's jetzt Niagarafälle vom Himmel herunterregnen!« schrie Sergeant Souder und ließ sich mit voller Wucht in einen Stuhl fallen. »Hoh! Das also ist ein Stuhl! So sieht ein Stuhl aus? So sitzt es sich in einem wirklichen ehrlichen Stuhl -- oah ...« Und er räkelte sich und reckte sich und streckte die Beine gewaltig lang aus, der Sergeant Souder.

Schreiend phantasierten wir einander vor, was wir in den nächsten vierundzwanzig Stunden alles essen wollten. Ungeheuerliche Genüsse dachten wir uns aus. Aber bald wurden wir des Spektakelns müde und gingen als gute Soldaten daran, die Oertlichkeit zu rekognoszieren. Den langen Telegraphentischen und den klobigen Instrumenten schenkten wir kaum einen Blick -- die würden wir schon noch kennen lernen. Den Kabeltelegraphisten, der jetzt aus dem Nebenzimmer kam und uns erzählen wollte, daß die spanischen Kabeleinrichtungen durchaus nicht seinen Beifall fänden, schrien wir einfach nieder.

»Morgen! Morgen, mein Sohn, wollen wir dein gesegnetes Kabel beschnüffeln -- heute nicht!« knurrte der alte Hastings. »Heute müssen wir herausbekommen, wo man sich waschen kann und wie man etwas zu essen auftreibt und -- o Lord, so viele schöne Dinge, wie ich sie alle notwendig brauche, gibt es überhaupt gar nicht! Jungens, dies Ding hier sieht aus wie eine Kirche!«

Kein übler Vergleich. In mattem Halbdunkel nur ließen die hohen, schwer vergitterten, buntbeglasten Fenster gedämpfte Lichtstrahlen in den riesigen Raum einströmen. Aus steinernen Fliesen war der Boden, und sonderbar hoch wölbte sich in vielen spitzen Bogen die weiße Decke. Alt und verträumt wie die Gäßchen draußen, war auch das Haus hier. Uralt schien alles. Die kunstvollen, eisengeschmiedeten Gitter, die uns von dem schmalen Schalterraum abschlossen, das buntbemalte Kruzifix in der Ecke, die sonderbaren eisernen Tintenfässer auf den Tischen, das Kupferschmiedewerk der Lampen, die aussahen wie Ampeln. Sogar die vielen an den Wänden angenagelten Verordnungen schienen aus einer anderen Zeit zu stammen mit ihrer schnörkeligen, verzierten, pretiösen Schrift.

An der einen Seitenwand des Raums waren vier Türen. Souder riß die erste auf und schrie: »Hierher, Jungens! Da steht ein Waschstand und da ist Seife, bei meiner armen Seele, und hier hängen Handtücher. =Glory be to God.= Könnt ihr euch überhaupt noch vorstellen, wie Handtücher aussehen?«

Wir stürzten herbei und jubelten.

Dann ging's zur nächsten Türe. Hinter ihr war eine Art Wandschrank, in dessen Fächern drei große Pakete lagen. Ritsche -- ratsche -- riß Hastings das dünne Papier von dem einen ... und seine Augen wurden groß und größer.

»Und führe uns nicht in Versuchung!« sagte er. »Kinder, es ist traurig, doch ich muß euch daran erinnern, daß das Zeug auf keinen Fall uns gehört, gehöre es, wem es mag. Finger weg!«

Aber wir hatten ihm die Stücke schon aus den Händen gerissen und tanzten begeisterte Kriegstänze. Es war ja nicht zu glauben -- es war zu schön, um Wirklichkeit zu sein. Wäsche hielten wir in den Händen. Reine Wäsche -- frisch von der Waschfrau! Seidene Wäsche darunter gar!! Hemden und Hosen und Kragen und Strümpfe und feine Leinenanzüge ... Irgend ein spanischer Telegraphenbeamter, der ein höchst verwöhntes und sehr feines Herrchen sein mußte, hatte sich aus irgend welchem Grunde seine Wäsche ins Bureau schicken lassen. Nein, nicht einer nur. Mehrere. Die Wäschestücke waren verschieden groß.

»Sie passen mir tadellos,« grinste Souder, der ein Paar Hosen prüfend vor sich hinhielt.

»Zum Teufel -- laß das Zeug liegen,« rief Hastings. »Es ist Privateigentum.«

»Schrei nicht so,« antwortete Souder gemütlich. »Ich weiß schon, daß du hier Rangältester bist. Aber sag einmal, Freund, soll ich in diesem blutigen Krieg nicht einmal ein reines Hemd und eine saubere Unterhose erbeuten dürfen?«

»Wir können uns doch Wäsche _kaufen_!« knurrte Hastings.

»Ganz richtig -- vorläufig kaufe ich mir diese hier --«

»Und wenn der Major ------ «

»Laß mich zufrieden!« schrie Souder. »Wenn der Major so dreckig wäre wie ich, so würde er sich die feine Wäsche hier mit der gleichen Gemütsruhe stehlen, wie ich das zu tun gedenke. Pardon -- requirieren würde sie der Major. Zum Kuckuck, wir sind doch keine Sonntagsschüler!«

Sergeant Hastings hielt ein Hemd in der Hand und sah es lange und liebevoll an.

»Ich habe eine Idee!« sagte er endlich. Er ging zum Tisch, nahm ein Telegrammformular und schrieb: »Die hier fehlenden Wäschestücke habe ich mir aus Gesundheitsrücksichten für mich und meine Kameraden angeeignet. Der Eigentümer erhält Bezahlung von mir. Hastings, Signalsergeant.«

Dieses merkwürdige Schriftstück legte er in den Schrank an Stelle der fehlenden Pakete und schloß ihn sorgfältig wieder zu, nachdem wir uns ein jeder ausgesucht hatten, was wir brauchten.

»Die Sache ist =allright=!« meinte der alte Sergeant schmunzelnd. »Ohne den Fetzen Papier wär's Plünderung -- mit dem Fetzen Papier ist's dienstliche Requisition.«

»Vielleicht gibt's noch mehr zum Requirieren!« lachte ich.

Die dritte Türe barg einen Aktenschrank mit allerlei Formularen. Die vierte ging in einen großen Raum, der nur durch das Türoberlicht vom Bureau her erleuchtet wurde. Er war gänzlich kahl und leer. Nur an den Wänden standen Ballen mit zusammengeschnürten Papieren. Eine offene Tür gegenüber zeigte ein kleines Gemach mit allerlei Gerümpel und einem Herd in der Ecke. Helles Licht strömte aus einer hohen und breiten Oeffnung in der Mauer. Ausgetretene steinerne Stufen führten zu einem kleinen Hof hinab, versteckt und still und wundersam. Von maurischen Hufeisenbögen getragen, gestützt von schlanken weißen Säulen neigte sich ringsum weit in den Patio hinein der dachartige Vorsprung. Verträumtes Plätschern klang rieselnd in die Stille. Rankenversponnen waren die Wände, und da und dort leuchteten blaue und rote Blüten aus dem tiefen Grün. In der Mitte stand der Springbrunnen mit einem gewaltigen Löwen von sonderbar eckigen Formen, aus dessen Maul ein dünner Strahl in das marmorne Bassin fiel. Uebergroß, schwarzdunkel sah das Brunnenbild aus im kühlen, gedämpften Licht der untergehenden Sonne. Aus roten Ziegelsteinen war der Boden. Rechts und links guckten flache Dächerreihen über die Mauern herein, und gegenüber ragte eine graue Häuserwand mit kreuzweis vergitterten Fenstern empor.

»Es geht nicht,« brummte Souder kopfschüttelnd und sah zu den Fenstern hinauf. »Nee -- es geht nicht!«

»Was geht nicht?« fragte ich.

»In den Springbrunnen da hineinzusteigen, wie ich es gern möchte. Die Kleider herunter und hinein in den Brunnen! Aber die =ladies= könnten's übelnehmen ...«

Da guckte ich mir den Brunnen an, und in meiner Seele stieg ein großes Wünschen auf nach einem großen Bad. Aber während ich noch guckte, wurde drüben in der grauen Häuserwand ein Fensterladen ein wenig geöffnet, und ein Frauengesicht sah neugierig auf uns herab, sofort wieder verschwindend, als ich lustig hinaufwinkte. Nein, es ging wirklich nicht! Aber es fiel mir ein, daß ich in der Küche in einem Winkel eine Art Zuber gesehen hatte. Den holte ich und warf ihn in den Brunnen, und Souder und ich holten ihn zusammen heraus, wassergefüllt.

»Halleluja!« rief der alte Hastings. »Ihr müßt aber ja nicht glauben, daß die alte Badeanstalt euch beiden allein gehört. Vorwärts, marsch, hinein mit der Badewanne ins Zimmer ...«

Und ein großes Baden hub an in dem leeren Gemach neben dem Bureau. Einen fürchterlichen Spektakel machten wir dabei. Im Nu hatten wir uns ausgezogen und kugelten übereinander; fünf Männer, die sich pufften und stießen, um in einem mittelgroßen Zuber und einer ziemlich kleinen Waschschüssel möglichst schnell, möglichst gründlich und möglichst gleichzeitig zu -- baden.... Der Kabeltelegraphist, der ein langsamer Geselle war und sich beim Auskleiden nicht gesputet hatte, mußte auf allgemeine Einschreierei seine Hosen wieder anziehen und in der Waschschüssel ohn' Unterlaß frisches Wasser herbeischleppen. Den Zuber zerrten wir ein halbes dutzendmal zur Küchentüre und stürzten ihn einfach um. Das Wasser würde ja schon irgendwohin ablaufen. In fünf Minuten waren die Küche und das Nebengemach ein kleiner See. Wir aber badeten. Wir spritzten wie nicht gescheit. Wir zankten uns um das einzige Stückchen Seife -- und tanzten umher unter allerlei Kapriolen und pfiffen und schrien und schwelgten in Wasser und Seifenschaum. Ein Zuhörer würde uns reif fürs Tollhaus gehalten haben.

Da öffnete sich knarrend eine Türe und eine krähende Stimme rief: »=Caballeros!=«

»Still!« sagte Hastings. »Da ist jemand!«

»=Señores!!=«

»Oh, es ist nur ein =Cubano=,« lachte Souder und schrie laut: »Fahr' zur Hölle -- dies Bureau ist geschlossen!«

»Nix Hölle!« meckerte die Stimme in gebrochenem Englisch. »Mich geschickt von =Señor Capitano= mit einem Brief, =Señores=!«

Gleichzeitig schob sich eine Gestalt in die Türe, und ein kleiner Kubaner stand da, uns listig anfunkelnd aus den Fuchsaugen in dem mageren braunen Gesicht. »Ich Antonio!« erklärte der Magere. »Mich Generalagent sein für die =caballeros telegraphistas=!«

»Was?« schrie Hastings.

Der Kubaner grinste und gab ihm einen Brief.

Brummend wischte sich der splitternackte Sergeant den Schaum aus den Augen und las laut:

»Sergeant Hastings!« begann der Brief. »Der Ueberbringer heißt Antonio und ist ein Spitzbube. Aber er kann ein bißchen Englisch und wird Ihnen alles besorgen, was Sie brauchen. Inliegend zwanzig Dollars. Sehen Sie Antonio auf die Finger! -- Stevens.«

Antonio mochte ein Spitzbube sein, aber für uns war er ein Juwel. Er hatte einen Sack mitgebracht, den er nun in die Küche schleppte und ausleerte. Ich guckte, faselnackt noch immer, neugierig zu, wie aus dem Sack allerlei Bratpfannen und Töpfe rollten und allerlei Proviant in Armeeverpackung: Zucker, Salz, Mehl.

»Mich fein kochen!« erklärte Antonio stolz. »Mich überhaupt alles!!«

»=Bueno!=« nickte ich -- kletterte in eine seidene Unterhose und schlüpfte, o Wonne über Wonne, in ein batistenes Hemd. Die ganze Welt hätte ich umarmen können, so glücklich kam ich mir vor, wenn ich auch merkwürdig müde war und alle Glieder mich schmerzten. Zunächst äußerte sich meine Glücksstimmung darin, daß ich Antonio einen Silberdollar schenkte, den er mit einer tiefen Verbeugung und einem »=gracias, Señor=« grinsend einsteckte. Wahrscheinlich hielt er mich für verrückt. Aber Antonio war diesen Silberdollar unter Brüdern wert und ganz gewiß auch die fünfzig Prozent Spitzbubentaxe, die er ohne Zweifel auf jeden Einkauf draufschlug.

Ein Juwel war er, ein Wunder, ein Genie, das im Augenblick die Situation erkannt und es instinktmäßig begriffen hatte, daß den =telegraphistas= die Silberstücke locker saßen, so man sich ihnen nur nützlich zu machen wußte. Und Antonio setzte in ganz unspanischer und unkubanischer Weise seinen Intellekt und seine Beine in rapide Bewegung. Er zog ein Rasiermesser und einen Streichriemen aus der Tasche, erklärte, daß er in friedlichen Zeiten Barbier sei, wenn es auch jetzt mit dem Geschäft sehr faul stehe, und hatte im Handumdrehen uns alle ausgezeichnet rasiert. Er kam und ging, verschwand und war wieder da. Er schleppte bauchige Flaschen herbei voll schweren Rotweins und viele Zigaretten und viele Zigarren -- und wir priesen dankbar die Güte der Götter, die uns in ein Land geführt hatten, in dem man für wenige Dollars so viele schöne Dinge bekommen konnte. Er brachte uns Arme voll =alpergatos= zum Aussuchen, und wir steckten unsere Füße in die wonnige, weiche Tuchbekleidung, auf deren Stricksohlen es sich so leicht ging, und wunderten uns, daß die Dinger kaum einen halben Dollar kosteten. Er brachte Holz und brachte Kohlen und machte Feuer an im Küchenherd und zauberte Eier herbei und rupfte Hühner, die er gottweißwo aufgetrieben hatte -- und wenn's dem Herrgott in Frankreich gut gegangen ist, so ging es uns armen Signalisten besser noch im kubanischen Land.

Antonio war überall. Er hatte auch seine Frau herbeigezaubert, die fünfmal so dick war wie ihr Gatte. Sie briet jetzt Hühner und rührte Omelettes, während er, allgegenwärtig, Uniformen mit Benzin putzte und unsere Flanellhemden wusch und doch sofort mit einem Zündholz da war, wenn man sich eine frische Zigarette nahm.

Oh, es ging uns ausgezeichnet; wir hatten es über alle Maßen gut! Lümmelig saßen wir da auf den bequemen Stühlen, streckten unsere Beine lang aus auf die Telegraphentische und waren sehr zufrieden.

»Antonio, eine Zigarre!«

Antonio flog.

»Antonio -- ein Zündholz!«

»=Si, si, Señor.=«

»Antonio! Mach' die Tür zu ...«

Wie Granden von Spanien kamen sie sich vor, die =caballeros telegraphistas= ------

* * * * *

Als das Essen auf den Tisch kam, geschah etwas Sonderbares -- wir aßen fast nichts. Ausgehungert hätten wir uns auf die allererste anständige Mahlzeit seit langen Wochen stürzen müssen, aber einsilbig saßen wir da und stocherten mißgestimmt auf den Tellern herum. Und der Kubaner hatte sich so große Mühe gegeben! Ein Tischtuch hatte er herbeigezaubert und wirkliche Teller und wirkliche Bestecke. Auf großen Platten prangten die Hühner und die Omeletten. Purpurrot schimmerte der schwere Wein in den Gläsern.

»Ihr eßt ja nichts!« brummte Hastings.

»Du ja auch nicht,« knurrten wir.

»Weiß der Teufel, was das ist,« sagte Souder.

Der Kabeltelegraphist legte Messer und Gabel vor sich hin. »Ich glaube, ich weiß, was es ist,« sagte er. »Als ich noch bei der Western-Union-Telegraphen-Company war, schickten sie mich einmal in ein verdammtes Nest in Arizona, wo es nur halbvergiftetes Wasser zu trinken gab, Wasser, das mehr Alkalisalze enthielt, als für einen Christenmenschen gut war. Vier Monate später wurde ich in St. Louis sehr krank -- weil mir das Alkaligift fehlte, an das mein Magen sich gewöhnt hatte. Der Doktor hat mir das gesagt. So geht's uns auch jetzt. Unsere Magen sind auf den verdammten Speck eingefuchst und können anständiges Essen noch nicht vertragen!«

»Der verdammte Speck!« brummte Souder.

Mißmutig saßen wir da, verdrossen und übler Laune. Da stand nun auf Platten und Tellern, wonach man sich wochenlang gesehnt ------ ja, der verdammte Speck!!